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Jüdische Rundschau · 1929-05-24 · Heft 39-40 (24.5.1929) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 39-40 (24.5.1929)
Date
1929-05-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 256 JOCmSCHE RUNDSCHAU Nr. 39/10, 24. V.!929 Literatur'Blatt Literatur zur zionistischen Ideologie Von Hans Kohn , Jerusalem. Die Literatur über das Wesen und die Geschichte der zionistischen Ideologie ist verhältnismäßig arm. Eine zusammenfassende Darstellung liegt nur in dem Buche Adolf Böhms über die Geschichte der zionsitischen Bewegung vor. In diesem heute schon klassischen Buche, von dem eine neue Auflage dringend zu wünschen wäre, tritt aber die Darstellung der zionistischen Ideologie in ihren verschiedenen Strömungen nicht in den Mittelpunkt. Es handelt sich darin viel mehr um eine Geschichte der Zionistischen Organisation und ihrer Bedeutung, als um eine Darlegung der gedanklichen Grundlagen der Bewegung. Auch über die einzelnen zionistischen Denker gibt es kaum befriedigende Monographien. Eine vorzügliche Schrift über Achad Haam von Dr. Moritz Bi 1 es ki, die im Jahre 1916 erschienen ist, gibt eine, wenn auch vom gegnerischen Standpunkt aus geschriebene, so doch verständnisvolle und vorbildlich faire Darstellung der Lehre Achad Haams. Eine neue Auflage dieser Schrift, in der etwa in einem Anhänge die wenigen, aber wichtigen Aeußerungen Achad Haams von 1920 Ws 1922 dargestcllt würden, wäre dringend erwünscht, und das Kartell jüdischer VerWndungen in Deutschland, das diese heute vergriffene Schrift vor dreizehn Jahren herausgegeben hat, würde sich durch die neue Ausgabe ein Verdienst erwerben. Es ist heute allgemein üblich, das Unbequeme, Beunruhigende und Eigenartige der Lehre Achad Haams in ihrem scharfen Gegensatz gegen den politischen Zionismus zu verwischen und Achad Haam in einen politischen Zionisten mit der Zugabe hebräischer Kultur umzuwandeln. Demgegenüber gebührt Dr. Bitesids Schrift das hohe Verdienst, Achad Haam gerecht zu werden, ohne vielleicht immer die ganzen Hintergründe der Lehre Achad Haams auf engem Raum darstellen zu können. Auch gibt Dr. Bileski dem Standpunkt des politischen Zionismus, den er vertritt» eine glückliche und maßvolle Formulierung. Aus dieser Armut der zionistischen Ideologie-Literatur heraus ist es zu begrüßen, daß der letzte, 24. Band der Zeitschrift ״Hatekufah“ zwei wichtige Darlegungen über die Lehre Achäd Haams um! über A. D. Gordon enthält. In der Fülle des Reichtums, de» sie enthalten, wirken die Sammelbände dieser Vierteljahrsschrift, die heute der Sammelpunkt hohen Niveaus der neuen hebräischen Literatur und Publizistik sind, fast etwas z u räch. Auch erscheint die Anordnung des Stoffes zu mechanisch und die Zierleisten, für die der künstlerische Berat« der Buchausgabe verantwortlich ist, erinnert! an lange vergangene Jahrzehnte. Die zwei Aufsätze zur Geschichte der zionistischen Ideologie, von Dr. Jeeheskd Kaufmann über Grundanschauungen Achad Haams und von S. Rawidowicz über Aron Dawid Gordon, vermitteln än tieferes Verständnis der Gedankenwelt dieser beiden, für die Entwicklung des zionistischen Gedankens entscheidender Denker. Dr. Kaufmann weist in seiner Abhandlung darauf hin, daß in Achad Haam sich ein realisttscher Positivismus in der theoretischen Welt mit einem radi- .:fattai sittlichen Idealismus in der praktischen Welt vereinigt. Häufiger sind gerade im 19. Jahrhundert die Verbindung von einem erhabenen Idealismus, zu dem man sich bekennt, mit einem praktischen positiven Materialismus, demgemäß man handelt. Man bekennt Ideale, die zu dem Bedauern des Bekenners nicht in Wirklichkeit umzusetzen sind, Ideale, die Gegenstand von Festreden sind und denen die Handlungen nicht entsprechen, Achad Haam geht dagegen in seiner Theorie von nüchternen Wahrheiten aus, die er als historisch bedingt und evolutionär entstanden ansieht, aber sie verlieren für ihn auf Grund ihrer relativen Entstehung nicht ihre absolute Gültigkeit als verpflichtende Normen. Achad Haam setzt den Prozeß der Haskalah fort. Er enttheologisiert, er verweltlicht das Judentum. Es ist ihm nicht mehr göttliche Weisung, sein Ursprung liegt in biologischen und soziologischen Entwicklungsgesetzen. Das jüdische Volk ist ihm ein organisches Lebewesen, das nach der Lehre Darwins und seiner Zeit vom Selbsterhaltungstrieb beherrscht wird und sich im Daseinskampf zu bewähren hat. Aus diesem Selbsterhaltungstrieb und aus dem Daseinskampf, also aus natürlichen biologischen Antrieben, sind die großen geistigen Schöpfungen des jüdischen Volkes hervorgegangen. Aus diesen Trieben entsprang auch die jüdische Renaissancebewegung in den letzten Jahrzehnten. Diese Lehre Achad Haams von dem biologischen Ursprung des Judentums wurde später die Grundlage jener Lehren Berdyczewskis, Brenners und anderer, die sich gegen Achad Haams Auffassung des Wesens der jüdischen Renaissancebewegung erhoben. Seine Auffassung führte Achad Haam dazu, im Judaismus zwar eine im Lebenskampf natürlich entstandene Kraft zu sehen, aber zugleich auch jene Kraft, die die Existenz des Judentums und seinen Sieg im Lebenskampf verbürgte. Dieser Jqjfoismus bestimmt ihn den sittlich-geistigen Charakter Israels. Soll die Existenz Israels gesichert werden, muß im Judentum seine innere Kraft im Lebenskampf als die Bürgschaft seiner Existenz wieder aufleben. Die Neigung zum Sittlich-Geistigen, die den jüdischen Volkscharakter bildet — das ist der Volksgeist. Die sittliche Idee des Judentums und das national-sittliche Ideal, das in ihr wurzelt ־— sie bilden das Wesen des Judentums. Das allmenschliche Ideal der Gerechtigkeit, der Wahrheit und des messianischen Reichs sind die nationalen Grundlagen des Lebens des jüdischen Volkes. Das jüdische Volk kann sich von diesen allmenschüchen Grundlagen nicht entfernen, ohne seine nationale Existenz zu gefährden. So ging schon zur Zeit der Propheten Allgemein-Menschliches und Nationales im Judentum in unlöslicher Verbindung zusammen. Achad Haam will das prophetische Judentum wieder aüferwecken. Gleichgültig ist, wo der Ursprung dieses prophetischen Judentums zu suchen ist. Als Norm für das jüdische Volk behält es seine unbedingte Geltung. Daher ist die Aufgabe der nationalen Bewegung in der Judenheit die Wiedergeburt des prophetischen Judentums. Dr, Jecheskel Kaufmann ist es in seinem Aufsatz gut gelungen, diese Grundgedanken der' Achad Haamschen Lehre herauszuarbeiten und sie in ihrem inneren Entwicklungsgange aufzuzeigen, wenn er auch den Gegensatz, der zwischen der frühen Periode Achad Haams und seiner späteren besteht, überschätzt. Achad Haams Lehre hat stets eine Einheit gebildet, wenn sich auch immer wieder, da er kein System gegeben hat, sondern seine Aufsätze aus dem Tageskampf heraus geschriebe!» sind, Widersprüche in seinem System finden, die aus den Notwendigkeiten der Polemik zu erklären sind. Es Ist zu bedauern, daß Achad Haams Arbeit noch immer dem zionistischeu Publikum, das nicht hebräisch liest, nur in Auszügen zugänglich ist und daß selbst die große deutsche Uebersetztmg, die der Jüdische Verlag begonnen hat, noch heute unvollendet ist. Achad Haams Lehre wurzelt in Ihrem theoretischen Teil in der Aufklärung, in ihrem praktischen überwand sie aber die Aufklärung und ging auf die geistigen Zusammenhänge des Judentums vor der Aufklärung zurück. Das Judentum, um das es sich bä Achad Haam handelt, war das ewige Judentum der Jahrtausende. Die Probleme, vor denen er stand, die Not, die er zu lösen suchte, waren die gleichen, die das Wesen des Judentums ausmachen und es in alten Jahrhunderten seiner Existenz bedrängt haben. Achad Haams großer Gegenspieler war Berdyczewski, der das Judentum der Jahrtausende zerstören wollte und es doch nie vermochte. Beide, Achad Haam und Berdyczewski, waren Kinder des Geistes, die zu einer eigentlichen Lebensformung niemals vorstießen, Das nächste Geschlecht, das ihnen folgte, suchte die geistigen Zusammenhänge, die Achad Haam und Berdyczewski gelehrt haben, zu lebensmäßiger Macht zu gestalten: A. D. Gordon und Joseph Chaim Brenner; Gordon war der wahre Schüler und Weiterbildner Achad Haams, Brenner der Berdyczewskis. Sie stellten, wie eine Generation vorher Achad Haam und Berdyczewski, die beiden ewigen Pole dar, um die das geistige Schicksal des Judentums sich bewegt. Brenner leugnete alles Judentum. Er verkörperte den radikalen Abfall von der geschichtlichen Berufung des Volkes, die ewige Revolte des heidnischen Lebensdranges gegen die Last der Aufgabe. A. D. Gordon dagegen war der Erbe der jüdischen Geschichte. Auch für ihn wie für Achad Haam war das Judentum eine religiös-sittliche Anschauung( Auch ihm war es das prophetische Judentum, zu dem es zurückzukehren galt. ״Unsere ganze Kraft“, so schreibt er in ״Beschaah su“, ״ob wir nun wollen oder nicht, liegt nur im Geiste, schon aus dem einfachen Grunde, weil wir keine andere Kraft haben. Aber die Kraft des Gästes haben wir. Durch diese Kraft und nur durch sie bestehen wir bis zum heutigen Tage. Groß ist die Kraft des Geistes dort, wo es einen lebendigen Geist gibt, viel größer als die Kraft der Faust. Zeuge davon ist jedem seine lebendige Seele, so weit sie lebendig ist.“ Worin Gordon über Achad Haam hinausgeht, ist diese Betonung der Lebensfülle des Geistes. Auch für Achad Haam handelt es sich um einen neu belebten Geist, aber bei Achad Haam ist der Geist noch immer eine Abstraktion, etwas, das neben dem Leben, über dem Leben, es erhöhend und vertiefend, einhergeht. Bei Gordon wurde der Geist die große treibende Kraft, die altes Lebendige umfaßt, die altem Lebendigen sieh verbündet, die nichts aus ihrem Wirkungsbereich ausschließt und die gerade das Alltäglichste, das einfache Leben, die Arbeit sucht und in ihr sich ausdrückt. S. Rawidowicz hat in seiner Abhandlung über Gordon sehr schön aufgezeigt, wie Achad Haart auf den geistigen Zusammenhang des Judentums vor dem Einbruch der Aufklärung zurück- ‘griff .l«ä.die ..K0|ti«miti|’i^:;gästigen׳ wieder hergestejli hat. . A." D;:Öi6!1d(*1 Jial. darüber hitt»» aal;<lpvtebeidigen,; Gemein■»׳ schaftsgäst, der das Judentum vor der Aufklärung erfüllt hat, zurüekgegriffen und damit den tebensmäßigen Zusammenhang mit den Geschlechtern vor der Aufklärung, und wie Rawidowicz richtig hervorhebt, mit den ersten Geschlechtern des Chassidismus hergestellt. So kam es, daß Gordon auch nicht vom Kampf des Daseins, nicht von dem Kriege aller gegen alte und dem Beharrungstrieb in diesem allgemeinen Kampfe ausging, s&ndem von dem schöpferischen Gehalt der menschlichen Seele, von ihrem Wunsche zu wachsen und sich zu weiten, nicht von einem Kampf oder einer Abhängigkeit gegen andere und äußere Umstände, sondern von dem inneren Leuchten und Leben, von der in sich selbst geschlossenen und aus ihrer Einheit heraus brüderlich verbindenden menschlichen Seele. Diese individuelle Lehre der menschlichen Seele übertrug Gordon auch auf das Volk. Wie es galt, vollkommene Mensehen zu schaffen, die sich in ihren gegenseitigen Beziehungen durch die Gesetze der Sittlichkeit und Hilfsbereitschaft leiten lassen, so galt es, ein solches Volk zu schaffen: ״Am-Adam“, das wie ein guter Mensch nach sittlicher Vollkommenheit und nach einem sittlichen Zusammenleben mit anderen Völkern streben soll. Es gab für ihn im Völkerleben keine anderen Moralgesetze, als im individuellen Leben. Der Aufsatz von Rawidowicz, der darunter leidet, daß er mit Zitaten und von der Sache ablenkenden Hinweisen beschwert ist, die vor allem in einer Uebersetztmg wegfallen müssen, hat das große Verdienst, die Grundlinien Gordonschen Denkens, die oft bei PBK JAW■■ Wie bei den letzten Kongressen wird auch dieses Mal wieder •In vollständiger Verhandlung* - Bericht in der offiziellen Kongreft-Seltung erscheinen. Wir legen den größten Wert darauf, daß möglichst alle Leser der ״Jüdischen Rundschau“ die Kongreßzeitung bestellen und dadurch, auch wenn sie nicht persönlich am Kongreß teilnehmen können, eingehend über den Verlauf der wichtigen Tagung informiert werden. Wir werden demnächst eine direkte Abonnementsauftorderung an alle unsere Abonnenten richten und die Einziehung der Bezugsgebühren in Höhe von RM. 3,25 für die vorgesehen«! 12 Kongreß-Nummern durch Nachnahme ankündigen. Wir rechnen mit Bestimmtheit darauf, daß unserer Abonnementseinladung Folge geleistet werden wird und bitten unsere Leser, uns darüber hinaus in den ihnen nahestehenden Kreisen bei der Propagierung der Kongreßzeitung zu unterstützen und uns Abonnements aufzugeben. VERLAG ״JÜDISCHE RUNDSCHAU•1 BIRLIN W13, Mainekestraße 10 Gordon selbst durch manche UmuIäagfkMrdfetf der Formulienuig und durch viele Wiederholungen verdeckt sind, Idar herausgearbeitet zu haben. Die monistische Bewegung wird die Bewußtseinskrise, in der sie sich befindet, nur data überwinden können, wenn sie sich immer wieder mit den geistigen Grandlagen der Bewegung und des Judentums auseinandersetzt. Es ist daher zu begrüßen, daß der Jüdische Vertag In der neuen Zionistischen Buchgemeinschaft Bücher über das Wesen und die Geschichte der zionistischen Ideologie herausgeben will, teils Originalwerke der zionistischen Ideologie der letzten Generationen, teils geschichtliche Abhandlungen über die zionistische Ideologie, in der sich ihr! Wandlungen und die Stellungnahme unserer Generation kundgeben. Als erstes Buch soll eine Auswahl aus A. D. Gordons Schriften erscheinen, die schon lange im Deutschen vermißt werden und der hoffentlieh eine englische und französische Ausgabe bald folgen werden. Der Tanz um den Schrein Von Dr. A. C 0 r a I n i k, New York. Es hat eine Zeitlang geschienen, der Tänzer wäre ermüdet und der Schrein verlassen. Hat sich David nicht erschöpft? Werden die stärksten, die sehnigsten, die tanzwütigsten Beine nicht auch steif und schlaff? Und Micha! schaute zum Fenster hinaus und sah den König David, wie er tanzte und hüpfte vor Gott, und sie verachtete ihn in ihrem Herzen. Micha! war sicherlich fromm und gottesfürchtig, aber — muß man denn wirklich hüpfen — vor Gott? Muß man immerzu, vor aller Welt bezeugen, daß man Gott verehre? Muß man Frömmigkeit und innerliches Erschauern zur Schau tragen? David schien es begriffen zu haben. Er hat seinen Eifer gemäßigt, er hat sich das Tanzen vor dem Schreine allmählich abgewohnt. Aber — es liegt offenbar im Blut. Er muß seinem inneren Drange gehorchen, Und mag das Bein noch so alt und lahm — und mag Michal noch so spöttisch dreinblicken. Und David tanzt. Für Gott, gegen Gott, dem Schrän entgegen, oder von ihm abgewandt, vor ihm gleichsam fliehend, aber immer in seinem Banne, in seinem Zauberkreis festgehalten. Ein tragischer Tanz, begleitet vom schauerlichen, klagenden Lied des Gebannten: ״Du — Du — immer Du — bloß Du - Du!“ Auf allen Wegen und Kreuzungen steht vor ihm das Rätsel — und er kann inm nicht entgehen. Er ringt mit ihm — und unterliegt im Kampf. Keine Revolte hilft und keine Flucht. Verschrieben mit Haut und Haar, ein Höriger des Herrn. Jakob, der Knecht. Es gibt kaum noch eine Gruppe Menschen, für die das eigene Sein so problematisch sei, weil unzertrennlich verknüpft mit den letzten Fragen des Allseins, wie die jüdische. Was für die übrigen Menschen ein Gegebenes ist — wird für die Juden eine Fragwürdigkeit und ein Problem. Daher das ständige Herumwühlen in den eigenen Eingeweiden, ein geistiges Harakiri, das tagtäglich erneuert wird, murnimgmmii׳י־‘־ -"■י“50־׳• ■ Fragt etwa der Franzose oder der Deutsche immerzu: was bin ich? Wozu bin ich berufen? Was ist meine ״Sendung“. Er ist für sich sein Problem. Er ist eine Gegebenheit, ein ״Sosein“. ״Hier steh’ ich, ich kann nicht anders — Gott helfe mir“. Der jüdische Mensch ist immer von tausend vagen Ahnungen von Andersseins-Möglichkeiten erfüllt. Es ist ihm, als ob er willentlich das sei, was er ist. Und da er in sich die Grenzen überwinden zu können glaubt, staunt er unendlich, brütet er verzweifelt über die Grenze, di$ doch letzten Endes ihm wurde. Und er sucht sich zu erklären, sich vor sich zu enthüllen. Es ist vielleicht Narzissentum. Innenschau ist mit der Selbstverliebtheit, mit der Wonne an Selbstschau psychisch verwandt, wurzelhaft verbunden. Und Juden sind zweifelsohne ein Narzissüsvolk geworden. Mag es auch mit negativen Ergebnissen sein.. Narzissus, der sich im Wasser spiegelt, wen er in seine eigene Gestalt verliebt ist, ertrinkt schließlich doch in dem abspiegelnden Wasser. Und wer weiß, ob ihn auch nicht ein Verzweiflungsanfall ins Wasser getrieben hat. * Narzissenliteratur, Flagdlantenschrifttum. Es liegen vor mir zwei sehr charakteristische Bücher, beide in französischer Sprache, beide von Juden geschrieben, die an ihrem Judentum straucheln und scheitern. Beide — von Mittelmäßigkeiten, von Schriftstellern dritten, vierten, n’ten Ranges. Und dies ist gerade das am meisten Bezeichnende. Nicht der Begabte, der Hervorragende, der Bedeutsame und Bedeutende gibt uns Aufschluß über Stimmung und Richtung der Zeit. Denn jeder geistig Beträchtliche eilt irgendwo seiner Zeit voran, steht abseits, stellt ein abgeschlossenes Schicksal dar. Der Nachäffer aber, Mitläufer, ist das getreue gehenden Trosses. . , . . Wenn ein Otto Weininger, der Jude, sich und seinen Stamm ans Kreuz nagelt, sich und die Seinigen — in der rückwärts verlängerten Linie, aufs blutigste geißelt, so war es e1n_ Einsamer, ein Gipfelkletterer, der sein Herzleid und seine Geistesnot beichtete. Aber wenn ein Dutzendtournalist wie der — offenbar levantinische oder algerische Jude —, Kadmi Cohn, — mit einen! vernichtenden zermalmenden ״J’accuse“ gegen Juden und Judentum auftritt — (in dem Buche ״Nomades, essais sur l’äme juive“, Paris 1929, mit einer Einleitung von dem Exminister A. de Monzle, einem erprobten Juden- und Zionsfreunde), wenn ein so minderwertiger Denker und Stilist es für möglich und zeitgemäß erachtet, seine Schäfte gegen die ״jüdische Psyche“ zu richten, so ist es ein Zeichen: die jüdische Seele, wenigstens im Westen Europas, ist morsch und zermürbt. Orient gegen Okzident — Arier (Nordies würden die amerikanischen Blaufalütigen sagen) gegen Semiten; Orient — Anarchie, Fanatismus des Zerstörens, Irrationalismus, Unlogik, — der Westen: Harmonie, Schönheit, Disziplin, Kunst Logik — Arier — der Ausbund aller Tugenden, die Seßhaften, die Schaffenden. die Semiten: die ewige Wüste, brennende Sonne, Sand; Eintönigkeit, Einförmigkeit, Leidenschaft; Osten und Westen — zwei Extreme, die sich nie treffen, Parallelen, die sich nui gerade schneiden können. Wir kennen zur Genüge alle diese Gegenüberstellungen, diese Oberflächlichkeiten, die sich als Tiefslnnigkeiten geben. Alter Aufguß: Renan und Chamberlain, Goblneau und Spengler, jeder nach seiner Weise, jeder mit seinen Urteilen und Vorurteilen. Und alles so phantastisch aüfgebaut, so hohl! Arier-Semiten, teden-Hellenen, Hellas-Rom-Isracl, bat«! Ausrufungszeichen, Tiraden, dramatische Gesten. Maskenspiele des historischen Gedankens.

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