Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1929-04-30 · Heft 34 (30.4.1929) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 34 (30.4.1929)
Date
1929-04-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653062-2653094--20732-2678747
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

10 entity mentions

Nr 34. 30 IV. 1920 J U E Dl SCH E RUNDSCHAU Seite 217 Gustav Landauer, der Mensch und Schriftsteller Zu seinem 10. T odestag a m 2. Mal t Von S. M e i s e 18. Lange vor dem Kriege war es, als mir eines Abends im CaK Monopol zu Berlin ein Mann auftiel, dessen ganze Erschcinung den denkenden, geistig schaffenden Menschen dcut־ Uch verriet. Als ich ihn, während er ein wenig gravitätisch durch den langen Mittelgang des Kaffeehauses schritt, näher ins Auge fassen wollte, stieß mich ein Berliner Journalist mit den Worten an: ״Sie kennen ihn nicht? Das ist der Edelanarchist Gustav Landauer.“ Ich fragte: ״Worauf legen Sie die Betonung, auf das Wort ״Edel“ oder auf das Wort ״Anarchist“? Der Mann zuckte mit den Achseln. Ich kannte damals Gustav Landauer noch nicht, das heißt, ich kannte ihn nicht näher, ich hatte Im ganzen zwei oder drei Artikel von ihm gelesen, aber soviel wußte ich damals schon, daß Gustav Landauer nicht der Mann war, den man mit einem Achselzucken abtun konnte. Mich fesselte indes seine äußere Erscheinune: die schlanke, zedernartige Gestalt, die gute Haltung, der elastische Gang, das von einem kleinen Vollbart umrahmte bleiche Gesicht mit der unvermeidlichen Brille und der Kopf mit der gleichfalls unvermeidlichen Philosophenmähne. Ich erinnere mich, daß mir spontan jener Bibelsatz einfiel, mit I dem die körperliche Größe des Königs Saul charakteii iert wird: ״Er war eines Hauptes länger denn aoes Volk.“ Später, als ich mehreres von mm gelesen hatte, konnte ich feststellen, daß er auch geistig die vielfach redende und vielfach schreibende Menschheit überragte. Gustav Landauer war ein Revolutionär, ein Sozialist, oder wenn man durchaus das heute schon ganz sinnentleerte Wort beibehalten will, ein Anarchist, aber nur im Geiste, im Herrschaftsbezirk des Geistigen. Er war ein ins Edelste gekehrter Max Stirner, der seine Sache nicht auf das große, sondern auf das geistige Ich gestellt hatte, auf die Herrschaft des Geistes. Ein Revolutionär aber, der die Macht des Geistes anerkennt, der versteht unter Revolution eine Umwälzung ohne Aufruhr, Umgestaltung ohne Gewaltsamkeit, Wechsel der Ordnung, wie er sich einzig durch den ״Geist des Rates und der Einsicht“ vollziehen kann. Ungleich allen anderen Revolution n|ren, die nur durch Sturm und Drang, durch Kampf und Krieg zu ihrem erstrebten Ziele gelangen zu können glauben, suchte Gustav Landauer den ״Frieden auf den Wegen des Friedens.“ Landauer konnte diesen Weg beschreiten, denn er war ela Nur-Mensch, der sich in aller Einfalt den Glauben an den Menschen bewahrt und sein ganzes Denken auf den Menschen und auf die Menschlichkeit eingestellt hat Wer diesen rein im Geiste wirkenden, im Menschheits* glauben starken und ganz auf Friedenswegen wandelnden Revoluäonir kennen lernen will, der lese seine Briefe, die kürzlich gesammelt unter dem Titel ״Gustav Landauer. Sein Lebens* gang ln Briefen“ bei Rotten 6c Locning in Frankfurt am Main erschienen sind Von dieser Briefsammlung darf willkürlich, wie ihr Herausgeber Martin Buber mit Recht hervorhebt, in einem besondere Sinn gesagt werden, daß sie den mit dem Leben vollzogenen Gang eines Menschen durch unser Zeitalter urkundlich darstellt; die Briefe sind so ausgewählt, daß die Schritte des Lebensganges von ihnen abzulesen sind. Wir lernen daraus den Menschen Landauer kennen, einen Mann, der seinen Weg durchs Leben geht, einen immer strebend sich bemühenden Idealisten, dem ein starker Wirklichkeits* sinn eignet, einen Einsamen, womöglich gar einen Eigen* brötler, der •ich dennoch der ganzen Menschheit verhaftet fühlt• Und zudem auch noch den Literaten, den Schrift* «Mer, den geistig Schaffenden, t, ,Ou1taf.;,MWiihw«r,..M8,S0«W|Wlp* wahrsteu Wort- «na ein geistig Schaffender. Ee ist immer sein eigener Geist, der in seinen Büchern leuchtet Nichts ist für den Literaten Landauer 80 bezeichnend wte sein Shakespeare-Buch. Darin gibt uns Landauer seinen Shakespeare, den Shakespeare, wie er ihn sah. Er mustert die einzelnen Schöpfungen des Strat* forter Meisters und durchleuchtet sie mit den hellsten, feinsten Geistesstrahlen. Landauers ״Shakespeare“, aus zwanzig in Berlin gehaltenen Vorträgen entstanden, ist ein schönes״ nerrliches und vor allem höchst eigenartiges Buch. Eigenartig schon deshalb, weil es den Schematisierern schwer fällt, es in ein bestimmtes Fach einzuordnen, einer bestimmten Gattung zuzuzähien. Eigenartig aber auch ebenso durch das, was es sagt, wie durch das, was es nicht sagt, Landauers ״Shake* speare“ ist eine lebendige und höchst unliterarische Schöpfung, welche Bemerkung durchaus kein Werturteil, sondern lediglich eine Feststellung enthalten soll. Ich habe es nie verstehen können, wieso es für ein Theaterstück, das doch eigentlich vom Theater lebt, ans Theater gebunden ist und ohne das Theater gar keine Daseinsmöglicnkeit hat, das höchste Lob bedeuten soll, wenn das Urteil darüber lautet, cs sei ganz und gar nicht Theater. Ebenso habe ich nie begreifen können, warum man ein Schriftwerk, das doch eigentlich zur Literatur ehört und dessen Verfasser sein ganzes Streben darauf richtet, aß er in die Literatur aufgenommen werden soll, geradezu literaturunfähig machen kann, wenn man darüber aussagt, es sei ganz und gar Literatur. Aber von Landauers ״Shakespeare“ muß man (ohne irgend welches Lob damit zu verbinden) feststellen, daß es nicht Literatur ist Vielmehr ist dieses Werk das in Schrift festgehaltene lebendige Wort eines scharf und klar sehenden, geistig hochstehenden Menschen. Gustav Landauer sucht in Shakespeare nicht das Werk als Objekt der Forschung, er sucht darin den Menschen als Sinnbild der Schöpfung. Er vertieft sich nicht mit grübelndem Eifer in das Buch, sondern er versenkt sich liebevoll in dessen Gestalten. Nicht das Wort, auch das künstlerische nicht, ist ihm die Hauptsache, sondern der Mensch, der das Wort spricht, der es im Aufträge des Dichters ausspricht. So knüpft Landauer vom Buch über den Dichter hinweg die Fäden zum Leben und zur Wirklichkeit. Landauer liefert keine philologischen Kommentare zu Shakespeares Werken, er treibt keine Wortforschung und stellt nicht tiefündige Untersuchungen an, sondern er stellt eine intime echselbeziehung zwischen Shakespeare und dem Leben her; er sucht gleichsam Shakespeare durch das Leben und umgekehrt das Leben durch Shakespeare zu. interpretieren. Es Ist für die Vorzüglichkeit und die die innere Geschlossenheit des Landauerschen Werkes bezeichnend, daß es dem Kritiker schwer fällt, irgend welche Stellen als charakteristische Kraftproben herauszugreifen, ln diesem Buch ist alles gut, ja alles gleich gut. was Landauer Über Hamlet sagt Ist ebenso gut wie das, was er Über Othello zu sagen weiß, was er über Romeo und Julia schreibt ebenso treffend wie das über den Kaufmann von Venedig; und so weiter durch alle Schöpfungen Shakespeares. In diesem Werk hat sich Geist an Geist gemessen. Der Gewinn aus der Lektüre dieses Buches ist ein doppelter: man bereichert sein Wissen um Shakespeare und lernt zu gleicher Zeit den ebenso starken wie edlen Geist Gustav Landauers kennen. Dieser Mann, der wirklich Im Geiste lebte und im wahrsten Wortsinn ein geistig Schaffender war, ist in München am 2. Mai 1919, einige Tage nach dem Zusammenbruch der Münchener Räteherrschaft, auf offener Straße und am hellichten Tage erschossen worden. Es ist leider nicht wahr, daß man nur den Körper totschlagen könne. In Gustav Landauer wurde ein edler Geist zerstört, in ihm wurde eine starke sitt- Hebe Kraft vernichtet Aus den Gemeinden Gemeinde-Etat 1929 in Berlin. Der Etat-Ausschuß der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin berät gegenwärtig über die Etat- Vorlage für 1929, die eine Gesamtsumme von 11026 432 M. an Ausgaben Vorsicht. Von dieser Summe sollen durch Steuern 6 589162 M. aufgebracht werden. Vergleicht man diese Ziffern mit den entsprechenden Positionen des vorjährigen Etats, dann fällt eine Steigerung der Ausgaben um! 117680 M. auf. Diese Steigerung hat zum Teil schon im Jahre 1928 selbst stattgefunden, der Grund liegt teilweise in einer Erhöhung der Besoldung für die Beamten und Angestellten, auch die sachlichen Ausgaben sind gegenüber dem Jahre 1928 gestiegen. Die Erwerbung des Friedenstempels hat auch den ordentlichen Etat belastet, die Uebernähme der Volksschule in der Rykestraße, die Verwaltung der einzelnen Anstalten und nicht zuletzt das Wohlfahrtsamt erforderten höhere Ausgaben schon im Jahre 1928. — Die Ausgaben für Kultusangelegenheiten verursachen gegen das Vorjahr eine Mehrausgabe von 400000 M., im Schulwesen sind etwa 2COCOO M. mehr aufzubringen und das Wohlfahrtsamt erfordert im Etat für 1929 3 264009 M., demnach fast 400000 Mark mehr als im Jahre 1928. De Kultusangelegenheiten bean- Sprüchen einen Gemeindezuschuß von anderthalb Millionen, aas Schulwesen kostet 1,2 Millionen, und das Wohlfahrtswesen beansprucht fast 1,6 Millionen. — Eine besondere Betrachtung erfordert der Etat der Kaschruth-Verwaltung. Während in den Jahren 1924, 1925 und 1926 dieser Zweig der Verwaltung nur geringe Zuschüsse erforderte, stieg er im Jahre PER MONAT MAI IM ZEICHEN DER BOCHSENLEERUNG BIS ENDE MAI MUSSEN ALLE BUCHSEN GE- LEERT SEIN! 1927 auf 51000 M. an und im Jahre 1923 auf mehr als das Doppelte, nämlich auf 105 000 M. — Im Beerdigungswesen gleichen sich, nachdem die Erhöhung der Beerdigungsgebühren durchgeführt ist, die Einnahmen mit den Ausgaben aus. Es betragen hier sowohl die Einnahmen wie die Ausgaben 606750 M. — Das Kapitel Unterrichts» und Bibliothekswesen weist einen um 220 0C0 M. erhöhten Zuschuß auf. Der Gesamtzuschuß der Gemeinde beträgt Mer, wie bereits erwähnt, 1208000 M. .׳. •: _ Ctatttada-Ciat Wien. “י Der Vörstshd der 'Ofener Israelitischen Kultusgemelnde befaßte sich in seinen letzten Sitzungen mit dem Budgetvoranschlag für das Jahr 1929. Der Referent Dr. Oppenheim gab zunächst einen Auszug aus dem Rechnungsabschluß für 1928. In diesem Jahre betrugen die Gesamteinnahmen der Kultusgemeinde 5 977 556 Schilling, die Gesamtausgaben beliefen sich auf 6 047 220 Schilling, so daß sich für 1923 ein Defizit von 69 663 Schilling ergibt, dem das pro Jahr vorgetragene Defizit von 1927 in Höhe von 207 057 Schilling zuzurechnen ist, so daß für 1929 ein Gesamtdefizit von 275 730 Schilling zum Vortrag gelangt. Ke von der Finanzkommission und dem Vertreterkoliegium genehmigte und nunmehr vom Plenum des Kultusvorstanaes zu behandelnde Vorlage für das Verwaltung®־ Jahr 1928 verzeichnet an Einnahmen insgesamt 5 650 450 Schilling, an Ausgaben Insgesamt 5 839 785 Schilling, so daß für 1929 ein Defizit von 189 336 Schilling zu gewärtigen ist. — Diese Gesamtziffern verteilen sich auf die einzelnen Budgetkapitel wie folgt: Kultus und Rituslien: Einnahmen 649115 Schilling, Ausgaben 988 760 Schilling; Unterrichts- und Bibliothekswesen: Einnahmen 27 655 Schilling, Ausgaben 391 035 Schilling; Friedhofswesen: Einnahmen 1 505 004 Schilling, Ausgaben 10(8 549 Schilling; Fürsorgewesen: Einnahmen; 1 158013 Schilling, Ausgaben 1929 959 Schilling; Verwaltung: Einnahmen 2181Ü0 Schl lhg, Ausgaben 1 229 lw Schilling; Hausverwaltungen: Einnahmen 17 550 Schilling, Ausgaben 62 460 Schilling; Kultusst uer: Einnahmen 21Q0 0ÖQ Schilling; Matriken: Einnahmen 25 000 Schilling, Ausgaben 39 833 Schilling:; Außerordentliches: Ausgaben 1500C0 Schilling. Der Etat der Münchener Gemeinde. In der am 17. April abgehaltenen Sitzung der Gemeindevertretung und des Gemeindevorstandes der Münchener Kultusgemeinde erläuterte unser Gg. Justizrat Dr. Straus den Etat, der in Einnahmen und Ausgaben mit 742195,40 M. abschließt. Die Hauptausgabenposten sind die für Besoldungen und Pensionen: 208 000 M., und für Wohlfahrtspflege: 143 400 M. In der Generaldebatte führte Dr. Siegel für die zionistische Fraktion aus, noch immer sei in Bayern in praxi eine lex Heim in Kraft, die die Anstellung von Juden im Staatsdienst nur nach einer gewissen Prozentnorm zuläßt; die RituaLmordhetze in Franken könne ohne Einschreiten der Staatsgewalt betrieben werden, im ganzen sei die Lage der Juden in Bayern vielschiechteralsimübrigenKeich. Kommerzienrat Dr. Wassermann führte für die liberale Fraktion aus, daß im Etat allen berechtigten Wünschen Rechnung getragen sei. Herr Rosenthaler (Orthodoxe Fraktion) machte Verbcsserungsvorschläge zum Etat Der Betrag für kulturelle und allgemeine jüdische Zwecke wurde mit 10000 M. festgesetzt, dabei sind vorgesehen 5000 M. für die Ortsgruppe München des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und 2000 M. für das Palistinaaufbauvverk (Keren H a jessod), die erstmalig bewilligt wurden. Die hebräischen Sprachkurse werden mit 1800 M. subventio» niert. Den Vorsitz führte Dr. Wiimersdörffer. Landesverband Hessen. In Ottenbach a. M. fand am 14. April die vierte ordentliehe Tagung des Landesverbandes der Israelitischen ReiHionsgemeinden Hessens statt. Jusilzrat Dr. Qoldschmidt begrüßte die erschienenen Mitglieder des hessischen Oberrates und die Delegierten der Gemeinden. Rabb. Dr. Le w i t-Alzey hielt die Weiherede. Den Geschäftsbericht erstattete Kommerzienrat May er-Mainz. Der Verband zählt 135 Gemeinden mit 16795 Mitgliedern. Nicht angeschlossen sind ihm noch 72 hessische Gemeinden mit 3356 Seelen. Das Budget weist eine Ueberbüaaz auf, für das kommende Jahr bleibt eia Defizit von 3000 RM. Ke Weitererhaltung des Landesverbandes ist unter diesen Umständen emstlicn gefährdet, nur bei Entrichtung des Pflichtbeitrages durch alle angeschiosscnen Gemeinden sei der Fortbestand möglich. Es werden verschiedene Sparmaßnahmen, wie Streichung des Lektorates an der Universität Gießen, Reduktion der Peßach-OrafifikalRmen an die Lehrer, Ablehnung aller Zuschüsse für nichthessische In- - stitutionen usw. vorgcschlagen. Eine einmalige Auflage von!,— RM. pro Mitglied wird Vorbehalten. Der Voranschlag für 1929 wird bewilligt. Zum Vorsitzenden wurde Kommerzienrat Mayer- Mainz, zum Stellvertretenden Vorsitzenden Kommerzienrat Kronenberger-Mainz wiedergewählt. Rabbiner Dr. Dienemann referierte über ״Aufbau und Gedankengang unserer täglichen Oebete“. Versammlung der Jüdischen Volkspartei• Am 18. d. M. veranstaltete die Jüdische Volkspartei in der Stadthalle in der Klosterstraße eine von etwa tausend Personen besuchte Versammlung, in der die Redner der Partei über die Arbeit in der Gemeinde Rechenschaft ablegten. Dr. Kollen sc her berichtete als erster Redner über die organisatorisehen Arbeiten in der Schulverwaltung, legte dar, daß es der Volkspartei gelungen sei, das Schulwesen auf eine größere und breitere Basis zu stellen und daß es der Arbeit der Volkspartei zu verdanken sei, wenn heute die jüdischen Schulen in Berlin mit positivem jüdischen Gehalt erfüllt seien. Rechtsanwalt Dr. Leiewer beleuchtete die mannigfachen Zweige der Gemeindearbeit vom Standpunkte der Jugend, begrüßte es, daß endlich ein frischer wind in die Gemeindestube eingezogen sei und gab der Zuversicht Ausdruck, daß auf dem bisherigen Wege weiter gegangen werde, um auch diejenigen Teile der Berliner Judenheit zu erfassen, die bis* her der Arbeit in der Gemeinde ohne aktives Interesse gegenüberstehen. Nachdem noch die Herren Haarpuder und Dr. Hildesheimer Spezialgebiete besprochen hatten, ergriff Dr. Klee, das Wort, um alle Probleme der Gemeindearbeit zu besprechen. Der Redner wies nachdrücklich darauf hin, wie alle Prophezeiungen, daß die Herrschaft der Jüdi« sehen Volkspartei eine Erhöhung der Steuern erbringen werde, in nichts zerflogen seien, wie im Gegenteil unter der Aegide der volksparteiuchen Mitglieder der Verwaltung eine Ver* besserung und Rationalisierung eingetreten sei, die es gestattet habe, den Steuersatz auf 10 “h herunterzusetzen. Dr. Klee betonte, daß die Berliner Gemeinde innerhalb der deutschen Judenheit, wie der Judenheit überhaupt, das Glied in einer großen und reichen Kette sei und wandte sich zum Schluß gegen jedwede Absicht, den Sabbathgedanken anzutasten und am Sonntag Gottesdienste abzuhalten. Der Redner fand mit seinen Ausführungen lebhaften Beifall, der sich besonders steigerte bei den Absitzen der Rede, in der er sich mit dem Sabbathgedanken beschäftigte. Me Freiheit des liLLscben Glaubens in Italien Rom, 23. April (J.T.A.) Bei Eröffnung des neuen Italicnischen Parlaments hielt der König eine Thronrede, in der er u. a, mitteilte, daß die Regierung der kommenden Parlamentssession ein Gesetz vorlegen wird, nach welchem die freie Aus- Übung aller vom Staate anerkannten Religionen garantiert sein wird. Keses Gesetz wird dem Parlament in Verbindung mit dem mit dem Vatikan abgeschlossenen Konkordat vorgelegt werden. Ke italienische Judenheit ist über diesen Passus der Thronrede sehr befriedigt, da er die in gewissen Jüdischen Kreisen geäußerten Befürchtungen, das Konkordat würde eine Einschränkung der jüdischen religiösen Freiheit herbeiführen, endgültig zerstreut. Erleb Mühsam: Sacco ud VanzetU Aufführung des November-Studios im Theater In der Stadt. Ke Bewegung, die gegenwärtig der Kampf für die Ab- Schaffung der Todesstrafe im Zusammenhang mit der Beratung des neuen Strafgesetzentwurfes in Deutschland ausgelöst hat, hat ihren Niederschlag auch auf der deutschen Bühne gefunden. Nach Wcrifensteins ״Nacht vor dem Beil“, Kalkowskas ״Josef“ (Fall Jakubowski) jetzt Mühsams ״Sacco und Vanzetti". Dieser Justizfall ist uns allen noch in lebendigster Erinnerung. Mühsam, lange Zeit hindurch selbst ein Opfer der KerKermauern, dramatisiert die Sacco- und Vanzetti-Tragödie nicht mit den herkömmlichen Mitteln des Dramas: Er gibt bewußt Reportage, läßt Dokumente reden. Es ist kein Spiel der Phantasie, keine Vision, nur intensives Eindringen in die Akten, die szenenweise allerdings mit großer dramatischer Kraft gestaltet sind- Und dies ist das Erschütternde: dieses Dr^maist geformte Wirklichkeit Wenn Sacco, von Friedrich GnUl» mit dem prächtigen lebensvollen Kopf dargestellt, mit dunkler unpathetischer Stimme den einfachen Satz sagt: ״Es ist grauenvoll“ und dabei im engen Kreis der Gefängniszelle auf- und abläuft, so wird blitzartig die ganze Marterexistenz eines Sträflings, eines sieben Jahre stündlich zwischen Leben und Tod Schwebenden von uns im Theaterparterre Sitzenden, uns frei Bewegenden, begriffen. Und wenn Vanzettis (Ernst Busch), des geistigeren von beiden, lang gestaute Qual einmal elementar ausbricht, so vergessen wir es nicht mehr. Aber abgesehen vom individualschtcksai dieser zwei Revotionäre, deren persönliches Martyrium aus Ihren Briefen und anderen schriftlichen Aeußerungen bekannt ist, geht es Mühsam um mehr, um das Schicksal einer Bewegung und das Schicksal einer Idee. Und die Gültigkeit dieser Idee — der der Freiheit und gleichen Anteilnahme aller Menschen an den Lebensgütern ־- wird an ihrem Verhältnis zur Gerechtigkeit erprobt. Und da versagen die, die sie zu besitzen Vorgehen: Richter, Staatsanwalt und Gouverneur. י Den Erfolg der Matinee entschied die Gestalt des Gouverneurs Füller von Hans Leibelt, die der Höhepunkt der schauspielerischen Leistung dieser Aufführung war. Mit allen Flnessen und sehr glaubwürdig gab er den aus der ״besten“ Gesellschaft stammenden Zyniker mit der Doppelzüngigkeit eines Diplomaten, dessen Leitidee bei seinen Entscheidungen nicht die gerechte Sache, sondern die bestmögliche Interessen- Vertretung seiner Auftraggeber ist. Wenn er mit dem Satz: ״Man muß der Bestie Zucker geben“ zur Verhandlung mit Frau und Schwester der Verurteilten geht, so ist damit die Charakterzeichnung dieses Januskopfes gegeben. Erspart hätte uns die Szene der Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl bleiben können, die keine Steigerung brachte. Auch die Szene mit dem Geistlichen vor der Hinrichtung war schwach. Ke Regieführung von Leopold Lindtberg, der auch den Judas“ von Mühsam inszeniert hat, war gut und erfreulich diskret, unter Vermeidung jeder Sensation. Das Bühnenbild der Elfriede Liebthal: ein Treppengerüst in schattenhaftem Halbdunkel, von Scheinwerfern erhellt, gab mit einfachsten Mitteln die grauenvolle Todesatmosphäre. Das übervolle Haus dankte Darstellern und Dichter durch sehr reichen und verdienten Beifall. Auch dem Initiator des November-Studios, Alexander <kanach, sind wir zu Dank verpflichtet. Und wenn er das, was er in einer programmatischen Notiz verspricht, — von den Brettern an das Gewissen der Zeit zu appellieren, — hält, wird die Existenzberechtigung dieses neu ins Leben gerufenen Theater- Studios erwiesen sem. Anj a Aschkeaasy.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.