Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 37 (14.5.1929)
- Date
- 1929-05-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 234 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 37, 14. V. 1920 Zwei Einwendungen Eine Entgegnung von Dr. Paul Arnsberg, Frankfurt a. M. I. Das Wort muß ergriffen werden zu dem Artikel, den Marcel Lew unter dem Namen ״Das Gespenst des Patriotismus“ in der Nr. 17 der ״Jüdischen Rundschau“ veröffentlicht. In allen Einzelheiten kann zu diesem Artikel nicht Stellung genommen werden, weil für den Durchschnittsleser die Erkenntnis der Gedanken des Herrn Lew überaus schwer ist. Die strittige Definition des Begriffes ״Patriotismus“ widerlegt sich von selbst. Herr Lew lehnt jeden Patriotismus und demgemäß auch jüdischen oder zionistischen Patriotismus ab. Warum? Weil in der Demokratie die Mehrheit entscheidet und somit alles das gut und nützlich ist, was die Mehrheit sagt. Die Argumentation gegen diesen Artikel ist überflüssig, da sie aussichtslos ist. Die Philosophie des Herrn Lew besteht wohl darin: ״Die Feststellung des für ein Volk Guten und Nützlichen wird durch die Demokratie getroffen; der Patriotismus bat ihr nicht» dreinau reden." Das heißt also, jeder der der Minderheit angehört, hat im allgemeinen unrecht und ist somit unpatriotisch. Es folgt somit die Installierung eines neuen Götzendienstes, nämlich des der Majorität. Da die Majorität nach der Ansicht des Herrn Lew immer recht hat, erscheint somit jede Opposition als überflüssig, und man wundert sich nur, warum Herr Lew nicht gleichzeitig die Diktatur der Majorität erklärt. Umsomehr als er ja offenbar gegen seinen Willen einen neuen Patriotismus fundiert, den der Majorität in der Demokratie. Dieses Patriotentum proklamiert sich, indem es mit dem Rechte einer einwandfreien Ueberzeugung erklärt: ״Wer ,die Zioniitische Organisation durch maßlos» innere Kämpfe schwächt' ist eben seiner Verantwortung nicht bewußt. Und wer das nicht ist, der kann seinen zionistischen Patriotismus nicht erweisen." Der Patriot Marcel Lew beschließt seinen Kampf gegen den Patriotismus, indem er einen neuen Patriotismus schafft. Es besteht keine besondere Möglichkeit, etwas gegen diesen Patrioten zu sagen, als mit den Schlußworten des Herrn M. Lew zu schließen: ״Das Gespenst des Patriotismus geht um. Verscheucht es!“ Nicht so ganz unlogisch ist der Angriff gegen den Nationalverrat, wenigstens so weit man das als wahr unterstellt, was Herr Lew in seinen Artikel erklärt; aber Herr Lew hat Pech. Was er erklärt, stimmt nicht. Die revisionistische Weltkonferenz hat nicht erklärt, daß Nationalverräter derjenige ist, der der revisionistischen Auffassung aktiv zuwiderhandelt, sondern sie hat nur ein Wirtschaftsprogramm entworfen, in dem sie etwas ganz anderes gesagt hat. Es wird nämlich nur erklärt, daß in Bezug[ auf die ״sozialen Momente des Aufbaus“ in Palästina derjenige Nationalverrat begeht, der es ablehnt, Arbeitskonflikte möglichst durch Schiedsgerichte zu erledigen. Ebenso wird es als Nationalverrat betrachtet, wenn jüdische Kapitalisten arabische Arbeiter verwenden. Es heißt wörtlich: ,Jüdische Arbeit und jüdische Mehrheit sind Synonyme; daher ist die Aushungerung des jüdischen Arbeiters eine Nationalgefahr, der Boykott jüdischer Arbeiter ein Nationalverrat. Jüdisches Privatkapital und Staatsaufbau sind Synonyme; Verzinsung des Privatkapitals ist aber Vorbedingung seines Zuflusses, daher bedeutet jeder Kampf gegen die berechtigt* Verzinsung des Privatkapitals ein Kampf gegen den Aufbau des Judenstaates. Klassengegensätze in der Aufbauperiode werden nicht durch Kampf, sondern durch Ausgleich gelöst. In der Aufbauperiode waltet aUemhemcbend das Prinzip der nationalen Arbitrage. Jeder Voratoft gegen das Prinzip den nationalen Kompromisses ist Nationalverrat.“ Man kann darüber streiten, ob das Wort ״Nationalverrat“ stilistisch die letzte ästhetische Möglichkeit darstellt; aber Immerhin in der Beurteilung der Sache besteht bei keinem Revisionisten ein Zweifel; man kann auch ruhig[ die Behauptung wagen, daß der weitaus überwältigende Teil der zionistisehen Oeffentlichkeit denselben Standpunkt vertritt. Ich weiß nicht, warum man darüber so viel Worte verliert und Herr Lew mit allem Aufgebot seiner Ironie diesen Stand• punkt, den der Revisionismus mit allem Ernst allerdings ver* tritt, zu bagatellisieren versucht, indem er ironisch bemerkt, daß die bösen Revisionisten den ״Natlonalverrätem“, die nicht ihrer Meinung sind, vielleicht auch das Schicksal von Matteotfi und Trotzki bereiten werden. Dies alles zeigt wahrhaftig nur, wie naiv sogar Zionisten dem revisionistischen Programm gegenüberstehen. (Nur aus Mangel an Information.) — Zur Kritik an der jüdischen Legion ist nur derjenige berechtigt, der die genaue Begründung des revisionistischen Programms kennt. Herr Lew zeigt durch die bizarre Art seiner Folge• rungen nicht, daß er das Recht dazu hat. Ein Beispiel soll aufgegriffen werden, nämlich der Pseudo-Witz von der ״revisiomsfischen Zündholzfabrik“. Vielleicht steht Herr Lew als ״Anhänger des Mehrheitszionismus“ auf dem Standpunkt, daß jede Partei ihre eigene Zündholzfabrik haben muß, da er zu seiner Beweisführung auch ״revisionistische“ Zündholzfabriken verwendet. Aber wäre diese Zündholzfabrik wirklich revisio• nistisch, d. h. wäre der Eigentümer ein Revisionist, dann wäre das wunderbare Beispiel des Herrn Lew in der Realität unmöglich. Ein revisionistischer Eigeniümer würde wohl kaum Araber in seiner Fabrik beschäftigen, da er das Prinzip der jüdischen Selbstarbeit anerkennt; also können Araber auch keine Streikposten stellen. Somit fällt die weitere logische Folgerung hinweg, daß damit eine Betätigung der jüdischen Wehrmacht gefunden würde. Eine jüdische Wehrmacht existiert nicht, sondern es existiert nur in Praxis eine überwiegend arabische, mit welcher gewisse Erfahrungen schon gemacht worden sind. Der Jischuw hat zu wiederholten Malen das Recht zum Selbstschutz proklamiert; er wird sich freuen, darüber Gegenerklärungen von Herrn Lew aus Hamburg zu erhalten. — im übrigen glaubt auch ein überzeugter Revisio• nist nicht daran, daß im Falle des Herrn Lew eine Betätigung jüdischer Wehrkraft erfolgen könne. In diesem Falle kann man nur noch lächeln. Dies kann ja bekanntlich auch in gewissen Fällen töten. II. ln einer ganz ernsten Weise muß zu dem Artikel von Escha Scholem über: ״Der Tag von Tel-Chai“, Stellung genommen werden. Dieser Artikel kann zum größten Teil mitunterschrieben werden und verlangt nur eine Kritik in seinem Schlußteil. Es ist unfaßbar, wie man von den Toten von Tel-Chai, schreiben kann, daß sie In ihrem Kampf sich geirrt haben, daß politisch nichts auf dem Spiele gestanden hätte und daß die Ehre der jüdischen Nation nichts damit zu tun habe. Es erscheint unfaßbar, weil keinerlei redaktioneller Vorbehalt zu diesen Ausführungen gemacht worden ist. Die Tatsachen, die uns bisher bekannt waren, lehrten uns die Dinge ganz andern sehen: wir wissen, daß gerade die nördliche Position Palästinas eine außerordentliche politische Bedeutung für das jüdische Kolonisationswerk hatte. Wir wissen, daß die Tatsacke des heldenmütigen Todes Trumpeldors und seiner Geführten bei Tel-Chai mit eine Ursache der Grenzziehung war, wodurch Tel-Chai und Metullah an Palästina fielen, federn, der einen Blick auf die Landkarte wirft, wird dies deshalb auffallen, weil eine gerade Grenzziehung diese beiden PwÄöonea za Syrien gebracht hätte. Da- Kampf Trumpeldors war somit politisch bedeutungsvoll und hatte die stärksten politischen Nachwirkungen, ebenso wie auch die Tatsache der jüdischen Legion im Kriege eine wertvolle Unterstützung der jüdischen Politik war. Es wird nun dargestellt als die Angelegenheit von Räubern; das ״Tagebuch" von Josef Trumpeldor belehrt anders. Hier lesen wir, daß es sich um Araber gehandelt hatte, die: deshalb Streitigkeiten begannen, weil sie vermutet hatten, daß in dem Hause Trumpeldors Franzosen versteckt seien. Daraus geht klar hervor, daß es sich nicht um räuberische, sondern um politische Motive gehandelt hat. Ein großer Teil der Zionisten wird es als eine Verlästerung des Namens von Josef Trumpeldor betrachten, wenn man hier sagt, daß die Ehre der jüdischen Nation nichts mit diesem Kampfe zu tun hätte. Ais Josef Trumpeldor schon schwer verletzt war, ließ er seinen Gefährten sagen: ״Es sind meine letzten Minuten! Sagt ihnen, alle sollen bis zum letzten Augenblick um des Volkes willen aushalten.“ Wir glauben, daß diese letzten Worte Trumpeldors wesentlicher zur Beurteilung dieser Tat sind als der Artikel von Escha Scholem. Die historische Wahrheit besteht darin, daß im äußersten Norden Palästinas, den die Franzosen besetzt gehalten haben, die Araber sich gegen die französische Okkupationsmacht erhoben haben. Die arabischen Aufständischen glaubten in den Juden Bundesgenossen der Franzosen zu sehen und überfielen sie. Dabei ist Trumpeldor gefallen, er ist gestorben, weil er die jüdische Position auf alle Fälle behaupten wollte. Die Geschichtsschreiberin von Trumpeldor Miriam Willensky fand keine anderen Worte, als zu sagen: ״Das Epos jüdischen Heldengeistes, jüdischer Tapferkeit und überragender Seelengröße, aas sein Leben war, ist zu Ende.“ Die zionistische öffentliche Meinung hat dieses Material sich zu eigen gemacht. Ein lebendiger Zeuge, der anders belehren könnte, besteht nicht, da Zwi Schatz am 1. Mai 1921 während des Jaffaer Pogroms ebenfalls durch die Hand arabischer Meuchelmörder gefallen ist und der andere Freund kurz darauf einer schweren Krankheit erlag. Wir sind es dem Andenken Josef Trumpeldors schuldig, den Tag von Tel-Chai anders zu begehen, als es Escha Scholem vorschlagt. Qpß in diesem Zusammenhang auch eine andere Uebertreibung richtig 7u stellen ist, hat dabei eine untergeordnete Bedeutung. Das Zitat über den Gedichten von Jakob Kahn (soll wohl heißen: Kahan!) wird wiedergegeben und als Haßgesang bezeichnet. Warum? In dem kurzen Zitat ist weder das Wort Haß zu finden, noch irgend etwas zu lesen, was auf den Haß deuten könnte. Es ist die Rede davon, daß wir friedlich sind und daß wir uns gegen kriegerische Ueberfälle zur Wehr setzen, daß Uebermütige gewarnt werden, weil wir Kraft haben. Was hat das mit Haß zu tun, wenn Kahan proklamiert ״unser Leben zu schützen“ und notfalls sich dafür zur Wehr zu setzen? Mögen alle Haßgesänge so ausklingen wie der von Jakob Kahan: ״Unser Recht ist unser Schutz, wir weichen nicht In Ewigkeit.“ .... Man muß den feinsinnigen hebräischen Dichter Jakob Kahan, der heute in der revisionistischen Bewegung in Warschau eine große Rolle spielt, persönlich kennen, um das Urteil ״Haßgesang“ ,auf seine Richtigkeit und seinen Wert überprüfen zu können. Das ist bei Escha Scholem offenbar nicht der Fall. Sitzung des Zentralkomitees des deutschen Iftsracht Am 5. Mai fand, in Berlin eine Sitzung des Zentralkomitees des deutschen Misrachl statt, an der 27 Delegierte, darunter 10 Delegierte der Zeire-Mlsrachi, teilnahmen. Gegenstajid der Verhandlungen waren die Probleme des kommenden Zionistenkongresses und die Durchführung der Wahlkampagne *am , Kongreß. In der Frage jer Erweiterung. der /«Äh Agency bestand volle Einmütigkeit darüber, daß alle Anstren* gongen zu machen seien, um die Agency auf Basis der Ver- Handlungen Prof. Weizmanns entstehen zu lassen. Der Misrachl müsse bis zum Kongreß dafür eintreten, daß sich große Kreise der Orthodoxie den Arbeiten der Agency zur Verfügung stellen, um den religiös-nationalen Charakter der Palästina-Arbeit gesichert zu erhalten. Auf dem Kongreß müsse er dafür sorgen, daß solche Bedingungen geschaffen werden, die auch dem nichtzionistischen Traaitionsjudentum einen seiner Stärke entsprechenden Einfluß in der Agency ermöglichen. Vollste Einmütigkeit herrschte in dem verlangen, daß die Unabhängigkeit des Misrachi-Schulwesens erhalten bleiben müsse, die großen Erfolge des Misraehi auf diesem Gebiete seiner Tätigkeit rechtfertige das gegenwärtig bestehende System. Die Bestrebungen der misradustischen Arbeiterschaft sind sowohl innerhalb des Misrachl als auch auf dem Kongreß zu fördern. Es wurde beschlossen, die Schekel- und Wahl- Propaganda unter der gesetzestreuen Judenheit Deutschlands mit aller Energie zu fördern unter der Parole, daß die Tradition es dem Juden zur Pflicht mache, für nationales Judentum in Erez-Israel auf Grundlage des jüdischen Gesetzes voll einzutreten. Eine gemeinsame Kongreßwahlliste für den Misrachl und Zeire-Misrachi wurde aufgestellt und angenommen. Einstein-Vlila und Felix Deutsch •StUtus Frau Lilli Deutsch, die Witwe des Generaldirektors der AEG. Felix Deutsch, hat ihr Besitztum in Schreiberhau im Riesengebirge der Stadt Berlin als den Namen ״Felix Deutsch-Haus“ tragende Stiftung zu Eigentum übergeben. Die Stiftung soll geistig und künstlerisch in schöpferischem Sinne tätigen Persönlichkeiten zur Erholung und Arbeitsruhe zur Verfügung gestellt werden, den Wünschen und Bestrebungen des Erbauers entsprechend. In der Sitzung am 10. d. M. der Stadtverordnetenversammlung wurde die Annahme der ״Felix Deutsch-Stiftung“ auch mit den Stimmen der Deutschnationalen dankend zur Kenntnis nenommen. Als aber darauf die Vorlage über die Schenkung eines kleinen unbebauten Grundstückes an der Havel an Professor Albert Einstein (das Geburtstagsgeschenk der Stadt Berlin) zur Behandlung gelangte, machten die deutschnationalen Stadtverordneten Schwierigkeiten und drehten, die Beschlußfihigkeit der Versammlung zu verhindern. Um dies zu vermeiden, kam man überein, die Beschlußfassung bis zur nachsten Sitzung, die nach Pfingsten stattfindet, zu vert a g e n. Es heißt, daß einige extreme Antisemiten unter den Deutschnationalen diese Haftung ihrer Fraktion erzwungen haben. Die Religionsfreiheit in Italien Rom, 10. Mai. (J.T.A.) Bei Einbringung der Vorlage über die Position der nichtkatholischen Religionen in Italien erklärte der Justizminister, Signor Rocco, daß nach dem neuen Gesetz die Geistlichen der nichtkatholischen Konfessionen die gleichen Rechte wie die Geistlichen der Staatskirche haben. Geistliche aller Konfessionen erlangen eine amtliche Position und fungieren bei Eheschließungen als Staatsfunktionäre. In den Schulen erhalten nichtkatholische Kinder Dispens vom katholischen Religions-Unterricht. Alle Bürger, ungeachtet der Religion, sind vor dem Gesetz gleich. Irma L Lindheim In Berlin Frau Irma L. Lindheim, deren Persönlichkeit hier schon mehrfach gewürdigt worden ist, ist eben von ihrer dritten Palistinareise zurückgekehrt und zu einem kurzen Aufenthalt in Berlin eingetroffen. Aus einer völlig assimilierten New Yorker Familie staminend, hat sie die Botschaft der Selbsterlösung ihres Volkes mit grenzenloser Begeisterung vernommen und sich restlos in den Dienst des Befreiungswerkes gestellt. Obwohl Mutter von fünf Kindern, betrieb sie ernsthaft mehrere Jahre lang Rabbinatsstudien am Institut von Dr. Stephen Wise und arbeitete gleichzeitig aktiv in der zionistischen Bewegung. Ihre erst*- Reise nach Erez-Israei, das sie im Sommer 1925 kreuz und uer durchzog, machte sie zur leidenschaftlichen Verkünderin er Palästinabotschaft, insbesondere der sozialen Idee des Nationalfonds, und in unzähligen Versammlungen hat sie diese Botschaft in Amerika weitergegeben. In ihrem Buch ״Da» unsterbliche Wagnis“ hat hie das Erlebnis dieser Reise in künstlerischen Farben geschildert. Ihre glänzende Rednergabe und ihr großes organisatorisches Talent ließen sie als die Einzige erscheinen, die die große Verantwortlichkeit der Nachfolgerin Henriette Szolds zu übernehmen imstande war und unter ihrer zweijährigen Leitung hat die ״Hadassah“ an Schwung und Kraft viel gewonnen. Nach dem Baseler Kongreß besuchte Frau Lindheim als Präsidentin der Hadassah, deren Institutionen in Palästina. Nach ihrer Rückkehr nahm sie eise stark oppositionelle Haltung gegen die Leitung der Zionistisehen Organisation Amerikas ein. Mitten in den aufreibenden Kämpfen starb ihr Gatte. Ihr neuerlicher Aufenthalt in Pallstina gab Ihr neuen Trost und die Kraft, neuerdings die Arbeit für das geliebte Werk aufzunehmen. Das Jiddische Wissenschaftliche Institut Das Jiddische Wissenschaftliche Institut ist ein Produkt des in den letzten Jahrzehnten immer stärker bemerkbaren kulturellen Aufstieges des Ostjudentums. Die jüdischen Millionenmassen der alten und neuen Welt, die es unter den ungünstigen Verhältnissen vermocht haben, die moderne jiddische Literatur und Presse, das jiddische Theater, ein weitverzweigtes Schulwesen mit Jiddisch als Unterrichtssprache hervorzubringen, bedürfen zu ihrem weiteren Aufschwung auch einer neuen jüdischen Wissenschaft. Wohl muß diese auf den Ergebnissen der europäischen Forschung, und im speziellen der ״Wissenschaft des Judentums“ fußen, doch hat sie neue Stoffgebiete und Methoden zu erschließen, um den eigenartigen Lebensumständen und Anforderungen des jiddischen Kulturwesens gerecht zu werden. Die ״Wissenschaft des Judentums“ ist in der Hauptsache eine auf die Vergangenheit eingestellte Disziplin; sie entstand zu einer Zeit, als die westliche Judenheit, numerisch äußerst schwach, sich bereits sprachlich der Mehrheit der Bevölkerung angeglichen hatte. Die neue jiddische Wissenschaft ist bestrebt, der ostjüdischen Masse in ihren Kampf um die Existenz — in weitestem Sinne gefaßt — voranzuleuchten; sie drang daher über das Stadium populärer Aufklärung in der Volkssprache stufenweise vor zur wissenschaftlichen Erschließung und Aufhellung rein aktueller Probleme (Auswanderung, Profetarisierung des jüdischen Kleinbürgertums, staatliche Anerkennung der jiddischen Sprache, Fragen des Schul- und Erziehungswesens) und steigt gegen* wärtig, das Lebende stets im Auge behaltend, zu höheren Regionen der wissenschaftlichen Leistung empor. Das Institut, das einen Hauptsitz in Wilna hat und verschiedene wissenschaftliche Sektionen in anderen Lindem unterhält, leistete bereits eine bedeutende Sammeltätigkeit Es ist die Grundlage eines Museums gelegt, das eine reiche The»te'raW|ilu«g-'; und׳ •׳fine.,* äufsch§pßre}ehe; :PresSe-Abteilung; a«f»wei$ett lat, Öas־■''Archiv zÄt ־ttbeT,:4500 Jahrglttle* jüdischer Zeitschriften verschiedener Epochen,, unter denen sich mehrere Raritäten befinden. Ueber 12 000 Serien nichtperiodischer Ausgaben, wie Broschüren, Flugblätter usw. sind gesammelt worden. Die Sammlungen sämtlicher Neuerscheinungen und -Drucke ist in der Weise organisiert, daß in den jüdischen Buchdruckereien Urnen aufgestellt sind. Die bibliographische Zentralstelle des Instituts registriert seit Anfang 1926 in einer Kartothek die Ueberschriften und den Kurzen Inhalt sämtlicher Bücher und Aufsätze über jüdische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Die ethnographische Kommission hat mehr als 55 000 Folklore-Nummern gesammelt, unter denen sich über 12000 Sprichwörter (im bisher größten Sprichwörter- Sammelbucb von Ignaz Bernstein sind nur 4000 angeführt), mehrere Lieder, Kinderspiele, Darstellung von Bräuchen usw. befinden. Die terminologische Kommission hat ca. 300 Gebiete wissenschaftlicher Terminologie bearbeitet, hauptsächlich Chemie und Zoologie. Der Bestand des Instituts ist zurzeit folgender: 1. Philologische Sektion, 2. Pädagogisch ־ Psychologische Sektion, 3. Historische Sektion und 4. Sektion für Wirtschaft und Statistik. Die ersten zwei Sektionen haben ihren Sitz in Wilna, die letzten zwei jn Berlin. Erst Ende 1925 gegründet, zählt das Institut bereits in 18 Staaten Organisationen, deren Ziel die Förderung der Aufgaben des Instituts ist. Audi in Deutschiand ist vor kurzem ein Verein zur Förderung des J.W.I. begründet worden, dessen Leitung u. a. angehören: Prof. S. Dubnow, Dr. L. Bramson, Dr. J. Brutzkus, Dr. M. Wischnitzer, Dr. I. Olschwanger, Dr. N. Gergel, Redakteur I. Ktinow, Dr. I. Rubin, Redakteur J. Lestschinsky, Redakteur E. Tscherikower. Bis 1929 wurden folgende Schriften des Instituts veröffentlicht: Philologische Schriften, Bd. I (Alfred Landau-Buch), II. und 1IL, Schriften für Wirtschaft und Statistik, Band 1, Historische Schriften, Bd. I, Der Pinkes, Hefte I, II, III und IV, Bibliographische Jahrbücher, Jahrgang I (1926), Volkskundliche Fragebogen, Heft 1, Linguistische Fragebogen,_H. I. Die liebevolle Arbeit ergebener Mitarbeiter hat Früchte getragen. Eine Menge von Kulturschätzen sollen der Vergangenheit entrissen und den Generationen erhalten werden. Der Aufbau des Instituts kann aber nur dann vollbracht werden, wenn die Mitwirkung der jüdischen Oeffentlichkeit ihm gewiß sein wird. _________ Jüdische Kandidaten für das Unterhaus London, 10. Mai. (J.T.A.) Innerhalb aller dreienglisehen Parteien kandidiert eine beträchtliche Zahl Juden in aas Unterhaus. Von den konservativen jüdischen Kandidaten sind zu nennen der Unterstaatssekretär beim Schatzamt M. A. Samuel, der Unterstaatssekretär für das Luftfahrtwesen Sir Philip Sassoon, Samuel Samuel, Sir Walter D. Frece, Major J. B. Brulel-Cohen und Major Isidor Salm0n, die bereits dem jetzigen Unterhaus angehören sowie S. Gluckstein, L. H. Gluckstein, Samuel H. J. Solomon und Bloch, die neu kandidieren. Von den jüdischen Kandidaten der Arbeiterpartei sind zu nennen der frühere Arbeiterminister S hin well und Colonel Day, die dem jetzigen Parlament angehören, und die neu Kandidierenden C. E. Spero, L. Spero, G. R. Strauß, J. H. Baum! und M. Marcus. Auf dem Programm der liberalen Partei kandidieren außer den bisherigen Parlamentsmitgliedern P. A. Harris, E. A. Strauß und Major Hore-Pelisha noch Sir Samuel, Major H. L. Nathan, L. B. Franklin, L. Freedtnan, M. J. Landa, H. B. Mackower, C. Picclotto, S. Teff, Philip Guedalla, Marcus Lipton, W. E. Ba ron, Oberstleutnant C. Waley-Cohen, S. Philips, R. G. Liverman und S. I. Cohen.