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Jüdische Rundschau · 1929-06-13 · Heft 45-46 (13.6.1929) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 45-46 (13.6.1929)
Date
1929-06-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 45/46. 13. VI. 1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 285 schließt mit einem mit allseitigem Beifall aufgenommenen Be• kenntnis zur Einheitsgemeinde. Namens des Gemeindevorstandes begründet Dr. Kollenscher ausführlich die Schulpolitik der Gemeinde. Sein Ideal ist die Schaffung eines den größten Teil der jüdischen Jugend umfassenden jüdischen Schulnetzes. Besonders ausführlich behandclt Kollenscher die Frage der Religionsschulen. Hier sei es gelungen, durch eine straffere Organisation, ohne das Lehrziel und den Lehrplan zu gefährden, durch Zusammenlegen verschiedener Schulklassen im Etat bedeutende Ersparnisse zu erzielen. Doch handelte es sich dem Vorstande nicht darum, auf dem Gebiete des Unterrichtes Ersparnisse zu machen; er ist im Gegenteil bereit, für dieses Tätigkeitsgebiet der Gemeinde, das als das wesentlichste betrachtet wird, die größten Opfer zu bringen, und er glaubt damit im Sinne seiner jüdischen Aufgabe und im Einverständnis mit der gesamten Gemeinde vorzugehen. Die gegenwärtig vorhandenen Schulen genügen nicht,. So haben sich z. B. nei der letzten Einschulung Zustände ergeben, daß man viele hunderte jüdischer Kinder, die sich zur Aufnahme in die jüdischen Gemeindeschulen gemeldet hatten, zurtickweisen mußte. Die Volksschulgründungen der Gemeinde sind eine Lebensnotwendigkeit für das Schulsystem und den Aufbau der Berliner Judenheit. Rabb. Dr. Weisse (Religiöse Mittelpartei) begrüßt den neuen Geist des Willens zu gemeinsamer Arbeit und zur Aus- Schaltung vermeidbarer Konfliktstoffe. Er wünscht eine positive Schulpolitik. Jede Synagoge muß eine besondere an Sabbat- und Festtagen offenzuhaltende Bibliothek und Lesehalle haben. Er schildert dann die schweren und vielfältigen Aufgaben eines großstädtischen Rabbiners. Moritz A. Loeb (kons.) tritt der Auffassung entgegen, als vermittle eine jüdische Schule weniger allgemeines Kulturgut als andere Schulen. Redner wünscht Drucklegung des Etats und reinliche Scheidung der persönlichen und der sachlichen Positionen. Hans Goslar (Jüd. Volkspartei) spricht von der Verpflichfung der Gemeinde über ihren gegenwärtigen Aufgabenkreis hinaus die Interessen der jüdischen Bevölkerung wahrzunehmen und in allen Angelegenheiten des jüdischen Lebens initiativ vorzugehen. Die Gemeinde muß Mittel und Wege suchen, um auch auf wirtschaftlichem Gebiete der jüdischen Bevölkerung zu dienen. Der wirtschaftliche Antisemitismus erhebt Immer drohender sein Haupt. Die Publikationen in der allgemeinen und in der jüdischen Presse schildern immer aufs Neue, wie vehement der Verdrängungsprozeß der jüdischen Arbeit aus verschiedenen Wirtschaftszweigen ist. Sicherlich kann man nicht verlangen, daß die Gemeinde in dieser Hinsicht radikale Lösitnen bringe. Aber sie kann im Sinne jüdischer Selbsthilfe eispielgebend vorangehen. Zur Frage der Schulpolitik weist Goslar gegenüber Tiirk daraufhin, daß z. B. in Hamburg und in Frankfurt jüdische Schulen höheren Typs vorhanden sind und daß die Existenz derartiger Schulen in keiner Weise die Be- Ziehungen zwischen Juden und Nichtjuden beeinträchtige. Dieses Verhältnis ist von ganz anderen Faktoren abhängig. Ein werb e n d e r Geist müsse in die Gemeinde einziehen. Eine Nachahmung amerikanischer Methoden nach amerikanischer Manier sei vielleicht nicht zu empfehlen, aber man müsse allen Ernstes daran denken, in der Gemeinde eine Propagandastelle für die Vertiefung des Judentums innerhalb der Jüdischen Gemeinde zu schaffen. Vom jüdischen Standpunkt aus müsse man zu allen Zeitfragen Stellung nehmen. Besonders wichtig wäre die Wirksamkeit der Gemeinde auf dem Gebiete der Bevölk e r u n gsp01 it i k. Goslar kennzeichnet durch Anführung vieler Beispiele die Möglichkeit und die Aussichten einer umfassenderen wirtschaftlich-sozialen und werbenden Arbeit der Gemeindeverwaltung. Waldmann (jüd. Volkspartei) betont, daß, trotz Prof. Türk, Weltanschauungsdebatten sehr notwendig sind, denn im Laufe der Jahre hätten auch die Liberalen manches aus diesen Debatten gelernt. Es ist zweifellos in den letzten Jahrzehnten innerhalb des deutschen Judentums besser geworden. Aber das Fazit 70 jähriger liberaler Alleinherrschaft, Mischehe, Indifferentismus und Flucht aus dem Judentum, kann nur in langer Erziehungsarbeit wettgemacht werden. Immerhin gibt es jetzt wieder in Deutschland Juden ohne Bindestrich, denen Judentum Primat ist. Das sei der zionistischen Bewegung und dem Zustro m von Ostjuden zu verdanken. Auch auf liberaler Seite werde die alljüdische Schicksalsgemeinschaft in Handlungen anerkannt, obwohl man sie in der Theorie noch leugnet. Der Zusammenschluß der jüdischen Handwerker Deutschlands mit den ״polnischen“ Handwerkern aus Warschau seien ein Beweis hierfür. Aus der Rede Türks, seiner Angst vor jüdischem Milieu und der Ausdehnung des Schulnetzes spreche die Angst vor dem Ghetto. Dabei vergißt Prof. Türk, daß das Ghetto äußerlich und innerlich sein kann. Das seelische Ghetto verhindert zu sehen, daß sich die Welt seit hundert ähren geändert hat und daß es klüger ist, sich nach den wahraft repräsentativen Männern des deutschen Volkes zu richten als immer wieder dahin zu schielen, wie die Reaktion jüdische Handlungen beurteilt. Redner meint, daß für ihn Loebe und Severin g repräsentantiver für den deutschen Geist sind als Hitler. Loebe aber verstehe, daß man als Jude seine Eigenart zu pflegen das Recht hat und an der gesamtjüdischen Aufgabe des Palästinaaufbaus tcilnimmt. Am Schlüsse seiner Rede bemangelt Waldmann die Geringfügigkeit der Beteiligung am Palästinaaufbau durch die Gemeinde. Mindestens 20 °/0 der autgebrachten Steuern stammen sicherlich von Palästinafreunden und Zionisten. Es wäre gerecht, wenn man von dieser Summe, etwa 1 200000 M,, Maasser für Palästina geben würde. Danach hätte also die Berliner Jüdische Gemeinde jährlich mindestens 120000 M. für Palästinazwecke in den Etat einzusetzen. Die Arbeit der Zionisten in der Gemeinde dient nicht zuletzt auch dem deutschen Judentum. Durch den neuen Geist, der sich in der Berliner Jüdischen Gemeinde offenbart, trägt man dazu bei, der deutschen judenheit jene überragende Rolle wiederzugeben, die sie noch vor 120 Jahren gespielt und die sie während der Aera der liberalen Alleinherrschaft verloren hat. Ehrenreich (üb.) nimmt abschließend zu den Fragen des Palästinaaufbaus negativ Stellung. Er zitiert hauptsächlich Stellen aus Palästinaberichten des — ״Berliner Tageblattes“. Der Zollvertrag Palästina-Syrien Wie die J. T. A. aus Jerusalem meldet, ist soeben der neue Zollvertrag zwischen Palästina und Syrien unterzeichnet worden. Nach den Bestimmungen des Vertrages sind Waren, welche in Palästina bzw. Syrien aus inländischem oder ausländischem Rohmaterial hcrgcstellt werden, bei ihrer Einfuhr in das andere Vertragsland nicht zollpflichtig. Ebenso wird auch keine Exportsteuer im Verkehr zwischen den beiden Ländern erhoben. Bekanntlich hat der erste Entwurf dieses Zollvertrags vor zwei Jahren in palästinensischen Industriekreisen lebhaften Widerspruch hervorgerufen, weil geplant war, die bis dahin bestehende Zollfreiheit für Waren, in denen ausländische Roh- Stoffe höchstens bis zu 75 0׳,״ verwendet sind, aufzuheben. Diese Bestimmung hätte für die junge jüdische Industrie, die ihren Absatz zum großen Teil in Syrien hat, einen schweren Schlag bedeutet. Wie aus der neuesten Meldung hervorgeht, wurde diese ungünstige Bestimmung aus dem Vertrag eliminiert. Zionistische Konferenzen in Warschau Warschau, 10. Juni. J. T. A.) Im Einstein-Saal des üdischen Akademikerheims in der Warschauer Vorstadt Praga egann am Sonntag, den 9. Juni, die Weltkonferenz der Raaikalen Zionisten. Der Konferenz wohnen 117 Delegierte bei. Die Konferenz wurde von A. Podlyszewski mit einer Ansprache eröffnet, in der erklärt wurde, die Radikalen Zionisten müßten an der Agency teilnehmen, um innerhalb derselben für die Verwirklichung des Prinzips, daß Palästina als jüdisches Staatswesen aufgebaut werden müsse, zu kämpfen, sowie dafür, daß die Agency in eine demokratische Körper- Schaft umgewandelt werde. Es wurde ein Präsidium gewählt, das sich aus folgenden Herren zusammensetzt: Ing. Robert Stricker-Wien, Dr. M. Soloweitschik-Berlin, Dr. Nahum Goldmann-Berlin, Dr. J. Stärk-Altrumänien, Ing. M. Zwilling- Bukowina, Dr. Mirjam Scheuer-Tschechoslowakei, Abg. I. Grünbaum, A. Podlyszewsk, Dr. M. Kiumel, H. Schleien, alle aus , Polen. £)r. M, Solowertschik IjislJ: ein Referat über di«! Lage des Zionismus'. Er erklärte, daß der Kampf um die Er- Weiterung der Jewish Agency als beendet zu betrachten sei; nunmehr gelte es, den Kampf um den Geist der Jewish Agency zu führen. Im Lokal der Zionistischen Organisation begann am Sonntag die Konferenz der Mehrheitsgruppe der polnischen Zionisten ״Eth Liwnoth“ im Beisein von 87 Delegierten aus 34 Städten Polens. Der Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Herr Kurt Blumenfeld, war als Gast anwesend. Auf dem Präsidiumsitz nahmen Platz: Kurt Blumenfeld, Leon Lewite, Adv. Seidenmann, Dr. Heftmann, Dr. Hindes, Abg. Dr. Rosenblatt und Szwvf. Der Präsident der Zionistischen Organisation Polens Leon Lewite begrüßte mit herzlichen Worten Herrn Kurt Blumenfeld. Hierauf hielt Kurt B 1 u m e n f e 1 d, vom Beifall begrüßt, ein Referat über die aktuellen Probleme der Zionistischen Bewegung. Im Namen der Zionisten-Revisionisten begrüßt Ing. Kuzenok die Konferenz. Dr. M. Hindes sprach über die Lage im Welt- Zionismus und in der polnischen zionistischen Organisation. Jewish Agency Vorbereitungen zur Wahl des Council Das Deutsche Initiativkomitee für die Jewish Agency, das am 10. März bei der Landeskonferenz des Deutschen ״Keren Hajesaod eingesetzt und inzwischen durch zahlreiche neue Eintritte erweitert wurde, tritt am 26. Juni in Berlin zusammen. Der Hilfsverein der Deutschen Juden entsandte in das Initiativkomitee die Herren Max M. War bürg, Berthold Israel und Professor Mittwoch. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Berlin hat gleichfalls beschlossen, zwei Vertreter in das Initiativ-Komitee zu entsenden. Der Geschäftsführende Ausschuß des Deutsch- Israelitisehen Gemeindehundes hat unter dem Vorsitz seines Präsidenten Professor Dr. M. Sobernheim eine Beratung abgehalten und nach längerer Aussprache mit 12 gegen 4 Stimmen beschlossen, zwei Vertreter in das am 26. Juni in Berlin zusammentretende Initiativkomitee für die Jewish Agency in Deutschland zu entsenden, und zwar Prof. Dr. M. Sobemheim und justizrat Philip Salomon. Gegen die Teilnahme stimmten, wie wir erfahren, Prof. Türk, Prof. Schäfer, Geheimrat Goldfeld-Breslau und Dr. Waldstein-Breslau. Von Jugendorganisationen hat der neutrale ״Verband der jüdischen Jugendvereine“, der ״Aelterenbund Kameraden“ und der ״Kadimah“ Vertreter ins Initiativkomitee delegiert. * In der Tschechoslowakei wurde im Einvernehmen mit der Zionistischen Landesorganisation eine Verhandlungskommission eingesetzt, in deren Auftrag der Präsident des tschechoslowakischen Keren Hajessod-Komitees, Dr. Ing. Armin Weiner, für den 23. Juni nach Prag eine Palästina- Konferenz der tschechoslowakischen Juden einberufen hat. Diese Konferenz hat die Aufgabe, zwei Vertreter der tschechoslowakischen Judenheit für den Council der Jewish Agency sowie vier Stellvertreter zu wählen. Eingeladen sind die Kultusgemeindeverbände sowie alle jüdischen Organisationen gesamtstaatlichen Charakters. Zur Wahl eines Vertreters aus der Bukowina wurde im Sitzungssaale des ״Jüdischen Hauses“ ln Czemowitz eine von der Czernowitzer Kultusgemeinde einberufene Konferenz der Bukowina«• jüdischen Gemeinde abgehalten. Vorsitzende der Konferenz waren: Dr. Salomon Kinsbrunner und Dr. Meier Teich. Nach einem Referat des Vizepräsidenten der Bukowinaer Zionistischen Landesorganisation Dr. Theodor Weissclberger wurde Kommerzienrat Max Ritter v. Anhauch einstimmig in den Rat der Erweiterten Jewish Agency gewählt. New York, 6. Juni. (J.T.A.) Felix Warburg gab dem J. T. A.-Vertreter gegenüber seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß das Aktions-Comite der Zionistischen Organisation auf seiner Berliner Tagung eine Resolution für die Ein- Berufung der Jewish Agency angenommen hat. Herr Warburg, der auf der Rückreise aus Palästina Deutschland, Frankreich und England besucht hat, und mit den führenden jüdischen Personlichkeiten zusammengekommen ist, teilte mit, er habe gefunden, daß in der westeuropäischen Judenheit Bereitschaft besteht, sich in der Jewish Agency vertreten zu lassen. Zum Schluß teilte Herr Warburg mit, daß er sich im August d. J. zur Tagung der Jewish Agency, die sofort nach dem 16. ZionistenkongreB beginnen wird, nach Zürich begeben werde. . Lemberg, 10. Juni. (J.T.A.) Das Mitglied des Aktions^ Comites und Vorsitzender des Misrachi in Ostgalizien Dr. Federbusch teilte Pressevertretern mit, daß der Vorsitzende des Polnischen Rabbinerverbandes Rabbi Lipschytz aus Kalisz und der Rabbi von Grodzysk sich bereit erklärt haben, in den Council der Jewish Agency _ einzutreten. Bekanntlich entsenden die polnischen Nichtzionisten 12 Vertreter in die Jewish Agency. Der Numerus clausus in Ungarn. ״Egyenlöseg“ bringt die erste Bilanz der neuen Numerus clausus-Verordnimg und stellt auf Grund amtlicher Daten fest, daß sich die Lage der jüdischen Hörer gegenüber früher sogar verschlechtert hat. An den vier Universitäten des Landes waren 959 jüdische Hörer inskribiert, d. s. 9,3°/0 aller Hörer. An sämtlichen in die Kategorie Hochschule fallenden Unterrichtsanstalten waren 1290 jüdische Hörer (8,3 0/0) inskribiert. Ungefähr soviel hat die Zahl der Juden während des Krieges an einer einzigen Fakultät betragen. den Mund und versuchen, mit vollen Lungen Luft zu schnappen; allein an Stelle von Luft atmet, die Lunge Küchendunst ein, gewürzt mit den Gerüchen der Tomaten aus Madagaskar, der Bananen aus Sansibar, eingekochter indischer Nüsse, geriebenen Salates, den wir aus Natal mitgenommen haben, und mit dem des säuerlich-bitteren .Rauchdampfes. Alle sind Vegetarier und verabscheuen Fleisch. Ein portugiesisches Mädchen, der dio Augen wie Glaskugeln aus den Höhlen getreten sind und in denen kaum lebendige Regungen zu entdecken sind, bewegt von Zeit zu Zeit ihren Fächer, um die Hitze zu vertreiben. Welch Unsinn! Sie schlürft nur geblasenes Feuer. Das Schilfmeer“ oder das ״Rote Meer“! Wir sehen kein Schilf in den Sümpfen und Höhen der Ufer; allein die Röte sehen wir! Wie schwach-rötliche Dämpfe steigt es aus dem Wasser empor, hoch empor und vergeht, wieder und wieder. Allzeit war ich ein Freund des Meeres; allein eine volle Woche auf diesem Meere — da wird auch ein Freund zum Feinde. Fast hätte ich mit Oblomow gesagt: Was soll uns dies, dieses klare Kristall und dieser erhabene Glanz? Den Mensch ergreift die Lust zu weinen. Das Herz krümmt sich zusammen und wird schwach beim Anblick dieses Wassermantels ohne Grenze. Eine kleine Bewegung einer solchen Wasserfläche ist für das Auge des Menschen Symbol einer furchtbar großen Kraft, die schlummert, aber zeitweilig mit erbitterter Kraft dem Willen der Menschen spottet. Aus Müdigke.it war ich der weiten Oede des Wassers überdrüssig, die sich von links und rechts ohne Küste erstreckt, Wüste rechts, Wüste links; so oft ein leichter Wind weht, ist er doch nur wie eine Feuerwelle mit stechenden und brennenden Sandkörnern. Aber selbst das bringt eine leichte Abwechslung der Befriedigung mit sich. Besser wehende als tote Hitze. Ficbertrunkenheit oder Ohnmacht aus Ermüdung? — Unterdessen verengte sich das Meer immer mehr. Kürzere Wellen tauchten auf, am Horizont ein Brand wie ein Symposion heller Gemälde: Berge! Kein finsteres Gebirge, leine furchterregenden Fölsen, keine düsteren, finsteren Schluchten, sondern Berge, in Flammen Bekleidet, gleichsam nur Muster weiter furchtbarer Gebirge. Vor uns liegt nur eine Reihe abschüssiger Hügel, die es angenehm ist auf dem Rücken jauchzend herabzuschlittern: oder von denen man wohl in tiefem Versunkensein die Gegend ringsum betrachtet. — Nach ein paar Stunden beunruhigen auch diese Berge mein Gemüt nicht mehr. Berge und Abgründe sind nicht dazu angetan, das Menschenherz zu erfreuen. Furchtbar sind sie wie Krallen wilder Tiere. Sie erinnern uns aufs deutlichste daran, daß unser Leben ein Nichts ist. Aucb dieser Himmel, der sich über Felsen und Schluchten ausbreitet, erscheint uns gleichsam ferner und höher und als wollte er sich von uns entfernen. Zum Teufel mit den Bergen — gebt mir etwas Festland, ein bißchen Ebene! O, wie weit und sonderhart — Wasserwüste, Festlandswüste. Alles funkelt in nackter, bloßer Weiße, wie jenseits des Lebens. Noch einmal lastet unversehens drückende Schwere auf dem Herzen, irgendein stummer Kummer, verborgene Trübsal, durchdringendes, saugendes Sehnen. Langeweile kriecht träge und frißt das Herz wie ein Wurm. Was soll ich hier und wen habe ich hier? Nach Hause, Ruheloser! Und plötzlich ein lauter Ausruf: Der Sinai! Der Kapitän steht neben mir, ein Fernglas zwischen den Augen, ganz in weiße Diensttracht gekleidet, deren Knüpfe Funken sprühen; er hreitet seine Hände aus und weist auf Ümrißzeicfinungen in der Ferne hin. Irgend etwas Geheimnisvolles, Erhabenes regte sich auf dem Verdeck des Schiffes. Ein arabischer Mullah, in weißem Stoffmantel, mit Augen wie glühende Kohlen, dem ein alterssilberner Bart das Kinn krönt, tauchte plötzlich wie aus dem Erdboden empor und stellte sich an meine Linke -— rechts ein Christ, links ein Mohammedaner, als wenn sich jemand vorgenommen hätte, dieses ״dreimaschigo Gewebe“ zu stricken. Matrosen eilen, und hochgewachsene Schiffsoffiziere, die noch vor ein paar Jahren in der deutschen Kriegsflotte dienten und die heute, da die ״Schwerter in Sicheln umgeschmiedet" wurden, das Meer in der Handelsflotte der Wörmanngcsellschaft durchpflügen, spazieren in Reih und Glied auf und ab; die Kellner kamen aus ihren Löchern hervor, wo sie über ihrem Geschirr schwitzten; auch die Musikergruppe, die in Murmeltierschlaf halb gesiedet in ihren nahe der Küche gelegenen Zellen schlief, ist aufgewacht: am Hinterdeck steigen die Neger herab, vor sich einen Korb mit Waren, die sie vor den Reisenden eine nach der andern ausbreiten. Schimmernde Wellen klopfen an die Schiffsplanken. Das Meer sieht wie ein rosa Spiegel aus und seine Fläche׳ wie blaues Perlmutter. Die Müdigkeit ist vergangen; ich habe Hitze und Sandkörner vergessen. Wieder lacht mir das Meer in seiner rächtigen Weite entgegen, ganz in Sonne gebadet; in der emo bewegen sich geruhsam vereinzelt« Boote mit gelben Segeln. Der Sinai glüht. Die klopfenden Wellen rollen das Wasser wie Oel, Plötzlich, ohne die geringste Veränderung des Wetters, infolge irgendwelcher Erregung in der Tiefe, begann unser Schiff leicht z.u schaukeln. Nach einigen Minuten wurde das Schaukeln zu starken Schwanklingen und nach weiteren Augenblicken zu mächtigen Stößen. Das Rote Meer geriet in Bewegung und warf starke Wellen, vielleicht weil sein Bett infolge der Nähe der Küste enger wurde. — Aus dem erregten Meere kommen wir dem Sinai näher. Wie wundervoll, wie prächtig und blendend! Blasses Weiß wechselt mit Rot, düstert, träumt, glüht auf, verlöscht, stark und sieghaft auch im Vergehen; wie stark, wie frei! Die Wüste rechts, wenn man im Roten Meer vom Indischen Ozean nach Suez fährt, ist eine Kette nicht besonders hoher Bergsättel (zwischen 700 bis 1000 m), mit vielen Senkungen und Abschnitten. Vollkommene Wüste. Am Fuße des Berges, dem Meere zu, befindet sich eine Sandklippe, deren ebene Fläche hier und da zahllose Hügel und Hügelchen von Steinen unterbrechen. Der Sand sieht bleich und grau wie Staub aus, wie alte Steine, die vor Alter von der Luft abgenutzt sind, ■wie abgetretene Schwellen. Links (wenn man nach Suez reist) sind die Ufer niedrig und dort steht ein nicht großer Leucht türm auf einem Felsen in der Nähe des Meeres nahe an der Küste. Die Gestade dort sind Aegypten benachbart; rechts zwei Bergkuppen, die eine höher als die andere, die höhere hat keinen Namen; aber jene niedrigere, dio sich aus dem Absturz wie eine Krone rundet, die so anmutig und prächtig schimmert, das ist der Gipfel des Sinai I Der Leuchtturm auf der andern Seite auf dem Felsen nahe der ägyptischen Küste erscheint mir wie ein Witz. Irgendein Spaßmacher erbaute diesen armseligen Leuchtturm dem Sinai gegenüber. Kein Leuchtturm war oder wird jemals auf dem Sinai stehen, dem Berg Gottes! Der deutsche Kapitän, ein lieber, rothaariger, gesunder Harnburger, senkte seinen Kopf. In einem Gespräche mit mir halte er vorher sein Freidenkcrtum betont; allein diesmal blickte er voll Ehrfurcht zu Boden: ,.Geschichte“! Der Mullah hob seine rechte Hand zur Stirn und zum Herzen — als Zeichen der Verbundenheit mit dem Sinai. Ich stand zwischen ihnen mit unterdrücktem Beben, zitternd, staunend, erregt, verstummt, aber nicht mit Herzerschütterung und mit wankenden Knien. Wie Feuer brannte es in meinen Knochen, wie Sturm regte es sich in meinem Innern, Kein Sturm des Kummers, sondern der Freude. Mir schien, ich wäre zu Hause. Ich war ganz in Freude entbrannt. Das ganze Rote Meer, die ganze Wüste, alles was ich sah, mein ganzes Leben fast, sammelte sich in diesem Brennpunkte: SinaiI Ich wollte den Grund ermitteln. Ich schäme mich, es zu sagen: ich wollte ihn fassen, ertasten. Das Geheimnis diesorWüste, dieses Meeres, dieses Berges, die Seele dieser Landschaft. Irgeid etwas lebt hier in der Höhe und Tiefe, im Blicke der Sonne, in den Felscnadorn. Am Sinai spannen und spinnen eilende, zitternde Wolken Seidenfaden, eilen wie fröhliche Schwätzer, sonderbare Wolken ■— ihr Kern ist schwarz, ihr Rand rot, die Form jener wie die einer Herde Schafe, wie ein Schiff, eine Felsenrinne, ein

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