Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 32-33 (24.4.1929)
- Date
- 1929-04-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 206 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 32/53, 24. IV.!920 Im Bad angelangt, fanden wir die erste Stube bis zur Häitfe voll von trockenem Holz und Sträuchern zum Heizen. An der Oeffnung des großen schwarzen Ofens saß Aleksa, eine m unserer Stadt allbekannte Persönlichkeit. Außer dem Dienst am städtischen Bade als Heizer, Holzhauer und Wasserträger verrichtete Aleksa noch allerhand Arbeiten in den Judenhäusern, wie am Sabbat den Ofen heizen, die Lichter putzen, die Stuben fegen und dergleichen. im allgemeinen war er ein stiller Mensch, der nie jemandem wehe tat. Aber einen Fehler hatte er; sobald er etwas er• blickte, das nicht genügend versteckt oder befestigt war, konnte er sich nicht enthalten, es zu ״nehmen“, einerlei, ob es groß oder klein, wertvoll oder wertlos war; ein Pferdezaun!, ein Sack Geireide, ein Wäschebündel, ein Leuchter, alles galt ihm gleich wert. Sobald er den Webstahl ausgeführt hatte, verschwand er unauffindbar, als hätte ihn die Erde verschlungen. Dann war jedes Suchen nach seiner Spur vergeblich. Nach einigen Wochen fand man ihn gewöhnlich im Korridor des Badehauses, wo er den ruhigen, gesunden Schlaf eines Kindes schlief. Jedes Forschen und Fragen war vergeblich, er antwortefe keinen Laut, als verstände er nicht, was man zu ihm Wir Warteten an der Türe, bis sich die Menge etwas lichtete. Ael'ere oder angesehene Leute hatten hier ordnungsfemäß den Vorrang. Für mich, da ich zum Schwitzen noch zu lein war, fand der Vater eine Wanne, ich versenkte mich bis an den Hals ins warme Wasser und überließ mich dem wonnigen Gefühl, das sich über mich ergoß und mich fast schläfrig machte. Allmählich legte sich der Lärm, die Menge nahm ab. Inzwischen wurde die Dunkelheit in der Badestube immer größer. Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne drangen durch die trüben Scheiben und durchwoben den Wasserdampf, der den Raum füllte, mit bunt schillernden Fäden; durch die ganze Länge erhoben sich hübsche, in allen Farben schimmernde Scheidewände. In der Badestube wurde es immer leerer. Einer der Nachzügler trat ein, Berzje, der Fuhrmann, den sein schweres Handwerk so lange zurückgehalten hatte. Er war ein hochgewachsener starker Mann und führte einen kleinen Knaben an der Hand. ״Das nenne ich rechtzeitig kommen“, begrüßte ihn jemand lachend. Berzje suchte sich schweigend ein Plätzchen. ״Spät, spät, Ihr lieben Leute , rief der alte Reb Selig hüstelnd, ״schon Zelt, zur Synagoge zu gehen!“ ermahnte er zur Eile. Alle sputeten sich und eilten hinaus. Mein Vater, der bisher auf seinem Platze saß und sich ganz dem Vergnügen des Schwitzens überließ, erhob sich plötzlich und trat zu mir heran. ״Bleib noch ein wenig, Leibele, ich will nur einen Augenblick in die Mikweh hinabsteigen.“ Damit näherte er sich dem dunklen Eingang. Ich wollte aber nicht warten und stieg hinaus, um noch unsere Kleider im Vorzimmer herauszusuchen. Dort waren noch fünf, sechs Personen zurückgeblieben, die sich schwelgend ankleideten, um rasch nach Hause zu eilen. Bevor Ich noch zu unseren Kleidern gelangt, war mein Vater zurückgekehrt. Er begann hurtig unter den Kleidungsstücken zu suchen. Doch plötzlich hielt er Inne. ״Hast du deine Stiefel schon hervorgeholt?״ fragte er mich mit sorgenvoller Stimme. ״Nein", antwortete ich ruhig und langte nach dem Bündel, das meine Garderobe enthielt.;,Wo sind sie denn? Hier sind sie nicht״, rief mein Vater sehr aufgeregt. Ich verstand diese Aufregung nicht recht, aber im Herzen ftplte Ich' nlöteüch einen gröBen Schmerz, ln Verwirrung be» fg£»w«‘,*f»*r'*»r‘'.sÄf»•־, Au« ־ fWvÄ1dÄf:׳ti1fti'gteirvänl; und alfisJr tln* wehem ׳,•:;״״: /•:״.-•י•■••׳'־ יי■׳ גי׳-'' ־־׳ •־' •׳•־'• ״ ״Seht mal rasch nach, wo Ist Aleksa?״ sagte jemand. ״Aleksa?״• antwortete der Inhaber des Bades, der gerade aus dem Korridor hereinkam. ״Aleksa? Der ist vor einer halben Stunde verschwunden, als hätte Ihn die Erde verschlungen. Ist das ein Schurke! Jetzt begreif ichs. Bisher pflegte er wenigstens hier nichts zu berühren.“ Jetzt erst begriff ich, welches Unglück mich ereilt hatte. Ich brach in krampfhaftes, unstillbares Weinen aus und konnte mich nicht beruhigen. ״Ich will schnell laufen, vielleicht find ich ihn noch irgendwo“, bot Berzje, der Fuhrmann, seine Dienste an. Mein Leid ging ihm offenbar sehr zu Herzen. ״Paß’ indessen auf meinen Knaben auf“, sagte er zu meinen Vater und rannte hinaus. Das ganze Bad wurde mehrere Male durchstöbert, man suchte überall, sogar Im Kesse! und im Ofen. Man schüttelte alles dürre Gesträuch und Holz durch, das in den Vorstuben herumlag, einige Leute stiegen nochmals in die Mikweh hinunter, alles war vergebens. Endlich kam Berzje zurück. Er war ganz sch weiß bedeckt und atmete schwer. Aber er hatte leere Hände. Ich wollte nicht mehr heimgehen, sondern wankte jammernd von einem Winkel in den anderen. Mein Vater stand reglos, leichenblaß da und betrachtete mich mit schmerzerfüllten Augen. Der Abend war schon herabgesunken, als wir das leer und unheimlich,gewordene Bad verließen. Draußen herrschte liebliehe, sanfte Ruhe, obgleich die Luft kühl war. Mehr noch als der Schmerz über meinen Verlust, peinigte mich ein stechendes Gefühl der Beschämung. Ich schluchzte leise, während ich mit meinen nackten Füßen, die erst aus dein warmen Bad kamen, über die feuchtkalte Erde schritt, und zitterte vor Kälte am ganzen Körper. Mein Vater nahm mich auf die Arme, drückte mich ans Herz und suchte mich zu beruhigen. ״Weine nicht, mein armes Kind, weine nicht. Es war Oottes Wille. Dp hast dich zu sehr gefreut. Maß darf sich nicht allzuviel der Freude hingeben.“ Ringsum leuchteten in allen Häusern die festlichen Lichter. Aus dem Rande des hellblauen Himmels zog stolz und majestätisch der volle Mond empor. Mein Vater schritt leise dahin, versunken in traurigen Gedanken, die sich auf seinem sanften, müden Gesicht malten. Ich klammerte mich an seinen Hals und weinte still vor mich hin. Im Jahre 1935 werden 800 Jahre seit der Geburt von Maimonides vergangen sein. Dr. Cyrus Adler, der Prlsident des Dropsie College (Lehranstalt für hebräische und orientalische Wissenschaften! in P h i 1 a d e 1 p h i a , hat in einer Ansprache am Gründungs-Tag dieses Collegs den Vorschlag gemacht, daß aus Anlaß des 800. Geburtstages des Rambam eine kritische Ausgabe seiner Werke, von denen viele noch unveröffentlicht sind, veranstaltet werde. Herausgeber sollen Minner der arabischen und der hebräischen Wissenschaft sein. Die Ausgabe soll enthalten die vier Bände der hebräischen ״Mischneh-Thora“ oder ״Jad Hachasakah“, sechs Bände seines arabischen Kommentars zur Mischnah. einen Band ״Sefer ha- Mizwoth“, einen Band ״Dalalat al-Ha’irin“, einen Band Briefe und Responsen, vier Bände medizinischer und astronomischer Werke und einen ■Band kleinerer Abhandlungen. Eine kritische Ausgabe aller dieser Werke, sagte Dr. Adler, werde eine Ermunterung für alle jene sein, die sich für jüdische Wissenschaft interessieren. In einem Jerusalemer Privathaus, in der Nähe des Tempelberges, wurden hebräische mittelalterliche Inschriften entdeckt, die Namen von Juden enthalten, die aus verschiedeoen Ländern nach Jerusalem gepilgert waren. Legenden vom BaaLSdiem Oesammelt von Dr. Lucie Pr e m i n ge r H echt (Bukarest). In der kleinen polnischen Stadt S. erzählt man sich Legenden vom heiligen Baal-Schem und auch von vielen anderen Chassfdim. — Wenn man die alten, ortsansässigen Juden spricht, kennt jeder eine ganze Menge (man könnte daraus eine Sammlung machen) von Geschichten, Sagen, Legenden, die sich um Baal-Schem und andere bekannte Wunder-Rabbiner spinnen. — Es ist hier in diesem Städtchen wie eine Quelle ewigsprudelnden Lebens, wie eine lebendige Chronik, die sich vom Vater auf den Sohn durch mündliche Erzählungen vererbt. — Wie ist es auch interessant, sich um zwei Jahrhunderte zurückzudenken und jene alte Zeit wieder erstehen zu lassen, da Baal-Schem hier, in diesen Gassen gegangen, dort in jenem kleinen, verfallenen Häuschen vorübergehend ge• Baal-Schem hatte ja bekanntlich in Kuty, in nächster Nahe vom Städtchen S. in den wilden Karpathen gelebt und ist dann in seinem 36. Lebensjahre auf die Wanderung gezogen, um seine Wunder zu vollbringen. — Man erzählt sich, daß er auch in S. war und hier eine Mlkwah gegründet hat. — Die alten Juden wollen genau die Stelle kennen, wo sich dieselbe be• funden haben soll. — Hier erzählte man mir auch die Legenden, die sich speziell an dieses Städtchen knüpfen. Baal-Schem hielt sich vorübergehend hier auf und sah eines Abends durch ein Fenster in eine kleine, niedrige Stube hinein, wo eine Frau und zwei kleine Kinder ihren verstorbene» Vater beweinten. — Baal-Schem kam näher, trat in die Stube, tröstete die weinende Frau, die beim Leichnam ihres Gatten, in Tränen aufgelöst, saß. — Baal-Schem versprach, ihr zu helfen. ״Wenn ich Abends zurückkehren werde(er wollte noch etnen dringenden Weg ins nächste Dorf machen) bereite eine Schüssel mit frischen Pirogen (eine Art Kreppchen) vor“, sagte er zur weinenden Frau. Diese verstand nicht was er meinte, blickte verstört den fremden Mann an. Baal-Schem entfernte sich. Sie dachte lange darüber nach und während sie so dachte, ging sie daran den ihr aufgetragenen Befehl, wie von einer fremden Kraft gedrängt, auszuführen. Abends dampfte die Schüsse! frischer Pirogen auf dem Tische, die Tür tat sich aut und der fremde Mann trat ins Zimmer. Er trat an den Toten heran und blickte ihn lange an. Langsam erhob sich dieser von seinem Lager, blickte sich groß im Zimmer um und gewahrte seine Frau, seine Kinder. Heiß und duftend stieg ihm der Geruch der frischen, fetten Pirogen in die Nase! Nach einem lauten Aufschrei der Freude stürzte sich die Frau auf ihren Oatten, küßte und liebkoste ihn. — ״Habe ich dir nicht fcsagt, daß du beruhigt sein und nicht vergessen sollst, das iebungsgericht deines Gatten, nämlich Pirogen, vorzubereiten?“, horte man eine Stimme plötzlich sprechen. Man erinnerte sich erst jetzt an den fremden Mann, freute sich gemeinsam und aß die herrlichen Pirogen, bis es Nacht wurde und der fremde Mann sich entfernte. Als die Frau diese Geschichte am nächsten Tage ihren Nachbarn erzählte, wußte Jeder, daß kein anderer als Baal-Schem es gewesen War, der Ihren Mann lebendig gemacht hatte. — Es war das Sukkothfest In der kleinen Stadt herrschte Bewegung und Freude. Ein hoher Gast weilte in ihrem Städtchen und die alten Juden standen erwartungsvoll in ihren Feiertagskleidern. — Die Kunde ging von Mund zu Mund. Unruhe, freudige Zerstreutheit lag über der kleinen Stadt. Schon waren alle Vorbereitungen für das Fest getroffen. Schon war das gute Essen bereitet, schon stand die grüne Hütte mit Laub verziert. ז- Alles war da, um den honen Gast zu empfangen, zu begrüßen, zu ehren. — Baal-Schem war dieser hone Gast, den man so ehrte, für den man alles doppelt freudig wählen konnte. Die Mienen der Juden verdunkelten sich plötzlieh; Unruhe, kam über sie und nervöse Hast — Wie können wir das Sukkothfest begehen, wie können wir unseren hohen Gast ehren, wenn Baal-Schem nicht einen passenden Esrog hat? — Tief in sich Versunken hing Baal-Schem nur einem Gedanken nach! Wie nun alle Juden beratschlagend, gestikulierend und heftig sprechend auf dem Marktplatze standen, ritt plötzlich ein fremder Reiter in die Menge hinein. Der Reiter bahnte sich einen Weg und kam bis vor das Fenster, wo Baal* Schern wohnte. — Das Fenster öffnete ach und der fremde Reiter überreichte Baal-Schem einen frisch gepflückten, noch tau-nassen Esrog. — Wie er gekommen, so verschwand auch der fremde Reiter. — Niemand kannte ihn, niemand hatte ihn jemals gesehen. War es nicht eines der vielen Wunder, die Baal-Schem ihnen da gezeigt hatte? Und noch eine Legende erfuhr ich, die man sich vom Baal-Schem erzählt und die sich in den Karpathen abgespielt haben soll. Baal-Schem lebte ja eine lange Zelt in den Wäldern der Karpathen. Seine Frau hatte ein kleines Wirtshaus am Fuße des Pruth, während Baal-Schem in einer Waldhütte, tief im Gebirge, seine Tage mit Beten, Träumen, Sinnen, verbrachte. Ein berüchtigter Räuber und Wegelagerer, genannt Dobusch, machte jene Gegend unsicher und überfiel und tötete alle Juden, die ihm begegneten. — Schreckliche Geschichten erzählte man sich von ihn, wenn die Leute in dem kleinen Wirtshause von Baal-Schems Frau übernachteten. Haarsträubende Geschichten! Wie er die Juden quälte und berauhte! Vergebens überredete die Frau Baal-Schem, doch endlich einmal heimzukehren und bei ihr zu bleiben und nicht so allein im Walde umher zu irren. — Einmal befand sich Baal-Schem in einem tiefen Bergkcssel, dem wilden Räuber gegenüber. Zitternd und erstarrt blickten die beiden einander an. Baal- Schein mit seinen Geisteskräften hatte sich mit den physischen Kräften des gewaltigen Räubers gemessen. Nur eine Minute! Dann sprang Baal-Schem von einer Bergspitze zur anderen und es mutete den Räuber wie ein Wunder an, daß dieser fremde Mann vor ihm, mit einer Fußspanne die entferntesten Bergspitzen überquerte. Er sah ihn mit dem einen Fuße auf dem einen Berggipfel und mit dem anderen Fuße schon auf dem nächsten. — Und Dobusch wollte dieses Rätsel lösen. Als er ihm ein nächstes Mal begegnete, sprach er ihn an, und gelobte Baal-Schem nicht anzurühren. — Er versprach, von Baal- Scherns Wesen seltsam gerührt, abzulassen von seinem Morden und Rauben. Baal-Schem erzählte dann am Samstag, als er ins Wirtshaus zu seiner Frau heimkam, von seinen Erlebnissen mit Dobusch. — Da er an des Räubers Beteuerungen, nie mehr zu morden, nicht glaubte, beschloß er den Leuten zu zeigen, wo sich der Räuber aufhalte. — Und einmal, die Juden waren gerade beim Beten, schrie Baal-Schem will in die betende Gemeinde hinein: ״Kommt ich will Euch führen und Euch zeigen wo Dobusch sich befindet“. Die Juden ließen ab vom Beten und zogen in die Berge, wo ihnen Baal-Schem den Aufenthalt Dobuschs zeigte. Als sich die Menge dem Räuber näherte, wurde dieser ganz machtlos. Seine Hand mit der erhobenen Hacke, mit der er sonst getötet hatte, erglänzte hell in der Sonne. — Dobusch, der Hunderte von Menschen auf seinem Gewissen hatte und sonst nie Schwäche zeigte, wurde jetzt ganz schwach, da er seine letzte Stunde schlagen fühlte. — Man erschlug ihn, und die Stelle, wo er getötet wurde, ist noch heute zu sehen und durch einen schweren Stein zu er» kennen, der hier am Wege Hegt. — Baal-Schem hatte den Leuten geholfen, das Land von diesem Ungeheuer zu befreien. — Niemals vorher könnte man die Spur von )obusch finden, so geschickt wußte er sich zu verstecken. — Das ge* schah zu jener Zeit und das Land atmete auf von einem überstandenen, großen Schrecken. ...« Bei den Abessiniern Von Dr. Fritz Loewenstein. Jerusalem, im April 1929. Ke Abessinierätraße gehört zu den belebtesten Straßen der neuen Stadt. Sie beginnt gegenüber dem jüdischen Krankenhaus ״Hadassah“. Nach wenigen Schritten steht man vor der Abessinischen Kirche. Man sient die schön geformte, blaue, mit einem eigenartig verzierten Kreuz geschmückte Kuppel: ein Wahrzeichen der Stadt! Man sieht die Inschrift über dem Tor, in einem unbekannten Alphabet geschrieben; man richtet einen Blick auf das Wappen mit den beiden Löwen und — dann geht man vorüber, ohne zu ahnen, daß hier eine der interessantesten und seltsamsten Stellen der Stadt zu finden ist. Ich verdanke dem Wunsch, etwas vom Leben dieser altchristlichen Gruppe kennenzulernen, eine ungewöhn'kh interessante Stunde. Man tritt durch den Torbogen und steht ln einem Gartengrundstück, in dessen Mitte sich die Kirche erhebt. Ein Priester kommt mir freundlich entgegen. Den Typus kennt man in Jerusalem: die schwarze Kleidung und die schwarze Kopfbedeckung ähneln der des griechischen Priesters, aber die dunkle Hautfarbe erinnert weit mehr an den Bewohner Afrikas als an jene semitischen Erobererscharen, die einmal vom südlichen Arabien aus über die Straße Bab ei Mandeb die gegenüberliegende äthiopische Küste erreichten, das Land ihrer Herrschaft unterwarfen, sich aber bald mit den Ureinwohnern mischten. Nur selten bricht noch heute der semitische Rassetypus durch. Der Priester sagt mir, daß man die Kirche jetzt nicht seheh könne, aber morgen früh sollte ich wiederkommen, um 8 Uhr beginne das Fest für einen Heiligen. Ich komme pünktlich um 8 Uhr mit einem Freunde, der hoffentlich das Arabisch der Abessinier besser verstehen wird, als ich. Denn unter sich sprechen sie amharisch. eine harnitisehe, dem alten Aegyptisch verwandte Sprache, die uns nätür* lieh fremd ist. Aber man lernt in Abessinien in der Schule Arabisch. Wir steigen einige Stufen empor und sind im Innern der Kirche. Schon vorher hörten wir dumpfe Paukenschlige, dazwischen Klirren, wie von einem Tamburin. Man denkt an Negermusik, und doch wirken die Töne ernst, leidenschaftlich, ja fanatisch. In dem Augenblick, da wir die Kirche betreten, bricht die Musik jäh ab, und es beginnt eine Rezitation, ganz ähnlich der Art, wie in der Synagoge der Vorbeter im ur* alten Tonfall seine Gebete rezitiert. Ehe Kirche ist eine kleine Enttäuschung. Sie ist durchaus nicht etwa häßlich, im Gegenteil; es ist ein ungewöhnlich schöner, byzantinischer Rundbau, aber derartiges haben wir schließlich schon mehr als einmal gesehen. Innen läuft zunächst ein Rundgang um die Kirche, der mit Pfeilern vom AllerheiUgsten abgetrennt ist. Dieses ist gewissermaßen eine Kirche für sich. Man könnte die Außenmauern abbrechen, und eine neue, fertige Kirche stände da. Sie trägt ln vier Spra• chen (amharisch, arabisch, französisch und italienisch) eine Inschrift, die über die Entstehungsgeschichte der Kirche Auf- Schluß gibt. Sie wurde 1877 bis 1883 erbaut. Auch die für den Bau ausgegebene Summ? ist dort getreulich vermerkt. Unser Führer zeigt uns die Bilder, die im Rundgang aufgehängt sind, schlechtes Europaprodukt. Nur ein Bfia des Kaisers Menelik fesselt unsere Aufmerksamkeit. Sein kluges, energisches, vielleicht etwas brutales Negergesicht Ist mit einer hohen Mütze gekrönt, an der ein Bild des Heiligen Georg, des Schutzpatrons der Abessinier steckt Aber wir wollen zum Gottesdienst und nach einigem Zögern willigt unser Führer ein. Er öffnet einen Vorhang: Wir stehen vor dem AHerheiUgsten, dessen Tür geöffnet ist. Und nun der stärkst« Eindrude: Vor der Tür stehen fünf Priester, jeder auf «inen hohen Stab t«titi%,l* der haltend, das geschüttelt wird und jenen unsan ein Tamburin erinnernden Ton gibt. Zwischen innen kauert ein Neger auf dem Boden; er halt zwischen den Knien eine weiße Trommel oder Pauke, die er schlägt. Im Takt singen die fünf Priester, schütteln ihre Instrumente, wiegen den Oberkörper rhythmisch Im Takt, während der Neger dumpf die Pauke erdröhnen läßt. Vergessen ist Jerusalem: Das ist Afrika, was vor uns steht. Ein Hauch von Selbstvergessenheit, von Ekstase liegt Über allem. Es scheint, daß man uns nicht sieht, obwohl wir den Musikern wenige Schritte entfernt gegenüberstehen. Eine Frage liegt uns auf den Trippen: Wo ist die Ge* meinde? Außer den sechs musizierenden Priestern und unserem Führer, der bis zu unserem Erscheinen in seiner Bibel gelesen hatte, sehen wir zwei Männer und zwei Frauen, offenbar Laien. Die Männer werfen sich vor dem AllerheiUgsten zu Boden, berühren mit der Stirn dreimal den Boden — eine Bewegung die ähnlich beim mohammedanischen Gebet vorkomrat — und gehen hinaus. , , , , Unser Führer erzählt uns näheres. Es gibt nur abessinische Priester in Jerusalem, keine oder fast kein« Laien. 139 Priester sind da, die hier in der abessinischen Kirche und in der abessinischen Kapelle der Grabeskirche die vielen Feiertage ihres Glaubens festlich begehen. Sie bleiben, wie es scheint, eine Reihe von Jahren in Jerusalem und kehren dann in die Heimat zurück um von anderen abgelöst zu werden. . Unser Führer z. B. kam erst vor einem Jahr aus Adis-Abeba. Interessant sind die alten, vorchristlichen Erinnerungen dieses Volkes. Sie führen ihr Königsgeschlecht auf eine Tochter König Salomos, die er mit der Königin von Saba zeugte, zurück und halten sich deshalb für Juden; ihr Wappentier Ist der jüdäische Löwe, und die Beschreibung des Stiftszeltes hat ihrer Kirche zum Muster gedient. Auch auf Politik kommen wir zu sprechen. Unser Führer weiß gut Bescheid: spricht von britisehen und italienischen Absichten auf seine Heimat, war wohl schon einmal in Britisch-Somaliland. * Wir verabschieden uns. Unser Führer ist ein wirklicher Priester und hat sich noch nicht den Landessitten angepaßt: Er verschmäht den angebotenen Bakschisch. Der Jubiläumsband der ״Hatekufah“. Vor kurzem erschien im Verlag A.J.Stybel, Berlin. Band 25 der bekannten hebräischen Sammelschrift ״Hatekufah“ im Umtange von 42 Druckbogen unter der Redaktion von Dr. Saul Tschernichowski, Benzion Katz und Dr. Simon Rawidowicz, Der Band enthält Erzählungen der Schriftsteller Rabinowitz, Dr. Temkin, Freigerson. Tschernlchowski, Hasas, Schlanger-Mohr und Grünblatt. Mit dichterischen Beiträgen sind vertreten Rahel Schoham, Wolpowskv, Elischewa, Bath-Mirjam, Babiy und Saul Tschernlchowski. Hervorzuheben ist die Horaz-Uebersetzung von Friedmann; weiter wird die Leibnizsche Monadologie In hebräischer Ueber- Setzung wiedergegeben. An wissenschaftlichen Abhandlungen sind zu verzeichnen: ״Religion und Politik in der Geschichte Israels“ von Dr. Katzenelson; ״Die Eigennamen in der Bibel*‘ von Herschberg; ״Die Karäer in Polen“ von Prof. Balaban; Anläßlich des 200jährigen Jubiläums von Moses Mendelssohn beginnt der Redakteur der ״Hatekufah“ Dr. Simon Rawidowicz mit der Veröffentlichung einer Serie von Abhandlungen über Mendelssohn, die die ersten Kapitel aus seinem hebräischen Werk über diesen jüdischen Philosophen bilden. In der Abteilung Kritik gibt Nahum S o k o 1 o w eine Würdigung des verstorbenen Forschers Jechiel Bora stein. Der' Maler Prof. Pasternack veröffentlicht Erinnerungen an Tolstoi. M. Kleinmann bringt eine Würdigung de* hebräischen Dichters S. Schaeur.