Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1929-06-18 · Heft 47 (18.6.1929) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 47 (18.6.1929)
Date
1929-06-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2651273-2653062-2653104--20822-2678847
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 47, 18. VI. 1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 297 dem Abschluß der Ansiedlungsverträge mit den Siedlern. Die leidenschaftlichsten Abstimmungen auf dem vorigen Kon- Kreß gingen gerade um diesen Punkt. Schon während des Kongresses hatte sich die Arbeiterschaft zu einem KomjjromiB In der Frage der Gesellschaft ״Nir“ bereit erklärt. Die Ar• fceiterschaft war damit einverstanden, die Frage der Gesellschalt ״Nir“ einem unparteiischen Sachverständigen zur Be• urteilung zu überlassen. Trotzdem ist diese Angelegenheit unter der jetzigen Exekutive nicht um einen Schritt vor• wärts gekommen. Dabei haben Entwürfe von Siedlerverträgen schon vor dem Amtsantritt der neuen Exekutive bestanden, die den amerikanischen Experten vorgelegt worden sind und die den Beifall dieser Experten bis auf die sozialen Be- Stimmungen gefunden haben. Ein ebenso starkes Versagen der Exekutive ist aut dem politischen Gebiet festzustellen. Die Exekutive hat weder das Vertrauen des palästinensischen Bürgertums erworben, noch Ist sie in irgendeine lebendige Berührung mit dem Arbeiter* Jischuw gekommen. Sie hat auch trotz einer freundlichen Sympathie, die ihr die Palästina-Regierung in äußeren Dingen entgegengebracht hat, kein positives Verhältnis zu dieser Palästina-Regierung gewonnen. Ke Beziehung einer ״unfreundlichen Neutralität“, die schon seit einiger Zeit zwischen Palästina-Regierung und zionistischer Bewegung bestanden hatte, ist noch ungünstiger geworden. Dies läßt sich an einer Reihe von Ereignissen, insbesondere aber an den Vorfällen an der Klagemauer, Beschränkung der Einwanderung gegen den Willen der Zionistischen Exekutive und an den Eingriffen der Palästina-Regierung in die Autonomie Tei-Awiws nachweisen. Unsere politische Stellung in Palästina unter der jetzigen Exekutive ist nicht stärker, sondern schwächer geworden. Man hat mit Recht gesagt, daß man in Palästina jetzt Regierungsformen entgegengeht, die einem Kolonial-Regimc ähnlich sind. Unsere Hoffnung im gegenwärtigen Augenblick geht dahin, daß der Sieg der Labour-Party in England auch seinen Einfluß auf die Gestaltung der Palästina-Regierung haben werde, daß die Freunde der Arbeitersache Palästinas im englischen Unterhause nunmehr mit Erfolg an der Herbeiführung eines freieren und gerechteren Regimes mitarbeiten werden. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und die neue Aufwärtsentwicklung in Palästina sind nicht das Werk dieser Exekutive. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist fast ausschließlich das Werk der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas. Sie hat vor allem durch Entsagungen und gegenseitige Hilfe den Zusammenbruch aufgehalten, sie hat aber weiterhin die Hilfe der palästinensischen Regierung erzwungen, teilweise erst nach langem Sträuben der Zionistischen Exekutive. Es ist Tatsache, daß auch englische Kolonialbeamte Respekt nur vor einer organisierten Macht haben. Die stärkste organisierte Macht aber ist die jüdische Arbeiterschaft im Lande. Sie ist die Einzige, die bei dieser Regierung etwas durchgesetzt hat. Die Forderungen der Poale Zion auf politischem Gebiet zum 16. Kongreß sind die folgenden: Die ungleiche Verteilung der Steuerlasten zwischen arabiscner und jüdischer Bevölkerung muß aufhören. Die Verteilung der Staatsländereien, soweit sie noch zur Verfügung der Palästina-Regierung stehen, muß entsprechend den Bestimmungen des Mandats durchgeführt werden. Der Anteil jüdischer Arbeit an den Refierungsarbeiten, insbesondere aber am Hafen- und traßenbau, ist zu sichern. Es darf nicht zugegeben werden, daß die Palästina-Regierung jüdische Arbeiter deshalb von der Hafenarbeit ausschließt, weil sie ihnen nur Löhne zahlen will, die wohl dem Lebens-Standard des arabischen Arbeiters, nicht aber dem des jüdischen Arbeiters, selbst bei größt«• Einschränkung entsprechen. Die Regierungsarbeiten dienen heute als ein Mittel Attebertffig der billigen ünorganislerten Fellachem: arbfeii,,sie ־' :dlötefrils öwfeMiitfel anF׳ afc jtÄsäie' Arbeitet Schaft zur Herabsetzung ihres Lebensniveaus. Die Rfegierungsarbeiten werden nach einer Methode vergeben, die denjenigen Unternehmer begünstigt, der seine Arbeit auf der Ausbeutung von Frauenuna Kinderarbeit begründet. Palästina ist auch heute noch ein Land fast ohne jeden sozialpolitischen Schutz. Regierungsarbeit soll nicht zur Herabdrückung des Lebensniveaus führen, sie soll vielmehr ein Mittel zur Hebung der Lebenshaltung auch der Arabermassen sein. Auf dem Gebiet der IandwirtschaftliclienKoIon i s a t i o n verlangen wir in erster Linie eine wirkliche Konsoli-f dierung der Siedlungen, den Ausbau der Arbeitersiedlungen, die Schaffung eines Zentrums der Arbeiterwirtschaft im nördlichen Jordantale, im Jarkon-Gebiete und bei Akko. Die zionistische Bewegung hat die Pflicht, die jüdische Landwirtschaft für die Zukunft zu sichern. Es geht nicht an, daß wir eine Exekutive haben, aus deren Politik eine klare Gegnerschaft gegen die kollektivistische Siedlung zu erkennen ist. Ein Teil von Siedlungen hat noch nicht den ihnen zustehenden Boden bekommen. Handelt es sich hierbei um eine Kwuzah, so findet die Exekutive eine einfache Lösung der Bekämpfung der Landnot, indem sie versucht, die Zahl der Menschen dort zu reduzieren. Die Kwuzah stellt für uns eine der wichtigsten Errungenschaften der zionistischen Bewegung dar. Wir können nicht gestatten, daß die Zahl ihrer Mitglieder verringert wird und dab Menschen, die jahrelang auf einem bestimmten Boden gearbeitet haben, jetzt von diesem Boden verdrängt werden. Wir haben auf dem Gebiet der Kolonisation noch eine zweite, sehr wichtige Forderung. Wir stehen vor einem neuen Aufschwung in der Pflanzungsarbeit und begrüßen die Entwicklung der Pflanzungskolonien, aber das Privatkapital schafft hier nationale Gefahren. Es entstehen Großbetriebe, sehr umfangreiche Pflanzungen, die nicht auf Alleinarbeit beruhen. Wir haben keine Gewähr dafür, daß sie Arbeitsstätten für jüdische Arbeiter bilden. Es besteht die Gefahr, daß die abwesenden Eigentümer den Boden durch Araber bearbeiten lassen. Die Exekutive steht dieser Erscheinung untätig gegenüber. Als eine Maßnahme der nationalen Wirtschaftsstrategie muß gefordert werden, daß ein Kranz von Arbeiterkolonien um die Plantagen gelegt wird und so ein natürlicher Ausgleich zustande kommt. Die Ansiedlung von Lohnarbeitern und unbemittelten Ein- Wanderern muß auf der Grundlage der Arbeiterkolonisation fortgeführt werden. Als der Nationalfonds vor einiger Zeit einige kleinere Grundstücke zu solcher Ansiedlung ankaufen wollte, — die Zahlung brauchte erst nach drei bis vier Jahren geleistet zu werden — hat die Exekutive diesen geringen Ankäufen widersprochen. Hiermit hängt eng die Forderung der Erhaltung des Nach- Wuchses der Arbeiterschaft durch den Hechaluz und seine Institutionen zusammen. Wenden wir uns nunmehr von den Fragen Palästinas zu den übrigen Fragen der zionistischen Bewegung, die auf dem 16. Kongreß eine Rolle spielen werden. Im Vordergrund steht hier das Problem der Erweiterung derJewishAgency. Für die Poale Zion ist die Erweiterung der Jewish Agency trotz ihrer Mängel und trotz unserer Zweifel an ihr ein Mittel zur Verbreitung der Aufbaubasis und zur Ausgestaltung einer jüdisehen demokratischen Volksvertretung für den Aufbau Palästinas. Die Agency darf nicht nur eine Vermehrung des bürgerlichen, arbeiterfeindlichen Elementes innerhalb der Leitung unseres Werkes sein. Sie erfüllt ihre Aufgabe im Gesamtzusammenhange der zionistischen Bewegung nur dann, wenn sie den Vorstoß des Palästina-Gedankens in die bisher von ihm nicht berührte jüdische Welt darstellt. Der Vorstoß wird nur dann bedeutungsvoll, auch In moralischer Hinsicht, wenn es durch ihn gelingt, breite Massen zu erfassen. Daher ist der demokratische Aufbau der Agency, die Abwendung von einem System der Repräsentation durch jüdische Notabein, unerläßliche Voraussetzung für die Verwirklichung der Agency. Die Sitzung des Aktions- Comites im Juni vorigen Jahres in Berlin hat die außerordentliehen Gefahren, die dem jüdischen nationalen Werke durch die Agency drohen, klar aufgezeigt, sie hat aber darüber hinaus uns die unzerstörbare Gewißheit gegeben, daß, wenn nur die zionistische Bewegung nicht bereit ist, ihre sozialen Errungenschäften aufzugeben, der nichtzionistische Partner diese Aufgabe nicht von uns verlangt. Diese Stellung wird erleichtert werden, wenn auch sozialistische Kräfte in nennenswerter Anzahl in die erweiterte Agency eintreten werden. Ein letztes Wort ist noch zu der Frage der Beteiligung der Poale Zion an einer künftigen Exekutive zu sagen. Die Meinungen hierüber waren bisher innerhalb der Partei geteilt, eine Teilnahme an den Geschäften der Exekutive war aber bis zum letzten Kongreß de facto gegeben. Wir sind der Meinung, daß diese Teilnahme unter voller Verantwortlichkeit auch jetzt erreicht und erzwungen werden muß. Das Problem der Koalition steht für uns in Palästina unter einem anderen Gesichtspunkt als in den Ländern Europas. Bis jetzt ist die charakteristische Erscheinung des palästinensischen Lebens, diejenige, die dem Zionismus den wirklichen Träger gegeben hat, die palästinensische Arbeiterschaft. Palästina ist heute viel stärker ein Arbeiterland als die meisten Länder der Welt. Die Ausstrahlung Palästinas auf die Welt, die Weile von Sympathie, die von der Welt auf Palästina einströmt, alles das sind Früchte und Ergebnisse des sozialistischen und nationalen Neubeginnens der Arbeiterschaft. Es geht nicht an, daß die nominelle Verantwortung für das Schicksal auch dieser Arbeiterschaft bei einer Exekutive liegt, der Arbeiter nicht angehören. Die palästinensische Arbeiterschaft ist zwar sicher, daß gegen ihren Willen Entscheidendes nicht unternommen werden kann, sie wünscht aber nicht nur diese negative Garantie, sondern sie wünscht positiven Einfluß auf die Gestaltung des Aufbaus. Dabei sind die Anerkennung der Histadmth Haowdim als der organisierten Trägerin des Arbeiterwerkes, die Förderung nur organisierter Arbeit durch die Exekutive unerläßliche Voraussetzungen unserer Beteiligung. Die palästinensische Arbeiterschaft hat soeben die Grundlagen für ihre völlige Vereinigung in* den Grundzügen festgelegt. In den Ländern der Galuth wirbt sie teilweise noch getrennt um Stimmen zum zionistischen Kongreß. Alle diejenigen Zionisten, für die der Gedanke des Zionismus nicht denkbar ist ohne dessen starken sozialen Gehalt, alle diejenigen Menschen, für die der Palästina-Aufbau der Schnittpunkt der großen Menschheitsbewegungen der Befreiung der Völker durch den nationalen Gedanken und der Befreiung des Individuums durch den Sozialismus sind, wählen zum Kongreß die vereinigte Liste Poale-Zion J.J.W.B. Allgemeine Zionisten (Liste 3) Von Dr. Siegfried Kanowitz. Die zionistische Auseinandersetzung bewegte sich seit dem letzten Kongreß hauptsächlich um zwei große Gebiete: 1. die Erweiterung der Jewisb Agency, die schon die Wahlkämpfe mehrerer Kongresse beherrscht hat, 2. unsere Wirtschaftspolitik in Palästina, die seit dem letzten Kongreß zu lebhaften Auseinandersetzungen innerhalb der zionistischen Gruppen geführt hat. Man hat sich daran gewöhnt, die Allgemeinen Zionisten mit den programmatischen Forderungen der Erweiterung der Agency und der Konsolidierungspolitik in Palästina geradezu zu identifizieren, und es ist richtig, daß es sich hier um zen« trale Forderungen unseres Programms handelt. Die Frage der Jewjsh Agency kann heute für entschieden gelten. Selten hat eine Auseinandersetzung die zionistische öffentliche Meinung sb ä®i־ GfÄaIBf־,SMfetOW^' *#4 «־f», «eiten g«r«tae-Frage״ so viil Stoff zur Ämtatiöri. Es häf &hon eines unbeirrbaren Glaubens an die Notwendigkeit dieser Politik bedurft, um über alle Krisen und Enttäuschungen hinaus an ihr festzuhalten. Es fibt heute keinen Zionisten mehr, der ernstlich damit rechnet, aß die Agency-Politik noch vereitelt werden könnte. Die Einberufung des Council unmittelbar nach dem Kongreß stellt keine Vorwcgnahme der Entscheidungen des Kongresses dar. De letzten drei A.-C.-Sitzungen (Juli-Sitzung, Dezember-Sitzung 1928 und die letzte Sitzung) haben grundsätzlich die Erweiterung der Agency mit erdrückender Majorität immer wieder bejaht. Alle Sicherungen, die der Kongreß und die letzten A.-C.-Sitzungen verlangte, sind erfüllt. Die Gegner der Agency-Politik haben heute ihre Front- Stellung geändert. Da man einsieht, daß ein Kampf gegen die Agency als solche heute aussichtslos sein dürfte, versucht die Opposition, einzelne Paragraphen der Verfassung zum Gegenstand leidenschaftlicher Agitation zu machen und sich als die echten Hüter der nationalen Interessen in Empfehlung zu bringen. In dem Augenblick, in' dem man den aussichtslosen Kampf gegen die Erweiterung der Jewish Agency aufgibt, verdächtigt man die nationale Zuverlässigkeit anderer Zionisten. Gewiß gibt es noch einige strittige Fragen, die aber in einer Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens sehr schnell ihre Erledigung finden werden. Die wesentlichen Vorbehalte, die zionistischerseits gefordert wurden, können als erfüllt gelten: die Sicherungen unserer nationalen, sozialen und kulturellen Voraussetzungen, die die Juli-Sitzung des A.-C. forderte, ferner unsere wichtigsten Forderungen für die Verfassung der Agency sind in unserem Sinne entschieden worden. Die Gruppe der Allgemeinen Zionisten hat den Kampf um die Agency innerhalb des Zionismus mit Erfolg durchgekämpft. Innerhalb der erweiterten Agency gilt es, eine neue Front• Stellung einzunehmen und alle die Gruppen zusammenzuschließen, die, erfüllt von starkem zionistischen Glauben, im Bewußt• sein von der Notwendigkeit dqr Erhaltung und dem Ausbau der Zionistischen Organisation, in der Erweiterung der Agency eine neue Phase zionistischer Auseinandersetzung sehen, eine neue Chance, den nationalen Gedanken in der jüdischen Welt durchzusetzen. Glaubt nun die Opposition, unserem Werk damit zu dienen, daß sie dauernd die Ueberflüssigkeit der Zionistischen Organisation darzutun versucht und ihr nahes Ende prophezeit? Die Gruppe der Allgemeinen Zionisten hat aut dem vorigen Kongreß unter Einsatz ihres ganzen politischen Gewichts eine Neuordnung der zionistischen Kolonisationspolitik in Palästina versucht. Auch dieser Schritt, eine Konsolidierung der zionistischen Finanzen durch Wahl einer ״flügellosen“ Exekutive durchzuführen, ist leidenschaftlich bekämpft worden. Wir haben es schmerzlich empfunden, daß im Verlaufe dieser Auseinandersetzung zionistische Gruppen, denen der deutsche Zionismus in jahrelanger politischer Arbeit verbunden war, aus Freunden zu Gegnern des deutschen Allgemeinen Zionismus geworden sind. Ueberzeugender als durch Erklärungen wird die kommende Arbeitsepoche beweisen, daß unser Auftreten aut dem letzten Kongreß nicht aus ״Arbeiterfeindschaft“ oder aus Assimilation an sogenannte ״amerikanische“ Tendenzen heraus geboren war. Wir sahen damals keinen anderen Ausweg, die Zionistische Organisation vor dem Bankerott zu retten, als die Wahl einer Leitung zu ermöglichen, die arbeitsfähig war und den Mut hatte, in einer fast auswegslosen1 Situation die Verantwortung auf sich zu nehmen. Noch niemals in der zionistischen Geschichte hat eine zionistische Leitung ein undankbares Amt übernommen, selten wohl ist Verantwortungsfreudigkeit so schlecht belohnt worden. Die zionistische Finanzwirtschaft war erschüttert, die Zionistische Exekutive hatte im Lande keinen Kredit mehr, sie maßte eine schwere Schuldenlast übernehmen und hatte als Aktivposten mH sehr unsicheren Einnahmen zu rechnen. Wir halten es für müßig, die Schuldfrage nach diesem Zustand zu stellen oder zu beantworten. Tatsache ist, daß in dieser Situation außergewöhnliche Maßnahmen notwendig waren. Die Arbeiterschaft hatte aut dem Kongreß die Möglich• keit, die Wahl dieser Leitung zu verhindern. Sie hat es damals über sich gebracht, unter Zurückstellung von parteipolitischen Interessen, die Wahl der Exekutive zu ermöglichen. Heute, am Ende der Kongreßperiode, müssen wir feststellen, daß die Exe• kutive die ihr übertragenen Funktionen innerhalb der bestehenden Möglichkeiten in großem Umfang erfüllt hat. Die Arbeit der Exekutive ist in Palästina zunächst in der ersten Zeit leidenschaftlich bekämpft worden, und auch heute noch hat sie im Lande naturgemäß mehr Kritiker als Freunde. Sicher ist viel gefehlt worden, sicher hätten manche einschnei•, denden Maßnahmen schonender durchgeführt werden können, aber es ist auch viel verlangt, bei der Durchführung einscheidenden Abbaumaßnahmen Beliebtheit zu erwerben. Wir stehen heute am Beginn eines neuen Abschnitts unserer Kolonisation, eine Zeit nationaler Expansion beginnt. Wir erwarten größere öffentliche Mittel und gleichzeitig wächst das Interesse des jüdischen Privatkapitals an Palästina. Die künftige Exekutive steht vor großen Aufgaben. Sie wird Entschlußfreudigkeit und Festigkeit brauchen, um in dem Wettlaut der Interessen den Vorrang der nationalen Kolonisation zu behaupten. Sie braucht allgemeines Vertrauen und muß daher eine Koalitionsexekutive sein. * De Arbeit der kommenden Zeit wird von zwei Forderungen bestimmt sein müssen: 1. Schnelles, stetiges Wachstum unseres Siedlungswerkes in Palästina, Sicherung der nationalen Interessen der Kolonisation, Ablehnung der Politik des laisser faire, zentrale Stellung der Jewish Agency im gesamten Aufbauwerk. 2. Ausbreitung des nationalen Gedankens im Judentum, Stärkung der Zionistischen Organisation als des Trägers des nationalen Gedankens, innere Festigung der Zionistischen Organisation als des entscheidenden Faktors innerhalb der Agency, Bekämpfung aller Separationstendenzen, Durchsetzung des Bewußtseins der bindenden Kraft des zionistischen Gedankens. Gerade in einem Augenblick, in dem alles von Optimismus für unser Werk in Palästina erfüllt ist, gerade in diesem Augenblick wird es doppelt notwendig sein, in der zionistischen Bewegung erneut jene Unzufriedenheit zu erzeugen, die der stärkste Motor für unser Werk ist, die beste Sicherung gegen Verfall und Bagafcllisierung. Unser Werk in Palästina ist neute quantitativ unzulänglich. Das Fundament des jüdischen Nationalheims ist gelegt, das Heim selbst muß erst errichtet werden. Alle unsere Schritte waren diktiert und müssen geleitet sein vom unbeirrbaren Willen zur Verwirk- 1 i c h u n g. Der Gedanke der Agency war nicht einem Verzicht auf die großen Postulate des Zionismus entsprungen, einer mangelnden Zuversicht an die Kräfte der nationalen Bewegung, sondern er kam aus der Erkenntnis, daß mir durch einen kühnen ungewohnten Schritt unsere zionistischen Hoffnungen der Realisierung zugeführt werden können. Wir glauben, daß der Gedanke der Agency der einzige Weg zur Verwirklichung des Basler Programms ist, und in dem Glauben, daß der Sinn des Zionismus in der Ertüllung seines realen Werkes liegt, werden wir uns durch keine leidenschaftlichen Deklamationen über angeblichen nationalen Verrat beirren lassen. Wenn Menschen und Geld nach Palästina strömen, dann wird es unsere Aufgabe sein, daß die nationalen Forderungen: jüdisches Land, jüdische Arbeit, hebräische Sprache, gesellschaftliche Umschkhtung gewahrt bleiben. Wir werden dieses Ziel nur erreichen, wenn die Jewish Agency unter deiti ständigen Druck einer ’■'־«fachtfiracnMsefifcjf M*״»bft»ef#eltenclto'*tmt•» regulierenden * Faktor in Palästina Wird, weint 6s ihr gelingt, gleichzeitig mit dem Wachsen des privaten Kapitals und seiner * Interessen eine ständige Ausdehnung der nationalen Kolonisation herbeizuführen. Die Zionistische Organisation, aufgerieben von inneren Kämpfen um das ״wahre Erbe von Herzl“, hatte sich immer mehr und mehr aus dieser ihrer zentralen Rolle ausgeschaltet. De erweiterte Jewish Agency wird, wenn die Zionisten nur wellen, wieder der beherrschende Faktor im werdenden Palästina sein. Unsere revisionistischen Freunde betonen immer wieder, daß eine noch so starke Jewish Agency, mit noch so viel jiidischem Kapital den Aufbau des nationalen Heims nicht bewirken werde, wenn nicht die Mandatarmacht die im Mandat übernommenen Pflichten erfüllt. Sehr richtig; nur halten wir nichts von einer Politik leerer Proteste als Methode. Wir halten nichts davon, uns und der Welt dauernd in die Ohren zu schreien, daß England die Verwirklichung des Zionismus nicht will. Wir sind auch nicht einseitig genug, um nicht die zwiespaltige Stellung, in die die Mandatarmacht angesichts der doppelten Funktion des Mandats gerät, dauernd zu ignorieren. Wir sehen nur einen Weg der Politik gegenüber der Mandatarmacht: Forderungen gestützt auf reale Macht. Ebensowenig wie eine ״machtlose Zionistische Organisation“ Trägerin des Aufbauwerkes in Palästina sein kann, ebensowenig kann sie auch mit Würde und Nachdruck ihre Forderungen an die Mandatarmacht richten. Was nützen uns Zertifikate für Einwanderer, die wir nicht beschäftigen und ansiedeln können. Was nützen uns Rechte auf dem Papier, wenn wir sie nicht durch eigene Kraft und Leistung im Lande betätigen können. Unbeirrbarer Aufbauwillen, sichtbare Beweise der wirtschaftlichen und kolonisatorischen Kräfte der Jewish Agency werden in erster Linie dazu beitragen müssen, eine uns erwünschte Steifung der Mandatarmacht herbeizuführen. Wir erwarten nicht alles Heil von einer Aenderung der politischen Methoden. Dieselben Menschen werden als Repräsentanten einer mächtigen, leistungsfähigen Jewih Agency mit erhöhter Wirkung gegenüber der Mandatarmacht aufzutreten vermögen. Die inneren Schwierigkeiten, in denen sich die Zionistische Organisation heute befindet, sind unabhängig von der Agency- Politik. Sie setzten ein, bevor dieser Plan gefaßt worden ist. Sie resultierten unserer Meinung nach aus dem ständigen Miß- Verhältnis zwischen Anspruch und Leistung, sie resultierten aus der Aufspaltung ihrer Kräfte in ein Heerlager sich bekämpfender Gruppen, sie resultierten aus der Tatsache, daß die Kräfte der Zionistischen Organisation heute nicht mehr nach außen projiziert sich im Kampf um die Eroberung des Judentums zu bewähren versuchen, sondern daß alle Teile und Gruppen ihre Kräfte dazu verwenden, um innerhalb des allzu langsam wachsen• den Werkes ihren Anteil zu behaupten. Die Zionistische Organisation kann nur wachsen im Bewußtsein ihrer dauernden Leistung innerhalb der jüdischen Welt. Balfour-Deklaration und Mandat sind nicht mehr ungeschehen zu machen. Hat man uns Palästina gegeben, müssen wir es bauen. Gewiß haben wir viel in Palästina geleistet. Aber jeder Zionist muß doch spüren, daß diese Organisation nicht ihre letzten Kräfte für das Werk in Palästina verausgabt hat. Allzu viel Kraft ging ver• loren im sterilen Kampf um terminologische Streitfragen. Man hat vergessen, daß jede jüdische Siedlung in Palästina uns dem Nationalen Heim einen Schritt näherbringt, und jeder Streit um letzte Ziele, der nicht von realer Leistung begleitet ist, uns einen Schritt vom Ziel entfernt. Wenn die Zionistische Organisation den Effekt an der aufgewandten Energie mißt, so muß sie erkennen, daß sie mit einem ungeheuren Verschnitt von Kräften gearbeitet hat. Vielleicht ist das bei einer so gewaltigen Aufgäbe nicht anders denkbar. Aber dann müssen wenigstens die inneren Reibungen, der Kräftevcrlust durch Desorganisation aut ein Minimum reduziert werden. In der kommenden Periode muß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.