Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 37 (14.5.1929)
- Date
- 1929-05-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37, 14. V. 1929 Seite 233 JUEDISCHE RUNDSCHAU Literatur-Blatt Ch. $. Slonimski Zur 25. Wiederkehr seines Todestages. Von S. Meiseis. Chajim Selig Skraimski war ein hervorragender Mathematiker und Astronom. Er wurde 1810 zu Bialystok geboren. Bis zu seinem 18. Lebensjahr studierte er ausschließlich Talmud und hebräische Literatur und auch nach seiner Verheiratung 1828 setzte er dieses Studium im Hause seines Schwiegervaters fort. Hier spielte ihm der Zufall einige ältere hebräische Werke über Astronomie in die Hand, was' für seine weitere geistige Entwicklung von entscheidender Bedeutung wurde. Er lernte nunmehr fremde Sprachen und widmete sich fortan naturwissen״ schaftüchen, insbesondere mathematischen und astronomischen Studien. Die erste Frucht solchen Studiums war ein Elctnentarbuch der einfachen und höheren Algebra, das er 1834 veröffentlichte. Als 1835 das Erscheinen des Halleyschen Kome• ten die wissenschaftliche Welt in Spannung hielt, schrieb Slonimski eine Geschichte der Astronomie von Kepler bis auf die Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der Kometenastronomie. Slonimski verfaßte ferner ein Lehrbuch der Astronomie, ein Buch über das jüdische Kalenderwesen, und eine höchst eigenartige naturphilosophische Schrift über die Unsterblichkeit der Seele. (Alle diese Werke sind in hebräischer Sprache erschienen.) Für eine von ihm auf Grund einer neuen Zahlentheorie erfundenen Rechenmaschine erhielt Slonimski 1844 von der Petersburger Akademie den Demidow-Preis und auf Antrag des Ministers Owarow das Ehrenbürgerrecht. Im selben Jahre kam Slonimski nach Berlin, um hier eine physikalische Erfindung zu verwerten. In der preußischen Hauptstadt war es ihm vergönnt, mit den namhaftesten deutsehen Forschern auf dem Gebiete der Mathematik und Astronomie wie Bessel, Grelle, Enke, Ideler, Jacoby persönlich bekannt zu werden. Ideler machte ihn mit Alexander v. Humboldt bekannt, und dieser fand an dem kenntnisreichen polnischjüdischen Gelehrten außerordentlich Gefallen. Er zeichnete ihn bald durch sein besonderes Wohlwollen aus; Slonimski durfte sein Haus besuchen und ihm seine Forschungsergebnisse mitteilen. Die Bekanntschaft mit Alexander v. Humboldt zählte Slonimski zu den schönsten Errungenschaften seines Lebens; er war dem Schicksal dankbar, das ihn mit dem Nestor der Natur- Wissenschaften zusammenfülirte. Von diesem Dankgefühl legt eine in hebräischer Sprache abgefaßte Schrift Slonimskis ״Öt Sikaron, Alexander v. Humboldt, eine biographische Skizze“ (Berlin 1857) beredtes Zeugnis ab. Das Buch, ״dem Nestor des Wissens zu seinem achtundachtzigsten Geburtstage gewidmet“, enthält eine ausführliche Lebensbeschreibung Humfaoldts sowie eine eingehende Besprechung der von ihm in französischer und deutscher Sprache erschienenen Werke. Welchen Beifall Slonimskis Humboldt-Biographie, die übrigens auf Kosten der Berliner Jüdischen Gemeinde gedruckt wurde, fand, beweist der Umstand, daß sie drei Auflagen erlebte — was bei hebräischen Büchern selten vorkommt. Da das Vorwort zu dieser biographischen Skizze in kurzem Umriß eine Charakteristik der Persönlichkeit Humboldts entwirft, so möge es hier in einer möglichst wortgetreuen Ueberfragung wiedergegeben sein. Slonimski schreibt: ״Die Lebensschicksale dieses hervorragenden Mannes (Alexander v. Humboldts) sind mit' der 'EnfwfcWwpgetehichte der ■Wissenschafteh'r־!di* «cb.in^n^leWefcsiebilg' Jpusii.yerbreifeiern, eng verknüpft; alle die Werke und Leistungen, die dieser Große während seines ganzen Lebens mit Mühe und Fleiß vollbracht hat, sind mit den neuesten Forschungen der Naturwissenschaft verwoben und verzweigt. Und wo ist der Mann, der an den Pforten der Weisheit wacht, um das Große und Wunderbare zu schauen, und seine Lippen überströmten nicht von Dank und Lob für diesen großen Forscher?. Deshalb fand ich es für nützlich, auch den Kindern meines Volkes die Lebensgeschichte dieses bedeutenden Mannes in der ihnen lieb gewordenen hebräischen Sprache zu erzählen. Ich beabsichtige in dieser Schrift einerseits auf den Wissensreich• tum unserer Tage und auf die unentwegten Mühen und Strebungen der Forscher, in die Tiefen der Erkenntnis einzudringen und die Wahrheit ans Licht zu fördern, hinzuweisen sowie andererseits dem Nestor des Wissens ein ewiges Denkmal auf den hebräischen Gefilden zu errichten. Groß wie seine Weis• heit ist seine Biederkeit und sein Gerechtigkeitssinn. Er hat mehr als einmal vor den Augen der Nationen für das Volk Israel eine Lanze gebrochen. Jeder Jude, der Liebe zu seinem Volke empfindet, wird voll des Lobes und des Dankes sein für diesen Weisen, dessen Name ewig leuchten und dessen Gerechtigkeitssinn ewigen Bestand haben wird.“ Als Slonimski im Jahre 1857 zum zweiten Male in Berlin weilte, überreichte er dem greisen Forscher die biographische Skizze mit einem Begleitschreiben des Orientalisten Dr. Michael Sachs. Darauf erhielt Slonimski von Humboldt folgendes Dank• schreiben: Verehrlester Herr Slonimski! Ich bin tief in Ihrer Schuld durch so lange Verzögerung des Dankes für eine Ehre, die Ew. Wohlgoboren mir so wohlwollend bereitet haben. Die unruhige Lage, in der ich lebe, in einer politisch und gesellschaftlich so bewegten Zeit, kann mich kaum rechtfertigen. Eine Empfehlung von zwei berühmten, mir so teueren Freunden wie Bessel und Jacoby läßt einen dauernden Eindruck. Der hebräischen Litoratur leider entfremdet, aber von früher Jugend an mit den Edelsten Ihrer Glaubensgenossen innigst verbunden, ein lebhafter uni ausdauernder Verfechter der ihnen gebahrenden und so vielfach noch immer entzogenen Rechte, hin ich nicht gleichgültig für die Ehre, die Sie mir erwiese» haben. Das Zeugnis eines tiefen orientalischen Sprachkenners, des vortrefflichen, so mannigfach ausgebildeten Dr. Michael Sachs, kann eine solche Auszeichnung nur erhöhen. E* ist für den biographisch Belobten fast eine Beruhigung, der Ursprache nicht *nichtig zu sein. Ich werde vom Dienstag an einige Wochen wieder in Berlin wohnen, und vom Dienstag an wird jeden Tag zwischen 1 und 3 es mir eine Freude sein, Herrn Slonimski, falls er nicht schon nach Wtrsehau zurückgekehrt ist, in Berlin zu empfangen und Ihnen den Ausdruck der innigsten Hochachtung mündlich zu erneuern, die Ihren schönen früheren wissenschaftlichen Bestrebungen gebührt. ״ Ew. Wohlgeboren gehorsamster Alexander v. Humboldt• Potsdam, den 13. Dezember 1858. Aus der ersten Zeit der Bekanntschaft Slontmslas mit Humooldt verdient eine lustige Episode mitgeteilt ’zu werden. Alexander v. Humboldt, der bekanntlich der Intimus Friedrich Wilhelm IV. war, wußte den König für den jüdischen Gelehrten dermaßen zu interessieren, daß der Monarch ihn zu einer Privataudienz entbot. Humboldt benachrichtigte hiervon Slonimski und gab ihm den Zeitpunkt an, an dem er ihn beim König einführen werde. Slonimski trug damals die polnischjüdische Tracht; da er nur vorübergehend in Deutschland weilte, sah er sich nicht veranlaßt, die ״traditionelle“ Kleidung mit einer modem-europäischen zu vertauschen. Allein vor «km König mochte er doch nicht so erscheinen. Er verschaffte sieh daher schleunigst einen schwarzen Gehrock, weiße Binde und alles andere, was zum ״Modemenschen“ gehört. Zur bestimmten Zeit erschien er bei Humboldt, dieser war nicht wenig erstaunt, einen völlig umgcwandelten Slonimski vor sich zu sehen. ״Aber lieber Herr Slonimski“, sagte er lächelnd, ״was fällt ihnen denn ein, sich zu maskieren. Der König ist gerade auf den Forscher im Kaftan neugierig“. Slonimski mußte nach Hause eilen, den neuen ״Modemenschen“ ausziehen und den alten ״Kaffanjuden“ wieder anziehen. So wurde — wohl zum ersten und einzigen Mal — ein Kaftanjude von einem preußischen König in Privataudienz empfangen. י־ In den Jahren 1853—56 machte Slonimski mehrere physikalische Erfindungen, so eine zur Verbesserung der Dampfnta• sebine (das Recht zur Verwertung erwarb Borsig in Berlin), eine andere, gemeinsam mit Aron Bernstein, auf dem Gebiete der Telegraphie, die später von Lord Kclon ausgebaut wurde. 1862 wurde Slonimski von der russischen Regierung zum Inspektor der Rabbinerschule zu Schitomir ernannt; im selben Jahre begründete er in Warschau die ״Hazefirah“, die zuerst als Wochenblatt erschien und 1886 unter der Redaktion von Nahum Sokolow in eine Tageszeitung umgewandelt wurde. Zwölf Jahre lang versah Slonimski in Rußland das Amt eines Zensors für hebräische Werke. Außer den erwähnten Schilften hat Slonimski ein Lehrbuch der Mathematik, Beiträge zur jüdischen Kalenderkunde und verschiedene naturwissenschaftliehe Aufsätze, auch in russischer und deutscher Sprache, veröffentlichi Seine vermischten naturwissenschaftlichen Abhandlungen sind gesammelt unter dem Titel ״Maamare Chochma“ (Warschau 1891) erschienen. Slonimski starb 1904 zu Warschau. Bis ins Greisenalter war er®literarisch tätig und schrieb noch in den letzten Jahren wissenschaftliche Aufsätze für die ״Hazefirah“. Gothaisches Jahrbuch für Diplomatie, Verwaltung and Wirtschaft, 1929 Von diesem seit dem Jahre 1926 in neuer den Zeitverhältitissen angepaßter Form erscheinenden altbewährten ״Gotha“ liegt nun der neue 166. Jahrgang 1929 (Verlag Gustav Perthes, Gotha) vor. Es ist nun ein würdiges Gegenstück zu dem englischen jährlichen Statesman's Ycarbook, dem es durch seine verfassungsrechtlichen und diplomatischen Angaben sehr überlegen, in Vollständigkeit auf wirtschaftlichem Gebiet unterlegen ist. Der neue Jahrgang ist den Ereignissen auf dem Gebiet politischer und wirtschaftlicher Entwicklung sorgfältig nachgegangen. Der Artikel über P a 1 ä st i n a ist recht vollständig. Er gibt als Namen des Landes auch an Erez-lsraet (daneben freilich auch das nirgendwo offizielle ״Heilige Land“, vergißt aber den arabischen Namen Filistin). Die Zahl der Bewohner von Jerusalem (bei dem nur der arabische Name ei Kuds, nicht der hebräische Jeruschalajim angeführt ist; dasselbe wiederholt sich bei Tiberias) ist mit 62 578 zu niedrig, die von Tel Awiw mit 45 000 zu hoch angegeben. Die Daten sind im allgemeinen richtig. Die Assefath Haniwcharim und der Waad Leumi sind doppelt angeführt, einmal mit ihren englischen Benennungen unter Jüdische Selbstverwaltung, einmal mit ihren hebräischen Bezeichnungen unter Zionistische Behörden. Die Zeitungsliste weist einige Irrtümer auf (z. B. erscheinen •jHMllMiÄljet;״, w'Jsfft ■ «%»» lange nicht mehr, arabische WöclllcHÄ sfntrtfc 'Tlgeszeffuigen' angeführt); Unter׳ den Konsulaten fehlen Tschechoslowakei üna Lettland. Im Artikel Transjordanien ist die Bevölkerungsziffer von Amman zu niedrig angegeben. Im Anhang ist eine Uebersicht der wichtigsten politischen Bücher des letzten Jahres. —s. Arbeiteriileratar Der rührige Arbeiterjugendverlag in Berlin gibt eine Reihe!?rischer Gedichtbände junger Arbeiterdichter heraus, die durch Billigkeit und Ausstattung gleich erstaunlich sind. Neben Anthologien älterer Dichter wie Ferdinand Freiiigrath (״Wir sind die Kraft!“ mit Einleitung von Konrad Haenisch), die Gedichte des 1848 ers voll hinreißendem revolutionären Schwung enthalten und Paul Zech (״Rotes Herz der Erde“), von dem Else Lasker-Schüler gedichtet hat ״Zech schreibt mit der Axt seine Verse“, sei vor allem auf die Anthologie ״Jüngste Arbeiter-Dichtung“ (ausgewählt von Karl Bröger) hingewiesen. Es ist bemerkenswert, zu wie hohen Auflagen in unserer der Ljrrik abholden Zeit die schmucken Bändchen i«1 kurzer Zeit gediehen sind. Auch die zionistisch-sozialistische Jugendbewegung wird hier manches finden, das ihr aus dem Herzen gesprochen ist. Hingewiesen sei auch auf die theoretischen Bücher des Arbeiterjugendverlags. Von Hendrik de Man, dem neuen Führer eines amarxistischen, eher psychologisch als ökonomisch fundierten Sozialismus, erschien "da das Schriftehen ״Der Sozialismus als Kulturbewegung“. Sein Sozialismus will nicht warten, bis die ״Verhältnisse“ reif sind, sondern durch Arbeit am Menschen selbst sie reif machen. Vieles bei ihm erinnert — in geringerer Tiefe — an Gustav Landauer. —s. Das jüdische Theologische Seminar von New Y ark hat ein Exemplar des zum ersten Male in Druck hergestellten hebräischen Buches ״Arbaah Turim“ erworben. Das Buch wurde 25 Jahre nach Gutenbergs Erfindung der Buchdrucker! kunst im Jahre 1452 gedruckt. Das Exemplar enthält die Approbation der Inquisition, der die Zensurierung aller hebräischen Bücher oblag. ״Arbaah Turim“ von Rabbi Jaakob Ben Ascher bildete die Grundlage für den ״Schulchan Aruch“ von Rabbi Joseph Caro. Das neu# Heft der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums eröffnet ein Vortrag von Fritz Batnberger über die geistige Gestalt Moses Mendelssohns. Von den Forschungen, welche das Heft enthält, wird eine Unter- Buchung Aptowitaers über eine sehr bekannte Gebelformel auch den Laien interessieren. Ein recht trübes Licht auf die Lage unserer Vorfahren werfen die von H. Flesch veröffentlichten Protokolle einer Verhandlung gegen einen jüdischen Arzt, der aus Wettbewerbsneid ungerecht verdächtigt wurde. A. Prießnig erläuterte die Patriarchenbiographien Phiions aus der griechischen Stilgeschichte. Unter den Besprechungen sei M. Esch e Ib a eh ers eingehender Bericht über Michael Guttaanns Buch ״Das Judentum und seine Umwelt" besonders hervorgehoben. Leider ist aus dem das Heft abschließenden Jahresbericht der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums zu erkennen, daß ihre Finanzlage sich außerordentlich ungünstig gestaltet hat. Man erklärt ,seinen Beitritt entweder durch eine Postkarte an den nächsten Vertrauensmann der Gesellschaft (Verzeiehnis der Vertrauensmänner in jedem lieft der Monatsschrift) oder durch Einzahlung des Jahresbeitrages von io.— Mk. auf das Postscheckkonto der Gesellschaft Berlin 030ן, Paul Veit Simon. Probehefte versendet jederzeit die Gesellschaft zur Förderung d׳r Wissenschaft des Judentums, Berlin-Scliöneberg, Beiziger S'r. f!ü, Aufgang II, 3 (Nathan), , ... .. Die Soziologie des biblischen Zeitalters Etwa ein halbes Jahrhundert, seitdem die sogenannte historisch-kritische Methode eine mehr oder minder sichere Grundlage für die Datierung der biblischen Bücher und deren Quellen geschaffen hat, bemüht sich eine dünn gesäte Schar nichtjüdischer, letztens auch vereinzelter jüdischer Forscher die sozialpolitischen und womöglich auch die wirtschaftlichen Problcme zu erfassen, die hinter den brausenden geistigen Strömungen in Israel geahnt und postuliert werden. Zweierlei Schwierigkeiten sind dabei nt überwinden. Die einen liegen im Wesen der biblischen Quellen, die anderen im Charakter der jahrhundertealten, theologisch eingestellten Bibelforschung. ״Die exilischen und naehexilischcn Redaktoren der historischen Bücher des Alten Testaments, die in einer unpolitischen Zeit aufgewachsen sind, hatten kein Interesse und offenbar auch kein Verständnis für Vorgänge politischer Natur. Sie haben daher die älteren Berichte, die sich mit politischen Vorgängen befaßten, entweder gar nicht oder so kurz und allgemein wiedergegeben, daß wir selten den sozialpolitischen Hintergrund der erzählten Ereignisse zu erkennen vermögen*).“ Andererseits ״sind die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der altisraelitischen Geschichte von der bisherigen Forschung ganz stiefmütterlich behandelt worden. Dem Alttestamentler fehlt zumeist das Interesse für diese dem theologischen Gesichtskreise ganz fernliegenden Probleme, den Volks Wirtschaftlern hingegen, die sich mit der altisraelitischen Geschichte befaßt haben, fehlte das notwendige philologische Rüstzeug, um hier selbständig vorgeben zu können“3). Kein Geringerer als Eduard Meyer in seiner ״Entstehung des Judentums“ war bahnbrechend auf diesem Gebiet; vor ihm und neben ihm haben Frants Buhl, Max Weber u. a. die Statik und Dynamik des israelitischen sozialen Lebens in den Kreis ihrer Forschung einbezogen. Das Feld bleibt aber bis heute viel weniger erforscht als andere Teilgebiete der btblischen Wissenschaft, und es ist daher nur zu begrüßen, daß letztens einige junge jüdische Forscher mit unbestreitbarem Geschick sich an diese schwierigsten Fragen heranwagen. Nach der 1927 erschienenen Arbeit von M. Lurje ״Studien zur Geschichte der wirtschaftlichen• und sozialen Verhältnisse im israelitisch-jüdischen Reiche von der Einwanderung in Kanaan bis zum babylonischen Exil“ (Verlag Töpelmann, Gießen) ist vor kurzem eine als erster Teil der ״Vorarbeiten zur Geschichte Israels“ gedachte Schrift von A. Menes ״Die vorexilischen Gesetze Israels im Zusammenhang seiner . kulturgeschichtlichen Entwicklung" erschienen, auf die der jüdische Leser und insbesondere der biblisch interessierte Leser aufmerksam gemacht werden soll*)• Gegenstand der Analyse bildet vornehmlich, die bewegte Epoche des 8. bis 7. Jahrhunderts in Israel, die durch den Untergang des nordisraelitischen Staates und durch das Er* scheinen der großen Propheten gekennzeichnet ist. Entgegen der üblichen Behandlungswcise dieser geistig so überaus bedeutsamen Zeit, die den Werdegang der religiösen, sozialen und ethischen Ideen an sich zu erforschen pflegt, sucht der Autor dieses Buches die sozialen und so weit die Quellen ihm dazu die Handhabe geben, auch die Wirtschaftliehen Voraussetzungen für die Entstehung dieser Ideengänge in den Vordergrund zu rücken. Der Spiritus movens der geistigen Evolution Israels ist nach Menes die Revolution, namentlich die von sozialen Ktäf* ־ teri.%eträgene T?IVÖW16n.*׳Meh&f' gfiftht? «weUWau^wsbfwii# dieser revbhtiibnireh 3e#ePng"fesMeitcn Yu können, dem ein« nach dem Sturz der Omriden, den zweiten unter dem König Joschija. Mit feinem Spürsinn reiht der Autor die leisesten Anspielungen auf soziale Vorgänge, die aus den Büchern der Könige und der Propheten herausklingen, aneinander und sucht sic mit unverkennbarem Geschick in aem. ihm vorschwebenden Entwicklungsgang einzureihen. Das gilt insbesondere vom bedeutsamen, aber schwer zu deutenden Abschnitt II. Kön. 12, 5 bis 17״ über die Tempelarbeiten unter Jehoasch, den Menes in einer neuen sehr zusprechenden Weise auslegt. Die revolutionären Bewegungen, denen nach Menes die .Prophetie ent- Sprüngen ist, sucht er nach Möglichkeit auf ihre Ursachen (soziale Differenzierung) und Träger (Leviten, Naziräer, Rechabiten, die er alle als freie religiöse Verbände auffaßt, und vor allem die soziale Schicht, die unter dem Namen ״Am ha-Arez" in den biblischen Berichten mit den erwähnten Umstürzen stets in Verbindung gebracht wird), ferner auf ihre Auswirkun- S” -י---‘-" ־ ״״ " '־---י״"—**“ Abfassungszeit er in die Epoche dieser Revolutionen setzt) zu untersuchen. Von Interesse ist dabei, daß Menes entgegen der herrschend gewordenen Ansicht, die Parallelen für die Gesetze und sozialen Institutionen nicht in Babylonien (Codex Hammurabi), sondern vor allem im klassischen Altertum (die Gesetze Solons, die Zwölftafelgesetze) sucht, wie überhaupt nach seiner Meinung man Parallelen zur innerisraelitischen Gesetzgebung nicht ״in den aitorientaiischen Großstaaten, sondern in den griechischen Stadtstaaten, deren politische und soziale Verhältnisse denen Israels verwandt waren, suchen muß“. In diesem Zusammenhang erörtert Menes ausführlich die demokratische auf der Volksversammlung als ihrem höchsten Ausdruck basierende Verfassung im alten Israel. Die wechselreiche Geschichte der biblischen historischen Tradition, auf die die verschiedenen Epochen nachträglich Ihren geistigen Stempel aufgedrückt haben, bringt es mit sich,, daß jede konsequent durchdachte Theorie irgendwelche biblische Data nicht in ihre Konstruktion mithineinbeziehen kann und von diesen aus kann dann diese Theorie als ungenügend an- §' ' ״ <- י-־—־-יי --־ ־"* ־׳ * ־ im nordisraelitischen Reiche, ״denn die ersten Propheten treten uns in Nordisrael entgegen“. Wie ist aber dann Arnos 7,12 zu deuten, wo es in der Zurückweisung des königlichen Priesters Amazja ausdrücklich heißt, daß die Propheten in Juda zu Hause sind und in Nordisrael nichts zu suchen haben? Es kann sich aber auf diesem überaus komplizierten Gebiet, wenigstens bei dem heutigen Stand der Bibelforschung, eben nicht um Lösungen, die restlos alle Fragen beantworten, handeln. Eine historische Auffassung, eine Theorie ist hier auch dann genügend legitimiert, wenn sie die oft undurchdringliche literarische Schale zu durchbrechen und etwas von dem wahren Inhalte israelitischen Lebens und Schaffens zu erfassen vermag. _ Dr. M. Soioweitschik. *) Abram Menes, Die vorexilischen Gesetze Israels im Zusammenhang seiner kulturgeschichtlichen Entwicklung, Vorarbeiten zur Geschichte Israels, Heft 1 (Verlag A. Töpelmann, Gießen 1928; Beihefte zur Zeitschr. f. d, alttestam. Wissen- Schaft 50), S. 89. 2) Ebenda, S. V. s) Es sei noch erwähnt, daß derselbe Autor bereits vorher eine sehr originelle Studie über die Genesis-Sagen (Die sozialpolitische Analyse der Urgeschichte, Zeitschr,?. d. alttestament). Wiss. 1925) veröffentlichte, die die gleiche Methode für die Erforschung rein literarisch-biblischer Probleme mit Erfolg m Agwttadung bängt.