Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1929-07-19 · Heft 56 (19.7.1929) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 56 (19.7.1929)
Date
1929-07-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653062-2653113--20892-2678926
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 358 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 56,!6. VII. 1928 Gründung einer zweiten Pflanzung»' gesef Jschaft in Migdal am Tiberiassee Von Prof. OttoWarburg. Die im zweiten Jahre ihres Bestehens befindliche Pa* lestine Bananas Corporation, deren Aktionäre zum großen Teil in Deutschland leben, hat soeben ihre zweite Bananenpflanzung in Migdal am Tiberiassee vollendet Trotz der für die Pflanzen ausnahmsweise ungünstigen Witterung dieses Winters ist es gelungen, die Schößlinge so früh in die Erde zu bringen, daß man erwarten darf, daß sie sämtlich schon im nächsten Jahre Früchte tragen werden. Von der ersten Pflanzung kann schon in diesem Jahre eine beträchtliche Ernte erwartet werden; die ersten Bananen gelangten genau ein Jahr nach dem Pflanzen zur Reife und die Maiernte war schon recht erheblich. Die von verschiedenen Seiten geäußerten Wünsche auf Ueberlassung weiterer Aktien konnten nicht mehr erfüllt werden, da schon seit mehr als einem halben Jahre die Sub* skription geschlossen werden mußte; auch konnten die trotz mehrfacher Aufforderung mit ihren Zahlungen im Rückstand gebliebenen Subskribenten nicht mehr befriedigt werden, da der dadurch ausstehende Rest von Lord Melehett übernommen wurde. Es wird auch nicht beabsichtigt, das Kapital der Gesellschaft zu erhöhen oder eine neue Bananen- Gesellschaft zu gründen, da die zu erwartende Menge Bananen genügt, um die Frage der Exportmöglichkeit der palästinensischen Banane zu klären, und erst, wenn die Versuche günstige Resultate gezeitigt haben werden,* eine genügend sichere Grundlage zur Aufnahme der Bananenkultur in gröBerem Maßstabe geschaffen sein wird. Dagegen soll jetzt, und zwar gleichfalls in der klimatisch so begünstigten Ebene von Genezareth (Migdal bei Tiberias), eine Pflanzung von Zitrusfrüchten ins Leben gerufen werden, wobei an erster Stelle Grapefruit, an zweiter Stelle Orangen gepflanzt werden sollen. Die Gesellschaft wird schon in Palästina eingetragen, unter dem Namen: Palestine Grapefruit Orange Co. Lim., mit einem Kapital von vorläufig £ 5000, das aber möglichst bald auf £ 10000 erhöht werden soll. Die Aktien lauten aut £ 1, aber es sollen nur Zeichnungen von 25 Aktien aufwärts berücksichtigt werde«. 40 °/0 (also bei Zeichnung von 25 Aktien R.M. 204) sollen bei Zeichnung eingezahlt werden, je weitere 20 0/0 bis 1. Oktober 1929, 1. Januar 1930, 1. April 1930. Sofortige Voll- Zahlung ist erwünscht und liegt im Interesse der Gesellschaft, da es von Vörteii ist, gleich das ganze schon jetzt zur Verfügung stehende Land (100 Dunam) mit einem Traktor tief pflügen und einzäunen zu lassen. Falls, wie geplant, die Bepflanzung der ersten 100 Dunam schon im Jahre 1929/30 vor sich gehen wird, so werden sieb die Aufwendungen in diesem Jahre nebst Vorspesen und Landkauf auf höchstens £ 5000 belaufen, während die drei folgenden Jahre zusammen £ 3000—4000 erfordern. In dem letzten dieser Jahre wird die Gesellschaft aber, falls, wie beabsichtigt, hauptsächlich Grapefruits gepflanzt werden, schon Einnahmen haben, welche die Ausgaben des Jahres fast decken. Selbst in dem unwahrscheinlichen Falle, daß nicht mehr als 5000 Aktien untergebracht werden, wirf die Gesellschaft nicht in Not kommen, da es Jetzt ^größere Institutionen in Palästina, gibt, welche in der Entwicklung befindliche Pflanzungen be* leihen. Die Zitruskultur hat sich in Migdal schon seit Jahren bewährt, indem sich herausgestellt hat, daß dort, dank dem warmen Klima sowohl Orangen als besonders die Grapefruit 1—2 Monate früher reifen als an der Küste, die ersten schon Ende September, so daß schon Anfang Oktober die Ver- Sendung beginnen kann. Daß hierdurch, bei der beschränkten Ausdehnung der durch das warme Klima begünstigten Ebene am Tiberiassee, gute Preise auch dann gesichert sind, wenn infolge zeitweiser Ueberproduktion oder Konsumstockung die Pieise der Früchte der Küstenebene fallen sollten, liegt auf der Hand. Auch wird, aller Wahrscheinlichkeit nach, schon Palästina nebst den Nachbarländern die gesamte Produktion Migdals übernehmen, wodurch an Verpackungs- und Transportkosten gespart wird. Natürlich bleibt auch die Möglichkeit, die Früchte nach Europa zu versenden, wo, besonders in England, neben der Orange auch die Grapefruit Palästinas außerordentlich beliebt ist, so daß sie sich dort immer mehr als Konsumartikel einbürgert und einen sehr aufnahmefähigen Markt findet. Nicht nur die frühe Ernte, sondern auch die ausnehmend hervorragende Güte der Früchte gerade von Migdal garantiert hohe Preise; die Früchte sind süßer und aromatischer als die der Küstenebene, so daß die Migdal Grapefruit häufig auch ohne Zucker gegessen wird. Die Migdal-Orangen wurden bisher nicht unter dem Minimalpreise von 24 Piaster (RM. 4,80) die 100 Stück loco im Sack verkauft, was also aut Kisten von 144 Stück (Mittelgewicht) umgerechnet 7 sh. für den Inhalt einer Kiste ausmachen würde. Es ist dieser Preis wesentlich höher als der Durchschnittspreis der Orangen der Küste. Die Orapefruits Migdals ergaben sogar den hohen Loco-Preis von 1 Piaster (20 Pfennige) per Stück (also 16 RM. für ejpe Kiste von 80 Stück). Außerdem hat die Orapefruitkultur auch noch den Vorteil, ein Jahr früher als die Orange in Ertrag zu kommen! Schließlich hat die Grapefruit noch die Eigenschaft, daß sie sich besser hält als die Orange, so daß man beim Bezug einer Kiste monatelang die Früchte genießen kann, während die Orangen sich meist nach ihrer Ankunft in Europa nur noch wenige Wochen gut saftig erhalten. Während der eigentliche Zweck der Begründung der Banahengesellschaft darin bestand, die Unterlagen für einen Bananenexport aus Palästina uns zu beschaffen, so beabsichtigen wir mit dieser Gesellschaft den Beweis zu liefern, daß man auch kleine Kapitalien sicher und mit guter Gewinnchance in Palästina aniegen kann. Als Anhaltspunkt für die zu erwartenden Dividenden mag dienen, daß schon bei den Orangenpflanzungen der Küstenebene Palästinas eine Ver* zinsung des Kapitals mit 10 bis 15 0/0 als sehr mäßig ange* sehen wird, und häufig ein mehr als doppelt so hoher Ge» winn erzielt wird. Wir beabsichtigen, denjenigen Interessenten, welche auf Ausschüttung der Dividenden in bar kein Gewicht legen, den Gegenwert durch Zusendung der entsprechenden Anzahl Kisten von Grapefruit oder Orangen zukommen zu lassen. Durch unser Unternehmen soll sich natürlich niemand abhalten lassen, selbst Pflanzungen drüben anzulegen oder aniegen zu lassen, wir sind aber der Ueberzeugung, mit dieser Gründung zahlreichen Freunden Palästinas einen Dienst zu leisten, die den Wunsch haben, persönlich an dem Wirtschaft* liehen Aufbau Palästinas tefizunehmen, ohne die Möglichkeit zu haben, größere Kapitalien investieren zu können. Findet die Idee Anklang, so eröffnen sich große Perspektiven In bezug auf Nutzbarmachung des Orangenlandes in Palästina für weite Kreise In der Diaspora. Nähere Auskünfte erteilen und Aktien-Zeiehnungen nehmen entgegen: Das Pallstinaamt der Zionistischen Organisation, Berlin W, Meinekestraße 10 Prof. O. Warburg, Berlin W, UMandstra&e 175 M. Olikin, Migdal bei Tiberias, Palästina J. Oppenheim, Citrologist der Agricultural Experiment Station, Rechowoth Palästina. Misrachisten in der Agudah? Eine Replik Von Prof. Adolf Fraenkel, Kiel. Die Kernfrage, auf der die Meinungsdifferenz zwischen dem Vorsitzenden des deutschen Mlsrachi A. Adler (siehe Nr. 54 der 1. R.) und mir beruht, ist ersichtlich die folgende: Stellt der Mlsrachi eine politische Partei dar, die sich auf ein wohlumgrenztes Ziel, die Verwirklichung des Basler Programms im Sinne der jüdischen Tradition innerhalb des Rahmens der Zionistischen Organisation, konzentriert und beschränkt? Oder ist er eine Weltanschauungsgruppe, geeint und von andern Gruppen geschieden durch die Art seiner jüdischen Auffassung, aus der die Betätigung auf allen hierzu geeigneten Arbeit«* gebieten fließt? Diese Frage, die seit langem diskutiert und zurzeit innerhalb des Weltmisrachi verschieden, in der deut* sehen Organisation aber vorwiegend im zweiten Sinn beant* wartet wird, vor einem so weiten fernerstehenden Kreis zu er* örtern, erscheint mir im Gegensatz zu Adler wenig nutzbrin* gend. Die Entscheidung hierüber werfen auch letzten Endes nicht ideologische oder historische Untersuchungen, sondern die geschichtliche Entwicklung von Jahrzehnten bringen. Ich begnüge mich deshalb damit, für den Leserkreis der J. R.. der meinen von Adler bekämpften Artikel nicht ke״nt, auf einige wesentliche Einzelheiten eftmigehen, und hebe allgemeinbin nur das eine hervor: wie in meinem Artikel betont war, hat meine dortige Problemstellung einen Sinn nur für den, der die eingangs erwähnte Grundfrage gleich mir im ersten Sinnbe* antwortet, während der Misrachist, der gleich Adler im Misrachi eine Weltanschamingsgruppe erblickt, folgerichtig meine Thesen ablehnen muß. Insofern ist auch nach meiner Meinung Adlers Stellungnahme durchaus in sich begründet, ja sie war sogar schon in meinem Artikel vorweggenommen. Die grundsätzliche Frage, ob die zurzeit in der Agudah tobenden Kämpfe um die Aufhebung des § 4 für die Einsteilung der Misrachisten zur Agudah von Bedeutung sein kann, ist nicht für den Augenblick, sondern nur auf weite Sicht bin gestellt und zu stellen. Daß die bevorstehende Kenessiah und der Rabbinische Rat der Agudah sich schon jetzt die universelle Einstellung zu eigen machen, die In der deutschen Agudah nach schweren Kämpfen Platz gegriffen hat, ist bei dem Einfluß, den immer noch — wiewohl merklich abnehmend — der ungarisch-tsehechoslowaklsche Zweig unter der geistigen Führung von Rabbiner Pinchas Kohn besitzt, wenig wahrscheinlieh. Unter solchen Umständen wäre, auch wenn das tormelle Verbot fiele, die Mitarbeit von Misrachisten an leitender Stelle der Weltagudah zurzeit wenig aussichtsreich, obgleich sie gerade im Hinblick auf Palästina an sich wünschenswert erscheipefc.djWte. Kon. emlnepta. Bedeutung.!ataL.fflr jede — Mild. giüvtrwdlcW »faÄeW ist die Frage, ob die Agudah im Sinn der Leipziger Beschlüsse (und entsprechend der verzweifelten Resignation des extremen Flügels der Frankfurter Trennungsorthodoxie!!) etwa wirklich beginnen will, sich von einer orthodoxen Gruppe, die die Scnwestergruppen unfruchtbar und intolerant bekämpft, wieder zurückzuentwickein zu einer universellen Organisation der traditionstreuen Judenheit, wie dies entgegen Adlers Meinung Im ersten Stadium Feistscher Leitung die Agudahtendenz gewesen war, bis es Dr. Isak Breuer 1913T4 gelang, das Steuer herumzuwerfen. Eine solche Rückentwicklung, als deren Svmptom auch die jüngsten Vorgänge bei der Frankfurter Rabbinerwahl zu werten sind, kann sich nicht von heute auf morgen vollziehen. In der Geschichte der Agudah ist mit weit größeren Zeiträu» men zu rechnen als in der des heutigen Zionismus, und eine heute akademische Frage, wie die von mir angeschnittene, wirf ihre aktuelle Bedeutung vielleicht erst in einem Jahrzehnt gewinnen. Was eine Ausschaltung der Palästinaarbeit aus dem Tätig* keitsbereich der Agudah betrifft, so hat mich Adler hier völlig mißverstanden. Ich betonte ausdrücklich: so sehr auch angesichts unserer Verurteilung der agudistischen Palästinaarbeit, eine solche Ausschaltung die Mitarbeit mit der Agudah erleichtern könnte, so sei dieser Gedanke ebensowenig von» Agudah- Standpunkte aus durchführbar, wie er auch vom Gesichtswinkel des Mlsrachi letztlich kaum wünschenswert wäre. Diese von Adler demnach geteilten Gesichtspunkte bestätigen gerade die wenn auch ihre Methoden im letzten Jahrzehnt oft das Gegen teil zu beweisen schienen. Schließlich ist Adlers Hinweis darauf, daß der Misrachi zur Zeit des zionistischen Kulturkampfes begründet wurde, gerade ein Argument für meine Thesen. So wenig damals die Traditionellgesinnten sich von der Arbeit für Palästina, die zu jener Zeit mehr noch als heute nur in der Zionistischen Organisation möglich war, desinteressieren konnten, so wenig dürfen auch die verfchltesten Maßnahmen der Agudah heute die Orthodoxie vergessen lassen, daß die Idee einer Gesamtorganisation der gesetzestreuen Judenheit zum Zweck der Lösung all ihrer Ge* meinschaftsaufgaben — wie sie den ersten Gründern der Agudah vorgeschwebt hat und noch 1m Statut ihre theoretische Verankerung besitzt — eine lebenskräftige und zukunftsträchtige Idee ist, die aus der Utopje von heute zur Realität von morgen zu gestalten gewisse Kreise namentlich der deutschen Agudah ernsthaft bestrebt sind. Dieser Idee ohne Beeinträchhgung der ״zionistischen Loyalität“ anzuhangen, ist das gute Recht derjenigen Misrachisten, die den Misrachi als politische Partei ansehen; in einem ähnlichen Sinn, wie die Verfolgung allgemeiner sozialistischer Interessen innerhalb der internationafe das Recht der Poale Zion ist. Die von Adler zum Schluß geäußerte Scheu vor der Konkurrenz einer unter mlsrachistischer Mitwirkung reformierten und gestärkten Agudah teile ich keineswegs. Misrachi und Agudah brauchen nicht gegen, sondern können neben ein* ander arbeiten, und auch für Organisationen darf man gegenüber jeder Eifersucht das Schriftwort anweaden: ומי ירון כל עם וד נביאים! Das Bire Bidscban-Projekt Moskau, 10. Juli. (J. T. A.) Eine von der amerikanischen Arbeiter-Organisation für jüdische Landansiedtung in Rußland ״Icor“ entsandte wissenschaftliche Expcdi* tion ist in diesen Tagen in Moskau eingetroffen. Sie hat die Aufgabe, eine wissenschaftliche Prüfung der Möglichkeit einer jüdischen Massenkoloitisation in Biro Bidsch an durchzuführen. Einiges über die Juden in Zürich Von Norbert Weldler, Zürich. Die Juden der Schweiz sind den Kongreßbesuchern in» allgemeinen nicht ganz unbekannt. Da nun der Kongreß zun» erstenmal in Zürich stattfindet, werden sie vielleicht gern etwas über die jüdische Bevölkerung dieser Stadt erfahren. Vereinzelt treten die Juden schon in früheren lahrhunderten immer wieder In Zürich auf, doch waren ihr Besuch und ihre Niederlassung bis zur vollendeten Emanzipation in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mannigfachen Beschränkungen unterworfen. Als die Hindernisse gefallen waren, siedelten sich in erster Linie diejenigen Juden in Zürich an, die aus den Heimatdörfern der Schweizer Juden, Endingen und Lengnau im Kanton Aargau, eine Stunde von Zürich, stammten. Es sind die vielen Ouggenheims, Boliags, Wylers, deren Familiennamen schon zeigen, daß ihre Vorfahren auch einmal von anderswo gekommen sind, und die Dreyfuß, deren Name bereits auf eine westliche Himmelsrichtung, nach dem Elsaß deutet Die elsässischen Juden sind das zweite Element in der schweizerischen Judenschaft, wenn wir von den Alteingesessenen sprechen. Dazu kommen dann nach und nach süddeutsche Einwanderer aus den Grenzstaaten, vor allem aus dem Badensischen. Bereits in den neunziger Jahren beginnt ein Zustrom aus dem Osten, hervorgerufen nicht nur durch die allgemeine schlechte wirtschaftliche Lage in Galizien, Polen und Ru ",and, sondern jeweils anschwellend, wenn dort Pogrome statt anden. Das erste Jahrzehnt des 20. Jahr- Hunderts, duren gehäufte Juden Verfolgungen gekennzeichnet, bringt einen stärkeren Schub. Die Kriegszelt läßt eine letzte Einwanderer-Welle hierherfluchten, doch kann sich diese bedeutend weniger aus ökonomischen Gründen und wegen der behördlichen Abwehrmaßnahtnen verwurzeln; nach Kriegs- Schluß ist ein« starke Abwanderung und Rückwanderung dieser zuletzt ins Land gekommenen Ostjuden, die in erster Linie Zürich, als die größte Stadt der Schweiz, aufsuchten, festzustellen. Wie überall kann man auch hier einen Antagonismus zwischen Ost- und Westjuden beobachten. Ist er auch bedeutend genug, so scheint uns doch der Orad der gesellschaftliche!» Separierung nicht ganz so stark wie in anderen Ländern, wenn sich der Ostjude genügend angeglichen hat und noch dazu die sozialwirtschaftliche Stufenleiter höher hinaufgeklommen ist, nehmen die Westjuden gnädigerweise keinen weiteren Anstoß an seiner Herkunft. Die sogenannten autochthonen Juden, die einen soziologisch überall arrogierten Vorrang zu haben glauben, werden allmählich schon rein zahlenmäßig in den Hindergrund gedrängt. Es tritt sichtlich eine Vermischung aller Schichten, gleichgültig, wo sie geboren wurden, ein. man muß den Endinger und Lengnauer Juden zubilligen, daß, wen# auch ihre Enklave dazu geführt hat, ihr Zusammenhangsgefühl mit den Volksgenossen anderwärts nicht gerade zu stärken, sie doch viele gute jüdische Eigen»* schäften aufweisen. So z. B. kennen sie keine Taufepide* mien, sie gehen auch viel weniger als eingewanderte Juden Mischehen ein. Eine eingehende Statistik über die Züricher Juden haben wir bis in die letzten Wochen nicht besessen. Als nach den Friedensschlüssen von Deutschland her der Versuch gemacht wurde, einen aktiveren Antisemitismus zu importieren, ein Unternehmen, das schon an» Ordnungssinn des Schweizer Charakters scheiterte, sah sich die hiesige Kultusgemeinde aus Abwehrabsichten veranlaßt, die Struktur der jüdischen Bevölkerung Zürichs untersuchen zu lassen. Sie ließ di« Zählkarten der Volkszählung 1920 abschreiben; sowie sich jedoch die Erregung legte, ging ihr Interesse an der Arbeit L.f C« . und zu verarbeiten. -Seine Monographie dürfte noch vor dem Kongreß als Broschüre erscheinen. Die Ergebnisse seiner Statistik welchen nicht sehr von den allgemeinen Eindrücken, die man bei längerem Zusehen erlangt, ab. 1920 gab es unter einer Oesamtbevölkerung von 207161 6704 Juden in Zürich, d. s. 3,20/0. Von den Juden waren 45 0/0 Schweizerbürger, 55 «/# Ausländer. Dieses Verhältnis hat sich in den letzten "neun Jahren wesentlich verschoben. Die Zahl der Ausländer muß, denkt man an die veröffentlichten Einbürgerungslisten der letzten Zelt, zugunsten der Neubürger sehr angenommen haben. Die Stockung war zeitweilig von der Stadt selbst verursacht worden; diese genehmigte eine zeitlang prinzipiell kein Gesuch von Juden um Aufnahme ins Bürgerrecht 1920 wurde sogar die tief verletzende Bestimmung proklamiert, daß Ostjuden erst nach 15 Jahren Seßhaftigkeit Stadtbürger werden könnten, während bei jedem anderen Bewerber ein zehnjährige Aufenthalt genügt. Die Schweizer begründeten diesen Beschluß mit der Forderung nach Assimilation an die Landessitten, auch durch Kenntnis des im Lande gesprochenen Dialektes. Der in der Schweiz herrschende Antisemitismus ist nicht gleicher Natur wie in Deutschland oder Oesterreich. Vor allem fehlt ihm die Roheit Viel eher kann man von einem Asemitismus reden. Wir glauben nichts zu beschönigen, wenn wir sagen, daß z. B. die Italiener in Zürich sich bei der christlichen Bevölkerung auch keiner höheren Schätzung als die Juden erfreuen. Man läßt beide ungeschoren, man betrachtet beide mit einer gutmütigen Minderschätzung. Daß es natürlich auch von jedem Vorurteil freie nichtjüdische Kreise gibt, braucht wohl nicht besonders hervorgehoben zu werden. Die Juden Zürichs sind ln der Hauptsache in drei Gemeinden organisiert. Die größte ist die Israelische Kultusgemeinde, die, obgleich in ihrer Mehrheit liberal, dennoch auf die Strenggläubigen alle Rücksicht nimmt, indem sie ihnen beispielsweise ein Betlokal ohne Musikinstrument zur Verfügung stellt. Die zweitgrößte ist die Israelitische Religionsgeselischaft, die sich unter dem Einfluß der Trennungsorthoaoxie von der Muttergemeinde losgelöst hat. Die Ostjuden finden sich zum überwiegenden Teil in der Gemeinde Agudas Achim zusammen, doch bilden sie außer dieser noch eine Anzahl kleinerer Minjanim. Jede der Gemeinden unterhält einen eigenen Friedhof. Bemerkenswert ist, daß insbe* sondere in den jüngeren Reihen der Kultusgemeinde kein Hehl daraus gemacht wird, diese Zersplitterung als dem Einheit»• ״ zurückzuführen. Zweifellos begegnet heute noch mehr als vor einigen Jahren der Zionismus in Zürich einer Atmosphäre, die verständnisvoll genannt werden muß. Die Hoffntnigen, die wir in Zürich lebende Zionisten an den Kongreß knüpfen, gehen jedoch dahin, daß er aus unseren Freunden Genossen mache. Und darum sind wir gar nicht erbaut, daß die Verhandlungen aus Raumverhäitnissen heraus nur in halber Oeffentlichkeit vor sich gehen können. Zürich Ist zurzeit der Sitz des Zentralkomitees des Schweizerischen Zionistenverbandes, dessen Geschäfte von Heinrich Reichenbauch geführt werden, der gleichzeitig seit einigen Jahren Nationalfondskommissar für die Schweiz ist. Der zionistischen Vereine ln der Stadt gibt es jetzt vier: die Zionistisch« Ortsgruppe, den Zionistischen Klub, den Misrachi und jüngsten Datums einen Verein Zionistischer Frauen. Auch die zionistische Jugend sammelt sich ln mehreren Gruppen. Wir müssen auf sie vertrauen, daß sie bald die Lücken der Erwachsenen füllen helfe. Not täte nur, daß die geistigen Strömungen, zumal aus Deutschland, nicht an den Grenzen des Landes kehrtmachen, damit von ihnen das zionistische Leben der Schweiz befruchtet würde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.