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Jüdische Rundschau · 1929-05-28 · Heft 41 (28.5.1929) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 41 (28.5.1929)
Date
1929-05-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 256 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 41, 28. V. 1929 Wieder an die Arbeit Von unserem palästinensischen Korrespondenten. A. Q., TeJ-Awiw, den 2. Mai 1929*). Zu Purim fing es an. Eigentlich schon vor Purim. Denn schon einige Zeit vorher galt ei, ״Esther Hamalkah“, die Schön* heitsköitigm von Tel-Awiw, zu wählen und sich für die mannigfachen Umzüge und Volksbelustigungen bereit zu machen. Und seit diesen Tagen ist es im Lande und vor allem, in Tel-Awtw, nicht mehr still geworden. Der normale nüchterne Ablaut des Lebens und der Geschäfte ist unterbrochen und fast ersetzt durch eine lange Reihe von Festen, Jubiläumsfeiern, Zusaramenkünften und Konferenzen. Ueber jedes dieser Ereigniss einzeln zu berichten, würde Spalten verlangen. Einige jedoch, die besonders bedeutsam und charakteristisch sind, verlangen ihre Würdigung. An erster Steile ist die Grundsteinlegung für das Haus des Keren Kajemeth in Jerusalem zu nennen. Es ist das der Beginn jenes Gebäudes, das in Zukunft alle nationalen Institutionen des Landes, den Keren Kajemeth, den Keren Ha• jessod, die Jewjsh Agency und die Knesseth Jisraei aufnehmen soll. Bisher waren alle diese Büros gewissermaßen auf der Wanderung. Sie waren in verschiedenen Mietshäusern untergebracht, die ihren Zwecken nur schlecht entsprachen. Mit beschränkten Mitteln arbeitend, mußten sie sich mit primitiven Bedingungen begnügen, ohne festen Grund und genügende Behausung. Jetzt soll das anders werden. Und der Keren Kaiemetb, dieser Grundstein der Arbeit im Lande, ist der erste, der daran geht, sich ein Heim zu schaffen, an das alle anderen sich dann anschüeßen können. Im ganzen Lande hat man diese Feier herzlich begrüßt und sie als einen echten Festtag empfunden und als eine gute Vorbedeutung für die zukünftige Arbeit. Das Festder״zwelte״Alija h“, das 25jährige jubiläam der Einwanderung von 1904/05, war eine echt palästinensische Feier. Die Zusammenkunft von Tausenden und Tausenden von Arbeitern ln Petach Tlkwah, jener Kolonie, in der vor 25 Jahren die Nachfolger der ״Bilu“ zuerst Arbeit suchten, wurde zu einem Tag der Erinnerung und des Rückblicks über die letzten 25 Jahre der Kolonisation. In diese Periode fallen alle großen Ereignisse der eigentlich zionistischen Geschichte. Von der ״Eroberung der Arbeit“ bis zur Bildung der ersten Kwuzah und weiter zum Moschaw, zur Arbeit auf den Chausseen und in den Städten, zur Schaffung von Genossenschäften und Organisationen. Da» Fest in Petach-Tikwah ver• einte die Arbeiterschaft in Ihren verschiedenen ״Schichten“, die ״Alten“ von 1904 mit denen von 1919 und weiter bis zur vierten und den ersten Vorläufern der fünften Alijah, auf die das Land jetzt wartet. Den Abschluß der Peßachwoche bildete das zwanzigjährige Jubiläum der Stadt Tel-Awiw. So wie in Petach• Tlkwah die ältesten Pioniere mit den jüngsten zusammenkamen so feierten in der ersten jüdischen Stadt die Gründer gemeinsam mit den Kindern. Alles, was ln den Mauern der Stadt, geboren war, zog ln einem großen Zuge zur Ausstellung hi; aus, wo die Gründer Tel-Awiws sie empfingen. Eine besond/ Note erhielt der Festakt dadurch, daß der Dlstriktsg׳_” verneur, Sir Campbell, eine hebräische . spräche hielt. Den Höhepunkt des Festes bildete die des ersten in der Stadt geborenen Kindes, eines Bursch zwanzig Jahren, des Führers des Kinderzuges. Hier wn״€nen paar Sitzen alles zusammengefaßt, was in den ve. * j zwanzig Jahren hier entstanden Ist: Von Kinder.I: Schulen bis zu Jugendorganisationen, Klubs und 11".n <״״,׳״_. wirtschaftlichen Dingen ganz zu •chweigen. Man zwd Freuden und Siegen an sich vorüberziehen, ein Ueberblick, der zeigt, daß überall große und gute Arbeit geleistet worden ist und — noch unendlich viel zu Fun übrig bleibt. Nach Ausgang der Peßachfeiertage und dem Schluß der Ausstellung kehrt Palästina und vor allem Tel-Awiw, wieder zu seiner gewohnten Arbeit zurück. Vielleicht mit einem Gefühl der Erleichterung, weil manch einer diese Masse der Feste und Veranstaltungen als übertrieben empfindet. Und man geht mit einem guten Gef ü hl zur Arbeit zurück. Denn die Perspektlvcn sind so vertrauenerweckend, wie sie seit längerer Zeit nicht mehr waren. Der Kongreß wird allem Anschein nach eine Periode einleiten, in der größere Mittel brettere und bessere Aktionen gestatten. Die wirtschaftliche Lage im Lande ist zufriedensteuend. In Kürze werden neue Einwanderer erwartet. Vielleicht hofft man nicht auf eine Entwicklung in großen Sprüngen, aber man setzt seine Kräfte daran, eine normale und stetige Vorwärtsbewegung zu garantieren. Das ist ein bedeutsames Ergebnis der schweren letzten Jahre, das sich auch in der starken Festesstimmung bemerkbar macht und für die kommende Arbeitsperiode Gutes hoffen läßt. Prot. Rappard Aber das Mandatsystem Von unserem Berichterstatter. K-y, Genf, 23. Mai. Das Schweizer Mitglied der Ständigen Mandatskommission, Professor William Rappard, sprach am 16. d. M. in Zürich, auf Einladung der dortigen Ortsgruppe der Schweizer Vereinigung für den Völkerbund über die völkerrechtliche Bedeufung der Kolonialmandate. Einem_ im ״Journal de Genfeve“ veröffentlichten, ausführliehen Bericht über diesen Vortrag entnehmen vdr folgende interessante Einzelheiten: Der Redner schilderte zunächst in der ihm eigenen, fesselnden Weise die Vorgeschichte des Mandatsystems, wobei er einige Bemerkungen der Entstehung des Artikels 22 der Völkerbundsatzung widmete. Präsident Wilson hatte im Jahre 1918 noch keinen festen Plan, welches Schicksal den von Deutschland und der Türkei eroberten Kolonien und kleinasiatischen Landteilen zuteil werden solle. Man war sich bloß darüber klar, daß diese Kolonien und Länder weder von den siegreichen Eroberem annektiert noch ihren früheren Besitzern wiedererstattet noch, schließlich, selbständig erklärt werden können. Erst in Paris lernte Präsident Wilson die Ideen General Smuts — des eigentlichen Erfinders des Mandatsystems — kennen und machte sie sich gleich zu eigen, da er in der Kontrolle des Völkerbundes über die Verwaltung der Mandatsgebiete eine Machtsteigerung für diesen erblickte. Artikel 22 der Völkerbundsatzung wurde nachher vom Sekretär Lloyd Georges In einem biblischen Stil, der den Wilsons imitieren sollte, verfaßt und in die Satzung einverleibt. Die Verteilung *) Wegen Raummangel verspätet. der Gebiete erfolgte jedoch — mit Ausnahme eines kleinen Teiles Ostafrikas, das an Belgien abgetreten wurde — ganz im Einklang mit dem durch die Erobernngen geschaffenen status quo. , " , In seinen weiteren Ausführungen erläuterte Professor Rappard, wie die Ständige Mandatskommission das Recht der Kontrolle des Völkerbundes über die Verwaltung der Mandatsgebiete in Wirklichkeit umsetzt. Trotz großer Schwierigkeiten, die sich auf den ersten Blick einer solchen Kontrolle in den Weg stellen — die Zusammensetzung der Kommission ist keine ideal-unparteiische, die Kommission muß ihre Kontrolle von weitem, auf Grund schriftlicher, durch die Mandatarmacht geleiteter Informationen ausüben, die Kommission ist bloß ein beratendes Organ des Rates usw. usw. — hat die Praxis sehr gute und ernste Resultate ergeben. Dies Ist hauptsächlich den moralischen Faktoren zu verdanken, die hier, wie überhaupt im ganzen Werk des Völkerbundes, eine wichtigere Rolle spielen als die materiellen. Wenn es auch theoretisch möglich wäre, daß die der Kommission vorgelegten Berichte und Informationen ad usumdelphini zu bereitet wären, so sind doch praktisch solche Machenschaften ganz ausgeschlossen, da erstens die Mandatarmacht dadurch sich selbst eine Blöße geben würde, und zweitens die Wahrheit doch früher oder später zum Vorschein/kommen müßte. Es ist ja bekannt, daß in jedem demokratisch regierten Lande die parlamentarische Opposition sich ev^tueller Skandale in den Kolonien gleich als Waffe gegen di*Regierung bemächtigt und sie öffentlich zur Sprache bringt. Die Geschichte des XIX. Jahr- Hunderts beweist diese Tatssehe zur Genüge. Deshalb ist es auch sehr wichtig, daß in den Landern, denen Mandate anvertraut wurden, ein liberales und die Kontrolle der öffentlichen Meinung nicht beeinschränkendes Regierungssystem vorherrscht. Man könnte sich, zum Beispiel, bet der heutigen Lage, kaum ein italienisches Mandat vorstellen. Seit dem Tage übrigens, an dem der Hohe Kommissär Palästinas (Herb״"* Samuel im Jahre 1924) es als riehtig erachtet hat, peinlich vor der Kommission zu erscheinen und ihr seine v^waltungsmethoden auseinanderzusetzen, ist das Verhältnis der Mandatarmacht und dem Kontrollorgan des VölHbundes ein viel engeres und intimeres geworden, da a־׳h die anderen Mandatartnächte diesem Belspiel folgten. Die Zuständigkeit der Kommission als Kontrollorgan wurd hierdurch durch die Mandatarmächte vollständig anerkannt. Brief aus Rumänien ■agung des zionistischen Oberrates. Innerjüdische . Differenzen. h. Bukarest, den 12. Mai 1929. Die seit einem Jahre inaugurierte Vereinheitlichung der zionistischen Arbeit in Großrumänien im Wege des zionistischen Oberrates macht immer stärkere Fortschritte. Die letzte Sitzung des Oberrates am 9. und 10. Mai in Bukarest hat sich vor allem mit der Tar buthar beit in Rumänien beschäftigt. Es bestehen offizielle Versprechungen von seifen der gegenwartigen Regierung, daß sie aas der jüdischen Bevölkerung bisher angetane Unrecht in Schulträger! wiedergutzumachen gedenkt una neben der Reaktivierung von hebräischen StaatsvolKssehiilen und Gymnasien auch das wichtige Desiderat zu erfüllen beabsichtigt, nämlich die ■Errichtung eines staatlichen Lehrerseminars mit hebräischer Unterrichtsspräche für die Heranbildung eines geeigneten Lehrerstande«. Der zionistische Oberrat hatte nun die Aufgabe, nicht nur das Programm fftr dieses, LehrefSeininar vorzubereiten, .sondern auch endgültig festzustellen, welches unsere wichtigsten Schulforderungen sind. In eigenen Sitzungen, an denen sich auch die Vertreter der Tarbuthorganisationen beteiligten, wurden alle einschlägigen Fragen besprochen und das Material für den offiziehen Schritt bei der Regierung vorbereitet. Viel wichtiger noch ist die Tatsache, daß diese Tagung des zionistischen Oberrates es versucht hat, die Führung der allen Provinzen gemeinsamen Tarbuthaufgaben einer Zentralstelle zu übergeben und auf diese Weise das Chaos zu beheben, das bisher immer wie* der durch isolierte Aktionen der einen oder der anderen Tarbuthstelie bei den verschiedenen Regierungsdepartements hervorgerufen wurde. Freilich wird nicht nür der gute Wille von seiten der Regierung, sondern vor allem auch eine große eigene Selbstdisziplin notwendig sein, um die begonnene Arbeit erfolgreich zu Ende zu führen und damit der zionistischen Erziehungsarbeit neue Aspekte zu eröffnen. Die Vorbereitung für die Wahl von Vertretern in die e rweiterte Jewlsh Agency schreiten rüstig vorwärts. Die bei der Sitzung des zionistischen Oberrates erstatteten Berichte lassen erkennen, daß die Verhandlungen mit den jüdischen Gemeinden schon sehr weit gediehen sind, wenn auch nicht von überall formelle Zusagen vorliegen, so ist kaum anzunehmen, daß sich eine führende jüdische Gemeinde finden könnte, welche sich der Aufforderung, an der Wahl der nichtzionistischen Mitglieder für die Jewisn Agency teilzunehmen, entziehen wird. Dies gilt ln gleicher Weise für Altrumänien, für die Bukowina und Beßaraoien und auch in Transsylvanien dürften sich neben dem Bund der neologen Gemeinden auch die wichtigsten orthodoxen Gemeinden an der Wahl für die Jewislt Agency beteiligen. Die Wahlen werden voraussichtlich im Laufe des Monates Juni stattfinden. In politischer Hinsicht werden die Verhältnisse in der rumänischen Judenheit immer mehr verworren. Mit der Bildung des jüdischen Parlamentsklubs haben die nationalen Tendenzen, die in der Judenschaft der drei angeschlossenen Provinzen vorherrschend waren, auch unter den Juden des Altreiches festen Fuß gefaßt. Ueberall entstanden jüdisch-nationale Gruppen. Dies hatte zur Folge, daß die ״Union rumänischer Juden“, welche bisher in Altrumänien die Führung der jüdisehen Politik innehatte, ihrerseits Anstrengungen machte, um ihre Tätigkeit auch auf die neuen Provinzen, wo sie bisher fast gar keine Bedeutung hatte, auszudehnen. Die Folge ist selbstverständlich eine starke Zuspitzung des Streites, scharfe Kampfartikel auf beiden Seiten und die Tendenz, sich immer tiefer In den aufreibenden Kampf zu verbeißen. Daß dieser Kampf gewissen Elementen eine willkommene Möglichkeit bietet, auf eigene Faust sogenannte jüdische Politik zu machen, ist eine traurige Begleiterscheinung dieses Kampfes. Ebenso auch die Tatsache, daß immer mehr Juden sich in verschiedene rumänische Parteien einschreiben und meinen, auf diese Weise besser zu fahren. Es ist für den etwas Fernerstehenden nicht ganz verständiieh, warum nicht zwischen den beiden großen kämpfenden Gruppen im Interesse einer gemeinsamen starken politisehen Vertretung Frieden geschlossen weiden kann. Vielleicht liegt der Hauptgrund Im starken Mißtrauen, von dem gewisse nationale Kreise gegenüber der ״Union rumänischer Juden“ erfüllt sind. Die Tatsache, daß die ״Union rumänischer Juden“ jahrelang als politische Organisation nationale jüdische Politik gemacht hat und dies trotzdem nicht zugestehen wollte, daß sie erst seit ganz kurzer Zeit die Notwendigkeit einer nationalen Politik zugibt, mögen wohl die Quellen dieses Mißtrauen» sein. Hierzu kommt noch eine starke persönliche Gegensätzlichkeit zwischen manchen leitenden Personen auf beiden Seiten, die gleichfalls bisher eine Annäherung verhindert haben. — Aber diese Schwierigkeiten sollen und müssen im Interesse einer konsequenten jüdischen Politik in Rumänien aus dem Wege geschafft werden. Denn nur durch eine große einheitliche, jüdisch-politische Organisation kann es verhindert werden, daß mit jeder Regierung eine andere ״politische Garnitur“ von luden von gleichfalls ״nationalem“ Charakter die leitenden jüdisch politischen Steilen besetzt, daB so jede Kontinuität in der jüdischen Politik aufhört, und der Kampf um die Durchsetzung der jüdischen Forderungen immer wieder von neuen begonnen werden muß. Deshalb glauben wir, daß der Friede doch endlich kommen muß. Bemerkungen Alexander Goldstein, der •1! Sendbote des jüdischen Nttienalheims die Länder des fernen Osten bereist hat, erslnlte, daß anlißlich seiner Anwesenheit in S ü d au st r a 1 i e n der dortige anglikanisch• Bischof in der Kathedrale seines Amtsbezirks einen Bittgottesdienst für das Gelingen des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina •veranstalten ließ. Diese Nachricht mutet« nur in solchen Ländern wio ein Wunder an, in denen man gewöhnt ist, Ausbrüche des Judenhasses tu erleben. Im Grunde genommen ist wohl kein historisches Ereignis der letzten Zeit in höherem Maße imstande, die Phantasie auch von Unbeteiligten zu befruchten, wie die Tatsache der Wiedererrichtung der neuen jüdisehen Gemeinschaft im alten Lande der Verheißung. Prophezeiungen der Heiligen Schrift drängen sich ins Bewußtsein, sinnfällig wird das Walten der historischen Gerechtigkeit offenbar. Aus dieser Stimmung heraus ist es wohl zu erklären, daß auf dem Kongreß der Union der Völkerbundsligen in M a d r i d die argentinische (niebtjüdische) Völkerbundsliga einen Antrag cinbracht«, daß England großzügige Schritte zur Schaffung und endgültigen Befestigung des jüdischen Nationalheims unternehme. Dio argentinischen Freunde des jüdischen Volkes vertagen zu diesem Zwecke die Auflegung oiner Anleihe im Betrag von vielen Millionen Pfund, deren Tilgung durch Besteuerung der Juden in allen Ländern der Welt erfolgen soll. Die Union der Völkerbundsligen —- die bekanntlich private Vereine, keineswegs von den Regierungen autorisiert sind —, wurde von den Argentiniern aufgcfordert, den argentinischen Antrag dem Völkerbunde und England mit der Empfehlung zu übergeben, daß der darin entworfene Plan verwirklicht werde. Selbstverständlich steht die Zionistische Organisation diesem gut gemeinten Antrag« fern. Es erübrigt sich, auf seinen Inhalt einzugehen; die Feststellung genüge, daß er vorläufig unzeitgemäß ist. Immerhin ist er ein Beweis dafür, in welchem Maße die Sache des jüdischen Nationalheims dazu beiträgt, der Phantasie Nahrung zu geben und zwar unklare Vorstellungen, die kaum ernsthafter Prüfung standhaften, zu erzeugen, aber doch auch Anzeichen, daß nichtjüdische Gruppen heute das Bedürfnis empfinden, daß in langen Jahrtausenden dem jüdischen Volko angetane Umecht gutzumachen. Aus Lemberg kommt die Nachricht, daß dort im Alter von 71 Jahren Nathan von L8׳w*nst«in gestorben ist. An diesen Namen knüpfen sieh vielfältige Erinnerungen. Löwenstein war jabrelang der Führer der polnisch-jüdischen Assimilation im österreichisehen Galizien. Sohn eines aus Deutschland nach Lemberg gekommehen Predigers, Sehwjegertohn de» **eidisten g*Hziiehah Juden, Samuel von Horowitz, mit großen Gaben des Geistes und mit irdischen Gütern ausgestattet, war Nathan Löwenstein «weifeljos ein• der interessantesten jüdischen Persönlichkeiten des alten Oesterreich. Mit unerbittlicher Unversöhnlichkeit bekämpfte Löwenstein die zionistische Bewegung. Unvergeßlich bleiben die Geschehnisso anläßlich der Reichsratswahl in Drobobycz im Jahre 1911, bei der Nathart Löwenstein in dem verstorbenen zionistischen Führer Gerson Zipper einen Gegenkandidaten hatte. Nathan Löwensteih wurde von den polnischen Behörden unterstützt. Der zu seinen Gunsten geübte Wahlterror führte am Wahltage zu einem Blutbade, als dessen Opfer viele Tote und Schwerverletzte, Juden und Ukrainer, auf der Streck« blieben. Angesichts dieser blutigen Vorfälle verzichtete Nathan Löwenstein auf da» durch Mord an Llnschuldigen erlangte Mandat und stellte sich nochmals zur Wahl, bei der er wieder gewählt wurde, da dio meisten oppositionellen Wähler wegen des wieder in Aktion getretenen Terrors der polnischen Verwaitungsbehörden sich an der Wahl nicht mehr beteiligten. Die Drohobyezer Wahl bedeutete den Höhepunkt aber auch aen Abstieg im Leben Nathan von Löwensteins. Im Kriege spielte er bereits eine geringe Rolle; in der neuen polnischen Republik gelang es ihm, zur polnischen Nationalversammlung ein Mandat zu erwerben, doch dann wurde er samt seinen assimilatorischen Gesinnungsgenossen von der demokratisch-zionistischen Bewegung aus der jüdisch-politischen Arena verdrängt. Zum letztenmal trat er öffentlich als Verteidiger im Steiger-Prozeß auf. Zu spät versuchte er, durch ein starkes Bekenntnis zu den modernen jüdischen Strömungen Anschluß an das neue politisch-jüdische Leben zu finden. Das gelang ihm nicht. Sein Tod ruft die wechselvoll• geschichtliche Entwicklung des galizischen Judentums ins Gedächtnis, die lange Zeit mit seinem Namen verbundon war. M. W, Jüdische Kommunisten als Pogromisten Lemberg, 13. Mai. (J.T.A.) In dem Städtchen Ustrzykl-Dolne in der Nähe von Sambor drang abends ein Trupp jüdischer Kommunisten in das städtische Bet- und Lehrhaus, wo Bachurim dem Talmud-Studium oblagen, und veranstaiteten einen regelrechten Pogrom. Die Bachurim wurden blutig geschlagen und hinausgeworfen, die Inneneinrichtung wurde zerstört Die Thorarollen wurden auf den Boden geworfen und zerrissen. Aus den Bücherschränken wurden die religiösen Bücher herausgeholt, zerrissen und angezündet. Um den Scheiterhaufen herum standen die Kommunisten, sangen die Internationale und schlossen mit den Rufen: ״Nieder mit der Religion, nieder mit der Sklaverei, es lebe die Freiheit!“ Hernach wurden Tische und Bänke zerhackt und die Fensterscheiben elngeschlagen, Am Morgen darauf versammelte der Rabbiner, die Gemeinde la dem zerstörten Lelir- und Bethaus und veranstaltete einen Hesped, wobei er gegen die Schänder den religiösen Fluch aus der ״Tochachah“ (Apokalypse) sprach. Heute, Montag, wurde ein Gemeindefesttag abgehalten. In ganz Galizien herrscht große Erbitterung gegen die kommunistischen Schinder. Der Oemefridevoreitzenae erhielt einen Drohbrief, in dem Ihm der Tod angedroht wird, weil er sich an der Trauer- und Fluch-Zeremonie in der Synagoge beteiligt hat. Die Polizei hat eine Untersuchung eingeleitet. Zahlt und sammelt den Schekel!

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