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Jüdische Rundschau · 1929-06-28 · Heft 50 (28.6.1929) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 50 (28.6.1929)
Date
1929-06-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 50, 28. VI. 1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 317 ejmataj? (Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich, und wenn nicht jetzt, wann dann?) Meine Damen und Herren! Ich begrüße Sie alle, die Sie heute hier erschienen sind, und ich freue mich, daß so viele unserer Einladung gefolgt sind. Ich erkläre hiermit die honstltuierende Sitzung des Initiativkomitees für die Erweiterung der Jewfsh Agency in Deutschland für eröffnet. (Lebhafter Beifall.) Vorsitzender Wassermann macht zunächst Mitteilung über die Art der Zusammensetzung des Komitees. Sodann erteilt er das Wort Rabbiner Dr. Leo Baeck. Rabb. Dr. Leo Baeck: Meine Damen und Herren! Wir blicken dankbar am heutigen Abend auf ein Ziel hin, von dem soeben in so schlichten und doch so gläubigen Worten unser Vorsitzender sprach, auf das Ziel des Aufbaues eines Landes, der zugleich der Aufbau eines Menschentums sein soll. Gewiß, über jedem Ziel der Zukunft liegen Schatten, wenn es auch nur die Schatten der Ungewißheit sind. Allein der Schatten, unter dem das Ziel dieses zukünftigen Palästina liegt, ist der, von dem unser altes Wort spricht, der Schatten des Allmächtigen. Und wir sind dessen voller Zuversicht gewiß, im Schatten des Allmächtigen ist dieses Ziel auch geborgen. Aber wenn wir auch dankbar und voller Zuversicht zu diesem Ziel hinblicken, ebenso bedeutungsvoll wie dieses Ziel und ebenso geschichtlich ist der Weg, den wir jetzt vor uns sehen dürfen, der Weg, der mit dem heutigen Abend für uns deutsche Juden beginnt. Denn cs ist doch ein Geschichtliches, daß Menschen, Juden, die bisher einander gegenüberstanden, voll Feindschaft oft und nicht selten voller Erbitterung, sich nun zusammengefunden haben zu einem Weg. Wir alle haben uns zusammerigefunden nicht weil der eine dem anderen unterlegen wäre, denn wenn irgendwo, so gilt hier ״nicht Sieger und nicht Besiegte“. Und es ist auch keine bloße Verständigung etwa zwischen Gruppen und Parteien, sondern ein S i eil - V e rs t e h e n, ein gegenseitiges Sich-Begreifen. Wir sind einander nähergekommen, die von drüben zu denen hüben und die von hüben zu denen drüben. Wir alle haben uns gefunden, gefunden nicht um einander zu tolerieren, sondern weil wir es gelernt haben, einander zu respektieren. Wir haben einander sehen gelernt. Es gibt ein Wort Mommsens: ״Die Einsicht in das Mögliche und das Unmögliche ist es, die den Helden vom Abenteurer unterscheidet.“ Aller Radikalismus ist ein Abenteurertum im gewissen Sinne, zumindest ein Abenteurer tum in Gedanken. Das Mögliche wollen, sich dem Mögliehen weihen, das ist Heldentum, das Heldentum, das nicht nach der Ferne hinstrebt und darum in der Nähe nichts tut, das Heldentum, welches es vermag, zu beginnen, das Heldentum, welches die große Geduld besitzt, denn alles Heldentum ist eine große Geduld. Diese Geduld, die mit dem Möglichen anfängt in der Zuversicht, daß alles Mögliche, wenn es einmal vollbracht wird, über sich hinausführt, in diesem Heldentum haben wir einander gefunden. In diesem Sinne für das Mögliche und in diesem Blick für einander haben wir es vermocht, zu dem Wege zusammenzukommen, zu dem einen, den wir nun gehen. Das Ziel ist ein großes. Aber groß und geschichtlich ist dieser Weg doch auch, und es ist unsere Zuversieht, daß dieser Weg des Sichfindens, dieser Weg gegenseitiger Achtung, dieser Weg des gegenseitigen Sichsehens und Erkcnnens, der Weg der deutschen Juden sein wird. Manche sind diesem Weg noch ferngebüeben. Wir sprechen kein bitteres Wort gegen sie, denn wir wissen, sie werden unsere Genossen von morgen sei n. Morgen werden sie mit uns den Weg gehen, mit uns allen die deutschen Juden. Sicherlich hat es manchen einen Entschluß gekostet, zu diesem Wege hinzugehen. Aber Sie alle haben eben den Entschluß gefaßt und einen Entschluß fassen, das ist immer ein guter Entschluß, Der schlimmste Entschluß ist, keinen Ent- Schluß zu fassen. Wir haben uns entschlossen, zusammenzugehen. Wir haben den Weg gefunden und weil wir ihn gefunden haben, werden wir zum Ziele kommen. Wir sind Menschen verschiedener Art, Menschen, wie mein Vorredner gesagt hat, der 70 Sprachen. Aber es ist vielleicht gut, daß wir Menschen verschiedener Art sind, die jeder eigenen Antlitzes und eigenen Sprechens sind, es ist vielleicht gut, daß •wir die 70 Sprachen haben. Wenn nur das ist, was das alte Wort von diesen siebzig Sprachen kündet: daß sie geschrieben waren auf dem Altar. Wenn alle unsere Besonderheiten auf dem Altar geschrieben sind, wenn wir alle uns zusammenfinden in dem Ideal, in dem Heiligen, in dem Großen, dann mögen wir ein jeder unsere eigene Sprache sprechen, wir werden dann doch den einen Weg gehen. Es ist ein geschichtlicher Tag für uns, er wird zu geschichtlichem Ziel führen, der eine Weg zu dem einen Ziel. (Beifall). Vorsitzender Wassermann dankt dem Redner und erteilt das Wort Herrn Max Warburg. Max Warburg: Nach den Ausführungen unseres Vorsitzenden und der Anspräche von Dr. Baeck fällt es mir schwer, hier noch lange Ausfiihrungen vorzutragen. Ich hätte eigentlich Lust, einfach zu sagen, daß ich denke und empfinde wie die beiden Vorredner, und könnte Ihnen so eine Ansprache ersparen, in der Sie ohnedies viel Bekanntes finden werden. Aber da ich den Befehl unseres Herrn Vorsitzenden erhalten habe, Ihnen darzulegeti, wie ich zu diesen Dingen stehe, müssen Sie ein Referat über sich ergehen lassen, das eine halbe Stunde dauern wird, aber ein ehrliches Bekenntnis ist von einem, der der zionistischen Bewegung nicht freundlieh — um das mildeste zu sagen — gegenübergestanden ist und der jetzt seine erste Palästina-Reise hinter sich hat, alles objektiv auf sich hat wirken lassen und vielleicht durch Wiedergäbe dieser Eindrücke dahin wirken kann, auch andere Genossen zu finden, die mit uns zusammen für diese Sache arbeiten wollen. Max XVarburgs Referat Die Errichtung eines jüdischen Reiches war der Traum, das Ideal vieler, wurde aber von der großen Mehrheit der Juden als unerreichbar, ja als unerwünscht, angesehen. Der Weltkrieg brachte die Möglichkeit einer Teilausführung der zionistischen Pläne, den Mandatarstaat Palästina. In ihm wurde ein jüdisches Nationalheim errichtet. Die Realpolitik verlangte für die Teilausführung der Pläne in der ־Gegenwart Konzessionen; ob eine ferne Zukunft die zionistischen Ideale erfüllen wird, vermag keiner zu beurteilen. Vor zwanzig tähren wußte keiner, daß ein Mandatarstaat kommen, ein rölkerbuad entstehen könnte. Das Ideal bleibt traumhaft, mystisch und schon es in Worte zu fassen kann für den, der es empfindet, verletzend sein. Die Agencv-Frage ist eine Zwischenfrage, die an alle Juden gestellt wird, auch an diejenigen, die sich bisher mit zionistischer Politik nicht befaßt, ja der zionistischen Bewegung feindlich gegenübergestanden haben. Die Agency- Frage bedeutet eine Etappe in der ganzen Palästina-Bewegung. Die Entwicklung Palästinas, insbesondere die Entwicklung der zionistischen Bewegung, kann man nur beurteilen, wenn man im Lande selbst gewesen ist. Auch eine kurze Anwesenheit klärt einen über viele Irrtümer auf, wenn man bisher nur auf Unterhaltungen, Reden, Aufsätze usw. angewiesen war. Die heutige durch die Baifour-Deklaration geschaffene und dann noch offiziell interpretierte Rechtslage ist bekannt. Das jüdische Nationalheim in Palästina - wobei Trans- Jordanien vorläufig ganz ausgeschaltet wird — soll den Juden in kultureller und religiöser Beziehung eine Grundlage schaffen, wobei in Palästina auf die Stätten, die anderen heilig sind, und die übrigen in Palästina lebenden Stämme und Fremden gebührende Rücksicht zu nehmen ist. Durch die Schaffung dieses Naiionalheims soll die Stellung der Juden in der übrigen Welt keineswegs beeinflußt werden. Dieses ist die klare politische heutige Lage der Zionisten in Palästina, von dem Völkerbund und dem Mandatarstaat und den Zionisten selbst klar anerkannt. Um die Schaffung eines Nationalheims zu fördern und die Rechte des Nationalheims zu vertreten, sieht Artikel 4 des Mandats eine geeignete jüdische Vertretung vor (an appropiate Jewish agency). Bis sie zustande kommt, soll die Zionistische Organisation als solch eine Vertretung wirken. Sie hat das von 1922 bis heute getan. Heute ist es so weit, daß der Auftrag, der in Artikel 4 des Mandats den Zionisten gegeben worden ist, die Kooperation aller Juden sich cti sichern, die am Aufbau des jüdischen Naiionalheims mitarbeiten wollen, durchgeführt werden kann. Es soll eine Agency geschaffen, werden, in der zur Hälfte Zionisten und zur Hälfte Juden der ganzen Welt, die nicht zur zionistischen Organisation gehören, vertreten sind. Wie sollen sieh die Juden außerhalb Palästinas zu dieser Frage der Beteiligung an der Agency verhalten? Bevor man zur Beantwortung dieser Frage schreitet, muß man sich über die Probleme klar werden, die das Nationalheim in Palästina in sich birgt. Hierbei soll man sich darauf beschränken, zu konstatieren, was vorliegt, aber sich nicht für berechtigt halten, Ratschläge zu geben. Der Versuch der Juden in Palästina, in engerer Gemeinschaft mit mehr Selbstbestimmungsrecht, als es sonst heute möglich ist, zu leben, nachdem sie vor 2000 Jahren in den verschiedenen Ländern eine neue Heimat suchen mußten, ist ein so gewaltiger neuartiger, daß man mit den Erfahrungen anderer Zeiten und anderer Länder nur sehr bedingt etwas anfangen kann. Das neuartige ist der Versuch, in möglichst großer Zahl durch Kolonisten gleicher Abstammung und gleichen Glaubens dieses Gleichartige, das in allen schlummert und vibriert, auf alter Erde neu zur Entwicklung zu bringen. In Palästina wird mit Leib, Seele und Verstand so intensiv gearbeitet, daß man nur ganz bescheiden von außen raten und helfen kann. Wir Deutschen wissen am besten, wie störend und verletzend die Ratschäge sein können, die uns von anderen nach kurzem Aufenthalt in all zu reichem Maße und in überlieblicher Weise gegeben werden. Welches sind die hauptsächlichsten Probleme Palästinas in wirtschaftlicher, kultureller, innenwie außenpolitischer Hinsicht? Vertrieben von der eigenen Scholle, beseelt von dem Gedanken eines neuen zionistischen Reiches, sind Juden aus der ganzen Welt, besonders aus Rußland, Polen und Rumänien, in Palästina eingesfrömt. Mit Todesverachtung begannen sie sumpfige, von schlimmer Malaria heimgesuchte Landstrecken zu bearbeiten; mit Einsetzung ihres Lebens ist es den Tapferen gelungen, Strecken urbar und gesund zu machen, die längst aufgegeben waren. Des Landbaus unkundig, haben sie in den verschiedensten Formen versucht, das Land zu bearbeiten. Wir finden eine kommunistische Form, die Kwuzah, eine mehr individualistische, den Moschaw und eine ganze Reihe von Kolonien, die reine Privatbetriebe sind, in denen nur für gcwisse Zwecke kooperative Maßnahmen, sei es beim Ein- oder Verkauf, sei es sogar zum Betriebe selbst, angewandt werden. Diese Einwanderer haben zum größten Teil kein Geld, und so haben der Keren Hajessoa und der Keren Kajemeth die Gelder durch Sammlung in der ganzen Weit aufbringen müssen. Ob und wie weit die Ansiedler diese Gelder zurückzahlen werden, ist unbestimmt. Eine Schonzeit von mehreren Jahren ist ebenfalls gegeben, und man wird auch in der Zukunft, so weit Abmachungen überhaupt vorliegen, Nachsicht haben müssen. Hervorgehoben muß allerdings werden, daß einige Kolonien, mit dem eigenen Gelde der Einwanderer ins Leben gerufen, schon heute gute, zum Teil sehr gute Erträgnisse liefern, ln verhältnismäßig kurzer Zeit hat man in Palästina das Glück gehabt, herauszufinden, daß für den Orangenbau das Land ganz vorzugsweise geeignet ist. Man setzt die größten Hoffnungen auf die Ent- Wicklung dieses Zweiges. Man will aber nicht einseitig werdend und so wird die Bananenzucht, der Weinbau, die Milchwirtschaft und vieles andere betrieben werden. Der gegemischte Betrieb ist schon für die eigene Ernährung notwendig. Eine größere Industrie hat sich in Palästina mit wenigen Ausnahmen noch nicht herausgebildet. Das Ruthenbergsehe Kraftwerk ist eine außerordentliche Leistung. Das Werk, das schon jetzt in vielen Teilen des Landes Kraftübertragungen vomimmt. kann für Landwirtschaft und Industrie von größter Bedeutung werden. Der Absatz muß aber noch stark vergrößert werden, damit die Preise für Kraft und Licht ermäßigt werden können. (Uebrigens ebenso für Milch und andere Produkte.) Eine vorzüglich geleitete Zeinentfabrik befindet sich in Haifa, und die Ausstellung in Tel-Awiw hat wertvolle Ans.:itze für eine neue Industrie gezeigt, die sich aber erst naturgemäß im Anfangsstadium befindet. Die Krisis, die Palästina durchzumachen hatte, und die deutlich die notwendige Beschränkung für das Tempo seiner Entwicklung zeigte, war, da sie diese Erkenntnis brachte, von Heil. Noch immer gilt das Wort: ״You can seli evervthing but not your ovvn experience.“ Nur die selbst gemachte Erfahrung konnte die allzu schnell Vorwärtsstürmenden belehren. Sowohl für die Landwirtschaft wie für die Industrie spielt die Arbeiterfrage und die Beschäftigung der Araber eine große Rolle. Die jüdischen Arbeiter haben sich unter Ausnutzung aller Erfahrungen, die in Europa gemacht sind, straff zusammengeschlossen, vielleicht straffer, als in irgendeinem anderen Lande, was infolge der Kleinheit des Landes möglich war, und dank kluger, zielbewußter Führung. So wurde vermieden, daß die hereinströmenden Arbeiter eine unwürdige Hungerzeit durchzumachen haben. Die Verdendüng eines Proletariats wurde vermieden, Fürsorgcanstalten, Bildungsstätten, wurden sofort errichtet. Auch hier wurde, wie bei so vielem in Palästina, erst das Dach gebaut, das Fundament muß erst später geschaffen werden. Sehr bezeichnend für den Orient, und insbesondere auch für die Entwicklung in Palästina, ist, daß, wenn ein Dach errichtet ist, der Besitz des Landes markiert ist; so wird oft erst einmal mit ganz fluchtigern Unterbau das Dach errichtet und das Haus selbst erst 1 später eingefüllt. Man muß von der Klugheit der Arbeiterführer erhoffen, daß keine Ueberspannung stattfindet, damit das Land in der Landwirtschaft wie in der Industrie dem Auslande gegenüber konkurrenzfähig bleibt. Ein neuer Typus des Bauern und Industriea r b e i t e r s wird in Palästina geschaffen. Gehirn- und Körperkraft kommen beide zur Entfaltung. Wenn der Landarbeiter von seinem Felde heimkommt, findet er eine reichhaltige Bibliothek vor und studiert nicht nur die neuesten Bücher über Land- Wirtschaft, insbesondere Palästinas, sondern erweitert auch sonst seinen Blick. Es ist nicht die Absicht der jüdischen Arbeiter, die arabischen zu verdrängen; sie wollen den Lohn der Araber erhöhen, aber nicht den ihrigen erniedrigen. Auch hier wird im Laufe der Zeit ein Ausgleich gefunden werden, und die Söhne Israels und Ismaels haben nicht nur in der Sprache, sondern auch in vielem anderen Aehnlichkeiten, Mit Recht haben die jüdischen Arbeiter den Vorschlag zurückgewiesen, daß die skilled, d. h. die sogenannte ,,gelernte“ Arbeit von jüdischen Arbeitern und die unskilled Arbeit von Arabern besorgt werden soll; sie wollen das Land von unten herauf, gerade da, wo es am schwersten ist, ״sich erarbeiten“, nicht von vornherein Klassenunterschiede zwischen Arabern und Juden schaffen. Nicht durch Schlagworte, sondern durch Taten beweisen sic es. Sie wohnen lange in primitiven Hüften, nach dem ersten Fortschritt bauen sie einen guten Stall, dann das Heim für die Kinder, den Kindergarten und die Schule, und erst dann denken sie daran, ihre eigenen Wohnstätten zu verbessern. Wenn man die Kinder in ihrer Frische und Fröhlichkeit und in ihrer Gesundheit sieht, so faßt man Zutrauen zu dem, was hier geschehen. Hier endlich wieder Kinderreichtum im Gegensatz zu dem sich selbst durch Geburtenrückgang dezimierenden Europa! Man versucht in Palästina in allem eine Einheit zu finden, zwischen dem Alltagsleben und dem Glauben, zwischen der Wirtschaft und der Wissenschaft. Es ist der Kampf gegen den Dualismus im Leben, es ist das Einsetzen für die Harmonie, für den Einklang, das ist das ״Echod“, das Ideal im einzigen. Das jüdische Volk ist das Volk des Buches und, will es seine Eigenart erhalten, so muß es weiter vom Wissensdrang beseelt bleiben; auch wenn es eine Heimstätte hat, muß es ein ״Volk der Bücher“ bleiben. Mag der Sport gewiß seine Berechtigung haben, wahre, zweckdienliche körperliche Berufstätigkeit muß einheitlich mit wahrer, geistiger Tätigkeit verbunden werden. Auch aut kulturellem Gebiet wird vielfach sorgfaltiger am Dache als an den Grundmauern gebaut; manchen Mitgründer der Universität mag der Gedanke geleitet haben, nachdem Juden an so vielen fremden Universitäten studierten, eine eigene Universität der Welt zu schaffen, als nobile officium. Die Universität, das Technikum sollten eigentlieh die Krone der Schöpfung sein. Die Universität versucht, in erster Reihe durch solche Forschung zu wirken, die gedanklieh an Palästina, — seinen Boden und seine Geschichte — anknüpft, sei es auf medizinischem, naturgeschichtlichem, sprachliebem, religionswissenschaftlichem Gebiete, — in dieser einzigartigen Natur für Wissenschaftler eine Idealstätte, — und auch hier wieder engster Zusammenhang mit den Tagesgeschehnissen, aus der Praxis schöpfend, der Praxis gebend. Der Unterbau der Schulen ist ein so vielfacher, teils übersetzter, teils einseitiger, daß auch hier eine Durchdringung zur Klarheit und Einheitlichkeit eigentlich erst von oben, anstatt von unten erfolgen kann. Die Schulfrage ist namentlich wegen der Behandlung der Religion kompliziert; ein einheit* liches Band ist durch die Einführung des Hebräischen geschaffen, das in wenigen Jahren die Muttersprache aller in Palästina wohnenden Juden geworden ist. Wunderbar ist die;OpfefwiHigkcit der Lehrrer, die unter den schwierigsten Verhältnissen und Entbehrungen ihren Beruf ausüben. Neben Hebräisch wird auch Arabisch und Englisch gelehrt, und es ist klug, die Kenntnis dieser beiden Sprachen, dne in Palästina neben dem Hebräischen unentbehrlich sind, zu fördern. Und die R e I i g i o n? So eigenartig es klingt, die Religion ist bis jetzt für die Juden beim Wiederaufbau der Heimstätte, wenigstens sichtbar, der geringste Faktor gewesen. Die Beobachtung der verschiedenen Religionsvorschriften in der ganzen Welt hat so viele Schattierungen erzeugt, daß ein einheitlicher Rahmen noch nicht gefunden werden konnte. Ansatzpunkte verschiedener Art deuten jedenfalls darauf hin, daß die Zeit der Religionsfeindschaft überwunden ist. Neu ist die Form des Mandatarstaates. Die Aufgabe eines Mandatarstaates ist noch nicht klar in der Praxis erprobt Wie weit Lasten der ansässigen Bevölkerung zugemutet werden können, die von den früheren Machthabern des Landes eingegangen worden sind, ist eine offene Frage. Der Staat, dem das Mandat anvertraut worden ist, muß Ruhe und Ordnung in dem betreffenden Lande aufrechterhalten und mithelfen, die Spezialaufgaben, die diesem gestellt sind, zu lösen. Wie soll sich jetzt die gesamte Judenhelt, sowohl die ln Palästina lebende, wie die der übrigen Welt zur Palästina-Frage im allgemeinen und zur Agency-Frage im besonderen verhalten? Das Schöne an einer großen Aufgabe ist, daß sie nicht gleichartig von allen gelöst wird, sondern daß jeder in seiner Art mithilft, sie zu lösen. Für die nächsten Jahre ist die palästinensische Aufgabe vor allem eine kolonisatorische, ökonomische und sozialpolitische, und ist von allen Juden der ganzen weit zu fördern. Die Palästina-Frage kann nur landwirtschaftlich gelöst werden, und zwar müssen die einzelnen Kolonien sich selbst ernähren. Man kann nicht damit rechnen, daß eine Kolonialbewegung auf die Dauer von Wohltätigkeit und Geldem ä fon perdu leben kann. Hier kann und muß noch vieles gebessert werden. Das ist Sache der Palästinenser, die aut Grund eigener Erfahrung und ernster, bedeutender, wissenschaftJicher Unterlagen unausgesetzt an dieser Aufgabe arbeiten. Beitragen können die nicht in Palästina lebenden Juden, indem sie insbesondere dafür sorgen, daß die nach Palästina Auswandernden richtig für ihren Beruf vorgebildet werden. Tastend wird die wirtschaftliche Form der Besiedlung gesucht. Das Selbstbestimmungsrecht der Siedler muß bleiben, aber in die verschiedenen Formen müssen alte, erprobte wirtschaftliche Grundsätze cingeführt •werden. Man wird die wirtschaftliche Grundlage des Nationalheims nur finden können, wenn in weit größerem Maße als bisher noch Grund und Boden angekauft wird, denn nur dann ist es möglich, eine größere Einwanderung zu rechtfertigen. Man hofft auf die Hergabe neuer Gelder von seiten wohlhabender Juden im Auslande, auch wenn diese nicht die Absicht haben, in Palästina einzuwandern, ja auch wenn sie nicht mit dem zionistischen Programm in allen Einzelheiten einverstanden sind. Die Nichtzionisten des Auslandes, die das Geld gehen sollen, müssen sich dai über klar sein, daß das angelegte Geld sich rein kapitalistisch nicht verzinsen wird, sogar, daß das Kapital im Laufe der Jahre nicht ganz zurückfließt.

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