Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 50 (28.6.1929)
- Date
- 1929-06-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. SO, 28. VT. 1920 JUEDISCBE RUNDSCHAU Seite 31S Man könnte die Frage aufwerfen, ob der Zusammentritt des Council verschoben werden könnte. Aber das hieße den ganzen Plan der Erweiterung der Jewish Agency um ein ganzes Jahr verschieben, um ein kostbares nicht wieder einbringliches Jahr. Noch im Juli die deutsche Palästinakonferenz einzuberufen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, es ergibt sich also die zwingende Notwendigkeit, daß diese Versammlung die Vertreter und Stellvertreter wählt, die bis zum Zusammentritt der Palästina-Konferenz die deutsche Judenheit im Council der Jewish Agency vertritt. Daß die deutsche Judenheit weit über ihre Ziffernmäßige Bedeutung hinaus ihre angesehene und besondere Stellung im Weltjudentum behauptet, wird von niemandem bestritten, sie wird auch im Council ihre besonderen Aufgaben haben und ihre eigene Note beisteuern. Ohne den provisorischen Charakter der heutigen Versammlung leugnen zu wollen, ohne zu vergessen, daß uns ein offizielles Mandat fehlt, zeigt doch die Zusammensetzung dieses Kreises, die Anwesenheit bewährter und anerkannter jüdischer Führer aus allen Lagern, daß aus den Kreisen der am Aufbau Palästinas Interessierten alle Richtungen und Nuancen vertreten sind, Rechts und Links, das Alter und die Jugend. Die Forderung der Stunde ist die Einschaltung des deutsehen Judentums in die Jewish Agency. Ihr wollen wir gehorchen. Ich habe die Ehre, der Versammlung eine Resolution vorzuschlagen (folgt Verlesung). Hierauf wird die am Anfang dieses Berichtes bereits wiedergegebene Resolution einstimmig angenommen. Der Vorsitzende schreitet nun zur Vornahme der Wahl der Delegierten für den Council. Er schlägt vor, eine Kornmission von vier Herren einzusetzen, die dem Plenum Vorschläge unterbreiten sollen. Hierüber entspinnt sich eine längere Debatte, weil von seiten der Jugend eine Vergrößerung der Kommission gefordert wird, damit die verschiedenen Richtungen darin vertreten sein und dort ihre Ansprüche begründen können. Herr Alfred Leonhard T i e t z (Köln) beantragt folgende vier Mitglieder der Kommission: Dr. Baeck, Dr. Blau, L iss er und Max Warburg. Dazu wird von Dr. E. H. Seligsohn als Ergänzung noch vorgeschlagen: Dr. Friedrich Brodnitz, R.-A. Dr. Horovitz (Frankfurt a. M.) und Dr. Meyersberg (Bochum). Diese sieben Herren werden nunmehr,in die Kommission gewählt. Hierauf wird die Sitzung unterbrochen, um der Kommission Gelegenheit zur Beratung zu geben. Nach einer Pause von eineinhalb Stunden wird die Sitzung wieder eröffnet Dev Vorsitzende erteilt das Wort dem Referenten der Kommission, Herrn Dr. Max Warburg. Max Warburg erklärt, die Kommission sei trotz großer Mühe nicht imstande gewesen, einen Wahlvorschlag für sechs Mitglieder und 12 Stellvertreter zu erstatten, vielmehr hat sie eine Liste von sieben Mitgliedern und 14 Stellvertretern ausgearbeitet, deren Wahl sie empfiehlt. Die Korn* mission ist der Ansicht, daß die Mögiichkeit gegeben sein wird, für Deutschland diese Zahl von Delegierten zugebilligt zu erhalten. Auf diese Weise würden Vertreter der deutschen Juden aus allen Kreisen in der Agency sein. Hierauf verliest der Referent die Liste der 21 Namen, die am Eingang dieses Berichtes bereits wiedergegeben sind. Vorsitzender Wassermann: Wir haben mit Erstaunen gehört, wie sich die Kommission aus der Schwierigkeit gezogen hat, die dadurch entstand, daß mehr Ansprüche als Platze vorhanden waren. Wenn es gelingt, sieben Plätze für Deutschland durchzusetzen, dann ist es gut. Wir müssen aber auch für den Fall Vorsorge treffen, daß dies nicht gelingt. Dann müssen drei Herren ausscheiden. Ich schlage vor, daß in diesem Fall die sieben definitiven Mitglieder sich selbst darüber einigen, welches Mitglied von ihnen zurücktreten soll und in die Reihe der Stellvertreter übergeht. Wir würden dann 15 Stellvertreter haben, und ich bin dafür, daß das Los entscheidet, welche drei Herren dann auszuscheiden haben. Nach einer kurzen Debatte wird dieser Vorschlag von Wassermann angeno mmen und die von der Kommission vorgeschlagenen 21 Namen werden einstimmig gewählt Der Vorsitzende schlägt sodann die oben bereits angeführte Resolution2 vor, die einstimmig angenommen wird. Ferner beantragt der Vorsitzende die Absendung folgender Begrüßungstelegramme an Weizmann und Marshall: Telegramm an Dr. Weizmann Pie konstituierende Konferenz des Initiativkomitees sendet dem Schöpfer und Präsidenten der Jewish Agency in aufrichtiger Verehrung herzliche Grüße. Die soeben gewählten Vertreter der deutschen Judenheit werden ihre Kräfte für das Gelingen des großen Aufbauwerkes in Palästina einsetzen. Namens der ganzen Konferenz übermittele ich Ihnen die besten Wünsche für Ihre baldige völlige Wiederherstellung. Oscar Wassermann. Telegramm an Unis Marshall Die soeben gewählten Vertreter der deutschen Judenheit in der Jewish Agency senden Ihnen und Herrn Felix Warburg die herzlichsten Grüße. Auch wir sind davon durchdrungen, daß der Aufbau des jüdischen Palästina die Judenheit der Welt zu enger Tatgemeinschaft verbinden muß. Die deutsche Judenheit begrüßt das amerikanische Judentum und dankt Ihnen beiden für Ihr mutiges und bahnbrechendes Wirken. Auf Wiedersehen in Zürich! Oscar Wassermann. Sodann erteilt der Vorsitzende das Wort dem Präsidenten der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Herrn Kurt BIu menf eid. Blomeolelds Ansprache Kurt Blumenfeld: Es ist meine Aufgabe, die gewählten Repräsentanten der deutschen judenheit für die erweiterte Jewish Agency namens der Zionistischen Vereinigung für Deutschland zu begrüßen. Sie alle haben sich In Anerkennung der historischen Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Palästina auf der Grundlage der zwischen der Zionistischen Organisation und der amerikanischen Judenheit getroffenen Vereinbarungen entschlossen, unsere Einladung anzunehmen und die Verantwortung für die Errichtung der Jüdischen Nationalen Heimstätte in Palästina mit uns gemeinsam zu tragen. Ich weiß nicht, wie der Verlauf der Versammlung auf Sie gewirkt hat. Vielleicht hat es manchem zu lange gedauert, bis der Wahlausschuß erschienen ist und seine Vorschläge machte. Es gibt vielleicht Teilnehmer dieser Versammlung, denen es willkommener gewesen wäre, wenn man ganz reibungslos und in voller Einmütigkeit in wenigen Minuten zur Abstimmung über die Kandidaten gekommen wäre. Ich sehe gerade in der Tatsache, daß viele Gruppen den Anspruch erhoben haben, in der erweiterten Jewish Agency vertreten zu sein, ein gutes Zeichen. Allen ist es ernst um die Teilnahme am Palästina-Aufbau, und es ist das gute Recht der hier vertretenen Teile da Judenheit, Wert darauf zu legen, an dieser größten Aufgabe unserer Tage unmittelbar mitzuwirken. Leider verfügen wir nicht über genügend Sitze, um alle berechtigten Ansprüche zu befriedigen. Aber nichts kann uns heute mit größerer Genungtuung erfüllen, als die lebhaften Bemühungen einzelner Gruppen um Sitze in der Jewish Agency. Meine Absicht, Ihnen bei dieser Gelegenheit eine vollständige Darstellung der zionistischen Aufgaben innerhalb der Jewish Agency zu geben, kann ich in so später Stunde nicht mehr ausführen. Ich behalte mir vor, Ihnen eine schriftliche Darlegung zu überreichen, die Sie als zu dieser Sitzung zugehörig betrachten wollen. Was wir heute erleben, ist das Ergebnis langjähriger Arbeit, ein Ergebnis, das uns deutsche Zionisten mit Genugtuung erfüllt. Als wir mit der nichtzionistischen Welt im Keren Hajessod zu kooperieren begannen, leitete uns ein Gedanke: Wir wollten den Beweis erbringen, daß gemeinsame Arbeit zwischen Zionisten und Nichtzionisten nicht zugleich auch mjt Gesinnungskompromissen verbunden sein muß. Der nichtzionistische Partner sollte fühlen, daß wir dem Gedanken, die ganze Judenheit müsse ihre Kräfte für die Verwirklichung der Balfour-Deklaration einsetzen, erst den richtigen Sinn gegeben haben: Die ganze Judenheit, d. h. jeder Teil der Judenheit in seiner Ganzheit. Wir brauchen die letzte Leidenschaft jedes Teilnehmers an diesem Werk. Die mittlere Diagonale entsteht ungewollt durch die höchste Anstrengung der Partner. Der Versuch, eine solche Diagonale direkt zu ziehen, muß mißlingen. So schlossen wir ein aufrichtiges und echtes Bündnis. Uns ist feierlich zu Mute, wenn wir in dieser Stunde an den Mann denken, dessen 25jähriger Todestag in den nächsten Tagen als Tag der Erinnerung von der ganzen jüdischen Welt begangen werden wird. Theodor HerzI war entludet, kam aus der Assimilation und kehrte als Zionist zum Judentum zurück. Er faßte den Gedanken der Lösung der Judenfrage durch die Verwirklichung des Baseler Programms, dessen Inhalt Ihnen allen heute als Balfour-Deklaration vertraut ist. Sie wissen, daß Herzls Gedanken verkannt und mißverstanden wurden, aber Sie werden heute alle zugeben, daß sie Widerhall weit über die Kreise der Zionistischen Organisation hinaus gefunden haben. Was wir heute erleben, kann seine die Judenheit überwältigende Kraft nur dann voll entfalten, wenn die zionistische Bewegung ihren echten ursprünglichen Idealen treu bleibt. Die Erinnerung an HerzI gibt uns die Zuversicht, daß der Prozeß, der sich in jenem außerordentlichen Menschen vollzogen hat, immer wieder in allen Juden stattfinden muß, die unser jüdisches Leben in der Welt zu verstehen bemüht sind. Wir Zionisten stellen uns in der Tat vor, daß ein jüdisches Palästina die Antwort auf die Judenfrage unserer Tage geben wird. Unbändiges Freiheitsgefühl war und ist der Urgrund des Zionismus; Freiheit des jüdischen Lebens, Freiheit jüdischer Entwicklung auf allen Gebieten ist und wird die Sehnsucht aller der Juden bleiben, die den Weg nach Palästina finden. Mit diesem starken Freiheitsgefühl ist die Vorstellung eines gerechteren und besseren Lebens in Erez-Israel verbunden. Es soll dort Ordentliches und Außerordentliches geschaffen werden. Die natürlichen Grundlagen des Lebens sind Voraus- Setzung für die Entwicklung aller jüdischen und menschlichen Ideale, ohne die noch so kluge Berechnung nicht zur Verwirklichung irgendwelcher mit dem Palästinawerk verbundener Vorstellungen führen kann. Palästina wird zum archimedischen Punkt für das jüdische Leben und für die Einwirkung von Judenheit und Judentum auf die Welt. Freudig begrüßen wir!die Vertreter der deutschen! Judenheit. Wir empfinden tief das Glück, mit neuen Freunden zusammenzuarbeiten. Herr Warburg schloß seine schöne und eindrucksvolle Rede mit dem Wort ״Schalom“. Dieser Friedensgrüß soll die Grundlage unseres Bündnisses sein, eines Bündnisses, In dem der Kampf ־der Geister nicht aufhört, sondern in größerer und besserer Form zum Ausdruck kommt, und in dem wir durch gemeinsames Tun geeint sind. Im Namen der Zionistischen Organisation heiße ich Sie in der erweiterten Jewish Agency willkommen und danke Ihnen für diese Tagung, die eine Epoche in der Entwicklung der deutschen Judenheit bedeutet. (Beifalf.) €01. Klsehs Rede Der Vorsitzende gibt das Wort Herrn Lt. Col. Kisch, Mitglied der Zionistischen Exekutive, Jerusalem. Col. Kisch (englisch): Ich sollte hier vor Ihnen ein Referat über die politischen und wirtschaftlichen Aufgaben der Jewish Agency halten. Infolge der vorgeschrittenen Zeit kann ich diese Rede jetzt nicht mehr vortragen und muß mich mit einigen Worten begnügen. Es war für mich eine große Ehre und Freude, an dieser Versammlung — jetzt nur als Zuhörer — teilnehmen zu dürfen. Ich möchte nur einen Punkt betonen. Wir benützen noch weiter die Terminologie Zionist und Nichtzionist. Ich selbst liebe diese Terminologie nicht, aber wir haben sie in die Konstitution der Agency hineingenommen, weil wir bei der Einleitung dieser Partnerschaft zum Ausdruck bringen wollten, daß keine Ueberzeugung sich hier unterwirft. Aber das hindert nicht, daß wir Zionisten hoffen, daß schließlieh diese Differenz verschwinden wird. Und noch eins. Es wäre banal zu sagen, daß diese Konferenz, ein großer historischer Moment ist; aber ich weiß, daß, wenn nach Ercz-Israei die Berichte darüber kommen werden, dort eine große Simchah herrschen wird. Ich als Palästinenser empfinde ebenso. Durch die Arbeit, die hier - und ähnlich in anderen Ländern — geleistet wurde, kommen wir der Verwirklichung des jüdischen Nationalheims näher. Die Jewish Agency wird in Kürze eine Tatsache sein. Ich beglückwünsche sie zu dieser Konferenz, in meinem Namen und auch im Namen der Zionistischen Exekutive. Vorsitzender Wassermann dankt dem Redner herzlich für seine Worte und spricht sein Bedauern aus, daß das Referat nicht gehalten werden konnte. Er bittet Herrn Kisch, seine Rede schriftlich dem Präsidium zur Verfügung zu stellen, damit sie den Teilnehmern der Versammlung zugesandt werden kann. Sodann schreitet der Vorsitzende zum Schluß der Versammlung. Wassermanns Schlußwort Meine Damen und Herren! Colonel Kisch beurteilt, wie wir wissen, die zukünftige palästinensische Entwicklung mit berechtigtem Optimismus. Natürlich muß eine Voraussetzung erfüllt werden. Die Voraussetzung nämlieh, daß die Juden Palästinas wollen. Gewiß sind günstige äußere Bedingungen erheblich. Aber dieselben Juden, die erfüllt von historischem Optimismus, der eigentlichen jüdischen Weltanschauung immer auf göttliche Hilfe vertrauten, haben gleichzeitig den Grundsatz aufgestellt: ejn ssomchin al ha’ness (man darf sich auf Wunder nicht verlassen). Wir Juden haben in unseren großen Zeiten immer versucht, die Entwicklung zu gestalten und uns nicht damit begnügt, der Entwicklung zu folgen. Auch heute lebt in uns die Kraft des gestaltenden jüdischen Willens. Wir haben hier die Vertreter der deutschen Judenheit in den Council der Jewish Agencv gewählt. Wir treten als Partner in die Jewish Agency ein, die bisher von unseren zionistischen Freunden allein gebildet wurde. Namens dör Verterter der deutschen Judenheit danke ich Herrn Blumenfeld für seine an uns gerichteten Worte. Zehn Jahre lang haben wir im Keren Hajessod freundschaftlich und Vertrauensvoll zusammen gearbeitet. Wir haben gegenseitig von unseren Gesinnungen nichts abgelassen. Diesen Erfahrungen geben wir ein Recht, eine Prognose für die zukünftige Zusammenarbeit in der Jewish Agency zu stellen: Es wird eine gute Arbeit werden, wenn wir Nichtzionisten uns nicht nur von den Zionisten anfeuern lassen, sondern wenn wir vom ersten Tage an gemeinsam mit ihnen die Verantwortung für das ganze Werk übernehmen. Es ist ein großer Fortschritt zu verzeichnen. Noch vor nrtii Jihrdft Hlttert wir Schwierigkeiten gebäht, KaMitäte« für die Agency zu finden. Jetzt hatten wr Schwierigkeiten, weil wir zu wenig Plätze hatten für alle, die aktiv mitarbeiten wollen. Auch die Tatsache, daß diese Versammlung bis nach 1 Uhr nachts in größter Aufmerksamkeit beisammenblieb, ist ein Zeichen für das große Interesse an der Palästina-Sache. Ich danke Ihnen nochmals allen, die Sie dieser konstituicrcnden Konferenz des Initiativkomitees für die Erweiterong der Jewish Agency in Deutschland zum Gelingen verholfen haben und schließe die Tagung. (Lebhafter Beifall). iiiimiiiimiiiiHnrHiiiHiiwiiiiiiiiiiiimiiiniiiiiMiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiniiHiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiwiiiiiiiiHiiiiHiHiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiniiuiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiHiiiiHnuiiiiiiiiMmimiiHiiiHiiiiiiiiiiiiiNiHHiiiiiiiiHiiiiiwiiiiiiHiHiuiiwiiiiiiiiiiwiimimiiiii Brief aus der Tschechoslowakei Kongreßdiskussion und Wahlen zum Kongress. — Palästinakonferenz der Nichtzionisten. — Wahlen der Vertreter in die Jewish Agencv־. (Von unserem Korrespondenten.) h. 1., Prag, 23. Juni 1929. Die Vorkongreßstimmung ist in der Tschechoslowakei bedeutend ruhiger als vor den beiden letzten Kongressen. Von einem Wahlkampf mit seinen Licht- und Schattenseiten ist selbst in der Woche und den letzten Tagen vor der Wahl herzlich wenig zu verspüren. Der langjährige ideelle Kampf um die Erweiterung der Jewish Agency hatte schon nach dem XV. Kongresse, zu einem Zeitpunkte also, da die Verhandlungen mit den amerikanischen Nichtzionisten noch im Gange waren und man von oppositioneller Seite noch immer von einem Mißlingen der ganzen Aktion sprechen konnte, merklich an Intensität eingebüßt und ist heute nach dem günstigen Verlauf und Abschluß jener ganz zum Stillstand gekommen. Selbst seitens radikaler Kreise wird der Erfolg Weizmanns uneingeschränkt zugegeben, dessen Führung man sogar bereit ist anzuerkennen, für den Fall, daß die ״nationalen zionistischen Postulate in gebührendem Maße durch ihn in der künftigen Jewish Agency vertreten und verteidigt werden“. (Dr. Emil Margulies, der Führer der radikalen Fraktion in der Tschechoslowakei, hat auf eine diesbezügliche Frage in einer Prager Wahlversammlung mit einem Heine-Zitat ״und willst du uns zum Kampfe führen, so sollst du unser Führer sein“ geantwortet.) Es erscheint daher diesmal besonders für einen großen Teil der zionistischen Oeffentlichkeit nicht gerade einleuchtend, warum trotz alledem das, was von einem Wahlkampf zu spüren ist, wiederum als der alte mehr oder minder hübsche Streit zwischen dem ״allgemeinen“ und ״radikalen“ Zionismus in Erscheinung tritt. Insbesondere, da seitens Dr. Margulies ein so scharfer Trennungsstrich zwischen Radikalen und Revisionismus gezogen wurde, hauptsächlich mit Hinblick auf das Abschwenken des Revisionismus m das rechtsbürgerliche Lager. Der Grund für das Beibehalten der alten Fronten trotz der Aufgabe des ursprünglichen Kampfes ist eben eher psychologisch, als ideologisch zu verstehen. Um neun M a n d a t e, die infolge einer äußerst intensiven Schekelwerbeaktion und einem Rekordschekelresultat, das die höchste Stufe seit Bestand der tschechoslowakischen Zionistischen Organisation überhaupt erreichte, auf die Tschechoslowakei entfallen, bewerben sich vier Parteien: Revisionisten, Radikale, Misrachi und eine gemeinsame Liste der Allgemeinen Zionisten mit der Hitachduth, Poale Zion und den Jugendgruppen. Bei den Wahlen zum XV. Kongreß errangen von insgesamt acht Mandaten die Allgemeinen Zionisten gemeinsam mit den Arbeiter- Parteien 5, Radikale 2 und Misrachi 1 Mandat. Da die Revisionisten seinerzeit für die Liste der Radikalen ihre Stimmen abgegeben hatten, diesmal jedoch selbständig und mit großer Agilität in den Wahlkampf gehen, droht den Radikalen, wenn man bei den übrigen Gruppen, was ruhig angenommen werden kann, keine wesentlichen Verschiebungen voraussetzt, Verlust eines Mandates. Andererseits gelangt jedoch noch ein neuntes Mandat zur Verteilung, über dessen Besetzung man auch nicht einmal andeutungsweise etwas sagen kann. — Die Kongreidiskussion zeigt ganz deutlich, daß die neue zionistische Situation auch neue Gruppierungen innerhalb der Zionistischen Organisation zur Folge haben muß. Ueber manche bisher trennende Kluft hat die Wirklichkeit selbst eine Brücke gebaut, bisher ziemlich verschwommene Trennungslinien dagegen sind wiederum klarer zutage getreten. Wenn sich der Wahlkampf auch diesmal noch in den alten Formen und Bahnen abspielt, die einzelnen Zionisten also nicht recht mit der Entwicklung Schritt zu halten verstanden, so sind doch auch bereits schon Anzeichen jener neuen Umgruppierungen zu beobachten. Und auch in diesem Falle wird sich die Entwicklung stärker als die ihr noch im Wege stehenden Hemmungen erweisen. * Am 23. Juni traten in Prag die Vertreter des tschechoslowakischen Judentums zu einer Palästinakonferenz zusammen, um die Entscheidung über die Teilnahme der Judenschaft der Tschechoslowakei an der Jewish Agency zu treffen und die beiden nichtzionistischen Delegierten für den Council der Jewish Agency zu wählen. An 40 Vertreter der böhmischen, mährisch-schlesischen und slowakischen Kultusgemeindeverbände, der Rabbinerorganisatbnen, Logen und jüdisehen Turn- und Sportvereine waren der Einladung des Keren Hajessod zu dieser Tagung gefolgt und legten, wie aus der unten angeführten einstimmig angenommenen Resolution zu ersehen ist, ein feierliches Bekenntnis zum Aufbau Palästinas als einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk ab. Zum ersten Maie seit Bestand der tschechoslowakischen Republik gelang es, fast den größten Teil der Juden —- nur die unter agudistischer Führung stehenden Kreise der Orthodoxie hatten der Einladüng zur Teilnahme an der Palästinakonferenz nicht Folge gescistet — zu einem einheitlichen Vorgehen und zur Mitübernähme der Verantwortung für das jüdische Palästinaaufbauwerk zu bewegen. Als Delegierte der tschechoslowakischen Nichtzionisten in die Jewish Agency wurden Dr. Armin Weiner, der Vorsitzende des Keren Hajessod und Dr. Josef Popper,