Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 34 (30.4.1929)
- Date
- 1929-04-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 218 JÜE D't S CHE 'R UND SCHAU Nr. 34, 30. IV. 1929 Die Frühfahrsaussiellungeii Der Frühling beginnt in Berlin jedes Jahr mit der Früh• Jahrsausstellung der Sezession, aber der Geist des Frühlings, Auflehnung, Unbefangenheit, hat sich diesmal von den Malern abgewandt und lebt entschieden mehr in der Plastik. Vielleicht hat die Zehnjghresfeier, das Gedenken an Wilhelm Lehm• brucks anläßlich der 10. Wiederkehr seines Todestages die engeren Kunstkollegen angefeuert. Der Anlaß ist trotzdem nur Zufall; denn es waren seit den letzten Jahren langsam aber sicher fortschreitend deutliche Kennzeichen einer Wendung zum besseren festzustellen. Jedenfalls sind außer Milly Steger und dem Dichter und Bildhauer Ernst B a r I a c h, von dem jedes Werk wie aus neu gepflügtem immer fruchtbaren Boden zu kommen scheint, neue beachtenswerte Kräfte als unleugbare Werte zu buchen. (Ich nenne nur Müller , Oberlinghausen, mit der Plastik ״Mutter und Kind“, von Herbert Garbe: ״Das Mädchen“ und den ״Kopf einer Baltin“ von dem Düsseldorfer Carl Schrei ner.) Wilhelm Lehmbruck, der viel zu früh ge• stör bene große Bildhauer, gibt wie gesagt der diesjährigen Sezession die Weihe der Kunst, und es ist ihm ein eigener Raum gewidmet. Seine Plastik ״Der empor steigende Mann“, ein überschlanker Jüngling mit warnend erhobener Hand, wirkt heute wie das Untergangszeugnis der Kriegsjujend und zugleich als trauriges Symbol der jüngstvergangenen Zeit. Dieser aske* tisch emporgestiegene Jüngling ist ein gerade der heutigen Generation verständliches Symbol: Seine warnende Hand zeigt das wahre Gesicht der damals heroischen Jahre, den Hunger. Und in diesem Sinne, als Gedenken dieser für alle Europäer mittelalterdunklen Zeit ist ein Gedenken für Lehmbruck, der ihr Opfer wurde und der durch seine Werke voll seherischer Ahnung und milder Schönheit viele Freunde gewann, nicht mehr als Pflicht. Bei den Malern der Sezession überwiegen die alten Be* kannten: ״Pechstein“ mit frischeren Farben als seit langem, Degner, der als Maler der schönen Dinge hier auch oft gewürdigt wurde, mit einem neuen, sehr schönen Stilleben. Im gleichen Saal hängen — diesmal zum Gedenken — zwei Gemälde von Ernst Oppler: ״Die Häuser im Schnee“, die im vorigen Jahr an dieser Stelle gewürdigt wurden, und ein schönes Selbstporträt: ״Der Maler und sein Modell“. Neben Degners Stilleben hängt ein neues Kurfürstendamm-Nachtbild von Lesser Ury. Der Himmel, ein wunderschönes tiefes Nachtblau, die üppigen nachtdunklen Laubbäume weich in Fläche und Konturen, der Asphalt leuchtet in einer Palette reiner, gcschliffener Farbe. Von Jacob Steinhardt sieht man Ungewohntes: ein Parkbiid aus Ragusa. Es ist ein gelber Sonnenweg vor einer Laube. Gegenüber und ringsherum südliche Bäume in blaugrün, blaugrau, gelbgrün. Das Ganze mit guter Klangbeherrschung und sicherer Könnerschaft weitab vom nur Virtuosen. Man spürt die Freude an der Natur, am rein vitalen Wachstum. — Leo Mic helsons ״Hafenbild“ erfreut durch lebendige, leuchtende Farbgebung. Aus Paris sandte Moise K i s I i n g zwei bemerkenswerte Arbeiten. Virtuos gemalt mit der minutiösen Genauigkeit der Surrealisten trägt sein kleiner ,,Gargon holiandais“ trotz Holzpantinen und holländisch weiten Hosen ein Köpfchen aus dem Ghetto. Das kleine Köpfchen rosig und weiß, die Hosen stahlgrau ins Bläuliche, weiße Pantinen, das Ganze vor rotbraunem Hintergrund exakt gemalt wie ein ״alter Meister“, wirkt nicht nur repräsentativ für den Willen zur Qualität, sondern es zeigt den ernsten Willen der jungen Pariser Malergeneration aus dem jüdischen Osten. Das andere Gemälde, ein Porträt, zeigt gleichfalls die starke formale Begabung, die den Stoff nicht nur bilden, sondern gleich auch prägen möchte. Unter dem Nachwuchs sind diesmal zwei begabte jüdische Maler. Hans W. GI a s e r ״Kleinstadt im Schnee“ fällt auf durch ursprünglich frische Behandlung der Farbe und Hgps,. Sj,e4n-et1;d1^־cb-de11-a3tef|.״^si«-.;«j«hneriäch frjscIMi» Aiigrlff genommene!• ״Jazz. niäcabre“, 'ein Gertmotiv, bringt neben der ״Negerband״ Valeska Gert selbst in charakteristischer Bewegung; nur ihr Gesicht ist es nicht. Das Granowski- Theater klingt bei den Maiern immer noch nach, für das Verständnis der Groteske sind sie erklärlicherweise das beste Publikum. Heinrich Heusers ״Gesellschaft bei Granowsky“ hat eine Szene aus dem ״Haupttreffer" zum Gegenstand. Die Kunsthandlung Sagert, Potsdamer Str. 122, veranstaltet eben eine Gedächtnisausstellung für Emst Oppler. Man sieht die Graphik: die schönsten Radierungen, die Zyklen: Pawlowa, ״Der sterbende Schwan“, Tänze der Karsavina, Szenen aus dem russischen Ballett. Man sieht die schmal zusammengeiegten Hände und die wunderbaren Füße der Pawlowa, man sieht den Spitzentanz mit dem feinsten Fingerspitzengefühl auf die Radierplatte übertragen, sieht den Tanz, erfaßt in einem Tänzersprung, und sieht auch schon, wie die Formenkette weitergeht Keiner außer Oppler hat Tanz und Tänzer so im Flug dei Sekunde erfaßt und festgehalten für die Dauer im Werk. Und wir sehen auch, daß dieseä Werk im Skizzenbuch, dem Ursprung des lithographierten Buches von der ״Front der Südarmee״ ein Buch von jüdischem Schicksal wurde. Oppler zeichnet die Karpathenjuden — das Buch liegt bei Säger aus — in den Dörfern und kleinen Städten: Also — Vereczke, Vadocz, Tucholka, Volocz... Wir sehen sie auf den Märkten, aber auch beim Thorastudium in den Stuben. Wir sehen in einem Hof ״Schriftgelehrte“, Männer mit scharfgezeichnetem spanischen Typ und Männer mit Patriarchenbärten, wir sehen junge Menschen mit Träumeraugen und innerlich dialektriktreibend noch während sie auf dem Markt Ware anbieten sollen. Wir sehen gar nicht den betriebsamen handelsgewohntcn Juden der großen Märkte, sondern den traumenden Juden des Städtls“ und zwischen den Männern ein kleines zartes Jungchen nur mit ein paar Strichen genialer Zeichenkunst. Und wir sehen in anderen Blättern den Landschafter, der die Zypressen von ״Fiesoie“ und das Traumhafte, Getragene südlicher Landschaft mit einem Märchengriffel aufzeichnet — den Gang an der Mauer hart neben der Straße in glühender Sonne — einer, der noch mitten im Kampf der Fronten immer das Kampffernste sucht. Auch die Radierungen von der Westfront breiten über die Zerstörung nur leise Melancholie, nicht laute Anklage. Und dieses Sanfte, dieses Verletzbare zeigt auch das Selbstbildnis. Beweglich und frei wie der Luftstrom zwischen den Fischnetzen am Wasser, so beweglich nahm er die Eindrücke der Formen des vielfältig bevvegten Lebens auf und darum zieht er die Grenzstriche so fein und haardünn. Das Selbstbildnis mit Modell — in der Se- Zession — hat auch die Vorzüge der zeichnerischen Qualitäten. Seine Schneebilder zeigten die gleichen stillen Vorzüge seiner Naturbetrachtung. Die Malerei schien ihm gerade in den letzten Jahren näher gekommen, wenn auch die Graphik von jeher die reinste Fassung seiner stillen aber um so glühenderen Schönheitsliebe war und cs bis zuletzt geblieben ist. Ruth M 0 r o I d. New York, 23. Ajiril. (J. T. A.) 50 prominente New Yorker Juden vereinigten sich zu einer Gesellschaft der Freunde der Hebräischen Universität. Zum Vorsitzenden wurde Herr James Marshai! gewählt. Es wurde beschlossen, eine Werbeaktion zur Gewinnung von mindestens 1000 aktiven Mitgliedern durchzuführen. James Marshall, Dr. Leo W o i - man (Mitglied der Nationalkommission für Wirtschaftsforschungund Experte der Palestine Joint Survey Commission) und Dr. Solomon Löwenstein berichteten über die Eindrücke, die sie während ihres Besuchs in Palästina empfangen haben und wiesen auf die Bedeutung der Universität nicht nur für die palästinensischen Juden, sondern auch für die Juden der ganzen Welt hin. Zum Problem einer liidischen Politik Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem. Die Frage, ob es eine spezifisch jüdische Politik gibt, kann nicht nur von deren Zielen und Inhalten her beantwortet wer• den, sondern vielmehr von den Formen und Mitteln her. Mit der Einsetzung Palästinas in das Zentrum jüdisch-politischer Strebung hat Theodor Herzl die moderne jüdische Politik geschaffen und ihren Inhalt bestimmt; die Frage nach ihrer spezifiachen Form aber ließ er frei, wenn er sie nicht gar, weniger theoretisch, als durch seine Praxis, negativ beantwortet hat. Und negativ werden mit ihm und noch über ihn hinausgehend all diejenigen unsere Frage beantworten, die dem jüdischen Volk als solches alle inhaltlichen Merkmale absprechen und ihm nur die formalen, wie Land und Sprache, belassen wollen. Für diese wird die Erlangung oder Rückerlangung jener formalen Merkmale der einzige Inhalt jüdischer Politik sein, gleichgültig, welche Formen sie zu diesem Ziele ausbildet, gleichgültig, welche Wege sie zu ihm geht. Denn so paradox ist diese Beziehung: gerade die Formal-Nationalisten werden nur eine Inhaltsbestimmung jüdischer Politik kennen; diejenigen aber, die an bestimmte qualitative Seinsgehalte des Judentums glauben, werden sie auch in den Formen und Mitteln seiner Politik aufzudecken oder auszubilden suchen. Man muß zugestehen, daß die moderne zionistische Ideologie sich mit dieser Frage durchaus nicht ihrer Wichtigkeit entsprechend beschäftigt hat. Der vom ersten Kongreß ausgesprochene Verzicht auf eine weltanschauli'he Stellungnähme den Grundfragen des Judentums gegenüber, die zur Privatsache erklärt wurden, hätte an und für sich den Weg zur Erörterung des Problems, das mit der tiefsten jüdischen Weltanschauungsschicht in Verbindung steht, immerhin noch frei lassen können, hat ihn aber tatsächlich in bedenklicher Weise ins Negative abgebogen. Wie so oft, wurde eine Frage nur scheinbar gar nicht in Wahrheit aber falsch beantwortet: in unserem Falle heißt das die stillschweigende Leugnung der vollkommenen Einzigartigkeit des jüdischen Volkstums und das nicht immer gleich stillschweigende, sondern häufig recht laut propagandistische Zugeständnis, Israel sei ein Volk wie alle anderen. Immerhin gab es drei verschiedenartige Gruppen innerhalb des Zionismus, die sich untereinander zwar vielfach befehdeten, aber die Ueberzeugung von der qualitativen Sonderart der jüdischen Nation gemeinsam hatten; ein Kreis innerhalb des Misrachi, der Kreis um Achad Haam, und der Kreis um Martin Buber. Aus diesem letzten ist eine Schrift hervorgewachsen, die zwar schon vor einiger Zeit erschien, damals aber nicht genügende Beachtung fand, weshalb hier erneut auf sie hingewiesen sei. (Ueberhaupt ist es eine Unsitte, immer nur über ganz alte und ganz neue Bücher zu schreiben; gerade Ersehe!• nungen, die wenige Jahre alt sind, sollte man die Möglichkeit aktueller Wirkung durch solche verspäteten Besprechungen verschaffen dürfen.) Wir reden von Hans Kohns Broschüre ״Die politische Idee des Judentums“, die zunächst im Jahrbuch Ul ״Die Dioskuren“ erschienen ist und dann vom Verlage G. Braun, Karlsruhe, als Sonderdruck vorgelegt wurde. Sie verdient eine weite und tiefe Wirkung nicht nur in den Kreisen der protestantischen Theologie, die sich gerade in letzter Zeit wieder ausführlich und intensiv mit ihren Gedankengingen beschäftigte, sondern auch vor allem in unserer eigenen Mitte. Schließlich sollte doch diejenige Bewegung, die den Anspruch macht, die politische Idee des Judentums seit Jahrtausenden zum ersten Male wieder in die Wirklichkeit zu übersetzen, nicht achtlos an der beinahe einzigen zusammenfassenden und großzügigen Darstellung dieser, ihrer, Idee vorübergehen dürfen. , , ׳• ׳• ■We drei Teüe-der ״Werden״ und von der ״Lehre‘‘. Der zweite auch räumlich umfangreichste Abschnitt bringt den bei weitem wichtigsten Beitrag zum Problem der jüdischen Politik, während das erste Kapitel, nach der methodisch notwendigen Abgrenzung gegen den Formalnationalismus, die Eigenart des jüdischen Volkes im Gegensatz zu Hellas herauszuarbeiten sucht, und das letzte für die drei Kreise des Bundes (mit Gott), des Menschen und des (messianischen) Reiches Belege aus dem jüdischen Schrifttum darbietet. Auch in diesen Teilen finden sich viete geistvolle und eigenartige Formulierungen, aber die Grundgedanken sind von anderen Theoretikern, insbesondere von Buber her, im wesentlichen bekannt, so die Entgegensetzung des jüdischen Ohrenmenschen zum hellenischen Augenmenschen, die zwischen Berufung und Abfall aufgespannte Polarität als ewiges Thema der jüdischen Geschichte und die Auswirkung Gottes als Herrn des Geschehens, dessen Ausgangs- und Zielpunkt er ist Zu Beginn des zweiten Teiles aber fällt nun die entscheidende Definition: ״Denn alle jüdische Politik ist Erziehung“, ein Satz, der dann in einem großartigen Ueberblick über das Geschichtswerden der jüdischen Substanz, die bei aller Entfaltung im Wesentlichen unverkennbar gleichartig bleibt, phänomenolofisch ausgelegt wird. Der Ausgangspunkt dieser jüdischen rziehungspolitik ist nicht wie der der griechischen: die Polis, sondern der gotterschaffene Mensch; ihr Endpunkt nicht das Imperium, sondern Gott selbst. So wird der Bund mit Gott zum Grunde der jüdisch-politischen Idee: er erst schafft das Volk und stellt seine höchsten, wenn auch von ihrer eigenen Zeit mißverstandenen Repräsentanten heraus: die Propheten, denen Kohn auch Jesus zurechnet. Sie sind in einem tiefen Sinne unzeitgemäß; treten gegen die Tagespolitik des Prestiges, der Bündnisse, der Nationalfcriege auf, aber gerade dadurch feben sie der Geschichte und der sie verwirklichenden jüischen Politik ein überzeitliches Ziel und der Welt einen Sinn, dem zwar Gott die Richtung, der Mensch aber die Verwirklichung gibt. Als Erben dieser politischen Theologie dürfen sich auch die Pharisäer des Talmuds mit Recht fühlen, wenn auch der Verfasser ihnen nicht den vollen unmittelbaren Reichtum der Propheten selbst mehr zugestehen will. Immerhin sind sie und nicht etwa das paulinische und Kirchen-Christentum, die echten Fortsetzer der jüdisch-politischen Idee: es ist ein geradezu geniales Apercu, daß Kohn den Glauben an die notwendig Kommende neue Weltordnung durch Vermittlung der christlichen Gnade und den Glauben an die notwendig K0mmende neue Weltordnung durch Vermittlung der marxistischen ökonomischen Gesetzlichkeit in eins setzt und beiden die echte politische Idee des Judentums gegenüberstellt, die keinen Dispens auf die Ewigkeit kennt, sondern die Verwirklichung des Hier und des Jetzt von jedem einzelnen Menschen verlangt, sei er Jude oder nicht, ja: in diesen Universalismus die gesamte belebte Natur einbezieht. In diesem hohen Sinne — ״es gibt keine Barbaren!“ — darf dann der Verfasser es geradezu begrüßen, daß die Gegenwartsaufgabe praktischer jüdischer Politik uns dazu zwingt, mit einem anderen Volke zu leben und dadurch den Sinn und die Echtheit unserer politischen Idee zu bewähren, die nicht nur ein Gebilde der Minoritätenethik des Galuth ist, sondern uns schon gelehrt wurde, als wir noch ein Herrschervolk auf eigenem Grund und Boden waren. Diese Konzeption, mit der ich nur in wenigen Hauptpunkten der ungenügenden Bewertung der Halacha als Massenformung eben jener politischen Idee, der Stellung der Propheten zum Gesetz und Christi unter den Propheten — nicht üoereinstimme, kann sich nicht nur auf zahlreiche jüdische Einzelquellen berufen, sondern auf ein geschlossenes geschichtsphilosophisches Bild vom Judentum. Wer es von unseren Allerweits- Politikern und Kollektiv-Assiniilatrien, von unseren Sabbatianern und Prestige-Politikern unternehmen sollte, sich mit dieser Konzeption von jüdischer Politik auseinanderzusetzen, der wird eine dieser beiden Forderungen erfüllen müssen: entweder ein anderes, ähnlich legitimiertes Bild der jüdischen Politik auf• stellen, oder aber erklären, daß seine jüdische Politik nur — Politik für Juden ist. Damit aber hätte er auf die historische Kontinuität seiner eigenen Haltung verzichtet: er wüßte kaum zu sagen, warum seine Volkssiedlung in Palästina statt in der Krim sich vollziehe, warum seine Volkssprache hebräisch, statt etwa jiddisch sei, und hätte so den eigenen Rechtsanspruch, ja, den des assimilatorlschen Zionismus selber, untergraben. Schade nur, daß gerade dieser Typus seinem Wesen nach sich dem Anruf der jüdischen Uridee nicht stellt: auch die Bürger von Jerusalem hatten Wichtigeres zu tun, als auf die Stimme Jeremias’ zu hören. Kleine Nachrichten Jerusalem, 24. April. (J. T. A.) Ganz Palästina wurde von einer außerordentlichen Kältewelle erreicht Seit zwei Tagen herrschen Regen und Hagelschauer, vorübergehend ist die Temperatur unter Null. Die Touristen tragen Winterkleider. Die ältesten Einwohner können sich nicht erinnern, daß in Palästina in dieser Jahreszeit Ende April, eine solche Kälte geherrscht hätte. Nach den Wetter- Voraussagen wird die außerordentliche Kälte auch in den nächsten Tagen anhalten. Jerusalem, 21. April. (J. T. A.). Infolge des Bruches des Hauptmotors, der das Wasser der Tarah-Quellea nach Jerusalem pumpt, herrscht gegenwärtig in Jerusalem eine starke Wasserknappheit. Der Jerusalemer Magistrat hat verfügt, daß wöchentlich nur zweimal an Haushaltungen Wasser abgegeben wird. Die Araber betreiben einen Schwunghaften Handel mit Wasser aus den Brunnen und halten die Preise so hoch wie möglich. Auch die Jerusalemer Bauarbeiten er• leiden durch die Wasserknappheit eine Verzögerung. Das ״Commercial Bulletin“ veröffentlicht eine Uebersicht über die Export- und Importländer Palästinas. An erster Steile stehen als Herkunftsländer für Importartikel nach Palästina: Aegypten, Syrien, England und Deutschland. Haupt- Bestimmungsländer für den Export sind: England, Syrien, Aegypten und ebenfalls Deutschland. London, 22. April (J.T.A.) Sir Wyndhatn Deedea war aus Anlaß der Einleitung der Keren Hajessod-Aktion der St. Johns Wood-Synagoge Gast dieser Synagoge im Hause des Reichsrabbiners Dr. J. H. Hertz. Es wurden an diesem Abend 820 Pfund für den Keren Hajessod aufgebracht. Oberrabbiner Hertz stellte in seiner Ansprache fest, daß die St. Johns Wood-Synagogue die 33. Synagoge in England sei, die unter ihren Mitgliedern eine Keren Hajessod- Aktion durchführt Sir Wyndham Deedes sagte, das Problem des Aufbaus Palästinas durch die Juden lasse sieh nicht mehr aus der Welt schaffen, die britische Regierung und die ganze Welt warten gespannt auf die Resultate dieser jüdischen Arbeit. Danzig, 24. April. (J. T. A.) Gruppen Hakenkreuzler haben in der Nacht zum 21. April in menreren jüdischen Geschäften auf dem Holzmarktplatz die Schaufensterscheiben eingeschiagen. Die Polizei verhaftete eine Anzahl der Schuldigen. Die Ausschreitungen stehen im Zusammenhang mit dem Verbot des deutschen Stahlhelmtages durch die Danziger Regierung. Die Hakenkreuzler führen dieses Verbot fälschlich auf jüdischen Einfluß zurück. Moskau, 27. April. (J.T. A.) Das jüdische Viertel von Minsk, das am Flusse Swislowitsch liegt wurde überflutet und fast vollkommen zerstört Viele hunderte jüdische Familien- . haben unmittilbar •vor.' deA.'־Pessachfe#׳.*dleV Wohnungen ‘'vier*,' lassen müssen; sll -vMMen Mi den *Syrif£0jfeif*a<er Inneren Staat untergebracht Die für das Pessachfest vorbereiteten Nahrungsmittef fielen der Zerstörung durch die Fluten anheim. In Kiew wurde das jüdische Viertel Slobotka. das hart am Dniepr-Fluß liegt, überflutet Zahlreiche jüdische Fami ien sind obdachlos und wurden in öffentlichen jüdischen Anstalten untergebracht Paris, 19. April. (J. T. A.) Vor dem Schwurgericht des Seine-Departements in Paris stand in den letzten Tagen der aus Riga stammende jugendliche jüdische Student Jacob Burger unter der Anklage des Mordes, begangen an dem am 23. Mai 1928 an Dr. Jacques Goldberg, Direktor der Agence Tclegraphique Juive (jüdische Telegraphen-Agentur) in Paris. Als Vertreter der Familie des ermordeten Dr. Goldberg fungierte Advokat T o r r e s und der frühere bekannte Petersburger Advokat M. L. G o 1 d s t e i n, die Verteidigung hatte der Advokat Pierre Cot inne. Nach Schluß der Beweisaufnahme versuchte der Verteidiger nachzuweisen, daß Burger seine Tat nur in Sinnesverwirrung begangen haben könne. Er plaidierte auf Freispruch. Auen Torres ersuchte um ein mildes Urteil. Die Jury aber zeigte sich der Milde wenig zugänglich und verurteilte Burger zu sieben Jahren schweren Kerkers verbunden mit Zwangsarbeit New York, 7. April. (J.T. A.) Prof.Dr.Chaim Heller, der Begründer und Leiter der Berliner orthodoxen Rabbiner- Akademie ״Beth midrasch elion“, hat an Bord des ״Olympic“ die Rückreise von New York nach Berlin angetreten, um das ״Beth midrasch eljon“ wieder zu eröffnen, raclnkm orthodoxe jüdische Kreise Amerikas durch Aufbringung eines Fonds die finanzielle Grundlage für die Fortführung der Lehr- und Forschungsarbeit der Akademie gesichert haben. Kabarett ״Blauer Vogel“ Nach langem Fernsein ist das Kabarett ״Blau er Vo gel“' wieder in Berlin eingezogen und hat sich — in neues Gewand gehüllt — am Kurfürstendamm niedergelassen. Sehr geschmackvoll ist die Ausstattung, sind die Dekorationen, die Prof. Stern hier geschaffen hat. Der Direktor und Conferencier, Herr' Jushny, versteht es, durch einen originellen und dabei nie die Grenze des guten Geschmacks überschreitenden Ton sein Publikum in gute Stimmung zu bringen und — was gerade an dieser Stelle hervorgehoben zu werden verdient: Jushny hält sich frei von jenem in der Kabarett-Conference so beliebten Jargon, in dem entstelltes Jiddisch nicht fehlen darf, das dazu dienen soll, zwischen Bühne und Publikum eine gewisse Intimität herzustellen, an der sich dann allerdings niemand freut. — Im ״Blauen Vogel“ wird mit Humor und Geschmack das geboten, was jeder sucht, der ins Kabarett geht: ein angenehmer, leicht vergnügter Abend. Die Habimah-Truppehat eine Einladung erhalten, an den internationalen Theater-Festspielen mitzuwirken, die vom 19. Mai bis 23. Juni in Berlin stattfinden. (Ziko.) Im Alter von 89 Jahren verstarb am 26. d. M. der frühere Direktor der Knaben-Mittelschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und der Jüdischen Lehrerbildungsanstalt, Dr. Michael H 01 z m a n n. Trotz seiner 89 Jahre blieb er bis zuletzt keiner einzigen Sitzung des Schulvorstandes der Berliner Gemeinde fern. — Die Bestattung Dr. Michael Holzmanns fand am Sonntag, dem 28. April, nachmittags 3 Uhr, von der alten Halle dea Friedhofs Weißensee aus statt