Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 32-33 (24.4.1929)
- Date
- 1929-04-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 308 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 32/33, 24. IV. 1028 Nicht Rivalen, sondern Verbündete Von Sch. G o r e 1 i k. In Palästina erscheint seit einigen Tagen eine Zeitung in jiddischer Sprache. Kein Grund für die fanatischen liddischisten, besonders zu frohlocken und einen Sieg in die jüdische Weit mnauszuposaunen. Die Renaissance der hebräischen Sprache ist so eng mit dem Zionismus verbunden, bildet einen so starken Grundpfeiler der ganzen zionistischen Ideologie, daß eine jiddische Zeitung in Palästina wahrscheinlich nur eifrige Befürworterin des Hebräischen sein wird. Der ״Gdud Megine Hasafa“ soll deshalb seine Nerven nicht verlieren, soll nicht so tun, als würde der heilige Boden entweiht und gewiß soll der ״Gdud“ nicht durch laute Demonstrationen oder gar Fenstereinschlagen seinen Unmut kundtun, ist der Jugend Palästinas die Achtung, die Jiddisch, noch immer die Sprache von vielen Millionen Juden, verdient, leider verloren gegangen (hat sie sie jemals besessen?), so sollte sie sich zu der vernünftigea Ansicht durchringen, daß eine Zeitung in jiddischer Sprache eine reale Notwendigkeit darstellt. Daß sie bis jetzt ausblieb, bedeutete eine überflüssige, ungerechte Härte gegen Tausende von Juden, für die Hebräisch heilig ist, die Hebräisch auf ihre Weise kennen, wenn sie in den Synagogen mit dem lieben Gott sich auseinandersetzen, wenn sie den ״En-Jankow“ lernen, wenn sie über einem Blatt Gemore sich von den Sorgen des Tages erholen. Sie verstehen Hebräisch mit dem Herzen, mit der Seele, aber es wird ihnen schwer, eine Zeitung in mo• dernem Hebräisch zu lesen, und doch möchten sie gern wissen, was in der allgemeinen und jüdischen, wenn auch wenig ertreulichen Welt, alles vorgeht. Sonst aber können sie natürlich Hebräisch, wie der Uebiingsheld unserer Literatur, ״Tewje, der Milchmann“, es konnte, wenn er auch all die Stellen aus dem Talmud, aus den Psalmen, aus alten, heiligen Büchern, mit denen er seine Reden, seine Herzensergüsse stets schmückte, falsch auslegte. Dieser biedere Held, dieser Volksmensch Tewje, war in Wirklichkeit ein Lamdan, war ein Gelehrter und ich wage die Behauptung, daß er für die Liebe zur hebräischen Sprache nicht weniger getan hat, als die modernen hebräische» Schulen. Und indem ich diese Behauptung aufstelle, will ich auch damit auf die bedeutsame Tatsache aufmerksam machen, daß Jiddisch nur ln der letzten Zeit, und das nur von Vertretern einer extremen Gruppe, als Rivale auftritt, früher aber sich stets als Verbündeter des Hebräischen bezeichnete. Und als Verbündeter auch des Zionismus. Die besten Wochenschriften in jiddischer Sprache ״Der Jude“ (Warschau), ״Das jüdische Volk“ (Wilna), um die sich alles, was damals in der jüdischen Literatur bereits glänzte und zu Hoffnungen berechtigte, gruppierte, waren offiziöse und offizielle Organe des Zionismus. In jiddischer Sprache predigten all die altmodisehen unmodernen Magidim, und das Lied: Auf dem Pripetschok brennt a Feierle“, ist viel älter als ״Hatikwah“ und hat unendlich viel stärkere, hinreißendere Wirkung auf die Seele der ostjüdischen Volksmassen ausgeübt. Aber wenn in den letzten vierzig Jahren Jiddisch der verbündete des Zionismus, der hebräischen Renaissance gewesen ist, so war es im Laufe von früheren Jahrhunderten viel, viel mehr. Als die Juden die deutschen Dialekte auf ihren Wanderungen nach den slawischen Ländern mijnahmen und sich an die schöpferische Arbeit machten, aus der fremden Sprache ein eigenes, wenn auch kein endgültiges Heim für ihre Seele zu machen, so war es kein Zufall, daß sie große Bestandteile des Hebräischen, Erinnerungen an alte Schatze, mit aufnakmen. Sie taten es nicht, um dieses Seelenheim besonders gemütlich zu machen, sondern vielmehr aus weiter Voraussicht, aus Sorge, damit das Licht nicht ver- ,lösche. Die jüdische» Mütter haben im Laufe von juhihundeften 'durch das moralisch-religiöse Volksbuch ״Zeeno-Üreno“ nicht nur ihre geistige und seelische Erbauung gefunden, sondern auch den Weg zur Geschichte des jüdischen Volkes und zu seiner immerwährenden Sehnsucht nach Zion. Wahrscheinlich wäre nie eine Renaissance der hebräischen Sprache möglich gewesen, ohne jene gewaltigen Dienste, die das Jiddische ihm dabei geleistet hat. ״Jiddisch hat Hebräisch an der Hand geführt", sagt sehr schön Perez Hirschbein. Jiddisch hat einem Greis stützend und ermunternd zur Seite gestanden. Und nun geschieht das Wunder, der Greis, in die alte Heimat gebracht, spürt Jugendkräfte in sich aufsteigen, er braucht keine Stütze mehr, er kann auf eigenen Füßen stehen, und ohne eine Miene der Dankbarkeit verabschiedet er den, ohne dessen Hilfe er wahrscheinlich niemals die Verfallszeit überwunden hätte.... Die modernen Zeloten in Erez-lsrael flößten Haß und Widerwillen zum Jiddischen ein, statt auf die unvergeßlichen Verdienste hinzuweisen, die es während der Jahrhunderte geleistet hat, Verdienste eines treuen Verbündeten, Verdienste eines Kameraden. Ich fordere auch den westeuropäischen Zionisten, der diesem Sprachenkampf als Außenstehender zusieht, auf, über diese Dinge nachzudenken. Ich gebe dabei meiner tiefsten Ueberzeugung Ausdruck, daß diese krasse Undankbarkeit Jiddisch gegenüber, sich bitter, bitter rächen wird. Sie wird der Ausgangspunkt wilder Feindschaft und schwerster Kämpfe in der Zukunft sein und wird die Ursache werden einer grausamen Entfremdung zwischen der palästinensischen Judenheit und großen lebendigen Teilen des jüdischen Volkes im Galuth, die dem Jiddisch Treue bewanrten und bewahren wollen. Ich sage ״lebendige Teile des jüdischen Volkes im Gajuth“, weil ich an das Vorhandensein solcher lebendigen Teile auch in der Zukunft glaube. Sie werden lebendig sein, wenn auch weniger glücklich. Wilna wird vielleicht wieder bessere Zeiten sehen und sich von dem ökonomischen Elend, unter dem es jetzt so bitter leidet, erholen. Aber auch in den besseren Zeiten wird es keine Karnevaltage habq*, wie in Tel- Awiw. Uebrigens geht cs am Purim nicht etwas zu laut in Tel- Awiw zu? Vielleicht weil ich gerade am Purim eine erschufternde Schilderung über Wilna hörte, empfand ich den dreitägigen Karneval in Tel-Awiw ein wenig störend. Es muß aber für eine Brücke von Erez-lsrael nach Wilna Sorge getragen werden. Diese Brücke kann aber nicht fest sein, wenn ein Hochmut, ein Herabblicken, eine solche verächtliche Beziehung zu Jiddisch, dem Verbündeten und nicht Rivalen, herrschen wird. Bialik, der starke Gefühle für Jiddisch hat, weiß cs und manchmal überkommt ihn ein Gefühl des tiefen Mitleids mit der geschmähten Sprache, er erinnert sich dann gewiß der Worte Mendeles, der Jiddisch, als sich seinerzeit die Maskilim naserümpfend von der Volkssprache abwandten: ״Bath 10 Ruchomoh“, ״Die Tochter, der sich keiner erbarmt“, nannte. Damals veranlaßte der Hochmut der Maskilim Mendele zu jenem rührenden Bekenntnis, zu jenem Protest, dem er in den überaus gefühlvollen Worten Ausdruck gab: ״Jehi tna es komme was wolle“, sagte er, ״Erachem et Hajhudis“ — Ich werde mich des Jiddischen erbarmen“, und schrieb seine wunderbaren Bücher. Auch Bialik, der in der Atmosphäre der Renaissance der hebräischen Sprache lebt, wird gelegentlich übermannt von mitleidigen Gefühlen für Jiddisch, für diese ״Bath 10 Ruchomo“, und es kommen aus seinem Munde sehr schöne Worte wie: ״Die Mutter Rache! hat bestimmt jiddisch gesprochen“, womit er auf das besonders Seelen- und Gemütv olle im Jiddischen hinwciscu will. Die feurigen Zeloten, die über diese beherzigenswerten Worte nachdenken sollten, würden doch über Bialik den Bann verhängen, wenn er nicht der wäre, der er ist, der nationale hebräisene Dichter. Es ist ab und zu nötig, über diese klaffende, eiternde Wunde im Volksorganismus zu sprechen. Diesestnal bildet nicht allein die Nachricht von dem Erscheinen einer jiddischen Zeitung in Palästina den Anlaß hierzu, vielmehr ein Kapitel in dem unlängst erschienenen Buche ״Erez-lsrael“ von Perez Hirschbein. Iiirsehbein, der dem Leser dieses Blattes gewiß von den Aufführungen der Wllnaer Truppe als Dramaturg bekannt ist, hat mit seinen Reisebüchern einen viel größeren Erfolg, eine viel größere Anerkennung errungen, als mit seinen Dramen. Er ist ein Weltreifender geworden. Es gibt wiiklich kein Land in der Welt, das Hirsenbein nicht bereist bat. Es genügt die Bemerkung, daß im Vergleich zu ihm Arnold Höllriegel und Wolfgang von Weisl einfache Stubenhocker sind.... Im vorigen Jahre besuchte er nun Palästina und zbsaaunen mit Asch, der auch damals im Lande weilte, waren sie Bialiks Gäste. Und während dieser Zeit geschah es auch, daß auf dem Bankett zu Ehren der beiden jüdischen Schriftsteller versöhnliche Worte fielen. Bialik, wenn ich nicht irre, soll von Hebräisch und Jiddisch als von Zwillingen gesprochen haben, was viel Staub im Lager der Unversöhnlichen, der Fanatiker, aufwirbelte. Den tiefen Eindrücken, die der Palästina-Besuch bei Hirschbein hinterlassen hat, hat er jetzt In seinem Buch ״Erez-lsrael“ Ausdrude gegeben. Auf dieses überaus feine BucJi wird noch Gelegenheit sein, ausführlich zurückzukommen. Aber das Kapitel mit der Ueberschrift: <־Unser gespaltene Zung“, worin die Sprachenfrage und die Beziehung 231 Jiddisch behandelt wird, hat wieder an dieses Problem erinnert. Ich teile nicht ganz den Optimismus Hirschbeins, jenen Optimismus, der es ihm möglich macht, einen besonders blühenden Zustand der jüdischen Literatur zu preisen. Auch kann es ein wenig wundernehmen, daß dieser jüdische Weltreisende eine zu geringe Bedeutung jener Tatsadle beimißt, daß mit jedem Jahr die Zahl derer, die der jiddischen Sprache untreu weiden, größer wird, obwohl es andererseits falsch wäre, abzuteugnen, daß neue überzeugte Anhänger immer cinspringen, um die wankenden Reihen zu stärken, und daß die großen Scharen der Fliehenden durch eine Garde flammender Patrioten des Jiddischismus ersetzt werden. Dies und noch einiges ausgenommen, kann man sonst mit dem übrigen Inhalt der Hirschbeinschen Ausführungen einverstanden sein und vor altem für den Schmerz über die entstandene Kluft, über den Kulturzwist volles Verständnis aufbringen. Auch Hirschbein erinnert an jene Zeiten der Eintracht, als Hebräisch und Jiddisch nicht Rivalen, sondern Verbündete waren. Eine Sorge erwächst ihm, wenn er sich an diese 22000 Schulkinder, die nur hebräisc.11 sprechen, erinnert, die Sorge nämlich, daß sie in Zukunft einen kleinen jiddischen Stamm bilden werden, der hochmütig auf die übrige jüdische Galuthwelt herabblicken wird. Hirschbein ist kein Zionist, aber seltsam, auch mancher Zionist, der an dem Prinzip der Alleinherrschaft des Hebräischen in Palästina festhält und daran glaubt, fühlt sich von derselben Sorge bedrückt. Eine harmonische, eine stolze Judenheit in Palästina war jenes Ideal, daß den Zionisten immer vorschwebte. Aber betroffen werden wir uns fühlen, sollte dieser Stolz gegen die Galuthjuden angewendet werden. Auf diese Art und Weise wird eine Beeinflussung des Gallith durch Erez-lsrael nur unmöglich gemacht werden. Der Hochmut wird im Gegenteil nur Feindschaft, Entfremdung erzeugen. Das Gahith-Judentum wird nicht untergehen wollen. Das Galuth-Judentum wird in Dis- Harmonien leben und wenig« glücklich sein. Aber es kann vorkommen, daß gerade dieses weniger Glücklichsein in Zukunft, nach der Verwirklichung des Zionismus, eine besonders anziehende Kraft für feinfühlige Naturen bilden wird. An die Alleinherrschaft des Hebräischen in Palästina glaube ich fest und verstehe, daß Wan eine andere Vorstellung vom Zionismus! gar nicht haben kann. Aber ich sehe auch im Geiste eine merkwürdige kleine Sekte in Palästina entstehen, ich sehe eine -Jtehaz ־blasser״ etwas bekümmerter Minner und Frauen, egte von einer unverständlichen Sehnsucht nach dew Galuth heimgesucht werden und, seltsam! Jiddisch lernen. Das werden diejenigen sein, die das Glück und den Hochmut der Glückliehen nicht vertragen können, und das werden nicht die Schlechtesten sein• ״Jeruschalajim“, Sammelbaod der ״Jewish Palestine Explaration“, dem Andenken von A. M. Lunz gewidmet; herausgegeben von I. Preß und E. L. Sukenik. 382 S. Preis 12 sh. Verlag ״Darom“. Die ״Gesellschaft zur Erforschung Palästinas und seiner Altertümer“, die durch ihre bedeutenden Leistungen schon längst den wissenschaftlichen Kreisen bekannt, hat mit der Herausgäbe dieses Buches eine Ehrenpflicht erfüllt jenem Manne gegenüber, der als der Pionier auf dem Gebiete der jüdischen Pa* lästinaforschung betrachtet werden muß. A. M. L u n z ist einer jener Bauleute des neuen geistigen Palästinas, der in einer Reihe steht mit I. M. Pnies, Frankin und Elieser ben lehuda. Von den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bis zum Ende des Weltkrieges war es Lunz, der, obwohl früh erblindet und unter großen materiellen Schwierigkeiten leidend, eine kulturelle Tätigkeit in außerordentlichem Umfang entfaltete. Lehrer, Bibliöthekar, Gründer einer Druckeryei und vor altem Herausgeber jener Jahrbücher und ״Kalender“, in denen sich die Wissenschaftliehen Bestrebungen der Aufgeklärten Jerusalems widerspie• gelten. Jahrzehntelang sammelte Lunz alles, was nur irgendwie Bezug hatte auf Palästina: Dokumente, Urkunden usw. zur Archäologie und Geschichte des Heiligen Landes. Fast alte palistinensbehen Gelehrten veröffentlichten die Frucht ihrer wissenschaftlichen Arbeit in den Jahrbüchern von Lunz, die ein unentbehrliches Hilfsmittel für jeden Palästinafreund und •forscher geworden sind. Es war mehr als eine Ehrenpflicht, diesem seltenen Manne anläßlich seines zehnjährigen Todestages ein Denkmal zu setzen, und die Gesellschaft zur Erforschung Palästinas hat sich dieser Pflicht mit diesem Sammelbaud in mustergültiger Weise entledigt. So vielseitig und anregend der Forschergeist von Lunz, so vielseitig und anregend die Beiträge in diesem Buche. Es kann hier, auch nicht in Umrissen, auf die wertvollen Beiträge inhaltlich ein gegangen werden; es seien nur in Kürze die einzelnen Gebiete angegeben. Zur Topographie Palästinas tragen die Artikel von I. Preß, Prof. Klein, Prot. Gutbe, Leipzig,!. Jfaffe bei. Der Geschichte des Jisehuw in Palästina zu verschiedenen Zeitabschnitten sind gewidmet die Aufsätze von Marmorstein, Assaf, D- Jellin, Torczyner, Riwkind. A. L. Tauber bringt, wie auch sonst in ״Kürjatb Sefer“, sehr interessantes Material zur Geschichte des Druck - und Buchwesens in Palästina; Braslawski behandelt die noch immflr ungeklärte Tätigkeit von Don Josef Nasi in Palästina. Dr. Sukenik spricht von den neuesten Gräberfunden auf dem Oelberg und veranschaulicht sie durch zahlreiche Abbildungen. Der jüdischen Numis m atik widmet M. Narkis einen besonderen Aufsatz. Mit Prof. S. Krauß macht der Leser eine abwechslungsreiche Wanderung durch die alten Synagogen in den Ländern des Orients, während I. Pinkerfela einen Rundgang durch die K a raitischen Synagogen in Jerusalem veranstaltet. Der Bibel Wissenschaft sind wertvolle Beiträge von Sachs, Dinahurg. M. Z. Segal (Targum Jonathan zum Buch der Richter) und Ben Zwi (Ein SamaritaniseHes Pentateuch) gewidmet, grawer stellt eine Statistik der Erdbebenschäden aus dfiji Jahren 1927/28 zusammen,Dr. Bodenbeimer gibt zoologische, Aharoni botanische, Schalem geologische Studien im Zusammenhang mit Palästina. Der letzte Artikel behandelt die Frage der Girgaschim von Prof. Abel, Jerusalem. Das Buch wird eingeleitet durch eine Würdigung pes Lebenswerkes von Lunz durch Dr. Riwlin und einer Bibliographie .seiner Schriften durch Malaehi und Hanna Lunz-Bolotin. Jerusalem. Dr. Walter Fischei. Palästinensische Geschichten Von M. Y. Ben-Ga vriel (Jerusalem). Stellvertretung. Ein jüdischer Fremdenführer hörte eines Tages, daß ein gewisser sprachkundiger Postbeamte, ein Grieche, gelegentlich, in der Fremdensaison natürlich, statt an seinem Schreibtisch im Postverrechnungsbüro zu ritzen, Fremde in Jerusalem herumführe. Das ist nicht schön, dachte der konzessionierte Fremdenfübrer und dachte noch einiges andere im Zusammenhang mit seinem unerwünschten Konkurrenten. Als er dann schließlieh genug gedacht hatte, ging er am andern Morgen, punkt sieben Uhr in das Postamt, direkt in das Verrechn® gsbüro, direkt zum Schreibtisch des schon wieder Touristen herumtreibenden Griechen, setzte sich auf dessen Platz und begann irgendetwas zu schreiben. Nach einig« Zeit erschien der Amtsvorstand. Als dieser die absolut nicht zum Betrieb gehörige, aber mit auffallender Selbstverständlichkeit mitten Im Betrieb sitzende Persönlichkeit erblickte, erstaunte er sehr. Schließlich aber faßte er sich und richtete die naheliegende Frage ״ma atha osseh kan, adoni, was, o Herr, machst du hier“ an das beunruhigende Subjekt. Dieses schaute mit sanftem Gesteht auf und antwortete ergeben: ״Ich, o Herr, versehe das Amt dieses Postbeamten, der augenblicklich Touristen in Jerusalem herumführt. Wer wäre geeigneter dazu, seine Arbeit zu machen, als der, dessen Arbeit er macht?“ Der sprachgewandte Grieche hat von diesem Tag an keine Touristen mehr geführt. Der Tarbusch. Schauplatz: Die Kiste auf vier Rädern, die, auf einem vorsintflutlichen Motor aufgebaut, den Verkehr zwischen 'Ain karim und Jerusalem vermittelt. Im letzten Augenblick, da dieser Autobus sich jerusatemwärts in Bewegung setzt, taucht noch eine uralte Fellachin auf, die unbedingt mitkommen will. Ich schätze sie, gering gerechnet, auf achtzig Jahre. Klein, verhutzelt, zerbrechlich, in der ersten Blüte ihrer Jahre zum letzten Mal mit Wasser in Berührung gekommen, tätowiert wie ein größeres folkloristisches Museum, findet noch ein Atom ratz zwischen den heringartig aneinanderklebenden Passagieren. Kurz nach der Abfahrt beginnt sie sich mit dem Chauffeur zu unterhandeln. Er möge in Mahne Yehudah (einem Vorort von Jerusalem) zwei Sekunden, nur zwei Sekunden anhalten. Sie nabe in einem Haus nur zwei Worte auszurichten, um dann nach Jerusalem weiterzufahren. Nein, sagt unwirsch der Chauffeur und schiebt seinen Fez weit zurück in den Nacken. Nur zwei Sekunden, beim Leben des Propheten, setzt sje fort. Nein, kommt wieder die Antwort. Sie aber läßt trotzdem nicht locker. Und allmählich nimmt der ganze Wageninhalt für sie Partei. Trotz mancher gut gemeinter Wünsche, wie ״Dein Vater soll verflucht sein, dein Haus möge verbrennen usw.“ bleibt der Chauffeur bei seinem Nein. Und Mahne Yehudah kommt immer näher. Doch was will Gott? ln Mahne Yehudah will einer aussteigen. Das Auto muß anhalten, er löst sich aus der Masse. In diesem Augenblick beugt sich die Alte vor, reißt mit einem undefinierbaren Ausruf dem Chauffeur den Tarbusch vom Kopf und wirft ihn weit ins Feld hinein. Ehe der oder die Masse erfaßt, um was es sich handelt, hat sie sich schon mit unerhörter Gelenkigkeit aus dem Wagen fallen lassen, rennt wie eine Ratte übers Feld, ergreift den Tarbusch und stürzt in ein Haus hinein. Nach ein paar Augenblicken kommt sie wieder heraus und schreitet, jeder Zoll eine Siegerin, gravitätisch aber sehr gemächlich zum Auto zurück, ״ ׳ ' ־ * j ein mid 4rtckt #ltTeine1n zärtlichen!1k'|׳er־iüf «tett*||SÄädiiierten" sagt,_ _____ ist das Uneuropäische: der Chauffeur antwortet: ״O Mutter der Weisheit, wenn ich so alt sein werde wie du, werde auch ich klüger sein, als ich es heute bin.“ Und fährt befriedigt weiter. Jerusatemwärts. Osslp Dymows: Juslk Dieses Bühnenmärckea von Jusik, dem Sohne des Wasserträgers, steht inhaltlich leider nicht höher als die ftiit Recht verspotteten Stücke des jüngstvergangenen jiddischen Theaters. Dort spielt man sie mit bewußter Geringschätzung nur in den letztklassigen Theatern in unverfälschter Sentimentalität und mit ebensolchem Dilettantismus. Der Jusik also, dessen Weinen im schaurigen Schneewind ertönt —, so erzählt im Prolog die Großmutter, was wir in der Folge sehen, — dieser Jusik ist für unser Empfinden ein völlig verfehlt-sentimentaler Jammerlappen, der in unserer auf Vernunft und auf menschliehe Wahrheit rechnenden Zeit keinen Platz mehr hat. Jusik liebt das arme Mädel, die Nichte, die von ihren Verwandten ausgenutzt und vom Sohn des Hauses trotz ihrer großen Liebe sitzen gelassen wird. Wie Dagny Servaes sie spielt, ist sie von Anfang an ein strammer Weibsteufel mit Feuer im Blut. Jusik also liebt allzu edelmütig und darum doppelt hoffnungslos, schenkt ihr ohne nach der Sicherung des Eherings zu fragen dokumentarisch die eben gewonnenen 75000 KM., obwohl der alte Vater, der Wasserträger, sich nun nicht mehr ausruhen kann und die Mutter krank ist. Jusik ist gläubig aber wirklichkeitsblind, das Mädel geht natürlich mit dem zuerst geliebten morallosen Herzensknicker davon, und ihm bleibt nicht einmal der von der Ostrowsky ״Gnädigen“ ausgesetzte Abstand dafür, daß er die Nichte heiratet. Das Bettelvolk und die Freunde, Repräsentanten der rauhen Wirklichkeit, rauben ihn vollends aus. Zuletzt reißt er sich das Herz aus der Brust und dieses Herz weint nach der Legende im Wind. — Die Persiflage ist gewollt, aber sie ist matt, sehr platt, und es werden viel Gemeinplätze geredet. Der Refrain sieht z. B. so aus: Es ist kalt, es ist schrecklich kalt, es ist ein sehr kalter Winter; denn die Scheiben sind blau gefroren. Die Scheiben und das Bühnenbild von E. E. Stern sind diskutabler als das Stück- Dabei ist Dymow Jude aus Rußland und die Provinz- Stadt ohne Wasserleitung ist das ״Städtl“ der Bergelson und Rybak, ja sogar Minkawskys Dorfidyll ist m der Gestalt der Hühnerfrau vorhanden, der Hühnerfrau, die selbst zum Huhn geworden ist, so sehr, daß sie gackert. Frida Richard stellt sie als farbige Märchenfigur und Märchenhexe in prachtvoller Charakterrolle dar. Auch die unbelebte Umwelt und sogar die Nachbarschaft soll spielend mittun. Bei Stenzei wäre dies überreiche Material mit jiddischer Fabulierlust besser aufgehoben. Der Hausierer, Alterweltskaufmann, Heiratsvermittler und Verkäufer christlicher Friedhofsstellen ist der einzige, der ein Antrittslied hat. Er sagt in diesem Lied die Wahrheit von dem wandernden Juden. Und obwohl auch er den Jusik nach Strich und Faden betrügt, die Geige läßt er ihm; ״denn eine Existenz muß der Mensch haben“. Sonst aber gehen Juden und Nichtjuden höchst unbeteiligt und neutral nebeneinander her, und die Einwohperstatistik dieses Städtls stimmt kaum, so neutral unjüdisch geht es dort zu. Fazit: Beifall für die Schausrntltr und Hilpert, den Regisseur. Aber das Stück; nicht Fleisch, nicht Fisch sagt der Jude. Und all das trotz Volkslled, trotzdem alte Mater das Milieu salonfähig machten und trotz Öranowsk.vS Binjomin. Ruth Morold- Vor kurzem erschien der 3. Band von F rumkins ,,Cte־ schichte der Jerusalemer Gelehrten“, der mehrere hundert Biographien rabbinischer Autoritäten des 18• und 19. Jahrhunderts umfaßt.