Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 61 (7.8.1929)
- Date
- 1929-08-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 61, 7. VIII. 1029 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 391 der Sitzung des Council der Jewish Agency Dr. Weizmann und seine Kollegen im Council die Agency ersuchen sollen, ein mutiges und klares Wort des Protestes gegen die russische Regierung auszusprechen und für eine Stunde die jüdische Kolonisationsarbeit in Rußland zu vergessen. Ich bin für die Jewish Agency, aber nicht um jeden Preis oder unter allen Bedingungen. Ich bin für eine Agency mit Garantien. Es bleibt noch mehr zu erreichen und wir sollten von Weizmann verlangen, daß er noch gewisse Bedingungen durchsetze. Wir sehen in dem Entwurf der Verfassung der Agency, daß noch nicht alle Punkte beschlossen sind. Die Nichtzionisten werden Zusammenhalten. Werden Hie Zionisten auch wie ein Mann Zusammenhalten? Auf dem XIV. Kongreß haben wir beschlossen, daß der Council nur für drei Jahre funktionieren soll und daß nach dieser Zeit die Frage der Erneuerung beraten werden soll. Ich schlage vor, daß die Zionisten das Recht haben sollen, sich zu jeder Zelt von der erweiterten Agency zurückzuziehen, und zwar sollte dies durch einen außerordentlichen Kongreß geschehen, der vom Präsidenten einberufen werden sollte. Wir haben die ganze jüdische Hoffnung und Zukunft in die Jewish Agency gesetzt und wir haben kein Recht, unsere Hände binden zu fassen. Es gibt keine genügenden Garantien, da unsere Mitarbeit mit denjenigen stattfinden wird, die vom Standpunkt der Assimilation ebenso überzeugt sind, wie wir vom zionistischen Standpunkt. In dem Brief des Colonial Office in bezug auf die Anerkennung der Zionistischen Organisation als Jewish Agency im Falle der Auflösung der erweiterten Agency gibt es eine Bedingung, daß dann die Konstitution der Zionistischen Organisation geprüft werden müsse. Es besteht also die Möglichkeit, daß, wenn die Zionisten in der Zukunft einen Protest in der Agency gegen die Regierung wegen irgendeiner Ungerechtigkeit zu machen haben werden und die Nichtzionisten damit nicht einverstanden sein werden, und wenn es deshalb zu einer Auflösung der Agency kätne, die .Regierung dann die Organisation der Zionistischen Organisation erst noch ״prüfen“ würde, und man kann sich denken, daß eine solche Situation nicht für uns günstig wäre. Dr Weizmann hat gesagt, er überläßt es dem Kongreß, Ja oder Nein zu dem Entwurf der Agency-Verfassung zu sagen. Es gibt aber nicht bloßes Ja oder Nein, sondern es handelt sich darum, wi e die Agency aussehen soll. Ich bin für die Jewish Agency, aber gleichzeitig verlange ich, daß Dr. Weizmann die notwendigen Sicherungen ־!chafft. Schluß der Sitzung 23 Uhr 50 Min. VIII. Sitzung, Mittwoch, 31. Juli, abends. J. Berger (Allgemeine Zionisten, Beßarabicn) begrüßt, daß die Exekutive ein Referat über die hebräische Kulturarbeit auch in der Galuth auf die Tagesordnung des Kongresses gesetzt habe. Farchy (Bulgarien) begrüßt es, daß die Exekutive in ihren Arbeitsplan für die nächste Zukunft auch die Propagandaarbeit unter den Sefardim, die bisher vernachlässigt worden sei, einbeziehe. Dr. GlUckson (Demokraten, Palästina) erklärt, die Erreichung der 2400 Zertifikate sei ein Erfolg der Exekutive gewesen, im allgemeinen aber zeigte sich die Regierung in der Frage der Einwanderung nicht entgegenkommend. Auch in der Frage der Staatsländereien sei nichts geschehen, womit die Regierung den ausdriicklichen Bestimmungen des Mandates zuwiderhandele. Dasselbe sei in bezug auf die Frage der Kotei Hamaarawi zu sagen, die den letzten Berichten zufolge ungünstig für uns st Ae. Trotz alledem erwecke das Memorandum der Exekutive an den Völkerbund den Eindruck, als ob alles in Ordnung wäre. Dr. Hindes (Allgemeine Zionisten, Polen) verteidigt die Politik der Exekutive, die zum ersten Male die Methoden der modernen Staatskunst angewandt habe, gegenüber den Angriffen, die ein Rückfall in den vorzionistischen Messianismus bedeuten. Die gegenwärtige Exekutive habe den Begriff der persönlichen Verantwortung geschaffen und sich nicht schleppen lassen, sondern geleitet. Redner wendet sich gegen die Vergeudung nationaler Mitte! durch unfruchtbare Kolonisationsexperimente und nimmt die private Pflanzungsarbeit in Schutz. Jean Fischer (Allgemeine Zionisten) führt auSj das schlechte Verhältnis der englischen Regierung zum jüdischen Palästinawerk sei die Folge unserer mischen Ein- Stellung zum Zionismus. Unser Recht auf Palästina sei als ein historisches Recht unabhängig von unserer Arbeit für das Land, ln der Frage der Jewish Agency gäbe es heute kein Zurück mehr, und die Opposition könne sich nur deshalb erlauben, gegen sie zu sprechen, weil sie sich in der Minderheit wisse. Die einzige Sicherung der Zionistischen Organisation in der Jewish Agency sei ihre eigene Kraft. Schmarjah Levin (Allgemeine Zionisten) findet es bcdauerlich, daß ein Teil der Zionisten, statt in der Erwciterung der Jewish Agency einen Sieg des zionistischen Oedankens zu feiern, eine gedrückte Stimmung auf dem Kongresse schaffe. Die zionistische Bewegung sei nur zu einem Teile in die Zionistische Organisation einespannt, und der zionistische Gedanke erfasse über diese inaus konzentrisch immer weitere Kreise. Man dürfe aber diejenigen, die sich der Bewegung infolge ihrer Er- Ziehung in einer falschen Ideologie erst später anschließen, nicht deshalb für minderwertig betrachten. Man übersehe vielfach, daß die andere Seite die größeren Konzessionen mache. Den Fifty Nichtzionisten stehen nicht Fifty Zionisten, sondern diese plus Palästina gegenüber. Nicht die Geldgeber entscheiden über das Schicksal Palästinas, sondern diejenigen, die die tägliche Arbeit dort verrichten. Wäre der psychologische Moment für die Erweiterung der Jewish Agency vor fünf Jahren erfaßt worden, so wäre mancher Kampf erspart geblieben. Die Zionisten haben verlernt, die Idee ZU verbreiten und erschöpfen sich in Fragen der Organisation. Die Bewegung ist aber über die Organisation hinausgeflutet. Der Wortlaut des Kontraktes ist nebensächlich. Redner beglückwiinscht Dr. Weizmann zu der Intuition, die ihn auf den Weg zur Jewish Agency geführt habe, und stellt die Prognose, daß der XVI. Kongreß in der Geschichte als der Beginn einer neue Aera verzeichnet bleiben werde. Ussischkin (Palästina) spricht zunächst über die p o I i ־ tische Lage in Palästina, die er als sehr schlecht bezeichnet. Als Beispiel erörtert er die Frage der Klagemau er. Warum hat Weizmann versucht, uns zu beruhigen? Hätte der Führer der Revisionisten sich auf sein politiscltes Programm beschränkt, statt gegen die Agency und gegen die Arbeiter zu kämpfen, dann stünde die Mehrheit Palästinas hinter ihm. Der Erweiterung der Jewish Agency stimme Redner zu, weil die fundamentalen zionistischen Grundsätze nicht angetastet worden seien und er es für ein Verbrechen halte, die Organisation zu verlassen. Redner wendet sich aber gegen Weizmanns Bemerkung, man dürfe den Keren Kajemeth nicht gegen die Agency ausspielen. Wer Dr. Weizmann die Nachricht, dies sei beabsichtigt, zugetragen hat, war kein Friedensfreund. Ich sage umgekehrt: Man dart die Agency nicht gegen den Keren Kajemeth ausspielen. Wir haben Gn schönes Referat von Prof. Brodetsky über Erziehung der Jugend gehört. Er sagte, die Jugend geht von uns weg, wir müssen Maßnahmen treffen, um sie wieder in unsere Reihen zu bringen. Er hatte nicht vollkommen recht. Die Jugend geht nicht von uns weg. Sie geht weg aus den Reihen der Allgemeinen Zionisten. Sic finden zehntausende junge Menschen in den Reihen des linken Flügels, viele Tausende der Jugend in den Reihen des Misrachi Hazair und Hapoel Hamisrachi, viele Tauende in den Reihen des Revisionismus. Sie finden aber keine Jugend in den Reihen der Allgemeinen Zionisten. Daran!sind aber nur wir selbst schuld. Um die Jugend anzuziehen, muß man ihr etwas geben, das Schwung hat, Hoffnung, Idealismus. Was gibt der allgemeine Zionismus der letzten zehn Jahre der Jugend? Sie hat heilig zu sprechen, was die Exekutive sagt, und das verlockt die Jugend nicht. Schaffen Sie in London zehn Departements, beschreiben Sie hunderte Bogen von Papier, es wird nicht helfen. Bevor Sie der Jugend etwas sagen, müssen Sie beweisen, daß Sie sich selbst etwas zu sagen haben. Redner bespricht dann das Ergebnis der Wahlen und weist daraut hin, daß in Deutschland und Amerika der Allgemeine Zionismus sehr schlecht abgeschnitten hat. Zu Dr. Brodetsky sagt er: Wenn Sie ein Zentrum für die Erziehung der Jugend schaffen wollen, schaffen Sie es nicht unter dem düsteren, kalten Himmel von London, dort wo das jüdische!,eben zu neunzig Prozent abgestorben ist; kommen Sie iii üds nach Jerüsälem. Zum Schluß wendet sich Redner gegen Blumenfelds Bernerkung über die Flügel im Keren Kajemeth-Direktprium. Wir arbeiten mit diesen Vertretern viele Jahre, und ich wäre glücklieh, wenn alle Mitglieder des Zentrums in unserm Direktorium so frei und unparteiisch handelten, wie diese sogenannten Flügel- Vertreter. Ob sie Instruktionen von ihren Parteien bekommen, weiß ich nicht. Aber daß einige vom Zentrum Instruktionen bekommen, das weiß ich. Wenn es Flügel gibt, dann gibt es einen dritten, der am meisten parteiisch ist, und der sitzt in der Mitte. (Lebhafter Beifall.) Dr. Weizmanns Aniwori Dr. Weizmann: Um die bewährte Einteilung zu befolgen, werde ich vorerst einige Worte über die politische Lage sagen. Ich wurde beschuldigt, daß ich versucht hätte, den Kongreß zu beruhigen. Das ist nicht der Fall. Aber Ussischkin kann in seiner Sprache sprechen, und ich muß und werde in einer anderen Sprache sprechen. Dazu ist eben Ussischkin da, daß er das sagt, was er gesagf hat. Ich habe nicht eine einzige Tatsache über die politische Lage in Palästina verschwiegen. Ich habe zugefeben, daß auf gewissen Gebieten Teilfortschritte gemacht woreit sind. Ich habe gleichzeitig gesagt, daß auf verschiedenen, sehr wichtigen Gebieten wenig erreicht worden ist. Dies in einem Bericht, der von der Exekutive kommt, zu betonen, ist meine Pflicht. Es ist außerordentlich populär, gerade in diesem Milieu die Regierung anzugreifen. Auch ich könnte leicht meinen Applaus erringen, wenn ich hier einen Angriff auf die Regierung machen würde. Ich habe es nicht getan. Ich habe weder die Regierung verteidigt noch angegriffen. Ich habe nur Tatsachen festgestellt. Ueberaies gibt es noch eine politische Kommission, in welcher man Dinge sagt, welche in der Oeffentlichkeit nicht gesagt werden können. Das ist parlamentarisches Verfahren. Ich habe gar keine Beruhigung gegeben. Es ist ein langer und Schwerer weg; es ist ein stilles Ringen. Jeder Schritt nach vorwärts muß hart erkämpft werden. Warum das so ist, ist eine andere Frage. Diese Analyse gehört nicht hierher. Meine Sache war nur, die Tatsachen zu unterstreichen. Es ist meine Pflicht (und es ist eine verdammt schwere Pflicht), die Tatsachen nüchtern abzuwägen, nach nüchterner Erwägung der Verhältnisse festzustellen, ob ein Fortschritt da ist oder nicht. Und wenn man daran glaubt, dann sagt man es. Und ich glaube, es ist auf manchen Gebieten ein Fortschritt zu verzeichnen. Unsere Stellung der Regierung gegenüber hängt von zwei Dingen ab. Von unserer eigenen Kraft — und wie Sie sie einschätzen, hat man von verschiedenen Rednern gehört — und vom öffentlichen Gewissen der Welt, inwiefern die Welt es versteht, daß unsere Sache eine gerechte Sache ist. Denn nicht wir allein haben über die Dinge zu urteilen; unsere Entscheidung allein gilt noch nicht; es gilt auch in großem Maße die Entscheidung der Welt. Und ich kann mir nicht helfen: die Weit wird die englische Regierung viel milder beurteilen, als wir geneigt sind, es zu tun. Das Forum, das da urteilt, die englische öffentliche Meinung, die öffentliche Meinung in Völkerbundskreisen, der aufgeklärten zivilisierten Welt, die wird vielleicht sagen, ja hie und da könnte die Regierung anders handeln, aber im großen und ganzen war sie gezwungen, so zu handeln. Nicht ich sage das, aber die Meinung <jkr weit sagt das, und die fällt ins Gewicht, genau so und vielleicht mehr als unsere eigene. Das sind eiserne Tatsachen, über die man sich nicht mit einer Phrase und nicht mit einer Rede und nicht mit einem Angriff auf die arme Exekutive hinwegsetzen kann. Es ist sehr einfach, uns nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die Sünden der Regierung verantwortlich zu machen. Sie zwingen uns immer in die Stellung von Verteidigern der englischen Regierung. Gewiß geschieht uns in manchem Unrecht. Es wird noch finge so sein, weil wir eben das sind, was wir sind. Und solange wir schwach sind, wird uns Unrecht geschehen. Das ist nicht Beruhigung, nicht Verteidigung, das ist Konstatierung. Manchmal beneide ich die Leute, aie da kommen und sagen, ja, ich habe meine Schuldigkeit getan, ich habe der Regierung ein Memorandum präsentiert, ich habe Protest eingelegt. Ich weiß, daß man hunderte Memoranden schreiben muß und daß man jede Stunde seines Lebens wachen muß und daß man langsam vorwärts kommt. Und ich bin genau so ungeduldig wie Sie; aber man muß Geduld lernen. Und das ist eine schwere Schule. Ich will nicht wiederholen, was ich auf anderen Kongressen esagt habe. Zeigen Sie eine andere Methode, inden Sie andere Leute. Sie haben keine gefunden. Wir müssen mit unseren Methoden arbeiten, und bekommen als Resultat vielleicht wenig — aber es Ist das einzig Mögliche. Wenn sich in diesem Hause einer findet, der wirklich neue und rationelle Methoden hat, so bin ich sicher, er würde einstimmig gewählt werden. Er hätte sicherlich meine Stimme. Aber der Mensch ist, wie es scheint, nicht da. Natürlich empfindet man alles, was in Palästina mangelhaft ist. Aber es gibt darauf nur eine Antwort: mehr arbeiten, immer neue Positionen in Palästina erwerben; noch eine Kolonie, noch eine Schule, mehr Kredit. Ich glaube, es wird mir niemand nachsagen, daß ich dieses Rezent nicht voll und ganz durch mein ganzes Leben befolgt habe. Auch ich könnte mich hinstellen, mir auf die Brust schlagen, die Regierung angreifen und die Galerie begeistern, aber das eiserne Leben steht mir gegenüber, ich beiße die Zähne zusammen und gehe weiter an <fie schwere tägliche Arbeit, in der Hoffnung, daß es denen, die nach uns kommen werden, leichter werden wird, als es uns war. (Beifall.) Ich bin nicht gewöhnt, leicht und leichtsinnig Komplimente zu sagen. Aber es ist mir immer eine Freude, eine Rede von Arlosoroff zu hören. Ich habe mit großer Aufmerksamkeit seine Ausführungen verfolgt, obwohl ich bei weitem picht mit allem einverstanden bin. Er war es, der die Frage Rußland aufgerollt hat. Aber er widersprach sich oft, als er diese Frage behandelte. Ja, es ist da wenig zu machen. Wir haben es mit einem Lande zu tun, das auf die öffentliche Meinung der Welt pfeift. Wir können keinen Druck ausßben. Ja sogar wenn die englische Regierung heute mit der Sowjetregierung Verbindungen anknüpft, so weiß ja Arlosoroff selbst, daß dies auf der Grundlage gemacht wird, daß beide Teile sich verpflichten, sich nicht ln die inneren Angelegenheiten des anderen einzumischen. Was folgt daraus? Daraus folgt: Der Kongreß wird eine Resolution fassen und sie wird per Akklamation angenommen werden, wie sie auch schon von einem Kongreß per Akklamation angenommen wurde. Wir sind empört und erregt, aber, Freund Arlosoroff, das ist doch keine Aktion. Wir befriedigen für einen Moment unser Gewissen dadurch, daß wir unsere Meinung heraussagen, aber dadurch wird es nicht einem einzigen Zionisten in Rußland leichter. Das ist keine Aktion, sondern eine Proklamation, eine Deklamation. Sie tun alle so, als hätten Sie sich vergewissert, daß die Exekutive nichts tat. Die Exekutive ist doch dazu da, nichts zu tun, sich nachschleifen zu lassen, wir tun überhaupt nichts, eine Exekutive besteht aus Dummköpfen wie jede Regierung. Wir haben uns aber mit der Sache beschäftigt und sind zu gewissen Schlüssen gekommen. Wir haben versucht, eine Verbindung zu schaffen, versucht, Brücken zu schlagen, es war alles umsonst. Resolutionen werden uns nicht weiterhelfen. Vielleicht war das einzige, was man tun konnte, aus dieser Hölle so vief herauszuretten, als möglich war. Wir haben so viel Menschen herübergebracht, als wir nach unseren Kräften konnten. Vielleicht haben wir in dieser Beziehung nicht genug getan. Wir haben nicht aut Wise gewartet, daß er nach Washington fährt, daß ihm irgend jemand etwas sagt und er nachher nach London kommt, mit Staatsmännern spricht und auf allen Volksversammlungen erklärt: Ich habe das und das gesagt. Dadurch wurde kein Mensch mehr aus Rußland gerettet. Es ist in dieser Beziehung leider Gottes schlimmer als in der zaristischen Zeit. Die zaristische Regierung brauchte manchmal Anleihen und war empfindlich gegenüber der öffentlichen Meinung. Die Sowjetregierung braucht keine Anleihe und sie pfeift auf die Reputation. Wenn Herr Wise 11ns erzählt hätte: ich bin zur amerikanischen Regierung gegangen — ich gebe Herrn Arlosoroff recht, daß von Amerika aus irgendein Einfluß vielleicht möglich wäre — zum Beispiel zu Herrn Borah, dem Präsidenten der Senatskommission für auswärtige Angelegenheiten, und ich habe ihn < dazu gebracht, daß Hoover oder Stimson oder irgendein anderer bedeutender Staatsmann auf Rußland direkt oder indirekt einwirkt, so hätte ich das als große Leistung bezeichnet. Aber wenn jemand Sie an Henderson schickt — und wir wissen schon, auf welcher Grundlage Henderson verhandeln wird —, lieber Herrgott, das war doch kein Grund, eine so lange Reise zu unternehmen (Heiterkeit), nämlich nur deswegen. Darum sollte Dr. Wise nicht sagen: ja wir müssen Immer eintreten, wenn die Exekutive nichts tut. Hat sich Dr. Wise vergewissert, daß die Exekutive nichts tut, bevor er seine Schritte bei der englischen Regierung unternommen hat? Er hat mir das Vergnügen gemacht und gesagt: wenn ich in London gewesen wäre, so wäre er mit mir zur englischen Regierung gegangen. Nun war ich nicht in London, aber es war doch eine Exekutive in London, es war eine Exekutive, die genau so verantwortlich ist wie ich, die die Geschäfte mit großer Mühe geführt hat, die Exekutive, die doch vom Kongreß gewählt wurde. Man hätte sie doch fragen sollen. Ich werde Ihnen noch ein Beispiel geben. Vor einem oder zwei Jahren hat ein Herr Dr. Wise oder irgendein anderes Mitglied der amerikanischen Opposition, Reden gehalten und Artikel geschrieben über » die Novomejsk!-Konzession, das heißt darüber, daß man die Konzession noch nicht erteilt hat. Er hat gedroht, daß, wenn das nicht geschieht, man die Hilfe der amerikanischen Regierung anrufen werde, ich spreche schon nicht über den Takt und die Taktik, eine Regierung gegen die andere auszuspielen, und wenn ich schlechte Witze machen wollte, würde ich sagen, wiejeaer Melatned es gesajft hat: Wenn zwei Könige sich zanken, sollst du dich nicht einmische«. Ich habe aber nicht die Stimmung, es zu sagen. Und die Herren haben nicht gewußt, daß die Hauptschwierigkeit in bezug auf die Erteilung der Konzession gerade aus Amerika kam. Und wenn ich Ihnen hier die ganze Geschichte von der Toten Meer-Konzession erzählen würde, so wäre es sehr interessant. Aber es hätte ein Licht geworfen, nicht auf unsere große Geschicklichkeit, sondern aut unsere ungeheuren Sorgen und Schwierigkeiten. Wir können dies aber nicht einmal tun, denn als ich in einer Rede vor einem Jahre gesagt habe, wir haben die Konzession bekommen, da erhob sich ein Antizionist im englischen Oberhaus und machte der Regierung Schwierigkeiten, indem er meine Rede zitierte. Und da ich durch meine Reden keine Schwierigkeiten machen will, soweit es mit dem interesse des Zionismus harmoniert, so muß man sich über verschiedene Dinge ausschweigen und über sich einen Redeschwall ergehen lassen. Sie müssen auch beurteilen, ob es richtig Ist, in allgemeinen Sätzen eine Mandatarregierung anzugreifen und dann eine Exekutive zu wählen, die mit dieser Mandatarregierung tagtäglich verhandeln muß. Nun möchte ich einige Worte zur Agency sagen: Viel hat mir Schinarjahu Levin vorweggenommen. Wie jede Bewegung, ist auch diese aus zwei Momenten entstanden, aus einem negativen und einem positiven. Zunächst mußte man, wenn man gewissenhaft ist und sich nicht mit dem, was ist, zufrieden gibt, zu dem Schluß kommen: in diesem Tempo, wie die Dinge gehen, können wir nicht weitergehen. Wir Zionisten bleiben eine Minorität im Judentum. Wir naben wohl Großes erreicht, aber so, in diesem Tempo, werden wir den Bau Palästinas auch für unsere Generation nicht ausreichend weiterführen. Das andere Moment war ein Glaube, wenn Sie wollen, eine Intuition, daß dieses Palästinawerk schließlich und endlich in die Seelen aller Juden dringen wird, und daß sie sich, wenn sie mit diesem Werke in Berührung kommen, von den Schlacken befreien werden, die eine jahrhundertelange Ghetto-Geschichte geschaffen hat. Und ich glaube, daß es schon heute viele nichtzionistische Juden gibt, die Palästina finden und empfinden und dafür arbeiten, vielleicht mit größerem Eifer als manche Zionisten. Die Balfour-Deklaration war für mich kein Geschenk, sondern ein ungeheurer Wechsel und eine Forderung an uns. Und da stand das zerschlagene Judentum vor dieser Forderung, Palästina mit seinen Felsen und trockenen Feldern und Wüsten, und wie eine Sphinx redete es mich immer an: Entweder du wirst mich fruchtbar machen, aus diesen Sümpfen Gärten, aus diesen Felsen Felder machen, oder ich fresse dich auf, ich zerstöre dich. Und da verging die ganze Freude und man nahm das Joch der Arbeit auf sich, jahraus jahrein, tagaus tagein. Und dazu brauchte man Menschen, Geld, Wunder. Und es geschah ein Wunder: es kamen die Menschen. Und wir müssen durch alle Stätten und Winkel des Ghetto gehen, um ihnen, die wir in die Schützengräben geschickt haben, die Möglichkeit zu geben, zu arbeiten. Und wir werden dieses Joch weiter tragen, bis die besseren Tage kommen, die wir nicht erleben werden. Dies zu sagen, dazu braucht man mehr Mut, als ein paar englische Beamte anzugreifen. So steht die Lage. Werden Sie sich auf dieses Niveau erheben, und Sie haben sich bei der A.-C.-Siizung, der ich noch beiwohnte, auf diese Höbe erheben können, dann wird aus der Agency eine Knesseth Israel werden und dann werden auch die Paragraphen der Konstitution in Ordnung sein. iWetdea Sie