Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 45-46 (13.6.1929)
- Date
- 1929-06-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45/40, 13. VI. 1929 JUEDISCH E RUNDSCHAU Sehe 287 Das Blatt der Frau Betrachtungen zur Weltkonferenz Die Weltkonferenz jüdischer Frauen in Hamburg hat zweifellos bei allen Teilnehmerinnen einen tiefen Eindruck hinterlassen. Wer an der Ueberzeugung festhält, daß das jüdische Volk an Geist und Blut, an Vergangenheit und Zukunft eine Einheit bildet, dem muß die Tatsache an sich, daß jüdische Frauen der verschiedensten Länder und Richtungen sich zu einer Oesamt organisation verbunden haben, alsaußerordentlieh wichtig und erfreulich erscheinen. Jene ungewöhnlich starke menschliche und jüdische Persönlichkeit R e b e k a h Kohut hat sich ein historisches Verdienst dadurch erworben, daß sie in jahrelanger Arbeit und unter großen persönlichen Opfern die Idee des Weltbundes zur Verwirklichung gebracht hat. Interessant ist es, sich Marzumachen, daß auch die überzeugten Bekennerinnen zur Nationalität ihres Staatsvolkes —- sie finden sich offenbar vor allem in Deutschland ־- den Zusammenschluß mit den jüdischen Gruppen der anderen Länder als Notwendigkeit erkannt haben. Ueber seine Bedeutung als einigendes Band zwischen den jüdischen Gruppen aller Länder hinaus dürfte der Weltbund in der Erfüllung seiner praktischen Aufgaben von Wichtigkeit für die jüdische soziale, wissenschaftliche und politische Arbeit werden, indem er vereinzelte Bestrebungen kraftvoll zusammenfaßt. Vor allem für die Erkämpfung der Gleichberechtigung der jüdischen Frau, für die Erfüllung der Ehe- und Scheidungsgesetze mit modernem Geist kann der Weltbund Großes leisten. Von Bedeutung für das Gelingen der Konferenz war die streng parlamentarische Verhandlungsform, die vom ersten Augenblick ab eingehalten wurde: die unerbittlich pünktliche Bemessung der Redezeit, die Abschneidung jeder nicht streng zum Thema gehörigen Diskussionsrede, andererseits die Heranziehung von wissenschaftlichen Sachverständigen zu einzelnen Themen machte es allein möglich, das große Arbeitsprogramm zu bewältigen und sich ernsthaft mit der stattlichen Zahl von Problemen jüdischer Arbeit und jüdischen Wissens zu befassen, die in den Referaten berührt wurden. Die Referate selbst standen fast durchweg auf einer sehr hohen Stufe, einige durch die gründliche Beherrschung des Stoffes, während bei anderen die glänzende Rednergabe der Referentinnen hervortrat; zu den Referaten, die durch ihre vollendete Form stärkste Wirkung hervorriefen, gehörten vor allem das von Frau Schönewald über die Frau in der Gemeinde und das Palästinareferat von Anitta Müller-Cohen. Eine hohe Bedeutung hatte die Tagung als Versammlung einer erstaunlich großen Zahl von markanten Frauenpersönlichkeiten, von stark ausgeprägter Individualität. Die reife Ueberlegenheit und verstehende Wärme der betagten Rebekah Kohut das sprudelnde, geistreiche Temperament von Anitta Müller- Cohen, die taktvolle Art, in der Bettina Brenner die Versammlung leitete, die energische Sachlichkeit, mit der die Ameri« kanerin Frau Sternberger der Resolutionskommission Vorstand, der Charme von Irma Lindheim — um nur einige aus der Zahl der Persönlichkeiten herauszugreifen — vor allem aber die voll* ständige Sicherheit und Gewandheit, mit der alle Rednerinnen ihre Anschauungen vortrugen, mußten in dem Beobachter der Tagung die Ueberzeugung erwecken, daß die beiden letzten Jahrzehnte mit ihrer Befreiung der weiblichen Persönlichkeit dazu beigetragen haben, das Leben und die Menschen bedeutend interessanter zu machen. Jedenfalls schnitten die in Hambürg auftretenden Rednerinnen und Diskussionsrednerinnen im Vergleich mit den an der Diskussion teilnehmenden Männern ganz vorzüglich ab. Der einzige starke Eindruck einer männliehen Persönlichkeit, den die Teilnehmerinnen an der Konferenz empfingen, ging zweifellos vom Oberbürgermeister Petersen aus. Sehr bereichert waren die Hamburger Tage durch die große Gastlichkeit, die den Teilnehmern von den Hamburger Frauen erwiesen wurde und durch eine Reihe von gelungenen Neben- Veranstaltungen wie der vom Israelitisch-humanitären Frauenverein veranstaltete Begrüßungsabend, der Empfang im Hause Fritz Warburg, die Elbefahrt, der Empfang durch die Hamburger Gemeinde, der Kulturverband-Abend bei Frau Max Warbürg und für die Zionisten durch die große zionistische Kundgebung, bei der eine Zuhörerschar, die den großen Saal bis zum letzten Winkel füllte, den Ansprachen der Frauen Müller-Cohen, Lindheim und Thon lauschte. Der Gedanke des Palästina - Aufbaues hat durch die Hamburger Tagung eine bedeutende Stärkung erfahren, was nicht zum wenigsten darauf zurückzuführen ist, daß eine geschlossene Gruppe von europäischen und palästinensischen Zionistinnen in vollem Einverständnis untereinander vorging — darunter Frauen, die befähigt waren, den Palästinagedanken in überzeugender und kraftvoller Art zu verkünden. Die Palästinadebatte diente als Basis, das gründliche Referat von Frau Wysenbeek-Franken (Amsterdam) über den Völkerbund in seiner Bedeutung für das jüdische Volk. Sie wies auf alle Punkte hin, in denen die herrschenden politischen Verhältnisse in Palästina im Widerspruch zu den Versprechungen Vstehen, die man aus dem Mandat herauslesen durfte und bezeichnete schließlich das Palästina-Mandat als ״nicht eine Er* füllung aber als einen Weg zur Erfüllung“ der auf Palästina gerichteten Aspirationen. Ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Zionismus, ein fesselndes Bild der palästinensischen Zustände unter besonderer Berücksichtigung der Frauenarbeit entwarf Frau Anitta Müller-Cohen. Helene Hanna Thon schloß ihreAuf- Zahlung der in Palästina entstehenden Kulturwerte mit der Verlesung einer Begrüßung seitens des Bundes palästinensischer Frauenvereine, als dessen Vertreterin sie eingeladen war, in hebräischer und deutscher Sprache. Die Diskussion über die Beschäftigung des Völkerbundes mit der Palästina-Arbeit wurde eingeleitet durch eine Erklärung des Wesens und der Ziele der Jewish Agency von Frau L i n d h e i m. Die folgende Debatte war der spannendste und erregteste Teil der ganzen Konferenz. Die Vorsitzende Frau Kohut, die eigentlich dem Gedanken des Palästina-Aufbaues sehr nahe steht, wies doch die Beteiligung des Weltbundes an der Jewish Agency zurück, solange dessen Eigenart noch nicht ganz fest Umrissen sei. Eine ausgesprochene Zurückweisung des jüdischen Nationalismus und eine prinzipielle Ablehnung der Beteiligung an der Jewish Agency ergab sich in der Diskussion und von seiten einiger deutscher Delegierten, Mitgliedern des Central-Vereins. In keinem anderen Lande scheint ein solcher Mangel an Verständnis und eine solche Verkennung der jüdischen Situation zu bestehen wie in gewissen deutschen Kreisen. Mit großer Spannung wurde nach dieser Diskussion die Haltung der Konferenz gegenüber der von den palästinensischen und anderen Zionistinnen eingebrachten Palästina-Rcsolution erwartet. Die ursprünglich von ihnen geplante Re• solution bezüglich Anschluß des Weltbundes an die Jewish Agency war schließlich durch die folgende Resolution ersetzt worden, die fast wörtlich der von der palästinensischen Moazatha-Irgunim schel Naschim gesandten Botschaft entspricht: ״Im Bewußtsein, daß das in Palästina unternommene Aufbauwerk für die Juden der ganzen Welt von Bedeutung Ist, spricht die Weltkonferenz die Forderung aus, daß der zu gründende Weltbund Jüdischer Frauen seine Landesbflnde zur Mitarbeit an diesem Aufbauwerk auffordert“ Diese Resolution wird« am Tage nach der Palästinadebatte ohne weitere Diskussion mit allen gegen 4 deutsche Stimmen angenommen. Das bedeutet zwar noch keinen nnmittelbaren Einfluß auf die zionistische Arbeit, aber einen wichtigen Schritt zum endgültigen Siege der Palästinaidee, besonders wenn man sich klarniacht, daß ursprünglich von der Konferenzleitung folgender Punkt für das Programm des Weltbundes vorgesehen war: ״Beschäftigung mit der Kulturarbeit in Palästina und anderen Ländern der Judennot.“ Selbst wenn die praktische Auswirkung des gefaßten Beschlusses nur langsam vor sich geht, ist es von Bedeutung, daß ein neu sich bildender interterritorialer jüdischer Bund Palästina aus der Zahl der anderen Länder und anderen jüdischen Arbeiten heraushebt und die Mitarbeit am palästinensischen Aufbau allen Juden der Welt zur Aufgabe macht. Auch um dieser Resolution willen hat die Weltkonferenz historische Bedeutung erhalten und ist als ein entschiedenes Symptom für die innere Erneuerung des Judentums zu werten. H. H. T. * Verhondlunösbericht Nachstehend der Bericht über den äußeren Fortgang der Konferenz: Der Weitkonferenz jüdischer Frauen, die vom 4.-6. Juni in Hamburg tagte, wurde ein glänzender Auftakt gegeben durch den Begrüßungsabend, veranstaltet von dem Israelitisch-humanitären Frauenverein Hamburg unter der Leitung von Frl. S i - donie Werner. Nach einem von der Opernsängerin Frau Stahl gesprochenen Prolog gab es zahlreiche Begrüßungsreden, darunter die des Vertreters der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, des Vertreters der Logen sowie der Präsidentin des Kongresses, Frau Rebekah Kohut. Unter den Ansprachen der Delegierten der verschiedenen Länder fand dieienige der jungen palästinensischen Delegierten Frau Zilla Rosenblüt h besonderen Beifall. In feierlicher Weise wurde am Dienstagmorgen die Tagung durch Frau Kohut eröffnet, deren kraftvolle, warme Personlichkeit ihr von Anfang an die Sympathie der Versammlung sicherte. Unter den folgenden weiteren Begrüßungen ragten besonders die des Senatsmitgliedes Herrn Konn und von Frau E nd er, der Vorsitzenden des Bundes deutscher Frauenvereine, hervor. Die Reihe der Referate wurde eröffnet durch eine Dar- Stellung der rechtlichen Lage der jüdischen Frau auf Grund der jüdischen Heirats- und Scheidungsgesetze durch die englische turistin Lizzie Hands. Das Referat, an das sich eine lebhafte )iskussion schloß, in der die gegensätzlichen Auffassungen der Rabbiner verschiedener Richtungen scharf hervortraten, gipfelte in der Forderung nach einer Konferenz orthodoxer Rabbiner zum Zwecke der Regelung dieser Rechtsfragen im Sinne modernen Gerechtigkeitsempfindens. Ein gedankenreiches Referat von Frau Sid. Wronsky über Erziehungsfragen, das belegt war durch statistische Dar- Stellungen des Geburtenrückganges und der zunehmenden Selbstmorde bei den Juden, erwies die Notwendigkeit einer eingehenden Beschäftigung mit bevölkerungspolitischen Fragen. Die beiden Nachmittagsreferate von Frau Z a d i k über ״Berufsberatung und Berufsumschichtung“ und von Frau Basil Henriquez, die über die großzügige Arbeit in ihrem Londoner Settlement berichtete, wurden mit großem Interesse aufgenommen. Der Bericht über das Settlement fesselte die Mitglieder der Hamburger jüdischen Jugendvereine in solchem Maße, daß sie um eine weitere Aussprache mit Frau Henriquez nachsuchten. In der Diskussion über diese beiden Referate berichteten u. a. Frl. Dr. Dukas über das Jugenddorf Ben Schemen, Frau Dr. Turnowsky über die Arbeit der Wizo und Frau H. H. T h o n über die palästinensischen Settlements der Histadruth Naschim Ibrioth. Nach der Plenarsitzung fand noch eine Aussprache über die rechtliche Stellungder jüdischen Frau statt, in der die Palästinenserin Frau Dr. Welt-Strauss schwere Anklagen gegen die palästinensisehen Rabbiner und den Waad Leumi erhob. Am Nachmittag des ersten Verhandlungstages fand im Hamburger Rathaus eine Begrüßung der Delegierten und Gäste durch den Hamburger Senat statt. Die Rede des Oberbürgermeisters Petersen in ihrem Reichtum an nicht alltäglichen Gedanken über soziale Arbeit und die Aufgaben der Frau und in ihrer wahrhaft demokratischen Gesinnung gehörte zu den stärksten Eindrücken der Hamburger Tagung. Eine würdige Antwort auf diese Rede waren die schlichten und klugen Dank- Worte von Frau Kohut, die ein stolzes und frohes Bekenntnis zum Judentum enthielten und u. a. betonten, daß ihr Heimatland Amerika dem Hamburger Senat dankbar sein wird für sein volles Verständnis und seine herzliche Aufnahme der Weltkonferenz jüdischer Frauen. Am Abend bereitete der Deutsch- Israelitische Gemeindebund den Delegierten und Gästen einen festlichen Empfang. Gleichzeitig fanci in einem anderen Saale eine von mehreren Hundert Personen besuchte zionistische Ver- Sammlung statt, bei der Frau Irma Lindheim, Frau Anitta Müller-Cohen und Frau Helene Hanna Thon über Palästina und den Zionismus berichteten. Der Mittwochmorgen brachte neben einem Referat über Berufsfragen und einem über die Soziale Frauenarbeit in den verschiedenen Ländern von Frau Paula Ollendorf außerordentlich gehaltreiche Ausführungen über Gleichberechtigung und Mitarbeit der Frau in der jüdischen Gemeinde von Frau Ottilie Schönewald. Die Rednerin wies auf die dringende Notwendigkeit hin, daß der Frau die Stellung gegeben wird, auf die sie im Namen der Gerechtigkeit und auf Grund ihrer Leistungen in der Gemeinde Anspruch hat. Lebhafte Spannung herrschte im Saal bei Beginn der Sitzung am Mittwochnachmittag, in der die Stellung der Weltkonferenz zu Palästina ihre Klärung erfahren sollte. Frau Wysenbeek-Franken (Holland) legte in gründlichen Ausführungen die Bedeutung des Völkerbundes für den Schutz der Frauen und Mädchen sowie für die nationalen Minoritäten und für das Palästina-Mandat dar. in glänzenden Ausführungen schilderte Frau Anitta Müller-Cohen das in Palästina unternommene Siedlungswerk und die besonderen Aufgaben, welche die Frau dabei erfüllt. Helene Hanna Thon legte in kurzen Leitsätzen dar, welche Kulturwerte das Palästinawerk für die dort lebenden Juden sQwie für die Juden der ganzen Welt und darüber hinaus für die Menschheit hervorbringt und überbrachte eine Erklärung der Spitzenorganisation palästinensischer Frauenvereine (Moazat-ha-Irgunim), in welcher der Weltbund zur Mitarbeit am Palästinawerk aufgefordert wird. Frau Lindheim erklärte den Begriff und die Aufgaben der Jewish Agency. Ah die Ausführungen der zionistischen Rednerinnen, die von der Mehrzahl der Anwesenden mit stürmischem Beifall autgenommen wurden, knüpfte sich eine lebhafte Debatte. Am letzten Verhandlungstage wurde über eine Reihe eingebrachter Resolutionsanträge abgestimmt, die dem Weltbund seinen Aufgabenkreis zuweisen. Die angenommenen Resolutionen beziehen sich auf: Verbreitung des Friedensgedankens; Fortsetzung der von den jüdischen Hilfsgesellschäften unternommenen Unterstützung jüdischer Wissens- und Kulturinstitute; internationale Zusammenarbeit im Mädchen- und Kinderschuh!; Verbreitung des hebräischen Unterrichts zinn Zweck des Verständnisses alter und neuer Literatur; Forderung des Wahlrechtes der Frau in den Gcmeinden und allen jüdischen Körperschaften; Abwehr zersetzender geistiger Einflüsse; Forderung einer Konferenz orthodoxer Rabbiner, die sich mit der rechtlichen Stellung der Frau, besonders den Ehe- und Scheidungsgesetzen, befassen soll; Verhütung eines Ausschlusses jüdischer Studenten von Hochschulen; Unterstützung der Jugendorganisationen; Einsetzung einer Studienkommission für bevölkerungspolitische Fragen; Unter- Stützung des Aufbauwerkes in Palästina usw. Nach einem kurzen und sachlichen Referat von Frau Kohut wurde — unter großem Beifall der Versammlung — die Gründüng des Weltbundes jüdischer Frauen für vollzogen erklärt. Die Durchberatung der Statuten stieß auf Schwierigkeiten, da der Statutenentwurf sich an amerikanische Vorbilder anlehnte, die von den in anderen Ländern geltenden Statutenbestimmungen abwichen. Die Leitung des Weltverbandes. Zur Präsidentin des Weltverbandes jüdischer Frauen wurde die Präsidentin der Weltkonferenz, Frau Rebekah Kohut, Amerika, gewählt. Vizepräsidentinnen sind Frau Bettina Brenner und Frau Paula Ollendorff, Deutschland, Frau Annitta Müller-Cohen, Oesterreich, Frau Klaffen, Polen, Frau Caroline Wysenbeek-Franken, Holland, Lady Herbert Samuel, England. Zur Sekretärin wurde Fr. Sternberger, Amerika, zur Schatzmeisterin Frau Abraham, Schweiz, gewählt. Außerdem wurde eine Exekutive gewählt, die sich aus folgenden Frauen zusammensetzt: Bettina Brenner, Deutschland, Eichholz, England, Zadoc-Kahn, Frankreich, Sarphatv, Belgien, Minis, Lettland, Thon, Palästina, Klotz, Polen, Mirjam Scheuer, Tschechoslowakei, Baracz, Ungarn, Reading, Australien. 25 Jahre jüdischer Frauenbund Deutschlands Der 1904 begründete jüdische Frauenbund Deutschlands, dem ungefähr 450 Frauenvereine mit einer Gesamtmitglieder־ zahl von 50 000 angehören, hielt in dieser Woche in Berlin eine Jubiläumstagung ab. Die Weihefeier fand am Sonntag, dem 9. Juni, vormittags, in der Hochschule für Musik statt. Der Saal war von Delegierten, Vertretern der Behörden und der jüdischen Organisationen und von Gästen überfüllt. Nach Vortrag des Psalm 23 von Schubert durch den Frauenchor der Berliner Synagogen hielt Rabbiner Dr. Baeck die Weiherede, in der er die besondere Aufgabe, die der Frau im Leben gestellt ist, umriß. Das Dogma, daß die Frau nur der empfangende Teil sei, ist überwunden, die Frau tritt schöpferisch ins Leben ein. Dieser ״Aufstand der Frau“ ist das Revolutionärste unserer Zeit. Der Redner kennzeichnete die Rolle der Frau in den geistigen und sozialen Bewegungen und zeigte, wie sich der geistige Emanzipationsgedanke der Frau gewandelt hat: Die Frau ging zuerst vom Gedanken der Gleich he 1t aus, um zu dem Gedanken der Ungleichh eit zu kommen: heute kämpft die Frau dafür, daß ihre Eigenart, ihre Be- Sonderheit zum Nutzen aller zur Geltung kommt. Auch der Jude kämpfte zuerst für Gleichheit, um später einzusehen, daß ihm zu kämpfen übrigbleibt für sein Besonderes, durch weiches er erst seine Bedeutung, seine innere Freiheit, seine wahre Humanität gewinnt: — um dieses Besondere der Allgemeinheit geben zu können. Wenn der Kampf der Frau zuerst eine Kapitulation des eigenen Ich bedeutete, wenn die jüdische Frau ihrjüdisches opferte, um moderne Frau zu sein, so hat sie nun eingesehen, daß der Preis zu hoch war. Die jüdische Frau kam zu sich selbst und begriff, daß sie nicht durch Preisgabe, sondern durch Erfüllen des eigenen Ichs andere befruchten könne. Am Montagvormittag begannen die Arbeitssitzun* gen. Nach einer Eröffnungsrede von Frau Bettina Brenner- Leipzig gab Paula Ol 1 end o rf f - Breslau einen historischen Rückblick über Entwicklung und Arbeit des Jüdischen Frauen■ bundes. Hannah K ar mins k i- Berlin gab einen ״Ausblick“ in welchem sie die Aufgaben der jüdischen Frau gegenüber dem Gesamtjudentum umriß, die Notwendigkeit einer Einheit in Arbeit und Zielen betonte. Es folgten Arbeitsberichte der Kommissionen im jüdischen Frauenbund, so insbesondere Berichte über Isenburg, Wyk! Pflegestellenwesen und Adoptionsvermittlung, Kinderversicherung, Nachgehende Fürsorge, Bahnhofshilfe, Hauswirtschaft, Gemeindevvahlrecht. Dienstag folgten die Referate von Frau Eschelb ac h er-Düsseldorf und Frieda We in re ich-Berlin übei soziale Arb eit, der Bericht von Frau Meyer über Hambürg und das Referat von Frau Prof. M e y e r - Düsseldorf über die bevölkerungspolitischen Aufgaben. Wir werden über den Verlauf der Tagung noch berichten. Bau eines Arbeiterinnenheims. Die amerikanische Frauen- Vereinigung Pro Palästina beabsichtigt, in nächster Zeit in Haifa ein Arbeiterinnenheim zu errichten. Die Pläne für das Heim sind gemeinsam mit der palästinensischen Moazath-Hapoaloth (Arbeiterinnen-Komitee) im Laufe der letzten zwei Jahre beraten worden und nunmehr abgeschlossen. Das Heim soll ruhige und billige Wohnungen für Arbeiterinnen, ein Lesezimmer, ein Schreibzimmer, sowie Einrichtungen zur Abhaltung von Kursen enthalten. (Ziko.) Die Kupath Cholim (Arbeiterkrankenkasse) beabsichtigt aut dem Karmel ein Erholungsheim für Kinder zv errichten. Das Erholungsheim wird 25 Betten enthalten und ir erster Linie für die Kinder der landwirtschaftlichen Siedlunger im Emek Jcsreel und im Emek Hajarden für die Sommer• monate zur Verfügung stehen.