Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 57-58 (25.7.1929)
- Date
- 1929-07-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 374 JU EDISCHE RUNDSCHAU Nr. 57/58, 25. VII. 1929 Michael Lange Am 24. August 1025 starb in Sichren Jakob Michael Lange Öen freiwilligen Tod. Die Biographie dieses merkwürdigen Menschen, die jetzt, geschrieben von der Schwester seiner Frau, in einem Privatdruck mit kleiner 'Aullage erschienen ist, ist ein Dokument, menschlich erschütternd, tief bedeutsam für die Erkenntnis der wahren Kräfte, welche hinter der zionistischen Bewegung stehen, wo sie, durch das politische Außengetriebe verdeckt, schwerer zur Erscheinung kommen, bis veröffentlichte Tagebudiblättcr eines Menschen, der nicht in1 Parteigetriebe stand, aber sein l eben Palästina ״ab, sie aller Welt aufdecken; ein Dokument endlich, das mehr als theoretische Abhandlungcn die heutige religiöse Krise des Judentums beleuchtet. (Michael Lange. A Memoir by Margcry Bentwich. London, Chiswick Press, 1928, 209 p.)!Michael Lange war, 1873 in London geboren, der Sohn hc• gütertcr Eltern. Er studierte in Cambridge zu Füßen Scliechters, widmete sich dann für kurze Zeit der politischen Laufbahn, kandidierte 1900 für das Parlament, ohne durchzudriugcn. Die politische Betätigung dauerte immerhin fang genug, um ihn erkennen zu lassen, daß Politik ״ein oberflächliches, jedenfalls zweitrangiges Ding ist“, ״in sich selbst so bedeutungslos wie eine mechanische Erfindung“. Er strebte von der Oberfläche weg zur Wurzel hin: 80 wurde ihm sein Judentum von immer größerer Bedeutung. Von Jugend an tief religiös veranlagt und gewohnt, die Probleme des jüdischen Daseins immer wieder durclmidenken, gründete er 191% eine Gesellschaft (Pi-Society) zum Studium religiöser Fragen des Judentums, welche ihr Programm folgendermaßen formulierte: ״Wir stimmen in folgenden Punkten überein: 1. Daß ein zu starker Nachdruck gelegt wird auf den Rassenfaldor, und daß der religiöse Faktor vernachlässig( wird, welcher der weitaus wichtigere ist. 2. Daß das Judentum ein System des Glaubens und des Werkes und nicht des Werkes allein ist. 3. Daß es notwendig ist, für die gesunde Bildung der religiösen Ucberzeugimg kritische und wissenschaftliche Erkenntnis zu gebrauchen, -1. Daß Israel die Aufgabe hat, durch Leben und Lehre Zeuge zu sein für die Wahrheit des Glaubens an einen Gott. 5. Daß die gebrauchliehe Ausübung der religiösen Vorschriften notwendig ist, um «ns an unsere Mission zu erinnern und die absichtliche Sonderung aufrechterhalten, welche notwendig ist für die Vollendung dieser Mission und als Hilfe zur Heiligung unseres Lebens.“ Die Schüler Schechters, die sich zu dieser Gesellschaft zusammentaten, veröffentlichten 1908 ein Sammelwerk ״Konservatives Judentum und moderner Geist“, an welchem Herbert Adler, Lioriel Barnett, Norman Bentwich, H. S. Lewis, F. S. Spiers teilnahmen. Lange war nicht unter den Autoren. Er war kein Schriftsteller. Ihn drängte es nach Verwirklichung. Als er 1910 Nita Bentwich heiratete, entschloß sich das junge Ehepaar, nach Palästina zu gehen und in einer, auch noch in Pa- Iästina selbst abseitigen Kolonie, i״ Sichron Jakob, sein Heim aufzuschlagen. Dort haben die Langes ein Haus gebaut, das mit seinem wunderbaren Garten, ein kleines aus der Wildnis hervorgezaubertes Paradies ist. Lange, immer gewohnt, sich schriftlich über sein Leben Rechenschaft zu geben, schrieb über seinen Entschluß, nach Palästina zu gehen: Absonderung und Freiheit sind uns notwendig, wenn sich eine jüdische Kultur entwickeln soll. Ich weiß wohl, daß wir Juden den Ideen aller zivilisierten Nationen offen sein müssen. Aber unter den assimilierenden Lebensbedingungen Europas und Amerikas sind wir nicht frei, diese fremden Ideen unbefangen aufzunehmen oder zu verwerfen. Ich hoffe, obzwar ich es nicht beweisen kann, daß cs Gott gefallen wird, in Palästina - wahrscheinlich nicht zu meinen Lebzeiten --׳ eine heue geistige Entwicklung herbeizuführen, nützlich den Juden und der Welt, und ich bin glücklich daran zu arbeiten, die ökonomische Grundlage zu bauen, die hierfür notwendig ist.“ Wenn Lange von einer geistigen Entwicklung des Judentums spricht, die er erhofft, so war dies weit mehr, als w׳as man eine Nationalkultur im wesentlichen Sinne nennen möchte. Er dachte vor allem an eine religiöse Entwicklung, die von Pa- Iästina ausgehen wird. Religion war der Mittelpunkt seines Lebens. Seine Biographie sagt von ihm: ״Als Kinder war es unser größtes Entzücken, wenn Michael ersucht wurde, das Tischgebet zu sprechen. Manchmal kürzte er es, wenn der Geist Ihn dazu bewog, manchmal sagte er jedes Wort seiner wortreichen Tautologien: Es war immer dasselbe. Er lieh den alten bekannten Worten neue Bedeutung, und die Wirklichkeit Gottes und die Unwirklichkeit von allem andern wurde offenbar in der milden Schönheit seines Gesichtes und im Tonfall seiner Stimme. Oft schien es mir, daß er sein Leben lang nichts anderes tun sollte, als zu beten und über Gott zu konternplieren; würde die jüdische Religion Klöster kennen, er hätte wahrscheinlich ein Klosterleben gewählt. Es ist leichter von den Zinnen der Bibel aus über Gott zu kontemplieren als vom Abgrund der Kriege und des persönlichen Leidens. Er wählte den schwereren Weg, das Leben des Tims, er brach unter seinen Mühen zusammen.“ Immer wieder wirft Lange in seinen Aufzeichnungen die Frage auf, was die Sonderexistenz^sraels rechtfertigt. Er, der mit Inbrunst die Gebote erfüllte, von dem seine Frau schrieb: ״Du hast mir den Sabbat zu etwas gemacht, das er mir niemals war, so daß ich nun fühle, daß er eines der heiligsten Dinge unserer Erbschaft ist“, er, der in seiner Jugend mit überströmendem Enthusiasmus von dem Glücke schreibt, dem Volke anzugehören, dem der Herr gesagt hat: Ihr seid meine Zeugen! — er stand doch nicht mehr fraglos der Tradition gegenüber, die er pünktlich befolgte. In fast übermenschlicher Anstrengung sucht er den Weg zwischen der fraglosen, resignierenden Hinnahme des Gebotenen und dem Stolz des Herzens, das nicht darauf verzichten will, selbst zu fragen und zu antworten und dem auch die Sonderexistenz des jüdischen Volkes und ihre Berechtigung ein schweres Problem war. Das Zeremonial war das ״Rettungsboot“ seines Lebens gegen den Skeptizismus, der mit den Jahren immer stärker wurde, bis die Wellen über dem Ringenden zusammenschlugen. Der Krieg bedeutete den Wendepunkt. Seine Sehnsucht nach Tat, nach Bewährung, ließ Lange keine Ruhe, bis er selbst die Pflicht des englischen Bürgers, wie er sie damals er• stand, erfüllte und freiwilllig zu den Fahnen ging. Des eng• lischen Bürgers, nicht des Juden. Darum wollte er nicht in das jüdische Regiment elntreten, das ihm, dem Palästinenser, nahe genug gewesen wäre. ״Ich kann mich nicht mit dem Gedanken befreunden, daß die Juden als solche auf der einen Seite der Kombattanten kämpfen sollten. Unser menschliches Urteil ist zu unsicher und der Krieg widerstrebt dem Judentum. Als Jude, fühle Ich, muß ich die Entscheidung Gott anheimstellen, auch wenn ich als Bürger den Waffen zustimme.“ Als Palästina Kriegsschauplatz wurde, schrieb er: ״Ich kann ein tiefes Gefühl dagegen nicht überwinden, daß ich an einer kriegerischen Invasion Palästinas teilnehmen sollte. Ich weiß nicht, ob das ein Rest des orthodoxen Quietismus ist, oder einer jener liefen Instinkte, die höher sind als Logik.“ Aber Soldat wurde er doch, freilich um bald cinzuschen, daß er dem Soldatenleben körperlich und seelisch nicht gewachsen war und daß sein Schritt eine Don Quichotteric gewesen war. Seine Biographin schreibt: ״Dieser Schritt war eine Art reductio ad absurdum seines Lebensweges, die Anhänglichkeit an ein Ideal, das mit seiner moralischen Natur unverträglich war. Er hatte zwei Seelen in seiner Brust: Er sehnte sich nach der heroischen Tat, er sehnte sich nach absolutem Verzicht, Selbstaufopferung, Auslöschurig aller persönlichen Wünsche.“ Nach dem Kriege kehrte Lange nach Palästina zurück, aber er war nicht mehr der Abenteurer und Tatenmensch, der einst von London in das halb wilde Sichron gegangen war. Seine geistige Kraft war von stetem innerem Kampfe gebrochen. Freunde rieten ihm, Palästina zu verlassen und sich in Europa einer psychoanalytischen Kur zu unterziehen. Das Kapitel, das Margcry Bentwich dieser psychoanalytischen Kur gewidmet hat, ist überaus lehrreich. Die Psychoanalyse Ist zweifelllos als theoretische Erkenntnis sehr wichtig, aber als Heilpraxis in vielen Fällen doch sehr fraglich. Das zeigt der Fall Lange. Als Lange sich entschloß, sich der Behandlung des Psychoanalytikers zu unterziehen, schrieb ihm warnend ein Freund: ,Du brauchst nicht Analyse, Du brauchst Synthese.“ ln der Tat: bei einem Menschen, der sich selbst ständig analysierte, jeden Schritt moralisch abwog, konnte die Analyse des Arztes nur zerstörend, nicht heilend wirken. ״Die Psychoanalyse — schreibt die Biographin — verstärkte in ihm die Selbsterkenntnis seines Charakters ohne ihm das Mittel zu geben, das seinen schwachen Charakter gestärkt hätte.“ Die Aufdeckung infantiler Erlebnisse als Ursprung späterer Charakterbildung erzeugte in ihm das Gefühl eines unentrinnbaren Determinismus. Sein ohnehin starkes Minderwertigkeitsgefühl wuchs. Ungeheilt kehrte Lange nach Palästina zurück, in ein anderes Palästina. Das stille Sichron Jakob war im Kriege Zentrum der englischen Spionage gewesen, das Haus der Langes Stabsquartier, Palästina selbst war zerwühlt von politischen Kämpfen, welche die Vorkriegszeit nicht geahnt hatte. Michael Lange sah mit der Hellsichtigkeit, welche gerade den Nichtpolitiker vor dem Politiker auszuzeichnen pflegt, das Zentrum der Frage: Das Verhältnis zu den Arabern. 1920 notierte er sich die Worte Lord Parinoors: ״Wir haben uns geradezu zu fragen und ohne jeden Raum zu lassen für Kompromisse, ob wir bereit sind an die S teile de r• Herrsch *frt rtdee d i« l dee* der Bruderschaft treten zu lassen und an die Stelle der Behauptung von Rechten für uns selbst die Pflicht der Liebe zu anderen. Nach meiner Meinung hängt die ganze Zukunft von der Beantwortung dieser Frage ab.“ Mit dickem Rotstift unterstrich er diese Worte. Die Biographie enthält auch im Anhang ein Ideenprogramm der jüdisch-arabischen Verständigung. (Es erscheint nunmehr auch hebräisch im dritten Heft von ״Sche’ifothenu“.) Der Grundgedanke ist: ״Unsere einzige Chance in Palästina ist, daß die Araber uns lieben lernen.“ Lange sah die ganze Komplikation des Problems der nur-jüdisehen Arbeit ״schlechte Oekonomik und schlechte Moral“, ohne sich den Gründen zu verschließen, welche zur Aufstellung dieser Forderung genötigt haben, die unweigerlich doch wieder dazu führen muß, die Kluft zwischen Arbeitern hier und Arbeitern dort zu erweitern. In seinen letzten umdüsterten Lebensjahren, als ihm seine Frau gestorben war und er mit ihr Sinn und Halt seines Lebens verloren hatte, sah er im öffentlichen Leben nur noch diese Aufgabe vor sich, an einer Verständigung zu arbeiten. Er schrieb an einer populären Arbeit über den Islam für die Juden, während ihn, den Lebensmüden, die Mystik des Islam immer mehr anzog. Die Schranken der Individualität aufgeben, untertauchen im Unendlichen! Er tat selbst den entscheidenden Schritt. Hugo Bergmann. Palästina im Kriege Mordechaj ben Hiliel Häkchen, einer der bekanntesten unter den Schriftstellern der älteren Generation, die in Palästina leben, gibt im Anschluß an sein großes Memoirenwerk ״Ol a m i“*) (״Meine Welt“) sein Kriegstagebuch heraus (״Milchern et h ha-amim“ [״Der Völkerkrieg“] erster Teil, Verlag Mizpeh, Jerusalem/Tel-Awiw, 1929. 220 S.). Die Publikation dieses Tagebuches wird vier Bände umfassen. Der erste davon ist jetzt erschienen, und obgleich er nur die Jahre 1914 1916 umfaßt, zeigt er doch schon die dokumentarische Bedeutung der Veröffentlichung genugsam an. Denn es ist vielleicht nichts instruktiver für den, der die palästinensische Realität heute zu erfassen sucht, als zurückzuschauen auf jene Zeit, von der ein historischer Abgrund uns trennt, auf *) Die Memoiren von Mordechaj ben Hille! Hakohen reichen von den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts bis zur Zeit nach dem Kriege. In den ersten drei Bänden wird eine der interessantesten Epochen der jüdischen Geschichte, nämlich die Zeit der allmählichen Auflösung der starren Ghettokultur des russischen Judentums unter dem Ansturm der europäischen Kultur sowie die Entstehung der nationalen Bewegung aus der Haskala, die Entwicklung der hebräischen Bewegung und die einzelnen Stadien der chowewe-zionistisehen Palästinakolonisation dargcstellt. Der Verfasser stand in all diesen Bewegungen drin, er hatte enge Beziehungen zu den hebräischen Schriftstellern dieses Zeitalters und anderen führenden Persönlichkeiten, so daß seine Memoiren eine lebendige Kultur- und Zeitgeschichte sind und zum Verständnis des modernen Zionismus und vieler Zusammenhänge unserer jüdischen Gegenwart viel beitragen. Es wäre zu wünschen, daß wenigstens eine gekürzte Fassung dieses Werkes auch in deutscher Sprache erschiene. Red. die Zeit ohne Balfour-Deklaration und ohne die große Alijah des neuen Jischub. Wie völlig anders offenbart sich die Atmosphäre jenes vergangenen Palästina: die Luft scheint durchsichtiger, der Boden jungfräulicher und das Leben ist patriarchalisch; und doch ist kaum einer der damaligen Spieler von der Bühne abgetreten. Nur neue sind hinzugekommen und haben das Antlitz des Landes verändert. Die damals führten, sind wenige unter vielen geworden, ihre Stimme gibt nicht mehr den Ausschlag. Ihre Erfahrungen beurteilen viele anders als sie, und schon gibt es manche, die sie gegen sie auswerten. Denn wie schwer die im asiatischen Palästina verbrachten Jahre für die Beteiligten auch wiegen mögen, cs waren für die meisten von ihnen doch Jahre der Ahnungslosigkeit und zionistisch gesehen Jahre der Sorglosigkeit. Betrachtungsweise, Urteil und Lebensart des Tagebuch- Schreibers kann in vielem sicher als typisch für die damals führende Schicht im zionistischen Jischub gelten. Es waren wohlhabende russische Juden, die ihre Zionssehnsucht nach Palästina gebracht hatte, wo sie sich niederließen, Handel trieben oder Farmen kauften oder auch die Einkünfte aus Geschäften bezogen, deren Schwerpunkt im Auslande lag. Es waren gebildete Männer, die selbst noch Wegbahner des Zionismus gewesen waren mit viel Initiative und viel Mut. Sprache und Herkunft verband sie mit den Arbeitern und auch mit den europäischen Teilen des alten Jischub. Politisch waren sic in der glücklichsten Lage: sie genossen als russische Staatsangehörige die Vorteile der Kapitulationen in der Türkei. Die russischen Konsulatsbeamteti in Palästina leisteten ihnen in allem Vorschub, denn Zahl und Stellung der russischen Untertanen in Palästina waren ja gleichzeitig die Grundlage ihrer eigenen Macht. So lebten die russischen Juden in Palästina in einer paradoxen Form der Freiheit und des Einflusses: Sie waren frei und einflußreich, eben weil sie Russen waren, in dem Lande, in dem sie Juden sein wollten, während ihr J udesein sie unter den Russen in Rußland gerade der Freiheit und des Einflusses beraubt hatte und ihre politische Lage in Rußland sie nicht zum wenigsten für den Zionismus empfänglich gestimmt hatte. Der Fall der Kapitulationen am Anfang des Krieges änderte ihre Stellung von Grund auf. Das Land zu verlassen' verbot ihnen nicht nur in vielen Fällen ihre zionistische Gesinnung, sondern längere Zeit wehrte sich auch die türkische Regierung dagegen. Schwer wog auch die Gefahr bei der Rückkehr nach Rußland oder in eines der Entente-Länder ins russische Heer eingezogen zu werden. Andererseits waren sie in Palästina fast völlig von ihren Geldquellen abgeschnitten und als feindliche Ausländer rechtlos der Willkür der türkischen Herrschaft ausgesetzt. So gewann unter ihnen das Bestreben, die türkische Staatsbürgerschaft und damit Rechte und Einfluß in der Türkei zu erlangen, Boden. Schon vor dem Kriege hatte als einziger unter ihnen Dr. Lurje den Gedanken vertreten, man dürfe, wenn man in Palästina wirklich leben wolle, den paradoxen Zustand nicht fortbestehen lassen, daß man in Palästina gestützt auf dh: Macht Rußlands lebe; man müsse sich dem Land völlig angliedern, sich seinen Bewohnern gleichstellen und so von innen her die Position der Juden stärken. Jetzt unter dem Druck der Notwendigkeit fanden diese Bestrebungen Verwirklichung. Wer nicht das Land verlassen wollte und konnte, wurde Ottomane. Um diese Zeit, als die wirtschaftliche und politische Kraft des neuen Jischub gebrochen war, zeigte sich seine Initiative. Es war Sorge zu tragen für die Arbeitslosen, für die Armen, für Reiche und Vermögende, die ihr Geld im feindlichen Ausland hatten, für die Schüler des Gymnasiums, die von ihren Eltern abgeschnitten waren, und schließlich für die wenigen damals existierenden zionistischen Institutionen: die Gymnasien, die Schulen und den Bezalel. Besonders in der ersten schweren Zeit, als noch keine amerikanischen Unterstützungsgelder angelangt waren, als die zionistische Bank geschlossen wurde und durch das Moratorium jeder Geldverkehr stockte, zeigten sich der Mut und die Verantwortungsfreudigkeit der führenden Schicht. Es wurden Komitees gegründet, die sich mit der Steuerung aller und jeder Not befaßten und denen es in der Tat gelang, die schwersten Katastrophen zu verhüten. Freilich war der Mut vor allem darauf gegründet, daß man die Größe der Gefahr noch nicht ganz erfaßt hatte, daß die völlige Einflußlosigkeit und Hilflosigkeit, denen man später verfiel, noch imvorstellbar waren. Man war gewohnt zu sorgen und zu helfen, Verbindungen zu haben und dadurch für sich und andere sorgen zu können, das ganze neue Palästina war wie eine einzig« große Familie, es war noch keiner hier am Hunger gestorben, und man konnte es sich auch schwer vorstellen, daß das je der Fall sein würde. Man erlangte auch nach kurzer Zeit Hilfe aus Amerika, und eine Zeitlang schien es möglich zu sein, den Jischub zu erhalten und ihn im Lande zu halten. Aber jetzt begann sich die politische Situation zu verschärfen. Waren die Zionisten zuerst nur als feindliche Ausländer verfolgt worden, so daß sie Grund zu der Hoffnung hatten, sich durch Annahme der ottomanischen Staatsangehörigkeit des Mißtrauens und der Belästigungen entledigen zu können, so trat es jetzt unter der Herrschaft Dschemal Paschas klar zu Tage, daß sie als Zionisten verfolgt und verdächtigt wurden. Es gab in der Tat Entente-freundliche Strömungen unter ihnen, es gab auch viele, die sich weigerten, die ottomanische Staatsangehörigkeit anzunehmen, welche das furchtbare Regime, das jetzt in Palästina einsetzte, ihnen verhaßt machte. In diesem Circulus vitiosus ist es schwer zu sagen, wer zuerst gegen wen stand, die Juden gegen die Türken oder die Türken gegen die Juden. Klar ist, daß die Juden die Türken verachteten und sie wohl stets verachtet hatten, besonders wegen der Korruption ihres Regimes. Die Türken aber verdienten sich diese Verachtung jetzt reichlieh durch eine skrupellose Willkürhetrschaft, die den größten Teil des zionistischen Jischub schon in den ersten Jahren aus dem Lande trieb. Diese Herrschaft behinderte jede Hilfe von jüdischer Seite; die amerikanischen Hilfsgelder wurden lange Zeit zurüdcgehalten, die jüdischen Notabein gefangen, verfolgt, ausgewiesen oder unter ständige Beobachtung gestellt. Die psychischen und auch die ökonomishen Kräfte aber wurden völlig erschöpft durch die drohende Militärgefahr. Alle Ottomanen waren waffenpflichtig, und das hieß nicht nur die Gefahr des Todes vor dem Feinde, sondern vielmehr noch der