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Jüdische Rundschau · 1929-07-25 · Heft 57-58 (25.7.1929) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 57-58 (25.7.1929)
Date
1929-07-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 368 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 57/58, 25. VII. 1929 Sache und Person Eine Erinnerung^) Von Martin Bubcr Fortsetzung und Erneuerung Zu Herzte 2$. Todestag Von Dr. Schmarjahti Levin, Tel-Awiw. Tradition Ist ein zweischneidiges Schwert. Sie bedeutet eine treibende Kraft, kann sich jedoen oft in eine störende Kraft verwandeln. Sie saugt ihre Stärke aus der Vergangenheit und sucht sich in der Zulamft durchzusetzen. Wenn sie die Zukunft gestaltet und ihr eine bestimmte Form zu geben sucht, ist sie ein Antrieb zum Vorwärtsschreiten. Wenn sie aber das Ideal hat, aus der Zukunft nichts anderes als eine zweite unveränderte Auflage der Vergangenheit zu gestalten, so wirkt sie störend, Tradition sucht die Fortsetzung, aber sie fürchtet die Neuerung. Sowohl auf die Fortsetzung wie auf die Neuerung sucht sie mit ihrer ganzen konzentrierten Trägheit zu wirken. Tradition ist wie eine Maschine, die sowohl nach vorwärts wie nach rückwärts ziehen kann. Die Schöpfung besteht aber nicht nur aus Fortsetzungen, in ihr sind auch Neuerungen. ״Gott erneuert jeden Tag die Urschöpfung.“ ״Er baut neue Welten und zerstört sie.“ Er zerstört sie, weil sie ihm nicht gefallen, und er schafft bessere Welten. Bessere können aber nicht einfach als eine Fortsetzung der früheren betrachtet werden. Bessere Welten enthalten in sich schon Neuerungen, und eine Neuerung ist schon eine Zugäbe zum Früheren. Der Fortschritt als das Resultat der wirkenden Kräfte im Leben besteht aus der Harmonie von Fort- Setzung und Erneuerung, aus einer Verschmelzung der beiden Elemente. Aus Tradition allein kann kein Fortschritt entstehen, weil Wiederholung nur Quantität bedeutet und der Begriff des Fortschritts Qualität enthält. Das eine ist Vermehrung, das andere Verbesserung. Der Fortschritt kann aber andererseits die Tradition nicht ignorieren. Wenn er sie als aufbauende Kraft ganz außer Rechnung stellt, wird er nichts haben, was er erneuern kann. Er wir ein neues Fundament bauen müssen, und für diese Aufgabe reicht die menschliche erneuernde Kraft nicht aus, wie groß sie auch sein mag. Vom ABC anzufangen, das würde kein Fortschritt mehr sein. Und die neue weit könnte armseliger herauskommen als die alte. In letzter Zeit haben wir zwei Beispiele einer Rebellion des menschlichen Geistes gehabt, die einen Weg zur Befreiung suchten und bis zur Verneinung der gesamten Vergangenheit gingen, also bis zu einem bitteren Kampf gegen die Traditiort. Die eine Rebellion spielte sich auf rein geistigem Gebiete, die andere in der Praxis des menschlichen Lebens ab, und beide hatten keinen Erfolg. Die geistige Rebellion, stark in ihrem Protest und schön in ihrer Widerspenstigkeit, verlor ihre Anziehungskraft und wurde von den besten Forschem des menschlichen Geistes abgelehnt. Die praktische Rebellion, groß in ihrem Unterfangen und ihren Versprechungen, ringt noch vor unseren Augen mit dem Leben, vernicht, Gesundheit vorzutäuschen und zeigt in Wirklichkeit alle Merkmale einer schreckliehen Agonie. Ich spreche vom Nietzscheanismus und Bolschewismus. Nietzsche wollte eine neue Oeisteswelt aufbauen. Er wollte ein selbständiges Heute schaffen, das nicht die Fortsetzung eines Gestern war. Er wollte jede Tradition abschaffen, sich mit einem Schlage von dem Ballast der Vergangenheit befreien, die ganze historische Erbschaft von sich abschütteln und sich eine eigene Welt schaffen. Die philosophische Frechheit hat in der Lehre von Nietzsche ihren höchsten Ausdruck gefunden. Sein Uebermensch ist in Wahrheit ein Gott, der in einer Weit ״des Anfangs“ beginnt. Er will von keinem lernen, die Erfahrung früherer Tage ist ihm verhaßt; wie dereinst Gott, will er auch seine Welt aus dem Chaos erschaffen. Eine Zeitlang hat der freche Angriff gegen den Himmel, die Herausforderung der gesamten menschlichen Vergangenheit, so manchen Geist berauscht, besonders iinter de« lungen, die leicht äorth jede Rebellion entzündet werden. In der zweiten Generation begann bereits die Ernüchterung, der Rausch verflog und die meisten begannen einzusehen, daß es kein Morgen ohne ein Gestern gibt, daß es nicht angeht, das Erbteil der Geschlechter auszulöschen und aus der Menschheit eine tabula rasa zu machen. Der Bolschewismus ist in seinem philosophischen Unterbau durchaus nietzscheaniseh. Es ist Nietzsches Lehre, im praktischen Leben durchgeführt, oder richtiger, ein gewagter Versuch, sie im Leben durchzuführen. Sein Ueberbau dagegen ist marxistisch. Deshalb nimmt den Platz des Uebermenschen nicht das Individuum, sondern das Kollektiv, oder doch die einzelne Gruppe, das Proletariat, ein. Die Losung lautete: Krieg gegen jede Tradition, auf ökonomischem wie auf religiösem, auf künstlerischem und sogar auf wissenschaftlichem Gebiet. Wer nur von einem Gestern träumte, wurde zum Verräter erklärt. Die Welt beginnt von neuem, zuerst muß die Zerstörung kommen, es muß ein Tohuwabohu geschaffen werden, und aus dem Chaos wird die neue Welt entstehen. Venus steigt aus dem Schaum des Meeres. Und das Resultat: Die Zerstörung ist gelungen, die alte Welt liegt in Trümmern, mit dem Aufbau der neuen Welt steht es schlecht. Es kam ein Golem in die Welt, und es ist niemand da, der ihm den lebendigen Odem einblasen kann. Die Freunde erklären, die neue Welt mache ihre Kinderkrankheiten durch, aber manchmal geben auch die Freunde zu, daß man die Arzneien zur Heilung dieser Krankheiten aus der alten Welt entlehnen muß. Weder Tradition allein, noch Erneuerung allein, sind im• stände, eine neue Welt aufzubauen. Nur die Verbindung beider schafft den menschlichen Fortschritt. Wenn wir die Bewegungen des menschlichen Geistes und die Rolle der einzelnen großen Persönlichkeiten dabei studieren, so sehen wir, daß mir die Persönlichkeiten Erfolg hatten, daß nur diejenigen positiv zur Vergrößerung des Schatzes der menschlichen Kultur beigetragen haben, die in sich den Sinn für Tradition und den Sinn für Erneuerung vereinten. Für manche bildete die Tradition den Ausgangspunkt und sie gelangten erst später zur Erkenntnis des Wertes der Neuerung. Andere machten den umgekehrten Weg. Ihr Ausgang war "der Drang nach Erneuerung, und erst später erkannten sie den Wert der Tradition und begannen ihn anzuerkennen. * Diese beiden Tendenzen sind in unserer zionistischen Bewegung durch zwei große Persönlichkeiten repräsentiert: Herzl und Achad Haam. Beide strebten nach einem Ziel, nach der Befreiung ihres Volkes, und doch wurden sie, zu ihren Lebzeiten und zum Teil auch jetzt, nach ihrem Tode als Antagonisten betrachtet, als Träger von These und Antithese. Auch sie selbst sind einander oft als Gegner gegenübergetreten. Das hat die Anhänger beider Seiten veranlaßt, den Abgrund zwischen den zwei großen Persönlichkeiten, den unerschrockensten, konsequentesten Trägern unserer nationalen Idee, noch tiefer zu graben. Beide strebten n§ch einem Ziel, ein Streben erfüllte beider Seele: Wo liegt also der Unterschied, wo der Abgrund? War er wirklich unüberbrückbar und sind wir verurteilt, unsere Kräfte zu zersplittern und verschiedene Wege zu gehen? Oder besteht noch die Möglichkeit, eine Synthese zu finden und geschlossen zu marschieren? Meiner Ueberzeugung nach ist es nicht mehr weit zu dieser Synthese. Wir müssen nur den polimischen Eifer abtun und verstehen, was hier geschah und wie die Reibung und der Antagonismus entstanden. Achad Haam war der ausgesprochenste Träger der jü» dischen Tradition. Nicht in ihrem kleinlichen formalen Sinne, sondern in ihrer höchsten historischen Bedeutung. Bedingungen schaffen, unter denen der jüdische Mensch sich wird ausleben können, im Geiste der ״Ethik des Judentums“, die für ihn keine Phrase war, sondern eine abgeschlossene, in sich beschlossene, streng und wissenschaftlich begründete Welten- Es war am sechsten Kongreß. Herzl hatte seine fulminante Rede gegen die Opposition gehalten und darin auf die Kritik Davis Trietschs weniger mit sachlichen Argumenten als mit einer persönlichen Gegenkritik erwidert, in der er sich mit Trietschs eigner kolonisatorischer Tätigkeit befaßte. Der Haupthieb war ein Protokoll, das man mit einem ״Opfer“ dieser Tätigkeit aufgenommen hatte. Um es vorweg klarzustellen (das darf Ich, der ich der danach auf dem Kongreß eingesetzten schiedsgerichtsähnlichen Komtnisston angehört habe, heute, nach mehr als einem Vierteljahrhundert, öffentlich aussprechen, obgleich der Ausschuß damals mit 3 gegen 2 Stimmen, unter denen die meine war, beschloß, keine Mitteilung über die Detailergebnisse seiner Nachforschungen zu machen): der Hieb war — ganz abgesehen davon, daß er die Person statt der Sache treffen wollte — mit einem nicht korrekten Degen geführt worden; das ״Opfer“ war kein Opfer, und das Protokoll . . . nun, es war ein Protokoll. Herzl hatte seine Waffe optima fide geschwungen, daran hat nie ein Zweifel bestanden; aber er hatte sie sich vorher nicht genau genug angesehen. Nach der Rede zog er sich ins Präsidialzimmer zurück. Bald darauf begaben Berthold Freiwel und ich uns dahin, um ihn als Trietschs Freunde auf die Unhaltbarkeit seiner Beschuldigungen hinzuweisen und die Einsetzung eines Ausschusses zu deren Nachprüfung zu fordern. Auf dem kurzen Weg in den Präsidialraum war ich in einer tiefen Erregung. Ich hatte ja schon seit dem vorhergehenden Kongreß in entschiedner Opp> sition zu Herzl gestanden; aber die war ganz gegenständlich gewesen, an den Menschen zu glauben hatte ich nicht einen Augenblick aufgehört — nun zum erstenmal empörte sich meine Seele, und so gewaltsam, daß ich mich jetzt noch körperlich daran erinnere. Als ich jedoch das Zimmer betrat, verwandelte sich über dem Anblick, der mich traf, im Nu meine Erregung, das eben noch schotternde Herz erstarrte. Im Zimmer waren nur Herd und seine Mutter. Frau Jeannette saß in einem Lehnstuhl, unbeweglich, stumm, aber Stirn und Augen von der lebendigsten Teilnahme überstrahlt, herrlich im Teilnehmen wie ichs von meiner Oroßmutter her kannte. Herd ging in großen Schritten durchs Zimmer, auf und nieder, wahrhaftig wie ein Löwe im Käfig. Seine Weste war aufgeknöpft, seine Brust hob und senkte sich, Ich hatte nie geahnt, daß er, dessen Gebärden immer gemeistert und meisterlich waren, so wild atmen könnte. Seine Blässe fiel mir erst etwas später auf, so zuckte und brannte sein Blick. Sogleich war mir zwingend offenbar geworden: es war unmöglich, hier innerlich Vertreter einer Seite zu bleiben. Dort war ein Mensch, mein Freund und Mitkämpfer, wund, ein öffentliches Unrecht war ihm geschehen; aber hier war, der das Unrecht getan, die Wunde geschlagen hatte, ein l^nscb.^f^iirrjipfilhft!^# .|n^f,ü|510־. ^(«dsrankvJlte m Selbstverzehrung eifernd für seine« Glaubend Für den Vierundzwanzigjährigen war das eine der ersten Stunden, in denen er den Boden der Tragödie betrat, wo das Rechthaben aufhört. Es gibt nur eins zu lernen, was noch größer ist: wie aus dem Grab des Rechthabens das Recht aufersteht. Aber das habe ich erst viel später gelernt. Unsre Aufgabe war innerlich unausführbar geworden; denn diesem Mann gegenüber hätte man im Grunde von ״seiner Sache“, die er so lebte, nur an die — Wahrheit seiner Sache appellieren können, und wer hätte das vermocht? Aber selbstverständlich führten wir unsere Aufgabe aus: wir wiesen hin, worauf wir hinzuweisen, forderten, was zu fordern wir befugt und verpflichtet waren. Herzl ging weiter die Stube auf und nieder, und es war nicht zu merken, ob er uns zuhörte. Ich sah zwischendurch seine Mutter an ihr Gesicht hatte sich verdunkelt, es war etwas da was mich erschreckte, Ich wußte nicht, was es war, es war da. Plötzlich aber blieb Herzl vor uns stehen und redete uns an. Der Ton, in dem er redete, war durchaus nicht der, den man hätte erwarten mögen — es war ein leidenschaftlicher, aber lächelnder Ton, obgleich auf seinen Lippen kein Lächeln lag. ״Noch ganz anders hätte ich ihn vorgenomtnen!“ rief er, ״noch ganz anders hätte ich ihn vorgenommen! Aber da hatte sich vor der Tribüne, unmittelbar mir gegenüber, ein Mädchen hingestellt -- seine Braut, wie ich gehört habe —, die stand nun da und blitzte mich an mit diesen ihren Augen, — ich sage ihnen: eine wunderbare Person! Da konnte ichs nicht!“ Und nun lächelte auch sein Mund, wie befreit. Und wer hätte nicht mitgelächelt? Der Charmeur ״Told“ lächelte auf seine romantische Weise, ich vermutlich wie ein Schuljunge, *) Den folgenden Artikel, der in dem interessanten Sammelbuch ״Zeitgenossen über Herzl“ (Jüd. Buch- und Kunstverlag, Brünn) erschienen ist, stellt uns der Autor und der Verlag zum Abdruck freundlich zur Verfügung. schauung. Das war sein höchstes Ideal. Man muß nur aufmerksam seine Abhandlungen ״Moses“, ״Die Herrschaft des Ver- Standes“ und ״Die Schwankenden“ lesen, um zu sehen, was für ein großer Jude aus ihnen spricht und wie streng dieser große Jude jedes Wort und jeden Gedanken, den er äußert, durchgearbeitet hat. Vor uns erhebt $i?h einer der ״Kadmonim“, der im Judentum die höchste Formulierung der menschlichen Moral sieht. Für die Träger dieser Moral will er Bedingungen schaffen, damit diese Moral im Leben verwirklicht werde. Sie soll zur ״Torath Hachajim“, zur Lehre des Lebens werden und nicht begraben liegen in den Büchern wie bisher. Um aber die Verwirklichung der ״Ethik des Judentums“ im Leben zu ermöglichen, muß eine jüdische Autonomie in Palästina geschaffen werden, und zwar eine Autonomie mit allen Attributen einer solchen. Da steigt Achad Haam hinunter aus den höheren Welten in den Alltag des tägliche!) Lebens. Er freut sich wie. ein Kind, als er in der von Elieser Ben Jehudah herausgegebenen Zeitung ״Hazwi“, einen Artikel über Dang, über die Düngung der Felder findet. Er hört aus dem Artikel den Wiedeihall eines natürlichen Lebens in Palästina heraus. Ein Schüler von Mikweh Jisrael hat eine Rede über die Düngung der Felder gehalten. ״Der Duft des Feldes* der Duft der gesunden Natur, steigt aus der draufkommt, daß Horaz wirkliche Freunde und wirkliche Geliebten meinte, und auch die alte, nein, gar nicht alte Edeldame im Lehnstuhl hatte auf ihrem wieder erhellten Antlitz ein Lächeln stehn, wie ichs nur an den Jüdinnen jenes Geschlechte wahrgenommen habe — das Geheimnis dieses Lächelns ist verschollen. Zu entgegnen gab es min nichts mehr. Die Unsachlichkeit des Angriffs mußte ja, von der Unsachlichkeit dieses Schonungsbekenntnisses beleuchtet, nur «och bedenklicher erscheinen. Und doch . . .! Wir entledigten uns unsrer Aufgabe — es ging nun alles glatt, unpersönlich und hindernislos vonstatten — und verabschiedet«! uns. Es war das letzte Mal, daß ich Herzl in solcher Nähe sah. Seither — noch nicht zunächst, da wollte ich dem Bild nicht nachsinnen, aber nachdem der ״Bote“, dessen namenlose Gegenwart mich damals erschreckte, sein Werk getan hatte — habe ich oft über jene Begebenheit nachgedacht. Wie stand denn nun eigentlich Herzl zu Sache und Person? Und wie ist das überhaupt, ״Sache“ und ״Person“? Daß für Herzl seine Sache unablösbar mit seiner Person verknüpft war, hat sich etwa in seinem Kampf gegen Achad Haam, wo er uns Junge, die zu diesem hielten, aufforderte, uns ״zur Bewegung zurückzufinden“ deutlich genug kundgegeben; und so Ist es ja wohl bei den meisten geschichtlich agierenden Menschen. Seine Grundanschammg war sicherlieh, daß es wenig Sinn habe, Prinzipien und Methoden zu diskutieren, da es letztlich nicht auf sie ankomme, sondern auf die Person, die mit ihrer Durchführung und Anwendung betraut ist, mit anderen Worten: die sich ihrer bedient, die mittels ihrer dient — wem dient? eben der Sache, die mit der Person unlösbar verknüpft ist? Wir geraten scheinbar in einen Zirkel. Aber betrachten wir das Problem von der anderen Seite, von der Seite des Volkes; denken wir etwa an Max Webers Auffassung, wonach die echte Demokratie darin bestehe, einen Führer einzusetzen, dem man vertraut, und ihm Gefolgschaft zu leisten, solange er seinen Auftrag erfüllt, aber wenn er versagt, ihn zur Verantwortung zu ziehen, zu richten, abzusetzen, ja ״an den Galgen mit ihm!“*) Die Sache also wäre so lange mit der Person verknüpft, als deren ״Charisma“, mit Weber zu sprechen, d. h. deren führerische Magie sich wirksam erweist. Von hier aus können wir Herzls Haltung zu seinen Kritikern verstehen, es ist die charismatische; darum antwortet er lieber nicht ״Du hast unrecht, denn es verhält sich so und so“, sondern ״Du hast unrecht, denn du bist keiner, der es richtig machen kann, du hast das Charisma nicht“. Hat diese Auffassung aber recht oder unrecht? Mit einer dqr billigen, aus m«|iokrer Politik und mediokrer Moral genMliHi ijRMftll«* :*i1|bL,«ib%aJ«n.,,. Die _ bisherige ,,Weltgeschichte'! gibt ihr recht»; Nur unsre Hoffnung auf ein anderes FÜhrertum und ein anderes Geführtwerden, auf eine wirklich dialogische Beziehung zwischen beiden gibt ihr unrecht. Auf jeden Fall halten die Kategorien des Sachlichen und des Unsachlichen, die uns so geläufig waren, in Wahrheit dem Problem, das sich uns aufgetan hat, nicht stand. Aber die Braut mit den blitzenden Augen! Das ist denn doch wohl schlimme Unsachlichkeit?! Ich weiß nicht. Sollte nicht etwa durch diesen Eindruck, daß sein Gegner einen, sei’s auch nur einen, Menschen hatte, der s o für ihn einstand, Herzl von der Frage angewandelt worden sein, ob es *licht doch noch eine andere Wirklichkeit gebe als die der offenbaren Weltgeschichte, eine verborgene, ohnmächtige, weil eben nicht zur Macht gelangte? und ob es nicht also wohl auch Berufene geben könne, die nicht zur Macht auserwähit worden sind und doch das Wesen von Berufenen haben? ob den Momenten, die die einen von den andern scheiden, nicht vielleicht übermäßiges Gewicht beigemessen werde? ob der Erfolg die einzige Beglaubigung sei? ob nicht den Menschen des Mißerfolgs zuweilen ein später, etwa posthumer, etwa auch noch anonymer, Sieg beschießen sei, den eben die Geschichte zu verzeichnen sich weigert? ja, ob nicht, wo auch dies ausbleibt, dennoch zu diesen Preisgegebenen ein Ja und ein Segen gesprochen ist, ein Wort das sie bestätigt? ob es nicht ein ״dunkles“ Charisma gibt? Der geschichtlich agierende Mensch laßt sich von solchen Fragen nicht übermannen, dann müßte er ja verzweifeln und abtreten; aber die Augenblicke, in denen sie ihn berühren, sind die eigentlichen religiösen Augenblicke seines Lebens. Und auch wenn jene Frage ihn nicht angewandelt hätte — hatte Herzl nicht recht, zumal in der Gegenwart seiner Mutter, sich zu den Müttern zu bekennen? Alle Dialektik von Für und Wider, die sachliche und die persönliche, muß sich beugen, wenn die Liebe einsteht und schweigend das Lebendige bezeugt. *) Vgl. die Mitteilung über eine Unterredung Max Webers mit Ludendorff in Marianne Webers Buch ״Max Weber“ S. 664 f. dem Mist, und wir fühlen, daß trotz der Armut und den Fehlern des neuen Jischtiw er das Leben für unser Volk in sieh trägt. Schritt für Schritt trägt er uns von einer Welt in die andere, von den Reden des Keimer Maggid zu der Rede des Schülers von Mikweh Jisrael.“ Von der Tradition kam er 11er, von der Ethik des Judentutps, von der historischen Fortsetzung und gelangte zur Er* neuerung, zur Autonomie Palästinas. Theodor Herzl kam aus der assimilierten Welt. Er war ohne ein bißchen Tradition, wenigstens soweit es ihm bewußt war, erzogen und wiegte sich auf den Flügeln des leichten Wiener Lebens. Die letzten Jahr« brachte er im fröhlichen tanzenden Paris zu. Wie vom Himmel geschickt, berührt ihn ei« elektrischer Funke. Herzl entzündete sich am heiligen Feuer. In ihm entsteht eine große Rebellion, er scheidet von seiner ganzen Vergangenheit Es gibt kein Gestern mehr, er ist neugeboren und kommt in seine neue Welt als ein Auserwählter. Er kommt nicht wie ein Prophet, beladen mit der Masse der Geschlechter, er kommt wie ein Richter in der Dämmerung. Leicht und flink und beweglich. Er trägt nicht eine schwere prophetische Vision, er redet nicht־von einem Läuterungsprozeß, der Generattonen dauern muß, bis das Geschlecht zur Erlösung reif ist Er kommt um.. ..

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