Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 54 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 344 Aufgabe die der Klärung and Entscheidung der grundsätzlichen Fragen kommen, die die zionistischen Gruppen auf Grund ihrer verschiedenen Auffassungen verschieden beurteilen, Wem erstrebt und — in gewissen Grenzen — erreicht wird, daß die innerzlanislisehen Anschauungsd ifferen zen auf hören, die tägliche Arbeit m beemfiwsm, dann muß der Kongreß die Stelle sein, an der die zwei Jahre lang gestauten Anschauungskämpfe in würdigen und legitimen Formen zum Aus trag kommen; die Stelle, an der eingehend darüber diskutiert und sodann darüber entschieden wird, in welchem Ausmaße die verschiedenen Anschauungen auf das Arbeitsprogramm und auf die Leitung der Arbeit Einfluß erhalten. Alle Versuche, den Kongreß in der Hauptsache aut die Repräsentation der zionistischen Bewegung nach außen oder umgekehrt auf die Beschlußfassung über praktische Fragen der Organisation und der Arbeit zu beschränken, sind zum Scheitern verurteilt. Beide Aufgaben liegen ihm ob, beide bedeuten für ihn ״Hauptaufgaben“. Weit stärker aber als bisher und in ganz anderer Form als bisher muß die Austragungder grundsätzliehen innerzionistischen Fragen das Oesicht des Kongresses bestimmen. Auf den letzten Kongressen herrschte der höchst unbefriedigende Zustand, daß die grundsätzliehen Meinungsverschiedenheiten latent und dunkel hinter den Debatten etwa über das Budget standen. Sie sollten in Zukunft rein und klar zum Ausdruck gebracht werden und einen auf hohem Niveau stehenden Kampf auslösen, der aber — wenn er ausgefochten und gleichviel wie er ausgelaufen ist —- bis zum nächsten Kongreß zu schweigen hat; denn die Zeit zwischen den Kongressen gehört dem Kampf für und um den Zionismus und der zionistischen Arbeit. — Das geeignetste Mittel zur Erfüllung insbesondere der Autgaben des Kongresses, die in der Beschlußfassung über praktische Fragen gipfeln, sind die Kommissionsberatungen, wenn die Kommissionen im Gegensatz zu der bisherigen Uebung arbeitsfähig sind. Bisher ist die Arbeitsfähigkeit an der übermäßigen Größe der Kommissionen gescheitert, die wiederum auf der Vorstellung beruhte, daß jeder Kongreß-Delegierte irgendeiner Kommission angehören muß, wenn er sich nicht deklassiert und ausgeschaltet fühlen soll. Die absolute Unrichtigkeit dieser Vorstellung muß erkannt werden; es muß klar werden, daß eine überaus wichtige Funktion von Kongreß-Delegierten darin besteht, nicht Kommissionsmitglieder zu werden, sondern die Arbeit der von ihrer Oruppe entsandten Kommissionsmitglieder fortlaufend zu kontrollieren, Berichte von diesen entgegenzunehmen und ihnen Anregungen zu geben. Wenn es auf diese Weise gelingt, die Zahl der Mitglieder jeder Kommission etwa aut ein Drittel, höchstens die Hälfte der bisherigen Zahlen zu reduzieren, so werden die Kommissionen allmählich immer mehr mit wirkliehen Spezialfachkennern besetzt werden, die von Anfang bis zu Ende an den Kommissionsberatungen teilnehmen, und sie werden eine Arbeit leisten, die die Plenarsitzungen wirklich entscheidend entlastet. — ׳ Der Permanenzausschuß wird, wie bisher, von den Kongreß-Parteien je nach ihrer Stärke zusammengesetzt werden müssen. Eine Art Seniorenkonvent stellt heute schon das Kongreßpräsidium dar, das auf den letzten Kongressen freilich nahezu jedeT Wirksamkeit dadurch beraubt worden ist, daß der erste Vizepräsident des Kongresses die Führung der Geschäfte für sich usurpierte. So wichtigund unerläßlich es ist, daß eine tatkräftige, geistesgegenwärtige und verständnisvolle Persönlichkeit aus sich heraus die einzelnen Sitzungen gestaltet, die sie leitet, so notwendig ist es, ein Gegengewicht gegen die bei diesem System möglichen Willküriichkeiten dadurch zu schaffen, daß das Kongreß-Präsidium dem Präsidenten mitwirkend zur Seite steht. Leitsatz 6, Das zionistische Budgetrecht Das vom Kongreß beschlossene Budget schafft nur dm finan• Hellen Rahmen, den 'die " E'seekutiue' amfülten d-ir'f; ."sie braucht ihn nicht auszufüllen, wenn sie auf Grund nachträglich eingetretener Veränderungen es für notwendig hält, die bewilligte Ausgabe zu unterlassen. Selbstverständlich ist die Exekutive für ihre einschlägigen Entschließungen parlamentarisch voll verantwort• lieh. Erscheint es etwa im Einzelfalle notwendig, bindend fetlzu• legen, daß gewisse Arbeiten oder Leistungen unbedingt durchgeführt werden, so ist ein besonderer Kongreßbeschluß nötig. Weder die im Budget ah Geldempfänger genannten Stellen und Personen, noch die Nutznießer von Leistungen, die durch das Budget beschlossen sind, haben also das Recht, aus Budgetbeschlüssen Ansprüche herzuleiten. Wenn nach Erweiterung der Agency die Beschlußfassung über im Palästinabadget durch die Organe der Agency erfolgen wird, so werden die vorstehend angedeuteten Grundsätze, nur wenig verändert, sowohl auf die vorberatende Mitwirkung der zionistischen Instanzen, als auch auf die Tätigkeit der Ageney-Instanzen und die Wirkung ihrer Beschlüsse Anwendung finden müssen. Für den Gedanken, daß auf Grund eines vom Kongreß beschJossenen Budgets dritte Personen rechtsgültige Forderungen an die Exekutive stellen können, gibt es keine Analogie im Staatliehen Leben. Während unsere Budgetbeschlüsse naturgemäß eine viel schwächere Wirkung haben müßten als staatliche Biidgetbeschlüsse (weil uns keine Zwangsmaßnahmen zur Sicherung der Einnahmen zur Verfügung stehen), hat ein —• gewiß aus•׳ Palästinaliebe und zionistischer Gesinnung geboretier — übermäßiger Machthunger zionistischer Gruppen zu der Tendenz geführt, im Gegenteil unseren Budgetbeschlüssen jene bei weitem verstärkte Bedeutung zu verleihen. Das ist um so bedenklicher, als die Zeit und demgemäß die Gründlichkeit, die uns für die Vorbereitung des Budgets zur Verfügung stehen, unverhältnismäßig geringer sind als im Staatsleben Wir müssen dahin gelangen, daß die. Exekutive berechtigt ist, nach, pflichtmäßigem Ermessen auf Grund von nachträglieh eingetretenen Veränderungen (und zwar nicht nur in der finanziellen Situation) Ausgaben zu unterlassen, die im Budget bewilligt waren. Sie ist für ihre Entschließungen parlamentarisch verantwortlich, aber nicht für Durchführung der tm Budget vorgesehenen Arbeiten usw. rechtlich haftbar, ^fält der Kongreß gewisse Arbeiten oder Leistungen für so wichtig und in ihren Voraussetzungen und Durchführungsmöglichkeiten für so geklärt, daß er ihre Durchführung bindend festlegen zu können glaubt, so muß hierüber — gegebenenfalls im Anschluß an das Budget — ein besonderer Beschluß gefaßt werden. Sache der Exekutive wird es sein, vor einer derartigen Beschlußfassung klarzustellen, ob sie eine solche Bindung ännehmen kann oder nicht. Wird die Bedeutung der Budgetbeschlüsse in diesem Sinne klargestellt, so kann es unbedenklich dabei bleiben, daß das Budget vom Kongreß und mir in kongreßlosen Jahren vom Aktions-Comite festgesetzt wird. Anders wäre es, wenn jede Budgetposition Ausgangspunkt und Grundlage für Rechtsan- Sprüche sein soll. Ein Budget dieser Art zu beraten und zu beschließen, wäre eine rein politische Körperschaft, wie der Kongreß — mit seiner großen Delegiertenzahl und seiner kurzen Tagungsdauer — völlig ungeeignet, ln diesem Falle müßten die Budgeterörterungen zum mindesten aus der Atmosphäre des großen Parlaments herausgenommen, die Budgetbefugnis also auf das Aktions-Comite übertragen werden. Leitsatz 7. Finanzierung der Organisation und Schekel Das Finanzwesen der Weltorganisation muß reorganisiert werden, weil der Schekel in seiner heutigen Form dreifach unzeitgemäß ist: Mühe und Kosten seiner Einziehung stehen außer Verhältnis zu JUED1SCH1 RUNDSCHAU seinen Erträgnissen; die absolute Höhe der Schekel-Eingänga ist gegenüber dem Bedürfnissen der Weltorganisation WnmrMmmd; das wichtigste p#litische Recht, das die Weltorganisation zu imleihen kat — das Wahlrecht zum Kongreß *— wird, solange es dem ,Schekel-Zahler' zugebilligt wird, Menschen verliehen, die nur lose mit der Organisation verknüpft nt sein brauchen. In dem Zeitpunkt, in dem mit der Erweiterung der Jewish Agency der Keren Hajessod zum Agency-Fonds wird, ist die Organisation in noch stärkerem Maße als bisher auf die Organisationsbeiträge der Zionisten angewiesen. Träger der politischen Rechte innerhalb der Weltorganisation muß künftig statt des ,JScheket-Zahlers“ das ״Milglied der Zionistischen Organisation״ sein, das seinen regelmäßigen, unter Berücksichtigung seines Einkommens festgelegten Beitrag an die Organisation entrichtet. Der Mindestbeitrag — den man unbedenklich ״SchakeF nennen kann — wird erheblich höher als der bisherige Schekel feslzusetzen sein. Die Höhe des Organisationsbeitrages und die Methode seiner Einziehung wird den jetzigen Bedürfnissen der Organisation ent• sprechen, wenn grundsätzlich zugelassen und erstrebt wird, daß der Keren Hajessod von Zionisten in deren Keren Hajessod-Beitrag zugleich den Organhationsbeitrag mit erhebt. Dann wird die heute vielfach bestehende, unfruchtbare Methode beseitigt werden, auch von den organisationsergebensten Zionisten den relativ winzigen Schekelbetrag, in kostspieligen und mühsamen Aktionen, gesondert zu erheben. Vielmehr können sich dann die Sonderaktionen zur Erlangung von Organisationsbeiträgen — auf die nicht verzichtet werden sollte —, insbesondere die dem Kongreß vorausgehenden Aktionen, auf die mehr peripheren Zionisten beschränken und bemußt und konsequent zugleich auf das Ziel der Gewinnung neuer Mitglieder für die Organisation eingestellt werden. Dieser Leitsatz bedarf keiner Erläuterung. IV. Wir sehen mit Recht in der Periode, die mit der Baifour- Deklaration einsetzte, den Beginn einer Verwirklichung des zionistischen Zieles. Wir haben aber nicht immer darauf geachtet, daß in der gleichen Spanne Zeit die zionistische B e w e - gung an Wirklichkeitsgehalt zu verlieren begonnen hat. Die Einsicht, daß der Verwirklichungsprozeß sich in gleichem Maße und in gleicher Stärke auf den Palästinaaufbau und auf das Leben der ׳Organisation erstrecken muß, führt zwangsläufig zu der Forderung einer Neugestaltung der Organisation. Wir sollten froh sein, daß uns die Möglichkeit gegeben ist, uns nicht auf Reden beschränken zu müssen, in denen von der Tribüne des Kongresses herab die Notwendigkeit einer Konsolidation der zionistischen Kräfte, einer Stärkung der Zionistischen Organisation gepredigt wird. Der XVI. Kongreß wird sich seiner Aufgabe gewachsen erweisen, wenn es gelingt, an die Ratifikation der Jewish Agency-Verträge zwei Taten zu knüpfen, die den Willen der Zionistischen Organisation zur Einheit und Stärke nicht bloß demonstrieren, sondern bezeugen: die Schaffung einer Exekutive, die, abgesehen von Splittern, die Gesamtheit der Organisation hinter sich hat, und eine mutig und besonnen erdachte, überlegt und energisch durchgeführte Organisationsreform. ״Misradiisien in der Agudah“? Von Alexander Adler, Vorsitzenden des deutschen Misrachi. Unter obigem Titel schreibt Prof. Dr. Adolf Fraenkel, Kiel, in der nusrachistischen ״Jüdischen Welt“, Wien, und im agudistischen ״Israelit“ und entwickelt, wie er selbst schreibt, ״nur eine persönliche Meinung, die außer in Frankfurt und Breslau einstweilen hur wenige Anhänger im deutschen Misraclii hat“, Är Verlader itteM..,hh|r..daß,.fein:,Äeugang.im Weltmisrachi eine größere R#briiriz nabe 5u* In ׳'XxmsdiUif. Wenn es sich in dem Fraenkelschen Artikel nur um die Frage handelte, ob Misrachisten die Möglichkeit haben, innerhalb der Agudah zu arbeiten und zu wirken, ob einzelne von ihnen nach erzwungener Abänderung des § 4 des Agudah- Statuts in leitenden Stellen arbeiten können, dann wäre es kaum notwendig, Einwendungen gegen den Artikel zu machen, denn eine solche Betätigung einzelner ist Sache persönlichen Geschmacks und privater Einstellung. Wenn aber Prof. Fraenkel meint, die Auffassung von jüdischer Weltanschauung, die im deutschen Misrachi vorherrschend ist, in Gegensatz bringen zu können, mit starken Teilen des Weltmisrachi, dann ist es gerade im Hinblick auf die starke Persönlichkeit Fraenkels und auf seine bevorstehende Verknüpfung mit unserem geistigen Zentrum in Erez-Israel notwendig, gegen seine Auffassung eindeutig Stellung zu nehmen. Die Sachlage, wie Fraenkel sie darstellt und die die Voraus- Setzung seiner Ausführungen bildet, ist nicht richtig geschildert. Nach ihm ist der Misrachi eine politische Partei, mit dem Ziele des Aufbaues Erez-lsraels auf der Grundlage der Tradition, folgerichtig habe er sich deshalb der Zionistischen Organisation angegliedert, in der Ueberzeugung, sein Ziel in dieser Verknüpfung am wirksamsten realisieren zu können. Der Misrachi wird innerhalb der Zionistischen Organisation bleiben, meint Fraenkel, wenn nicht ein ideales Funktionieren der Jewish Agency die Zionistische Organisation unnötig macht oder wenn er nicht durch einen Kulturkampf am Verbleiben in der Zionistischen Organisation gehindert wird. Ganz anders stellt sich, objektiv gesehen, das Verhältnis des Misrachi zur Zionistischen Organisation dar. Der Misrachi ist keine Organisation, die neben der zionistischen bestand und sich ihr in irgendeinem Stadium aus taktischen Erwägungen angliederte, sondern er wurde von Mitgliedern der Zionistischen Organisation gegründet, um innerhalb der allgemeinen jüdischen Volksbewegung ein geistiges Postulat durenzusetzen. Es gab und gibt noch heute keine Misrachisten, deren misrachistische Gedankenwelt nicht auf dem Boden der zionistischen Ideen wurzelt. Nicht aus taktischen Beweggründen, sondern aus der Ueberzeugung, daß eine Neubelebung des jüdischen Volkskörpers dringendstes Erfordernis der Weiterexistenz unseres Volkes ist, steht der Misrachi innerhalb der zionistischen Bewegung. In der Ueberzeugung, daß diese Neubelebung nur ausgehen kann von der Anerkennung des national-jüdischen Gedankens, der einen wesentlichen Bestandteil jüdischer Ueberlieferung darstellt. Im festen Glauben an die Macht der( nationalfundierten religiösen Idee des Judentums, die sich durchsetzen wird, sich aber auch nur durchsetzen kann In der Gemeinschaft aller Juden, die die Notwendigkeit der jüdischen Volksexistenz zur Grundlage ihrer Weltanschauung gemacht haben. Als zweites kommt hinzu, daß wir glauben, diese Neubelepung unseres Volkes kann nur von Erez-Israöl aus zur Durchführung gelangen, denn in alle Ewigkeit wird von Zion Thora ausgelen und das Gotteswort von Jeruschalajira. Und noch eins: Wann haben sich denn die Männer um Raw Reines s. A. zur Gründung des Misrachi entschlossen, zur Gründung innerhalb, und ich glaube, hier darf man ruhig das ominöse Wort gebrauchen, und in Abhängigkeit von der Zionistischen Organisation? Mitten in einem ausgebrochenen Kulturkampf! Zur Abwehrung dieses Kulturkampfes. Und in späteren Jahren, 1910 und 1911, trat dieser Kulturkampf in eine neue Phase mit der Uebernahme des Tel-Awiwer Gymnasiums durch die Zionistische Organisation. Die Konsequenz nach Fraenkel wäre Austritt des Misrachi aus der Zionistischen Organisation gewesen, die tatsächliche Konsequenz war der Austritt ganz weniger, wenn auch wertvoller Menschen, und ihr Uebertritt zur Agudah, in der sie zur Ohnmacht verurteilt waren, In der Nr, 54, 12. VH. 1029 sie Enttäuschung über Enttäuschung erlebten, weil sie, im Itnjem Zionisten geblieben, eine andere Anschauung von der jüdischen We|t hatten, als sie sie in der Agudah vorfanden. Und so ist «och heute der Misrachi ein «nislfcher Bestandtefl der zionistischen Welt, sieht das allweltUche Oeachehen int Judentum von der Warte uneingeschränkter nationaler Zusammengehörigkeit, nationaler Verantwortung, nationaler Aufbauarbeit an Volk und Land an. Ruft dem Zionismus zu: Wir als Nationaljuden werden es nicht dulden, daß ein Erez- Israel aufgebaut wird, in dem nicht Thorath Israel beherrsehender Faktor ist. Ruft der nichtzionistischen Orthodoxie zu: Wir thoragebundenen Juden werden es nicht dulden, daß der nationale Gehalt unserer Lehre, daß der Gedanke der Einheit des ganzen jüdischen Volkes in den Hintergrund gedrängt wird, daß der Galuthgeist der Trennung und der Ab- Sonderung auch nach Erez-lsrael verpflanzt wird. Das ist unsere Welt, aber nicht die der Agudah. Und wir sind nicht so leichtgläubig, anzunehmen, daß diese unsere Grundauffassungen akzeptiert werden vom der geistigen Führer- Schaft der Agudas Jisroel (und nur auf diese kommt es bei der Konstitution der Agudah an). Solange in starken agudistischen Zentren, wie Tschechoslowakei, Ungarn, Siebenbürgen und auch Polen in solcher Erbitterung mit de« mittelalterlichen Waffen der Beschimpfung und des Wirtschaftliehen Boykotts gegen die Misrachiidee und ihre Anhänger gekämpft wird, besteht keine Möglichkeit der Arbeit von Misrechtsten in der Agudah. Hier sind eben weltanschauliche Differenzen tiefgehendster Art und ich bestreite, daß irgendwelche Kreise, auch in der Frankfurter und Breslauer Misrachi- Organisation nicht die oben angeführten weltanschaulichen Differenzen zwischen Misrachi und Agudah erkennen und anerkennen. Nicht die von Louis Feist s. A. und anderen Führern Im Gründungsstadium der Agudah beabsichtigte Richtung für diese Organisation kann uns maßgebend sein, sondern nur das, was von Anfang an dieser Bewegung in ihr herrschender Geist gewesen ist. Louis Feistsche Agudah hat niemals bestanden, ’ in das, was geworden Ist, gehörte dieser Mann niemals hinein. Es hat keinen Sinn, wenn Misrachisten wie Fraenkel interpretieren, was und wie Agudah eigentlich sein müßte. Maßgebend sind die 90 ס/י derjenigen, die absolut anderer Auf- Fassung sind, die die ganze Arbeit der Agudah bisher gemacht haben und auch die Knesioh Gedauloh beherrschen werden. Völlig unverständlich aber wird Fraenkel, wenn er von der Erez-Israel-Arbeit der Agudah spricht. Selbstredend ist dies für uns die ״spezifische Schwierigkeit“, aber das Verlangen eines Misrachisten nach, wenn auch nur zeitweiliger, Ausschaltung dieses Tätigkeitsfeldes für die Agudah, ist mehr als unverständlich. Haben wir uns in jedem Geschlecht zu betrachten, als seien w i r herausgeführt worden aus Mirzrajim, dann haben wir auch in jedem Geschlecht die Pflicht, zu versuchen, als Volk hineinzukomtnen in das Heilige Land. Sehen wir in der Forderung nach Einheit des Jüdischen Volkes einen integralen Bestandteil jüdischer Seelenhaltung, dann müssen wir arbeiten für die Zusammenfassung der in Erez-lsrael leben• den Juden und können uns nicht von dieser Arbeit zurückziehen. Eine Partei, die die Sorge um den heute möglich gewordenen Aufbau unseres Landes auch nur einet» Tag lang zurücksfeilt, scheidet aus der Reihe der für jüdisches Gesamtleben beachtlichen Faktoren, würde, misrachfetischer Auffassung nach, auch sicherlich nicht mehr in Uebereinklang mit der Ueberiieferung unseres Volkes stehen. Auch hier wieder sehen wir, daß das jüdische Weltbild des Agudisten ein anderes ist als dasjenige des Misrachisten. Das ganze Schwergewicht der Arbeit der Agudah liegt in der Golan, ihr Oedankengang ist derjenige der Golah, sie arbeitet nicht an der Neugestaltung des Jüdischen Lebens durch Beeinflussung der Golah von Erez-lsrael aus, sondern strebt nach Einführung jüdischer Lebensformen der Golah in Erez-lsrael (Trennungsgemeinde). , Au»,die?en.Grftn^en M sie nicht zu lebensgestaltendem Einfluß beim Aufbau des'Xänäes gekömmen uhd kann ätftb für die Zukunft nicht dahin gelangen, wenn sie nicht ihre Grundein- Stellung so ändert, daß sie eben — nicht mehr Agudah, sondern Misrachi ist Weil aber diese Beteiligung an der Lebensgestaltung der Gesamtheit Erez-lsraels für den misrachistischen Ideengang absolut maßgebend ist, wird die Haltung solcher Gemeindeorthodoxer, die in der Golah die Einheitsgemeinde, aber in Erez-lsrael die Trennung wünschen, für uns besonders verwerflich. Wör so denkt, versteht überhaupt nicht die Bedeutung, die der Erez-Israel-Arbeit im!wütigen Geschlecht zukommt. Wenn nicht in Erez-lsrael, dessen jüdische Lebens• erneuerung das Rückgrat des jüdischen Lebens in der ganzen Welt zu werden bestimmt ist, wenn nicht einmal in diesem Lande, in dem als einzigem in der ganzen Welt nur jüdischer Maßsfab richtunggebend sein soll für jüdisches Leben, eine einheitliche Gemeinde dieses ganze Leben regulieren und beeinflussen soll, wie kann dann überhaupt noch irgendwo der Anspruch erhoben werden, daß zur Entwicklung einer jüdischen Atmosphäre einheitsgemeindliche Organisation der Judenheit notwendig ist. Trotz all des oben Gesagten glaube ich an die Möglichkeit einer Zusammenarbeit zwischen Agudah und Misrachi in Erez- Israel, glaube an di* Möglichkeit der Beteiligung weiter agudistischer Kreise innerhalb der Jewish Agency — glaube aber nicht, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, an ersprießliehe Arbeitsmöglichkeiten für Misrachisten in der Agudah. Wer die zionistisch-misrachistische Auffassung vom jüdischen Leben sein eigen nennt, der weiß, wie Fraenkel das auch richtig betont, daß Erez-lsrael die wichtigste unter den politischen Gegenwartsaufgaben, aber doch nur eine unter vielen Aufgaben ist, aber er empfindet auch, daß alle die vielen anderen Aufgaben abhängig sind von der Art und Weise, •wie die wichtigste Aufgabe erfüllt wird, auch von dem Tempo, in dem diese wichtigste Aufgabe gefördert wird. Art und weise und Tempo des Aufbaus von Erez-lsrael ist aber nur zu beeinflussen, wenn man innerhalb der Zionistischen Organisation dem Aufbau seine besten Kräfte widmet. Es ist und bleibt unsere Aufgabe, der Orthodoxie klarzumachen, daß ihr Platz in den Reihen des Misrachi ist, so daß der Misrachi die Gesamtinteressen des orthodoxen Judentums beim Aufbau von Erez-lsrael vertritt. Es ist aber nicht unsere Aufgabe, eine fremde Organisation so umzugestalten und auszubauen, daß sie nach außen hin, nur mit einem größeren Anscheine von Recht als mit dem das heute schon geschieht, den Anspruch, die Vertreterin der gesamten traditionellen Judenheit zu sein, für sich erheben kann. Dr. Fritz Bacr Dozent in Jerusalem Dr. Fritz Baer, der Forscher der spanischen Periode der jüdischen Geschichte, wurde von der Hebräischen Universität in Jerusalem für das kommende Jahr als Dozent fijr iüdischeOeschichtedesMittelalters verpflichtet. Dr. Baer war Mitglied der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und hat sich durch eine Reihe von Schriften über die jüdische Geschichte des Mittelalters einen Namen gemacht. Besonders bemerkenswert sind seine Schriften über die Geschichte der Juden in Spanien. Der erste Band seines Hauptwerkes erschien kürzlich als Veröffentlichung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin (Akademie-Verlag in Berlin). Das Werk enthält auf fast 1200 Seiten *ine Sammlung von Dokumenten zur Geschichte der Juden ln Aragonien und Navarra. %