Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 45-46 (13.6.1929)
- Date
- 1929-06-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 290 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 45/46, 13. VI. 1929 .....■״ .—. .... zu kämpfen, und die ihre Zweifel deshalb ohne jegliche Verbifterung zur Schau tragen konnten. Hier in dem Gurlandschen chassidischen Minjan hörte ich mm ersten Male die Namen Mendelssohn, Zuntz, Geiger, Krochmal, Grätz, ohne noch vorläufig zu wissen, worin die Bedeutung dieser Namen lag. Von hier zogen sich die Fäden zu dem maskiüschen Club des blinden Uhrmachers Grekensohn, m dem auch ich nun öfters kam, um mir die hebräischen Bücher und Zeitungen zu holen. Auf diese geistige Aufklärungskost stürzte ich mich, ohne den Enthusiasmus jener, die für jedes weltliche Buch, das sie zu lesen begehrten, mit ihrer frommen rückständigen Umgebung zu kämpfen hatten. Niemand verwehrte mir, solche Bücher zu lesen, und es fehlte deswegen der Reiz der verbotenen Frucht. Nichtsdestoweniger trieb mich heißer Hunger und starke Neugier zu den Schätzen des Geistes. Ich wollte vor allem gut hebräisch schreiben lernen und vielleicht wollte ich so wie der Maskil Ratner während des Betens wissend und geheimnisvoll lächeln können. Ich las sehr viel und wurde in nicht allzu langer Zeit mit den Repräsentanten der Haskala-Literatur ziemlich vertraut. Ich las nicht nur die Werke von Mapu, Smolenskin, Jehuda Leib Gordon, Lilienblum, sondern auch die Werke von Adam Hakohen Lewenson, den ״Dor-Dor-Wedorschow“ von Weiß, die ersten Hefte der hebräisehen Uebersetzung von Grätz’ Geschichte und die hebräischen Almanache. Ich verschlang die Bücher, wurde immer häufiger Gast bei Grekensohn, schrieb lange hebräische Briefe und spürte, wie jene unvermeidliche Sehnsucht, der jeder jugendliehe Maskil verfiel, auch in meiner Seele zu blühen anfing. Das war die Sehnsucht, nach Deutschland reisen zu können, um in irgendeinem jüdischen Seminar zu studieren. Unter den auswärtigen Kunden meines Vaters war ein Maskil Gamsu aus dem litauischen Städtchen Smorgon. in meinen Augen wuchs seine Bedeutung besonders dadurch, daß er der Bruder jenes Gamsu war, dessen lange Gedichte ich in den hebräischen Almanachen öfters las. Viel später wurde ich gewahr, daß wirklich Dichterisches in diesen langen Gedichten nicht zu finden war, und der Verfasser, der sich eines Besseren besann und Leiter einer Bankfiliale wurde, sah es gewiß auch später selbst ein, aber für mich galt die Tatsache, ein Bruder jenes beriihmten Gamsu zu sein, sehr viel und so schrieb ich denn einen langen Brief an den Mehlhändler Gamsu aus Smorgon, worin ich meiner Sehnsucht, Schüler eines jüdischen Seminars in Deutschland zu werden, in überschwenglichen Worten Ausdruck gab. Ich hatte natürlich keine blasse Ahnung davon, was ein solches Seminar darstellt, welche Vorbereitungen dazu notwendig waren, um dort aufgenommen zu werden. Aber wie gesagt, in der Seele jedes jugendlichen Maskil lebte ein Bild von einem Seminar irgendwo in Deutschland, ein Seminar, das all die gewaltigen Männer wie Zuntz, Geiger usw. hervorbringt. Gamsu antwortete. Er verschmähte nicht, in eine Korrespondenz mit einem Jugendlichen zu treten, er behandelte ihn wie seinesgleichen; auch sein Brief war lang, überschwenglich. Nachdem ich den Stolz darüber ausgekostet hatte, besann ich mich schließlich auf den wahren Inhalt des Briefes, der für mich sehr unerfreulich war. Gamsu zerstörte nämlich alle meine Hoffnungen. Aus seinem Briefe ging klar hervor, daß die Kenntnisse der Schriften von Gottlober, Kalman Schulmann und vieler anderen, sehr wenig bedeuteten, ja man kann sogar sagen, belanglos seien, wenn eine systematische Vorbildung, eine gründliehe Vorbereitung fehlte. Trotz des überschwenglichen Stils konnte ich in Gatnsus Brief noch eine sehr schmerzliche Andeutung finden, nämlich, daß auch materielle Mittel notwendig seien, um in dieses Seminar, in diesen Tempel der Weisheit eintreten zu dürfen. Wehmutsvoll stand ich am Grabe einer toten Phantasie. Der Schmerz darüber war aber nicht so tief, als daß er allzu lange gedauert hätte. Ein Ereignis von besonders starker Wirkung ließ ihn mich bald vergessen. * Dieses Ereignis bildeten die flammenden Reden von Zwi Masljanski, dem ersten zionistischen Redner von seltener Eigenart. Er war eine Mischung von einem Maggid und einem höchst modernen Redner. All die wirkungsvollen Mittel des Synagogenpredigers machte er sich zu eigen, um auf diese Weise die Hörer an sich, den Volkstribunen, zu fesseln. Masljanski, hebräischer Lehrer aus Minsk, rief damals mit seinen Reden in Wilna eine gewaltige Sensation und Begeisterung hervor. Von hier begann sein Triumphzug durch Litauen und die übrigen jüdischen Siedlungsrayons. Hier erwarb er sich seine große Beliebtheit und Popularität bei den Volksmassen. Er war eine selten schöne Erscheinung. Von den altmodischen Maggidim nahm er den Nigun, d. h. die Art, nicht einfach eine Rede zu halten, sondern die Worte, die Gleichnisse in einem Singsang vorzutragen. Aber seine gesungene Rede war eine ungewöhnliehe, eine bis dahin noch nie gehörte. Zum ersten Male wird In der Synagoge auf diese Weise für Chibbath Zion Propaganda getrieben. Und zum ersten Male werden in solcher Pracht, in solcher Hingerissenlieit Bilder von jüdischer Vergangenheit und Zukunft entworfen. Die Synagogen, in denen Masljanski predigte, waren stets überfüllt. Man befand sich wie in einem Taumel. Nach Schilderungen des tiefsten Elends wurde man in die höchsten Regionen des ungetrübten Glücks geschleudert, Bald donnerte die Stimme des Redners und strafende Aborte fielen. Und dann, als wäre er selbst durch die hervorgerufene Wirkung betroffen, bestürzt, kam auf einmal beglückender Trost aus seinem Munde. Blumen der Hoffnung ließ er plötzlich aufblühen! Unvergleichlich bleibt jener Abend in Sawehls Schul, als Masljanski an die Worte des Propheten Ezechiel: ״Und er sprach zu mir: Menschensohn, können diese Gebeine aufleben?“ ankniipfend über die Auferstehung, über die Renaissance des jüdischen Volkes sprach. Unmöglich die Ergriffenheit der Zu- Störer zu beschreiben. Erneuert und beglückt ging man aus der Synagoge. Ein anderes!Mal sprach er von den ersten jüdischen Kolonien in Ercz-lsracI, von der politischen und sozialen Lage in Rußland, soweit es wegen der damaligen politischen Verhältnisse möglich war. Von einer Synagoge zur anderen ging Masljanski und hielt vor immer neu zuströmenden Volksmassen seine Reden. Er führte seine Zuhörer in die Täler und Berge von Jehuda, ließ sie den Frühling, die Feste in Erez-Israel erleben, und Zion wurde auf einmal etwas sehr Nahes, Greifbares. Aber Masljanski begnügte sich nicht allein mit dem Hervorzaubern von Landschaften und romantischen Stimmungen. Im Gegenteil, nach derartigen Schilderungen ging er alsbald zu praktischen Hinweisen über, forderte sorgfältige Vorbercitungen für Palästina. Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schilderte er eine tragikomische Begegnung mit einem Juden, die er im Odessaer Hafen hatte und das Gespräch mit ihm, aus dem er entnahm, win nebelhaft die Begriffe des Auswandernden über das Land und das, was er dort zu tun gedenke, waren. Nach kurzer Zeit ging Masljanski nach Amerika, entfaltete auch dort eine propagandistische Tätigkeit. ,Aber in Amerika hieß er bald ״Reverend Masljanski“ und ״Reverend״ bedeutete in der Regel Einbüßung der früheren Unmittelbarkeit, Dämpfung des Pathos und Erlöschen des Feuers einer gewaltigen Beredsamkeit. Der Eindrude, den Masljanskis Reden auf mich machten, war ein sehr tiefer, und sie wirteten stark auf mein Gemüt. Und dennoch war diese Wirkung nicht von sehr langer Dauer. Eine Reihe von Begebenheiten riß mich aus dieser träumerischen Welt und warf mich in eine andere Lebensrichtung. Ich vergaß gar bald den Weg zum Schulhof und zu der hebräischen Bibliothek des blinden Maskil Grekensohn. Von meinem Vater, der nach der Ukraine zurückkehren mußte, erhielt ich einen sehr traurigen Brief. Er enthielt keine heftigen Vorwürfe; er machte mich aufmerksam, daß ich die Verfehlungen auf religiösem Gebiet nunmehr allein zu verantworten habe. Er bittet mich aber darüber nachzudenken, was für ein Vaterherz die Worte ״Karkafto dele Monach Tefilim“ ״das Haupt, auf das keine Tefilim gelegt werden“ bedeuten. Diese betrübende Nachricht über meinen Wandel hatte ihm der ältere Sohn unseres Freundes Awigdor Rabinowitz überbracht, der aus der fetten Ukraine mit einer Partie Ochsen nach Wilna gekommen war.! Ach, der gute Vater, er wußte nicht, daß es um seinen Sohn damals noch viel, viel schlimmer bestellt war. Die großen Ausstellungen Während die Akademie erst beim Frühling hält, begann das Kartell seine ״Große Kunstausstellung“, den Festspielen m Ehren, schon am 19. Mai. Diesmal ist sie nicht wie sonst am Lehrter Bahnhof in den gewohnten großen Ausstellungshallen, sondern im nieder-, umhlülilen Schloß Bellevue, und nur den vierten Teil so groß. Die Mamnuitausstellungen der letzten Jahre waren ohnehin mehr Strapaze als Kunstgenuß. Leider fehlen durch den engen Rahmen auch markante Köpfe. Unter ihnen vermißt man bei der Graphik Jakob Steinhardt und Barcinsky. Von B u d k o sieht man zwei sehr gute Pastelle aus dem ostjüdischen Städtel, namentlich ״der Wasserträger” mit den Häusern in zarten hellen Farben gibt den lyrischen Tonfall und die Stimmung sehr gut wieder, Lesser Ury ist nur mit einem einzigen Gemälde vertreten, ein Turmmotiv aus den Rheinlandschaften, die noch von früheren Ausstellungen in Erinnerung sind. Der zur Konzentration stimmende engere Rahmen und die kleineren Räume sind den Einzelheiten günstiger. Die Plastiken verschwinden hier nicht so wie in den überhohen Hallen und sie stehen im für sie geschaffenen Raum auch besser als neben Leinenwänden. Dorothea Scliaper, eine sonst sehr begabte, kraftvoll gestaltende Bildhauerin, sieht ihre L i 1 i 111 trocken und kühl, das Rätsel schlechtweg. Es ist ein sehr nordisch kaltes Rätsel, sehr paradiesfern. Das Gesicht zeigt eher ein verschlossenes berufstätiges Mädchen, amtlich undurchsichtig. Isenstein ist beseelter geworden. In der ״Großen Berliner“, zeigt er eine Mädchenmaske und eine *3jährige. In der großen Anzahl der Plastiken der Akad e m i e auaatellung fiel er auf durch die Intensität eines Mädchenköpf es. Auch den Gemälden kamen einzelne Räume des Schlosses zu statten. In den kleinen Saal mit den hohen Marmorsäulen hing man dekorative Stilleben größeren Formats und es zeigte sich, daß die Aufgabe innerhalb der verschiedenen Persönlichkeiten geschickt gelöst wurde. Annots Rittersporn und Gladiolen erinnert ganz von fern an Gauguins Flächentechnik, aber dieser Eindruck wird sofort aufgehoben, durch die gestuft schattierten Färbflächen. Und gegenüber zeigt J u l i e W o 1 f t h 0 r n mit ihren Gladtolen in rot, violett und blaugrün in den Blättern, daß ihr eine in Farben, Komposition und Bewegung gut abgestimmte Arbeit gelungen ist. N e u s c h u 1 , noch vor kurzem eine Hoffnung, scheint stehen geblieben bei seinen virtuos, aber mit wenig Temperament artistisch gemalten Feldern. Ilona Singer bleibt neusachlich exakt. Durch sein Maltemperament fällt ein neuer junger Maler auf: Moritz Posen er. Sein Gemälde heißt zwar ״Mondschein“, aber nur wegen des Fensters, durch das man einen eigentümlich blauen Himmol sieht. Dieser Himmel vermittelt den Eindruck: Waldstille. Im Saaletal sieht man ihn manchmal auf diese Weise. Außerdem ist in dem Zimmer viel kraftvoll sachlich und sauber gemaltes Holz, Jisch und Stuhl, braune Rahmen, auf dem Tisch die Palette, im Fenster die Landschaft. — Gute Landschaft zeigt diesmal Rudolf Jaeoby. ״Die Seine bei Bellevue“ (in Frankreich!). Die Hügel glänzen vor Glätte und Grün, ein kleines Juwel moderner Malerei. Die osljüdische Kunst ist außer Rahe] Szalit ziemlich spärlich vertreten. Rahel Szalits Gemälde ״Der Jahrmarkt“ wirkt wie eine Granowskyszene, visionär erschaut. Auf den Hügeln Häuser, ein Staketenzaun. Im Vorder- und Mittelgrund der Jahrmarkt. Dazwischen Bäume in Gewitter und Sturm. Mensch, Tier und ein schreiender Junge, eine visionär gesehene Judengostalt bewegen sich in diesem Knäuel, als wenn wieder einmal eine jener mystischen Erfüllungen nahe wäre. Auch Klaus Richter, der Nielitjude, der aber seit vielen Jahren für Juden und Judentum ein schöpferisches Interesse hegt, malt diesmal wieder Judcng cs lallen. Sein Gemälde heißt ״Das Alte Testament'. Vor seiner Bibel sitzt ein hünenhafter, breiter, großer Jude mit mäch'igetn Bart, versunken in die Erinnerung an die großen Bibel-Gestalten, in einer sicheren durch nichts beirrbaren Frömmigkeit, Sein Gegenüber ist skeptisch, vergeistigt, halb schon auf jener Welt, mit der sich die Kabbala ausgiebig befaßt, schmal, grünlich, mit Spitzbart und einer unheimlichen Leichenhand. — Gert W o 11 h e i ni zeigt hier nur ein ungewöhnlich dunkles Gemälde Chausseearbeiter. In der Akademie ist er bedeutend stärker vertreten mit einem sehr cindrucksvollen Porträt einer alten Dame und dem Porträt von Leonhard Frank. Die Frühjahrsausstellung der Akademie berücksichtigt neben ihren Mitgliedern und bekannten Köpfen, Malern, die in der ״Großen Berliner' gleichfalls vertreten sind, wie Rudolf Jaeoby, Annot, Budko, seit langer Zeit wieder jungen Wagemut. Groß gesehen, unbekümmert in der Größe des Symbols, malt Prof. Spiegel, Berlin, seine Flüchtlingsfrauen. Zwischen Grabsteinen — es ist ein jüdischer Friedhof — hocken sie, das Kind an der Brust, die Köpfe in Tüchern, wie gotische Bogen von rückwärts anzusehen, oder wie endlos ansteigende Felsgruppen, bewegungslos, erstarrt. — Peter Lipman-Wulf gibt Gleichwertiges in der Plastik. Jakobs Traum heißt sein Kolossalbild in Jura-Kalkstein. Sein Jakob ist ein Mongolentyp, slaviseh breite Backen, die Hand umfaßt den dicken Wanderstab, der Kopf ist ins Licht gehoben. Eine Schöpfung mit dem Bewußtsein, einen Kolossalstoff, wie ihn die Bibel gibt, mit der Gewalt des schöpferischen Triebes aus dem Stein zu heben. Sonst noch Bemerkenswertes: Von Max Oppen heim e r das Gemälde ״Der Redakteur', Fred Hildenbrands Kopf, eine Schreibmaschine, im Hintergrund die Maschinen der Druckerei. Symbole im gedrängten Blickfeld. Außer ihm und den bei der Großen Berliner Ausstellung bereits erwähnten, Lotte Laserstein mit einer Studie aus dem Atelier. Selbstbildnis vor dem breiten Fenster mit dem Blick auf das Häusermeer der Stadt, Noch immer ist alles mehr zeichnerisch gesehen als gemalt, aber man sieht eine kühle, feste Hand und einen guten Kopf für die Komposition. Von Jacob Steinhardt ist das Stilleben mit Bücklingen zu merken, von Budko ein Gemälde ״Wasserträger“. Von Liebermann sieht man neue Porlrätbildnisse und einen schon gewürdigten Wannseegarten. Die Bildnisbüste Liebermanns v on Kolbe entspricht dem feinen Alterskopf des Psychologen und Impressionisten. Ruth Morold. Landesvorstand der Z. V. f. D. Am 9. Juni fand eine Sitzung des Landesvorstandes der Zionistischen Vereinigung für Deutschland statt, auf der eine umfangreiche Tagesordnung zu erledigen war. Die Tagung erhielt besondere Bedeutung durch die Anwesenheit zahlreicher führender Zionisien, so der Herren Leo Motzkin, Präsident des Aktions-Comites, Professor Brodetzky, Mitglied der Exekutive, von Mitgliedern des Aktions-Comites der Herren Sprinzak und Arlosoroff. Zunächst erstattete Dr. B i 1 e s k i eingehenden Bericht über die Tagung des Aktions-Comites. Seine Ausführungen wurden ergänzt durch eine Ansprache des Mitgliedes der Exekutive, Herrn Professor Brodetzky. Professor Brodetzky gab seiner Ucberzeugung Ausdruck, daß der bisherige Verlauf der Verhandlungen mit Nichtzionisten bewiesen habe, daß eine Er- Weiterung der Jewish Agency zu einer Stärkung und nicht zu einer Schwächung der Zionistischen Organisation führen werde. Wir dürften allerdings nicht glauben, daß sich jetzt die Zionistische Organisation von den Lasten des Palästina-Aufbaus freimachen dürfe, im Gegenteil, wir müssen jetzt die uns gegebene Chance durch eine noch viel intensivere Hingebung der Zionistischen Organisation an Palästina ausnutzen. Bei den Verhandlungen mit Nichtzionisten sind die wesentlichsten zionistischen Forderungen erfüllt worden. Professor Brodetzky gab ferner einen Ueberblick über die politische Situation im Zusammenhang mit dem Regierungsantritt der Labour Party in England. Das Hauptthema der Landesvorstandssitzung bildete ein Referat von Dr. Siegfried Moses über Fragen der O r - ganisationsreform, die er int Anschluß an die von der Exekutive veranstaltete Enquete behandelte. Dem Referat, an das sich eine sehr ausführliche Diskussion anschloß, lagen folgende Thesen zugrunde: Leitsätze zum Referat Moses. 1. Der künftige Arbeitsbereich der Zionistisehen Organisation. Der erweiterten Jewish Agency wird die politische Arbeit — als Monopol — und der zentrale Teil der Palästinaarbeit obliegen. Für diese Gebiete wird die Zionistische Organisation künftig mittelbar, für Sonderaufgaben auf dem Gebiet der Palästinaarbeit und für ihre sonstigen zionistischen Aufgaben (Propagandaarbeit, Kulturarbeit, landespolitische Arbeit usw.) unmittelbar zuständig sein. Eine Verschiebung in der Bedeutung der versciiiedenen Programmpunkte derart, daß einzelne Punkte etwa künftig wichtiger oder minder wichtig würden, wird durch die Erweiterung der Jewish Agency nicht eintreten. 2. Die künftigen organisatorischen Grundlagender Zionistischen Organisation. Die Antwort auf die Frage nach der Lebensmöglichkeit und Lebenskraft der Zionistischen Organisation, die — seit langem von verantwortungsbewußten Zionisten erhoben — in der Stunde der Erweiterung der Jewish Agency zur Existenzfrage wird, darf nicht ui einem bloßen Lippenbekenntnis zur Einheit und Stärke der Organisation bestehen. Vielmehr muß der XVI. Kongreß auf diese Frage mit einer Reform der Grundlagen der Organisation antworten, die die unlogische, unsachliche und unzweckmäßige Gliederung der GrgäÄisation nach zwei verschiedene« Organisationsprinzipien beseitigt und — allen Gruppen ■Opfer gleichen Ausmaßes, wenn auch verschiedener Art auferlegend — die Einheitlichkeit von Rechten und Pflichten für alle Zionisten herstellt. An Stelle der Gliederung der Organisation in Landesverbände und Sonderverbände muß die Gliederung in Territorialverbände und Interterritorialverbände treten. Jeder Territorialverband muß alle Zionisten des Gebietes für die gesamte zionistische Arbeit zusammenfassen, soweit sie nicht in den Arbeitsbereich der Interterritorialverbände fallen. Die Arbeitsaufgaben der Interterritorialverbände aber — zu denen außer den bisherigen Sonderverbänden sonstige interterritoriale Gruppierungen und Zusammenfassungen von in verschiedcnen Ländern lebenden Zionisten gehören werden — müssen sich auf a) die innerzionistische Politik, d. h. die Arbeit für die Durchsetzung von Forderungen in der Weltorganisation, b) die Arbeit für die Sonderinstitutionen der Interterritorialverbände konzentrieren. 3. Der zionistische Parlamentarismus. Der zionistische Parlamentarismus ist gesund und nützlich, sofern er sich auf die parlamentartigen Gebilde der Welt- Organisation beschränkt; er wird lächerlich und schädlich, wenn er die für die gemeinsame, praktische Arbeit der Zionisten bestimmten Gebilde, insbesondere die Ortsgruppen, erfaßt und in Beschlag fegt. 4. Daszionistische Budgetrecht Das vom Kongreß beschlossene Budget schafft nur den finanziellen Rahmen, den die Exekutive ausfüllen darf, aber nicht auszufüllen braucht, wenn sie auf Grund nachträglich eingetretener Veränderungen es für notwendig hält, die bewilligte Ausgabe zu unterlassen; selbstverständlich ist die Exekutive für ihre einschlägigen Entschließungen parlamentarisch voll verantwortlich. Eine im Einzelfall etwa erforderliche bindende Festlegung, daß gewisse Arbeiten oder Leistungen auf alle Fälle durchgeführt werden sollen, bedarf eines besonderen Kongreßbeschlusses. Eine Regelung dahin, daß die Budgetbeschlüsse Dritte zur Stellung von Rechtsansprüchen berechtigen, ist zu bekämpfen, würde aber zum mindesten die Herausnahme der Budgeterorterungen aus der Atmosphäre des Kongresses und somit die Uebertragung der Budgetbefugnis auf das A.-C. unerläßlich machen. Wenn nach Erweiterung der Agency die Beschlußfassung über das Palästinabudget durch die Organe der Agency erfolgen wird, so werden die vorstehend angedeuteten Grund- Sätze, nur wenig verändert, sowohl auf die vorberatende Mit- Wirkung der zionistischen Instanzen, als auch auf die Tätigkeit der Agencv-In stanzen und die Wirkung ihrer Beschlüsse An- Wendung finden müssen. 5. Kongreß. Der Kongreß wird auch in Zukunft sowohl die aus den Anfängen der Zionistischen Bewegung überkommene Aufgabe, die Bewegung nach außen zu repräsentieren, als auch die im Stadium der Verwirklichung in den Vordergrund getretene Aufgäbe, über praktische Fragen der Organisation und der Arbeit zu beschließen, erfüllen und grundsätzlich beide gleich wichtig nehmen müssen. Dazu wird aber als innerzionistisch vielleicht bedeutsamste Aufgabe die der Klärung und Entscheidung der grundsätzlichen Fragen kommen müssen, die die zionistischen Gruppen auf Grund ihrer verschiedenen Auffassungen verseftieden beurteilen. Wenn erstrebt und — in gewissen Grenzen — erreicht wird, daß die innerzionistischen Anschauungsdifferenzen aufhören, die tägliche Arbeit zu beeinflussen, dann muß der Kongreß die Stelle sein, an der die zwei Jahre lang gestauten Anschaurnigskämpfe in würdigen und legitimen Formen zum