Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 32-33 (24.4.1929)
- Date
- 1929-04-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 32/33 24 IV.!920 JUEDTSCHE RUNDSCHAU Seite 208 Peßach-Beilage Kindertragödie Eia« Peßach-Erlnnerung. Von Ben Ami. Es war am Rüsttage des PeßaeMestes um zehn Uhr morgens. Wir hatten soeben unser frugales Frühstück be• endet; es bestand aus Brot, welches wir bei einer unserer Nachbarinnen entliehen, das in einem salzigen Saft, worin Gurkenscheiben schwammen, getunkt wurde. Ich muB ge• stehen, daß auch diese Tunke bei derselben Nachbarin geborgt war, die ihren Ourkenkrug bis auf den Grund geleert hatte, um nicht über die Feiertage Chomez zu bewahren. Draußen weht ein starker Ostwind, aber es ist gleichwohl nicht kalt. Leichte, weiße Wölkchen schweben am Himmel und hüllen zuweilen die Sonne ein, sobald sie aber vorüber• geflogen sind, sendet sie wieder ihre wundervollen Frühlings• strahlen hernieder, die bis zu Herz und Seele wärmend ein• dringen. Besonders angenehm ist es hinter unserem Hause. Hier ist ein breiter und vor dem Winde geschützter Raum, und die Sonne wärmt hier doppelt; während es ringsum feucht und sumpfig ist, ist hier der Boden bereits ganz trocken, auch Gräser und Blümchen blühen schon. Meine kleine Kinderseele überläßt sich ganz der doppelt freudigen Stimmung, die aus der Erwartung des herrlichen Festes und des heran* nahenden Frühlings fließt. Ich bin darüber so glücklich, daß ich fast eine andere Freude vergesse, die mich heute erwartet und die mir seit langem keinen Augenblick aus dem Sinn gewichen ist Eine der Hütten, die sich jenseits der Wiese erheben, ist jetzt Gegenstand meiner zärtlichsten Gedanken, in dieser Hütte wohnt nämlich Reb Itzig, der Schuster, ein Mann, der seit zehn Tagen all mein Sehnen und Wünschen, ob ich träume oder wach bin, an sich fesselt. Zwar ist Reb Itzig stets ein liebenswerter Mensch gewesen, aber niemals zuvor hatte ich dies so sehr empfunden wie jetzt, da er für mich.... Stiefel anfertigt. Ja, Stiefel, und rwar neue Stiefel, ganz neue, von den Schäften bis zur Sohle. Noch eine oder zwei Stunden, und Reb Itzig bringt sie mir nach Hause. Wenn ich daran denke, möchte ich vor Freude hüpfen. Das sind ja die ersien Sieie! in m ciie n Leben — ja, noch mehr, diesmal bekomme ich überhaupt neue Garderobe. Früher, wenn ich schon jemals ein ״neues“ Kleidungsstück bekam, war es aus einem abgetragenen, aus Vaters Jacken oder Beinkleidern hergestellt. Meine Füße waren immer von a ten geflickten Schuhen bedeckt, nur ein einziges Mal kaufte mir mein Vater Sandalen, die einige Wochen hielten, den größten Teil des Jahres aber ging icn barfuß, neue, ganz neue FuBbekleidüng hatte ich niemals besessen. Nun wurde ich am 17. Ijar dreizehn Jahre alt, also Bar-Mizwah, und diesem Umstande hafte ich es zu verdanken, daß mein Vater sich entschloß, einen tiefen Griff in die Tasche zu tun, und eine gute Menge Geld auszuwerfen. Das war keine Kleinigkeit — zwei und einen halben Gulden! Einen vollen Monat schwankte mein Vater, und oftmals beriet er darüber mit meiner Mutter, meist, wenn alle Hausgenossen schliefen, fch lauschte immer, den Atem anhaltend, wenn eine solche Unterredung begann: »Rachel, schläfst du?" ״Schlafen? Wie kann ich schlafen? Weh ist mir!" Ein schwerer . langff Seufzer entrinj f.trd MÄer.• tWf Ä*h|rterHt6|*EeWe^ Körper meines Vaters. ־ Im Wind. ehernsten ,;Hast du das ganze Geld ausgegeben?“ hebt der Vater von neuem an. ״Es ist aus der Haut zu fahren, Beinisch, wenn man dich hört? Wieviel hast du mir gegeben! Dreiundvierzig Kreuzer. Und wann? Am Montag! Heute ist Donnerstag. Rechne nach: sieben Kreuzer war icn schuldig, für elf hab ich Stroh zum Heizen gekauft, für zwei Bohnen, für drei Hirse....“ ״Ich weiß, ich weiß“, unterbricht sie der Vater — du hast es nicht für Naschware ausgegeben. Sprechen wir von etwas anderem. Die Feiertage kommen, und man muß darüber be- Taten und nachdenken.“ ״Ach, ich werde nicht müde, daran zu denken. Woher sollen wir für die Feiertage nehmen? Weh ist mir! ״Was ist zu tun? Gott wird helfen, wie er bisher geholten hat.“ Und wieder kommt ein schwerer Seufzer aus der Brust der Mutter und ein harter, trockener Husten aus der Brust des Vaters. Der Wind heult und pfeift in allen Spalten und Rissen der Wände. ״Man muß für die Kinder etwas anfertigen lassen“, unterbricht der Vater das Schweigen. ״Zuerst müssen wir Mazzes besorgen und dann Kleider für die Kinder.“ ״Ich hoffe, Arbeit zu bekommen. Der Postinspektor will mir einige Bücher zum Binden geben, auch der Geistliche hat etwas bereit, a ußerdem habe ich gehört, daß Reb Pinchas ein Amsterdamer ״Schaß“ gekauft hat, welches er seinem künfti^en Schwiegersohn als Peßachgabe schicken will. Vielleicht gibt er es mir zum Binden.“ ״Vielleicht. Vielleicht gibt er’s aber dem Feiwisch?“ ״Und wenn auch. Feiwisch Ist auch ein armer Mann, er braucht auch Arbeit.“ So weit ging der Altruismus meiner Mutter nicht. ״Bist du ein reicher Mann, daß du für andere sorgen willst Zuerst denke an dich und deine Kinder. Ich an deiner Stelle wäre schon zwanzigmal bei Reb Pinschas gewesen.“ ״Wenn er mich rufen wird, werde ich gehen“, erwiderte der Vater gelassen. ״Willst du vielleicht warten, bis Reb Pinschas um dich einen Wagen schickt? Du großer Herr! Kleinigkeit Beinisch Buchbinder! Paßt es ihm, zu Reb Pinschas zu gehen, um Arbeit zu bitten? Ach, dein Stolz wird uns noch an den Bettelstab bringen.“ ״Du kennst mich ja, Rachel, und weißt, daß Ich nicht anders werde. Wozu dich aufregen und den Kindern den Schlaf stören?“ ״Das ist ja eben das Unglück, daß man dich niemals umstimmen kann. Ich sage dir, gehorche deiner Frau und geh’ morgen zu Reb Pinchas ins Geschäft.“ «״Wenn er mich braucht, kann er um mich schicken, er hat Gottlob Diener genug. Wenn er die Arbeiten Feiwisch geben will, dann mag er sie ihm geben. Ich will keinem, Gott behüte, sein Brot wegnehmen. Sprechen wir nicht mehr davon.“ ״Was willst du denn kaufen, und für wen?“ ..Zuerst, glaube ich, müßte man Stiefel für Leibele anschaffen. Er geht barfuß.“ ״Um Gottes Willen, hör auf! Was dieser Mann im Kopfe hat! Die beiden älteren Mädchen haben Fetzen an und keine Kleider, und der kommt mir gar mit S iefeln für Leibele.“ Ein leises Jammern unterbricht diese Rede. Der Vater hustet stürmisch, daß er keinen Atem holen kann. Der Wind tobt im Kamin, daß die Röhren beben und klirren. Ich zitterte unter* meiner leichten Decke und drückte mich an meinen kleinen Bruder, der mit mir das Lager teilt Im Zimmer herrscht Schweigen. Einige Tage später begegnet« meinem Vater, der mH mir 1 aas dem Bcthause kam, Reb Knchas. Dieser war einer der wohlhabendsten Minner unce.es Sidtchens und sehr gelehrt Seine gesamte freie Zeit verbrachte er bei den heiligen Büchern. ״Guten Morgen, Reb Beinisch!“ grüßte Reb Pinchas. ״Guten Morgen, Gut Jahr.“ ״Wie gehts Euch?“ ״Gott sei gedankt...“ ״Habt Ihr genug Arbeit, Reb Beinisch?“ ״Gottlob, kann mich nicht beklagen.“ ״Ihr seid wahrlich ein guter Jude, Reb Beinisch, und klagt niemals; das ist gut getan, sehr gut“ Mein Vater antwortete nicht und wollte weitergehen. ״Wartet doch ein wenig. Was eilt Ihr so? Es regnet ja nicht. Scheint, wir werden angenehmes Wetter zu Jomtow haben. Seht, wie schön der Tag ist.“ ״Ja, sehr schön.“ ״Wenn Ihr nicht zu sehr beschäftigt wäret, möchte ich Euch etwas Arbeit geben. Aber Ihr könntet wohl keine an-־ nehmen?“ ״Ich kann welche annehmen“, versetzte mein Vater einfach. ״Ich werde es mir überlegen. Vielleicht gebe ich die Arbeit dem Feiwisch, wenn Ihr allzu sehr beschäftigt seid“, sagte Reb Pinchas und betrachtete meinen Vater aufmerksam. Aber mein Vater wurde nicht verwirrt, und Reb Pinchas fuhr fort: ״Nun denn, so kommt heute Abend zu mir und wir werden die Sache besprechen.“ Zu Hause erzählte der Vater, daß Reb Pinchas ihn für den Abend bestellt habe, um ihm die Arbeit zu übertragen. ״Siehst du, so wie du nur meinen Rat befolgt hast.... Wenn du immer so tätest, das wäre unser Glück , sagte die Mutter triumphierend. Am Abend desselben Tages langten von Reb Pinchas zwölf mächtige Folianten an, und mit Ihnen kehrte ln unser Haus Licht und Hoffnung ein. In der Nacht unterhandelten Vater und Mutter abermals über meine Stiefel. Die Mutter willigte nicht ein und bewies, daß zunächst die beiden älteren Mädchen Kleider haben müßten, dann wolle man sehen. Der Vater gab nach. Eine Woche später wurde er zum Postinspektor gerufen, der ihm ebenfalls Arbeit gab. Die Stiefelfrage kam wieder aufs Tanet, aber nach allen Berechnungen stellte es sich heraus, daß sämtliche Einnahmen kaum für Peßach ausretchen würden, die Kleider für die Mädchen nicht eingerechnet. Ich war wie von einem Schlag geholfen. Aber zu meinem .Glücke ereignete sich etwas, was keiner von uns erhofft hatte. Seit zwei Jahren lagen auf unserem Boden etwa fünfzehn Bücher herum, die ein junger Mann, wahrscheinlich Lehrer in einer der deutschen Kolonien, zurückgelassen hatte. Mein Vater hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, daß die Bücher jemals abgehoit würden. Aber da erschien eines Tages ein schönes deutsches Gefährt vor unserer Haustür, hielt an, und ihm entstieg ein elegant gekleideter Mann. Sofort versammelte sich ringsum eine Menge Weiber und Kinder, um die seltene Erscheinung zu bewundern. Ich wurde auf den Boden geschickt, um die Bücher herunterzuholen u nd abzustauben. Der Deutsche nahm die Bücher in Empfang und hinteriieß an Arbeitslohn vier und einen halben Gulden. Das Geld kam uns rein wie vom Himmel heruptergsfaUen.,. ׳' ־:' '■•׳■•״:.׳ 1:;־• .: ״ ‘ die Ktefdi« W tanAqfl»- sagte die Mutter. ״Und Stiefel für Leibele?“ fragte der Vater. ״Gott im Himmel! Immer wieder mit diesen Stiefeln. Was ist das für eine .neue Mode! Wollen wir nicht lieber ein Paar Sandalen kaufen, wie bisher?“ ״So! Sandalen, die er zwei Wochen an hat, bis sie unheilbar zerfetzt sind und er dann wieder barfuß umherläuft. Du verrißt, daß der Knabe mit Gottes Hilfe bald Bar-Mizwah wird. Paßt es dir, daß er barfuß umherläuft? Willst du, daß er etwa barfuß zur Thora aufgerufen wird?“ Diesem Argumente konnte meine Mutter nicht mehr widerstehen. ״Ach, weh ist mir! Um Gotteswillen! Das hab ich ganz ergessen. Der Knabe wird Bar-Mizwah, und ich habe keinen Augenblick daran gedacht. Die Not und das Elend verwirren mir so den Sinn, daß ich mich selbst vergesse.“ Nach langer Unterhaltung wurde bes.hlossen, drei Gulden zum Kauf von Kleidern für meine Schwestern zu widmen und den Rest für meine Stiefel. Zwar würde das Geld weder für das eine, noch für das andere ausreichen, aber man könnte wohl Reb Pinchas in der Tuchhandlung als auch Reb Itzig. dem Schuster, einen Teil schuldig bleiben. Auf diesen Ausweg einigte sich der Familienrat. Aber am Abend erschien Reb Mendel Melamed, bei dem mein kleiner Bruder Unterricht nahm. ״Guten Abend, Reb Beinisch! Guten Abend, Rachel“, sagte Reb Mendel offenbar sehr gut gelaunt Zu seinen Ohren war die Kunde von dem Deutschen, der vor unserer Haustür gehalten, in bedeutend größerem Maßstabe gedrungen. ״Guten Abend“, erwiderte mein Vater, der die Presse mit den Büchern in der Hand hielt und die Ränder beschnitt. Die Mutter bot dem Gast einen Stuhl an, und der Vater wandte sich an ihn, ohne die Arbeit zu unterbrechen. ״Was gibts Neues, Reb Mendel?“ ״Neues? Was für Neues kann es vor den Feiertagen geben? Geld ist nötig...." ״Ihr wünscht also Geld? Ich habe nur anderthalb Gulden bei mir, die könnt ihr bekommen, den Rest zahl Ich Euch, mit Gottes Hilfe, nach den Feiertagen.“ Kaum hatte sich Reb Mendel entfernt, als meine Mutter ihrer Empörung in stürmischer Weise Luft machte. ״Du bist also der Meinung, daß ich ihm nicht bezahlen soll, umsonst soll er deinem Kinde Unterricht erteilen?“ ״Er hätte können bis nach den Feiertagen warten... .״ ״Er ist aber auch ein armer Mann und braucht auch auf Peßach.“ Die Mutter schwieg, und ich gab ihr im Herzen Recht. Nun war meine Hoffnung zu Wasser geworden. Ich war sehr niedergeschlagen und weinte bitterlich. Mein Abendbrot blieb unvcrzehrt. Spät am Abend, als sich bereits alle zur Ruhe begeben hatten, trat mein Vater an mich heran, legte die Hand auf meinen Kopf und sagte: ״Gräme dich nicht, Leibele, du wirst Stiefel bekommen.“ Ich erhob meine vor Freude leuchtenden Augen und blickte durch Tränen za meinem Vater empor. Sein liebes Antlitz strahlte vor Herzensgüte, aber auch ein Ausdruck von Müdigkeit und Erschöpfung lag darauf. Am nächsten Morgen begleitete Ich den Vater zu Reb Itzig, dem Schuhmacher. Reb Itzig war ein stiller, bescheidener Mann, der fünfzehn Stunden täglich sdnem Handwerk oblag und außer dem Arbeitstisch nur noch das Bethaus kannte, wohin er mit strenger Pünktlichkeit früh und abends zum Gottesdienst kam. Mit seiner Frau Chinka lebte er in musterhafter Eintracht und holte in allen Angelegenheiten ihre Meinung ein. Chinka liebte ihren Mann abgottis h und war Außerdem eine biedere, geschickte Hausfrau, die strenges Regiment führte, aber dabei von großer Herzensgüte war. Kinder hatten sie nicht, und das war aer große Schmerz ihres Lebens. Als wir hinkamen, saßen Reb Itrig und Chinka gerade beim Frühstück. Man hieß uns sehr freundlich willkommen. Chinka holte etwas Branntwein und Kuchen hervor und bewirtete den Vater. Dann begann die übliche Unterhaltung über die schweren Zeiten, über die Vorbereitungen zum Fest, wobei Chinka das Gespräch führte, während Itzig meist nur durch Kopfnicken!eine Zustimmung bekundete. Endlich kamen die Stiefel an die Reihe. Der Meister nannte den letzten Preis: drei Gulden. Mein Vater erschrak bei dieser großen Summe. ״Dann muß ich auf die Stiefel verzichten“, sarie er. Ich fühlte, daß mein Herz Stillstand. Reb Itzig riet dem Vater, ein Paar alte Schäfte zu finden, dann könnte ers für zwei Gulden machen. Mein Vater stand auf und sagte im Wegf. ,, ״Mach die Stiefel für zweieinhalb Gulden“, sagte Chinka mit sanfter Stimme. Sie verstand mein Herzleid und hatte Erbarmen mit mir, denn sie sah mich mit ihren schönen Augen an, die mir in diesem Moment wie die Augen eines Engels erschienen. ״Wenn es dir recht ist, ist es mir gewiß recht“, antwortete Reb Itzig in seiner stillen Art. ״Aber ich sag Euch im voraus, daß ich vor Jomtow nur anderthalb Gulden bezahlen kann, den Rest iahle ich, so Gott will, nachher“, bemerkte mein Vater. ״Auch recht“, sagte Chinka. Reb Itzig begann das Tisritgebet, nachher setzte er mich auf eine Bank, zog meine durchnäßten und zerrissenen Sandalen aus und nahm mir Maß. ״Die Stiefel werden am Erew Pessach zu Mittag fertig sein“, sagte Reb Itzig, sich erhebend. Das war die Entstehungsgeschichte meiner ersten Stiefel in» Leben. Es war kein Wunder, daß mich beim Gedanken an sie ein wonniger Schauer überlief. Jeden Morgen erwachte ich mit dem glücklichen Empfinden, daß mi:h etwas sehr Angenehmes erwartete. Ich liebte diese Stiefel, bevor ich sie noch gesehen. Heute am Erew Pessach sollten sie bestimmt fertig werden, und doch ließen mich unruhige Gedanken und unbestimmte Befürchtungen lange nicht einschlafen; in meinem kindlichen Egoismus zitterte ich, Reb Itzig könnte plötzlich krank werden und meine Stiefel bleiben ein Torso. Schon von der Ferne lugte ich aus, um Reb Itzig zu erblicken, fragte jeden in unserem Hause, der zufällig vor der Türe stand, und jedesmal vergeblich. Die zweite Nachmittagsstunde war vorüber. Unsere Wobming hatte mit einemmal ein verändertes Aussehen und war wie umgewandelt. Die Wände waren frisch geweißt, der Fußboden mit gelblichem Lehm gestrichen und darüber Sand gestreut. Alle Hausgeräte, frisch gescheuert, blinkten weiß. Der Vater saß am Tisch, in die Lektüre des ״Sohar“ versunken. Auch er war auf einmal wie ausgewechselt, als hätte das erhabene Fest, das Fest der Freiheit, seine Zauberstrahlen vorausgesandt und ihn mit seinem Lichte überflutet, dem Lichte jener Sonne, die einst, vor mehr als dreitausend Jahren, Israel aufgegangen war, als es der Allmächtige mit erhobener Hand aus der Sklaverei in das Land der Verheißung führte. Ich stellte mich ans Fenster und spähte aus, ob Reb Itzig sich zeigen würde. Was konnte sein Zögern bedeuten? Ich vi^ittfbfQr j&«^gk«ife.u»Ir..Graa1, Schon sah kh»Rafe Melamed, der ■seinen kleinen Sohn an der Hand führte,־ aas de«• Bade nach Hause gehen. Feiwisch und unser Nachbar Wolf ringen vorüber und trugen Weinflaschen für den Sederabend. Mein Schulkollege Geda.iah schritt, schon festlich angezogen, vorbei und trug etwaj, in einem Tuche eingewickelt in de» Hand — sicherlich die Mazzah Schemurah, die der Rabbiner seinem Vater schickt. Da zeigte sich von der Ferne eine Oe־ stalt auf dem Wege von Reb Itrigs Haus. Mein Herz pochte hörbar.Ach es war bloß eine alte Bäuerin, aie die Gänse vor sich herjagte• ״Vater, ich möchte zu Reb Itzig hinüberlaufen“ — aber ich mußte meine Bitte zweimal wiederholen. ״Lauf, wenn du willst.“ ln diesem Augenblick stürmte mein kleiner Bruder Ins Zimmer; man hatte ihn ausgeschickt, um einiges ausstehendes Geld für gelieferte Arbeit einzukassieren, womit meine Schuhe bezahlt werden sollten. ״Leibi“ schrie er laut. ״Reb Itzig kommt, er bringt deine Stiefel!“ .,Bringst du Geld?“ fragte die Mutter meinen kleinen Bruder. ״Nein, sie sagten sie würden nach Jomtow bezahlen.“ Noch bevor meine Mutter ihrer Empörung Luft machen konnte, öffnete sich die Türe und herein trat Reb Itzig. Er zog langsam unter den Schößen die Stiefel hervor, die ich ihm sogleich aus der Hand riß. Ich war ganz taumelig vor Freude, hörte und verstand nichts von dem, was man zu mir sprach. Ich besah die Stiefel von allen Seiten und traute meinen Augen nicht. Stiefel! Und was für Stiefel! Solche hat gewiß niemand wie die Ohren eines stolzen Renners. Ich war überglücklich und konnte mich nicht satt sehen an dem Meisterwerk der Schuhmacherkunst! Endlich wurde ich auf eine Bank gesetzt Die Mutter trocknete mir die nassen Füße, wand um sie saubere Fetzen, und ich zog dann mit großer Mühe die Stiefel an. Mein kleiner Bruder betrachtete mich mit Hochachtung und Neid. Die Stiefd saßen prachtvoll. Ich schritt einige Male im Zimmer auf und ab. Mir schien, daß Ich mit einem Male gewachsen, daß mit mir in diesen wenigen Augenblicken ehe große Veränderung vorgegangen sei. Nur der Vater freute sich nicht, sondern sah schweigend vor sich hin, als ginge ihn das alles gar nichts an, während die Mutter meine Stiefel von allen Seiten betastete. Die Probe war zu Ende. ״Reb Itzig“, sagte mein Vater verwirrt, ״ich bin gezwunf״' " _ Den Rest werde ich mit Gottes Hilfe nach den Feiertagen bezahlen“. ״Macht nichts, Reb Beinisch; ich kenne Euch ja, Ihr werdet ein anderesmal bezahlen. Wenn nur meine Chinka nichts da- ־"־־' ' ־'־' .’־־ " ' " ־' ' י .. Der Vater bückte sich über den großen Kasten und holte einzelweise Kupfermünzen hervor. Aber es fanden sich nur fünfzig Kreuzer; Reb Itzig mußte sich damit zufrieden geben. Er wand das Geld in sein rotes Tuch ein, wünschte uns fröhliehe Feiertage und entfernte sich. ״Nun, Rachel, gib uns schnell Wäsche, es ist Zeit, ins Bad zu gehen, bald wird es zu spät sein“, sagte mein Vater, als Reb itzig si h entfernt hatte. Die Mutter bückte sich nun über den großen Kasten und langte für uns saubere, aber vielfach geflickte Wäsche hervor. Jetzt kam eine wichtige Frage zur Sprache, nämlich ob ich barfuß oder in den Stiefeln ins Bad gehen sollte. Nach gründliehen Verhandlungen wurde beschlossen, daß ich auf dem Hinweg die Stiefel in der Hand tragen und sie erst auf dem Heim* weg anziehen darf. Wir gingen.