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Jüdische Rundschau · 1929-05-31 · Heft 42 (31.5.1929) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 42 (31.5.1929)
Date
1929-05-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 204 JUEDfSCHE RUNDSCHAU Nt. 42,31. V. 1029 Geschichten ohne Politik Von Dr. Fritz Loewenstein, Jerusalem. Zunächst einige Erlebnisse mit Touristen: Ein Tourist betritt mein Büro und stellt in deutscher Sprache folgende Frage: ״Verzeihen Sie, ist der ungekrönte König der Juden zur Zeit in Jerusalem?“ Einen Augenblick neigte ich dazu, nach dem Telephonhörer zu greifen und die Irrenanstalt anzurufen, aber dann faßte ich mich und dachte mir, daß die Frage doch offenbar auf Dr. Weizmann ziele. Ich antwortete also: ״Nein, den können Sie jetzt nicht sprechen, er ist zurzeit in London.“ Darauf erfolgte die überraschende Antwort: ״So, der Dr. Herz! ist jetzt in London?“ Es war ein jüdischer journalist aus Wien. * Ein Jude aus Chicago, dessen Bruder übrigens eine große Rolle in einer jüdischen Organisation Amerikas spielt, fragte mich, wie er am besten zur jüdischen Kolonie Madagaskar kommen könne. Ich bedauerte, ihm mitteilen zu müssen, daß Madagaskar eine französische Kolonie sei, die sich ziemlich weit von Palästina befände. Er war ziemlich empört, daß das Informationsbüro nicht besser Bescheid wisse und bestand darauf, es müsse eine jüdische Kolonie dieses Hamens geben. Ich nannte ihm alle Namen von Siedlungen, die mit Madagaskar eine entfernte Aehnlichkeit haben, wie Migdal, Magdiel und ähnliche. Aber nichts führte zur Lösung des Rätsels. Ich dachte verzvveifeit nach, was er wohl gemeint haben könne, bis mir schließlich ein Oedanke durch den Kopf schoß. Ich fragte ihn: ״Vielleicht meinen Sie Damaskus?“ ״Ja, ja, erwiderte er begeistert, Damaskus!״ ‘״Das ist zwar auch keine jüdische Kolonie in Palästina", sagte ich ihm, ״aber da kann ich Ihnen wenigstens sagen, wie es zu erreichen ist.“ Man sieht, daß etwas AllgemeinMdung auch in Palästina erforderlich ist. * Ich unterrichtete einen Touristen auf seinen Wunsch über die Finanzierung des Palästina-Aufbaus und sprach vom Keren Hajes soa. Da stellte er folgende Frage: ״Wie groß sind eigentlich die jährlichen Einnahmen des Keren Hajessod aus den palästinensischen Zöllen?“ Das war noch ein Judenstaatler! * Ich gab einem Touristen einige Broschüren und darunter auch die bekannte ״Emek“ genannte Publikation. Vorsichtigerweise fragte ich ihn, ob er eigentlich wisse, was Emek bedeute. Er war etwas gekränkt und erwiderte: ״Ol course, that’s the Hebrew University.“ * Zum Verständnis der folgenden Geschichte muß ich für diejenigen, die noch nicht in Palästina waren und deshalb das Zionistische Informationsbüro nicht gesehen haben, kurz vorausschicken, daß dieses Büro nicht einen Teil des Büros der Palästinaexekutive ausmacht, sondern aus zwei kleinen Zimmereben, richtiger gesagt Löchern, besteht, die sich im sogenannten Uhrturm befinden. In einem Zimmer sitze ich, und dort ist Platz für bestenfalls drei bis vier Besucher. Im Nebenzimmer ist noch etwas weniger Platz, weil sich dort ein großer Schrank befindet. Nun die Geschichte selbst: Ein reicher Tourist aus Amerika, der mir erzählt hatte, daß er Leiter eines großen Warenhauses sei, hatte mich am ersten Tage seines Aufenthalts «in Palästina besucht. Ich hatte ihm vieles erzählt und ein genaues Programm für seinen Aufenthalt ausgearbeitet. Nun weilte er vor der Abreise noch einmal in Jerusalem und kam, up sich von mir zu verabschieden. Im Verlauf der Unterhaltung fragte ich ihn, was auf Hin den größten Eindruck im Lande gemacht habe. Ich stelle diese Frage*gern; ׳mäh efhllt dibe! sehr verschiedenartige und manchmal recht interessante Antworten. Gewöhnlich freilich sind es die Kwuzoth, die noch heute die größte Anziehungskraft auf den Besucher ausüben. Diesmal a^er bekam ich eine Antwort, mit der ich nicht gerechnet hatte: ״Am meisten imponiert hat mir“, sagte er, ״daß die Zionistische Exekutive, die eine so große Arbeit für Einwanderung, Kolonisation, Erziehungswesen und anderes zu leiten hat, sich mit diesen beiden kleinen Räumen begnügt!“ Ob er wohl nachher in Amerika ebenfalls erzählt hat, daß das ganze Geld für den Beamtenapparat ausgegeben wird? * Jetzt ein paar Geschichten, ebenfalls wahre, von palästinensischen Kindern: Meine siebenjährige Tochter sammelt Briefmarken, was in der Hauptsache darin besteht, daß ich ihr Briefmarken mitbringe. Sie kennt alle Länder und sieht an jeder Briefmarke, ohne den Text lesen zu können, aus welchem Lande sie ist. Eines Tages fragt sie mich: ״Warum bringst Du mir eigentlieh nie Briefmarken aus ,Jargonia‘ mit?“ * Beth Hakerem, wo wir wohnen, ist nicht sehr weit vom Irrenhaus, dem Beth Hameschuggaim, entfernt. Das Problem dieser Menschengruppe beschäftigt die Kinder sehr. Außer Juden und Arabern, vielleicht auch noch Engländern, kennt meine Tochter noch zwei Nationalitäten: Schutzleute und Meschuggaim. Sie fragt z. B., ob ein Schutzmann, wenn er einen Verrückten auf der Strafte sieht, sofort auf ihn schießen muß. Wir haben ihr nun erklärt, daß die Mcschuggaim kein besonderes Volk und keine bösen Menschen sindj sondern Kranke, und ich erzählte ihr von Dr. Hans Herrmann, dem hiesigen Irrenarzt, dessen Tochter mit meiner Tochter bekannt ist. Nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte, fragte sie: ״Hu jodea ledabber meschuggait?“ (Kann er denn ״meschuggisch“ sprechen?) * ✓ Einem Kinde, das sich den lieben Gott ein bißchen zu menschlich vorstellte, versuchte die Mutter einen etwas erhabeneren Begriff beizubringen und erzählte, wie mächtig und gewaltig Gott sei. Die Erklärungen wurden offenbar richtig verstanden, denn nunmehr fragte das Kind:;,Adonaj hewadaj Angl i!“ (Gott ist sicher ein Engländer!) * Noch eine Geschichte zum Sprachenproblem: Eine Yemenitin erzählte mir, sie wolle so gern einmal nach Deutschland fahren. Freilich mit Eisenbahn oder Schiff möchte sie nicht fahren, wohl aber mit einem Autobus. Im Verlauf der Unterhaltung erzählte ich ihr, daß es nur wenig Juden in Deutschland gäbe, und es für sie doch sehr schwer sein werde, sich in Deutschland mit irgend jemand zu verständigen. Das leuchtete ihr aber gar nicht ein. Daß sie mit den Juden Hebräisch sprechen werde, schien ihr selbstverständlich. Aber mit den Niclitjuden? Da sagte sie mir: ״Mit den Goiim spricht man natürlich Arabisch, wie überall auf der Welt.“ ״Daily Telegraph“ teilt mit, daß in kurzer Zeit an der Stätte der alten Stadt Jericho archäologische Ausgrabungen von bedeutendem Ausmaß beginnen werden, von deren Ergebnis man aufschlußreiche Aufklärungen über die vielerörterte Frage des Datums, wann die Israeliten aus Aegypten ausgezogen waren und wann sie die Grenze nach Kanaan überschritten haben, erhofft. Zu den Ausgaben der archäologischen Expedition haben Lord M e 1 c 11 e 11 una Sir Charles Marston größere Zuschüsse geleistet. Was geht «ms die Beichte eines Negers an? (James Weiden Johnson ״Der weiße Neger“. Verlag der Frankfurter Sodetäts-Druckerei, Frankfurt a/M) Von Sch. Gorelik. Wenn dieses Buch hier dem jüdischen Leser auf das wärmste empfohlen wird, so geschieht es keineswegs nur wegen der vielen geistigen una künstlerischen Vorzüge, die es aufweisen kann und auch nicht wegen der vielen Interessanten Einblicke in das Leben der Neger in den Vereinigten Staaten, die es uns gewährt. Der Hauptakzent liegt nicht auf diesen Gebieten. Ke Absicht des Verfassers war es nicht, bloß Mitleid für das schwere Schicksal der Neger zu erwecken, noch weniger ein Bild von seinem persönlichen Emporkommet» zu geben. Das Buch wäre sonst wahrscheinlich temperamentvoller ausgefallen, es ist aber ein stilles, trauriges Buch, in welchem ein edler, aber schwacher Mensch seine Bekenntnisse ablegt und von einem tiefen seelischen Vorgang, von einem inneren fesselnden Drama weh- und demutsvoll berichtet. Es ist also eine Beicht« ohne seelische Zerknirschung zwar, aber dadurch nicht weniger erschütternd, und es mutet etwas sonderbar an, wenn in der ״Jüdisch-Liberalen Zeitung“ (vom 19. April) dieses Bucli lobend besprochen wird, ohne daß auch nur mit einem einzigen Wort das eigentlich Wesentliche der vorliegenden Beichte gestreift wird. Es werden in dieser Besprechung Parallelen mit dem jüdischen Schicksal gezogen, die sekundärer Natur sind angesichts der Tatsache, daß die einzig wichtige Parallele außer acht gelassen wird. Nein, der Fall, der hier vor uns liegt, ist ein komplizierterer. Das Interesse, das wir an diesem werke haben müssen, kann nicht allein durch Fest- Stellungen, daß z. B. ein Negerjunge in der Schule Schikanen und Verfolgungen ausgesetzt ist, die auch ein jüdischer Junge zu erdulden hat, erschöpft sein. Es geht um Tieferes. James Weldon Johnson, der sich zu seinem, in Amerika sehr verbreiteten Buche, erst später öffentlich bekannt hat (es erschien zuerst anonym), gibt die Autobiographie eines Negermischlings, eines weißen Negers, dem es nicht schwer fällt, in die Welt der weißen Amerikaner unterzutauchen und dort als Gleichberechtigter behandelt zu werden, der aber tiefe Schmach empfindet wegen seines Verrats an der eigenen Rasse, wegen der Feigheit, sich meist offen zu ihr zu bekennen. Dieses Empfinden ist desto stärker, je mehr er darüber nachdenkt, daß aus dem getretenen, beleidigten Negervolk inzwischen mutige, heiße Kämpfer erwachsen sind, die freudig sich zu ihrer Rasse bekennen, die daran gehen, die Geschichte ihres Volkes zu machen. Der weiße Neger kann sich niemals von dem Bewußtsein befreien, daß er geflohen ist, daß er Nutznießer einer besonders günstigen Situation Ist. Er kehrt zu den Schwarzen zurück, lebt in ihren Reihen, sammelt die schwermütigen Negerlieder (er ist ein sehr begabter Musiker), aber nachdem er seine Sehnsucht gestillt, sein Gewissen ein wenig entlastet hat, zieht es ihn wieder zu den Salons der Weißen, wo man gern seine Negermusik hört, wo man ihn schätzt, kennt, aber keinen Augenblick vermutet, daß er selbst zu den Farbigen gehört. Ein Leben zwischen zwei Rassen! Der Bericht (fieses Lebens gestaltet sich hier, wie gesagt, zu einer Beichte eines edlen, aber gar nicht mutigen Menschen, der der Schwere, die das Negertum bietet, nicht gewachsen ist, sich vor ihr scheut, flüchtet, aber bisweilen von Sehnsucht nach seinem Stamm gepackt wird und sich von dessen traurigen Gesängen ergriffen fühlt. Er weiß, mit der ganzen Seele fühlt er es, daß die Sache der Neger, die gerechte ist, und bringt dennoch den Mut nicht auf, sich öffentlich zu ihnen zu bekennen. Freilich, als er einem Weißen Mädchen aus der Gesellschaft seine Liebe erklärt, kättn er es nicht über sich bringen, das Geheimnis seiner Herkunft zu verschweigen. Das Mädchen erschrickt, läuft davon, aber schließlich kommt sie doch zurück. Sie wird seine Frau, schenkt ihm zwei reizende Kinder und — stirbt. Die Kinder nun will der seine Gattin betrauernde, resignierte Negermischling vor dem Geheimnis bewahren. Sie, die Kinder sollen niemals von dem Makel, NegerMut in ihren Adern zu haben, erfahren. Aber bald danach bekennt der weifte Neger, der gefahrlos in die weiße Welt Untergetauchte, in tiefer Scham und Trauer: ,Manchmal aber fühle ich, daß ich ein Feigling und ein Verräter gewesen bin und dann erfaßt mich eine seltsame Sehnsucht nach meiner Mutter“. Einmal wohnte er einer Ver- Sammlung bei, auf welcher der Negerführer und Patriot Booker T’ Washington eine Rede hielt. blegerstudenten sangen alte Lieder, die ihn traurig stimmten. Ueber die Eindrücke, die in ihm diese Versammlung hinterlassen hat, schreibt er: ״Neben ihnen fühlte ich mich klein und egoistisch. Ich bin ein ziemlieh erfolgreicher weißer Mann, dem es gelungen ist, ein kleines Vermögen zu erwerben, sie aber sind Männer, mit denen eine Epoche und damit die eigentliche Geschichte ihrer Rasse beginnt. Auch ich hätte an diesem großen Werke teilnehmen können“. Der weiße Neger fühlt auf einmal, daß er sein Leben verspielt hat, daß er das Recht seiner Erstgeburt für ein Linsengericht hergegeben hat. Nach Gesagtem ist auf die Frage, was dem jüdischen Leser dieses Negerbuch bedeuten kann, eigentlich die Antwort schon gegeben. Diese Angst, entdeckt zu werden, dieses Bemühen, in eine fremde Welt unterzutauchen und sich dort ruhig und brav zu verhalten, wie bekannt ist es uns Juden, obwohl wir nicht unsere Geschichte erst anzufangen brauchen, sondern eine große Geschichte bereits hinter uns haben! Rührend ist es, wie sich in dem besprochenen Buche der intelligente und feinfühlende Neger vor der Welt mit dem wenigen geistigen Gut, das seine Rasse sein eigen nennen darf, zu empfehlen versucht. Haben nicht die Neger den Cake-Walk- Tanz geschaffen?, entstammen nicht der Negerrasse die Onkel Remmus Geschichten?, verdankt man nicht der schwarzen Rasse die Rag Time Musik? Ach, der Gaben sind nicht besonders viel, aber es steht niemandem mit einer wenn auch noch so reichen Geschichte zu, dieses geringe Hab und Gut zu belächeln. Man wäre manchmal ener geneigt, eine vielversprechende, vorwärtsschreitende Rasse um das leichte Gepäck, das sie zu tragen hat, zu beneiden, eine Rasse, die erst ihre Geschichte anfangt, die nicht erdrückt ist von tausendjährigen Ueberlieferungen. Es hat schon seine Vorzüge, derart unbeschwert, unbelastet durch die Welt zu gehen. Kleine Kulturgaben, so rührend dargebracht, sollte man mit besonderem Wohlgefallen in Empfang nehmen. Ich denke dabei an eine Erzählung von Schalom Asch, wo zum Zadik vom Dorf gerade der schriftunkundige Knabe ausgerufen wird, der, als die Gebetekstasen in der Synagoge den Höhepunkt erreichen, nur durch einen langen Pfiff seinen Gefühlen dem lieben Gott gegenüber Ausdruck geben konnte. ..... Wenn eine Flucht aus der eigenen Rasse überhaupt mit einiger Entschuldbarkeit hingenomfnen werden kann, so könnte es hier bei dem weißen Neger vielleicht der Fall sein. Das Fehlen einer großen Vergangenheit, die Geschichtslosigkeit sozusagen, könnte ihm seinen Entschluß leichter machen. Außerdem war sein Vater ein Weißer, und Neger zu sein, als Neger zu gelten, ist schwer in der höchst unvollkommenen Welt der Weißen. Bittersten Schikanen, Demütigungen beleidigendster Art ist man ausgesetzt. In dem Spottliea, mit dem die weißen Kinder in der Schule ihre farbigen Mitschüler verfolgen heißt es: ״Nigger, Nigger, niemals ausstirbt Schwarzgesicht und Glanzauge“. Ke Natur hat Vorsorge getroffen, daß in keinem Neger Assimilationsjjelüste aufkommen, daß es ihm nicht einfalle, seiner Rasse, seinem Volke untreu zu werden. Aber wenn man durch besondere Launen des Schicksals als weißer Neger auf die Welt gekommen Ist, dann ist die Versuchung groß, als Weißer gelten zu wollen und niemand wird sich das Recht nehmen, auf den Mischling einen Stein zu werfen. Aber der weiße Neger tut es selbst. Mit keinem Wort will er seine Tat beschönigen, oder gar eine Theorie für seinen besonderen Fall aufstellen. Er könnte vieles für seine Rechtfertigung Vorbringen, aber er tut es nicht, vielmehr bezichtigt er sich selbst der Schwäche, des Kleinmutes, ja des feigen Verrats. Welche Reue, welch Geständnis eines verwirkten Lebens, welch stiller Neid denen gegenüber, die das Glück haben in den kämpfenden Reihen zu stehen, in den Reihen deren, die gewillt sind, mitzuwirken an der Geschichte ihres Volkes! Ist das nicht ein Buch, das Juden aufrütteln sollte? Henri Martern aal dem ״Har Bazottm“ Von Walter Roth, Berlin, zurzeit Jeruaalem. Da» Amphi-Theater auf dem ״Har-Hazofim" bei Jeruaalem 11t seinerzeit für die Eröffnungufeier der Hebräischen Universität erbaut worden. Der Riesenraum faßt viele Tausende. Sicher iat es keine Uebertreibung. diesen Platz einen der grandiosesten der Welt zu nennen. Vor dem Betrachter liegt das judlische Gebirge mit seinen Kuppeln und Kegeln aut gebreitet, hinunter bi» zum ״Jam Hamelach dem Toten Meer, das in der Nacbmittagstchwüle bleiern daliegt. Die Luft in Palästina ist derartig klar, daß man auf Entfernungen von einigen 100 Metern schätzt, was in Wirklichkeit Dutzende Kilometer entfernt liegt. Erst in dieser einzigartigen Landschaft versteht man, warum gerade hier, wo FemstlJegendes greifhar nahe scheint, jüdische Propheten und Religionsschöpfer anderer Völker wirken konnten. Erfüllung ethischer Ziele, Erziehung der Welt zu den Ideen des Friedens und der absoluten Gerechtigkeit, — dem. nüchternen Betrachter unendlich entfernte Ziele —■ nur m dieser Luft konnten sie unmittelbar greifbar erscheinen. Die Musik dieser Landschaft, das graugelbe Gebirge, das Tote Meer in der Tiefe, der dunkle Strich des Jordans in der Ebene unten, die Berge Moabs als Hintergrund, all dieses ergibt eine großartige Symphonie für das Auge und es gehörte für den Geiger Martsau ein gewisser Mut dazu, seine Kunst in den Wettkampf mit dieser Musik treten tu lassen. Eine riesige Menschenmenge war nachmittags zum Konzert hinauf gekommen. Teilweise ist das einheimische Publikum mit Kissen und Decken ausgerüstet erschienen, denn die harten Betonbänke des Amphi-Theater» sind keine sehr bequeme Sitzgelegenheit. Unter den sehr zahlreichen Touristen au» aller Herren Länder bemerkt man u. a. Felix und Max Warburg; fast all# offiziellen Persönlichkeiten Jerusalems sind anwesend. Kurz vor Beginn des Konzerts erscheint das ״Nariw eljon", Lord Chancellor, in Begleitung von Herbert Bentwich, das Orchester intoniert — wie bei derartigen Gelegenheiten üblich — ein paar Takte des ״Good save the King“ und unserer ״Hatikwah", während das Publikum sich erhebt. In einiger Entfernung vom Amphi-Theater hat sich eine Gruppe Beduinen hingesetzt, die dem Konzert zuhören. Nach einigen Minuten, während de* Bach-Konzert», scheint es ihnen jedoch langweilig zti werden und sie verlassen unter lauter Unterhaltung den Platz. Marteau beginnt mit Bachs E-Dur-Konzert. Das Orchester setzt sich im wesentlichen aus Schülern eines Tel-Awiwer Konservatoriums zusammen, denen einige Berufsmusiker sich zugesellt haben. Im •11gemeinen hält sich das kleine Orchester ganz tapfer, nur im Blech gibt es einige Störungen und besonders die Hörner haben noch viel zu lernen. Bach liegt Marteau außerordentlich gut. Er beginnt mit gewaltigen Strichen, spielt (vorsichtshalber) di« Tutti mit. Die Akustik < trist«״taf■' *jnT'־־Ri**1ptal1 »elbrtvursWiidlfel» 1rtefct»*-$leiclu»*Sigr1;־m־ allgemeinen aber recht gut (und könnte durch Aufstellung von Holzwänden vielleicht noch verbessert werden). Eine Einheit zwischen der Landschaft und der Musik des Meisters der ״Kunst der Fuge” stellt sieh ein. Die großen Linien des Konzerts des Thomas-Kantors fügen sich in die Linien dieser heroischen Landschaft. Das engelhafte Adagio, von Marteau wundervoll phrasiert vorgetragen, versehwebt in seiner einfachen Frömmigkeit über dem judäiseben Gebirge, auf dessen Boden auch die Religion erwachsen ist, ohne die Bachs Werk unvorstellbar ist. Beim nächsten, einem Mozart-Konzert, ist die Einheit zwischen dem Bilde vor uns und der Musik nicht mehr recht herzustellen. Es ist schwer, sich von dem Landschaflsbildo zu abstrahieren und sich auf die Kunst des Rokoko umzustellen. Mozarts Werk, da» ohne intimen Rahmen immer zerflattert, zudem von Marteau etwas akademisch und trocken vorgetragen, wirkt nach dem Bach schwächer, zumal der Künstler durch das Schüler-Orchester etwas gehemmt ist. Diese Hemmung wird dann beim Vortrag des Beethoven-Konzerts, das weniger ״Konzert“ als ״Symphonie mit obligater Violine“ ist, noch fühlbarer. Die Pauken, deren charakteristisches ״pp.''-Anfangsmotiv ganz verloren geht, tun nachher des Guten etwas zuviel, die Holzbläsor kommen ein bißchen ins Stottern und beim Blech geht ae ohne einige Entgleisungen nicht ab. Aber es bleibt doch ein starker Eindruck des unvergleichlichen Werks. Man erzählt, Marteau habe mit großer Liebe mit dem Orchester zusammen studiert und man sieht dem Künstler mit dem iugendlich-grauen Kopf die Freude an, wenn seine Arbeit Erfolg hat. Die Abendsonne vergoldet das judäische Gebirge, als Marteau mit dem unbeschreiblich innigen Adagio und dem ausgelassenen Rondo abschließt. Ein Ansturm der Tausende auf die bereitstehenden Autos und Autobusse setzt ein: nicht alle finden Platz, viel« ziehen es vor, den Weg zur Stadt hinunter zu Fuß zurückzulegen. Vor uns liegen die Mauern, Kuppeln und Türme Jerusalems, die Altstadt und der Kranz der neuen jüdischen Garten-Vorstädte ausgebreitet. Nach der Symphonie fürs Auge, die der Blick nach Osten erklingen ließ, nach diesem Konzert, das deutsche, klassisch« Musik auf dem historischen Boden unseres Volkes lebendig machte, erklingt nun, beim Blick nach Westen, die schönste und unvergleichlichste — di« Symphonie dieser heiligen Stadt, während die Sonne über Mizpah versinkt. Leopold von Wiese, Allgemeine Soziologie als Lehre von den Beziehungen und Bezienuitgsgebilden der Menschen. IJ. Teil: Gebildelenre. München 19Ä. Duncker & Humblot. 9,50 M. Der bekannie deutsche Soziologe gibt in diesem Bande die Lehre von den sozialen Gebilden; er analysiert das Wesen der ״Masse“, der ״Gruppe“ bis zu den festorganisierten Ordnungen des Staates und der Kirche. Dagegen hat er die ״biologischsozialen Kollektiva“, also auch Volk und Nation, ausgeschaltet, weil er hier noch nicht genügende Klarheit (über die biologische Seite) zu haben glaubt. Dies ist natürlich gerade für jemand, der vom Aspekt einer nationalen Anschauung an das System heran* eht, eine wichtige Lücke, dennoch bietet auch schon dieser and eine Fülle wichtiger Erkenntnisse über die Beziehungen des Menschen zu den Kollektiva und über die inneren Gesetze des Gruppenlebens, Besonders interessant dürfte für die Leser dieser Zeitung sein, daß Wiese in dem Kapitel über die Gruppe ausführlich Arnold Zweigs ״Caliban“ zitiert, dessen Termini ״Differenzaffekt“ und ״Zentralaffekt“ er für seine Untersuchung akzeptiert. Wieses Buch empfiehlt sich zum Studium allen, tue auch der Politik geordnetes Denken zugrunde zu legen lieben. k. Im Juni-Heft der ״Neuen Bücherschau" wird ein umfassender Essay von Leo Trotzki erscheinen, der sich mit dem Problem Demokratie-Diktatur auseinandersetzt.

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