Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 49 (25.6.1929)
- Date
- 1929-06-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653062-2653106--20840-2678867- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 3× ep/1047930
OCR text
Nr 49 25. VI. 1929 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 313 Erleichterung für die Einwanderung j Die Tempelgemeinde in Jerusalem Ein Erfolg der Paläifina .Exekutive Jerusalem, 21. Juni. (J. T. A.) Der Oberkommlssar Sir John Chancellor hat noch vor seiner Abreise wichtige Ent- Scheidungen über Fragen der Einwanderung getroffen und vor allem den Vorschlägen der Zionistischen Exekutive hinsichtlich der Chaluzim-Zcrlifikatc zagestimmt. Bekanntlich hat die Regierung für das Halbjahr Mal/Oktobcr der Exekutive 2400 Einreisezertifikate für Chaluzim gewährt, von denen über 1000 sofort verfügt wurde. Nunmehr hat Chancellor zugestimmt, daß die für zionistische politische Flüchtlinge aus Rußland gewährten 100 Zertifikate nicht auf die noch verbliebenen 1400 Zertifikate angerechnet werden; auch werden die Aufenthaltsscheine, die jenen Per• sonen erteilt werden, die vor dem 1. Mai als Touristen in Palästina eingetroffen waren und dann dauernd im Lande Wohnsitz genommen haben, nicht auf die Zahl der Chaluzim-Zertifikate angerechnet. Schließlich werden den in Palästina einwandernden Arbeiterinnen (Chaluzotli) Erleichterungen gewährt, indem nunmehr die Kwuz o t h die Garantie für die Beschäftigung der einwandernden Chaluzoth übernehmen, während bisher nur eine Garantieleistung seitens einzelner Arbeitgeber anerkannt worden war. Die bewilligten Zertifikate haben bis zum 1. Oktober 1020 Gültigkeit, und sie stehen der Zionistischen Exckutive zur Verwendung nach eigenem Ermessen in Uchereinstimmung mit der Lage auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Eine Erleichterung besteht auch darin, daß seit 3. Juni eine Zusatzbestimmung zum Einwandernngsgcsetz in Geltung ist, wonach Bräuten von Palästina-Einwohnern ebenso wie wirtschaftlich abhängigen Eltern die Einwanderung freisteht. Die Regierung hat demnach sämtlichen Forderungen der Exekutive (s. ״J. R.“ Nr. 42) nachgegeben und die einschränkenden Bestimmungen bezüglich der letzten Zertifikate zurückgezogen. Das Arbeilsprogramm der Palästina-ReßieruDg Erklärungen Lukes an die Presse Jerusalem, 21. Juni. <J. T. A.) H.C.Luke, der Chefsekretär der Palästina-Regierung, der gegenwärtig in Abwesenheit von Chancellor die Geschäfte des Oberkommissars führt, empfing die Vertreter der Presse und gab ihnen Erklärungen über das nächste Arbeitsprogramm der Regierung. Arabische und jüdische Arbeiter, sagte Herr Luke, werden im gleichen Zahlenverhältnis bei der Erbauung der zum Hauptweilenbrecher des Haifaer Hafens führenden Eisenbahn beschäftigt werden. Die Regierung studiert sehr sorgfältig die Arbeitsbedingungen und ist bedacht, angemessene Löhne sicherzustellen, wie sie in dem die Palästina-Anleihe betreffenden Akt gefordert werden. Er sei noch nicht in der Lage, in dem gegenwärtigen Stadium eine detaillierte Erklärung nach dieser Richtung zu geben, aber er könne schon heute versichern, daß die Regierung Arrangements treffen wird, die, ohne daß die Kosten in außerordentlicher Weise erhöht werden müßten, die Arbeiterschaft aller Gemeinschäften In die Lage bringen werden, sich unter gleichen Bedingungen um Arbeit zu Bewerben. Luke lehnte es ab, sich über die Beschwerde des Waad Hair von Jerusalem wegen der Zurücksetzung jüdischer Rechte in der Stadtverwaltung Jerusalems und bei der Vergebung von Lieferungen eine Erklärung abzugeben und sagte, die in der Beschwerde aufgeworfenen Fragen unterliegen jetzt einer Prüfung seitens der Regierungsorgane. Auf die Frage bezüglich der Beschäftigung christlicher Postangestellter an Sonntagen erwiderte Luke, daß Angestellte aller Religionsgemeinschaften, wo erforderlich, auch an ihren religiösen Wochenruhetagen Arbeit leisten müssen. — Bezüglich der Frage der Ausbeutungder Tote Meer-Salze sagte Luke, er glaube, daß die Konzessionäre die Absicht haben, in einem gewissen Verhältnis auch arabische Arbeiter Palästinas wie Transjordaniens zu beschäftigen, aber die Angelegenheit der Schaffung eines palästinensischen Direktoriums ist Sache der Konzessionsgesellschaft selbst Der Chefsekretär kündigte die Veröffentlichung des Entwurfes einer lokalen Unterrichtsordnung an, in wejchem die Erhebung einer lokalen Unterrichtssteuer vorgesehen ist in jenen Orten, in denen Ergänzungen und Erleichterungen des Unterrichts gewünscht sind. Der aus dem Fonds des verstorbenen jüdischen Philantropen Kadoorie in Angriff genommene Bau einer arabischen landwirtschaftlichen Schule ist fast vollendet; die Schule wird vielleicht noch in diesem Jahre eröffnet werden. Für die aus dem gleichen Fonds zu erbauende jüdische landwirtschaftliche Schule wurde bereits ein Grundstück auf der Staatsdomäne am Fuße des Berges Tabor reserviert. Die Kosten des Baues sind mit 39 (K)0 Pfund veranschlagt. Es besteht Aussicht, daß diese Schule schon zum kommenden Schuljahr wird eröffnet werden können. Die Regierung erwägt, jeder der beiden Schulen eine Subvention von 2000 Pfund zu gewähren. Zum Schlüsse trat Herr Luke dem Gerücht entgegen, daß bezüglich der Hedias-Eisenbahn die unterbrochenen Verband- Jungen mit dem König lbn Saud wieder aufgenommen wurden. Auch bestritt er, daß im Distrikt von Jericho 60 000 Dunam Staatsboden an Beduinen verteilt wurden. Dagegen bestätigte er die Mitteilung, daß die Regierung Schritte unternommen hat, um in der Kl a g e m a u e r - Angelegenheit eine friedliche Ver einbarung zwischen den Arabern und den Ju den zustande zu bringen. Konsolidierutigsltoauiiissio* Iflr die Siedlungen Die Zionistische Exekutive hat eine Kommission ernannt, die Pläne für die Beendigung der Konsolidierung aller landwirtschaftlichen Siedlungen der Zionistischen Exekutive beschleunigt bearbeiten soll. Die Kommission, bestehend aus den Herren Sacher, Bawly und Stern, sowie dem Vertreter des ״Merkas Chaklai“ Schkolnik, besucht in diesen Wochen systematisch die Siedlungen des Jordantales, des Kischon und des Nuris-Blockes, sowie der Umgebung von Haifa und Judaea. (Ziko.) Die Zahl der Jaden in Palästina Laut einer Mitteilung von ״Times“ setzte sich am 31. März 1929 die Bevölkerung Palästinas aus 557 649 Moslemiten, 149 554 Juden, 78 463 Christen und 8850 Personen anderer reli giösen Gemeinschaften zusammen. Am 1. Juli 1927 gab das Gesundheitsdepartement der Palästina-Regierung die Zahl der jüdischen Lanaesbevölkerung mit 147687 an. Zur Zeit der palästinensischen Volkszählung von 1922 lebten 83 000 Juden in Palästina. 1926 waren es 158 000 Juden. In den Jahren 1926 und 1927 verminderte sich die Zahl der jüdischen ]Bevölkerung durch Auswanderung. Die städtischen und landwirtschaftlichen Siedlungen der deutschen Templer in Palästina sind jedem Besucher Palästinas wohl bekannt. Tatsächlich wenig bekannt sind die Motive, aus denen heraus die Templer vor Jahrzehnten nach Palästina gekommen sind. Sie sind eine zahlenmäßig außerordentlich geringe Gemeinde. Sie zählen in Palästina etwa 1700 Seelen. Dessen ungeachtet ist ihre wirtschaftliche Bedeutung im Lande nicht gering. Interessanter aber noch ist das geistige Leben, aus der die Templerbewegung entstanden ist. Der geistige Führer der Templergemeinde, Dietrich Lange, veröffentlicht in der vorzüglichen Zeitschrift der gener Jugendbewegung ״Kommende Gemeinde“ eine ersieht über die Geschichte und die geistigen Grundlagen der Templerbewegung, der die folgende Darstellung entnommen ist Die Templergemeinde ist eine selbständige Religionsgemeinschaft, die bakl nach ihrer Gründung aus der evangelisehen Landeskirche ausgeschlossen wurde (1860), sich daraufhin keiner Kirche oder Sekte angeschlossen hat, sondern freund-nachbarschaftliche Beziehungen zu anderen geistesverwandten Richtungen getreten ist, so im letzten Jahrzehnt den Quäkern und Umtariem. Die Templergemeinde umfaßt heute ungefähr 2500 Seelen, von denen etwas mehr als die Hälfte in Palästina lebt, während der Rest in kleinen Diasporagemeinden oder einzeln zerstreut in Deutschland (besonders Württemberg), Nordamerika und Südrußland anzutreffen ist. Ihre Anfänge reichen zurück in die gärende Zeit der Revolution von 1818. Die politischen Mißstände schärften den Blick des evangelischen Theologen Christoph Hoffmann gegenüber der Kirche. Er erkannte, daß die Kirche es mehr und mehr versäumt habe, die Herstellung des Reiches Gottes auf Erden zum Ziel ihrer Arbeit zu machen. Statt dessen habe sie sich in dogmatische Festsetzungen, geistliche Klassenherrschaft und andere nebensächliche oder gar schädliche Bestrebungen verloren. war nun jenes auf Gottes Wort gegründetes Volksleben nicht vorhanden, so galt es eben, es zu verwirklichen. Zwei überlieferte Religionsvorstellungen wirkten dabei wesentlich mitbestimmend: die alttestamentliche Theokratie und Prophetie und die neutestamentliehe Apokalypse. Durch eine Lebensgestaltung nach der im Sinne Jesu aufgefaßten Theokratie und Prophetie (Weissagung) erhoffte man, den glücklichen Endzustand des ״Tausendjährigen Rei■ c h e s“ oder des Reiches Gottes zu erreichen oder wenig■ stens anzubahnen. Nächster Weg dazu war die Bildung geschlossener Tempelgemeinden.!Durch Neugestaltung ihrer äußeren und inneren Struktur sollten sie Urzellen eines Volks• lebens werden, das zu einem Bau werden sollte, der ״inein■ andergefügt, wächst zu einem heiligen Tempel .... zu einer Behausung Gottes im Geist“ (Epheser 2, 19 ff.). Der Sammlungsruf fand bei mehreren Tausenden begeisterte Zustimmung. Aber der erstrebten Bildung geschlossener eigener Gemeinden standen in der Heimat Hindernisse entgegen (Mangel an Siedlungsland, Feindschaft der Staatskirche u. a.). Deshalb dachte man an Auswanderung; es ist begreiflich, daß unter der Nachwirkung biblischer Prophetie und Apokalypse Palästina als Ziel ins Auge gefaßt wurde. Nach sorgfältiger Vorbereitung (Gründung einer Kolonlsationskasse, Kundschafterreisen, Werbearbeit, Schaffung eines Stützpunktes in der Heimat u. a. in.) erfolgte ab 1868 die Auswanderung. Nacheinander wurden in hartem, aber erfolgreichem Ringen die vier Kolonien Haifa (1868), Jaffa (1869), Sarona (1871) und Jerusalem-Rephaim (1873) gegründet. Sie entwickelten sich trotz bedeutender Schwierigkeiten und mancherlei Rückschlägen bald zu blühendem deutschen Gemeinwesen mit verhältnismäßig regem geistigem Leben. Gab man doch allein für das in Jaffa ins Leben gerufene Lyzeum, dem eine zeitlaög sogar eine Art Hochschule angegliedert war, jährlich über 20000 RM. aus. — Bei allem wirtschaftlich- Kolonisatorischen Erfolg blieb man sich aber des Ziels be• wußt, daß man in eigener kulturell-geistiger Weiterentwick lung sah und von dessen Erreichung man sich auch den besten Einfluß auf die Umwelt versprach. Aus der geistigen Einstellung der Gründungszcit möge Hoffmanns ״Sendschreiben“ (1878) angeführt weiden: .,Wenn es uns gelänge, das Land (Palästina) mit Straßen, Eisenbahnen und Seehäfen zu versehen, seine zur Viehweide herabgesunkenen Ebenen in wohlbebaute Fruchtfelder, seine kahlen und steinigen Berge in Gärten und Wälder zu verwandeln und es durch Anbau, Industrie und Handel wieder so reich zu machen, wie es einst war, und die Bewohner aus ihrem jetzigen erbärmlichen Dasein zu behaglichem Lebensgenuß zu erheben, so wäre alsdann Jerusalem eine äußerlich blühende Stadt, aber darum noch lange nicht ein geistiger Mittelpunkt der Völker.Auch durch gute und reich ausgestattete Schulen .... wird die Weissagung noch nicht erfüllt. . . . Nur dann eröffnet sich eine Aussicht auf Erfüllung der Weissagung über Jerusalem, wenn in dieser Stadt eine Geistesarbeit ausge■ führt wird, die für die ganze Menschheit eine Erlösung von den Uebeln bringt, au welchen auch die höchst zivilisierten Nationen leiden, und für welche das Christentum in seiner bisherigen Gestalt keine Heilung bietet. Christus ist gekommen, um das von den Propheten beschriebene Reich Gottes auf Erden aufzurichten, und doch ist nach achtzehn Jahrhunderten dieses Reich nicht da. Entweder afso ist Christus und das Christentum überhaupt nicht imstande, seine Aufgabe zu erfüllen, oder das Christentum muß noch gründlicher, als es in der Reformation geschah, neu gestaltet werden. . . Kann die Templergemeinde dieses Geisteswerk vollbringen, so ist ihre Ansiealung in Palästina als ein notwendiger Schritt gerechtfertigt. Könnte sie das aber nicht, so bliebe zwar ilire Kolonisation in Palästina immer noch ein gutes und nützliches Werk; es wäre aber doch die Frage, ob wir nicht besser getan hätten, zu Hause zu bleiben und daheim gute Werke zu tun“. Gegen Ende der siebziger Jahre kam die Auswanderung nach Palästina in der Hauptsache ins Stocken. Die Kräfte der Templergemeinde waren erschöpft, eine Konsolidierung nach innen und außen war notwendig und dauerte bis zur Jahrhundertswende. Hier interessiert in erster Linie die innere Weiterentwick lung. Sie führte bei Hoffmann immer mehr abseits von dem üblichen Kirchenwege. Immer deutlicher glaubte er zu erkennen, daß auch die bisher beibehaltenen kirchlichen Dogmen und Sakramente für ein wahres Christentum unwesentlich, ja, weil sie das wahre Wesen verdecken können, geradezu schädlich seien. So erklärt z. B. gegenüber D. F. Strauß und andern Kritikern gelassen, daß, selbst wenn die Darstellung Jesu Christi in den Evangelien ein Phantasiebild und Erzeug■ nis dichtender Sage sei, dadurch nichts an der Tatsache geändert würde, daß dieses Ideal und der in dem Bild Christi dargestellte Weg seiner Verwirklichung dem Bedürfnis des Menschen und folglich unsere Aufgabe und den Weg zum Ziel angebe. ״Es ist an sich einleuchtend und auch durch die Erfahrung bewiesen, daß ein Mensch alle Dogmen der Kirche annehmen, unterschreiben und beschwören kann, ohne daß dies irgendeinen Einfluß auf seine Gesinnung und sein Handein ausübt.Man muß sich auch nicht einbüden, daß das Auswendiglernen biblischer Sprüche oder des iv bch'smus und die Versicherung der Eltern und Lehrer, daß man an die Bibel glauben müsse, eine richtige Erkenntnis Gottes und des Menschen zu geben vermöge, föese Erkenntnis ist vielmehr die langsam reifende Frucht vieljähriger Erfahrungen und Ueberlegungen.Es erhellt daraus, daß der Tempei kein Glaubensbekenntnis auf stellt, durch dessen Annahme man zum Mitglied würde.Gleichwohl kann der Tempel so wenig als irgendeine religiöse Gesellschaft des geistigen Bandes entbehren, das in einem gemeinsamen Glauben besteht. Auch der Tempel hat also seinen Glauben, an dem jeder, der Mitglied sein will, teilnehmen muß. Dieser Glaube besteht aber in nichts anderem als in dem Ziel, das erreicht werden soll, und das schon in dem Namen des Tempels ausgesprochen ist. Die eistige und leibliche Vervollkommnung des Menschen ist das Tel und die Aufgabe jeder Religion, sie ist auch das Ziel und die Aufgabe des Tempels. Der Glaube an einen vollkommeneren Zustand des menschlichen Geschlechts, als der jetzige ist, und die Bereit- Willigkeit, an den gemeinsamen Schritten,die zur Herbeiführung dieses Zustandes unternommen werden, nach Kräften m i t z u wirken —• das ist der Glaube des Tempels.“ Um die Jahrhundertwende waren die Siedlungen der Templergemeinde in Palästina so erstarkt, daß sie, als noch anläßlich der Kaiserreise Finanzhilfe aus der Heimat kam, an Neukolonisation denken konnten. Schon 1892 waren in der Nähe Jaffas und Haifas kleine Filialgcmeinden entstanden: W a hl ha 1 la bei Jaffa und Neuhardthof bei Haifa. Jetzt wurden noch zwei größere Siedlungen eingeleitet : 1902 W i 1helma bei Jaffa, 1906 Bethlehem bei Haifa. Man machte sich dabei nicht nur die bisherigen kolonisatorischen Erfahrungen zunutze, sondern versuchte jetzt auch mehr als früher die der religiösen Idee der Templergemeinde zugrunde liegenden sozialen Verbesserungen durchzuführen. Im Laufe der Zeit wurde die Organisation der Templergemeinde immer zweckmäßiger gestaltet, wobei allerdings das anfänglich geltende mosaisch-theokratische Ideal mehr und mehr gegenüber modernen Gedanken sozialer Verbesserung in den Hintergrund trat. Ursprünglich fielen bürgerliche und religiöse Gemeinden zusammen, später wurden sie aus Zweckmäßigkeitsgründen getrennt. Dies spiegelt sich heute auch in der GeselTschaftsorganisation. Der wirtschaftsverband der Templergemeinde, dessen Grundlage eine gemeinsame Zentralkasse (Spar-, Darlehns-, Gewerbe- und Hypothekenkasse) ist, an die auch die Tempelsteuern bezahlt werden, deckt sich zwar in der Hauptsache mit der Religionsgemeinschaft, doch gibt es auch manche Mitglieder, die nur einem dieser Verbände angehören. Die Zentralkasse gewährt den Bauern, Kaufleuten und Handwerkern vorübergehend oder langfristig Kredite, will dadurch aber nicht in erster Linie Gewinne erzielen, sondern als gemeinnützige Anstalt wirken. Etwaige Ueberschüsse werden kulturellen Zwecken zugeführt. Die Zentralkasse ist mit 51 «/o auch Hauptaktionärin einer nach dem Krieg von den Siedlern gegründeten Bankanstalt, der Bank der Tempelgesellschaft Ltd. Auf wirtschaftlichem Gebiet sind die einzelnen Siedlungen allein oder in Gruppen auf mannigfache Weise kooperativ zusammengeschlossen in Molkereien, Konsum-, Weinbau-, Plantagenvereinen u. ä. An der Spitze jeder religiösen Gemeinde steht ein Vorsteher und ein Aeltestenkollegium, deren Glieder als Laienprediger auch die religiösen Versammlungen leiten. An Stelle der Taufe trat eine ״Darstellung“; meist am Erntedankfest werden die Neugeborenen ״vor Gott gebracht“ als äußeres Zeichen des Dankes für das schönste Geschenk des Jahres, zugleich aber auch als Ausdruck der Verantwortung von Eltern und Gemeinde. Die Konfirmation ist als religiöser, kindetgemäßer Unterricht beibehalten; aber, ohne Bekenntnis, ohne einheitlichen Unterrichtsgang und -methode. Auch bei der Eheschließung findet eine religiöse Feier statt; das junge Paar wird auf Sinn und Aufgabe der Ehe hingewiesen — 148 die Verwirklichung eigentlich etwas Heiliges, ein Sakrament sei, aber nicht in einer kurzen Stunde geschähe oder durch eine Zeremonie — und wohl auch Gottes Segen dafür erbeten. Und endlich wird auch am Grab vom Sinn menschlichen Lebens gesprochen. Jeden Sonntag sammelt sich die Gemeinde zu einer religiösen Feier. Ueblich sind dabei Gesang, Gebet und Schriftauslegung durch •Laienprediger, doch ist es dem Versammlungsleiter freigestellt, die Zusammenkunft auch anders zu gestalten. Dies wird auch da und dort getan. Die Gedanken, die der einzelne Redner darbietet, sind keiner Norm unterworfen, nur sollen sie überzeugungstreu sein. Daß der eine Redner pietätvoll-konservativ, der andere revolutionär-fortschrittlich denkt und spricht, verursacht hin und wieder einige Reibung, hat aber die Gesamtentwicklung eher gefördert als gehemmt. Letzten Endes, das dürfte die Ueberzeugung der Mehrzahl der Mitglieder sein, sind alle solche Meinungsverschiedenheiten unwesentlich; auf Gesinnung und Handeln im Alltagsleben kommt es an. Charakteristisch ist die Ansprache, die der Vorsteher einer Tempelgemeinde in Südrußland an seine Konfirmanden richtete: ״Fragt man uns aber: Worin besteht denn eure Religion? so antworten wir: Unsere Religion besteht darin, daß wir unmittelbare, lebendige Beziehungen zu unserer Gottheit zu gewinnen suchen; daß wir in der Welt und im Leben dasselbe wollen, was uns Gott als seinen Willen zu erkennen gibt; daß wir die Vortrefflichkeit aller Wahrheit, den Adel alles Schönen und Vollkommenen und die Göttlichkeit alles Guten unbedingt anerkennen, und daß wir alle göttlichen Forderungen für die sittliehe Weltordnung im Leben und in der Menschenwelt zu verwirklichen suchen. Unsere Religion ist darum nicht eine Glaubens- und Bekenntnisreligion, sondern eine Religion des Lebens und des Wirkens, eine Lebensrichtung ist sie. Das aber, woraus wir den wirksamen Antrieb zu solchem Streben schöpfen, das ist die von der Gottheit in die Menschheit gesenkte und in ihnen geweckte Macht der Liebe, der Liebe zur Wahrheit, der Liebe zum Edlen und Schönen und der Liebe zum Guten, mit einem Wort: der Liebe zu allem Göttliehen und Ewigwerten. Und das soll auch eure Religion sein, in eurem eigenen Innern soll sich eine selbstsprudelnde Quelle für solch lebenwirkende Religion auftun.Ihr sollt die Gottheit erkennen, die in eurem Innern geistiges Sein und geistiges Leben wirkt; euer geistiges Auge soll aufgehen für ihre Welt- und Menschheitsabsichten, und euer Wollen soll auf das gerichtet werden, was sie heischt. Eure Religion soll eine Lebensrichtung sein, ein mannhaftes Eintreten für die edelsten Ziele des Lebens und für unvergängliche Güter der Menschheit. Und in dieser Religion sollt ihr euch mit den führenden Geistern aller Zeiten und Völker zusammenfinden können, an ihnen euch aufrichten und stärken können. Wer das Panier der Wahrheit hochhält, wer in künstlerischem Schaffen vor den Augen der Menschheit die Welt reiner Ideale aufschließt, wer für das Gute mit der ganzen Kraft seines sittlichen Vermögens eintritt, — die seien eure Geistesbrüder, gleichviel welcher Nation, welchem Stand oder Beruf sie angehären. Ihrem Streber! verbinde sich euer Streben, ihrem Wirken euer Wirken, ihrem Geist euer Geist.“ Jüdische Ladenschilder in Lttauen verboten K o w n 0, 19. Juni. (J. T. A.) Die Kownoer I’olizeiverwaltung ordnete die Entfernung aller Schilder mit jüdischen Aufschritten an. Die jüdische Bevölkerung ist über diese der jüdischen Gleichberechtigung hohnsprechende Verordnung empört.