Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 57-58 (25.7.1929)
- Date
- 1929-07-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 372 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 57/58, 25. VII. 1929 Zur Theorie des Zionismus Besprechung der Broschüre von F. Bernstein Von Th. Jeremias. Da die Broschüre von /׳. Bernstein sich in vielen Teilen gegen Anschauungen wendet, die m der ״J. R.“ vertreten wurden, ist es selbstverständlich, dass wir mit vielen Auffassungen des Autors nicht iibereimtimmen. Dennoch glauben auch wir, dass diese ernste Arbeit die Aufmerksamkeit der zionistischen Oejfentlichkett, schon als Ausgangspunkt weiterer Diskussion, verdient, wenn wir auch die Resultate der Bernstcinschen Beweis• führung nicht so positiv bewerten me der Rezensent. ■— Red. Seit langen Jahren, insbesondere seit Blumenfelds Referat auf dem letzten Kongreß, wird der Ruf nach Erneuerung der zionistischen Ideologie und nach Festigung des gedanklichen . Gebäudes unserer Bewegung vernommen. Trotzdem muß leider festgestellt werden, daß es im großen und ganzen bei diesem frommen Wunsch geblieben ist. Um so verdienstvoller ist es, wenn in letzter Stunde, kurz vor dem Kongreß, ein führender holländischer Zionist eine Broschüre veröffentlicht‘*), die jeden verantwortlich denkenden und handelnden Zionisten zur Selbstbesinnung aufnifen, zum Quell und Ausgangspunkt der Idee zurückführen will. Der Verfasser geht von der Tatsache ms, daß die Erfolge unserer Propaganda in den letzten Jahren mehr und mehr problematisch geworden sind und führt dies, da doch die objektive jüdische Situation sich keineswegs geändert, dagegen die zionistische Verwirklichung zweifelsohne bedeutende Fortschritte gemacht hat, darauf zurück, daß sich in der Grundlage unserer Ideologie etwas geändert haben muß. In der Tat sieht er diese Acnderung darin, daß man die 1 lerzl’sche Grundauffassung der Judenfrage als ״K onstc 11 ationsproble m“ aufgegeben und aus ihr ein ״Q u a I i t ä t s p r o b I e in“ gemacht hat. Das grundlegend Neue an Herzl’s Erklärung des Antisemitismus und der von ihm dementsprechend gefundenen Lösung war eben, daß man die Juden haßte, weil sie überall fremdnationale Minoritäten bilden, die, durch ihr bloßes Vorhandensein als solche, Reibung Hervorrufen, Herz! fragte also nicht nach Recht oder Unrecht, sondern konstatierte einfach eine soziologische Tatsache, die nur durch territoriale Konzentration gelöst werden könne. Die zionistische Masse konnte sich aber nicht dazu verstehen, den Antisemitismus als Gruppenphänomen zu begreifen, führte ihn vielmehr auf die jüdische Minderwertigkeit als Folge der üaluth zurück und suchte in Palästina die jüdische Regeneration, d. h. Beseitigung dieser ״Gebrechen“ und Formung des jüdischen idealtyps. Aus dieser Umstellung auf ein Qualitätsproblem ergab sich dann, daß jeder einzelne und jede Gruppe spezielle, aber nicht essentiell zionistische Wünsche in Palästina verwirklicht sehen wollite, hie und da selbst unter Hintansetzung wirtschaftlicher Grundsätze, so daß wir heute fast überall einem irgendwie bedingten Zionismus begegnen. Dagegen stellt Bernstein nur eine Bedingung: ״den Primat der sachlichen Aufbarnotwendigkeit“. In der Broschüre wird dann weiter entwickelt, wie dieses Aufgebet» der Konstellationstheorie das Aufgeben der Majoritätsforderung ermöglicht hat, da ja eine qualitative Lösung der Judenfrage unabhängig von der Anzahl der Juden im Lande ist. Damit war auch die Fassungskraft Palästinas eine erledigte Angelegenheit. Im übrigen lehnte man sich bei dieser Auffassung stark an die Ausstrahlungstheorie von Achad Ha am an. Somit bedurfte die jüdische Regeneration eigentlich keines Landes Palästina mehr, denn wenn man eine Vorstellung vom jiidischen Idealtyp hatte und überdies noch auf eine Ausstrahlung von Erez-Jtsrael auf die Galuth sich verlassen durfte, so konnte man ruhigen Herzens ״die Galuth akzeptieren und nur den gegenwärtigen Juden ablehnen“, während es gerade nach zionistischer Theorie umgekehrt sein sollte. Bernstein zeigt mit den gleichen Argumenten wie Klatzkin, daß der Ausstrahlungsgedanke mit dem wirklichen Leben in flagrantem Widerspruch steht. Ausführlich wird dargestellt, wie eine Minorität nach unveränderlichen soziologischen Gesetzen von der Mehrheit im Lande beherrscht werden muß, und zwar nicht etwa nur rein machtpolitisch, sondern nicht minder geistig-kulturell. Das gilt sowohl für die Galuth, in der die Macht des Alltags durch keine Ausstrahlung überwunden werden kann, als auch für Palästina selbst für den Fall des Zusammcnlebens einer jüdischen Minorität mit einer tremdnationalen Majorität. Also bleibt die Majorität in Palästina unabweisbares Erfordernis, wenn man nicht nur ein weiteres Stück Galuth errichten will. Die Frage der Majorität ist deshalb keine akademische, weil die zu verfol״ende Po!i ik von dem gestecken Ziel bis in Einzelheiten abhängig ist. Nur unter dem Gesichtspunkte einer jüdischen Majorität hat überhaupt das Mandat Sinn und Berechtigung. Von der Majorität zum Judenstaat Ist nur ein kleiner Schritt. Bernstein zeigt, wie sich die Assimilation gerade in der Frage eines jüdischen Staatsbedürfnisses besonders stark und tragisch manifestiert. Die Assimilation geht um so tiefer, je größer der Mangel an eigenen jüdischen Formen und Inhalten empfunden wird. Nun kann man ohne Bedenken sagen, daß ״für unser Staatsbedürfnis wir nicht einmal versuchen können, 1ms das Vorhandensein von jüdischen Werten und Lebensformen einzubilden“, wie wir das auf kulturellem Gebiete wohl probieren. Einen eigenen Staat haben wir seit 2000 Jahren nicht mehr besessen, und darum ״liegt hier das Zentrum unserer assimilatorischen Einstellung. Da sind wir am tiefsten in der Galuth verankert“. Tatsächlich wurde auch der Zionismus vom Juden instinktiv als ״staatsbildend“ empfunden und eben deshalb abgelehnt, weil er damit angeblich einen Gegensatz zwischen dem jüdischen Individuum und seinem Adoptivstaate hervorrufe. Das ist natürlich nicht der Fall, sondern er macht nur den längst vorhandenen Gegensatz bewußt. Wir haben aber gesehen, daß es sich vor allem beim Judenproblem um den Staat und bei seiner Lösung um den Judenstaat handelt. Und WTermit kommt der Verfasser zu seinem Ausgangspunkt, den Nöten der Propaganda zurück: ״weil wir jetzt dem unbefangenen Juden in den allerwichtigsten Punkten seines jüdischen Problems nichts mehr zur Lösung vorzuschlagen haben oder . . . wagen“, darum bleiben unsere Erfolge so weit hinter denen der sögenannten ״heroischen“ P״riode zurück. Hier erkennen ־wir am deutlichsten den Kern i'er Broschüre, den Angelpunkt der Bernstein’schen Kritik: eine \cn den vielen, zwecks Reduktion des zionistischen Zieles konstruierten Anpassungstheorien, die in ihrer ganzen Fragwürdigkeit und Unhaltbarkeit durchleuchtet und aa absurdum'geführt werden. — Wird also der Judenstaat als notwendiges Ziel aufgestellt, so wird der Gedanke des ״binationalen Staates“, der sich stets an das Beispiel der Schweiz anlehnte, mit eben diesem sowie anderen Beispielen entkräftet. Es sei in diesem Zusammenhang nur noch erwähnt, daß Bernstein ein ״ethisches“ Argument in Fragen der Staatsform wie jeder anderen politischen Forderung nicht anerkennt, wenigstens nicht in dem bei uns gangbaren Sinne. Er zeigt den Unterschied zwischen Chauvinismus und nationalem Selbstbewußtsein, und wie sehr gerade dieses letztere uns nottut, ja daß im Mangel an Wertgefühl die ganze P.oh'ematik unseres Oahithdaseins beruht. Der binalionale Staat wäre nicht einmal ein e'hischer Verzicht, sondern es ist sittlich einfach nicht zu rechtfertigen, wenn man ein Volk in tausend Splittern nach allen Seiten einen notwendig un¬ *) F. Bernstein: Der zionistische Gedanke auf Irrwegen, Verlag ״Die neue .Welt“, Wien 1929. gleichen Kampf führen läßt, nur um einer anderen Volksgruppe ihren Staat zu lassen. Es ist unmöglich, im Rahmen dieser Besprechung alle Probleme zu nennen, denen Bernstein zum Teil recht tiefschürfende Untersuchungen widmet. Es wird dem Verfasser zum Vorwurf gemacht ■werden, daß all sein Theoretisieren uns nicht über die Schwierigkeiten des wirklichen Lebens hinweghelfen kann. Man wird ihm seinen nüchternen Zionismus zum Vorwurf machen. Wer aber zwischen den Zeilen zu lesen versteht, und noch mehr, wer Bernstein kennt, wird wissen, daß seine nüchterne und leidenschaftslose Betrachtungsweise einer tiefen und leidenschaftlichen Hingabe an die Idee und ihre Verwirklichung entspringt. So kann nur ßtnand Kritik üben, der mit allen Fasern seines Herzens, mit angen und Bangen einer Idee verkettet ist. Alles Streben bei Bernstein ist darauf gerichtet, wieder den geraden Weg zu finden, damit die Lösung der Judenfrage keinen Aufschub erleidet oder gar durch falsche Methoden und Verschleierung des Ziels, als Folge einer verkehrten Grundkonzeption, für ewig unmöglich gemacht wird. Natürlich sieht Bernstein auch nur eine Wahrscheinlichkeit und wagt keine Garantie für Erfüllung unserer Hoffnung zu geben, ״aber die Höhe der Wahrscheinfichkeit hängt schon seit Herzl und heute noch immer von der Kraft und der Festigkeit unseres Wollens ab. Wenn Ihr cs nicht mehr wollt, ist es sicher nur ein Märchen“. Es besteht kein Zw eifel, daß Bernsteins Schrift zum Widerspruch in vielen Punkten herausfordert. Gerade deshalb ist es wichtig, daß jeder Zionist von dieser Broschüre Kenntnis nimmt. Boden« und Siedlungspolitik Von Dr. A. Granowsky, Jerusalem. Dieser Tage erscheint unter dem Titel ״Boden und Siedlung in Palästina" im Jüdischen Verlag ru Berlin ein neues Buch non Dr. 4. Granowsky, dem Leiter der Finanzabte.ilung im Hauptbüro des Keren Kajemeth Isjisrnel (geh. ,'1,00 1/., brasch. 2,50 M.; rum gleichen Preis sind auch die beiden früheren Bücher des Verfassers zu beziehen). Granowsky hat sich durch seine früheren Bücher: ,,Probleme der Bodenpolitik in Palästina" und ,.Bodenbesteuerung in Palästina", die beide in deutscher Sprache gleichfalls im Jüdischen Verlag erschienen sind, sowie, durch eine Reihe von wertvollen Auf- »ätzen die Beachtung weitester Kreise errungen. Zionisten sowohl wie andere Juden, die an den Problemen des ■iufbaus interessiert sind, Fachleute und Regierungskreise würdigen Granowsky heute als einen der besten Kenner der einschlägigen Prägen. Mit Erlaubnis des Jüdischen Verlages bringen wir als Vorabdruck einen Auszug aus einem Kapitel des neuen Buches, das sich mit dem Verhältnis der Bodenpolitik zur Siedlnngspnlitik beschäftigt und das gerade unmittelbar vor dem Kongreß von besonderer Aktualität ist. — Red. ■ . . Die Bodenpolitik ist eines der Elemente der Siedlungspolitik. Der Bodenerwerb wird aber bei uns häufig nicht durch Erwägungen siedlungspolitischer Natur entschieden und nicht in LJebereinstimmung mit den Interessen der Kolonisationsarbeit durchgeführt; im Gegenteil, durch die Bodenkäufe wird unsere Siedlungspoütik gewissermaßen festgelegt. Die Ländereien werden nicht nach einem siedlungspolitischen Plan erworben, sondern aus anderen Rücksichten mannigfacher Art, wenn nicht gar rein zufälligen Gesichtspunkten. Die siedlungspolitischen Pläne werden erst ausgearbeitet, nachdem der Boden schon erworben ist, und zwar je nach der Gestaltung des Grundstückes, seiner Lage und Größe, dem vorhandenen Quantum an Wasser, und so weiter. Der erste Bodenkauf im Emek Jesreel war für die gesamte Kolonisationsarbeit der Zionistischen Organisation der Nachkriegszeit bestimmend. Unsere Siedlungspolitik war im großen Maße eine Folge der ersten bodenpolitischen Schritte der Organisation; so hat zum Beispiel der Erwerb der Nuris- und Nahalal-Komplexe die Konzentrierung der Siedlungsarbert der Zionistischen Organisation im Emek Jesreel mit sich gebracht. Richtig wäre gerade der umgekehrte Weg: die Bodenpolitik müßte von der Siedlungspolitik bestimmt werden. Bei einer großzügigen Aufbauarbeit tut ein allgemeiner, groß angelegter und weitblickender Kolonisationsplan not. Auch die bodenpolitische Tätigkeit ist vom Standpunkt der Notwendigkeiten der Siedlungspolitik und der Entwicklung des Kolonisationsplänes zu betrachten. Die Bodenpolitik stellt den für die Siedlungszwecke notwendigen Boden zur Verfügung und schafft größere Bodenreserven für die zukünftigen Erfördernisse der Kolonisation. Bei einer geordneten kolonisatorischen Tätigkeit, die nicht dem Wechsel des Tages unterworfen und nicht von Zufallsereignissen abhängig ist, müßte ein Kolonisationsplan die Grundlage für eine zielbewußte und weitsichtige Bodenpolitik bilden. An die Stelle eines solchen Planes setzte man einen zufälligen, unsystematischen Bodenerwerb, wie er leider bei der kolonisatorischen Tätigkeit der Juden im Lande wie auch bei der Arbeit des Keren Kajemeth oft beobachtet werden konnte. Bodenerwerb kann nicht Selbstzweck sein, Boden nicht nur um seiner selbst willen erworben werden. An sich ist Boden ein totes Obiekt, das keinen volkswirtschaftlichen Wert besitzt. Diesen erhält er erst, wenn er als Mittel für die Produktion bei der landwirtschaftlichen, oder für Wohn- und Arbeitsstätten bei der städtischen Kolonisation benutzt wird. Deswegen muß auch für die Beurteilung der bodenpolitischen Tätigkeit die kolonisatorische Leistung ausschlaggebend sein, die — auf welchem Gebiete immer — auf diesem Boden vollbracht werden kann. Wichtig ist, welche Rolle im Siedlungsprozeß der Boden zu spielen berufen ist, welche kolonisatorische Betätigung er zuläßt, wie vielen Menschen er eine Existenzmöglichkeit im Lande verschafft, mit anderen Worten, der Volkswirtschaftliche Nutzeffekt des Bodens als eines der Mittel der Produktion. Herzl in seinen Tagebüchern Von SCHMARJA GORELIK herausgegeben zum 2 5. Todestage von Theodor Herzl. Preis 50 Pfennig. Zu beziehen dureh die Z.V.I.D. Berlin W15, Meinekestr. 10 Postscheck-K.: Berlin 8091 Nicht die Anzahl der Dun am, die in den jüdischen, ja sogar in den Keren Kajemeth-Besltz übergegangen sind, werden das Land jüdisch machen, sondern die Zahl der arbeitenden und produzierenden jüdischen Menschen. Ginge durch ein Wunder der gesamte freie Boden Palästinas sofort formell 111 jüdischen Besitz über, so wäre damit die Frage der jüdischen Heimstätte noch keineswegs gelöst. Die entscheidende Frage des Aufbaus — das sollten wir nie vergessen — ist die Bildung der jüdischen Mehrheit rm Lande. Der Weg dazu liegt vor allem in einer Bodenpolitik, die die größtmögliche AnzAl von Menschen mit dem Lande verwurzelt. Für unsere nationale Bodenpolitik müssen in Zukunft vor allem der Siedlungswert des Bodens und die ihm innewohnenden Möglichkeiten, jüdischen Menschen den Weg zu produktiver Betätigung zu ebnen, maßgebend sein. Legt man in erster Reihe Gewicht auf den Siedlungswert des Bodens, 90 ergeben sich für unsere Bodenpolitik eine Reihe von zwingenden Konsequenzen prinzipieller und praktischer Natur. Daher ist es notwendig, überall, wo Siedlungsmöglichkeiten vorhanden sind, Ländereien zu erwerben und bei jeder größeren Niederlassung im Lande, vor allem aber in der Nähe jüdischer Sicdlungspunkte, Bodenreserven zu schaffen. Durch die Bildung von größeren Zentren werden neue Arbeitsgelegenheiten geschaffen, die wieder die Aufnahme neuer jüdischer Ansiedler ermöglichen. Das ist auch einer der Gründe für die Notwendigkeit einer städtischen Bodenpolitik. Es war ein großer Schaden für Tel-Awiw, daß es keine Bodenreserven besaß, die den Tausenden von Arbeitenden in der Stadt Niederlassungsmöglichkeiten geboten hätten. Die schwere wirtschaftliche Krise, die Tel-Awiw in den Jahren 1926—1928 durchmachte, wäre viel leichter zu ertragen gewesen, wenn die neueingewanderten arbeitenden Elemente nicht in der Stadt zusammengepfercht zu einem unproduktiven Leben gezwungen gewesen wären, sondern einen Rückhalt in einer eigenen kleinen Wirtschaft auf einem Stückchen Boden in der Nähe Tel-Awivvs gehabt hätten. Die Stadt hätte wirtschaftlich ganz anders dagestanden, wenn sie von Vorstädten und Siedlungen umgeben gewesen wäre, wo die Leute auf kleinen Parzellen ihre Existenz oder wenigstens eine Erleichterung ihres schweren Daseinskampfes gefunden hätten. Hätten sie durch eine eigene Heimstätte einen wirtschaftlichen Rückhalt gehabt, so hätten wir heute sicherlich weit mehr Menschen, in denen eine enge Verbundenheit mit dem Lande lebendig wäre. Der Mangel an Boden und die Boden- Spekulation, die für das Tel-Awiw der Hausse-Periode der Jahre 1924—1925 kennzeichnend sind, haben vielfach die Krise hervorgerufen und Scharen unglücklicher und verzweifelter Menschen zum Verlassen des Landes gezwungen. Der Umstand, daß in den entscheidenden Jahren der großen Einwanderung nichts unternommen wurde, was den städtischen Elementen den Zutritt zum Boden ermöglicht hätte, wodurch die Krise in Tel-Awiw gelindert, ja zum Teil verhindert worden wäre, ist hauptsächlich dadurch zu erklären, daß der Keren Kajemeth in der Umgebung der Stadt über keinen Boden verfügte, den er für die Niederlassung dieser Elemente hätte bereitstcllen können. Es hat sich bitter gerächt, daß die Institution, die eine nationale Bodenpolitik durchführen sollte, nicht rechtzeitig, das heißt bei der Begründung Tel-Awiws oder in den ersten Jahren seines Bestehens oder sogar noch in den ersten Nachkriegsjahren, ehe es aus einer Vorstadt Jaffas zu einem selbständigen städtischen Zentrum angewachsen war, größere Bodenreserven in der Umgebung der Stadt erworben hat, die damals zu billigen Preisen leicht zu bekommen gewesen wären — dieselben Böden, die später mit dem Einsetzen der raschen Entwicklung Tel-Awiws unerschwingliche Preise erreicht haben und zu Objekten der Spekulation geworden sind. Eine vorausblickende Bodenpolitik hätte sehen müssen, daß Her die Vorbedingungen für eine neue größere Niederlassung gegeben waren, die bedeutende Arbeitsmöglichkeiten mit sich bringen würde. Sie hätte rechtzeitig daran denken müssen, daß es für die *künftigen Einwanderer einen großen Nachteil bedeuten würde, wenn sie zu der Zeit, da sie sich in der Stadt würden ansässig machen wollen, keinen Boden zu vernünftigen Bedingungen bekommen würden. Eine jüdische Stadt bietet große Arbeitsgelegenheiten für die neuen Einwanderer, die durch die Schaffung von Ansiedlungsmöglichkeiten am besten ausgenutzt werden können. Die Voraus- Setzung hierfür ist die Schaffung von Bodenreserven im Umkreis der Stadt. Wie aber sah es in Wirklichkeit aus? Als in Tel-Awiw infolge der großen Einwanderung, der fieberhaften Bautätigkeit und der raschen Vermehrung der arbeitenden Massen die große Hausse einsetzte, und man sich der ungeheuren Wichtigkeit der Beschaffung von Heim- und Arbeitsstätten für städtische Arbeiter bewußt wurde, war es schon zu spät. Man konnte keinen Ausweg mehr finden. Boden war entweder überhaupt nicht oder nur zu Preisen zu bekommen, die eine gedeihliche Entwicklung von vornherein unmöglich machten. Die Geschichte des ersten Versuchs der Gründung einer Arbeitersiedlung (Schchunath-Owdim) bei Tel-Awiw bestätigt dies. Der Durchführung dieses so wichtigen Projektes stand vor allem das Hindernis entgegen, daß passender Boden nicht zu bekommen war. Da man einen Preis von 100 Pfund pro Dunam nicht zahlen konnte, mußte man Böden nehmen, die in größerer Entfernung von der Stadt liegen — ein Umstand, der der Verwirklichung des Gedankens der ״Schchunath-Owdim“ in vieler Beziehung hindernd im Wege steht. Eine ähnliche Situation steht allen Städten des Landes bevor. Jede Stadt bietet den Juden Arbeitsgelegenheiten und Möglichkeiten für ihre Niederlassung und ihre Verwurzelung mit dem Lande. Um diese aber ausnutzen zu können, müssen ׳ in der Nähe einer jeden Stadt — ob sie mm eine rein jüdische, eine gemischte oder sogar eine rein arabische Bevölkerung hat — Bodenreserven geschaffen werden, die die künftige Ansiedlung von Juden ermöglichen und Wohnstätten für die arbeitenden Elemente vorsehen. Es muß mit Bedauern festgestellt werden, daß der Keren Kajemeth weder im Umkreis der alten noch der neuen, weder der jüdischen noch der arabischen Städte des Landes Boden besitzt. Und was man in Tel-Awiw erlebt hat, wird auch in anderen Städten, vor allem in der zukunftsreichsten des Landes — in Haifa — in Erscheinung treten, sobald einmal eine entsprechende Entwicklung eingesetzt haben wird. Ganz ähnlich liegt die Sache in den älteren jüdischen Kolonien, wo ein schwerer Kampf um die Durchsetzung der jüdisehen Arbeit geführt wird. In den größeren Kolonien, wie Petach Tikwa oder Rischon le Zion, Rcchoboth oder Sichron Jakob, Chedera oder Rosch Pinaarbeiten Tausende arabischer Taglöhner. Und als es den jüdischen Arbeitern nach vieler Mühe und Not, nach großen Entbehrungen und Anstrengungen ״,׳dlich gelangen war, in Kolonien wie zum Beispiel Petach Tikwa, in größerer Anzahl Fuß zu fassen, als die Lösung des Problems der jüdischen Arbeit in den älteren Kolonien viel näher gerückt schien, stieß man auf dieselbe Schwierigkeit wie im vorerwähnten Falle von Tel-Awiw, nämlich den Mangel an Boden. Die Frage der Sicherung der jüdischen Arbeit in den Kolonien gehört ebenfalls zu dem Problem einer Bodenpolitik, die siedlungspolitische Zwecke verfolgt. Um den Arbeitern die Existenz in den Kolonien zu ermögliehen, müßte ihnen Boden für Wohn- und Unterkunft sstatten, den Gruppen für ihre Hiifswirtschaften und den Einzelfamilien für Häuschen und Gärten zur Verfügung gestellt werden. Weser Boden aber ist nicht vorhanden. Auch hier liegt ein Verschulden der Bodenpolitik des Keren Kajemeth vor. Das System, das wir einmal als eine Geulath-Haarez — im