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Jüdische Rundschau · 1929-08-02 · Heft 60 (2.8.1929) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 60 (2.8.1929)
Date
1929-08-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 60, 2. VHT. 1029 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 385 legt haben, daß wir mit Nichtzionisten eine Verbindung eingehen und deshalb untereinander einig sein müssen. Aber nicht genug daran. Die Organisation muß nicht nur mechanisch, sondern auch in der Gesinnung gestärkt werden. Statt daß die Flügel gegen die Mitte kämpfen und die Mitte gegen die Flügel, ist es unsere zionistische Pflicht, unsere Propaganda vereint gegen die weiteren Flügel zu führen, die noch außerhalb der Bewegung stehen. Jetzt ist die Zeit, Maßregeln zu treffen, damit eine einheitliche Zionistische Organisation geschaffen werde. (Beifall.) Leider sind die Menschen an otganisatorischen Fragen nicht sehr interessiert, aber es ist notwendig, daß wir alle zusammen die Arbeiten in der Organisation so leisten, daß die Organisation gestärkt wird. Alle Teile der Bewegung haben die gleiche Pflicht. Deswegen müssen wir alle für kurze Zeit die verschiedenen Interessen vergessen, die uns scheiden, und müssen *ins fragen, wie wir die Organisation stärken und disziplinierter machen. Es ist die Zeit gekommen, daß die Exekutive beauftragt wird, dafür zu sorgen, daß in allen Ländern, wo es möglieh ist, der Territorialverband, der vom letzten Kongreß beschlossen wurde, geschaffen wird. Es ist die Zeit gekommen, daß nicht in jedem Lande die verschiedenen Teile von Zionisten, die miteinander nichts zu tur» haben, nur einmal in zwei Jahren innerhalb der SchekelverbSndc gegeneinander kämpfen. Wir müssen in allen Ländern eine Organisation als Zionisten schaffen. Jeder Zionist soll selbstverständlich dabei die Möglichkeit haben, sich mit Menschen zu vereinigen, die seine Gesinnung teilen. Aber die Prinzipien, die uns zusammenbinden, sind wichtiger und stärker, als die, die uns seheiden. Gerade jetzt, da die Jewish Agency vor der Verwirklichung steht, müssen wir uns fragen; sind wir Zionisten, was die Nichtzionisten nicht sind? Die Nichtzionisten verstehen die Unterschiede nicht, die zwischen uns Zionisten sind. Wenn die jüdische W'elt sehen wird, daß wir Zionisten in einer Idee vereinigt sind, dann wird unsere Propaganda viel mehr Macht und Bedeutung haben. Darum muß der Kongreß die Exekutive beauftragen, daß ein Verband aller Zionisten, eine Organisation von Zionisten in jeden* Lande und an jedem Orte geschaffen werde. Zweitens ist die Zeit für einen schweren Beschluß gekommen. Die Organisation braucht Geld nicht allein für potitische und praktische Arbeit, sondern auch für rein zionistische Arbeit. Wenn wir davon sprechen, unser Leben zu intensivieren und die Organisation zu stärken, so müssen wir *ins darüber im klaren sein, daß das alles Mittel braucht. Dazu kommt noch ein zweites Moment. Die Menschen haben einen größeren Respekt vor einer Organisation, für die sie zahlen. >er Schekel genügt nicht, nicht nur finanziell, sondern auch vom Standpunkt der Idee, vom Standpunkt der Schaffung einer starken Organisation. Eine Organisation kann nicht aus Mensehen bestehen, die nicht die ständige Pflicht auf sich nehmen, die Organisation zu erhalten. Die verschiedenen Organisationen und Ortsgruppen müssen Beiträge leisten, die der Kongreß zu beschließen haben wird. Jeder Zionist muß außer dem Schekel noch eine Summe als M i t g 1 i e d s b e i tr a g für die Organisation leisten. Drittens schlagen wir vor: die Arbeit der Propaganda und Organisation ist zu kompliziert, um von einer Stelle in London geführt zu werden. Eine solche Arbeit kann nicht zentralisiert werden. Diese Arbeit muß verschiedene Schattierungen in verschiedenen Ländern haben, und wenn wir sie richtig leisten wollen, müssen wir die Verhältnisse in den verschiedenen Ländern verstehen. Wir schlagen vor, daß dieser Kongreß eine ständige Kommission von acht führenden Zionisten der Welt wähle, welche als Beirat der Exekutive fungiert und sie hinsichtlich der Propaganda und Organisationsarbeit in allen Ländern *interrichtet und berät. Der vierte und vielleicht wichtigste Punkt von allen ist die Frage der Jugend. Die Arbeit unter der zionistischen Jugend und der jüdischen Jugend überhaupt ist, das werden Sie alle zugeben, nicht sehr zufriedenstellend, schon in ihrem zahlenmäßigen Ergebnis. Wir haben zu wenig für die Jugend getan. Dem Juden, welcher aus der jüdischen Gasse kommt und die Bitterkeit des jüdischen Lebens kennt, genügt es, an jüdisches Leben, jüdisches Leid, jüdische Galuth und jüdische Ideale zu erinnern. Aber die Jugend, die fern von der jüdisehen Gasse und in keiner Berührung mit dem jüdischen Lehen lebt, genügt es nicht, bloß zu erinnern, man muß mit ihr lernen. Wir brauchen zionistische Propaganda, aber wir brauchen auch zionistischen Unterricht. Das haben wir vernachlässigt, und das ist die wichtigste Arbeit des Propaganda-Departements, welche ich vorschlage. Es sind! noch einige technische Fragen von Wichtigkeit zu erörtern, wie die Heranziehung der Frauenorganisationen und Jugendorganisationen, die wirklieh zionistische Schöpfungen sind und jetzt nicht in enger Beziehung mit uns stehen. Wir müssen auch die Frage der Kongreßwahl untersuchen. Wir haben die Kongreßwahlen nach einem sehr logischen Prinzip, aber dieses Prinzip paßt für Deutschland und für Polen, aber nicht für England und Amerika (Beifall). Fragen Sie doch die Kongreßmitglieder, welche aus diesen Ländern kommen, in denen fünf Millionen Juden leben, wieviel Mühe sie hatten, um den Juden in England und Amerika das Wahlrecht zu erklären. (Lebhafte Zwischenrufe.) Noch eines ist von Bedeutung: die Disziplin der verscliiedenen Gruppen in der Partei muß wieder hergestellt werden. Vom Standpunkte der Politik und vom Standpunkte der Finanzen müssen wir Zionisten verstehen, daß von höchster Wichtigkeit die Arbeit ist, die wir als Gesamtorganisation leisten, nicht die, welche wir als Teile der Organisation leisten. Das müssen wir jetzt, auf diesem Kongreß, endgültig entscheiden. Was ich hier gesagt habe, ist nicht neu. Es sind alte Dinge, welche alle verstehen und welche in unserem zionistischen Leben fehlen. Für mich ist das Hauptproblem, eine neue zionistische Generation zu haben, welche die Arbeit mit uns und nach uns leisten kann. Wir müssen mit unseren Kräften, mit dem, was möglich ist, rechnen. Die Vorschläge, welche von der Exekutive vorgelegt werden, sind sehr bescheiden, doch wir glauben, daß sie praktisch sind, und hoffen; daß der Kongreß sie annehmen, und daß die Zionistische Organisation st ärker werde, daß die zionistische Propaganda die Juden der ganzen Welt erfassen ■wird. (Lebhafter Beifall.) Nach Brodetskys Referat wird die Sitzung geschlossen. IV. Sitzung, Montag, 29. Juli, S Uhr abends. Vors. Motzkin macht über das Arrangement der Generaldebatte folgende Mittteilung: Erst werden sämtliche Fraktionen und Landsmannschaften, die mindestens sechs Mitglieder zählen, zu Wort kommen, und zwar Fraktionen mit je einer Stunde, Landsmannschaften mit je 40 Minuten; dann folgt ein zweiter Turnus mit der halben Zeit und schließlich vollkommene Redefreiheit. Ich bitttc Sie, zu beschließen, daß ’Anträge auf Verlängerung der Redezeit nicht eingebracht werden können. (Der Antrag des Präsidiums wird mit Akklamation angenommen.) Die Generaldebatte Rabbi Meier Berlin (Misrachi, spricht heldisch): Auf der Schwelle des Uebergangcs zu einer neuen Epoche in unserer zionistischen Arbeit hat der Führer unserer Weltorgauisation, Präsident Dr. Weizmann, zugegeben, daß noch nicht alles so ist, wie es sein sollte. Unter dem, was wir erreicht haben und was Dr. Weizmann zufriedenstdit, steht die Frage der Wirtschaft und des Schulwesens. Ich weiß nicht, ob die Regierung uns auf dem Gebiete des Schulwesens mehr gegeben oder ob die Exekutive auf diesem Gebiete weniger verlangt hat, als auf dem Gebiete der Arbeit. Für uns Misrachisten ist das Erziehungswesen und seine Unterstützung durch die Regierung noch lange nicht zufriedenstellend: doppelt traurig ist aber, daß daran vielleicht die Exekutive ebenso schuld ist wie die Regierung. Dr. Ruppin sagte, mit der Wirtschaft allein werde Erez- Israel nicht aufgebaut. Das ist die Theorie des Misraelii, Der Misrachi hat nie einen Kampf gegen wirtschaftliche Methoden geführt, sondern ist stets aus freiem Willen und mit Verständnis und tiefer Liebe zu Erez Israel für eine vergrößerte Kolonisation, für eine starke Palästinaarbeit, für eine stärkere Alijah eingetreten, kurz für altes, was mit dem wirtschaftlichen Aufbau zu tun hat. Das Einzige, was der Misrachi stets betonte und was wir heute von der zionistischen Leitung gehört haben, ist, daß mit dem wirtschaftlichen Aufbau allein Erez Israel nicht geschaffen wird. Ein Delegierter hat heute den Zwischenruf ״Brith Scha- 10m“ gemacht. Im misrachistischen Programm ist nicht viel vom ״Brith Schalom“. Wir wollen eine Mehrheit in Erez Israel. (Beifall.) Wir stellen nicht auf dem Sttandpunkt, daß Erez Israel zwei Völkern gehöre (Beifall), aber der Gedanke des Hasses, des Kampfes, des Schwertes ist nicht jüdisch und gehört nicht zu uns. Doch damit allein ist das jüdische nationale Wesen noch nicht erschöpft. Die höhere Nationalität, von welcher heute als dem Leitmotiv für die zukünftige Arbeit gesprochen wurde, besteht darin, daß das jüdische Volk nicht nur einen gewissen philosophischen Gedanken, nicht nur einen gewissen wirklichen Glauben, nicht nur eine gewisse Weltanschauung in sich hat, sondern daß das ganze jüdische Leben ohne Vergleich mit dem irgendeines anderen Volkes ist. Darum sagt der Misrachi schon seit Jahren und auch jetzt beim Eintritft in die neue Epoche für Erez Israel: Wir müssen verstehen, nicht nur gemeinsam den Boden von Erez Israel zu bebauen, sondern das gemeinsame Verständnis soll auch so weit reichen, um den Geist des Judentums in Erez Israel aufzubauen. Diejenigen, die auf den* Standpunkt stehen, daß dies eine Unmöglichkeit ist, sollen in der Diaspora bleiben. In Erez Israel muß der Geist herrschen, der die Grundlage des Judentums bildet. In Erez Israel muß dieser höhere Nationalismus herrschen, der nicht nur darauf beruht, daß man sagen wird, wir hätten diesen Denker oder jenen Denker, der Gott sucht oder glaubt, daß er Gott gefunden hat. Wir brauchen alle Juden, auch die nicht verstehen, Gott zu suchen; sie sind doch Gott nahe, der sie sucht und sie in Erez Israel findet. (Beifall.) Und wenn man darüber spricht, daß in Erez Israel das jüdische Leben, die jüdische Moral eine Sache der Selbst- Verständlichkeit ist, da jedes Kind die Bibel in der Sprache lernen kann, in der sie geschrieben wurde, muß man noch einen Schritt weiter machen. Es genügt nicht, daß man die Bibel in der hebräischen Sprache lernen kann, man soll sie als Bibel lernen und nicht einfach als irgendein Buch. (Beifall rechts.) Das ist der Grundgedanke, der vor allem den Flügel existenzfähig und kampfkräftig macht, den man als ״die Rechte“ in der zionistischen Bewegung bezeichnet. Wenn man aber betrachtet, daß wir von der Regierung volle Autonomie bekommen haben und die Regierung die Einheitlichkeit der hebräischen Schulen in Erez Israel anerkannt hat, so muß man wissen, was das gekostet hat, insbesondere in bezug auf jüdische Lehrfächer. Man wird hier beim Kongreß erzählen, daß es bis jetzt eine Selbstverständlichkeit war, daß das Erziehungswesen in Erez Israel bisher in besondere Abteilungen geteilt war. Es gibt eine Misrachi-* Erziehung, es gibt das allgemeine Erziehungswesen und es gibt die Erziehung der Wäadath HatarbutlL Aber wenn wir unser Erziehungswesen richtig bewahren ־wollen, kämpft man gegen uns jahrein, jahraus und während der letzten Zeit tagein, tagaus. Nun wird man hierherkomtnen und Ihnen erzählen, die Regierung behaupte, daß die Autonomie des Misrachi abgeschafft werden müsse. Ich rede nun nicht allein vom Standpunkt der Misrachi-Erziehung. Ich frage die allgemeinen Zionisten und Sie Linksstehende: Ist denn das nicht das primitivste unserer politischen Rechte in Erez Israel, daß die Regierung in Erziehungsfragen zu uns nicht mit Forderungen zu kommen hat? (Beifall.) Die Regierung fordert das lind die Exekutive gibt sich damit zufrieden. Vielleicht sagt die Regierung einmal, was die Exekutive selbst wollte, aber nicht heraussagte. Ich bin fest überzeugt, daß der Kongreß diese Forderungen ablehnen wird. Jetzt ist wahrhaftig nicht die Zeit zu kritisieren. Ob wir nun wollen oder nicht, kommt eine neue Führerschaft in unsere Bewegung und in den Aufbau unseres Landes. Und es ist sehr schwer, ein Wort gegen den zu sagen, welcher allein steht und sieht, daß seine Kraft schwächer *vfra. Weizmann hat davon gesprochen, daß man schätzungsweise 150 000 Pfund an Schulden in den letzten zwei Jahren zurückgezahlt hat. Keiner von uns ist der Meinung, daß man Schulden nicht bezahlen muß. Aber man muß doch fragen, was das den Jischuw gekostet hat. Man sorgt nicht für die Vergrößerung des Jischuw und tröstet sich damit, ein guter Kaufmann zu sein. Die Bilanz des Zionismus beruht noch nicht nur auf Ziffern, sondern auf dem lebenden, brennenden Gefühl für den Aufbau des jüdischen Landes. Die zionistischen Führer erklären, daß man jetzt neue jüdische Kräfte heranziehen muß. Bis jetzt hat man überhaupt nicht daran gedacht, daß es auch außerhalb des Kongresses Juden gibt, mit denen man rechnen muß. Ja, man hat sich auch kein Gewissen daraus gemacht, mit Teilen der Organisation selbst nicht zu rechnen. Heute hat man über die Flügel mit Verständnis, mit Respekt, mit Anerkennung geredet, jetzt fangen alle an zu verstehen, daß ein Zionismus, der nicht auf dem geistigen Verständnis des Judentums basiert, bankrott werden muß. Es kann sein, daß die Flügel in dieser Hinsicht viel reifer sind, einander verstehen und schätzen und einsehen, daß ein Volk von allen gebaut werden muß. Das wird zu einer merkwürdigen Erscheinung auf dem Kongreß führen, wenn wir über das Budget sprechen werden, das man beantragt. Dieses Budget ist unter Zuziehung von Vertretern aller Richtungen ausgearbeitet worden. Wenn der Misrachi mehr Kolonisation verlangt, und wenn die Linke versteht, daß die religiöse Arbeit für den Aufbau Erez Israels notwendig ist, wie kann das sein? Aber wenn man den geistigen Zionismus zu verstehen beginnt, dann versteht auch einer den andern. Einer versteht die Schmerzen des andern und die Bedürfnisse des andern. Eine Sache, welche alle berührt hat, ist die Sache mit der Klagemauer. Leider ist sie heute in der Rede des Präsidenten nur kurz gestreift worden. Aber das jüdische Oewissen, welches versteht, daß Erez Israel nicht bloß eine ökonomische, sondern eine geistige Frage ist, erhebt sich und revoltiert gegen den Zustand. Während wir über den Aufbau des Landes reden, geht die Regierung und nimmt uns sogar die Erinnerung an die Zerstörung unseres Landes. Und an der Klagemauer wird von denen gebaut, welche sie mit Gewalt erobert haben. Es wurde gesagt, daß es ein Unrecht sei, wenn Teile der Organisation selbständig zur Regierung gehen, statt daß die zionistische Führerschaft in ihrem Namen spricht. Wir <1 stimmen dem vollkommen zu, daß das nicht geschehen darf. Aber wenn die Exekutive unsere Schulen nicht schützen wird, dann werden wir genötigt sein, alle unsere Kräfte anzuspannen und unser Recht gegen die zu schützen, die uns unsere Kinder, unseren wertvollsten Besitz rauben. Es ist wirklich an der Zeit, wie Dr. Weizmann erinnert hat, für die zionistische Tätigkeit auf längere Zeit einen Plan auszuarbeiten. Aber wie wir verstanden haben, daß wir krank sind, weil der Zionismus nur einen kleinen Kreis des jüdischen Volkes erfaßt hat, müssen wir verstehen, daß de! Zionismus auch nur einen kleinen Teil des jüdischen Geistes in sich aufgenommen hat; das ist seine Krankheit. Wir erinnern uns an den schönen Gedanken der Sabbathfreude, und alle freuen sich, wenn eine Organisation geschaffen *vorden ist, die darauf sehen will, daß der Sabbath in dieser oder jener Stadt Erez-Israels erfüllt wird. Vielleicht wäre es aber besser gewesen, wenn eine kleine Gruppe ihn gestört hätte und wenn wir alle ihn heilig gehalten hätten. Es muß begriffen werden, was Zionismus heißt, bevor wir in die Agency gehen. Nicht die einzelnen Paragraphen der Verfassung der Agencv sind bedeutsam. Wir hatten eine starke Verfassung und ein Basler Programm und heute haben wir — eine Agency. (Heiterkeit und Beifall.) Nicht die Statuten, sondern das Leben schafft, daher sagen wir: Gerade jetzt, wenn %vir die ganze jüdische Welt in unsere Arbeit einspannen wollen, sollen wir sie ganz machen und nicht zu teilen versuchen. Gerade jetzt sollen wir Einheit und Ganzheit suchen. Einheit und Ganzheit aber ist nicht nur ein organisatirischer Begriff. Das kann am besten die einheitliche *Exekutive der letzten zwei Jahre beweisen. Einheit und Ganzheit liegt vielmehr darin, endlich den Zionismus auf die breiteste Grundlage zu stellen, welche das jüdische Volk besitzt. Wenn unser Präsident heute an die Konkurrenz erinnert hat, welche auch in der zionistischen Arbeit darin herrscht, daß man eine Institution gegen die andere ausspielt, so ist das auch ein Fehler. Wir müssen uns jene Art von Zionismus abgewohnen, der dekretiert, daß nur der oder jener Teil des Judentums mit dem Zionismus verbunden ist, daß Zionismus nur nationales Gefühl oder hebräische Sprache oder das Verständnis für die politische Lage bedeutet. Jetzt ist die Zeit, daß das große Wort, welches wir vor 30 Jahren beim Kongreß gesagt haben, wahr werde, daß der ganze Zionismus, nicht nur der Misrachi. den jüdischen Glauben und die jüdische Heiligkeit zum Grundstein im Aufbau von Erez Israel machen soll. Ohne jüdische Heiligkeit können Erez Israel und das jüdische Volk nicht aufgebaut werden. (Beifall.) Das ist unsere Antwort auf das, was hier heute über die Agency und über die Verbreiterung oder Begrenzung der Zionist*- sehen Organisation gesagt wurde. Machen wir den Zionlsmus reicher an Land, tiefer im Bewußtsein, breiter im Volke, aber auch heiliger. Dann wird der Aufbau gelingea (Beifall.) Dr. Ch. Arlosoroff (Hitachduth, spricht deutsch): Sehr geehrter Kongreß! Wenn ich wieder für eine kurze Stunde vor diesen Kongreß trete, will ich zunächst sagen, daß ich mit einem Gefühl des Stolzes vor Ihnen stehe angesichts der Tat- Sache, daß auch jetzt wieder die Stimme der jüdischen Arbeiterschaft und der palästinensischen Arbeiterbewegung stärker und voller ertönen wird als jemals zuvor. Das haben die Wahlen bewiesen. Sie werden mit mir sicher darin übereinstimmen, daß die Wahlen gezeigt haben, daß die überwältigende Majorität für die Erweiterung der Agency ist. Aber alle werden auch zugeben müssen, daß wir hier sprechen im Namen eines Teiles der Bewegung, der immer großer wird, der die Jugend, die kommende zionistische Generation um sich sammelt und sein Vertrauen in die zionistische Zukunft gerade in die Hand der palästinensischen Arbeiterbewegung legen will. Ich will Ihnen gleich sagen, daß für mich und meine Freundedieses wachsende Vertrauen und eine wachsende.Verantwortung auferlegt. Ich fühle mich nicht als Sprecher eines Interessenten- Hügels, ich will nicht sein Sprecher eines bloßen Klassenblodcs. Wir fühlen uns und werden uns immer mehr fühlen als eine voll verantwortliche, diese Verantwortung tragende Gruppe in der zionistischen Bewegung. In diesem Sinne, von diesem Standpunkt zionistischer uesamtverantwortung, gesehen mit den Augen des arbeitenden Palästina, ist es, daß ich zu diesem Kongreß sprechen will. Das wachsende Vertrauen zu uns sagt zu gleicher Zeit, daß das Experiment, das in Basel begonnen hat ein verfehltes Experiment gewesen ist. Ich werde auch in dieser Stunde, auch vom Standpunkt der Arbeiteropposition aus, gegen die Exekutive keinen Lug und Trug treiben. Diese Exekutive hat Ergebnisse gehabt, die ich nicht gering schätzen will. Wenn man sagt, daß es der Exekutive gelungen ist, ihre Schuldenlast auf einen ganz bestimmten Betrag zu verringern, so sind das für mich keine Kleinigkeiten. Und doch glaube ich nicht, daß sich damit unser Urteil über die Tätigkeit der Exekutive erschöpfen kann. Diese Exekutive hat es immer abgelehnt, von diesem Buchhalterstandpunkt betrachtet zu werden. Hinter ihrem Programm, sagt sie, stünden immer größere Dinge, und es verlohnt sich also, diese Dinge zu betrachten. Drei Hauptpunkte hatte das Programm der Exekutive. Erstens die Konsolidierungspolitik, zweitens die Politik der ״starken Hand“. Der zweite Punkt bedeutet ein gesetzmäßiges Vorgehen, besonders in finanziellen Dingen, und strenge Einhaltung des Budgets, anders als es die mit der Arbeiterschaft behaftete Exekutive getan hat. Drittens ging man darauf aus, durch Basel die Vertrauenskrise zu überwinden. Ich bin der Meinung, daß diese drei Punkte ziemlich In Wasser verflossen sind. Als die berühmte Konsolidierungsdebatte ausbrach, haben wir gesagt, daß wir seit Jahren mit unsern Chawerim in den Siedlungen unter Anspannung der letzten Kräfte der Chawerim bemüht sind, einen Zustand der Konsolidierung herbeizuführen und die Siedlung auf eigene Füße zu stellen. Man wird die Konsolidierung nicht erreichen als Stimmungshetze gegen die Arbeiterschaft, sondern nur durch System a_tische Wirtschafts politik. Die Exekutive sagt, sie habe die Konsolidierung nicht durchführen können, dazu hätte sie 300 000 Pfund gebraucht und die habe sie nicht gehabt. Es darf keine solche Moral mit doppeltem Boden geben: man darf nicht dasselbe bei uns Mißwirtschaft und bei der Exekutive Konsolidierungspolitik nennen. Es geht nicht an, im Zionismus einen Zustand zu schaffen, wo man an das beste Streben ringender Gruppen doppelte Maßstäbe anlegt. Wenn man berücksichtigi, daß wir damals ()000 Arbeitslose hatten, so wird man verstehen, wie die Dinge objektiv stehen. Nun zur Sicherung der gesetzmäßigen finanziellen Prinztpien und zur ״starken Hand“. Ich hätte darüber nicht gesprachen, wenn sich nicht im Bericht des Keren Hajcssod auf Seite 102 ein merkwürdiger Passus fände. Ich frage: Wenn man immer gesagt hat, die Arbeit der früheren Exekutive haben finanzielle Verpflichtungen belastet, zu denen sie nicht durch den Kongreß autorisiert war, wie ist im Namen der ,Starken- Hand“-Exekntive ein Bericht möglich, aus dem sich ergibt daß 350000 Pfund, und sei es auch zu den besten Zwecken, auf dem Wege einer Transaktion in neue Hände übergegangen und der Kompetenz des Kongresses entzogen worden sind? Am meisten geschmerzt hat mich das Reden von der Vertrauenskrise, weil man uns hier einreden will, daß wir in der Organisation Staatsbürger zweiter Klasse sein sollen. Es hat nichts davon gezeugt, daß diese Vertrauenskrise durch die Bildung der ״flügellosen“ Exekutive behoben worden wäre. Ich weiß ganz genau abzuschätzen, wie schwer es ist, unser Budget

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