Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 59 (30.7.1929)
- Date
- 1929-07-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50, 30 VII. 1029 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 379 Die 5. weitKonferenz der wizo Zürich, 27. Juli. Montag, den 22. Juli, nach 6 Uhr abends, wurde im Gelben Saale des Hauses Zur Kaufleuten die 5. Weltkonfcrenz der WIZO (Womens International Zionist Organisation) von der Ehrenpräsidentin der Organisation, Lady Herbert Samuel er• öffnet. Es sind 60 Delegierte aus allen Teilen der Welt, so aus Belgien, Bulgarien, Deutschland, England, Estland, Finnland, Holland, Italien, Jugoslawien, Lettland, Litauen, Oesterreich. Palästina, Polen, Rumänien, der Schweiz, der Tschechoslowakei und den Vereinigten Staaten sowie ans Kanada erschienen. Lady Samuel hielt eine kurze hebräische Ansprache und wies dann, deutsch fortfahrend, darauf hin, daß das Werk der WIZO in den letzten zwei Jahren an Ausdehnung wesentlich gewonnen hat. Das Hauptgewicht, betont die Rednerin, müsse auf alles gelegt werden, was die Frauen eint, nicht darauf, worin sie sich unter• scheiden. Es folgten sodann zahlreiche Begrüßungen von Vertretern verschiedener Organisationen, darunter der Frauen• liga für Friede und Freiheit. Im Namen der Exekutive der Zionistischen Weltorganisation begrüßte Henrietta Szold die Konferenz. Sie erörterte die Frage: Was kann und was soll die jüdische Frau für Palästina und für das Aufbauwerk tun? Die Rednerin beantwortete diese Frage dahin, daß die Frau berufen ist, in das palästinensische Leben Ordnung hineinzu• bringen. Der Ordnungssinn der Frau soll sich im öffentliehen und im privaten Leben betätigen, im öffentlichen als Organisationsarbeit, um in Palästina ein organisches Oanzes her• vorzubringen. In der Häuslichkeit aber muß die Frau ihren Ordnungssinn dahin betätigen, den Mangel an Aesthetik, den das Galuthleben uns angeheftet hat, zu beseitigen. Es handelt sich dabei um Aesthetik in höherem Sinne, jene Aesthetik, die erheischt, daß alles, was geschaffen wird, mit dem Leben innig verbunden sei. Die zionistische Aufgabe heißt: Aufbau Palästinas, Aufbau des Judentums in der Diaspora, Aufbau des jüdisehen Volkes in Erez-Israel, Erhaltung des jüdischen Volkes, wo es auch leben mag. Hoffentlich wird die WIZO dieser Arbeit und diesem Werke ihre Kräfte ■und ihre Inspiration geben. (Stürmischer und sich immer wieder erneuernder Beifall). Am 23. Juli trat die Konferenz in die Erledigung Ihrer Tagcscrdmiag ein. Zunächst wurde das Präsidium gewählt, welches aus folgenden Damen besteht: Mayer (Zürich), Margulies (Bukarest), Zimmerraann (Krakau), Polak (Holland), Dr. Scheuer (Tschechoslowakei), Lewite (Polen), Freimann (Kanada), Löwenherz (Wien). Lady Samuel wurde zur Eh1׳envorsitzenden gewählt Sodann erstattete Frau Goodman (London) den Bericht der Londoner Exekutive. Als wichtigstes Ereignis der Berichtsperiode — führt Rednerin aus — kam wohl die Schaffung einer Palästina-Exekutive bezeichnet werden. Heute erkennen alle WIZO-Föderatlonen unser Palästinaprogramm an und waren in erster Linie darauf bedacht, unsere!and- und hauswirtschaftHche Arbeit in Palästina zu befestigen und auszubauen. Die rumänische Föderation hat ein großzügiges Unternehmen in Form der Mädchenlehrfarm in N ess Zionah durchgeführt, das eine Ergänzung unseres landwirtschaftliehen Erziehungsproblemes in Erez-Israel bedeutet. Das Ness Zionah-Projekt hat die WIZO in engen Kontakt mit der Moazath Hapoaloth gebracht, wodurch viele Gegensätze überbrückt wurden. Auch zwischen der WIZO und der nistadruth Naschim in Palästina wurde eine Verständigung angebahnt, die hoffentlieh zur Schafte® eines palästinensischen Councils führen wird. Ebenso hoffen wir in ein freundschaftliches Arbeitsverhältnis mit der amerikanischen Schwesterorganisation zu treten. Die Organisation ist während der Berichtsperiode aiigewachsen. In allen Verbänden ist die Zahl der Mitglieder bedeutend gewachsen. Wir konnten auch an den Peripherien der Diaspora, in Marokko, Aden, Indien und China Fuß fassen. Von nachhaltigem propagandistischen Einfluß waren die Pa- 1 ästina-Nachricntenblatter und die In deutscher und englischer Sprache erscheinenden ״Pioniere und Helfer“. In den letzten zwei Jahren wurde eine bei weitem umfangreichere mündliche Propaganda unternommen als in trüberen Jahren, an der sich Teile der Exekutive und führende Mitglieder der Verbände beteiligten. Besonders anerkennend soll! die Tätigkeit von Frau Nadja Stein in Berlin erwähnt werden. Der zionistisehen Arbeit unter der weiblichen Jugend konnte noch nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt werden, es wird in dieser Hinsicht noch vieles zu tun geben. Auch eine groß* zügige Kulturarbeit seitens der Zentrale hat bisher ihre Grenzen nicht an dem Willen, jedoch an den Mitteln gefunden. Frau Dr. Martha Hotmann ist es zu verdanken, daß eine literarische Nummer der ״Pioniere und Helfer“ dem neujüdisehen Kulturgedanken gewidmet wurde. Unsere Council- Tagung im Jahre 1928 hat eine Kommission mit der Aufgabe betraut, einen Weg für den Zusammenschluß der zion istischen und neutralen Frauenvereine zu eröffnen. Die Vereinigung aller Kräfte, die sich für ein jüdisches Palästina als das Zentrum jüdischer Verjüngung einsetzen, ist eine zwingende Notwendigkeit Unsere Unternehmungen in Palästina werden nur dann in Angriff genommen, wenn sie von der Zionistischen Exekutive und deren Sachverständigen gutgeheißen werden. Aber wir besitzen noch nicht die form elteAnerkennungder Zionistischen Organisation, weil in den gegenwärtigen Statuten kein Modus dafür ist Jetzt, wo die Zionistische Organisation selbst ein neues Entwicklungsstadium mitmacht, wäre der geeignete Zeitpunkt, der Wizo seitens der Zionistischen Organisation und der Jewlsh Agency die Anerkentiung als diejenige Körperschaft zu sichern, die sich vor allem der Frauenarbeit ln Palästina widmet. Oerade in Verbindung damit müssen wir mehr denn je darauf bedacht sein, die Wizo in zionistischem Sinne aufzubauen. Sodann erstattete Frau Hadassa Samuel (Jerusalem) den Bericht der palästinensischen Wizo-Exekirtive über die Arbeit in Palästina, worauf die Schatzmeister!« Frau M. M a r x den Finanzbericht gab. Es folgte sodann, nachdem Frau Lewite (Warschau) das Präsidium übernommen hatte, die Debatte über die Berichte. Als erste Rednerin sprach Frau Edith Hirsch (Deutschland), welche beantragte, der Exekirtlve das Recht einzuräumen, dort, wo von Einzelorganisationeu Sonderaufgaben übernommen werden, die Verwendung der Gelder in der Weise zu regeln, daß Teile der eingehenden Summen auch für andere wichtige Wizo-Arbeiten herangezogen werden können. Rednerin wünscht auch, daß schon aus erzieherischen Gründen für alle Leistungen, die den Frauen in Palästina gegeben werden, ein, wenn auch kleines Entgelt eingehoben wird. Ueber Antrag von Frau Dr. Nadja Stein (Deutschland) wird von der Berichterstattung über die Einzel• Organisationen, deren Berichte bereits gedruckt vorliegen, abgesehen. Frau Netter (Frankreich) spricht den Wunsch aus, daß den jüdischen Frauen Frankreichs eine Sonderauf- Sabe zugewiesen werde. Nach Meinung der Rednerin wäre te französische Organisation der Wizo in der Lage, für das Mothercraft Training Centre das jährliche Erfordernis von 1400 Pfund aufzubringen. Delegierte Dr. Hof mann (Wien) appelliert an die Konferenz, dem Berichte der österreichischen wizo-Organisation erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken, da er eine Reihe von recht bedeutsamen Erfolgen auf dem Gebiete der Kulturarbeit illustriert. Am zweiten Tage begann die Hauptaussprache über das Problem der Zusammensetzung der Organisation als eine rein zionistische oder ״gemischte . Hier stehen sich drei Auffassungen gegenüber, von denen eine einen Kompromißvorschlag aus beiden Extremen dargestellt. Der radikale, von den anderen ״defaitistisch“ genannte Vorschlag verlangt Einbeziefnmg aller jüdischen Frauen in die Palästina-Arbeit als Welt- Organisation aller jüdischen Frauen für Palästina, bei Preisgabe der rein zionistischen Einstellung. Der andere Vorschlag (Dr. Martha Hoffmann, Oesterreich) fordert die zionistische Note der Wizo als Instrument der Zionisierung der jüdischen Frauen und Kinder und schlägt einen ״erweiterten Council“ als Rahmen• Organisation der zionistischen und nichtzionistischen Frauengruppen für Palästina-Arbeit in der Art der Fonds (Keren Hafessod) oder der Jewish Agency, vor. Der Kompromißvorschlag, ausgehend von Frau Steiner (Tschechoslowakei) und Dr. Nadja Stell (Berlin) verlangt Einbeziehung von Zlonistinnen und Nicntzionistinnen in die Wizo, ohne die Frage der Berechtigung im Sinne des Zionismus zu erheben. Hier ergibt sich aber das Problem, wie rieh unter dieser Voraussetzung das Verhältnis der Frauenorganisation zur Zionistischen Weltorganisation gestalten soll, oder auf welcher Seite der ״fifty“ in der Jewlsh Agenqy sie stehen soll. Die polnische und palästinensische Delegation ist für eine klare Betotiung des Zionismus. ., Auf die überaus rege Debatte über Zusammenarbeit der zionistischen und neutralen Frauengruppen (wobei der Pendel mehr auf die Seite der Wahrung des zionistischen Charakters der Wizo neigte, unbeschadet der Tendenz, auch neutrale Frauengruppen allmählich zu gewinnen) folgte nachmittags die mit dieser Frage eng verknüpfte Aussprache über die Zusammenarbeit der Wizo in Palästina mit den übrigen palästinensischen Frauengruppen (Moazath Hapoaloth und Histadruth Naschim Iwrioth) in Form eines ״Aavisery Council". Da die Histadruth Naschim Iwrioth (HNI.) einen großen Teil ihres Budgets von ״neutralen“ Frauen der Galutn bezieht, erhofft man, durch eine Regehing der Frauenarbeit im Lande selbst auch zu einer Regelung und Zusammenfassung der Geldsammlungen im Auslande zu gelangen. Im Namen der HNI. berichtete Frau Esther Smolra nerusalem) als Gast der Wizo-Konferenz über die Notwendigkeit des zu schaffenden gemeinsamen Council in Erez-Israel. Doch traten in Zwischenrufen und Debatten noch unbehobene Gegensätze zwischen HNI. und Wizo in Palästina zutage, die erst zu einer Klärung geführt werden müssen, wobei die Einbeziehung der Hadassan in den Palestine Council sich als wünschenswert ergab. Für das Zustandekommen des Council setzte sich nam«ntlich Mrs. Freemao (Kanada) ein, die namens der kanadischen ״Hadassah“ (Förderation der Wizo in Kanada) bereits seit einiger Zeit die HNI. zwecks Erhaltung ihres Säuglingheimes In Jerusalem subventioniert. Der dritte Tag brachte, nebst einem Referat über die Zusammenarbeit mit dem Kontinentalbund Zionistischer Mädchen- Vereinigungen (Dr. Rappaport, Wien) die Referate und Debatten über Kulturarbeit und Propaganda in engstem Zusammenhang mit den Fragen der Organisation: Zweckverband für Palästinahilfe oder Zionistische Frauenbewegung. IXe Referate Dr. Hoffmann, Wien und Gerda Arlosoroff, Tel-Awiw, betonten die Notwendigkeit ausreichender Information und zionistischer Erziehung. IlillnillllllllllUIIIIHIIIIMIItlllllliailllllllllllllllllllllimilllinilllllllltlllllllllllllllllllllllWIlllMIHIIIIIIIIIIllMIIIIIIIMIIIIHIIIIIIIIIIIIllllllllllllllllllUHIIIliHlltnilllilllllllltlllllllllllinilllllllWIllllUlllllllllllMIIIIIUIIIHIIIIIIIilllUltilUllllllllHllllltllUllimillllllHIIIlllWI Die Konferenz des Nattonalfonds Ussisehkin, der Leiter des Jüdischen Nationalfonds (Keren Kajemeth), eröffnete am 23. Juli in Zürich die Konferenz des jüdischen Nationalfonds. Er stellte dem Nationalfonds drei Hauptaufgaben: Die jüdischen Siedlungen im Etnek Jesreel sollen in der Weise Bekräftigt werden, daß den Kolonisten eine Bodenfläche von 25 Prozent des bisherigen Bodenbestandes der Kolonien neu zu geteilt werden. Der bisherige Bodenbesitz ist unzureichend. Auch die alten jüdischen Kolonien benötigen mindestens 20000 Dunam neuen Bodens, zu dessen Beschaffung 100 000 Pfund notwendig sind. Im allgemeinen benötigt man eine Million Pf und zur Sicherung von Boden für jüdische Kolonisation. Zur Aufbringung dieser Summe sei eine Losung für die nächsten zwei Jahre auszugeben für den Ankauf von Boden beLAcco und Gaza• sowie rings um die Arbeitsgebiete von Ruthenberg und Nowomejski. Die Bedeutung dieser Böden wird sehr groß sein. M an muß sieh beei'en, bevor es zu spät ist. Naive Menschen erhoffen ein großes Resultat von Böden, die die Regierung zur Verfügung stellen wird auf Grund des Mandates, das ihr die Pflicht auferlegt, Staats- und Brachböden für eine dichte jüdische Kolonisation herzugeben. Man darf nicht aufhören, die Regierung an ihre Pflicht zu gemahnen, aber man soll davon keine Wunder erwarten. Der Nationalfonds benötigt ferner 100.000 Pfund für Ameliorierung in seinen Besitz gekommener Böden. Nicht die Kolonisationsform ist heute wichtig, sondern von größter Wichtigkeit ist d'c Frage, ob der Boden in Palästina jüdisch oder nichtjüdisch sein wird. Zur Konferenz des Nationalfonds hatten sich etwa 100 Def® e * am PrädditHnstisch hatten M& Henrietta Szold, Dr.StephenS.Wise, Rabbi Meir- Berlin, W11k a n s k y, Leib J a f f e und Mrs. F r e e m a n aus Kanada Platz genommen. Miss Szold begrüßte die Konferenz im Namen der Exekutive und betonte die Wichtigkeit der Erneuerung des jüdischen Menschen durch seine Verwurzelung mit dem Boden und der Erziehung der jungen jüdischen Generation in Palästina. An der Aussprache nahmen Ussisehkin, Granowsky. Schein (London), Baer (Deutschland), Wilkansky (Palästina) teil. Hauptsächlich wurde die Frage des privaten jüdischen Grund• besitzes in Palästina erörtert. Harzfcld (Palästina) sprach sich gegen den privaten jüdischen Großgrundbesitz aus sozialen wie nationalen Gründen aus und erwähnte dabei die großen Bodenkäufe Lord Melchetts und anderer jüdischer Kapitalisten. Rabbi Meir Berlin polemisierte gegen Harzfeld und führte aus, auch der private jüdische Großgrundbesitz bedeute ״Geulath Haarez“ Ussisehkin versuchte in seiner Antwort an die Kritiker von links und rechts vermittelnd und mäßigend zu wirken. Er könne, so führte er aus, nicht umhin, zu betonen (er führte Beispiele unter Nennung von Namen an), daß nur der Nationalfondsboden als für das jüdische Volk gesichert anzusehen ist, während man bei privatem Bodenbesitz mit Erbansprüeben sogar getaufter Kinder zu rechnen habe. Granowsky empfahl, daß der Nationalfonds neue Vereinbarungen mit den jüdischen Siedlern treffen solle, denen gemiß die Siedler berechtigt sind, ihre Pachtrechte zuvererben, zu verpfänden und sogar zu verkaufen. Indem der Nationalfonds den Siedlern diese Privilegien gibt, wird er auch diejenigen Kreise für sich gewinnen, die bisher den Eigenbesitz an Boden vorgezogen haben. Die in den Referaten empfohlenen Resolutionen gelangten schließlich m einstimmiger Annähme. , _ Jüdische Künstler in Paris Zur bevorstehenden Ausstellung in Zürich Eine Kunstausstellung mit einer bestimmten Tendenz zu leiten, ohne daß das Programmatische über dem Künstlerischen steht, dazu bedarf es viel Feinfühligkeit des Geschmacks und seelischen Taktes. Pougatz ist der Initiator der Ausstellung jüdischer Künstler in Paris, di« zur Zeit des zionistischen Kongresses in Zürich stattfinden wird. Ostjüdischer Herkunft, aber in französischem Kulturgebiete aufgewachsen, hat er alle Eigenschaften, die ihn zur Lösung jener schwierigen und komplizierten Aufgäbe prädestinieren. Und während er, von Gesinnung beseelt, an seine Aufgabe mit rein künstlerischem Antrieb ging, hat sich das Seltsame ereignet: Bei allen diesen Künstlern, die seit Jahren französische Schulung, französische Kunstgesinnung in sich aufgenommen hatten, manche assimiliert ms zu einem Grade, daß sie zu Repräsentanten französischer Kunst wurden, zeigte es sich, daß ihr Bestes auch gleichzeitig das im tiefsten Sinne Jüdische ist. Und wäre Pougatz umgekehrt verfahren und hätte zuerst das typisch Jüdische gewählt, — wobei nicht das Thematische gemeint ist ~ wäre er zum selben Resultat gelangt. Diese jüdischen Künstler aus Polen, Rußland, Elsaß, Frankreich, haben sich alle an der verfeinerten Malkultur befruchtet, um ein Neues in die Dinge zu legen, eine neue leuchtende Kraft. Sie war durch Jahrtausende latent, war die Kraft, die sie aus Rasse und Urheimat schöpften und die erst wieder erwachen konnte, als diese Mensenen neue Wurzel, einen neuen Boden fanden. Frankreich war das Haus, das gastlich seine Türen öffnete und die ermüdet Suchenden einlud. Mit Takt und, was noch wichtiger war, mit feinem Verstehen. Hier erst, in dieser neuen Heimat, konnten so sehr verwandte Eigenschaften sich vermengen: klarster Rationalismus und Empfindsamkeit für allerletzte, subtilste Nuancen, beiden Völkern eigen. Aus dem Zusammenströmen so gleicliartiger Dispositionen wurde ein Maximum erreicht, eine im künstlerischen Sinne kosmetische Kunst, die der Gefahr der Verflüchtigung dadurch entging, daß sie stets den festen Boden Frankreichs als Basis behielt. Auch in dieser Ausstellung nichts Verschwommenes, kein Leerlauf. Die ganze Luft ringsum fst von einheitlicher Atmosphäre erfüllt. Alles ist erst im Bild zur Wirklichkeit geworden. Die Gestalten, die Landschaften sind kaum der Realität individuellen Seins entnommen und wirken in ihrer Symbolik überraschend und überzeugend. Aber keine Mystik, keine vorübergehende Vision. Nur Mysterium und Romantik, die sich mit Sachlichkeit auseinandersetzt und Sachlichkeit, die romantisch verklärt ist. Da sind die ganz jüdischen Maler, zwar durchaus verschieden voneinander, aber durch ihr Urjudentum vereint: Menkes, Rybak, Mand-Katz. Bei allen dreien zwingend das jüdische Sujet, bisweilen über dem Künstlerischen stehend. Farben, die ununterbrochen Gefühle manifestieren, wilde, störmische und auch melancholisch gedämpfte. Menkes vor allem ist so ganz Maler. Seine Farben haben neuen plastisehen Ausdruck, einen wilden und leidenschaftlichen; jede Farbenintensität geht bis zum äußersten, ist aber aus einer einzif“ .. .. , den Dissonanzen auch ausgeglichen. Und dann jene Gruppe polnischer Künstler, bei denen auch ohne jüdische Themen ganz stark das östliche Judentum hervorbricht: Gottlieb, Kanelba, Max Band, Nathan Altmann. Bei Gottlieb ist das Jüdische durchaus unbewußt, daher um so anziehender. Es ist gewandelt in Form und Farbe. Die Frauen, die die Fische zum Festessen vorbereiten, sind gleich* wertige Gestalten, aus denen ein einziger Rhythmus gebildet wird, so einheitlich in Bewegung und Koloristik, das es wie musikgewordene Legende herausklingt. Von unendlich künst- Ierischer Feinheit sind seine Aquarelle, prachtvoll das Porträt Dr. J a k o b s o h n s. Aus den Bildern KancIbas kommt eine dunkle Kraft, ernüchtert und gebändigt durch französische Schulung. Diese Beherrschung auch bei Max Band. Wie würde er in einem weniger konstruktiven Land malen? In den großen schwarzen Augen des Kinderporträts liegt eine ganze jüdische Welt Bei Nathan Altmann ist zarte, gewebehafte Farbfeinheit, die sich fast verliert in subtilster Ornamentik, aber doch so durch ein Bildganzes gehalten, daß es nicht aufhört Porträt oder Stilleben zu sein. Der Fisch im grünen Glas aut rotem Stuhl ist von bezaubernder Durchsiehtipeit. Die Oesterreicher: Tischler, Floch. Eisenschitz. Man ist gewöhnt, Tischlers Bilder als Produkt österrelchisch-französlscher Kultur zu betrachten. Ueberraschend wirkt hier das plötzlich Jüdische. Ghettoatmosphäre fm Bild dieser verkümmerten Frauengestalt, — orientalisch-europäisch das lichte Gewebe, in dem so sonderbar und reizvoll Frau, Baum, Vogel und Blume zu einem Bild verschmolzen sind. Aehnliches gilt für Ff och. Man hatte ihn als den in Paris zum europäischen Maler gewordenen Wiener angesehen. Aber dieses schöne Frauenbildnis: da ist etwas geheimnisvoll Jüdisches, immer klassisch gebändigt, aus wunderbar feinen Farbflächen gestaltet, braun, blau, mattes Karmoisin und ein creme-gelb, das plastisch hervorquillt wie das Gold von Rembrandts Judenbraut. Eisenschitz hat sich williger der österreiehisch-französischen Schulung unterworfen. Streng und architektonisch klar sind seine Landschaften gebaut. Key ser und Löopold-L6 vy sind französische Juden und auch ihre Malerei ist ganz westeuropäisch. An Ctonne er- Innern die Meer- und Seelandschaften keysers, «ine glatte Fläche ist das Wasser, organisch wächst ringsum das Land, das Ganze konstruktiv und mit koloristischer Finesse. Engine Zack hier zu finden, erstaunt sicher manchen. Man sieht seine Bilder fast mit neuen Augen. Entdeckt in seinett auf Leinwand gehauchten Porzellanfiguren das Grenzhafte, die Zwischenstufen, die Vermittlungstöne. Stark und edel wie ein Bi bei wort ist Kislings Bildnis der Frau Schalom Asch’s. Es ist ein Glanzstück der Aussiellung. Das feine Antlitz, die geblliche Haut, schattenlos fast, das strenge Schwarz des Kleides, die weißen und gelben Flecken des Einsatzes, die im Bildganzen etwas unbestimmt Orientalisches annehmen. Ein Oelbild von Chagall. Hemmungslos in seiner Kraft, destruktiv in seiner Akrobatik. Chaotisch, traumhaft. Ein schreiend buntes Zirkuspferd, Frauenbeine, Kopf, Hände, ein unentwirrbares Durcheinander und in der gelobraunen Wand des Hintergrundes plötzlich ein ganz dünnes, kindliches und fast zärtliches Fragment eines Geigers. Was für *in Kontrast zu seinem farbigen Stich des ״Rabbiners“, der so ernst und gehalten ist. Und Channah Orfoff. immer wieder ist sie das große Erlebnis. Biaüks Büste, scharf und glatt geschnitten das Gesicht — mit wie zärtlichem Humor, mit was für feinstem künstlerischem Wissen! Und Ruth und Noemi, die U11 zertrennliehen, miteinander-schreitend und ineinander-gewachsen. Man ist beglückt über die Kühnheit der Gestaltung. Alles ist Stil gewonnen und strahlt doch so viel Wärme aus! Die für die Ausstellung getroffene Auswahl ist unendlich glücklich; die Pariser jüdischen Künstler konnten nicht besser vertreten sein. Hier ist ein Gesamtbild dieser einzigartigen Misehkultur, in der Uraltes so geheimnisvoll neu erwacht ist und die gegenwärtige Schaffenskraft der Auftakt ist zu einer neuen! j&dncimi Kaisteattrickluog. Ana* Gut matta (Paa4.