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Jüdische Rundschau · 1929-07-19 · Heft 56 (19.7.1929) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 56 (19.7.1929)
Date
1929-07-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50, 19. Vit. 1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 357 * Organisation. Es ist nicht nur politisch klug, sondern auch ge• recht, einen äußeren und nicht einen inneren Prüfstein für das zu nehmen, was einen Zionisten und einen Nichtzionisten ausmacht. Welches ist denn der Unterschied, der in der Zahlung des Schekels liegt? Nichtzionist ist derjenige, welcher für den Zionismus außerhalb der Zionistischen Organisation zu arbeiten wünscht. Mit anderen Worten: die Zionisten wünschen für dieses Ziel auf der demokratischen Linie ihrer eigenen Organisation zu arbeiten, wogegen die Nichtzionisten dafür außerhalb dieses demokratischcn Rahmens zu arbeiten wünschen. Demokratie ist, in ihrer heutigen Form ein System politischer Volkserziehung. Sie bedeutet nicht, daß das Volk sich selbst regiert, sondern bedeutet ein System für die Auswahl der Führer und die Herstellung einer klaren Regierungsverantwortlichkeit. Es kann verschiedene Ansichten über den Wert der Demokratie geben, wie es auch verschiedene Anwendungsweisen für demokratische Prinzipien gibt. Demokratie wechselt ihre Gestalt nach Ländern und Nationen. In den meisen Ländern ist die Demokratie aus der Autokratie erwachsen. Doch gab es beim jüdischen Volk keine derartige historische Entwicklung Mancher wird sagen können, daß wir nicht immer glücklich in der Anwendung demokratischer Prinzipien gewesen sind und daß wir oftmals infolge Mißverstandener Demokratie Fehler in der Arbeit und der Verwaltung gemacht haben. Selbst wenn wir diese Nachteile zugeben, so glauben wir doch, daß Demokratie ein notwendiges und wesentliches Element unserer Sache ist. Andere werden sagen, daß die Demokratie kein notvrendiges und primäres Erfordernis des Zionismus ist, und es würde daraus folgen, daß innerhalb der Jcwish Agency Juden von den Nichtzionisten zu den Zionisten übergehen könnten, und umgekehrt, so wie jemand seine politische Partei wechselt. Wir Zionisten sind der Meinung, daß die Demokratie das einzig mögliehe System politischer Erziehung ist und daß wir einige schlechte Konsequensen falsch angewandter Demokratie mit in Kauf nehmen sollen, um das jüdische Volk zur Selbstverwaltung zu erzielten. Wir sind genau so mit dem Aufbau des jüdischen Volkes für das jüdische Land befaßt, wie mit dem Aufbau des jüdischen Landes für das jüdische Volk. Es ergibt sich aus dem eben Gesagten, daß der Unterschied zwischen Zionisten und Nichtzionisten durch diese beiden Be- Zeichnungen schlecht ausgedrückt wird. Die Zweideutigkeit des Wortes ״zionistisch“ kann uns dazu verführen, künstliche Glaubqnsunterschiede zu schaffen, die eine Entfremdung zwischen uns und unseren Freunden herbeiführen können. Der Zionismus ist gerade der gemeinsame Faktor, welcher uns einigt, welches auch die anderen Unterschiede sein mögen. Die Alisdrücke ״Zionisten“ und ״Nichtzionisten“ würden am bester» abgeschafft werden. Wir kämen der Wahrheit näher, wenn wir uns selbst die ״Demokraten“ und die anderen die ״Nichtdemokraten“ nennten. Aber auch diese Unterscheidung kann nicht als befriedigend betrachtet werden. In Uebereinstimmung mit der Entscheidung des Kongresses ist man mit den Nichtzionisten übereingekommen, daß auch sie auf einer mehr oder weniger demokratischen Grundlage in den verschiedenen Ländem gewählt werden sollen. Dadurch wird die Unterscheidung noch subtiler. Eine Erläuterung durch Definition zeigt, daß wir Zionisten mit den sogenannten Nichtzionisten, unseren Partnern in der Jewish Agency in jeder Beziehung vereint sind, ausgenommen im Wahlmodus, auf einer verschiedenen demokratischen Grundlage, also felfgUcir..ein Unterschied deFWkKlküric;..;ד*' Um das Wahlrecht zum Kongreg Antrag eines Nichtdelegicrtcn. Von Dr. Hugo Schachtel. In der ״Jüd. Rundschau“ befindet sich eine Aufforderung an die Kongreß-Delegierten, Anträge zum Kongreis bis zum 17. Juli bei der Exekutive anzumelden. Ich habe nicht die Ehre, Kongreß-Delegierter zu sein, kann also keinen Antrag einbringen. ich möchte aber die Allgemeinen Zionisten der deutschen und anderer Delegationen bitten, an meiner Stelle einen Antrag aufzunehmen, den ich schon den letzten Kongressen unterbreitet hatte, der aber bisher noch nie eine Majorität für sich fand, obwohl er eigentlich etwas Selbstverständliches forderte, weil er aber den Interessen gewisser Richtungen zuwider ist. Mein Antrag lautet: Das Wahlrecht zum Kongreß ist gebunden an die Schekel- Zahlungen in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Jahren (oder im Kongreßjahre und dem vorangegangenen Jahre). Die Zahl der Mandate wird berechnet nach dem Durchschnitt der Schekel des Kongreßjahres und der des ihm vorangegangenen Jahres. Ist es da nicht eine ganz selbstverstandliehe Folgewirkung dieser Bestimmung, daß auch nur die das Wahlrecht ausüben dürfen, die für eben diese beiden Jahre den Schekel entrichtet haben? Der Schekel soll der Ausdruck der Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation sein. Nach der Summe der Schekel pflegt man die Zahl der sich zum Zionismus Bekennenden zu berechnen. Wir Zionisten haben uns aus unseren bedauerlichen Erfahrungen heraus allerdings schon daran gewöhnt, für diese Berechnung nur die Schekelzahl der Kongreßjahre in Betracht zu ziehen. Wir finden aber bei nichtzionistiscben Autoren Berechnungcn über die Zahl der Zionisten, die sich aut die kongreßlosen Jahre stützen. Wir brauchen nicht anzunehmeen, daß dies aus Unkenntnis oder gar böser Absicht geschieht. Sollte nicht jeder Nichtzionist von vornherein annehmen können, daß bei jedem Zionisten das Interesse am Zionismus ein so starkes ist, daß er in jedem Jahre seinen Scheekel bezahlt, auch wenn damit kein Wahlrecht erworben wird? Leider ist dem so nicht. Mir stehen hier in meiner Sommerfrische nicht die Zahlen früherer Kongreßperioden zur Verfügung. Doch für e i 11 Land habe ich die Zahlen zur Hand und die sind sogar besonders charakteristisch. Denn es sind die Zahlen für Palästina: Kongreßjahr 1927: zirka 37 000 Schekel, Zwischeirjahr 1928: zirka S900 Schekel, Kongreßjahr 1929: zirka 35 228 Schekel. Und so wie in Palästina, ist es überall. Von selbst bezahlen den Schekel nur die im Zionismus Aktiven. Wie ja auch in allen anderen Organisationen die Beiträge ohne Mahnung nur die für sie Tätigen entrichten. Fordert die Exekutive die Schekel an, so bemühen sich die, die auch sonst für das Leben in den Ortsgruppen sorgen, mit einigem Interesse darum. Das sind in den allermeisten Orten die Stam-Zionisten, die Allgemeinen Zionisten. Aber auch ihr Interesse am Schekel Ist in den kongreßlosen Jahren nicht• das gleiche wie in den Kongreßjahren. Das Interesse der Flügelparteien ist in den kongreßlosen Jahren am Schekel ein geradezu negatives. Und es wird nicht besser werden, wenn nichtdas Wahlrecht auch mit dem Schekel der kongreßlosen Jahre verknüpft wird. Daß dies aber geschieht, liegt nicht bloß im Interesse der Wahrheit der Statistik, sondern auch der stets wenig guten Finanzen unserer Exekutive, also unserer Organisation, und — last not least — der wirklichen Klärung der Wünsche der zionistischen Kongreßwähler. Dies ist nämlich der springende Punkt. Hier liegt der hauptsächlichste Grund verborgen, weshalb wir die vorgeschlagene Aenderung unseres satzungsmäßigen Wahlrechts wünschen müssen und weshalb doch gewisse Richtungen Innerhalb unserer Organisation den Vorschlag bekämpfen und seine Verwirk• lichung noch immer zu verhindern wußten. Der Kongreß soll der Ausdruck des Willens der Zionisten sein. Dieser soll aber nicht verfälscht werden dadurch, daß Menschen, die gar kein lebendiges Interesse am Zionismus nehmen, auf ihn einen Einfluß ausüben, weil sie ebenfalls den Wunsch hegen, wenn schon einmal ein Zionismus besteht und irgendwie verwirklicht wird, so sollen ihre persönlichen Ansenauungen dabei sich durchsetzen. Sie haben vielleicht nicht einmal selbst so sehr diesen Wunsch, aber die entsprechenden Richtungen innerhalb des Zionismus bringen sie dazu. Ein Beispiel: Bei den letzten Wahlen ist in Berlin konservativen nichtzionistischen Juden ein misrachistischer Wahlaufruf zugegangen, in dem cs als eine ,,Mizwoh“ hingestellt wurde, sich an der Wahl zu beteiligen. In Breslau wurde am Tage vor der Wahl den nichtzionistischen Konservativen nur in persönlich unterzeichneten Briefen ihrer misrachistischen Freunde gesagt, daß die Schekelzahlung und Beteiligung an der Wahl im Interesse des traditionellen Judentums liege. Die Erfüllung einer solchen ״Mizwoh“ läßt man sich schon eine Mark fünfzig kosten. Wir sollten wohl aber alle Veranlassung haben, gegen eine solche Verfälschung des Willens der wirklichen Zionisten, die Zionisten nicht bloß für den Tag der Wahl, alle Maßnahmen ergreifen. Nun aber sträubten sich bisher auch manche Allgemeine Zionisten gegen die vorgeschlagene Satzungsänderung. Sie sehen darin die Einführung einer Karenzzeit und glauben sich damit in Widerspruch gegen ihr Bestreben, bei den Wahlen in jüdischen Gemeinden jegliche Karenzzeiten abzuschaffen, zu setzen. Aber ist nicht ein ganz prinzipieller Unterschied zwischen Oemeindcwahlen und Wahlen zum Zionistenkongreß? Bei den Gemeindewahlen handelt es sich um Zugehörige der jüdischen Gemeinschaft, gleichviel welcher persönlichen Auffassung oder Einstellung zu irgendwelchen Problemen des Lebens. Bei den Wahlen zum zionistischen Kongreß handelt es sich um Menschen, die sich zu einer besonderen Auffassung des Judentums bekennen, davon durchgerungen haben und bereit sind, an der Durchsetzung, Vorbereitung und Verwirklichung der Sache mitzuwirker». Ist cs da nicht geradezu geboten, eine gewisse Bewährungsfrist, die Frist einer Kongreßperiode zu fordern, ehe man ihnen gestattet, auf die offizielle Gestaltung der Arbeit entscheidenden Einfluß zu nehmen? Hat nicht jeder von uns es schon erlebt, daß manch einer unter dem Einfluß einer zündenden Rede sich zum Zionismus bekannte, um später doch wieder zu seiner früheren Anschauung zuruckzukehren? Für jede Entscheidung im menschlichen Leben hält man eine ernste Prüfung, eine Zeit der Bewährung für selbstverstand• liches Erfordernis. Für die wichtigsten Entscheidungen der in der Zionistischen Organisation zum Ausdruck gekommene Auf■ fassung des Judentums sollte sie nicht weniger geboten sein. Darum muß die Organisation die kurze Bewährungsfrist einer Kongreßperiode fordern, ehe sie das Recht der Mitbestimmung am Gesetz ihres Handelns zugesteht. Für diese Durchsetzung von Wahrheit und Klarheit, von Reinheit und Ehrlichkeit zu sorgen, sei eine Aufgabe der Allgemeinen Zionisten. Eine neue Alliance Universelle Von Hans Goslar. Durch die jüdische Presse geht die Nachricht, daß im vergangenen Jahre in Warschau 891 Juden (301) Männer und 591 Frauen) Selbstmord verübt haben. Bei der christlichen Bevölnicht mit Unrecht von einem ״wirtschaftlichen und seelischen Zusammenbruch des polnischen Judentums“ und verlangt von der Warschauer Gemeinde gründliche Untersuchungen, um die Ursachen insbesondere der grauenhaft vielen Frauenselbstmorde zu ergründen. Wem von uns Zionisten greift diese Nachricht, die weder einmal blitzartig die Verhältnisse im polnischen Osten bcleuchtet, nicht so ans Herz, daß er sich sogleich iragt, ob nicht auch — nach dem Grundsatz der unbedingten solidarischen Haftung aller Juden für einander — wir mit die Schuld an diesem katastrophalen Nachlassen jüdischen Lebenswillens in Massen tragen, die immer noch als Kräftereservoir unseres Volkes galten. Ich will hier nicht im einzelnen auf die mutmaßlichen Gründe cingehen, die der Selbstmordepidemie zugrunde liegen, ln der Mehrzahl der Fälle werden es bei den Männern die Hoffnungslosigkeit ihrer wirtschaftlichen Existenz und die immer mehr sich häufenden Schwierigkeiten der Auswanderung, insbesondere das Aussichtslose des Harrens und Wartens auf die Einreise nach Amerika und die Beschaffung der hierzu nötigen Geldmittel sein. Zum kleinen Teil auch Furcht vor dem im polnischen Heer gewiß für Juden nicht beneidenswerten Militärdienst mit seinen schweren wirtschaftlichen Folgen für die Familie des Ernährers. Bei den Frauen wird ebenfalls die Erschwerung der Auswanderung, die grauenhafte Wirtschaftliehe Not und die Angst vor der anscheinend unvermeidbaren Schande, wenn man sich anständig nicht mehr ernähren kann sowie auch zum kleinen Teil mehr oder weniger böswilliges Verlassen des Mannes sein, die dazu führen, sich in die Arme des Todes als letzten Retter zu flüchten. Die Erschütterungen der ehemals viel stärkeren religiösen Grundlagen in der Kriegs- und Nachkriegszeit tut vollends ein übriges, um die letzten, sonst sehr wirksamen, Hemmungen gegenüber einem frehvilligen Abschied vom Leben auszuräumen. Not, Not und nochmals Not, Hunger und die Flucht vor dem unrettbaren Eingesperrtscin in einein Lande, in dem die wirtschaftliche Grundläge des Lebens der jüdischen Massen zum größten Teil zerbrocken ist, sind also die Hauptgründe der Selbstmordepidemie. Wozu ich das den Lesern der ״Rundschau“ nur zu gut bekannte hier wiederhole? — Nur um den folgenden Gedanlcengang zu begründen, von dem ich nach der Lektüre der eingangs genannten Zahlen nicht mehr loskomme. Die Pa- I ä s t i n a ־ Sache ist — nach ungeheuren und nicht genug zu dankenden Mühen unserer Führer — auf ein breites und solides Fundament gestellt worden; es sind beim Zustandekommen der Jewish Agency so große Teile der überhaupt aktiven Judenlieit an ihr organisatorisch und gesinnungsmäßig interessiert, daß der Lauf der Bewegung nicht mehr aufzuhalten ist. Die Riesenaufgabe unserer Generation und der kommenden ist damit endlich in einer Form in Angriff genommen worden, die, wie wir hoffen, groß genug sein wird, um bei größter Anspannurig aller hier vereinigten Kräfte merkliche Fortschritte zu machen. Das Palästina-Werk wird menschlicher Voraussicht nach, wenn es nur auch seelisch-jüdisch im Sinne jüdischer Tradition unterbaut ist, nicht mehr zusammenbrechen. Das Volk aber, für das letzten Endes all das geschieht, leidet im Golus unsäglich und zermürbt sich ln wirtschaftlicher Not und seelischer Zerrissenheit. Nicht nur, daß wir mit gebundenen״ Händen Zusehen müssen, wie in Sowjetrußland durch kalt-brutale Abdrängung der gesamten hcranwachsenden jüdischen Generation von ihren religiösen und nationalen Kulturgütern und durch einen an Sadismus grenzenden Haß gegen jede Betäfigung nationalen und religiösen Lebenswillens auch der älteren Generation große Teile unseres Volkes systematisch entjudet und vom Zusammenhang mit dem Kial Jisroel wie mit ihrer eigenen Historie abgeschnitten werden: in den Ländern wie Polen und Litauen, in denen an sich noch jüdisches Leben günstige Vorbedingungen hat, ist nicht nur keine Gelegenheit gewesen, die Kriegswunden zu heilen, sondern werden Tag tür Tag noch stehende Bastionen eingerissen. Die Massen verelenden in dumpfer Hoffnungslosigkeit — und Amerika ver• schließt sich mehr und mehr. Die Aufgabe unserer Tage — riesengroß ist die Last der Arbeit und der Verantwortung dieser Generation — darf nun aber nicht nur darin bestehen, die Vorbedingungen für eine nach soliden Kolonisationsprinzipien wachsende und sich dohnende Palästina-Siedlung zu schaffen. Die Energien des aktivsten Teils der Judenheit, der sich am stärksten mit dem gesamten jüdischen Volk eins fühlt, dürfen sich einfach nicht in der Palästina-Arbeit erschöpfen. Das Galuth, die Massen, die wir auch bei besten Chancen des Palästina-Werks nicht in absehbarer Zeit, auf Generationen, transplantieren können, braueben und verlangen noch andere Hilfe. Wir haben eine ״Alliance brachte Universelle“, haben die — leider in ihrer Arbeit im Osten vielerorts abbauende — gefaltige Arbeit des utn die Existenz der Massen dort unendlich verdienten ״Joint“, haben die erfreulich wieder auf steigende Arbeit des ״Hilfsvereins der deutschen Juden“ und anderes mehr. Aber es fehlt d i e zentrale, Juden aller Kulturkreise und Parteien der ganzen Welt einigende Organisation und Bewegung von großer Stoßkraft, die die zweite Arbeit unserer Tage, den verzweifelten Kampf gegen das seelisehe Zerbrechen und das körperliche Sterben unserer Massen im Osten aufnimmt. Die ״Jewish Agency“ stellt den Organisation gewordenen Willen der Judenheit zum Aufbau Palästinas dar. Wo bleibt die andere, ergänzende Gemeinschaftsorganisation zur Abwendung des Galuthelcnds von dem sich um das entstehende Palästina herumgruppierenden Volke, das wir mit menschlichen Mitteln und Anstrengungen bekämpfen können? Heute bedarf es vieler Einzclaktionen, um mühsam einzelnen Volkssplitte'rn zu helfen, die wir — sefen sie noch so klein — erhalten und wieder mit dem Kial in organische Verbindung bringen wollen. Ich erinnere an den durch Geldknappheit —• obwohl cs sich um relativ und absolut kleine Stimmen handelt — aufs äußerste erschwerten Kampf des Pro-Fallaschah-Komitees zur Unterstützung der Reste der einst heldenhaft um ihr Judentum kämpfenden Brüder in Abessinien und an die noch kleine Aktion zur Stärkung der Maraimen-Rückkehr-Be* wegung. Auch für diese Dinge, wie für viele plötzlich auf• tretende Krisen und Unglücksfälle und die Abwendung aller äußeren Not und Gefahr von jüdischen Volksteilen bedarf es einer mit dem Schwergewicht der Autorität der geeinten Judenheit ausgerüsteten Organisation, die den wundervollen Programmsatz der Alliance zur Zielsetzung hat: ״denjenigen, die in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, eine wirksame Stütze zu sein“. Durchaus gemäß dem Grundgedanken der als einzigartige, die Juden der ganzen We'.t vereinende Organisation ursprünglich gedachten ״Alliance Israelife Universelle“ müßte diese neue Or* ganisation iänderiiberbrückend und weltumspannend sein und ihre Legitimation in der Mitgliedschaft des überwiegenden Teils der Juden aller Länder finden, die es noch als einen persönliehen Schmerz empfinden, wenn irgendwo in der Welt jüdische Einzelindividuen, Gruppen oder ganze Volksteile nur wegen ihres Judentums leiden. Die Motive, die früher einen Cre m te ux und einen Moses Montefiore veranlaßten. ihre Stimm« bei solchen Gelegenheiten zu erbeben und überall da unverzüglich zu intervenieren, wo den Juden eines Landes * aus ihrer eigenen Mitte kein Helfer erstehen konnte, sind auch heute noch stark genug in der jüdischen Weit, und jeder 11n• befangene Jude muß einsehen, daß eine einheitliche mit großer Autorität, Stoßkraft und Erfahrung ausgerüstete Organisation mehr leisten kann als ein halb Dutzend noch so verdienstvoller Einzelverbände und einige Dutzend weiterer Komitees. ,Nur eine , einheitliche Weltorffsn&$10n kann etaeif. ״Teil der ungeheurfit “wpschaftlichen Schwierigkeiten zu meistern suchen, die sich gerade für die jüdischen Massen aus der Kriegs* zeit und Nachkriegszeit ergeben. Es ist gelungen, was noch vor wenigen Jahren auch den Optimisten unter uns als Wagnis schwerster Art erschien, Kreise der führenden Juden aller Lager und Schattierungen zur Arbeit für den Palästinaaufbau zu aktivieren — für einen Gedanken, der hart und erbittert umkämpft, zum Teil verfehmt und perhorresciert war. Sollte es da nicht auch möglich sein, in Konsequenz der doch leichter Allgemeingut werdenden Anschauung, daß das jüdische Volk im Golus, dessen geistiger Mittelpunkt Palästina werden soll, nicht sterben darf, mindestens ebenso weite, wenn nicht noch viel größere Kreise aut dem Boden einer wirklichen universellen jüdischen Alliance neu über alle bishörigen Organisationsgrenzen zu vereinen? Und was wäre klarer als Programmgrundlage für diese, mit den größtzügigen. wirtschaftspolitischen und kulturpolitischen Mitteln neuerer Zeit auszustattende Organisation als die alte Erkenntnis unserer Weisen: Im cjn tauroh, ejn derech erez; im ejn derech erez, ejn tauroh? Wir müssen gleichermaßen für Brot und Lebenserwerb, wie dafür sorgen, daß die zer• mürbten und durch die Hölle des Krieges und der Nachkriegszeit gegangenen Massen ihren Gott und die Grundlagen jüdischer Seelenkraft wieder finden können. Erst wenn auch diese Arbeit ungeheuerlichen Ausmaßes für das Volk in Angriff genommen ist, können wir uns des für Palästina Erreichten und Kommenden wirklich freuen, — erst dann wird auch die Palästina-Arbeit ganz ihren Sinn und ihre innere Berechtigung erhalten. Blutige Zusammenstöße in Berditschew Der jüdische Friedhof wird ein Park Moskau, 14. Juli (J. T. A.). Der Sowjet der Stadt Berditschew, die eine der größten und ältesten jüdischen Gemeinden des europäischen Ostens beherbergt (die Bevölkerung von Berditschew ist fast durchweg jüdisch), hat beschlossen, den im Zentrum der Stadt gelegenen mehr als 200 Jahre alten historisch denkwürdigen jüdischen Friedhof, auf dem sich Gräber berühmter Rabbinen befinden, in einen öffentlichen Park umzuwandeln. Unter der religiösen jüdischen Bevölkerung Berditschews, der dieser Friedhof als heilig gilt, , hat der Beschluß des Sowjet tiefe Bestürzung hervorgerufen. Als Arbeiter auf dem Friedhof erschienen, um den Boden umzugraben und die Knochen aus den Gräbern auszuheben, stellten sich ihnen die frommen Juden entgegen, es kam zu einem schweren Zusammenstoß, wobei ein Angehöriger der Miliz und mehrere Arbeiter durch Schläge und Steinwürfe blutende Verletzungen davontrugen. Während dessen hatte ein Teil der Arbeiter mehrere Gräber ausgehoben und die Knochen auseinandergesireut. Das Rabbinat von Berditschew forderte alle Juden der Stadt auf, sich an der feierlichen Bestattung der eschändeten sterblichen Reste großer Rabinen demonstrativ zu beteiligen. Die Kommunisten erklären entgegen diesem Aufruf, daß die Knochen nicht von Menschen, sondern von Pferden herstammen. In der Stadt verbreitete sich das Gerücht, daß einige Arbeiter, die sich an der Zer- Störung der Gräber beteiligten, unter lähmungserscheinungen an den Händen erkrankt sind. Dieses Gerücht hatte die Wirkung, daß sich mehrere Arbeiter nunmehr weigern, sich an der weiteren Aushebung der Gräber zu beteiligen. Der Stadtsowjet von Berditschew sucht die erregte Stirnmung durch die Erklärung zu beschwichtigen, daß er bei Um- Wandlung des Friedhofes in einen öffentlichen Park einen kleinen Teil der Fläche umzäunen und dort die Grabsteine des alten Friedhofes aufs teilen lassen weide.

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