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Jüdische Rundschau · 1929-04-30 · Heft 34 (30.4.1929) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 34 (30.4.1929)
Date
1929-04-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 34, 30. TV. 1929 Der Niedertfan( des polnischen Judentums Von J. Grünbaum, Warschau. Vorsitzender des jüdischen Scjmklubs in Polen. Ich beabsichtigte schon vor langem über das obige Thema m schreiben. Seit geraumer Zeit habe ich das Gefühl, daß uns polnischen Juden ein Unrecht, ein bitteres Unrecht geschient und besonders seitens der Publizisten und ״Askanim“ in Palästina. Nimmt man eine von den in Palästina erscheinenden Zeitschriften in die Hand, welcher Richtung sie auch angehören möge, so findet man dort von Zeit zu Zeit Beschuldigungen, bittere Vorwürfe und traurige Erwägungen, ja richtige Trauerreden über uns polnische Juden, insbesondere über die polnischen Zionisten. Sehr oft werden diese Vorwürfe von Leuten gemacht, die selbst aus Polen stammen, die ja unsere Lage, sowie die Bedingungen, unter welchen wir arbeiten müssen, kennen sollten. Manchmal auch von Leuten, die selbst Sammelaktionen in Polen durchgeführt haben und die sich ja dabei ein richtiges Bild von den Möglichkeiten und Bedürfnissen des jüdischen Lebens in Polen hätten machen sollen. Me in Tel-Awiw unter der Redaktion von F. Lachower neu erscheinende hebräische Zeitschrift ״Mosnaim“ bringt einen Aufsatz (von F. L. unterschrieben) über den Lehrerstreik in den Tarbuth-Schulen in Warschau. Da wäre es ja zu erwarten, daß der Verfasser über die Verhältnisse in Polen genau informiert ist, da er ja in Polen gelebt hat und die Dinge nicht nur vom Hörensagen kennt. Und doch welches Unrecht begeht auch ei uns gegenüber. Man hat den Eindruck, daß der Aufsatz von einem Menschen geschrieben ist, der das jüdische Leben nicht aus der Nähe gesehen hat, und überdies nicht einmal genug ״weitsichtig“ ist, um sich aus der Ferne ein richtiges Urteil bilden zu können. Für den Verfasser ist es sonnenklar, daß in der prekären Lage der Tarbuth-Schulen ein Armutszeugnis nicht nur im finanziellen, sondern auch im moralischen und kulturellen Sinn zu erblicken ist Folgerichtig stellt er den Verfall der polnischen Judenheit fest, den kein äußerer Glanz verdecken kann. Ebenso wie das herrschende Volk, lieben es, seiner Meinung nach, auch die Juden Polens mit dem Säbelchen zu rasseln, d. h. unaufhörliche Kämpfe um Ehrenstellen und Führerstühle zw führen. Glanz nach außen, Armut und Verfall nach innen wären also das Charakteristikum für das Jüdische Leben in Polen. Man sei dort weder imstande, hebräische Schulen noch eine hebräische Tageszeitung zu erhalten. Die hebräische Journalistik und die hebräische Literatur in Polen geben dem hebräischen Schriftsteller keine Möglichkeit von seiner Arbeit zu leben. Es erscheinen keine hebräeischen Bücher. Mit einem Worte Armut, geistige Armut, finanzielle Armut, ״pfeifen aus fast allen Ecken“. So sind tatsächlich die Verhältnisse jetzt — und wie waren sie früher z. B, vor dem Kriege? Diese Frage wird von niemandem gestellt. Man ist im Gegenteil eher geneigt, ״was einmal war“ zu idealisieren. Man erzählt von den hebräischen Zeitungen, die früher erschienen, von Bücherverlagsanstalten, die hebräische Bücher herausgegeben und die moderne hebräisehe Literatur geschaffen und entwickelt haben und man bekommt tatsächlich den Eindruck, als wäre wirklich einmal die Lage durchaus glänzend gewesen und daß jetzt alles in furchtbarem Verfall begriffen sei. Man vergißt dabei, daß man vorher nicht mit Polen allein, sondern mit ganz Rußland zu tun hatte. Warschau galt als Kulturzentrum nicht nur für die zehn Gouvernements in Kongreßpolen und Telle der Gouvernements von Grodno, Wilno und Pinsk, sondern für den ganzen Ansiedlungsrayon,,für die gesamte sieben Millionen zählende RufMand##*. ״sw׳* •״;, Das polnische Judentum leidet nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig durch den Verlust des russischen Absatzmarktes. Statt eines Absatzmarktes von sieben Millionen haben wir heute nur einen von drei Millionen, davon fast eine Million in Galizien, wo man auch vor dem Kriege wenig hebräische Bücher und Zeitschriften absetzen konnte. Der einstige Konsument des hebräischen Buches ist auf ein Drittel zusammengeschrumpft Das wird aber heute von niemandem ln Betracht gezogen. Und noch eines vergißt man gern. Vor dem Kriege hatten wir noch nicht das heutige Palästina mit seiner regen Tätigkeit auf dem Gebiete des hebräischen Zeitungs- und Bücherwesens. Das heutige Palästina ist ia in gewissem Maße ein Stück des polnischen Judentums, ״Erez-lsrael kann nur auf den Trümmern der Galuth gebaut werden“. Palästina wird also auch in großem Maße auf den Trümmern der Galuth der polnischen Juden gebaut sowohl in wirtschaftlicher wie in geistiger Hinsicht. Es wäre sehr lohnend, einmal zu berechnen, und genau festzustellen, wieviel Palästina das polnische Judentum vor dem Kriege an Geld und Menschen gekostet hat und wieviel die polnischen Juden heute dafür hergeben. Mögen die, In deren Erinnerung die Verhältnisse in der Zionistischen Organisation vor dem Kriege noch leben, es sich und anderen klar machen, welchen Platz der polnische Zionismus im allgemeinrussischen einnahm und das mit der Stel’ung vergleichen, die der polnische Zionismus in der allgemeinen zionistischen Bewegung heute einnimmt Sie werden dann vielleicht nicht den Untergang, sondern im Gegenteil Entwicklung und Aufstieg konstatieren müssen. Die Formen, in denen diese Entwicklung ihren Eindruck findet entsprechen zwar nicht den Wünschen der palästinensischen Publizisten und ebensowenig denen des Verfassers des Aufsatzes in ״Mosnalm“. Die Energie des polnischen Judentums hat heute eine ganz andere Richtung genommen als vor dem Kriege. Das polnische Judentum wurde aktiv und selbständig und steht in einem hartnäckigen und schweren Kampf um seine Rechte. Es geht um das Erringen günstiger Bedingungen für die wirtschaftliche und national-kul ure.le Ent- Wicklung. Und wie immer wird dieser Kampf mit den äußeren Mächten und Störungen von einem inneren Kampf begleitet, der durch den ersten hervorgerufen wird. Der innere* Streit der in Polen ,.tobt“, ist keinesfalls ei« Streit- und Ehrenposten noch ist er ein ״Rasseln mit Säbelchen“. Es geht um viel wichtigere und ernstere Dinge: Wer die politische Linie des polnischen Judentums bestimmen soll, und wer die Führerschaft in diesem politischen Kampf zu übernehmen hat Vorläufig haben wir noch in Polen ein Chaos, einen Wirrwarr, denn die Massen, ' sind erst vor kurzem in Bewegung gesetzt und in den Kampf hereingezogen worden. Vor dem Kriege beteiligte sich am jüdisch-nationalen Kampf in Polen nur ein kleines Häuflein von Leuten. Die Masse der Orthodoxen, der Handwerker, der Kaufleute und der Kleinhändler stand abseits von jeder gesellsehaftlichen und nationalen Tätigkeit Aktiv waren nur die Zionisten, die Assimilanten und die Bundisten. Jetzt kamen neue Kräfte hinzu, deren politische Physiognomie noch unbestimmt ist. Sie sind noch auf der Suche; auf dem Schauplatz der gesellschaftlichen Arbeit sind sie jedoch da und kämpfen um einen Platz. Und die Palästina-Arbeit? Man nehme die Berichte der Sammelaktionen für den Keren Hajessod und den K. K. L. und berechne den Durchschnitt. Es ist ja klar, daß Polen weder mit Südafrika, noch mit Nordamerika und vielleicht auch nicht mit Deutschland konkurrieren kann. Aber zieht man die absoluten Einnahmen, die der Keren Hajessod aus Polen be* kommt in Betracht und bedenkt dabei, daß das Nettäeinnahmen sind und daß solche Sammlungen, the keine andere Organim JU1DISCHE RUNDSCHAU Seite 215 sation in Polen, wie populär and beliebt sie auch sein sollte, durchführt, teuer kosten, so muß man zur Ueberzeugung gelangen, daß es um das polnische Judentum gar nicht so schümm bestellt ist, wie allgemein angenommen wird. Ich will damit behaupten, daß man die Summen nicht noch ver* frößern könnte; ich will bloß darauf hinweisen, daß deren edeutung viel größer ist, als die anderer viel größerer Geldsummen, die aus anderen Ländern kommen. Wir in Polen sparen uns fast vom Monde ab, am für den Palästinaaufbau beizusteuern. Und man betrachte das nur nicht als eine Phrase. Es ist ja klar, daß es sich um den sozusagen allgemeinen ״Mund“ handelt Mit einem Teile dieses Geldes hätten wir viel auf dem Gebiete unserer Erriehungs- und Kultur-Arbeit machen können und wir machen es nicht Und wenn Zionisten dieser oder jener Stadt sich an uns mit der Bitte wenden, ihnen vom Gelde des Keren Hajessod eine Teilsumme zu überweisen, damit sie das Defizit ihrer Tarbuth-Schule decken können, sagen wir einfach nein! Und wenn sie uns dann überzeugend klarmachen, daß sie nicht genug Geld für beide Zwecke aufbringen können und bei Nichterfüllung ihrer Forderung m:t Boykott der Samm- Jungen für den Keren Hajessod drohen, bleiben wir ״grausam“, obwohl es uns klar genug ist, daß wir bald Nachrichten über einen Lehrerstreik in der Tarbuth-Schule erhalten werden oder daß die gänzliche Schließung der Schule in kurzem erfolgen wird. Möge das obige Beispiel als Illustration unserer Lage dienen. Mir scheint, daß weder in Amerika nach in Deutsch- XUl. Zionisten-Kongreß Willst Du mltbestlmmen, mußt Du mitwählen I Willst Du das Wahlrecht haben, mußt Du den Schekel kaufenl Letzter Tag der Schekel- Abrechnung am 27. Hai 1929 iand der Fall möglich wäre, daß die dortigen luden von der Schaffung einer lokalen Institution Abstana nehmen, um das Geld für Palästina zu spenden. Bei uns aber nimmt die Sammel• arbeit für Palästina absolut den ersten Platz ein. ן Dieser Unterschied wird gewöhnlich nicht bemerkt oder gar unterschätzt. Und zum Schluß die Menschenfrage: Meint man denn wirklich, daß — wenn nach Palästina hebräische Schrittsteller und Leser, diese sogar in großer Menge, emigrieren — in einer Nacht eine neue Generation nicht weniger talentvoller (sc. Schriftsteller) groß gezogen werden kann? Es bedarf ja einer Zwischenzeit, bis, die nach Palästina abgegebenen sowohl menschlichen wie finanziellen Kräfte, noch einen Ersatz gefunden haben. Vielleicht kommt er einmal, vielleicht wird die Wirkung des neuen in Palästina geschaffe- MÄ.;:y6enrtt dieser Hinsicht befruchtend wirken, aber vof«־־ iaWg'Eleiit"Jä;Tatsache bestehen, daß Unsere Ausgaben für Palästina unsere ״Einnahmen“ übersteigen. In mancher Hinsicht ist es allerdings nicht so schlimm. Bei unserer Jugend z. B. ist das Verhältnis der ״Einnahme“ zur ״Ausgäbe“ bestimmt ein umgekehrtes. Palästina gibt ihr ein Ideal von Heldentum, Aufopferungs ähigkeit und Gerechtigkei t eine Möglichkeit, ihre Kräfte schöpferisch zu entfalten, Ideale, die das polnisch-jüdische Leben zu geben nicht imstande wäre. Das ist ungefähr das wahre Gesicht des Verfalles und Unterganges des polnischen Judentums. Das sind die wahren Ursachen der Armut, die bei unseren Freunden panischen Schrecken erregt. Wenn man aber das Gesagte ruhig und objektiv erwägt, dann kommt man zur Ueberzeugung, daß es zwar an Armut im polnischen Judentum bestimmt nicht fehlt, aber Verfall, Untergang . . . .? Von der Exekutive Aus London wird uns mitgeteilt: Präsident Nahum Soko low, der sich gegenwärtig in den Vereinigten Staaten bei der Durchführung der Kampagne des United Palestine Appeal befindet, hat, dringendem Ersuchen nachgebend, sich entschlossen, dort bis Anfang Juni zu bleiben, um in den verschiedenen jüdischen Zentren zu sprechen. Professor Brodetski besuchte Protessor W e i z m a n n vor dessen Abreise nach Palästina in Cannes und besprach mit ihm die laufenden Angelegenheiten der Arbeit in den letzten Wochen. Jan H. Hofmyer, der ehemalige Administrator von Transvaal, über dessen Palästinareise wir berichtet haben, stattete in London der Exekutive einen Besuch ab, wo er von Professor Brodetski begrüßt wurde. Herr Hofmyer schildert in begeisterten Worten seine Eindrücke in Palästina und versicherte die Exekutive der lebhaftesten Sympathien nicht nur der südafrikanischen Juden, sondern auch der dortigen Nichtjuden, Oberrabbiner Dri J. L. Landau aus Johannisbürg, der bei Hofmyers Besuch zugegen war, drückte diesem den Dank für die wertvollen Dienste aus, die er für die zionistische Sache in Südafrika geleistet hat. Die Tätigkeit Colonel Kischs ia Amerika Col. Kisch erhielt während seines Aufenthaltes in Amerika von anonymer Seite für den Keren Hajessod einen Betrag von $ 10000, der für das Technikum in Haifa bestimmt ist. Die Spende soll als Grundstock eines Fonds angelegt werden, dessen Zinsen der Erhaltung des Technikums dienen soll. Col. Kisch wurde während seines Aufenthaltes in Washington von dem britischen Botschafter Sir Esme Howard empfangen. Col. Kisch bereitete zusammen mit Sir E. Howard im Aufträge der englischen Regierung Materialien und Daten über die Grenzen der neuen Staaten usw. für die Friedenskonferenz in Versailles vor. Major Julius I. Peyser veranstaltete zu Ehren von Col. Kisch einen Empfang, an welchem eine Reihe von prominenten jüdischen Persönlichkeiten, die bisher der rionisti.chen Bewegung ferngestanden haben, teilnahm. Unter den Rednern befand sich auch Senator H. King aus Utah. (Ziko.) Palästinas Schillsvcrkchr im Jahre 192$ Im Jahre 1928 landeten in palästinensischen Häfen 1465 Dampfer mit einer Tonnage von 3 535 534 t und 3128 Sr1: ״- schifte mit einer Tonnage von 61 192 t. Im Küstenver״.ehr betrug die Zahl der Dampfer 603 mit 1242 511 t, die Zahl der Segelschiffe 903 mit 18 374 t. (Ziko.) Die Mazzotli-AMion fflr Rußland Die Frage der Versorgung der russischen Juden mit Mazzoth zu den diesjährigen Pessachtagen, die das Berliner Mazzoth-Komitce in die Hand nahm, hat diejüdlsche Oefient* liehkdt in der ganzen Weit beschäftigt. Es war bekannt, daß infolge der Mehlnot und -teuerung in Rußland, sowie der antireligiösen Kampagne dar ״Jewsekm“, die Gefahr drohte, daß ein großer Teil der russischen Juden, insbesondere die ärmeren Schichten, ohne Mazzoth bleiben und gezwungen sein werden, in den acht Pessachtagen zu hungern. Bekannt ist, welche Rolle die offiziellen Stellen in dieser Angelegenheit _ die ersten Transporte an die Grenze kamen, verlangte man einen Luxuszoll in Höhe von 2,20 Rubel pro Kilogramm, ein Betrag, der den Herstellungspreis der Mazzoth um dis Fünf* bis Sechsfache überstieg. Nach langwierigen und zeitraubenden Verhandlungen wurde ein Zoll von 50 Kopeken pro Kilogramm vereinbart Aber auch in diesem Falle überstieg der Zoll die Herstellungskosten und machte die ganze Aktion problematisch. Das Berliner Zentralkomitee für Mazzothversorgung hatte sich nach reiflicher Erwägung entschlossen, trotzdem 23 Waggon Mazzoth und mehrere tausend Mehlpakete nach Rußland zu senden. Diese Maßnahme hat in einem Teil der jüdischen Presse eine gewisse Kritik hervorgerufen, man stchte die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, Bargeld zu schicken statt Mazzoth, weil hierbei die Hälfte der gesammelten Beträge für Zoll ausgegeben wurde. Der Vertreter der J. T. A. wandte sich dieserhalb an Rabbinner Dr. Meier Hildesheimer, der an der Spitze der Berliner Mazzoth-Aktion stand, mit der Bitte, die Beweggründe des Komitees darzulegen. Dr. Hildesheimer entsprach diesem Wunsche und führte ungefähr aus: Schon viele Monate vor dem Pessachfeste trafen Nachrichten von verschiedenen Gemeinden, Rabbinern und Sozialfürsorgen in Rußland ein, die besagten, daß die dringende Gefahr besteht, die Juden Rußlands würden zum Pessachfest ohne Mazzoth bleiben, und daß die russischen Juden erwarten, die jüdischen Brüder im Auslande würden ihnen zu Hilfe kommen. Bekannt war auch, daß die Moskauer Jüdische Ge* tneinde noch vor Monaten sich an die Regierung mit der Bitte um die Erlaubnis zur Mazzoth-Einfuhr aus dem Auslande gewandt hatte, weil sonst 60000 arme Juden in Moskau in den Pessachtagen nichts zu essen haben würden, und daß die Bitte abgelehnt wurde. Auf Grund dieser Mitteilungen bildete sich in Berlin, Riga und Warschau das Zentrale Mazzoth-Komitee, das sich sofort mit den großen jüdischen Hilfsorganisationen und den Organen der jüdischen Oeffentlichkeit in Europa und Amerika, andererseits mit den russischen Behörden in Verbindung setzte. Der Verlauf der Verband- Jungen mit den russischen Behörden ist bekannt. Sehr erfreulieh ist aber der Widerhall, den der Appell des Mazzoth-Komitees in der jüdischen Oeffentlichkeit der beiden Hemisphären gefunden hat Aus allen Ländern, auch den entlegendsten jüdischen Gemeinden der Welt, langten zum Teil ansehnliche Beträge ein. Den weitaus größten Betrag leistete Amerika, wo die Agudath Harabbonim (Union orthodoxer Rabbiner) mit einem Aufruf an die Oeffentlichkeit trat und die beiden großen jüdischen Tageszeitungen ״Morning Journ 1“ und ״Tog“ mit ihrem Appell an die Leser einen sehr schönen Erfolg errieft haben. Es entstand nun die Frage, ob es sich bei dem schließlich festgesetzten Zoll von 50 Kopeken pro Kilogramm überhaupt lohnt, Mazzoth nach Rußland zu schicken. Entscheidend mußte hier erstens die Meinung der Spender, zweitens die der Juden in Rußland sein. Die Spender hatten sich entschieden auf den Standpunkt gestellt, -daß ihr Geld nur Mr Mazzoth; aber nicht für die Ausfoigung von Bargeld verwendet werde. Große Or* schickt wurden. Trotzdem schwankte das Komitee, weil ”es die Tatsache schmerzlich empfand, daß der größere Teil der gesammelten Gelder für Zoll verwendet werden so'lte; man mußte sich aber entschließen, in den sauren Apfel zu beißen, nachdem noch vom Agro-Joint in Rußland und von verschiedenen anderen maßgebenden Stel'.en der russischen Judenheit auf eine Anfrage die Antwort eingetroffen war, daß der Preis von Mehl im freien Handel in Rußland so hoch ist, daß der Mazzoth-Preis in Rußland sich sehr erheblich höher stellt, als der der Auslands-Mazzoth plus Zoll und Fracht. So z. B. stellte sich in Moskau aas Pud (16 Kilo) Mazzoth auf 23 Rubel, und sogar in der Getreidegegend Charkow auf 20 Rubel, während das Mazzoth-Komitee ein Pud Mazzoth samt Zoll und Fracht 16 Rubel kostete. Es war klar, daß man es besser hat, statt Bargeld Mazzoth einzuführen. Allerdings mußte man sich infolge des hohen Zolls und der fortgeschrittenen Zeit Beschränkungen auferlegen: statt der beabsichtigten 50 Waggon wurden 28 Waggon, sowie ferner etwa 6000 Postpakete Mehl (gegen Entrichtung des normalen Mehlzolls von drei Kopeken pro Kilo) geschickt. Dies entsprach dem einmütigen Wunsche der Geldspender, wie auch der Gemeinden Rußlands. Die 28 Waggons Mazzoth dürften bereits alle an Ort und Stelle angelangt sein; bis Ende voriger Woche war von 18 Waggons bekannt, daß sie schon verteilt seien. Infolge der geschilderten Umstände war es leider nicht mehr möglich, alle ursprünglich in Betracht gezogenen j dischen Gemeinden zu beteiien; es wurden Anstalten getroffen, daß diejenigen Gemeinden und Gruppen, denen Mazoth nicht mehr geschickt werden konnten, anderweitig bedacht werden. Dies Ist, schloß Herr Dr. Hildesheimer, die zum Teil schmerzliche, zum Teil erfreuliche Geschichte der Mazzoth- Aktion für die Juden in Rußland. Erfreulich deshalb, weD diese Aktion erwiesen hat, daß man in ganz kurzer Zeit das jüdische Gewissen aufrütteln kann, auch wo es sich sogar nur um eine auf einen Gegenstand beschränkte und zeitlich begrenzte jüdische Aktion Handelt. Oft kommt man in die Lage, innerhalb der g־oßen jüdischen Komitees Aeußerungen der Kleinmut und der Resignation zu hören; es wird über die Lauheit und Gleichgültigkeit innerhalb der jüdischen Oeffentlichkeit gegenüber jüdischen Dingen von weittragendem Interesse geklagt. Die Geschichte der diesjährigen Mazzoth- Aktion hat gezeigt, daß zu Kleinmut und Resignation kein Anlaß besteht. Der Antisemitismus in Rußland Moskau, 18. April. H T A ) 20 Soldaten der Roten Armee fielen während einer Eisenbahnfahrt über zwei jüdische Soldaten der Roten Armee her, mißhandelten sie grausam und warfen sie schließlich aus dem fahrenden Zuge liinaus. Auf den Stationen unterwegs plünderten die Soldaten Läden von Juden. Drei der Huligans sind Anwärter auf die Mitgliedschaft der kommunistischen Partei. Drei Antisemiten, die am 9. November 1928 in Kanawina einen Pogrom inszenieren wollten, indem sie durch die Stadt zogen, jüdische Passanten mißhandelten und ״Hoch die kommunistische Internationale! Tötet die Juden!“ riefen, standen vor dem Gericht in Nischni-Nowgerod. Der Rädelsführer Arkalow, ein früherer Offizier der Denikin-Armee, wurde zu sechs Jahren Gefängnis, Krasnowzu zwei Jahren üefätignis und Zawiu zu neun Monaten Zwangsarbeit verurteilt.

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