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Jüdische Rundschau · 1929-07-25 · Heft 57-58 (25.7.1929) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 57-58 (25.7.1929)
Date
1929-07-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 57/58, 25.VH.1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 371 Organisation und Ideologie Zionistische Bildungsarbeit Feststellungen und Vorschläge Von Gerhard HoId 11 eim. Das Problem einer tauglichen Einführung in die zionistlsehe Ideenwelt und einer gründlichen Weiterbildung von jungen Zionisten wurde schon vor dem Kriege als nicht ganz einfach lösbar empfunden. Die Ausbildung, die wir vor dem Kriege empfingen und Weitergaben, war — wenn sie auch mit der heute erforderlichen in ihrem Ausmaß sich nicht vergleichen läßt — keineswegs gering. Sie war erforderlich, um Menschen, die aus Stimmungen und einmaligen Erlebnissen zum Zionismus kamen, in unserer Vorstellungswelt zu verankern. Daß auch heute noch unsere Ausbildung zu einem großen Teile dem Zwecke dient, den Neuling in seinem Zionismus zu befestigen und ihn zur Weitertragung der Idee zu befähigen, versteht sich von selbst. Die fundamentale Wandlung der zionistischen Ge• Samtsituation hat jedoch auch dem zionistischen Bildungs- Problem einen neuartigen Aspekt gegeben. War früher der Bildungsstoff fast ausschließlich theoretischer Art, so verlangt die Epoche der Verwirklichung, daß den größten Raum in der zionistischen Schulung die weiten Gebiete der Politik und der Kolonisation einnehmen. Der gesamte Komplex der Fragen, die unmittelbar und mittelbar die Errichtung des jüdischen Natkmalheims berühren, gehört nunmehr zum Wissensbereich des aktiven Zionismus. Wenn heute die Kenntnisse der Probleme und Tatsachen nicht nur des jüdischen Aufbaus, sondern darüber hinaus des Landes Palästina als Teilgebiet des Vorderen Orients als unentbehrliche Elemente einer adäquaten zionistischen Ausbildung zu bezeichnen sind, so hat dies nicht seine Ursache in den Notwendigkeifen der Propaganda. Um die breite Masse der Juden, insbesondere der Jugend, für den Zionismus zu werben, braucht man weder ein Spezialist für Mandatsfragen noch ein besonderer Kenner der palästinensischen Wirtschaftspolitik zu sein. Der Entschluß, Zionist zu werden, basiert heute wie früher auf seelisehen Tatbeständen, und die stärkste Werbekraft repräsentiert nicht, wer das Höchstmaß an Kenntnissen, sondern an Wärme und Ueberzeugung vermittelt. Dem steht nicht entgegen, daß auch die besonderen Zwecke der Propaganda eine Schulung benötigen, und die in dieser Richtung jüngst begonnenen Vorsuche der Z. V. f. D. sind äußerst begrüßenswert. Um mit Erfolg neue Menschen zu gewinnen, bedart es einer gehörigen Portion Erfahrung■ und Kenntnis der psychologischen Beningungen der mannigfaltigen Kategorien der heutigen Judenheit. Kein Zweifel, daß außerdem ein Mindestmaß an positiven Kenntnissen auch für die Werbearbeit erforderlich ist. Auf Grund meiner eigenen Erfahrungen weiß ich jedoch, daß eine qualifizierte Beherrschung des politischen und ökonomischen Komplexes nur in Ausnanmefällen zur praktischen Verwertung gelangt. Gewöhnlich geht der Kampf um höchst primitive Einwände, deren sachliche Widerlegung leicht ist una hinter denen sich nur die Affekte verschanzen, auf deren geschickte und kunstvolle Niederringung es eigentlich ankommt. Warum wird dennoch eine exakte Durchbildung im politischen und ökonomischen Komplex als zwingende Forderung erhoben? Die Antwort lautet: Weil es ohne solche Kenntnisse unmöglich geworden ist, die Vorgänge im Zionismus und in , Palästina zu verstehen und auf leitendem Posten in 4er Beweguitg־ mitzuarbeitea Die Zahl derer, die den zionistischen Bilaungsstoff soweit beherrschen, daß sie zur Beratung und Entscheidung der aktuellen Fragen wirklich legitimiert sind, ist erschreckend gering. Meist herrscht eine geradezu erregende Ahnungslosigkeit, und der Dilettantismus, mit dem schwierige Probleme in Ortsgruppen und Verbänden behandelt werden, ist schauerlich. Da, wo nur subtile Kenntnis zur Meinungsbildung führen kann, regiert das Schlagwort Jünglinge, die sich Revisionisten nennen, bekämpfen den ״binationalen Staat“ mit einer Begeisterung, die von keiner Sachkenntnis getrübt ist. Man schwört auf die verba magistri, ohne zu prüfen. Man kann nicht prüfen, weil die Materialkenntnis völlig fehlt. Wer weiß schließlich etwas von englischer Geschichte und von der Near East-Politik des British Empire. Wem sind die Araber mehr als ein Volksstamm, der von Gott eigens dazu geschaffen wurde, um den Zionisten die Unbequemlichkeit der ״Araberfrage“ zu schaffen? Schlagworte, Klischees auf allen Seiten! Welch erschreckende Urteilslosigkeit und Wissensunbeschwertheit i» manchen sozialistischen Jugendkreisen, die mit marxistisehen Vokabeln um sich werfen und sich mitunter dazu versteigen, in der zionistischen Kolonisat ionspolitik nur Herren- und Ausbeutertum zu sehen. Ein anderer Begriff: Konsolidierung. Um hierzu verantwortlich Stellung nehmen zu können, bedarf es doch gründlicher Kenntnis der bisherigen Siedlungs- und Finanzpolitik. Wer aber hat diese? Wer weiß überhaupt mehr von Palästina als das, was in der Presse steht und in Parteiversammlungen geredet wird? Notabene, wird denn die Presse überhaupt von vielen gelesen, werden Versammlungen noch rege besucht? Ein trauriges Bild. Man muß die Schwierigkeiten des zionistischen Bildungs- Problems in aller Klarheit erkennen, wenn man seine Lösung suchen will. Das Bildungsproblem ist Untrennbar verbunden mit der Nachwuchsfrage. Wir brauchen Menschen, die in zentralen Gremien sitzen, Ortsgruppen und Verbände leiten, politische Verhandlungen führen können. Verjüngung der Organisation, neue, unverbrauchte Gesichter in den Beratungszimmern, Bewegung anstatt Erstarrung! Daß der Nachwuchs fehlt, hat fewiß mancherlei Ursachen, über die in anderem Zusammenange oft gesprochen wurde. Aber es gibt immerhin eine ganze Anzahl junger Leute, die starkes zionistisches Interesse mit hinreichenden geistigen Gaben verbinden und zu tätiger Mitarbeiterschart prädestiniert sind. Warum treten solche Mensehen nicht hervor, warum sitzen sie stumm und bescheiden bei Debatten und unterbrechen nie mit einem frischen Wort die rednerischen Kämpfe der Altmeister? Eben nur, weil ihnen die Vorbildung fehlt, um verantwortlich mitsprechen zu können. Hier kann und muß Abhilfe geschaffen werden. Während der letzten zehn Jahre habe ich dreimal versucht, durch Veröffentlichung von mehr und weniger umfangreichen Kompendien den zionistischen Bikhmgsstoff in systematische Form zu bringen. Aber sowohl bei den ״Theoretischen Grundlagen des Zionismus“ (Holdheim-Preuß) als auch beim ״Zionistisdren Handbuch“ und schließlich bei meinem letzten Palästinabudi (welch letzteres allerdings zu einem erheblichen Teil auf Außenwirkungen abgesteljt war), war ich mir bewußt, von welch zweifelhaftem Wert es ist, Fertigfabrikate zur Bedienung ie nach Gebrauch unseren Zionisten vorzusetzen. Eine schauerliehe Vorstellung, daß nun jeder Hans Dampf, allein aut mein Buch gestützt, zu Vorträgen und Kursen sich bemüßigt fühlen könnte. Sinn und Berechtigung meiner Publikationen taff in anderem. Sie sollten all denen, die ihrem Interesse und ihrer Veranlagung nach für intensives Studium nicht in Frage kommen, eine übersichtliche Information geben. Und darüber, daß es besser ist, wenn jemand ein kurzes, zusammenfassendes Buch als gar nichts über Zionismus und Palästina liest, gibt es wohl keinen Streit. Jenen anderen aber, die die Fähigkeit zur Weiterbilflung besitzen, wollte mein Buch nur Anreger sein zu wirklichem Quellenstudium. Dabei ist es nicht erforderlich, daß jeder den Ehrgeiz spüren muß, sämtliche Teilgebiete wissenschaftlich durchzuarbeiten. Man kann auch zu gesundem Urteil in zlonistischen Fragen gelangen, ohne fachmännische Schriften über Zitrus- und Bananenkultur gelesen zu haben oder das Verwaltungssystem Palästinas gründlich zu kennen. Dem liegt jenes Gebiet näher, jenem ein anderes. Andererseits gibt es Schlüsselprobleme der zionistischen Bewegung und der palästinensischen Wirtschaft, über die ein jeder nicht nur nachaenken, sondern auch von Grund auf sich belehren muß. Vor allem gilt es, ein anschauliches Bild vom Lande, seinen Menschen und seinen Bedürfnissen zu bekommen — wobei trotz Reisen und Studium der peinliche Rest zu tragen bleibt, daß wir außerhalb Palästinas leben. Es ist viel zu wenig bekannt, daß jedem, der ernsthaft die Probleme studieren will, schon heute ein äußerst reichhaltiges, sofort zugängliches und übersichtliches Material zur Verfügung steht, ln erster Reihe nenne ich die Berichte der Zionistischen Exekutive bzw. der einzelnen Departements an die letzten Kon• gresse, die eine Fundgrube an wissenswertem Stoff bedeuten. Weiterhin scheinen mir Teile des Blaubuchs (Report of the Palestine Joint Survey Commission), das jetzt auch in deutscher Sprache voriiegt, eine recht bildende Palästinalektüre zu sein. Von periodisch erscheinenden Publikationen verdient die Zeitschrift ״Palästina“ vorderste Erwähnung, die unbegreif- Iicherweise nur von sehr wenigen gelesen, geschweige denn (trotz ihres billigen Preises) abonniert wird. Hier wird schlechterdings das gesamte Material in politischer, wirtschaftlicher, sozialer und lailtureller Hinsicht vorbildlich exakt und wissenschaftlich bearbeitet. Die Leistung Adolf Böhms, des Herausgebers, erweckt immer wieder Erstaunen. — Ueber die aktuellen Vorgänge in der zionistischen Bewegung und in Palästina orientieren ferner regelmäßig die Zionistische Korrespondenz (Ziko) sowie die großen zionistischen Zeitungen. Eine ausgezeichnete Funktion erfüllt die von der Exelaitive zusammengestellte ״Presse-Revue“, die wöchentlich über die bedeutendsten Publikationen aus der zionistischen und palästinensischen (auch arabischen) Presse referiert. Daß neben all diesem dem hebräisch Vorgebildeten die Lektüre einer palästinensischen Zeitung oder Zeitschrift zur Erlangung eines unmittelbaren Eindrucks zu empfehlen ist, versteht sich von selbst. Wir besitzen auch mancherlei vorzügliche Monographien über Teilprobleme. Um nur einiges, was mir gerade einfällt, zu erwähnen: Die Schriften von Granovsky über Boden- und Sieuerrecht, die Arbeit von Manka Spiegel ״Das Völkerrechtliehe Mandat und seine Anwendung auf Palästina“. Die Schrift von Felix Pinner, die recht instruktiv ist, ist leider schon etwas veraltet (1925). In demselben Jahre erschien Ruppins Buch ״Die landwirtschaftliche Kolonisation der Zionistischen Organisation“, das auch heute noch mit Vorteil gelesen werden kann. Von aktueller Bedeutung ist Ruppins Referat auf dem XV. Kongreß, das, wenn ich nicht irre, in einem Sonderdruck erschienen ist. Publikationen unseres Fonds, die gutes Ziffernmaterial enthalten, gibt es reichlich. Das Hauptbüro des Keren Hajessod gibt laufend kleine Druckschriften über die neueste Entwicklung der Kolonisation, Industrie usw. heraus. Von Nutzen ist die Lektüre der Sammelschrift des Keren Kajemeth 25״ Jahre Keren Kajemeth Lejisrael“ (1927). Wenn man das Studium der vorerwähnten Veröffentlichungen mit der regelmäßigen Lektüre der ״Jüdischei Rundschau“, lieh erscheint im diesem Zusammenhänge die Anregung von Dr. Kohner, Karlsbad (in seiner Antwort auf die Enquete der Zionistischen Exekutive), daß ein- Ns zweimal jährlich ein Sammelreferat über alle in der jüdischen Presse erschienenen Aufsätze zu erstatten sei, wo auf Literatur und statistisches Material hingewiesen werde. Eine weitere dringende Notwendigkeit sei die Anlegung von Sachregistern der bestehenden bedeutenderen zionistischen, aber auch jüdisch-wissenschaftlichen Zeitschriften. Der Zweck dieses Aufsatzes wäre jedoch nur zu einem Teil erreicht, wenn ich mich auf den Hinweis beschränken würde, daß schon jetzt enorm viel Quellenmaterial ״sofort greifbar“ ist. Wir müssen m. E. systematisch zu einer zionistischen Bibliographie gelangen, wo in Einzelabhandlungen bzw. Sammelschriften Kerngebiete des Zionismus möglichst von autoritativer Seite behandelt werden sollen. Aus Raumgründen kann ich hier nur einige wenige Vorschläge machen, die ich jedoch substantiieren una zu erweitern gern bereit bin. Vorerst scheint mir eine Geschichte der zionistischen Ideologie zu fehlen. Hans Kohtt hatte vor sechs Jahren auf meine Bitte einen Aufsatz über dieses Thema für das ״Zionistische Handbuch“ geschrieben, der auf den heutigen Stand gebracht, etwas ausführlicher gestaltet werden und dann in Broschürenform erscheinen sollte. Bei der Darstellung der einzelnen Theoretiker müßten deren wichtigste Schriften genannt sowie Monographien und bedeutende Aufsätze, die gelegentlich über sie veröffentlicht wurden in einem Literaturverzeichnis zusammengesteift werden. Weiter fehlt dringend eine Schrift über die Geschichte des Kongreßzionismus. Notwendig wäre es, daß diese Arbeit auf eine kritische Würdigung der Geschehnisse weitgehendst Ver• zieht leistet und sich mit einer anspruchslosen Chronik der Weg- Stationen begnügt. Zum Thema der zionistischen Geschichte sollten außerdem noch zwei Schriften herausgebracht werden. Erstens: Eine gesonderte Darstellung der zionistischen Politi k von dem Beginn der politischen Verhandlungen während des Krieges, also von 1915 bis zum Weißbuch. Dieses Thema bildet ein Kapitel einer Doktordissertation, die mir im Manuskript gegenwärtig zur Begutachtung vorliegt. Der Verfasser der Dissertation könnte m. E. ohne Mühe den erwähnten Gegenstand in einer Sonderarbeit schreiben. Zweitens: fehlt eine historisch und ideologisch fundierte Abhandlung über ״Die jüdische Arbeiterbewegung“. Mein ״Zionistisches Handbuch“ enthielt drei Aufsätze hierüber von Rudel-Franz Meyer, Tartakower und Lewinson, dem damaligen Vorsitzenden der Weltorganisation des Hechaluz. Diese Aufsätze müßten inhaltlich verbunden und bis zur neuesten Zeit vervollständigt werden. An weiteren Monographien, deren Publikation ein dringendes Bedürfnis der zionistischen Ausbildüng ist, nenne ich: Palästina im Rahmen der englischen Orientrwlitik, unter besonderer Berücksichtigung der englischen Middle East-Poütik seit 1914“. Ferner: ״Geschichte und Struktur der arabischen Bewegung“. (Ueber dieses Thema •würde Hans Kohn wohl leicht einen populär gehaltenen Auszug aus dem ent* sprechenden Teil seines großen Werkes machen können.) Außer* dem müßte erscheinen: Eine Sammelschrift über die ״Araberfrage“. Diese sollte in einem ersten Teile anschauliche Dar- Stellungen vom Wesen und den Lebensformen der verschiedenen Kategorien der palästinensischen Araber geben. Man hat bei «ns ja kaum eine leise Vorstellung von dem unmittelbaren Leben und den religiösen und soziologischen Differenzierungen dieses Volkes. Wir brauchen demnach auf Kenntnissen und Erfahrung sich gründende Aeußerung von Leuten, die entweder, in Palästina geboren, von Kindheit an mit Arabern zusammengelebt oder später durch ihre» Beruf, etwa als Aerzte, in intime Berührung mit den Arabern, gekommen sind. Es kann wahrhaftig nicht schwer sein, derartige Autoren zu gewinnen. In einem zweiten Teil müßte die Sammelschrift Meinungsäußerungen über Jacobsohn, Hans Kohn, Jabotinsky, Bin Ourion, Arlosoroff, Landauer.) Andere Einzeldarstellungen, z. B. über Industrie, Rechts- Verhältnisse, Erziehungswesen, können aus Raumgründen hier nicht näher bezeichnet werden. * Ich muß schließen. Meine Forderung lautet, daß der gesamte Komplex unserer Bildungsarbeit, soweit er sich mit Zionismus und Palästina befaßt (von jüdischer Geschichte, Volkskünde, Hebräisch wird in diesem Zusammenhänge überhaupt nicht gesprochen) von einer zentralen Stelle mit größter Energie bearbeitet werden soll. Man darf es nicht mehr dem Zufall überlassen, ob der oder jener sich zu Publikationen über Teilgebiete entschließt, deren Kenntnis für den tätigen Zionisten unentbehrlich ist. Die Leitung hat dafür zu sorgen, daß das vorhandene Material gesichtet, neue Veröffentlichungen in Angriff genommen, notwendige Anregungen gegeben werdan. Wer Kurse erteilen, zu eigener Ausbildung Rat und Anleitung sich verschaffen, Doktorarbeiten schreiben will, muß wissen, daß er sich irgend wohin mit Erfolg wenden kann. Das Ziel ist, alle Bedingungen zu schaffen, um den Dilettantismus zu überwinden und einem wenn auch begrenzten Kreise zur Sachkenntnis zu verhelfen. Das Ziel ist erreichbar. Zionismus ist keine Geheim- Wissenschaft, in die nur Auserwählte einzudringen vermögen. Nicht jeder, der viel Kenntnisse sich aneignet, wird ein großer Mann 1m Zionismus werden; dam gehört natürlich mehr. Ohne gediegene Ausbildung aber werden selbst die Fähigsten resignieren müssen. Wir müssen alles tun, um wahrhafte Reprisentanten und Experten des Zionismus heranzubilden. Zur Organisation Von Dr. M. J. Bodenheime r, Köln. Wie wenig Interesse in weiten zionistischen Kreisen für diese wichtige Frage der Bewegung besteht, ergibt sieh daraus, daß die grundlegende Denkschrift und der Materialienbericht hierüber, den Dr. Munk gemeinsam mit mir im Jahre 1910 ausgearbeitet hat und in dem Vorschläge auf Grund der geschichtlichen Entwicklung unserer Organisation gemacht wurden, in Verlust geraten konnte, obgleich diese Drucksache in mehreren 100 Exemplaren der Jahreskonferenz zur Verfügung gestellt worden war und dort den Gegenstand der Beratungen f" . werden, ohne daß die Vorgeschichte und die Gründe, die zur Einführung, Beibehaltung oder Aenderung einzelner Vor- Schriften geführt hatten, bekannt wären. Ich erwähne diesen Umstand, weil ich hoffe, daß sich noch ein Exemplar dieser Druckschrift in irgendeinem zionistischen Archiv finden wird. Zur Sache selbst schließe ich mich den Vorschlägen von Rosen blüt h und Schachtel an, daß nunmehr folgerichtig das Wahlrecht zum Kongreß von der Schekelzahlung für die beiden vorhergehenden Jahre vor der Wahl abhängig sein sollte. Eine Ausnahme könnte bewilligt werden für diejenigen, die sich erst im Laufe des letzten Jahres der Organisation angeschlossen haben.!Dieser Vorgang könnte durch eine Mitgliederliste kontrolliert werden, die von den Orts- oder Bezirksgruppen aufzustellen ist. Eine weitere Regelung betrifft das Verhältnis von Lan• des- und Sonderyerbänden, Die Landesverbände sind Dach-Organisationen, die außer der Propaganda einer tormalen Zusammenfassung der Zionisten eines Landes dienen. Die Sonderverbände sind Weltanschauungsgruppen, die sich innerhalb der Landesverbände vercinsmäßig organisieren. Die Schekelpropaganda ist Aufgabe der Landesverbände. Daraus ergibt sich, daß der Einheitsschekel beibehalten werden muß. Es ergibt sich hieraus weiterhin, daß alle in einem Lande wohnenden Zionisten dem Landesverband angehören müssen, der sich in Bezirks- oder Ortsgruppen gliedert. Jeder Zionist muß verbunden sein, außer dem Einheitsschekel einen Landesschekei zu entrichten, der zur Hälfte der zentralen Landesorganisation, zur Hälfte den Orts- oder Bezirksgruppen zu fließt. Den Vereinen der Sonderverbände steht dann selbstverständlich das Recht zu, von ihren Mitgliedern Beiträge zu erheben, deren Höhe der Sonderverband bestimmt. Bei dieser Organisation haben die Landesverbände, die nur einen formalen Zweck haben, auf dem Kongreß keine Bedeutung. Dort kommen lediglich die Sonderverbändc als Frakftonen zur Geltung. Ueber die Rechte der Fraktionen muß eine angemessene Geschäftsordnung Bestimmungen treffen. Eine schwierige und für die Fortexistenz der Organisation entscheidende Frage ist die des Verhältnisses zu dem nichtzionistischen Teil der ״Agency“, über deren grundsätzliche Neubildung die Akten ja einstweilen geschlossen sind. Die seheinatisene Trennung in gleichviel zionistische und nichtzionistische Vertreter, von der bisher immer die Rede war, ist für die Stoßkraft der zionistischen Propaganda höchst gefährlich. Wenn man an dem Aufbau der Nationalen Heimstätte in Palästina mitarbeiten kann, ohne der Zionistischen Organisation anzugehören, fällt für die meisten Zionisten der wichtigste Zweck weg, der sie ins Lager der Zionistischen Organisation geführt hat. Für die zionistische Goluspolitik interessiert sich nur ein verhältnismäßig gar nicht beträchtlicher Teil unserer Anhänger. Für diese Politik, soweit sie Gemeindefragen betrifft, sind auch besondere Organisationen geschaffen worden, die keinen rein zionistischen Charakter tragen, wie z. B. die jüdische Volkspartei in Deutschland und die jüdischen Parlamentklubs in Ländern jüdischer Massensiedlung. Nur die nationale Goluspolitik kann aber für die Folge als kennzeichnendes Merkmal der zionistischen Bewegung betrachtet werden, wenn die Jewish Agency nicht mit der jetzt üblichen Unterscheidung von Zionisten und Nichtzionisten ein Ende macht. Es darf für die Folge keinem Zweifel unterliegen, daß es sich in der Agency nicht um die Unterscheidung von Zionisten und Nichtzionisten, sondern nur um eine solche zwischen Vertretern der Zionistisehen Organisation und nichtzionistischer Verbände handelt. Beiden Vertragsparteien muß es grundsätzlich freistehen, ob sie Zionisten oder Nichtzionisten in die Agency entsenden wollen. So merkwürdig dies auf den ersten Blick für uns Zionisten erscheint, so braucht doch nur darauf hingewiesen zu werden, daß cs vielleicht einmal im Interesse der Zionistischen Organisation oder des Aufbaues liegt, einen hervorragenden Fachman», der der Zionistischen Organisation nicht angehört, in die Agency zu entsenden. Im übrigen dürfte ja jedem klar sein, daß die Entwicklung der Jewish Agency mit dem jetzt geplanten Statut nicht als abgeschlossen be rächtet werden kann. Als ideale Lösung der Zusammensetzung der Jewish Agency ist allein der jüdische Weltkongreß für den Aufbau Palästinas als Nationaler Heimstätte des jüdischen Volkes zu betrachten. Erst wenn diese neue Organisation geschaffen wird, wird der formale Unterschied zwischen den Mitgliedern der Zionistischen Welt-Organisation und den Nichtzionisten der Agency verschwinden. Diesen Unterschied nenne ich einen formalen, weil nach dem Zweck des Mandats und dem Inhalt der Balfourerklärung für diejenigen, die an dieser Aufgabe mitarbeiten, kein Unterschied der Weltanschauung bezüglich des zukünftigen Palästinas bestehen kann.

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