Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 32-33 (24.4.1929)
- Date
- 1929-04-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32/33, 24 IV929! .־ JUEDfSCHE RUNDSCHAU Seite 207 Internationalismus und Nationalismus Eine Kontroverse über nationales Judentum Von Prof. Theodor Lessing und Dr. Jakob Klatskin Professor Lessing und Dr. Klatskin stellen uns den nachstehenden Briefwechsel zur Verfügung, dessen Gedanken wohl für unsere Leser auch dort von Interesse sein werden, wo sie ihnen nicht zmtimmcn können. Professor Lessings Brief wurde aus Raummangel etwas gekürzt. Brief an Jakob Klatskin Sehr verehrter Herr! Sie hatten auf Grund irgendeiner flüchtigen Kunde meiner Schriften die Güte, mir Ihr Buch ״Krisis und Entscheidung“ zu senden. Sie haben richtig vermutet, daß die strenge Forderung des Entscheides auch mich packen werde und zu Ja oder Nein zwingen müsse. Sie fühlten wohl, daß es nicht möglich ist, für das starksinnige Buch einfach zu danken, ohne dabei zu erklären: ״Wir stimmen überein“ oder ״Wir sind Gegner“, was, von Ihnen aus gesehen, gleichkommt dem Bekenntnis: ״Ich bin Jude“ oder ״Ich bin kein Jude mehr“. In Ihrem Buche stehen einige Seiten, die mich bewegen! Das sind jene Seiten, auf denen ein großes Selbstgefühl in Stolz und mit heldischem Trotz gegen das ganze christliche Europa, den Spieß umkehrend, zum Ankläger wird und Rechenschaft und Sühne fordert für Unrecht. Ich halte für falsch und vor allem für schädlich, daß Sie das Judentum ausspielen gegen das Christentum, indem Sie dieses für ״heidnisch“ halten, ich wünschte vielmehr, Sie erfühlten das Judentum als ein vom Ethos überwuchertes Heldentum uijd trotzten gegen die weltverpestende Christenheit. Aber wie dem auch sei, es sind mir nicht viele Juden begegnet, die durchaus nur hebräische Sprache, jüdischen Ritus, jüdische Ueberlieferung siegreich machen und Schranken errichten wollen fegen das Erlernen fremder Sprachen, gegen Abgabe unserer esten Männer an außer jüdische Kulturen, Juden, welche den ״dauernden Kriegszustand“ proklamieren, welche die Einwurzehing in Ländern des Exils für eine Schmach halten und so stark sich nur als Juden fühlen, daß sie das Heldentum der Juden im Weltkriege als belastend empfinden und sich nicht rühmen, nein, sich schämen darüber, daß Juden in Italien Kriegsminister und Generäle, in England Kanzler und Vizekönig, in Deutschland Minister und Volksführer geworden sind. Gerade die vielgerühmten ״großen Manne?‘ empfinden Ihre Strenge als Abtrünnige — ״Kanajim“ ersehnen Sie: eia Geschlecht Unentweiter, eine ״heroische Elite“, welche zu den ״WirtsVölkern“ spricht: ״Wir sind schlechthin Wesensfremde und, wir müssen es immer wiederholen, ein Fremdelement in Eurer Mitte, una wir wollen es auch bleiben. Fremd ist uns Euer Geist, fremd sind uns Eure Ueberlieferungen, Sitten und Bräuche, Eure religiösen und nationalen Heiligtümer, Eure Sonn- und Feiertage, für uns schreckvolle Erinnerungen an die mit Vorliebe an diesen Weihetagen von Euren Vätern an den unsern verübten Greuel. Fremd sind uns Eure nationalen Gedenktage, die Freuden und Schmerzen Eures Volkwerdens, die Geschichte Eurer Siege und Niederlagen, Eure Kriegshymnen und Schlachtlieder, Eure Machtheroen, Eure grausamen Heldentaten. Fremd sind uns Eure national« Gelüste und Eroberungen; Eure nationalen Strebungen, Sehnsüchte und Hoffnungen.'“ Und so treten Sir;’ denn vor die jüdische Jugend und fordern das Schwerste: Verzieht auf jede Stelle und Würde im fremden Staat, freiwilliges Tragen des Gelben Flecks, bewußten Boykott und Krieg gegen das Christentum, und seine Kulturwelt, Ver- Weigerung des Heeresdienstes und Lösung der Judenfrage, Wiedernerstellung Palästinas als gutes Recht eines zu unrecht entrechteten und getretenen Volkes. Alles Forderungen, so unerhört, als wollte man die Frauen auffordem, in einen allgemeinen Gebärstreik einzutreten. Ja, Sie gehen so weit, dieae Erziehungsform, die im Osten als weltentfremdende Last unden wird, die Erziehung der Jugend in Jeschiboth und die Aufrichtung von Schranken gegen das Heimischwerden in fremder Sprache und Schrifttum für Westeuropa zu empfehlen. Zäune wollen sie haben und Zäune vor Zäunen, um so zu retten den Volkskern rassestolzer ״Elitemenschen des Geistes", mögen die Lauen, die Halben, die Schwachgewordenen abbräckeln und aufgehen in fremden Votkstümern. Dem Manne, aer gleich mir sich in diesem Sinne nicht als Jude fühlt, nicht sich als Jude fühlen kann, ohne nicht mir die ganze äußere Lebensform, sondern sein ganzes Fühlen, wollen und Denken umzukrempeln, greift diese Unbedingtheit ans Herz wie eine Anklage auf schwere Schuld, von der vor mir selbst ich mich zu reinigen habe. * Lassen Sie uns annehmen, ich könnte die Unbedingtheit des Nationalismus oder Chauvinismus mir zu eigen machen und wäre nun Jude und nichts als Jude; mein Verstand würde sich, wie der Gotthold Ephraim Lessings, gegen diese ״erhabene Dummheit“ wenden und würde den Gegensatz, der uns trennt, etwa folgendermaßen formulieren: ״Die Voraussetzung aller Ihrer Forderungen oder Vorschläge ist der Wert der Selbsterhaltung. Mir aber (ich drücke mich absichtlich paradox aus), mir ist es völlig gleichgültig, ob die Menschen, die in dreitausend Jahren die Erde bevölkern, noch Deutsche sind oder Juden oder Chinesen oder was sonst immer, denn ich empfinde die Selbsterhaltung der Völker wohl als einen Zwang im Kampfe ums Dasein, nicht aber als einen Wert, und mithin auch nicht als das Ziel.“ Meine Frage (als Jude wie als Deutscher) ist gar nicht: Wie soll ich mich erhalten.1־ Sondern: Wie soll ich wert werden, erhalten zu bleiben? Werte (das will ich sagen) müssen gültige Werte sein, so wie Logik, Ethik, Mathematik gültig sind. Eben darum sind sie nicht ״nationale Angelegenheiten“. Sie gehören nicht mir und nicht Dir. Und so beschäftigt mich auch das Judentum nur als Träger übervölkischer Werte, oder besser muß ich es so sagen: Ich fördere die internationalen Werte, weil ihr Sieg allein die Gewähr bietet, daß die Nationen in ihrer Besonderheit, darunter auch meine, die jüdische Nation, erhalten bleiben können, denn (dies ist der Kern meiner Ueberzeugung) keine einzige Frage der Menschen wird je aufdem Bodendes Nationalismus zu lösen sein, am wenigsten die Frage der Nationen und des Nationalismus selber. Liegt nun in diesem Bekenntnis auch die Ueberzeugung, daß Klassenkampf ungleich wichtiger ist als aller Streit aer Nationalitäten, so ändert das doch selbstverständlich nichts an der Naturtatsache, daß ich bin, was — ich bin und dies muß ich nun wohl, trotz ihrer Abweisung: Jude nennen. Denn Staat ist nicht Volk, und ich sehe es durchaus nicht ein, warum nicht der moderne Staat sehr verschiedene Nationen und Landschaften vereinigen soll, darunter auch die jüdische.• Der Nationalismus im heutigen und sehr zeitbegrenzten Sinn war unseren Voreltern ganz fremd. Weder die alten Juden noch die alten Germanen waren ״Nationalisten“. Der ״Patriotismus“ zur Zeit der Freiheitskriege, zur Zeit Napoleons, dessen Riesenheere niemals Nationalheere waren, hatte nicht die mindeste Aehnlichkeit mit dem heute erwachten ״Nationalismus“. Der ״Staat“ im Sinne Kants oder Hegels war zweifellos kein nationaler Staat. Aber ich will keinerlei Wert legen auf diese Unterscheidung des VoFstums vom Staate, darum nicht, weil ich bestreite, daß es heute noch Volkstum in Ihrem Sinne gibt und geben kann, wenn es überhaupt (was sehr zweifelhaft ist) jemals ein solches Einheitsvolkstuni gegeben hat.... Ich weiß nun wohl, daß eine sittliche Forderung nicht dadurch entkräftet werden kann, daß man nachweist, sie sei unerfüllbar. Ich kann auch eine Theorie, wenn sie wahr ist, nicht dadurch widerlegen, daß ich nachweise, daß sie nicht nützt. I c h bin überzeugt, Sie haben die Wahrheit und das Recht auf Ihrer Seite. Nicht aber die Wirklichkeit des Lebens! So wie Sie es fordern, so sollte es sein. Sogar dann, wenn unser sittlicher Rigorismus uns als Juden vernichten würde, so wäre es tausendmal besser, groß zu scheitern, als so klein zu leben, wie wir leben und leben müssen.... Ich kenne jüdische Jünglinge, durchaus keine schlechten Juden, die, einer durch lange Inzucht bis zur Grenze der Karikatur überzüchteten Erbfolge entstammend, mir gestanden haben, daß sie nie ein jüdisches Mädchen heiraten möchten; ich habe auch jüdische Mädchen gekannt, deren Sehnsucht den Mann artfremden Blutes suchte. Es wäre hoffnungslos, solche Sprache der Instinkte übermeistem zu wollen mit der Norm heroischer Lebensführung. Die Tatsache, daß zumal in Westeuropa Tausende und Zehntausende kein Hebräisch mehr lesen una schreiben können j una daß sie es auch gar nicht anders mehr lernen werden, als ן wie man allenfalls auch Griechisch oder Chinesisch lernen kann, j dieser Tatbestand ist nun doch einmal Wirklichkeit.... j Jedenfalls erscheint es mir natürlich, mit der Schwäche des Menschen zu rechnen, auch mit der eigenen Schwäche, und nicht zu groß sein zu wollen.... Wofern ich nach Blut, Erziehung, Ueberlieferung, Kenntnissen, Erinnerungen, Bindungen kein Vollblut in Ihrem Sinne bin, so wäre es krampfhafte Verengung, die Natur exerzieren zu wollen. Wir müssen (fortiter in re, suaviter in modo) Hunderttausende als Juden lieben und schätzen, sogar wenn sie nichts sind als Mitglieder des Zentralverbands der Deutschen mosaischer Konfession. Lassen Sie mich zum Schluß den Unterschied zwischen uns folgendermaßen zusammenfassen. Für Sie ist Selbsterhaltung des jüdischen Volkes Lebensaufgabe und Ziel. Für mich (den Klassenkampf mehr bewegt als aller Streit der Rassen und Nationen) ist Lebensaufgabe und Ziel; die Erschaffung solcher Zustände auf Erden, daß jedes Volk in seiner Eigenart sich erhalten und seiner selber sich erfreuen kann; darunter auch das meine, das jüdische Volk. Sie sind stärker als ich, weil sie besser daran sind. Sie fühlen bei jeder Gelegenheit sich als }üde. Ich fühle mich nicht als Jude, aber wenn man den uden angreift, dann fühle Ich raien als Jude. Ich fühle mich übrigens auch als Deutschen, wenn man die Deutschen angreift,!,erfaßen. fter ||eZjBu« kaffern, dann werde ich den Wunsch haben, Zuhikaffer zu werden. Ich könnte somit sagen, ich sei Weltbürger, aber hinter dem Grenzstein auf der Chaussee nach Lehrte hört mein Heimat• gefühl auf und beginnt das feindliche Ausland. Alles in allem: Ich bewundere Ihr Wunschbild und liebe es, aber weiß mich durchaus unfähig zu dem geforderten Fanatismus, ohne entscheiden zu können, ob dieser Gesinnungsmangel aus dem Lebensgefühle kommt, oder ob nicht tief« Lebensnahe Charaktertnangel ist. Verargen Sie nicht diese Ausführungen Ihrem Sie hochschätzenden TheodorLessing. Erwiderung Sehr geehrter Herr Professor! Ich danke Ihnen für Ihr ausführliches Schreiben vom 28. Juni, aus dem ich zunächst ersehe, daß mein vor einem Jahrzehnt in erster Auflage erschienenes Buch noch heute an Aktualitat und Zweckmäßigkeit kaum etwas eingebüßt hat Gleichzeitig muß ich aus Ihrem Schreiben schließen, daß dieses mein Buch ungeachtet dir redlich angestrebten Klarheit und Eindeutigkeit vielfach Anlaß zu Mißverständnissen gibt; vielleicht sind daran gerade die Klarheit und Eindeutigkeit schuld, die in ihrer revolutionären Wahrhaftigkeit und radikalen Folgeriehtigkeit einen Horror *uslösen und meistens unbewußt zu Abwehrmitieln nötigen, welche die bedrohten Halbheiten durch Mißverstehen und aa absurdum-Führen des Angreifers schützen sollen. Gleichviel, es tut mir aufrichtig leid, daß auch ein Mann von Ihrem Rang den Sinn meines Buches verkennen konnte. Die Grundeinstellung dieses Buches ist nicht etwa der jüdisehe Nationalismus oder der geläufige Nationalismus schlechthin. Jeder Nationalismus als Eigendünkel, als nationaler Egozentrismus, geschweige denn ein jüdischer Nationalismus dieser Art, ist mir fremd und abhold. Das Recht auf nationale Erhaltung oder nationale Wiederbelebung kann nur im sozialethischen Gebot einer schöpferischen Produktivierung des Individuums innerhalb des Kollektivs seine Legitimität beglaubigen; die Enge des Nationalen darf daher nie in einen Gegensatz zur Weite des Internationalen geraten. Sie müssen sich gegenseitig ergänzen und befruchten. In dieser Einordnung erhebt sich das natürliche Recht auf Nationalismus zu einer sittlichen Pflicht; es ist die Pflicht zur Befreiung aller •Eigenart, zur Mehrung und Steigerung aller individuellen Kulturwerte der Menschheit. Diese Grundeinstellung, die Ablehnung eines sich als absolut gebärdenden und daher in Chauvinismus ausartenden Nationalismus, kommt deutlich am Schlüsse des Buches zum Ausdruck: ״Mit der nationalen Befreiung wird auch der International^- mus freie Bahn gewinnen: wird ent der nationalen Persönlichkeit gerecht gewordener und in schöpferischen Differenzierungen aller Eigenart Gewährter Kosmopolitismus den Weltgeist leiten. Die national noch nicht emanzipierten Völker werden entweder in diesen! Internationalismus untertauchen und ihm ihre Individualität preisgeben oder sich ihm kraft des Selbsterhaltungstriebes widersetzen und seinen Weg hemmen. Der Zionismus will das Judentum vor der Gefahr schützen, die mit dem herannahenden — durch alle Wechselfälle und Konvulsionen einer Weltrevolution durchbrechenden — Sieg der kosmopolitischen Idee den national nicht cfaanzlpierten Nationen droht; will zugleich diese große Idee vor Ungerechtigkeit gegen das Judentum wahren. Der Zionismus will das jüdische Volk für den Internationalismus, den Internationalismus für das jüdische Volk freimachen. Letzten Endes kann unsere nationale Befreiung, wenn sie nicht in Chauvinismus ausarten soll, nichts anderes als die Befreiung zur vollwertigen Menschwerdung und internationalen Kulturentfaltung meinen.“ Es gilt daher nicht die Frage: Wie ht das jüdische Volk national schtechthin zu er' alten, sondern: Wie i t das jüdische Volk schöpferisch, d. h. in kultureller Frucü.tbaikcit, national zu erhalten? Daher meine Opposition gegen nationale Bindüngen an Ideen-Inhalte des Judentums, die einen nationalen Chauvinismus bedeuten. Daher reduziere ich das nationale Kriterium auf das Minimum der nationalen Formen, wodurch die Befreiung vom nationalen Konservatismus und Traditianalismus in Gesinnung und Weltanschauung ausgesprochen wird; die Normalisierung des jüdischen Volkes als seine nationale Befreiung soll das Ghetto jüdischer Lehrinhalte sprengen und das Tor für fremde Kulturwerte weit öffnen (Krisis und Ent- Scheidung, S. 207). Daher meine radikale Verneinung eines Galuth-Judentums, das n ur unter Hintanstellung des Menschlichen zugunsten des Nationalen, ja nur unter Opfern an Freiheit der Gesinnung und Weltanschauung zeitweilig erhalten werden kann. Von dieser Grundeinstellung einer allgemein menschlichen und nicht etwa exklusiv nationaler Wertung ausgehend — dieser nicht immer ausgesprochene Ausgangspunkt bildet doch den stillen Hintergrund aller entscheidenden Partien meines Buches — wird die obige Frage nach einer schöpferischen Erhaltung des jüdischen Volkes in einer Reihe von Kapiteln nach verschiedenen Richtungen hin beleuchtet und beantwortet. Es wird der Beweis geführt: 1. daß mit der inneren Erschütterung der jüdischen Religionsverfassung, dieses ״tragbaren Staates“ und seiner Ghettomauern, eine neue Zeitrechnung der ״inneren Zerstreuung“, der nationalen Entartung und der Entpersönlichung des Judentums einsetzt; 2. daß der moderne Nationalismus trotz all seiner Anstrengungen es nur vermocht hat, die bewußte Assimilation einzudämmen, nicht aber den unbewußten Assimilationsprozeß zu unterbinden; 3. daß die Assimilation in der Diaspora nunmehr möglich, ja für die Dauer unabwendbar geworden ist; 4. daß die Erhaltung eines Judentums in der Diaspora als einer ehrwürdigen Reliquie oder als eines tragischen Zwitterwesens sich unschöpferisch aus wirkt und nur von einem nationalen Chauvinismus verteidigt werden kann; 5. daß in der Diaspora bestenfalls nur eine gekünstelte, treibhausartige Erhaltung des Judentums möglich ist, und zwar in gewollter, beinahe ghettoartiger Abgeschlossenheit der ״Zäune um Zäune“; in heroischer Anstrengung der Entsagung, die, weil eine unfreie und wirklichkeitsfremde Daseinsform nationaler Enge darstellt, nicht von Dauer sein kann; 6. daß die bewußt und unbewußt assimilatorische sowie die pseudo-nationale (Achad Haamistische) Lehre von der Erhaltung ״des Geistes des Judentums“ einen nationalen Chauvinismus bedeutet, da sic (gleich den deutschen Chauvinisten, die den germanischen Geist heraufbeschwören und nur ihn anerkennen wollen) die Pflege und Förderung einer richtig oder falsch konstruierten jüdischen Weltanschauung als ein Gebot jüdischer ״Wesenserhaltung“ proklamiert; 7. daß eine schöpferische Regeneration des Judentums nur in den natürlichen Daseinsformen territorialer Geschlossenheit una Verbundenheit möglich ist; 8. daß nur im Hinblicken und Hinzielen auf eine Wiedergebürt in Palästina die Erhaltung der Anomalie des Galuth* Judentums einen geschichtlichen Sinn gewinnt; ״nur in der Hoffnung auf eine Erlösung aus dem Galuth sagen wir zur Erhaltung des Galuth — Ja; ein tausendfaches Ja mm Kampf um die Erhaltung eines nationalen noch so gebrechlichen Judentums“. Es ist die Bejahung aus Verneinung, aus Bejahung eines anderen, eines seinsollenden Judentums. Nur in dieser Bezogenheit hat der Oaluth-Nationalismus seine Berechtigung. Es ist die Erhaltung als Aufhaltung, die zeitweilige Erhaltung einer Anomalie, einer Tragik, einer Konflikt- und Kampfstelliptg^ kurzum ״einet .beräischejL ,Exlstetöförm -!•.die:.'E^jajtppj4..׳k I Jüaehfrage ütid''tiichfd׳ere*nTös1iÄg — als ',^ufpbeÄ det Utiter-״־ wegs“. Diese Feststellungen wollen nur als solche verstanden sein und können daher nur durch Entkräftigung meiner Beweisführung bestritten wenden. Es entstehen aber begreiflicherweise verhängnisvolle Mißverständnisse, wenn diese Feststellungen von Ihnen in Werturteile umgedeutet werden (s. z. B. wünsche ich keinesfalls die Errichtung von Ghettomauem, wenn ich auch feststelle, daß das Galuth-judentum sich nur in Absonderung und in ständiger Kampfstellung gegenüber der Lebenswirklichkelt erhalten kann, d. h. eben, daß es sich auf die Dauer nicht erhalten kann u. dgl. mehr). In aufrichtiger Hochschätzung IhrJakobKlatzkin. Der Verwandte Von Moses Waldmann. Ohne angeklopft zu haben, schob sich, freundlich lächelnd, ein Mann von ungefähr sechzig Jahren ins Redaktionszimmer. Er blieb an der Tür stehen, kniff die Augen noch freundlicher und liebevoller zusammen, räusperte sich geflissentlich, schneuzte sich dann umständlich in ein rotes Taschentuch, streckte die Arme vor sich und sagte: ״Ganz wie der selig« Vater“. Erstaunt verfolgte ich Gehaben und Begrüßung meines Besuches. Der Gast ward meines Erstaunens inne und sagte: ״Scholem Aleichem. Kennst Du mich nicht? Ich bin doch ein Geschwisterkind Deines Vaters, sein Andenken möge uns zum Segen gereichen. . . Wir sind doch verwandt.“ Nein, ich kenne ihn nicht, wisse mich auch nicht zu erinnern, umsomehr als ich noch nicht erfahren hätte, wie der Name des Gastes lautet. ״Richtig, richtig!“ sagte der Besucher, ״Ich heiße Herschel, Herschel Strelisker aus Budzanow. Hast Du noch nichts von mir gehört?“ Nein, wirklich nicht. Ich müßte mich sonst erinnern, ich habe für Namen ein gutes Gedächtnis. ״Also, höre“ sagte mein Gast, und nahm behag-!ich, wie man es bei Verwandten tut, im Bcsuchersessei Platz. ״Dein seliger Großvater war in erster kinderloser Ehe verheiratet aus Suchestow; seine Frau, sie ruhe in Frieden, hieß Brane: die zweite Frau meines gottseligen Vaters, sie möge sich für uns bemühen, war auch aus Suchestow, sie hieß Tscharne. Brane ,und Tschame waren leibliche Geschwisterkinder. Wie ich noch zum Chumischmelamed in den Cheder ging, pflegte Dein seliger Großvater, mein Onkel, oft zu uns nach Budzanow zu kommen. Und einmal brachte er auch Deinen gottseligen Vater mit. Dein Vater war damals mit seiner ersten Braut verlobt — die Partie ist dann auseinandergegangen — und ich erinnere mich, daß er mich immer ״verhört“ bat. Duwid, pflegte ich ihm zu sagen . . .“ ״Duwid?“ unterbrach ich den Sprecher. ״Mein Vater hieß nicht Duwid, und verlobt war er, meines Wissens, nur ein einziges Mal mit meiner Mutter. Und in Budzanow ist er auch nie gewesen!“ Mein Gegenüber blieb mit offenem Mund sitzen. ״Was? Dein Vater hat nicht Duwid geheißen. Du bist nicht Schmiels Enkelkind?“ ״Nein”, sagte ich kalt, ״mein Vater hieß Berl und mein Großvater Schneqr." Mein Besuch war sprachlos. ״Hm, hm" gluckste er verlegen und schütte'te den Kopf. Und dann nach einer Weile: ״Sonderbar, sonderbar. Und trotzdan sehen Sie Ihrem Vater so ähnlich. Wie ich hereinkam, glaubte ich Duwid leibhaftig vor mir zu sehen“, sagte das, erhob sich und brummte dann weiter: ״Und ich kann mich ganz genau an Ihren Vater erinnern und wie er mich in Budzanow ״verhört“ hat.” NichMcrtowenig״r habe ich mich der Angelegenheit Reb Hersclii Stre'iskers angenommen, habe ihn einigen Stellen weifeempfohlen und bin ihm gar nicht gram, daß er sieh bei vie'en Leuten als mein ״leibliches Geschwisterkind" eingeführt hat