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Jüdische Rundschau · 1929-06-21 · Heft 48 (21.6.1929) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 48 (21.6.1929)
Date
1929-06-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nfr. 48» 21. VI. 1929 JUEDISCHE K1mt>5״CTCAÜ Seite 305 Jubiläumsiagung | des Jüdischen Frauenbundes vom 9.—11. Juni 1929 Am Montag■, dem 10. Juni früh, begann das eigentliche Arbeitsprogramm der T agung, über deren Eröffnung wir bereits berichtet haben. Frau Brenner entwarf einleitend ein Bild von der inneren Entwicklung der Frauenbundsarbeit und stellte als bislang noch unerfüllte Aufgabe des Bundes, wie ein Wort Bertha Pappenheims es bezeichnete, ״die innere Mission“ hin. Dann gab Paula Ollendorf in knapper und sachlicher Ausführung ein Bild der äußeren Entwicklung der Bundes• arbeit. Sie skizzierte die Leistungen auf dem Gebiete der Gesundheits-, Erholungs- und Jugendfürsorge und sprach von dem neuen Arbeitsgebiet, den bevölkerungspolitischen Aufgaben des Bundes. Hierauf folgte der gedankenreiche Ausblick Hannah Karminskis auf die künftige Arbeit, Träger der Aufgabe, Umfang und Leistung des Frauenbundes und religiöse Aufgaben des Verbandes suchte sie darzustellen. Besonderen Nachdruck legte sie auf die Zusammenarbeit des Alters mit der Jugend, der ״bürgerlichen“ mit den erwerbstätigen Frauen. Anteilnahme an allen großen Gedanken des Judentums forderte sie; besonders auch an dem Aufbau Palästinas, der heute weit über alle Parteigesinnung hinaus zur Aufgabe des gesamten Judentums geworden ist. In der lebhaften imd angeregten Diskussion betonte Frau Bergel-Gronemann noch einmal die religiöse Bedeutung des Palästina-Aufbaus. Am Dienstag morgen gab zunächst Frau Eschelbacher, Düsseldorf, einen Ueberblick über die soziale Tätigkeit der jüdischen Frau, die als alte Ehren- Pflicht der Jüdin seit mehr als hundert Jahren überall von allen bestehenden Frauenvereinen gepflegt wird. Zusammenarbeit von Frauenvereinen und Frauenbund wird in der später folgenden Diskussion als erstrebenswert hingestellt. Frida W e i n r e i c b, Mitarbeiterin der Zentral-Wohlfahrtsstelle Berlin, sprach hierauf über die Frau als Sozialbeamtin, ihre Vorbildung, die Bcdingütigen ihrer Wirksamkeit und ihre Aufgaben. Auch hier ergab sich ein vereintes Wirken von Beamtinnen und ehrenamtlich arbeitenden Frauen, auf deren Hingabe keineswegs verzichtet werden kann, als wünschenswert. Im Laufe der Diskussion brachte Frau Dr. Rahel Strauß, München, eine Interpellation zionistischer Frauenbundmitglieder vor, die, gestützt auf das warme Verständnis der Leitung, für das Palästina-Aufbauwerk, zur lebendigen, verstärkten Anteilnahme aufforderte. Indirektem Anschluß daran wies Frau Ollendorf darauf hin, daß im Vorraum palästinensische Handarbeiten aus den Werkstätten Shanj und Hamachath ausgestellt seien, die zur sofortigen Betätigung für Palästina Gelegenheit gäben. Auch die Jüdische Kunstgewerbestube Freudenthal hatte im Vorraum originelle und schöne Arbeiten ausgestellt. Besonderen Anteil erweckte auch der Hinweis von Dr. Judith Rosenbaum, Mitarbeiterin des Zentral- Instituts Beth Jakow in Krakau, auf das große Erziehungswerk der Beth Jakow-Bewegung im Osten, wo in IGO Schulen in Galizien, Polen und Litauen 18000 jüdische junge Mädchen, Töchter chassidischer Eltern, auf streng orthodoxer Grundlage eine neuzeitliche Erziehung erhalten. Auch dieser Bewegung bringt der Frauenbund Interesse entgegen. Der Nachmittag war den bevölkerungspolitischen Aufgaben der jüdisehen Frau gewidmet, worüber Professor Selma Meyer, Düsseldorf, berichtete. Anschließend sprach Rechtsanwalt Dr. Margarete Berent, Berlin, und berichtete über die neuen Gesetzentwürfe zum Schutze der Frauen und Kinder. Der Abend vereinte eine ungemein zahlreich erschienene Zuhörerschaft im Saak! des Herrenhauses. Paula Ollendorf leitete die Versammhing und wies darauf hin, daß, wie dd? Friuehkongreß in Hambürg mit dem Begriff der Internationalität begonnen habe, heute die Tagung unter diesem Zeichen schließe. Führende Frauen anderer Länder sprachen über die Stellung der Jüdin in ihrem Lande und Arbeit. (Mrs. Henrique, London; Frau Schwimmer, Amsterdam; Frau Pollack, Haag; Frau Dr. Reichenstein, Lernberg; Mrs. Stemberger, New York; Helene Hannah Thon, Jerusalem.) Die letzte der Rednerinnen hob hervor, daß die Aufgäbe der Frauenarbeit in Palästina eine wesentlich andere sei als in den Ländern der Diaspora; hier gelte es ein Behaupten und Verteidigen, dort den Aufbau einer neuen jüdischen Volksgemeinschaft. Die Seniorin des Frauenbundes, Frau Ernestine Eschelbacher, beschloß den Abend durch einen herzlich warmen Aufruf zur eigentlichsten Arbeit der jüdischen Frau, zur Arbeit für den Weltfrieden und wies darauf hin, daß ein ״Jüdischer Friedensbund“ nach dem Vorgänge des Evangelisehen und Katholischen Friedensbundes demnächst gegründet werde. Den wichtigsten Eindruck des schönen Abends verkörperten die Soharworte, mit denen Frau Schwimmer, Amsterdam, ihre Ausführungen schloß: ״Keiner allein kann das Vogelnest erreichen; aber wenn hundert Menschen Zusammenkommen und Einer auf die Schultern des Anderen steigt, so daß sie alle zusammen eine Himmelsleiter bilden, dann wird ihr Vorsatz fiücken.“ Das ist das schönste Symbol für die Arbeit des Jüischen Frauenbundes. ♦ In scharfem Gegensätze zur Friedenssymphonie des Weltbimdes Jüdischer Frauen und auch zu dem bisher erfolgreich angestrebten EinheitswiTken aller jüdischen Parteien im Jüdisehen Frauenbünde standen die letzten Ereignisse der Jubiläumstagung. Nach den Berichten der einzelnen Kommissionen, die zum Teil noch recht erfreuliche Bilder von lebendiger Arbeit entwarfen, folgte ein Wahlkampf, der hinter verschlossenen Türen freilich allzu eifrig politische Vorgänge deutscher Umwelt nachahmend, schließlich ein Wahlergebnis zeitigte, das einen änzlich ״zionistenreinen“ Vorstand ergab. Es sei zuzugeben, aß ein unkluges Eingreifen einer sonst sehr klugen Zionistin nach schon erfolgter Einigung zwischen Central-Verein und ziontsfischen Mitgliedern hochmals eine von der Vorsitzenden mit großer Schärfe geführte Diskussion hervorrief, welche die kaum überbrückten Gegensätze wieder aufs neue aufriß: jedenfalls ist festzustellen, daß dieses Wahlergebnis gerade bei den eigentliehen Trägerinnen der Frauenbundsarbeit Ueberraschung und Befremden hervorrief — und nicht ausschließlich bei den Zionistinnen! Auch manches langerprobte Mitglied des Senioren- Konvents im Jüdischen Frauenbünde hielt den gegenwärtigen Augenblick für denkbar ungeeignet zur Entfesselung eines derartigen Wahlkampfes. Für die zionistischen Mitarbeiterinnen des lüdischen Frauenbundes aber bedeutet dieses Wahlergebnis Symptom und Mahnung zugleich. Symptom dafür, daß wir in Deutschland noch weit entfernt sind von jeder glücklichen Einigkeit innerhalb der jüdischen Parteien, von der uns am Dienstag abend die holländische Jüdin erzählte; Mahnung aber, nicht etwa nun zu beleidigtem Verzicht auf den Bund überhaupt — nichts könnte falscher sein —, sondern zu bewußter Mitarbeit, damit Ergebnisse wie das diesmalige in Zukunft unmöglich werden. B. B.-S. * Die Wahlen. Die bisherige Vorsitzende, Frau Bettina Brenner, Leipzig, mit 441 von 446 abgegebenen Stimmen wiedergewählt. Die Wahlen für den engeren Vorstand ergaben: Frau Bettina Brenner, Leipzig; Frau Paula Ollendorff, Breslau; Frl. Hannah Karminski, Berlin; Frau Helene Meyer, Berlin; Frau Ernestine Eschelbacher, Berlin; Frau Martha Ollendorff, Berlin; Frau Clementine Krämer, München; Frau Clara Samuel, Elberfeld; Frl. Dr. Marg. Berent, Berlin; Frau Schönewald, Bochum; Frau Ida Auerbach, Köln; Frau Anna Lewy, Stettin. ״Die Kampfesweise der Jüdischen Rundschau" Wir haben in der vorvorigen Nummer eine Berichtigung Von Bruno Woyda ve.öf!entlieht, ohne zu dieser Berichtigung, wegen Abwesenheit unseres Gemeindeberichterstatters, Stellung zu nehmen. In der Nummer der .,Jüdisch-liberalen Zeitung“ vom 12. Juni ist die an die ״Jüdische Rundschau“ von1 Woyda geschickte Berichtigung in einem längeren Aufsatz und in größerem Umfange als in der an die ״Rundschau“ geschickten Fassung wiedergegeben und mit ausführlichen Kommentaren versehen. Woyda überschreibt diesen Artikel in seiner Zeitung mit der sensationell aufgemachten Ueberschrift ״Die Kampfesweise der Jüdischen Rundschau", womit er — nicht zum ersten Male — beweisen will, daß die ״Jüdische Rundschau“ in ihrer Kampfesweise unvornehm, unwahrhaftig und unanständig ist. Daß gerade Woyda, der an Gerichtsstelle in seiner Zeitung gegenüber politischen Gegnern erhobene Behauptungen entschuldigend zurückziehen mußte, sich über unfaire Kampfesweisen beklagt, sei nur nebenbei vermerkt. Was nun den Inhalt der Woydascnen Berichtigung anbetrifft, so ist dazu folgendes zu bemerken. Wir geben zu, daß Herr Woyda nicht behauptet hat, man hätte dem aus Palästina rückgewanderten und von der Gemeinde angestellten Lehrer Rosenthal Umzugskosten in der Höhe voft 2500 M. vergütet. Er hat aber geschrieben: ״... als für den bereits erfolgten Umzug etwa 2500 M. Umzugskosten bewilligt werden sollen.“ Diese Formulierung ist beinahe noch schlimmer, als es die Behauptung gewesen wäre, daß man die Umzugskosten in der Höhe von 2500 M. vergütet hätte. Denn sie beweist, daß Herr Woyda ganz genau wußte, daß eine derartige Vergütung nicht erfolgt ist. Trotzdem hat er dieses Wissen verschleiert, so daß bei Uninformierten der Eindruck entstehen mußte, man hätte widerrechtlich einem Zionisten für die Umzugskosten aus Palästina 2500 M. gegeben. Nichtwissen hätte Herrn Woyda noch entschuldigt, aber genaue Kenntnis und trotzdem nebulöse Formulierung — das ist nicht fein. Nun der Fall des mitübernommenen Predigers bei der Uebernahme einer Synagoge! Am Sonntag, dem 9. d. M., wurde die Redaktion der ״jüdischen Rundschau" von einem führenden, vornehmen liberalen Gemeindepolitiker telephonisch angerufen und in konzilianter Weise verständigt, daß in der Behauptung, bei der Uebernahme der Synagoge hätte eine juristisehe Verpflichtung Vorgelegen, die Funktionäre dieser Synagoge mitzuübernehmen, eine Ungenauigkeit liege, da eine juristische Verpflichtung nicht bestanden hätte, und daß die Liberalen bei der Uebernahme dieser Synagoge durch die Gemeinde ausdrücklieh eine derartige Verpflichtung nicht zugestanden haben. Wir waren bereit, diese Feststellung in der nächstfolgenden Nummer der ,,Jüdischen Rundschau“ vorzunehmen, wobei wir natürlich den Standpunkt vertreten, daß es neben juristischen Verpflichtungen auch nicht minder schwerwiegende moralische Verpflichtungen gibt, denen man sich nicht entziehen kann. Praktisch lie^ der Fall so: Gesetzt, man hätte bei der Uebernahme der Synagoge die an ihr beschäftigten Funktionäre entlassen; dann wäre es Pflicht gewesen, diesen Funktionären Abfertigungsbeträge zu zahlen. Das tat die Gemeindeverwaltung nicht, sondern beschäftigte diese Funktionäre weiterhin provisorisch und leitete in der Folge an die Repräsentanten Versammlung eine Vorlage zwecks definitiver Anstellung des In Frage kommenden Predigers. Diese Vorlage steht in Verhandlung und ist noch nicht erledigt. Der ganze Vorgang ist somit durchaus zulässig und stellt in keiner weise eine Ungesetzlichkeit dar, was Herr Woyda in seinen Aufsätzen immer wieder behauptet. Die ganze Kontroverse hat aber einen Hintergrund, den Herr Woyda nicht genügend hervorhebt. Es handelt sich nicht um Formalien, sondern um die Personalpolitik des Gemeinde- Vorstandes. Diese ist Herrn Woyda nicht genehm, was bei seiner parteipolitischen Einstellung durchaus begreiflich ist. Er entrüstet sich über sie, und das ist sein gutes Recht. Aber es ist in eben dem gleichen Maße das gute Recht des Gemeinde- Vorstandes,.der in seiner Mehrheit nicht liberal ist, in seiner Personalpolitik Wege zu gehen und Maßnahmen zu treften, die sich von der Personalpolitik unterscheiden, wie sie während der liberalen Alleinherrschaft in der Gemeinde praktifiziert wurde. Damals galt fast ausnahmslos deklarierte Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation als Ausschtießungsgrund für die Anstellung bei der Jüdischen Qemeinde. Das ist nun, Gott sei Dank, anders. Die Tatsache, daß bei einem Anwärter auf eine Anstellung in der Jüdischen Gemeinde das Judentum Primat ist gegenüber allen anderen politischen Ansichten und Einstellungen gilt nicht mehr als disqualifizierend. Wenn Herr Woyda an diesem Geiste der Gemeindeverwaltung keine Freude hat, so muß man sich damit abfinden. Wir gestehen, daß es nach unserer Ansicht um die Gemeinde schlecht bestellt wäre, wenn sie in all ihren Handlungen den restlosen Beifall des Herrn Woyda finden würde. Herr Woyda polemisiert in seinem letzten Aufsatz noch einmal gegen die Subventionierung der Tarbuthorganisation in Polen und gegen die Zuwendung von 2000 M. an die Nationalbibliothek in Jerusalem. Besonders regt er sich über die Subventionierung der Nationalbibliothek auf, weil diese vom Landesverband bewilligt wurde, wobei der eigentliche Geldgeber angeblich die Jüdische Gemeinde war. Woyda erklärt, gegen diese Ungeklärtheit in der Frage des Gebers auftreten zu müssen. In Wirklichkeit geht es ihm hier nicht um die Suppe, sondern um die Knödel. Ihm sind die Nationalbibliothek, die Hebräische Universität und der ganze Zionismus zuwider. Nun, das ist altbekannt, und auch damit muß man sich abfinden. s. n. Palästina auf dem Weltkonflreß fflr Franenstimmrecht Zur Selbstverständlichkeit ist es nachgerade allen großen internationalen Tagungen geworden, das neue Palästina durch seine jüdischen Bürger vertreten zu sehen. Sowie alle großen kulturellen Bewegungen der Neuzeit im jüdischen Palästina ihre vollwertigen Träger und ihren kräftigen organisierten Ausdruck gefunden haben, so hat sich auch die Forderung nach der ״Gleichberechtigung der Frau“ ihre Kampforganisation in Erez-Israel geschaffen. Seltsam genug klingt es zwar, daß die Frau auch in diesem Pionierlande, wo sie Unterschiedslos und vielleicht großzügiger als sonstwo Mühen und Gef ahren. Verantwortlichkeiten und Pflichten des Gemeinschafts- Wesens teilt, um ihre Grundrechte als Bürgerin zu kämpfen haben soll. Aber die aus dem Westen einwandernden jüdischen Frauen erkannten sofort, daß sie sich gegen orientalisch rückständige Traditionen innerhalb des Judentums zu wehren und ein tüchtiges Stück Erziehungsarbeit an ihren Geschlechtsgenossinnen aus dem Osten zu vollbringen haben würden. Schon 1920 fanden sie die Energie, sich zur Erringung der Anerkennung ihrer politischen Mündigkeit zusammenzuschließen. 1923 suchten sie Anschluß an den Weltbund der Frauenstimmrechts- Vereine und durch ihre Vorsitzende Frau Dr. Mota Welt- Straus und Frau Zilla Rosenbfüth sind sie nun würdig auf der Delegiertentagung des Verbandes vertreten. Beim offiziellen Empfang wurde ihnen sogar eine besonders ehrende Begrüßung zuteil, aber als bei der Eröffnungstagung die Reihe der dem Weltbund angeschlossenen Länder aufgezählt wurde, und jedes Land durch seine Fahne vertreten in stolzem Reigen sich dem andern zugesellte, da waren die Vertreterinnen von Erez-Israel die einzigen, die fehlen mußten. Und doch, als man den Siegeszug des demokratischen Gedankens in dem friedlichen Fahnenwald an sieh vorbeidefiüeren sah, da schien ein Zukunftsbild zur Gewißheit werden zu wollen, das heute noch genau so unwahrscheinlich sich ausnimmt, wie vor 25 Jahren die Zuerkennung politischer Rechte an die Frauen: die jüdische und arabische Bürgerin Palästinas Hand in Hand als die Vertreterinnen seiner geeinten modernen Staatlichkeit und die Vorklmpferinnen seiner sozialen und kulturellen Entwicklung. _ Dr. Nadja Stein. Erziehung zur Wahrhaftigkeit Offener Brief an Herrn Dr. S. Kanowitz. In Nr. 55/46 der ״J, H." beschäftigen Sie »ich mit dem Wahlaufruf de« Jung-Jüdischen Wanderbundes, der von der Bundesleitung de» J. J. W. B. herausgegeben und auf ihr Ersuchen dam ״Rund-!schreiben" des Hechalu* beigelegt wurde. Au» der letzterwähnten Tat- »ache glauben Sie auf eine Verantwortung des Geiimt- Hechalu* für die Ansichten des J. J. W. B. schließen zu können. — EH» •ntspricht jedoch nicht den Tatsachen. Ich überlasse e« den Chawerim de» Merka» Hechalu», auf Ihre Ausführungen, soweit sie den deutschen Hechalu»!»treffen, einregehen, und will in meinem Briefe nur, soweit Ihre Ausführungen den J. J. W. B. betreffen, auf »ie eingehen. Sie heben 3 Punkte unseres Aufrufe» hervor und bemühen sieh um ihre Widerlegung: t. Der Kampf der ״Jiid. Rundschau" gegen die Alijah; 3. Die arbeiterfeindliche Politik des Linken Zentrum*. 3, Die Frage der Ansiedlung deutscher Olim in Erez-Israel. Unsere Ansichten werden nur bruchstückweise durch Zitate einseiner au» dem Zusammenhang gerissener Worte und Sätze wiedergegeben, so daß den Lesern der ״J. R." absolut kein richtiges Bild vermittelt wird. Wenn wir — dadurch gezwungen — in eine Auseinander- Setzung mit Ihnen eingehen wollen, so sind wir uns der Schwierigkeit bewußt, daß wir vor einer Leserschaft über unsere Ansichten zu berichten haben, die von den Problemen und Anschauungen unsere» Kreise» bisher fast nicht oder nur durch Polemiken in der Art Ihres Artikels erfahren hat. 1. Im Kampf der ״Jüd. Rundschau" gegen die Alijah handelt es sich uns nicht darum, ob die ״Jüd. Rundschau" sich einen Zionismus ohne Alijah vorslellen kann oder nicht, sondern ob die ״Jüd. Rundschau“ die konkreten Forderungen nach einer Erneuerung und Erweiterung der Alijah in den letzten Jahren unterstützt oder bekämpft hat. Wir behaupten, daß die ״Jüd. Rundschau“ — natürlich aus ihren Anschauungen heraus — diese Forderungen bekämpft hat. Der auch von Ihnen erwähnte .Artikel nach der Juli-Sitzung des Aktions-ComitÄs war für die Zionistische Exctive geradere ein Freibrief, den positiven Aktion»-Comitö-Beschluß über die Alijah ad acta zu legen. Der Kampf der ״Jüd. Rundschau“ für eine Alijah war 80 unmißverständlich, daß rer Zeit der Krise, als die Regierung die Organisierung einer Auswanderung aus dem Lande plante, die palästinensische Arbeiterschaft in den Artikeln der ״Jüd. Rundschau“ eine direkte Unterstützung dieser Politik gesehen hat. — Seien wir so aufrichtig, um festzustellen, daß auch die letzte Alijah, über deren Gelingen sich nun die ganze zionistische Bewegung freut, gegen ungeheure Widerstände anz.ukämpfen hatte. Wer hat die Initiative dazu ergriff«!, wer hat diese Widerstände besiegt? War es die Arbeiterschaft oder die Gruppe, deren Wortführer Sie sind? — 2. Was nun die arbeiterfeindliche Haltung des ״Linken Zentrums" betrifft, so möchten wir von vornherein bemerken, daß für uns als Kriterium der sozialen Einstellung einer Gruppe, und in diesem Falle Ihrer Gruppe, nicht der Gefühlswärmegrad gilt, mit dem man über die Arbeiter- und Chaluzbewegung deklamiert, sondern ob die aktive und konkrete Politik dieser Gruppe für oder gegen die nationalen und, sozialen Ziele der Arbeiterbewegung sich auswirkt. — Der arbeiterfeindliche Charakter des Linken Zentrums ist 11ns durch folgende Tatsachen bewiesen: 1*. Die bewußte Verdrängung der Arbeiter aus der Exekutive durch die Förderung einer flügellosen Konsolidierungsexekutire und die damit verbundene Inthronisierung des extrem bürgerlichen Kurses der Sacher-Exekutive. Selbst wenn diese Exekutive Ihnen heute unbequem geworden ist, so sind wir doch nicht in der Lage, Ihnen die Verantwortung für diese Exekutive abzusprechen. 3. Die Abstimmung von Kongreßdelegierten des Linken Zentrums gegen ״Nir", die Organisation der landwirtschaftlichen Arbeiterbetriebe, in deren Errichtung und der«! Einbeziehung als Vertragspartner bei dem Abschluß von Verträgen mit den Siedlern die Arbeiterschaft eine wichtige Garantie für den Schutz der Eigenart ihrer Siedlungen sieht. 3. Die Tatsache, daß bei Erscheinen des Jewish Agency-Berichtes, der die sozialen und nationalen Grundlagen unseres Werkes aufs schwerste gefährdete, das Linke Zentrum und der gesamte bürgerliche Zionismus es . der Arbeiterschaft überließen, einen Kampf um die Aendcrung dieses Berichtes re beginnen und sich erst in einem viel späteren Stadium zur Unterstützung dieser Bedingungen entschlossen — bedeutet eine charakteristische Unterlassungssünde. 5. Die . ständig fortgesetzte Verbreitung der Anschauung, daß die Arbeiter in der vorigen Exekutive eine finanzielle Mißwirtschaft getrieben hält«). — Gewiß hört man heute in den offiziellen Erklärungen des Linken Zentrums bzw. der Allgemeinen Zionisten andere Töne. Wir wären die letzten, die nicht eine Kursänderung begrüßen würden. Aber wie .weit diese Aendenmg eintret«! wird, kann erst die Zukunft erweisen. 3. Das Projekt der Ansiedlung deutscher Olim in Erez-Israel haben wir vor allem darum bekämpft, weil die selbständige Kolon!- sationstätigkeit zionistischer Landes Organisationen notwendigerweise re einer Zersplitterung und Schädigung der zentralen Kolonisationstätigkeit führen muß. Bei dem Ansehen der Z.V. f. D. im Auslande würde die beispielgebende Wirkung auf die Landes- Organisationen, die bisher dieses System verneint haben, auch nicht ausbleibon. Aus den Protokollen der Vorstandssitzung lassen sich folgende Tatsachen beweisen, die Sie wohl bei der Abfassung Ihres Artikels außer acht gelassen haben: I. Der Charakter der Einmaligkeit der ״Hilfsaktion“ stand zu Beginn weder bei den Initiatoren, re denen auch Sie sich rechnen dürfen, fest, noch ist dies heute der Fall. II. Der Besitz des K.K. L. am Boden, auf dem die Ansiedlung erfolgen soll, war dem ganzen Plane nicht vorangesetzt. Es bedurfte zur Annahme dieses an sich selbstverständliehen Grundsatzes erst einer längeren Auseinandersetzung innerhalb der l. V. f. D. III. Die Möglichkeit der dauernden Lohnarbeit ist selbst nach den letzten Beschlüssen gegeben — was strikt der! Forderungen der gesamten Arbeiterkolonisation in all ihren Lormcn widerspricht und von vornherein ausschließt, daß diese Kolonisation sieh in den Rahmen der Arbeiterkolonisation der Ilistadruth-Haowdim einfügt. Ich verstehe nicht, wie Sie es mit Ihrer oft betonten Wert- Schätzung der Chaluzbewegung für vereinbar halten, unseren Bund, der die Grundlage der Chaluzbewegung und ihres Nachwuchses bildet, persönlich zu verunglimpfen. Ich habe es nicht nötig, einen Federkrieg über unsere Aufrichtigkeit und. Wahrhaftigkeit zu führen. Die hunderte Glialuzim des Bundes, die hier und im Lande, auf den Feldern und in den Werkstätten um den Zionismus mit dem Einsatz ihres ganzen Ich? leiden und kämpfen, zeigen, ob wir und unsere Erziehung es mit den! Zionismus wahrhaft, aufrichtig und ernst meinen oder nicht. Gestatten Sie mir, mit einem Satz Ihres Artikels zu schließen: ״Auch der unmittelbar bevorstehende Wahlkampf sollte selbst Menschen, die sich nicht als zukünftige Bürger einer besseren Welt föhlen, nicht re solchen Handlungen verführen." Mordechai Schallner. * Erwiderung Auf Ihren Offenen Brief möchte ich Ihnen kurz folgendes erwidern: Es handelt sich nicht darum, hier eine politische Auseinandcrseiznng zu führen, in der politische Urteile Ober die Haltung des Linken Zentrums abgegeben werden.

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