Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 57-58 (25.7.1929)
- Date
- 1929-07-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 57/58, 25. VIT. 1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 369 mit einem Sprung vom Gafuth zum ,״Judenstaat“. Die Tradition ist es, die sich langsam in Fortsetzungen verwirklicht. Für die Neuerung aber besteht kein Hindernis. Sic kommt mit einem Sprung über Raum und Zeit. Im ״Judenstaat“ spricht er einfach von einem Staat, erst später stellt er sich auf Palästina um. Er ist nicht der erste in dieser Hinsicht. Schon Pinsker spricht zuerst einfach von einem Staat. Palästina aber ist schon Tradition. Palästina wird diktiert von einer historischen Vergangenheit. Man mul! sich erst umwenden, der Vergangenheit zu, ehe man zu Palästina gelangen kann. Er ruft den ersten Kongreß zusammen. Eine Neuerung. Keiner hat daran geglaubt, daß man die ״Sammlung der Zer• streuten“ in Miniatur demonstrieren kann, wie das im ersten Kongreß zum Ausdruck kam. Juden aus verschiedenen Ländern sollen Zusammenkommen und ganz offen darüber sprechen, daß man dem Oaluth ein Ende machen soll; der ganzen Welt die Wahrheit ins Gesicht sagen und für sich eine staatliche Existenz verlangen! Keiner hat das erwartet. Es ist ein weiter Sprung über lange Generationen und Epochen. Das Eis ist gebrochen. In der jüdischen Geschichte hebt eine neue Periode an und diese Periode beginnt nicht mit dem Mann, der in sich die Tradition verkörpert, sondern mit dem Mann des Sprunges, der Erneuerung. Der Ruf des Fremden aus dem Westen wirkt wie ein Zauber auf die Brüder im Osten. Viele von ihnen hören zum ersten Male seinen Namen, kennen nicht sein Angesicht, und doch zieht er sie zu sich wie mit magnetischer Kraft und sie krönen ihn zum Führer. Die Frage, wer steht an der Spitze, wem übergibt inan die Führerschaft, wird überhaupt nicht gestellt. Sie ist jedem klar. Gestern ein Fremder, heute ein Führer. Der sich anschickt Wunder zu schaffen, wird selbst ein Wunder. Die Geführten kamen nicht mit feeren Händen. Sie brachten mit sich ihre Habe, die historische Fortsetzung, das Beste aus der Tradition ihres Volkes, Sprache, Geschmack, Sitte, mit einem Worte alles, was der Gesamtbegriff Kultur in sich schließt. Es beginnen heiße Debatten über Kulturfragen. Oben sitzt der Führer und versteht die Geführten nicht. Aut einem der ersten Kongresse stellt er die Frage: Bitte erklärt mir, was ist, jüdische Kultur? Er selbst ist ein Kulturmensch im edelsten Sinne des Wortes und versteht sehr gut, daß die jüdische Nation eigene Kulturwcrte geschaffen hat. Er versteht nur nicht, daß das mit dem Hauptpunkt, der Schaffung eines jüdischen Staates zu tun hat. Laßt die Juden ihr Land, ihren Staat haben, die Kultur wird schon von selbst kommen. Wozu also jetzt über Kulturprobleme diskutieren? Er schreibt ein Buch ״Alt-Neuland“. Daria malt er seinen Staatstraum. Die Kulturprobleme interessieren ihn nicht, er ignoriert sie. Der Zorn des Traditionsbeschützers flackert auf, ein logisch begründeter, ein psychologisch unbegründeter Zorn. Hat denn Herzl nicht proklamiert, Zionismus sei die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland? Und es kam fco, daß der Held der Ethik des Judentums den Helden des jüdischen Staatsgedankens überlebte. Der physisch schwache, starke Denker hat auf wunderbare Weise bis ־zu seinem siebzigsten Lebensjahre durchgehalten; nach der alten Tradition: unser Leben währet siebenzig Jahre. Der wunderbar gebaute, majestätisch aussehendc Führer eines Staates - - bevor noch der Staat bestand —, der Gekrönte — bevor noch der Thron fertig war —, der Mann der großen Rebellion hielt nicht aus und fiel mitten in seinem Wachstum, voll Kraft und Energie. Er ging in die Ewigkeit. Millionen haben den jung Gefallenen betrauert, Zehntausendc haben ihn beweint, Tausende haben ihm Trauerreden gehalten. Doch keiner hat ihm eine solche Trauerrede gehalten, wie sein großer Antagonist, keiner hat seinen Wert so geschätzt, keiner ihm eine solche Krone geflochten, wie sein schärfster Kritiker. Achad Haams Aeußerung zu Herzls frühem**Tod *befindet sich in der Einleitung des dritten Bandes von ״Am Scheidewege“ und jeder Zionist sollte diese Klage lesen und auswendig lernen. Aus der Totenrede des Gegners wächst klarer als aus der Be- Schreibung von Herzls Freunden die gigantische Figur des Füllrers im modernen Judentum, mit dem eine neue Epoche in unserer Geschichte beginnt. ״Eine Sache ist über jeden Zweifel erhaben, ln kurzer Zeit eine Bewegung hervorzurufen, mag sie auch oberflächlich und schreiend sein, das kann nur ein Mensch, der den Funken eines Wundermenschen in sich trägt, einer von den Einzigen, die sich nur selten bei Völkern melden und sich mit starker Hand einen neuen Weg bahnen. Auch in unscrer Geschichte fehlen solche Menschen nicht. Aber je nach den verschiedenen Perioden tragen sie verschiedenen Charakter, dem veränderten Zeitgeist angepaßt. Nur die Hypnose eines solchen Wundermenschen hat den Glauben an Wunder in die Masse pflanzen können und nur der Glaube an Wunder hat den Zionismus in eine große Massenbewegung verwandelt und ihn aus den engen Grenzen befreit, in die er gesperrt war, bevorder Wundermensch sich enthüllte. Wenn dieser Glaube, der im Zionismus das Ende des Oaluth und die Lösung des jüdischen Problems in seinem ganzen Umlange erblickt, nicht besteht, so bleibt dem Zionismus nur das ethische Ziel: das Herz des Volkes aufzufrischen und es durch die Schaffung eines nationalen, konkreten und freien Zentrums im Geiste zu vereinigen. Es ist aber unmöglich, eine solche ethische Bewegung schnell in allen Volksschichten zu verbreiten, weil sie eine unbestimmte Vorbereitung und eine Entwicklung von Verstand und Gefühl in einem Maße fordert, wie man es bei den Massen nicht findet.“ Der Träger der Ethik des Judentums erklärt den Fremden aus der Weite als den Wundermenschen, der einzig und allein imstande war, den Zionismus aus seinem engen Rahmen herauszuziehen und ihn in eine große Volksbewegung umzuwandeln. Ein Verdienst, das nur sehr selten einem einzelnen zufällt. Daher glaubt er, daß der verstorbene Führer sich nach einer bestimmten Zeit in eine große treibende Kraft verwandein wird, die vielleicht noch größer sein wird als zu seinen Lebzeiten. Denn Menschen von dieser Größe haben zwei Existenzen, die eine kurz, wie das Leben eines Menshen, und die andere bleibt als die schönste Erbschaft, die der einzelne seinem Volk überlassen kann, nämlich die ideale Existenz des Wundermenschen. Die Phantasie des Volkes bleibt nicht lange gebunden. ״Sie schafft die ideale Gestalt ihres Heiden in ihrer ganzen Schönheit und Verklärtheit. Sie besteht nur noch aus Licht und Glanz, belebt und erhebt die Seele.“ Und weiter: ״Die Zeit wird weiterfließen und die Idealgestalt des nationalen Helden ihre Vollkommenheit erreichen — dann wird vielleicht auch er für unser Volk und für unsere Geschlechter das werden, was unsere nationalen Helden ans der Vorzeit für unsere Ahnen waren. Mit ihm wird das Volk ein nationales Ideal in seinem ganzen Glanz und seiner ganzen Reinheit verbinden und von ihm es wieder die Kraft und Stärke schöpfen, seinen schweren Weg ohne Ermüdung weiter fortzusetzen ...Eines hat uns Herzl ohne Absicht gegeben und das ist vielleicht größer als alles, was er uns mit Absicht gab. Er gab uns sich selbst als Objekt der Poesie unserer Wiedergeburt, ein Objekt, an dem unsere Phantasie sich halten und das sie mit allen nötigen Vorzügen ausstatten kann, um aus ihm den jüdischen Nationälhelden zu schaffen, in dem die nationale Sehnsucht in ihrer wahren Gestalt sich verkörpert.“ An einer merkwürdigen alten Stelle aus unseren klassischen Legenden wird gefragt: Warum war es nötig, daß der erste jüdische Führer, der Vater der Propheten, der Gott von Angesicht zu Angesicht gestanden hat — warum mußte dieser eine fremde Erziehung erhalten und erst als Erwachsener aus der Umgebung des Pharao zu seinem Volke kommen? Und die Antwort lautet kurz und bündig: Wenn Moses eine jüdische Erziehung erhalten hätte und wäre gekommen und hätte verkündet, daß die Stunde der Befreiung geschlagen habe, so hätten die Juden ihm nicht geglaubt und zu ihm gesagt: Aus Dir spricht die Tradition. Als er aber aus der Fremde kam, glaubten sie ihm. Tradition ist eine erhaltende Kraft. Tradition ist auch eine treibende Kraft. Es gibt aber Augenblicke, wo die Tradition sich in eine störende Kraft verwandelt. In einem solchen Augenblick muß jemand aus der Weite kommen und eine Atmosphäre des Glaubens schaffen. Dann wird er selbst Tradition. Publikationen zum Herzl-Tag Anläßlich des 25. Todestages von Theodor Herzl erschien im ״Jüdischen Buch- und Kunstverlag“, Brünn, ein Sammelbucli ״Zeitgenossen über Herzl“, herausgegeben von Dr. T. Nussenblatt. Der Herausgeber hat sich an eine große Zahl von Persönlichkeiten, die mit Herzl in persönlichem Kontakt gestanden hatten, um Aeußerungen gewandt und veröffentlich jetzt die Antworten, Es liegt im Wesen einer solchen Sammelschrift, daß sie Wichtiges und Reizvolles neben minder Bedeutendem enthalten muß. So ist die Qualität der Beiträge sehr bunt und verschieden; die meisten Autoren geben persönliehe Erinnerungen, und daher ist die Verlockung für manchen froß, mehr über sich selbst als über den Toten zu sprechen. ine Anzahl von Beiträgen, wie z. B. die von Stefan Zweig (der erfreulicherweise auch in der Berliner ״C.-V.-Zeitung“ abgedruckt war), Auernheimer, Bube־, Adolf Böhm und verschiedenen anderen, verdienen aber selbständiges Interesse. Manches Licht fällt auch auf Herzls Tätigkeit außerhalb der jüdischen Sphäre, da eine ganze Anzahl von Politikern, Literaten, Publizisten sich äußern, die mit Herzl in seiner journalistischen Funktion in Berührung kamen. Das Buch, das neben den Bildern sämtlicher Mitarbeiter (die nicht unbedingt erforderlich waren!) eine Reihe interessanter Dokumente und Bilder aus der Herzl- Zeit enthält, wird zweifellos weite Verbreitung finden. Die Zionistische Organisation Amerikas gibt ein Herzl-Gedenkbuch in Form einer 320 Seiten dicken Sondernummer ihrer Zeitschrift ״The New Palestine“ heraus. Die Schrift ist redigiert von Meier W e i s g a 1 und Louis Lipski gewidmet. Sie zerfällt in drei Teile: Erstens Aufsätze über Herzl, sein Leben und Werk, zweitens Auszüge aus Herzls Schriften, insbesondere aus seinen Tagebüchern, und drittens unter der Ueberschrift: ״Fünfundzwanzig Jahre später“, Darstellungen der Entwicklung dieser 25 Jahre in Palästina und in den verschiedenen Teilen der Oaluth. Eine große Zahl bedeutender jüdischer und zionistischer Autoren und Schriftsteller hat sich an dem Buch beteiligt, das auch durch seine Ausstattung glänzend wirkt. Die Exekutive der Zionistischen Weltorganisation gibt zum Herzl-Tag eine Sam nt cl.schrift heraus, die verschiedene Aufsätze und Würdigungen Herzls aus früherer Zeit enthält, also Beiträge von Nord au, Buber, Achad Haam usw. Es war eine glückliche Idee, statt unbedingt Neues bieten zu wollen das Beste zusammenzufassen, was aus berufenstem Munde über Herzl schon früher gesagt worden ist. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland bat in der ״Schriftenreihe der Jüdischen Rundschau“ eine Broschüre von Sch. G o r e 11 k ״H erziin seinen Tagebüchern“ veröffentlicht. Der feinsinnige Schriftsteller zeichnet mit innerster Teilnahme die psychologische Bahn nach, auf der sielt Herzls Schicksal von seiner Berufung über die Verzweiflung an dem Mißerfolg bis zur letzten trostreichen Zuversicht bewegt. Die meisten zionistischen Zeitungen und Zeitschriften haben zu *Herzls- Todestag S o n d er n u «Ä enr ftw%1i#f*ebrt€ht1״־f!f11e besondere Erwähnung verdieht die gelungene Sondernummer der Londoner Zeitschrift ״T he New Judae a“, die einige bemerkenswerte Beiträge bringt. Herzl •Aasslellnng io Jernsaiem Anläßlich des Todestages Herzls veranstaltete die Jüdische National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem eine Hcrzl-Ausstellung. Außer den Büchern von und über Herzl enthält die Ausstellung eine große Anzahl von Dokumenten. Aus dem Achad-Haam-Archiv stammt die von- Herzl eigenhändig am 2t. 7. 1897 an Achad Haam geschriebene Einladung, am 1. Kongreß teilzunehmen. Es ist ferner das Besuchsbuch der Bibliothek ausgestellt mit der Unterschrift der Mitglieder der Delegation, welche von Kaiser Wilhelm in Jerusalem empfangen wurde und welche am 1. November 1891 zusammen mit Herzl die Bibliothek besuchte. Daneben sind mehrere Bilder von dieser Palästinareise ausgestellt. Herzls literarische Beziehungen spiegeln sich in einem Briefe vom 10. August 1898 an den Direktor des Hof-Burgtheaters in Wien, Schlenther, in dem Herzl Mitteilung macht, daß er ein vieraktiges Lustspiel fertiggestellt habe. Die Ausstellung enthält ferner das Original von Herzls Rede auf dem V. Kongreß mit den berühmten Worten: ״Sie meinten: Am Anfang sei das Geld. Nein! Am Anfang ist die Idee“. Aus der Zeit des Uganda-Konflikts stammt ein von Herzl am 11. 11. 1903 geschriebener ״Brief an das jüdische Volk“, in dem Herzl seinen Entschluß kundgibt, von der Leitung zurückzutreten, da ״mein Herz bei den Zionisten und mein Verstand bei den Afrikanern ist“. Aus dem Wolffsohn-Archiv (dem auch die meisten anderen Stücke entstammen) ist ein Testament Herzls aus dem Jahre 1901 ausgestellt, in dem Herzl Wolffsohn bittet ״daß du unmittelbar nach meinem Tode, wenn ich den Juden, für die ich wirkte, noch in frischer Erinnerung bin, eine allgemeine Nationalversammlung unter dem Titel ״National-Geschenk für die Kinder des Dr. Herzl“ einleitest“ — ״ich * habe nicht nur ein Vermögen für unsere Zionssache ausgegeben, sondern auch versäumt in dieser Zeit etwas für meine Kinder zurückzulegen“. Ergreifend sind die vielen Briefe an seine Mutter, welche Herzl kurz vor seinem Tode aus Franzensbad und Edlach schrieb. Auch ein Bild des Hotel Edlacher Hof, in welchem Herzl starb, ist ausgestellt. Eine Sammlung von Nekrologen, welche ausgestellt ist, zeugt für den tiefen Eindruck, den Herzls Tod in der ganzen Welt machte. An die Abonnenten der Kongrell-Zeitung! Um Reklamationen zu vermeiden, machen wir hierdurch darauf aufmerksam, dafj Nr. 1 der ״Kongreß•Zeitung" frühestens am 1. August in den Händen der Besteller sein kann. Die Zustellung der Nummern erfolgt feweils sofort nach der Fertigstellung direkt von Zürich aus. Verlag Jüdische Rundschau Berlin W IS* Meinekestraße 10. Das Mysterium Herzl (Zam 25. Todestage des Führers) Von Dr. B. Suler. Wie in der Nafur, so gibt es auch in der Menschheit Täler und Berge. Die einfachen Durchschnittsmenschen bilden das Tal, aus dem die großer* Männer jeder Epoche hervorragen und gleichsam Berge darstellen: menschliche Berge. Manche dieser Berge haben eine Riesenhöhe erreicht und sind über viele Generationen hindurch am Horizonte sichtbar geblieben, manche sind es sogar für die Ewigkeit. Solcher menschliehen Berge gibt es nicht wenig auch in unserer Geschichte. Freilich sind es weniger Krieger und Schlachtenhelden als Geistes-und Temperamentsgröfien von gigantischen Ausmaßen. Einer der ganz großen menschlichen Berge in Israel, den unsere Zeit hervorgebracht hat, war Theodor Herzl. Und zwar bestand seine überragende Größe nicht nur in seinen Talenten, in seiner starken Intelligenz, in dem kühnen Adlerflug seiner Phantasie, in der ungeheuren Stärke des Willens und des Mutes, sondern viel mehr noch in der bis zur Selbstaufopferung gesteigerten Hingabe an sein Volk. Er lernte erst spät sein Volk kennen und lieben, dann aber liebte er es mit einer Glut, in der er verbrannte. Ein Unterschied zwischen den natürlichen und menschliehen Bergen besteht auch darin, daß während der natürliche Berg in ,unseren Augen immer an Größe verliert, je mehr wir uns von ihm entfernen, steigt die sichtbare Größe des menschliehen Berges mit dem Abstand von ihm, in dem wir uns jeweils befinden, mit der zeitlichen Distanz. Gar manche Größen, die bei Lebzeiten von ihren Mitmenschen nicht genügend gewürdigt oder gar wenig beachtet worden waren, sind nach dem Tode und im Laufe der Zeit zu gigantischen Bergen ausgewachsen. Auch Herzl ist nach seinem Tode gewachsen. Mit jedem Jahr ist er in unseren Augen gewachsen. Dazu hat auch viel die weitere Entwicklung des Zionismus und nicht wenig die vor einigen Jahren veröffentlichten ״Tagebücher“ des großen Kämpfers, der gegen die Bekenner dreier Religionen: Christen, Moslems und - Juden allein und nur mit den Waffen seines Geistes gekämpft fiat, beigetragen. Und jetzt, nachdem ein Vierteljahrhundert seit seinem allzu frühen Hingange verflössen und der letzte Nebelschleier 11m seine Person verzogen ist, steht er vor uns als gigantischer jüdisch-menschlicher Berg in seiner ganzen Majestät und voller Pracht, bestrahlt von der Sonne ewigen Ruhmes. Herzl bildete eine seltene Harmonie des Körpers und des Geistes. Noch steht er vor mir, wie ich ihn damals sah, als ich als junger Student dem Führer die Hand drücken durfte. Wenn auf jemanden der Ausdruck ״Jeder Zoll ein König“ paßte, so war es auf ihn. Und in diesem königlichen Mensehen bildete alles eine Einheit: Antlitz, Gestalt, Geste, Stimme, Geist und Stil. Sie gehörten untrennbar zueinander, das eine schien Voraussetzung des anderen zu sein. Und in allem lag zugleich das Imponierende, zielbewußter Tatkraft wie der weiche Zauber der Romantik. Das undurchdringliche Geheimnis dieser Persönlichkeit aber lag in den schwarzen, melancholischen Augen mit dem stählernen Blick. Ja das Geheimnis dieser Erscheinung, genannt Theodor Herzl, wer will es ergründen? Wieso kam er zu Zion und die Zionsidee zu ihm? Er war abseits von jüdischem Volkstum und Tradition erzogen, Bildungsgang und Berufstätigkeit führten ihn immer weiter vom Judentum weg und er wurde demselben völlig entfremdet; er war in die geistige Formation der österreicmschdeutschen Kultur hineingewachsen und bildete einen ihrer geistreichsten Träger, bewegte sich in den Salons christlicher oder --- - י.־־1׳־־־־*־ י ׳— ־1 י י', ־“■ יי' ־־? ner Judentums, dessen widerwärtiges Gestellt er uns spater in ״Altneuland“ zeigte — wieso kam der Zionsgedanke zu ihm? Wieso wurde er zum Verkünder der nationalen Auferstehung? Auf welchem Wege hat sich zu ihm, der die jüdischen Massen und die national gesonnene jüdische Intelligenz nicht kannte, weder die ״Autoemanzipation“ von Pinsker noch die hebräischen Schriften des Jehuda Alkalai, des eigentlichen Vorläufers des politischen Zionismus, gelesen hat, die Idee von der jüdischen Staatsbildung eingeschlichen? Es ist und bleibt ein Geheimnis. Und dann diese eigenartige Zweiheit in seiner Natur, die zwei Seelen, die er in seiner Brust trug: die Seele des Romantikers und Schwärmers, der jenseits des Widerstandes irdischer Dinge zu leben schien, und die Seele des klugen, berechnenden Politikers, der die Gelegenheiten auszunützen, die Klippen zu umsegeln wußte, der seine bis ins Detail ausgearbeiteten Pläne vor Fürsten und Würdenträgern sowie vor den praktischsten Männern der Hochfinanz vorzntragen verstand; die Seele des Dichters, die nur in den weichen Wolken spielerischer Dichtkunst sich heimisch zu fühlen schien und die des praktischen Organisators par exccllence, der den jüdischen Kongreß, die jüdische Tribüne, die Zionistische Organisation aus dem Boden gestampft hat. Wie war es möglich, daß e i n Mensch diese beiden grundverschiedenen Seelen in sich vereinigte? Es ist und bleibt ein Geheimnis. Daß er in letzterer Hinsicht Disracli ähnelte, beweist nur, daß diese Erscheinung der Zweiheit der Seelenkraft den großen Männern unseres Stammes eigen ist, erklärt sie aber noch nicht. Die ganze Erscheinung Herzl bleibt für uns ein Rätels, ist in ein Mysterium gehüllt, das wir nie mit unserem Verstand durchdringen werden; wir wissen nur, daß diese Erscheinung echt jüdisch ist, daß sie einen Teil jenes großen Mysteriums bildet, das jenseits aller Gesetze der Natur und der Geschichte zu stehen scheint und das Judentum heißt, eine Erscheinung, die bereits in den Anfängen unserer Geschichte zutage tritt. Denn dieses Mysterium umhüllt auch den allerhöchsten menschlichen Berg unserer Geschichte, nämlich Mose, von dem Heine einmal gesagt hat: wie klein ist der Sinai, wenn die Füße Moses auf ihm gestanden haben! Auch Mose wurde außerhalb des Ghetto seiner Stammesbrüder erzogen, am pharaonisehen Hofe, war also völlig assimiliert, ganz Aegynter, und doch hat die Idee der Befreiung der geknechteten Brüder den Weg zu ihm gefunden, und er wurde zum Erlöser. Auch Mose, der Prophet, der Träumer und Dichter, der größte, den ds je auf Erden gegeben hat, hat die ungeheure Organisationsgäbe besessen, um ein schweres Volk, wie die Juden es einmal sind (dieses Zeugnis hat er ihnen für alle Ewigkeit ausgestellt), durch die Wüste zu führen. Herzl war kein religiöses Genie (vielleicht weil die Zeit nicht danach war), hat das Judentum weder geschaffen noch erneuert; aber etwas vom Zeuge des Erlösers und Führers Mose steckte in ihm, etwas von seinem großen Empfinden und großen Phantasie, sowie seiner ungeheuren Gewalt über Menschen und Dinge, etwas Elementares wie Mysteriöses und daher Unver- {dingliches. Daher ist auch ihm das ewige Fortleben in der Geschichte des Judentums sowie der Menschheit gesichert. Von den Bildnissen, die wir von Herzl besitzen, ist das imponlerendste und zugleich, symbolhafteste das Bild: Herzl aufder Rheinbrücke in Basel, wo der moderne jüdische Seher gleichsam in die Zukunft des jüdischen Volkes blickt. Ewig wird dieses Bild im Bewußtsein des zionstreuen Volkes fortleben, ״wie der Karmel am Meere“, wie der ewige Karmel, der ins ewige Meer schaut.