Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 39-40 (24.5.1929)
- Date
- 1929-05-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39/40, 24. V. 1929 Man könnte mit derselben Eleganz, derselben Fülle von Material genau das Gegenteil beweisen. Fine Aufgabe, die eines griechischen Rhetors würdig wäre. Ein Aischines oder Lysias könnte ebenso gut nachweisen, daß die einzig logischen, staatsmäßigen, rationalen, künstlerischen Elemente in der Kultur Judäas enthalten sind, während Hellas weder Staat noch Ord* nung, nicht Rat und nicht strenge Form gekannt hat. Hat nicht Philo ״bewiesen“, daß Platt» ״mosaisiert“? Gedanken sind noch immer vogelfrei. Und was ist ein Wort ״flatus unus et praeterea nihil“. Aber wenn ein Jude, der sogar ein Zionist zu sein vor* gibt, sich zu derartig absurden und -- den Antisemitismus bejahenden oder beschönigenden — Sätzen verssteigt: ״Ainsi le julf, seul Semite que ja civillsatloti chretienno connaisse, provoque la repulsion ou ja crainte, ou la haine 011 le tmtpris universel. Le plienoinfene psychoiOgique ne peilt s’cxpliquer que par le sentiment de tont etrC sain en nresence de quelque chose de maladif, d’incomplet“, wenn ein ״Denker und Kämpfer“, wie der naive M. de Monzic ihn nennt, derartige _ lächerliche Behauptungen aufstellt, 60 ist es ein Beweis: die jüdische Seele ist krank. Krank an — Größenwahn. Weil ״Selbstverdummung“ und Leidensekstase auch bloß eine Form der Ich-Ekstase, ein orgiastischer Scclentanz. — vor dem Schreine — ist. Aber vor einem Schreine, der leer Ist. Ich weiß, es ist in jüdischen Kreisen nicht ״bon ton“ von Taufen und Täuflingen zu reden. Es ist ein wunder und heikler Punkt. Es ist eine peinliche Frage, die man lieber sein ließe. Aber ist es nicht an der Zeit, diese eigenartige Scheu, diese ״Phobie“ zu überwinden — und auch an diese Frage unerschrocken und, soweit wie möglich, unvoreingenommen heranzutreten? Nicht das Theologische, sondern das Psychische ist von Relang, nicht der Akt des Glaubens oder Unglaubens, sondern die Attitüde der jüdischen Seele, die eine Abkehr vorn Judentum und eine Bekehrung zu einem anderen Glauben begleitet und bestimmt. Es liegt vor mir ein kurloses Buch — mit einem merkwürdigen litel: ״Mol, Julf“ Oeuvre Posthume (Ich — der Jude, ein posthumes Werk), und der Autor trägt den gut*jüdischen Namen Schwöb, Rene Schvvob. Wie ich höre, ist es ein Vetter des berühmten, vor einigen Jahren verstorbenen französischen Schriftstellers Marcel Schwöb, eines der feinsten Stilisten der französischen Literatur. Marcel Schwöb (Meyer-Andrö-Marcel) war Jude. Aber das Judentum hatte für ihn keinen Lebenswert. Es glitt an ihm vorbei. Er hatte keine Beziehung zum jüdischen Problem — nicht einmal eine negative. Der jüdische Intellektuelle der vergangenen Epoche. Und seine Stellung zum Religiösen ist ln den Worten ausgedrückt, die In seinem ״Livre de la Monelle“ schrieb: ״Und wisse, die Götter sind von einem Tag, für einen Tag.“ Aber — der jüngere Schwöb, der Vetter, kann nicht mehr am Judentum gleichgültig Vorbeigehen. Er muß zu Ihm Stellung nehmen *- leidenschaftlich, ekstatisch, ich möchte betnahe sagen: orgiastlsch. Seine Seele tanzt wieder um den Schrein herum, aber In wütendem Takt. Und dann wendet er sein Gesicht vom Schreine ab — und tanzt sehnsüchtig, mit ftusgebreiteten Armen und demütigem Schritt dem ״neuen Schrein“ entgegen. Er sucht — Glauben. Ep sehnt sieh nach dem Mysterium, und findet ihn im Judentum nicht, im Judentum das er kennt, dem Judentum der Mittelmäßigen, der Zufriedenen. Er sieht, der Schrein ist von Philistern gefangen. Leiden, das Geheimnis der Wett, der Tod und die Erneuerutig — all die uralten Motive des Glaubens werden für ihn brennende, persönliche Fragen. Das Judentum bietet ihm keine At1t#orf — und « sicht sie!»*“•dem fMWanlfel des Katholizismus: ״Ein posthumes Werk“ nennt Rdnd Schwöb sein Werk, und schickt ihm eine merkwürdige Einleitung ״Ein« Notiz über den Toten“ voran, Nicht er, Rene Schwöb, ist gestorben. Er Ist der Literat geblieben, der ־־׳׳ war, bloß der Jude in ihm Ist gestorben. Aber ist aucn ein Christ geboren? Ich zweifle. Und ich glaube, die französischen Geisthen, die ihm dreimal die Taufe verweigerten, waren von einem untrüglichen Instinkt geleitet. Der ״gestorbene“ Jude R6ni Schwöb ist kein lebendiger Katholik geworden. Und mag er noch so sehr für die Sakramente und Mysterien der Kirche schwärmen, sich noch io ekstatisch gebärden, noch 60 rührselig über seinen neuen Glauben reden — es ist der Literat, der in Phrasen schwelgt, nicht der Gläubige, der sich in Demut seinem Gott gibt. Es ist der Jude — der von seinem mystischen Schrein flieht, und doch in dessen Kreis gebannt ist. Und ist es nicht bezeichnend, daß derselbe ״tote Jude“ auf einmal in Entzückung gerät darüber, daß es ״Israel beschieden war, die Wiege des Christentums zu sein“? Und es scheint mir — nicht der Christus der Konzilien und der Kirche — lockt ihn, sondern der Christus, wie ihn vielleicht die Phantasie der alten Elionitfiit oder Urchristen in feurigen Farben sich malte, d, h. das Judentum in einer mystischen, symbolischen, dichterischen Verklärung. Schwöb zitiert den französischen Dichter Andre Gide, der an ilm eine frage gerichtet hat: ״Ich verstehe nicht, wozu Sie eigentlich Christus anerkennen müssen,“ Gide versteht es nicht, ich auch nicht, und am altefwenigsteil Schwöb, Er mußte auch nicht. Er wollte es, Weil er zu träge war, neue Wege für sich zu suchen, weil er zu wenig geistige und seelische Kraft hatte, allein zu stehen — in Zweifel und Verzweiflung, allein mit dem ״DeuS ignotus“ —weil er keinen Mut zum Judentum hatte, * Schwöb und Kadmi-Cohn fliehen, jeder nach seiner Weise, vor dem alten Schrein. Aber mitten nt der Flucht treffen sie einen, der den entgegengesetzten Weg beschritten hat: den Christen Ahne Palliere, der sich zum Judentum bekehrt hat. Eine der interessantesten Erscheinungen unserer Zeit. Kätholik, Urfranzose, Romane — fühlt sich PalliÖre wie von einer unentrinnbaren Notwendigkeit *um ״Unbekannten Schrein“ hingezogen. Nach langen seelischen Wanderungen trifft er den Livornoer Mystiker Elia B e n a m 0 z e g h , der ihm das Wesen des Judentums offenbart. Und das ist: Priestertum. Die Religion der Humanität ■ der ״NdacliisntUs“ *■- das ist das Judentum In seinem Weltaspekt. Aber es hat noch ein eigenes, jüdisches Gesicht: der Judaismus, als Disziplin, als Priesterberuf. Ein Schrein innerhalb eines Schreines. Und die Wisser vom inneren, die Führer des Mysteriums, sind die — Juden. Judentum ist also mehr als ererbte Lehre, als Nationalgut. als historische Tatsache — es Ist ein ewiges Ringen um und mit Gotf, es ist der schwere Weg der seelischen Priesteischaft. Und nur der Geweihte kann in das Innere hlneitidringen. * Wieder steht der uralte Schrein im Mittelpunkte. Ob es nur» eia Kampf für Ihn oder gegen Ihn ist, ein Ringen um seinen Besitz öder um seine Zerstörung: David ist es, der den Tanz wagt Und wenn auch Michal ihn darob verspottet. JUEDISCHE RUNDSCHAU Aus dem neuen Band der B über-Bibel Gottes Antwort an Sanhcrib (II Könige ig, 31—38) Dich verachtet, dich verspottet die Tochter Zion, die Maid, hinter dir her schüttelt das Haupt die Tochter Jerusalem: Wen hast du gehöhnt, hast du geschmäht, gegen wen erhobst du die Stimme, trugst überheblich deine Augen empor? Gegen den Heiligen .lißraels! Den Herrn liest du durch deine Boten gehöhnt, du Imst, gesprochen: Ich bin‘«, der mit der Menge meiner Reiter erstieg die Erhebung der Berge, des Libanons Flanken, nun rode ich den Mochwuchs seiner Zedern, die Erlesenheit seiner Zypressen, nun komme ich in die Naelitliiilte seines Randes, in den Busch seines Gartenhags, — ich bin’?, der fremde Wasser erbohrto und trank, nun trockne ich mit meinen Sohlentritten allen Flußlauf Aegyptens! IInst du cs nicht gehört: von fernher hohe das ich bereite!, von Urlngen ich es gebildet!? Kommen ließ ich es jetzt: dn wurdest, uimvehrfo Sliidtc nicflnrzuk rachen, nun wüste TrümmenviUlc, daß ihre Sassen, kurz von Arm, verschreckt zuschanden werden, sind Kraul des Feldes, grünend Gras, Daehbinse: Versengnis vor dem Halmwuchs! Ich kenne also dein Sitzen, dein Fahren, dein Kommen und dein An Hoben wider mich: weil du wider mich auftoBst und dein Ungestüm in meine Ohren steigt. lege ich meinen Haken in deine Nase und meinen Zaum in deine Lippen und heiße dich helmkehren auf dem Weg, den du gekommen bist. Du vor«t*!1*t»{Je Stil dt fit dem in diesen Ta?*n «r8ehiene1*en fienen Btfid J&Smfe“ der Bibel Uebersetiunf? von Martin Bebet und Frans Rosfnsweif (Verla* Lambert Sehn-idur, Berlin) entnommen. WeKbflrgertam and Nationalstaat Die Theorie des Nationalismus ist in den leisten Jahren etwas in den Hintergrund getreten, nachdem der Weltkrieg für Europa einen ungeahnte« Grad der Erfüllung nationalstaatlicher Aspirationen gebracht und zugleich die Schwierigkeiten der gerechten Durchführung des Prlnrins erwiesen hat. Aber gerade im Judentum, dessen nationale Ziele noch unerfüllt sind, muß die. Frage des Nationalismus auch weiter eine Rolle spielen. So.sehr heute nur noch völlig beschränkte Assimilanten die Tltsa« 'der lüdfienetf''Nitfeff Leugnen IliHfen', so ist doch gerade für uns Ziönistei* der moralische Sinn des Nationalismus dn zentrales Problem. Da ist es willkommen, daß «ln Buch, das ln der Vergangenheit vielen deutschen Zionisten tHeeretisches Rüstzeug geliefert hat, In neuer Auflage soeben erschien: ״Weltbürgertum und Nationalstaat. Studien zur Genesis des deutschen Nationalstaat• s.“ Von FriedrichMeinefkef/. Auf!., Verlag R. Oldenbourg, München). Meineckes Buch ist für uns besonders in Seinem ersten Teil wichtig, der eine Geistesgeschichte des deutschen nationalen Gedankens Im 19. Jahrhundert gibt und dadurch überhaupt in das Wesen des modernen Nationalismus einführt. Daß dies aus dem Spannungsverhältnis zwischen Weltbürgertum und Nationalstaat, also *wischen Universalismus und Nationa- Hstmis entwickelt wird, erhöht gerade für uns Juden das Interesse! denn die ganze jüdische Geschichte ist eine Auseinandersetzung dieser beiden Tendenzen, und der jüdische Nationalgedanke in seinen höchsten Aeußcrungen ist durchaus unlversalistisch. Bei Meinecke können wir auch lernen, wie der moderne Nationalismus aus Zwei geistigen Wurzeln, Aufklärung (Rationalismus) und Romantik (Irrationalismus) entstanden Ist, wobei sich uns gleichfalls viele Analogien für das Verständnis der jüdischen Nation,׳tlbewcgurtg des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts dafbkten. Meineckes Arbeit ist nach ihrem ganzen Charakter eine historische Monographie, die sich mit der Eigenart des behandelten Spezialfalles mehr als mit allgemeiner Ideenlehre zu befassen hat. Aber gerade daß aus diesem Speziellen das Allgertieitigültige hervorleuchtet, gibt dein Buch den Wert. Eine Fülle wichtigster Kenntnisse zum Verständnis nationaler Probleme wird jeder ans diesem Buch schöpfen. Und in der Unterscheidung vön ״Kulturnation" und ,.Staatsnation“, die Meinecke an den Anfang stellt, liegt auch der Keim eines fruchtbaren Gedankens für die Zukunftsgesfaltung, der über die rein nationalstaatliche Konzeption hinaus zu einer wahren Befreiung der Nationen führen kann. I. Die Rothschilds Egon Conto Coftl: Das Haus Rothschild in der Zeit seiner Blüte 1830—1871. Mit einem Ausblick in die neueste Zeit. Irtselveriag zu Leipzig, 14 M. Dem vor einiger Zeit an dieser Stelle ausführlich gewürdigten ersten Bande von Corti’s Buch ״Das Haus Rothschild“ ist nach kurzer Zeit der nicht minder bedeutsame, mit gleicher Sorgfalt und Genauigkeit gearbeitete 2. Band gefolgt. Er führt die Geschichte des Hauses Rothschild bis zum Frieden, der den deutsch-französischen Krieg im Jahre 1Ö71 beschloß, Auch dieser Band leuchtet tief hinein in die Kulissengeheimnisse der internationalen großen Po!i(ik. Die Bemühungen der Brüder Rothschild um den Weltfrieden, ihr Kampf mit den großen Gegnern Napoleon 111״ Cavour und Bismarck, bilden besonders interessante und aufschlußreiche Kapitel itti Siegeszug dieser Dynastie, Dem jüdischen Leser wird besonders die niemals ermattende Teilnahme der Rothschilds an jüdischen Dingen interessant und lehrreich sein. Ein Schlaglicht fällt auf die große Wandlung in der Stellung der Rothschilds zum Zionismus. Der alte Amschel Meyer, der sich zeitlebens von Politik rnögliehst fern hielt, wollte, wie bekannt und Wie kürzlich wieder in Oelbers ״Vorgeschichte des Zionismus“ dargestellt wurde, im Jahre 1845 von dem Vorkämpfer des Zionismus Bernhard Berend und seinen Plätien nichts wissen. — ja, er ging so weit, den Ankauf eines zur Ansiedlung von Juden bestimmten Landgebiete® für ״Stuß“ zu erklären. Auen die Rolle, welche die Rothschilds zu Merzls Zeiten spielten, zeigt, daß die vortlebtt• Seite m s ך...—.—.■—■■״-.-.-.. —.—.....-.- gen Kaufleute sich der Zukunffsweife dieses Gedankens mtf schwer öffneten. Es ist der einzige Edmund Rothschild, der Bruder des Pariser Bankiers Alfons, der für die jüdische Kolonisation in Palästina tatkräftig eintrat. — Am Schicksal desj jüdischen Volkes In der Diaspora jedoch haben die Roth-: schilds immer innerlichen Anteil genommen. Wie sie einst; Oesterreich wegen seiner judenfeindlichen Maßnahmen bm-1 kottierfen, so haben sie auf dem Berliner Kongreß durch die Vermittlung Disraelis, der den Brief eines Rothschild dem Kongresse vorlas, ״im Namen der Humanität und der Zitrillsation“ für die mißhandelte Judenheit im Osten Europas in den neuerrichteten Balkanstaaten gewirkt. Lionel Rothschild war im Verein mit Sir Moses Montefiore der eigentliche siegreiche Vorkämpfer der Judenemanzipation in England. Aber als Lioner Rothschild am 18. März 1869 der Einweihung des Lundoner jüdischen Tempels beiwohnte, da rief er in seiner Rede aus: ״Wir sind emanzipiert; allein, wenn die Emanzipation uns im Glauben erschüttert hätte, wäre sie für uns ein Fluch statt ein Segen.“ - Durch die vorzügliche Ausstattung, die der Inselverlag dem Buche gab, wird diese erste dokumentarische Geschichte der Rothschilds ein in jeder Hinsicht wertvolles Prachtwerk. Bath Htliel. Jüdische Philosophen Ueber Henri Bergson wurde jüngst, nachdem er de« Nobelpreis erhalten hatte, viel geschrieben.^ Man soll aber das Erscheinen eines neuen Buches von ihm in deutscher Ueber- Setzung nicht unter dem Gesichtswinkel der ״Aktualität“ begrüßen; wie wenig bekannt dieser vielleicht bedeutendste Philosoph unserer Zeit in Deutschland ist, zeigen die beschämend niedrigen Auflagenziffern in dem Prospekt des Verlags Lnedericlis. Vielleicht bietet das neue Buch, das leichter zu lese« und auch für gebildete Laien ohne weiteres verständlich ist, eine Gelegenheit, Bergsons Philosophie In weitere Kreise zu fragen. Das Buch heißt ״Die seelische Energie“ (Übersetzt von Eugen Lerch, Verlag Diedcrichs, Jena, 6RM.) und ist der erste Band einer Sammlung von Aufsätzen, die sich über viele Jahre verteilen. Sie behandeln Probleme der Psy־- chologle wie das Verhältnis von Leib und Seele, Traum. Be* wußtsein und Leben usw. Allem Denken Bergsons liegt der Glaube an eine seelische Energie zugrunde, die auf schöpfe* rischen Entwicklung im Leben treibt. Kurt Singer hat in seinem Essay über Bergson gezeigt, daß sich hier eine bestimmte Form jüdischen Erlebens, der dem Juden eingeborene Dualismus, in tiefer Deutung manifestiert. Irrationalismus und Intuition sind durch Bergson wieder als Prinzipien der Erkenntnls entdeckt worden in einem Zeitalter, das 1m Rattonalismus zu verkümmern drohte. Das neue Buch ist gerade aast Einführung in Bergsons Philosophie sehr tu empfehlen. Ein anderer jüdischer Philosoph, dessen geistige Wurzel«, nach seinem eigenen Wort, ln Jerusalem und Griechenland zu suchen sind, Karl Joel, läßt (bei J. C. B. Mohr in Tübingen) ein grandioses werk ״Wandlungen der Welt«»* Bchauus׳'' In Lieferungen erscheine« (Subskriptionspreis 70 Pfennige pro Druckbogen). Der erste Band liegt komplett vor. Es Ist eine Geschichte des abendländischen Denkens, die die Weltanschauungen aus dem Zeitgeist und In Verbindung mit der jeweiligen Weltlage und Weltgeschichte begreift, als ״GeUtes-Stlle“, die einander dialektisch erzeugen. Diese Betrachtungsweise, die von der Polarität von Freiheit und Bindung ausgeht, ist vielleicht 8Uch als yldlsch zu chärakterisieren. Das Buch entwickelt eine« solchen Reichtum, •ine so fesselnde Fülle von denkerischen Gestalten und wirft füj Vergangenheit und Gegenwart so viele Probleme auf, daß eine eingehendere Darstellung nach Beendigung des Ersehe!• nens des ganzen Werke!. noch folgen muß, Meute seien mir diejenige« Leier, die das Wesen und Werden des abendtadlsChen'Gifstes־ wirklich tief ־erschaue« woHen; auf dieses —• Überdies prachtvoll geschriebene — Werk eines Juden verwies*. Literarische Nachrichten Heinrich Heine, Memoiren. Herausgegeben von Herbert E u 1 e n b e r g. 700 Seiten mit 22 Bildern. Rembrandt*Verlag, Berlin-Zehlendorf, 14 M. Herbert Eulenberg hat aus Heines Schriften alle atrtobio* graphisch zu wertenden Stücke herausgesucht, zusammengestelll und in Kapiteln geordnet. Wenn auch Heine seine eigentlichen Memoiren aus erzwungener Rücksicht auf seine Familie vernichten mußte, bleibt noch immer Material genug, und das Buch, schön gedruckt und vorzüglich ausgestattet, Ist nicht nu! eine amüsante Lektüre, sondern auch eine unerschöpfliche Fundgrübe köstlicher Gedanken, Satiren und Stimmungen. Ein Zeltbild und zugleich ein dichterisches Werk, das man lieben muß, auch wenn man schon etwas kritische Distanz hat. Ein richtige! Jude spricht hier, man empfindet Heines Jude-Sein und die Atmosphäre des zeitgenössischen Judentums ganz greifbar. S. 10Ö ist ein Irrtum unterlaufen, indem als ״Sabbatfeier“ eine Schilderung des Sederabends gegeben wird. Aeußcrungen übe! Judentum sind S, 181 ff. zusammengestellt. Eulenberg gibt leider die Quellen der einzelnen Stücke nicht an, er will dar Buch wirklich so gelesen wissen, als ob es zusammenhängend• Memoiren wären. Dies geht etwas zu weit. Auch Eulenberg( Vorwort trifft nicht ganz den rechten Ton. Aberdas Buch selbst wird vielen den Menschen Heine nahebringen, es wird die Liebe finden, die es verdient. Ml Soeben erschien in hebräischer Sprache im Verlag ״Dwir“ in Tel-Awhv der erste Band von Dubnows ״weltge* schichte des jüdischen Volke 5“, die bekanntlich zuerst in deutscher Sprache im Jüdischen Verlag, Berlin, erschienen ist, Die Ucbersetzung besorgte Baruch Krupnik unter Mit- Wirkung des Verfassers. Zum zehnten Todestag von Gustav Landauer gaben Hugo Bergmann und Hans Kohn eine Broschüre in hebrii sch er Sprache heraus (Tei-Awiw, Verlag Hapoel Hazair, Preis 30 Mils 60 =־־ Pfennig). Das Heft enthält außer Aufsätzen der beiden Herausgeber (darunter ,.Gustav Landauer und A. D. Gordon“ von Hugo Bergmann) ein Stück auf B u b e r s ״Heiligem Weg“, ferner mehrere Briefe Landauern, Bibliographie usw. Es Ist dies die erste größere Publikation über Landauer in hebräischer Sprache. — Die vorzügliche Zeitschrift ״Das werdende Zeitalter“ (Kohlgraben bei Vacha, Rhön), auf die wir besonders alle pädagogisch interessierten Leser aufmerksam machen, hat ihr Mai Juni- Doppelheft gleichfalls dem Andenken Gustav Landauers gewidmet, Aus dem reichen Inhalt des Heftes erwähnen wir Beiträge von Martin B u b e r (״Erinnerung an einen Tod“), Friedrich von Unruh, Elisabeth Rotten (der Mitherausgeber!» der Zeitschrift), sowie eine ganze Reihe von Stücken aus Li«- dauers Schriften, vorwiegend solche über pädagogische Fragen, Auch der übrige Teil des Heftes entspricht dem Range der Zeitschrift, die sich durch Geschlossenheit der Gesinnung auszeichnet. Das Zagreber ״Morgenblatt“ bringt am 18. ds. Mts. einen großen Artikel von Dr. Lavoslav Sik über ״Religionen und Sekten in Jerusalem“, worin in interessanter Weise die verschiedenen Gemeinden charakterisiert werden. Der Verfasser kommt zu dem Resultat, daß sich bei den einzelnen Gruppe» ein gemeinsames Heüaatsgeiühl entwickelt, das Jerusalem wirklich zu einer Stadt des Friedens mach* wird.