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Jüdische Rundschau · 1929-06-13 · Heft 45-46 (13.6.1929) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 45-46 (13.6.1929)
Date
1929-06-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 45/46, 13. Vt!929 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Seite 289 Aus vergangenen Zeiten Wilna vor 40 Jahren Von Sch. Gorelilc. Am Anfang der 90er Jahre kam Ich, 14 Jahre alt, mit meinem Vater nach Wilna, der ersten großen Stadt, die ich zu sehen bekam. Oer Eindruck war natürlich ein überwältigender, Eine andere Welt, ganz unähnlich jener kleinen vertrauten Welt, dem ukrainischen Dorf, das ich verlassen hatte. Sehnsucht und Heimweh bedrückten Herz und Seele. Wie unendlich fern sind die weißen Dorfhäuser, die Sonnenblumen am Fenster, der rote Mohn, der große Garten, wo man angenehm im Schatten der Bäume liegen und In den Himmel schauen konnte. Diese neue Welt hier sagte mir: nun wird cs Ernst mit Dir, eine neue Zeit, eine sehr verantwortungsvolle beginnt. Das äußere Symbol dieser neuen Zeit drückte sich schon darin aus, daß mein Vater mit mir in ein Bekleidungsgeschäft ging, und ich als ein solider litauischer Bocher angekleidet wurde. Der schwarze längliche Rock, der steife Kragen und der harte runde Hut, die mich älter machten, drückten und preßten mich, und ich stellte mir vor, daß, wenn ich jetzt in unser Dorf zurückkäme, mich niemand in dieser strengen Tracht erkennen würde. Werde ich überhaupt noch den Weg zu meinem Heimatsdorf wiederfinden, zu dem Sternen besäten •ukrainischen Himmel, zu den Sommer• nächten? Die Sehnsucht packte mich, wahrscheinlich die Sehnsucht nach einer lieben Mutter, die uns Kinder so sehr verwähnte und verzärtelte. Am Freitagabend ging ich mit meinem Vater in Sawehi's Schul, die am Ende eines langen Hofes steht. Dieser Hof, der am Wochentag voll war von Wagen der Dorfbauern und Dorf- Juden, die zum Markt kamen, war gewiß kein passender Platz für eine Synagoge, aber wenn man die Schultür hinter sich geschlossen hatte, verschwand sofort jene lärmende Welt, man sah feierliche Juden, Rembrandt-Gesichter und Rembrandt- Bärte, hohe glänzende Zylinder, frommes Beth Hamidrasch- Licht. Nach dem Gut-Schabbos-Sagen kommen viele an meinen Vater heran, schütteln ihm die Hand und begrüßen sein Wiedererscheinen in Wilna. Ich werde diesen feierlich gekleideten, ernsten Juden vorgestellt. Auch ein Rosch-Jeschiwoh ist unter ihnen, der besonders lange meine Hand in der seinem hält und mich väterlich mit seinen gütigen Augen ansieht. Nach Wilna brachte mich mein Vater ohne irgendwelchen Erziehungsplan. Er wollte, daß eines seiner Kinder bei ihm sei. Es war zwar die Rede davon, einen Privatlehrer für mich zu nehmen, der mich in russischer und deutscher Sprache unterrichten sollte, aber besondere Eile, mich mit diesen weltlichen Dingen bekanntzumachen, hatte er nicht. Vorläufig lebte ich in der Umgebung aller Bekannten meines Vaters, ״feinen Jiden“, die eine halbe Stunde vom Geschäft, aber drei Stunden über Thora, über heilige Dinge sprachen. Sehr stark beschäftigt war mein Vater nicht. Er war Vertreter einer großen ukrainischen Mühle, und die zwei, drei Waggon Weizenmehl, die wöchentlieh aus der Ukraine ankamen, verteilte er schnell unter §e|ne .ständigeä Kutiäei, dk groben ttehlhämlter in Wilna. Öft sah ich sie zu uns heraufkommen, diese Mehlhändler, in den mit Mehlstaub bedeckten Röcken. Einige unter ihnen waren große Thora- und Talmudkemter. Die freundlichen Beziehungen zwischen ihnen und meinem Vater beruhten nicht allein auf der korrekten und soliden Abwicklung der Geschäfte, vielmehr wurden sie durch das gemeinsame Wandern in die herrlichen Gefilde des Talmud gepflegt. Fast jeden Tag zum Nachmittagstee kam zu uns RebGctzel Arlosoroff, Gemara-Lehrer im Hause des reichen Holzhändlers und Chassids Mosche Lewin. Reb Getzel Arlosoroff, ein schmächtiger, schlanker Herr, nahe den 40ern, war eine äußerst sympatlsche Erscheinung. Auf seinem etwas dunkel gefärbten Gesicht, das ihn einem jemenitischen Juden ähnlich machte, war stets ein strahlendes glückliches Lächeln ausgebreitet; in den Augen brannte zwar nicht das Feuer der Chassidim, aber ein warmes Leuchten strahlte darin. Alle, die ihn kannten, liebten ihn. Er kleidete sich wie ein frommer Chassid, aber er fiel durch besondere Sauberkeit und Akkuratesse, fast möchte man sagen, Eleganz auf. Der lange schwarze Rock mit einem seidenen schwarzen Tuch umgürtet, sitzt, als hätte sich mit seiner Herstellung ein ganz besonders geschickter Schneider beschäftigt; seine Stiefel waren immer blank geputzt. Reb Getzel war ein Libawitzer Chassid, ohne wilde Hitlahawuth, aber von gesammelter harmonischer Heiterkeit. Ich liebte ihn sehr und merkte auch, daß mein Vater ihm besonders zugetan war. Wenn sich die Tür des Hauses öffnete und das ״Gott helf Euch“ des Reb Getzel vernehmbar wurde, eilte schon mein Vater vor innerer Freude dem Gast mit den Worten ״Boruchim Haboim“, ״Gesegnet seien die Kommenden“, entgegen, als wäre Reb Getzel nicht gestern um dieselbe Zeit bei uns gewesen und als käme er nicht morgen wieder. Nach einigen Worten über weltliche Dinge fingen gleich bei einem Glas Tee die hoch* wichtigen Gespräche über Chassiduth, über andere hohe Thora- und Talmud-Dinge an. Jeden Tag brachte Reb Getzel etwas Neues, Verblüffendes, und da gab es eilige Schritte zum Bücherschrank, dicke Folianten wurden herausgeholt und hastig wurde in ihnen geblättert. Oft passierte cs, daß Reb Getzel eine besonders harte Nuß zum Knacken reichte, äußerst verwickelte Dinge, ein finsteres Labyrinth, von wo der Ausweg schwer zu finden war. Reb Getzel, der Führer, machte das Wandern durch die unerforschten Gebiete absichtlich schwer. Aber schließlich hellte es sich allmählich auf, man war am Ende des langen, dunklen Tunnels angelangt, noch eine Weile — und o Freude! — man war am Ausgang. Die Lösung ist gefunden. Alle Kaschioth beantwortet! Auf einmal stellte sich alles so einfach dar. In glücklicher Erregung sprangen Vater und Reb Getzel gleichzeitig auf und lachten laut wie Kinder. Obwohl für Reb Getzel nichts Ueberraschendes darin liegen konnte — denn er selbst hatte doch diesen komplizierten Einfall erfunden, aufgebaut —- lachte er nichtsdestoweniger herzhaft, glückselig, meinen Vater, der noch nicht zu sich kommen konnte, sieghaft ansehend. Dann lief Reb Getzel ans Ende des Zimmers, stellte sich mit dem Gesicht zum Ofen, klatschte mit den Händen über die Kacheln und lachte noch sozusagen nur für sich, still, allein, mit einem stillen Lächeln. Mich, der in dem Ruf stand, ״ein ״Gemara-Käppel“ zu haben, der aber noch nicht den verwickelten Dingen gewachsen war, belohnte Reb Getzel für meine Anwesenheit, indem er auf mich zukam, mir auf die Schulter klopfte und in die Backe kniff, was bedeuten sollte: welche Wunder, welche Schätze sind in unseren heiligen Büchern verborgen, und wie glücklich ist man, wenn man auf solch einen verborgenen Schatz plötzlich stößt, der nun vor einem ausgebreitet liegt und funkelt und glitzert. Auf recht eigentümliche Weise verbrachte ich meine erste Zeit in Wiina. Sie war nicht dem Aneignen von weltlichen Kenntnissen gewidmet, sondern dem Verweilen im großen Schulhof, in welchem sich 22 Synagogen befanden. Von einer Synagoge zu der anderen zu gehen, immer mehr in diese Welt unterzutauchen, wurde fortan zu meiner Hauptbeschäftigung. Ich wurde nicht Jeschiwahbocher, hatte auch sonst keinen bestimmten Lehrer, der mit mir Talmud lernte, ich war ein Volontär sozusagen, ohne an eine bestimmte Lehrstätte gebunden zu sein und gewann das Halbdunkel, die phantastische Atmosphäre lieb, die in dem Schulhof herrschte. Wilna und Wilnaer Menschen lernte ich vorläufig nur aus dieser Umgebung kennen. In Sawehls Schul, wohin ich zum Morgengebet ging, machte ich meine Charakterstudien, beobachtete aufmerksam die Art und Weise, wie jeder betete und Gemara lernte. Die Bewegungen, den Singsang eines jeden kannte ich gut. Den übrigen Teil des Tages verbrachte ich im Schulhof. Wirklich religiöse, poetische und auch melancholische Stimmung — letztere nichts anderes als verschleiertes Heimweh — überkam mich hauptsächlich während der Mincha-Zeit, wenn der Tag im Sinken begriffen war. Das Morgengebet vermag keine Stimmung hervorzurufen, denn es war bedroht und sozusagen entwertet durch den ungeduldig wartenden Geschäftslärm des Tages. Beim Zusammenlegen des Tallis waren die Gedanken auch des frommsten Juden beinahe unrein, weil sie sich in der Richtung des Marktes bewegten. Die Minchah-Zeit aber war ganz erfüllt von der süßen Schwermut der heranriickenden Dämmerung. Der Lärm verhallte, stiller, demütiger wurden die Menschen, und es war, als wenn der Schulhof mit einemmal seine Grenzen ausdehnte, gewaltig wuchs er in seiner Bedeutung. Anders als am Tage klangen die Stimmen der Jeschiwah-Bachurim, Zuversichtlicher. Am Tage, wenn die Stadt lärmte, kam sich mehr als einer von ihnen überflüssig, wie nur geduldet vor. Aber mit dem Hinsinken des Tages bekamen auch sie, die ״Lerner“, die für das gewöhnliche Leben untauglich sind, auf einmal festen Boden unter die Füße, denn die Dinge, mit denen sie sich beschäftigten, übten auch auf die anderen, auf die ganze Stadt, in diesen Stunden Gewalt aus. Je näher der Abend heranrückte, desto feierlicher wurde die Stimmung. Phantastisch sah der Schulhof aus mit den vielen eilenden und sich langsam bewegenden Gestalten. Und dann der Maggid! Fast in jeder Synagoge hielt irgendein Maggid die andächtig zuhörende Gemeinde in Bann. * Um diesen Schulhof aber lag die alte große Stadt Wilna mit den vielen langen Straßen und unzähligen engen Gäßchen, Wilna, erfüllt von alter jüdischer Geistigkeit und Würde, Wilna vor 40 Jahren, ohne Straßenbahn, mit nur einer kleinen Zeitung in russischer Sprache, dafür aber mit dem Ausgangspunkt von zwei Bewegungen, die später den jüdischen Idealisten, die jüdische Jügehd beherrschen und in Bann halfen sollten. Ich meine die nationale zionistische und die revolutionär sozialistische Bewegung. Die erstere konzentrierte sich in einer Abteilung des Odessaer Palästina-Komitees, in dem kleinen Chowewe-Zion-Zirkel und die letztere bildete sich aus kleinen jüdischen Arbeitergruppen, geführt von akademischer jüdischer Intelligenz, die sich zum Sozialismus bekannte. Maskilim mit dem charakteristischen Aufklärungslächeln und bebrillte jüdische Studenten revolutionär nihilistischer Prägung konnte man durch die Straßen des damaligen Wilna sich bewegen sehen. Von Zeit zu Zeit sah man auch einen großen alten Herrn in einem alten aber würdevollen Zylinder langsamen Schrittes gehen. Das war der Schriftsteller Kalman Schulmann, einer der Sterne des literarischen Maskilismus, Verfasser vieler Werke, die wegen ihres kompilativen Charakters mit unseren heutigen Augen gesehen ziemlich belanglos sind, die aber damals viele begeisterte Leser fanden. Und einen jüdischen Arzt, alter reicher Junggeselle, eine überaus imposante Gestalt, sieht man, wie er in den stillen Mittagsstunden in der Ecke einer breiten Kalesche sitzt und sich zu seinen Patienten fahren läßt. Es sind nicht sehr viele, und er liebt es, bei jedem lange zu verweilen, denn er hat Zeit und seine Patienten sind gewöhnlich nur aus seinem Bekannten- und Freundeskreis. Die ganze Figur dieses älteren Herrn mit dem Kneifer auf der Adler-Nase, der etwas nachlässig gekleidet ist, aber mit jener Nachlässigkeit, die erlesenen Geschmack und Eleganz nicht ausschließt, trägt den Stempel schöner Ruhe, aber auch lächelrider, verhaltener Resignation. Das ist der Dr. med. F i n, ein Original, Sohn des jüdischen Gelehrten Schmuei Josef Fin. Es muß damals in Wilna eine Unmenge interessanter Menschen gelebt haben, denn es war eine große und schöne Zeit. Alle großen Worte waren frisch, klangen mächtig und reich. Erhaben, feierlich, weihevoll waren die Seelen gestimmt. Ob es die Liebe zu Zion oder der Sozialismus* war, gleichviel, die Menschen waren reine Idealisten, denn man war erst am Anfang jenes langen Weges, an dessen Ende die Verwirklichung dieser Ideale liegt. Man war glücklieh in dem Bewußtsein grenzenloser Ergebenheit, man war glücklich, Anhänger einer schönen Sache, einer großen Idee zu sein, die vorläufig nur noch ein Traum war. Das war die eigentliche Atmosphäre des damaligen Wilna und vieler anderer jüdischer Städte. Viele merkwürdige, träumerische Gestalten konnte jenes Wilna aufweisen. In der ״Barfüßer-Straße“, so genannt nach dem ehemaligen Karmeliter-Kloster, dessen Insassen barfuß gingen, wohnte ein sonderbarer Mensch, ein wirklicher Philosoph des Lebens, der vollständig blinde Maskil Grekensohn. Er war Uhrmacher und Schirmreparateur, aber trotz seiner Blindheit verrichtete er seine Arbeit in der besten Weise. Doch die Wände in den dunklen Zimmern seiner Wohnung waren nicht nur mit tickenden Uhren behängen, und in den Ecken standen nicht nur der Reparatur harrende Schinne, hauptsächlich waren es die bis an die Decke reichenden Bücherregale, die man zuerst wahrnahm, wenn man die Schwelle der Greketisohnschen Wohnung betrat, denn diese armselige Wohnung beherbergte eine hebräische Leihbibliothek und war gleichzeitig Versammlungsort des hebräisehen Clubs. Hier konnte man die örtlichen Korrespondenten der hebräischen Zeitungen ״Hamelitz“ und ״Hazefira“ treffen (eine Tageszeitung in jiddischer Sprache gab es damals noch nicht), ein durchreisender hebräischer Schriftsteller machte seinen ersten Gang zu Grekensohn, hierher strömten die Aufgeklärten aus der Provinz, die ihre Städtchen und nicht selten auch ihre Familie״ ‘Tr immer verließen, um in dem geistigen Zentrum Wilna Beruhigung für die aufgerüttelte Seele zu finden. Eine Art maskilische Bohöme fand ihre Zuflucht in der Leihbibliothek des Winden Uhrmachers Grekensohn, der, über seine Arbeit geneigt, den eifrigsten Anteil an der entflammten Diskussion nahm. Die Weisheiten, die er in seiner Baritonstimme von sich gab, wurden immer mit Ehrfurcht und tiefster Aufmerksamkeit aufgenommen. Die Tür zu Grekensohns Wohnung klingelte ständig, man konnte meinen, es seien Kunden, die ihre beschädigten Uhren und Schirme zum blinden Werkmeister bringen wollten. Wäre es in der Tat so gewesen, die Not hätte in dieser Familie nicht so stark geherrscht. In Wirklichkeit aber waren es meistens Bücherverschlinger, Schwärmer aller Art, die kamen, um bei einem Glas schwachen, trüben Tee über große Dinge zu diskutieren, über jüdische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Man ging vielleicht auch, um den Nachdenklichkeiten Grekensohns zu lauschen, man ging, um Erbauung zu suchen bei diesem Menschen und etwas von jener Lebensweisheit zu lernen, die es ihm ermöglichte, trotz ständiger Not frohen Mutes zu sein. In diesem Hause vernahm man niemals Klagen, vielmehr huldigte man einem unverständlichen, unberechtigt frohen Optimismus. Auch ich wurde zum regelmäßigen Besucher der Grekensohnschen Wohnung. Hier empfing ich die Haskalah-Weihe, hier borgte ich mir alle jene hebräischen Bücher, die nötig waren, um sich zu einem Maskil auszubilden. Aber das geschah etwas später. Zuerst kam ich in das Haus des vornehmen patriarchaischen Arje Gurlands, wo sich der chassidische Minjan befand, und wo ich die Anregung zu jener geistigen Welt fand, die mich zu der Leihbibliothek des blinden Uhrmachers und Lebensphilosophen führte. * Ich möchte über dieses Gurlandsche Haus, über diesen chassidischen Minjan, der Sammelpunkt sehr interessanter Menschen war, mit etwas mehr Ausführlichkeit sprechen. Die drei Familien Gurlands, die Brüder Arje, Josef und Salomon, entsprachen ihrer Lebensführung und ihrem Wesen nach dem, was man unler dem Begriff jüdischer Aristokratie versteht. Sie waren nicht reich, nur wohlhabend, aber etwas Großzügiges war in ihrem ganzen Gehaben, und diese Eigenschaft war gleichzeitig mit einer Bescheidenheit und wohltuenden Unauffälligkeit verbunden. Die Atmosphäre, die in diesen Familien herrschte, war beseelt und warm. Jeder, der dort hinkam, fühlte sich sofort wohl; es war viel studierende Jugend. Die ältere und die jüngere Generation wirkten wie Exponenten zweier Kulturen, der alten jüdischen und der neuen modernen Kultur, aber es herrschte keine Feindseligkeit zwischen den beiden Kulturen, keine Spur von dem sogenannten Väter-und-Söhne-Kampf. Die beiden Kulturen lebten in Frieden und in respektvoller Beziehung zueinander. — Die Gurlands gehörten — mit Ausnahme des älteren Bruders Arje, in dessen Haus sich der Minjan befand — zu den Chowewe-Zion-Kreisen, und obwohl sie fromm waren, verkehrten sie viel mit den Maskilim. Ihre Kinder, Gymnasiasten, Studenten hingen stark an der alten traditionellen Lebensart, waren aber mit Ihren Gedanken bei der Haskala-Llteratur, bei der Literatur der deutschen Sturm- und Drangperiode. Doch ihre Herzen freuten sich über die Pracht der jüdischen Feiertage. Zum Minjan konnte man an jedem Schabbos diese studierende Jugend bei Arje Gurland versammelt sehen. Und immer, wenn am Sabbat-Ausgang der ganze Minjan sich zum Schulhof in das chassidische Stübel begab, wo ein Gesandter vom Kopitzer Rebben oder der vorhin erwähnte Reb Getzel Arlosoroff Chassiduth sagte, ging auch die studierende Jugend mit und lauschte andächtig. (Wilna, die Stadt des Gaons, Wilna, das Jeruschalajim von Litauen, war Hauptsitz der ״mißnagdischen“ — den Chassidismus bekämpfenden — Welt, die Chassidim bildeten nur eine kleine Kolonie, die um den sogenannten ״chassidischen Stiibl“ und um den Gurlandschcn Minjan gruppiert waren.) Mein Vater hatte auch den Vorzug, zum chassidischen Minjan im Hause Arje Gurlands zu gehören. Dieser Arje Gurland hatte etwas Gräfliches, etwas von einem polnischen Adligen in seinem Aeußern. Auch an Wochentagen sah man ihn auf der Straße mit einem Zylinder und Lackschuhen. Er kleidete sich mit ganz besonderer Sorgfalt und nach der letzten Mode. Man muß aber zugeben, daß er die größte Eleganz dann anwandte, wenn er sich daran machte, mit dem lieben Gott Zwiegespräche zu halten. Im großen Saal seiner Wohnung, wo der Minjan versammelt war, erschien Arje Gurland stets im Frack, mit weißer Weste und Lackschuhen. Ungewöhnlich imposant wirkte dann dieser ältere Herr mit dem schönen gutgepflegten Bart. Alle aus dem Gurlandschen chassidischen Minjan wurden sozusagen als zur Familie gehörig betrachtet. Besonders beliebt war Sawehl, der Bäcker, ein strahlender Chassid, mit einem edlen Gesicht und großen guten Augen. Ein Mensch von seltener Lauterkeit des Charakters und von unvergleichlicher Güte. Obwohl er noch ein junger Mann war, verhielt man sich ihm gegenüber mit einem besonders betonten Respekt. Wenn die Rede auf Sawehl, den Bäcker kam, gab es nur eine Meinung: ein Zaddik. Zu dem Minjan Gurlands pflegte auch noch ein Chassid mit einem langen roten Bart und roten Haaren zu kommen. Er bildete den völligen Gegensatz zu der ruhigen, heiter-vornehmen Figur des Bäckers Sawehl. Dieser rote Jude, der mit Talessim handelte, war lärmend, temperamentvoll, leidenschaftlieh, aber auch ihm wurde großer Respekt erwiesen und auch von ihm sagte man: ein Zaddik, ein großer Chassid! Die vollendete Verkörperung eines Maskil in diesem Gurlandschen Kreis war ein Verwandter dieses Hauses, ein junger Mann aus Witebsk, der Ratner hieß. Seine Art zu sprechen hatte etwas von einem Dozenten. Still und nachdenklich ging er durch das Zimmer, den Kopf etwas auf die Seite geneigt, eine Hand auf dem Rücken, während die zweite stets den kurzen schwarzen Bart, der sein feines, blasses Gesicht umrahmte, zupfte (ein feines Gesicht bedeutete damals ein blasses Gesicht). Es verging kein Schabbos, wo er nicht beim Gurlandschen chassidischen Minjan war. Er betete stets mit einem ruhigen, verklärten Lächeln. Merkwürdig, jetzt, wenn ich mir die sympathische Gestalt wieder ins Gedächtnis rufe, denke ich, daß so wahrscheinlich Uriel da Costa ausgesehen haben mußte, in der ersten Zeit als er aus Oporto nach Amsterdam kam, also zu der Zeit, als seine Zweifel noch nicht den Charakter von Erbitterung angenommen hatten und die Entschlossenheit zum Kampf noch nicht in ihm hervorgebrochen war. Indes die Zweifel waren schon da, und in der Amsterdamer Synagoge während des Betens konnte man wahrscheinlich jenes Lächeln auf dem Antlitz da Costas wahrnehmen. Ratner mit seinem Lächeln war wohl einer jener wenigen glücklichen Maskilim, denen es erspart geblieben ist, gegen eine fanatische Umgebung

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