Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 39-40 (24.5.1929)
- Date
- 1929-05-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 39/40, 24. V, 1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 247 Jüdische Palästina-Beiträge und Palästinas Militär-Etat Ein Artikel des ״ Israelitischen Familienblattes" Die englische Finanzpolitik in Palästina ist van uns wiederholt einer Kritik unterzogen worden. Wir Zionisten sind der Ansicht, daß die Uebcrschüsse des palästinensischen Budgets vor allein für produktive Zwecke des Landes verwendet werden sollen und daß z. B. die Bezahlung alter Staatsschulden in einem so jungen Staate nicht mit überstürzter Eile geschehen muß, sondern sehr wohl auf einen längeren Zeitraum verteilt werden könnte. Auch wurde von zionistischer Seite wiederholt darauf hingewiesen, daß die Kosten des Militäretats in diesem Stadium der Entwicklung von der Mandatarmacht und nicht vom Lande Palästina getragen werden sollten. Es wäre für den palästinensischen Fiskus wichtiger, wenn durch Förderung der Produktion und der Einwanderung der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung des Landes beschleunigt würde, wodurch auch die Einnahmen der Staatskasse sich vergrößern würden. Dies alles sind Fragen, über die in der palästinensischen Oeffentliclikeit debattiert werden kann und die bei Verhandlungen mit der Regierung ins Gewicht fallen mögen. Wer sich ganz auf den Boden des Palästina-Aufbaus stellt, hat gewiß das Recht, das wir für uns in Anspruch nehmen, auch in solchen Einzelfragen seine Meinung zu äußern. Wir dürfen aber nicht verkennen, daß die Sache auch eine andere Seite hat. Vor sieben oder acht Jahren wurde in England eine leidenschaftliche Agitation gegen das Palästina- Mandat geführt, deren wirksamstes Argument war, der englische Steuerzahler dürfe nicht für abenteuerliche Unternelimun* gen im Orient aufkotnmen. Der Ruf ״Räumet Palästina!“ erscholl damals während der englischen Wahlen, und die Zeitungen mit der größten Auflage brachten fast täglich Artikel dieser Tendenz. Die Agitation blieb erfolglos, aber sie wirkte auf die öffentliche Meinung Englands nach. Die Bemühung der Palästina-Freunde innerhalb der englischen Politik ging damals dahin, nachzuweisen, daß die Kosten, die Palästina verursacht, sich ständig vermindern. Diese Freunde hatten ejnen großen Triumph: Im Laufe der Jahre ist es dahin gekommen, daß Palästina sich selbst erhält, wozu zwei Faktoren beigetragen haben: die jüdische Aufbauarbeit und die englische Verwaltung. In der letzten großen Kolonialdebatte im Unterhaus vermochte der Kolonialminister Amery gegenüber den noch immer vorhandenen Gegnern der Palästina-Politik darauf hinzuweisen, daß Palästina der britischen Staatskasse keine Kosten mehr verursacht, sondern sogar den größeren Teil zur Deckung des palästinensischen Militäretats beiträgt. Palästina hat bekanntlich — im Gegensatz z. B. von dem benachbarten Syrien, wo es von französischen Soldaten wimmelt — keine britische Garnison mehr, mit Ausnähme einer Lufttruppe und dem aus Eingeborenen zusammengesetzten, unter englischem Kommando stehenden ״transjordänischen Grenz-Korps“. Diese Abteilungen besorgen den militärischen Schutz des Landes, wobei bei der geographischen Lage Palästinas eigentlich nur das Grenzgebiet zwischen Transjordanien und der Wüste einer militärischen Bedeckung bedarf. Die Gelder zur Deckung dieses Etats werden aus den Einnahmen Palästinas genommen, d. h. aus einem Budget von insgesamt £ 2500000 dienen £ 30 000, also etwas über 1 ״/o, für militärische Zwecke. Nun könnten wir durchaus ver• stehen» daß grundsätzliche Pazifisten! die Immer und jederzeit gegen militärische Ausgaben Einspruch erheben, gegen die Verwendung dieser £ 30000 protestieren. In unserer heutigen Weltordnung ist es vielleicht bedauerlich, aber durchaus normal, daß ein Staatsbudget auch Posten für militärische Zwecke enthält. Sonderbarer- und unverständlicherweise nimmt nun das Hamburger ״Israelitische Familienblatt“ diese Tatsache zum Ausgangspunkt eines Artikels, in welchem die deutschen Juden gewarnt werden, für jüdische Palästina-Zwecke Geld zu geben. In diesem Artikel wird der Anschein erweckt, als ob das von den Juden für den Aufbau Palästinas beigetragene Geld in erster Linie für Englands militärische Zwecke verwendet würde. Diese Darstellung ist in hohem Maße — zumindest —- irreführend. Das von jüdischer Seite gesammelte Geld wird unter ausschließlich jüdischer Kontrolle für kolonisatorische Zwecke verwandt; es wird Boden in jüdischen Besitz gebracht, jüdische Menschen werden angesiedelt, jüdische Schulen und ein jüdisches Sanitätswerk werden erhalten usw. Die jüdische Kolonisationsarbeit ist freilich nur dadurch überhaupt möglich, daß eine geordnete Verwaltung im Lande ist, und öffentliche Sicherheit herrscht. Die im Lande lebenden Juden tragen selbstverständlich als Landesbewohner zu den Kosten des Landesbudgets bei, in der Form von Steuern und Abgaben, die sie entrichten und die in Palästina, wo es keine Einkommen- Steuer gibt, viel geringer sind, als anderswo. Niemals hat jemand, der sich mit der Palästina-Frage beschäftigte, gemeint oder gewünscht, daß es anders sein könnte. Nun aber konstruiert das Hamburger Familienblatt einen angeblichen ״Gewissenskonflikt“ für den deutschen Juden, der durch seine Beiträge für jüdische Palästina-Zwecke die englische Wehrmacht unterstütze. Es ist ein bedauerliches Argument, daß durchscheinen läßt, Beitragsleistung für Palästina bedeute einen Konflikt mit loyalem deutschen Staatsbürgertu m. Die Tatsache, daß Juden durch ihre Steuerleistungen indirekt auch zum Militäretat beitragen, wurde noch niema!s, keinem Lande gegenüber, als ein Argument gebraucht, um die Betätigung jüdischer Solidarität auszuschließen. Mit derselben Begründung hätten amerikanische Juden nach dem Kriege ablehnen müssen, irgendwelche Spenden für jüdische Institutionen in Deutschland zu geben, da ja auch die deutschen Juden durch ihre Steuern indirekt die deutsche Militärmacht miterhalten. Wir haben auch noch nicht gelesen, daß das Hamburger Familienblatt sich gegen Mithilfe deutscher Juden bei jüdischer Aufbauarbeit in Rußland oder in Polen gewehrt hat, weil die dort geschaffenen jüdischen Existenzen auch eine militärische Stärkung jener Länder, die einen unge- ]!euren Militäretat haben, bedeuten. Dabei ist fraglos in solchen Fällen, wenn man überhaupt derartigen absurden Gedankengängen nachhängt, eine Konfliktmöglichkeit näherliegend, als mit Palästina und vielleicht sogar mit dem englischen Weltreich. Und es besteht kein Zweifel, daß bei Palästina unter allen Umständen die Verhältnisse anders liegen als in jedem anderen Land. In derselben Parlamenfsdebatte, auf die sich das ״Familienblatt“ bezieht, hielt der Unterstaatssekretär für die Kolonien Orrasby-Gorc eine Schlußrede, in welcher er die palästinensische Verwaltung gegen den Vorwurf, in Palästina werde zu wenig Englisch unterrichtet, verteidigte. Dabei bezog er sich ausdrücklich auf Weizmanns Ausspruch, Palästina solle so jüdisch werden wie England englisch, und interpretierte diesen Ausspruch — übrigens in Uebereinstimmung mit einer vor Jahren in der ״Jüdischen Rundschau“ gegenüber den bekannten politischen Unterstellungen gegebenen Erklärung — dahin, daß ״die jiidische Kultur in Palästina weder englisch, noch französisch, amerikanisch, polnisch, spanisch oder sonst etwas sein soll, sondern rein jüdisch, und zwar palästincnsichjüdisch“. Diese Tendenz erklärte der Vertreter der Regierung als die maßgebende englische Politik. Palästina ist das einzige Land der Welt ohne JtBindestrich-Judentum“. * Das Hamburger ,,Familienblatt“ stützt sich auf eine Reibe von Zitaten, und zu unserem Bedauern müssen wir feststellen, daß es nicht immer wirkliche Zitate sind. So z. B. wird im Anschluß an die Feststellung, daß Palästina die Hälfte seines eigenen Militäretats deckt, folgender Ausspruch Amervs zitiert: ״In Palästina hatten wir mitunscrerVerwallungviel Glück. In den rrim Jahren unserer Mandatsntisülnmg verfolgten wir eine Politik, die den besten Interessen diente.“ (Sperrungen im Original des ״Familienblattes In Wirklichkeit hat Amery folgendes gesagt: ״In Palästina waren w ir äußerst glücklich in der Wahl unserer Administratoren. In Sir Herbert Samuel hatte Palästina den Vorteil eines Mannes von hohen geistigen Gaben, außerordentlichem Fleiß und völliger Unparteilichkeit, der 111 sehr schwierigen Umständen die Grundlagen eines ganz neuen llegierungssystems legte. Das Werk wurde in bewundernswerter Weise von dein weisen und erfahrenen Soldaten und Administrator Lord I’lumor während einer Zeit von beträchtlicher Schwierigkeit weitergeführl. Sir John Chancellor kam in eine glücklichere Situation. Die ökonomische Depression ist jetzt vorbei, und es gibt Zeichen eines Auflebens auf allen Gebieten. Die Auswanderung hat aufgehört und langsam vollzieht sich (ein Wandel. Es wird manchmal behauptet, daß wir die jüdische Immigration übermäßig eingeschränkt haben. Ich glaube, wenn ich auf die Geschichte der letzten Jahre zurückblicke, daß unsere Polilik, obwohl sie zu Zeiten auf die Ungeduld der I5ctroffenon stieß, in den wahren Interessen sowohl Palästinas als Ganzen als auch der Erfüllung unserer Mandatspflichten gewesen ist.“ Es ist leicht zu erkennen, daß der Sinn der Rede ein ganz anderer ist, als der des gekürzten Zitates im ״Israelitischen Familienblatt“, das niemand anders auffassen kann, als daß Amery mit den ״besten Interessen“ den englischen Geldbeutel gemeint habe. Aber es wäre kleinlich, in eine Polemik um Worte einzutreten. Klar scheint die Gesamttendenz dieses Artikels zu sein, der in dem Moment, wo weite Kreise des deutschen Judentums sich mit anderen jüdischen Kreisen in der erweiterten Jewish Agency zu gemeinsamer Palästina-Arbeit zusammenfinden sollen, diese Aktion zu stören versucht, indem in aufsehenerregender Weise relativ belanglose Tat- Sachen so dargestellt werden, daß der unorientierte Leser den Eindruck bekommt, es handle sich um schwerwiegende Enthüllungen. Diese Art des Auftretens macht es außerordentlich schwer, die Debatte in ruhiger Sachlichkeit zu führen. Wir wissen auch nicht, wie weit das ״Familienblatt“ kompetent ist für die Probleme der palästinensischen Landes- Verwaltung und des palästinensischen Landesbudgets, so daß über Einzelheiten diskutiert werden könnte. Sicher ist aber, daß legitimerweise eine Kritik dieser Art nur von einer Seite ausgehen kann, die sich mit Palästina als Ganzem identifiziert. Die Art wie das ״Familienblatt“ die Dinge behandelt, zeigt deutlich, daß es ihm nicht um Palästina geht, sondern um innerjüdische Polemik. Denn ginge es wirklich um Palästina-Interessen, dann müßten wir im ״Familienblatt“ auch andere Darstellungen lesen, über andere Seiten des Palästina- Problems, die sogar vielleicht für die Geldgeber jüdischer Institutionen von mehr Interesse wären. Wir könnten durchaus begreifen, daß im Rahmen eines solchen permanenten Palästina-Interesses dann auch Kritik geübt wird an Einzelbeiten oder sogar an dem Gesamtkomplex der Politik der Mandatarmacht, sowie dies ja auch wiederholt in zionistischen Zeitungen geschieht. Der Bericht der Joint Palestine Scrvey Commission, der gleichfalls verschiedene Maßnahmen der Regierung bemängelt, kommt bekanntlich zu dem Resultat, daß die Gesamtjudenheit eine Million Pfund jährlich für den Aufbau des jüdischen Heims in Palästina aufbringen soll. Es müßte doch dem Verfasser des Artikels auffallen, daß Juden verschiedenster Länder, denen er doch wahrscheinlich keine Illoyalität gegenüber ihrem Vaterland zumuten wird, die alle Fragen genau studiert haben und wohl auch über die vom ״Familienblatt“ ״enthüllten“ Tatsachen Bescheid wissen, sich rückhaltlos für Palästina einsetzen und in die Jewish Agency einzutreten bereit sind. Die Juden, die das Geld für Palästina wirklich geben, werden immer wieder mit vielem unzufrieden sein, aber sie sind noch nie zu Schlüssen wie den vom ״Familienblatt“ gezogenen gekommen. Wir würden begreifen, daß eine Parteizeitung, die einen einseitigen Standpunkt vertritt, mit allen Mitteln gegen eine ihr unerwünschte Entwicklung arbeitet. Das ״Familienblatt“ wurde aber bisher nicht als solches Parteiorgan betrachtet, obwohl manche Vorkommnisse der letzten Zeit an der Objektivität der Redaktionsführung Zweifel erwecken. Wir können uns dennoch nicht vorstellen, daß die Redaktion des ״Familienblattes“ diese Sache nicht nochmals nachprüfen sollte und sind überzeugt, daß sie dann zu anderen Ergebnissen kommen wird. Das Budget der Knesset!! Israel In den letzten Sitzungen der Leitung des Waad Leumi wurde die Frage der Deckung des Budgets der künftigen obersten Institutionen der Knesseth Israel behandelt. Das Ergebnis der Beratungen ging dahin, daß zunächst für die Deckung des Budgets der Uebergangszeit Vorsorge getroffen werden soll. Die dafür erforderlichen Mittel in Höhe von 4000 Pfund sollen durch eine Umlage von einem Schilling pro erwachsenes Mitglied der Knesseth Israel gedeckt werden. Das Inkasso soll an jedem Ort durch die Gemeinderäte erfolgen. (Ziko.) Die stiiekeisammiimg gern weiter! Die Exekutive bat den Schlußtermin der Schekelaammtnng au! den 12. Juni lest• geeetzt. Alle Schekelabrecknungen müssen daher spätestens bis zum 10. Juni in unserem Besitz sein! — Nächster Schekelausweis am 3i. Mai! Die Landesschekelkommission der Z.V.f.D, Von der hebräischen Universität Das Sommersemester der Hebräischen Universität begann am 12. Mai. Die Räume der Fakultät für Geistes- Wissenschaften, die bisher in der Stadt untergebracht waren, sind auf den Scoptts verlegt worden, und die Vorlesungen werden künftig in dem Hause stattfinden, das das Judaistischc Institut bis zu Beginn des Studienjahres 1028/29 innehatte. Auch der Vorlesungssaal des naturwissenschaftlichen Gebäudes wird dafür benutzt werden. Prof. S. Klein, der seit dem Studienjahr 1926/27 beurlaubt war, übernimmt wieder den Lehrstuhl für Palästinakunde. Prof. J. Obermann vom Jüdischen Institut für Religionswissenschaften in New York wird im kommenden Senieste!• zwei Vorlesungen halten: ״Die Mystik der Bibel“ und ״Geistige Beziehungen zwischen Judentum und Islatn“. Als Assistent Registrar (Assistent des Univcrsitäts-Sckretärs) wurde Herr Gerschon Hey man ans New York für die Dauer eines Jahres verpflichtet. Herr 1 leytnan hat seine Ausbildung auf der Columbia-Universität und im jüdischtheologischen Seminar von Amerika erhalten. (Ziko.)! * New York , 21. Mai. (j.T. A.) 43 hervorragende amerikanisehe Gelehrte, Mitglieder von Fakultäten verschiedener amerikanischer Universitäten und Forschungsinstitute, vereinigten sich zu einem Komitee für Unterstützung der wissenschaftlichen Forschung der Hcbräj s c h e n U n i v e r s i t ä t zu Jerusalem. Der Geologe Professor Julius Fohs, der im Einvernehmen mit Dr. Weizmann die Vorbesprechungen leitete, wurde zum Vorsitzenden des Komitees gewählt Es wurde 11. a. beschlossen, für gewisse wissenschaftliche Departements der Hebräischen Universität ein Jahresbudget von 25 000 Dollar zu sichern. Das Komitee plant die Errichtung einer meteorologischen Station an der Universitat, die dem Mathematischen Institut angeschlossen sein soll. Das Komitee wird sich ferner bemühen, Stiftungen für Sonderinstitute der Universität anzuregen und umfassende wissenschaftliche Bibliotheken dem Bücherbestand der Hebräischen Universität zu sichern. * Die Jüdische National- und Universitäts-Bibliothek erhielt soeben in sechs Kisten die nachgelassene Büchersammlung des verstorbenen Dr. Ernst J. besser, Mannheim. Die Bibliothek enthält u. a. eine sehr reichhaltige Bismarck-Kollektion, ferner viele andere Bücher aus dem Gebiete der Geschichte des 19. Jahrhunderts und des Weltkrieges, ferner eine beträchtliche Zahl wertvoller Werke aus dem Gebiete der Philosophie tmd Volkswirtschaft, darunter Erstausgaben von Kant, Marx und zahlreiche Judaica. — Die Bibliothek erhielt gleichzeitig 20 Bücherkisten — ca. 1500 Bände — den Nachlaß des vor einigen Monaten in Denver, Colo., verstorbenen Gelehrten Charles David S p i v a k. Die Büchersamm- Jung war besonders wertvoll durch eine große Zahl seltener Werke zur Geschichte der jiddischen Sprache, sowie eine reichhaltige Kollektion von Werken neuerer jiddischer Schriftsteiler, ferner zahlreiche alte hebräische Drucke. ״Ohel Sehern“ Das neue Heim für ״Oneg Schabbaih" AG., Tel-Awiw, 16. Mai. In Tel-Awiw ist jetzt ein Haus fertiggestellt worden, das eine völlige Neuheit im Lande darstellt. Es ist ״Ohel- Schern“, ein Heim der hebräischetj Kutfur,*das vor'alftnt“ dem ״Oneg Schabbath“ gewidmet ist. Diese Zusammenkiinfte, deren Initiator Bialik war, sind bereits seit länger als einem Jahre zu einer festen Einrichtung in Tel-Awiw geworden. An jedem Sonnabend kommen hier Leute aus allen Kreisen zusammen, Junge und Alte, Arbeiter und Intellektuelle. Man hört einen Vortrag, singt und tanzt. Bisher waren diese Veranstaltungen an verschiedenen Orten, wo sich gerade Platz fand: in der Aula des Gymnasiums, in einer Musikschule. . Jetzt wurde ein Gebäude eingeweiht, das ausschließlich diesem Zweck des ״Oneg Schabbath“ oder besser gesagt, den Interessen der hebräischen Kultur dienen soll. Das Haus enthält einen großen Saal für die großen Veranstaltungen, einen kleineren für intimere Zusammenkünfte, Klubzimmer und alles was dazu gehört. Auch für eine Bibliothek ist Raum vorhanden. Mit der Bereitstellung dieses Gebäudes beabsichtigt das veranstaltende Komitee des ״Oneg Schabbath“ sein Arbeitsfeld auszuweiten. Es sind Vorträge auch im Laufe der Woche, verschiedene künstlerische und Jugendveranstaltungen geplant, so daß das Haus zu einein Zentrum aller Bestrebungen wird, die sich um die hebräische Kultur sammeln. Aeltnliehe Pläne liegen für Jerusalem vor. Der Stifter des Ge• bäudes, Herr Blum, hat die Absicht, auch dort ein ״Ohel Schern“ einzurichten. — Die Einweihung des Hauses unter Teilnahme Bialiks gestaltete sich äußerst festlich. Eine jüdische Universität in New York? New York, 20. Mai. (J.T.A.) In New York fand in diesen Tagen eine Zusammenkunft statt, in der über die Errichtung einer jüdischen Universität in New York City diskutiert wurde. Der Einberufer der Versammlung, Herr Murry Boxer, teilte mit, daß ein anonymer Geber, ein K a tholik, 200 000 Dollar für die Errichtung einer jüdischen Universität in New York gestiftet habe. Es wird angegeben, daß eine jüdische Universität infolge des herrschenden Antisemitisinus an verschiedenen Universitäten Amerikas notwendig geworden sei. Die jüdischen Organisationen von New York, die erst nach dem Zustandekommen der Versammlung von dem Plan erfuhren, erklären, daß sie der Angelegenheit fernstehen. Die sächsischen Landlagswahlen Bei den letzten sächsischen Landtagswahlen vereinigten ״Nationalsozialisten“, ״Dcutschnationale“ und ״Sächsisches Landvolk“, also ausgesprochen judenfeindliche Parteien, von insgesamt 2 768 283 Stimmen 491 677 Stimmen auf ihre Kandidaten. Dabei ist hervorzuheben, daß die Nationalsozialisten 133 792 Stimmen erhielten, während sie bei der vorangegangenen Landtagswalil 1926 mir 48 081 und bei der Reichstagswahl 1928 nur 82610 Stimmen auf ihre Liste zu vereinigen vermochten. Dieses Ergebnis bedeutet ein ungeheures Anwachsen der riational-sozialistischen Stimmen im ehemals absolut roten Sachsen. Wenn man bedenkt, daß sich die Verhältnisse in Deutschland doch schon einigermaßen konsolidiert haben und die judenfcindliche Welle der ersten Nachkriegsjahre verebbt zu sein schien, so bedeuten die sächsischen Landtagswal!’ n für die deutschen Juden ein sehr unangenehmes Memento. Sie zwingen auch zum Nachdenken, ob die in Deutschland üblichen Abwehrmethoden gegen den Judenhaß angesichts derartiger Ueberraschungen zweckentsprechend sind.