Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 31 (19.4.1929)
- Date
- 1929-04-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 102 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 31. 19. IV. 1029 ln wenigen Tagen werden wir das Fest des Peßach begehen: Die national-kulturelle und religiöse Bedeutung dieses Festes der Befreiung soll hier noch gewürdigt werden. Heute, eine Woche vor dem ersten Sederabend, soll der Mahnruf erschallen, an alle Juden, einerlei welche besondere Einstellung sie zu jüdischen Dingen haben: Habt Mut zu euch selbst, denn das ist das Scheidewasser, welches echt von unecht, Freie von Sklaven, Aufrechte von Furchtsamen trennt 1 m. w. Vdzmsnns PalSsflnsrelse Wie die J. T. A. erfährt, ist Prof. Weizmann von seinem Hableiden wieder genesen und wird sich in einigen Tagen nach Palästina begeben. Dr. Weizmann hat sich in der Zeit seiner Rekonvaleseenz in einem südfranzösischen Kurort aufgehalten. Ende des Streiks bei Pachter & Dofmann Von unserem Korrespondenten. Ag., Tel-Awiw, 11. April 1929. In der Fabrik von Pachter & Hofmann in Haifa, die die Kabelmasten für die Ueberlandzentralen der Rutenberg-Werke herstellt, ist vor drei Wochen ein Streik ausgebrochen. (Von unserer Seite an andern Ort erwähnt. — Red. ״J. R.“) Es Itandelte sich um eine Forderung der Arbeiter nach Erhöhung der Schlosserlöhne um 3 Piaster (60 Pfennige) pro Tag. Zu Anfang des Winters hatte eine Kommission die Arbeitsbedintungen untersucht und war zu dem Resultat gekommen, daß ie Löhne für Schlosser auf 33 Piaster festzusetzen seien. Die Arbeiter forderten darauf eine Erhöhung für 33 Leute, mit dem Hinweis, daß diese Kommission die Befugnisse eines Schiedsgerichtes besäße. Die Fabrikleitung lehnte den Zuschlag ab, erklärte die Untersuchung der Kommission als Expertise, und es kam zur Stillegung des Betriebes. Der Streik dauerte drei Wochen, ln dieser Zeit wurden dauernd Verhandlungen geführt, ohne daß Ergebnisse erzielt wurden. Nach einem Telegramm Wechsel mit Rutenberg, der zur Zeit in London ist, entschloß sich die Arbeiterorganisation, den Streik abzubrechen und die Verhandlungen nach der Rückkehr von Rutenberg mit ihm direkt zu führen. Die Arbeit wurde am 7. Aftrii wieder aufgenommen. Die Fabrik umfaßt gegen 150 Arbeiter, ein großer Teil davon ungelernte. Der Minimallohn beträgt 30 Piaster (6 Mark) täglich. In Jerusalem trat in der letzten Woche eine Konferenz der In den Stadtverwaltungen beschäftigten Beamten zusammen. Ihr Zweck war, eine gemeinsame Beratung der Berufsfragen und die Schaffung einer Beamtenorganisation der Munizipalitäten. Das Ziel der Organisation ist die Verteidigung der professionellen Interessen der Funktionäre. Eine Gleichstellung mit den Regierungsbeamten wird erstrebt. Beendigung der Orangen-Saison Im Laufe des Monats März wurden weitere 350 000 Kisten Orangen gegenüber 300000 im Monat März 1928 exportiert. Insgesamt kamen bis Ende März 1650 000 Kisten gegenüber 2040 000 im Vorjahre zum Versand. Der Rückgang beträgt somit etwa 20 •/o und ist auf die geringeren Erträge dieses Jahres zurückzuführen. Der diesjährige Gesamteres für die Früchte entspricht jedoch im allgemeinen dem des Vorjahres, da die Preise in der zweiten Hälfte der.Saison wesentlich ».יי«***!* *r s Bdsondwcn. Vwstttt.sM*•:־!«« ,d«f>Pn*i*- bewegung naturgemäß die Pflanzer gezogen, die ihre Ernte erst in der zweiten Hälfte der Saison verkauft haben. — Dagegen haben die Händler in diesem Jahre größere Verluste erlitten, da sie die Früchte noch vor ihrer Reife am Baum verkauft hatten und sich die Schätzungen der Erträge, sowie der erwarteten Preise in der ersten Saisonhälfte nicht realisierten. Von der Gesellschaft ״Pardess“ wurden in diesem Jahre 325 000 Kisten gegenüber 340 (KW im Vorjahre zum Versand gebracht. Zum ersten Male ist in diesem Jahre auch der ״H a m a $ c h b i r“ als Exporteur von Orangen auf dem Fruchtmarkt erschienen. Vor einiger Zeit ist die erste Sendung von Palästina- Orangen in Kanada angekommen. Es handelt sich um einen Transport von 280 Kisten, der nach St. John in New Brunswick verschifft wurde. (Ziko.) B. C. Luke Ober den Palästina• Aufbau Triest, 16. April. (J. T. A.) Ein Mitarbeiter der J.T. A. hatte in Triest Gelegenheit, mit dem stellvertretenden Ober* kommissar der Palästina-Regierung, H. C. Luke, der sich auf dem Wege nach London befand, über die Lage in Palästina zu sprechen. Luke erklärte, die Juden in Palästina seien tief verwurzelt mit dem Boden. Es wäre zu wünschen, daß die jüdischen Kolonisten unabhängig von Organisationen, Herren auf ihrem eigenen Boden sein würden; jede Familie oder auch eine Familiengruppe sollte über eigenes Land und eigene Häuser verfügen. Eine solche Wirtschaftsform würde eine Krise hintanhalten, wie sie durch die unproportionierte Einwanderung von Personen ohne Mittel verursacht worden ist. ״Ich bin überzeugt“, fuhr Herr Luke fort, ״daß das jüdiseht Volk der Landarbeit physisch vollkommen gewachsen ist. Während meiner häufigen Reise durch die Kolonien habe ich fcsfstellen können, daß eine neue Generation im Entstehen be* griffen ist, die sich kräftig entwickelt.“ ״Die Palästina-Regierung, schloß Herr Luke, wird ihr Aeußerstes tun, um die ihr aus dem Mandat erwachsenden Pflichten voll zu erfüllen,“ Der Waad Lcnml bei Mr. Bentwich Am 7. April besuchte der Vorsitzende des Waad Leumi, Dr. Thon, der juristische Beirat der palästinensischen Regierung, Mr. N. Bentwich und besprach mit ihm Fragen der Knesseth Israel und insbesondere des Wahlgesetzes für die Assefath Haniwcharim, dessen Text vor einigen Tagen dem High Commissioner zur Bestätigung eingereicht wurde. Dr. Thon betonte, daß der Waad Leumi an einer beschleunigten Bestätigung des Gesetzes sehr interessiert sei, um die Wahlen zur Assefath Haniwcharim noch vor der Abreise der palä* stinensischen Kongreß-Delegierten durchführen zu können. Die einzelnen Bestimmungen des Gesetzes seien in der Hauptsache formaler Natur, so daß der Bestätigung keine großen Schwlerigkeiten entgegenstehen dürften. Mr. Bentwich erwiderte, daß die Bedeutung der Frage keineswegs eine rein formale sei. Da der Chief Secretary zur Zeit in Urlaub sei, werde man eine Bestätigung vor Ablauf eines Monats kaum erwarten können. Nach einer Mitteilung des landwirtschaftlichen Departments der Regierung wurde Ende März ein Heuschreckenschwarm, der sich in der Gegend von Semach auf den Feldern niedergelassen hatte, durch die Abwehrmaßnahmen der Regierung vernichtet. Die Heuschreckengefalir ist jedoch tro!z der energischen Bekämpfung der Schwärme, die fast überall kurz nach ihrem Auftaucnen ausgerottet werden, noch nicht beseitigt, da die Insekten an einer Reihe von Orten ihre Eier legen konnten. Die Regierung ergreift daher gegenwärtig Maßnahmen, um eine systematische Vernichtung der Eiet Idurdizufüluen. (Ziko.} Die Tiirkllizierung mach! Forfsctnrilte! Von einem gelegentlichen Korrespondenten. Stambui, Anfang April 1929. Die heutigen Machthaber der Türkei haben manche! ganz ״Kluges“ geleistet. So z. B. vor einigen Jahren, obwohl Jung in der Politik, wurden die nationalen Minderheiten in der Türkei dazu bewogen, eine Erklärung zu unterzeichnen, freiwillig auf die international geltenden CJesetze für den Schutz der nationalen Minderheiten zu verzichten, da sie in der neuen Türkei in ihrer Entwicklung in keiner Weise auf Hindernisse stoßen. Die jüdische Minderheit, die eher als religiös betrachtet wurde, Unterzeichnete ebenfalls eine solche Erklärung, und zwar als Dank für die türkische Gastfreundschaft und Freund- Uchkeit den Juden gegenüber. Nun, einmal im Besitze einer solchen Erklärung, tühlten sich die Türken frei, Wege und Mittel für die Assimilierung, vor allem aber die Unterdrückung der Minderheiten einzuschlagen. Den Juden ging es in dieser Beziehung am schlimmsten, da sie von außen, d. h. von einem Mutterland«, keine Hilfe zu erwarten hatten, aber vor allem, weil ihrer Einstellung zu dieser Politik jedes Gefühl von nationalem Stolz fehlte. Die völlige Unterdrückung der zionistisehen Bewegung in der Türkei wurde zwar mit politischen Momenten erklärt, z. B. Palästina sei ein Bestandteil des früheren Ottomanischen Reiches, und man könne nicht dulden, daß man in der Türkei dergleichen Agitation mache. — Aber es blieb nicht nur dabei, sondern die Bewegung gegen die jüdische Minderheit nahm einerseits die Form eines ״Sturm und Dranges“ für die Türkifizierung der Juden, und andererseits eine antisemitische Färbung an. Das wird mit jedem neuen Tag krasser. Die Geschichte der Ermordung des jüdischen Mädchens Else Niego ist noch in frischer Erinnerung; sie wurde vor einigen Wochen wieder einmal aktuell, durch einen Beschluß des Obersten Gerichtshofes, die seinerzeit in dieser Angelegenheit frei gesprochenen Juden nochmals zur Verantwortung zu ziehen. Die jüdische Telegraphenagentur berichtete bereits vor einigen Tagen über die Schwierigkeiten, die dem jüdischen Schulwesen in den Weg gestellt werden. Diese Schwierigkeiten, die bis jetzt türkischerseits mit Begründungen technischer Natur gerechtfertigt wurden, erfahren in den letzten Tagen durch das neue Schulgesetz für die nationalen Minderheiten einen sonderbaren Anstrich. Durch dieses Gesetz werden die Schulen der Minderheiten in besondere Zonen geteilt, und speziell von der Regierung ernannte Inspektoren werden die Schulen täglich zu besuchen haben, und für die richtige Anwendung des von der Regierung erlassenen Programms Sorge zu tragen haben. Das merkwürdigste bei den Funktionen der Inspektoren ist, daß sie zu beobachten und durchzuführen haben, daß selbst in den Pausen die Kinder unter sich nur türkisch zu sprechen haben. Wo bleiben hier die elementarsten Grundsätze und Rechte der kulturnatio* nalen Autonomie der Minderheiten? — Selbstverständlich gilt das nicht nur für jüdische, sondern auch für alle anderen Minderheiten. Daß die jüdischen Minderheiten aber, wie erwähnt, den schwersten Stand haben, beweist folgender Vorfall: Vor einer Woche wollte ein jüdischer Wohltätigkeitsverein das Theaterstück ״D r e i f u ß“ fn spaniolischer Sprache zu wohltätigen Zwecken aufführen. Alle Vorbereitungen waren bereits beendet, der Kartenvorverkauf mit Erfolg durchgeführt. Einen Ta^ vor der Vorstellung aber teilte die Polizeidirektion dem Verein mit, die Aufführung In spaniolischer Sprache sei verboten. Wenn man es in türkischer Sprache aufführen könne, dann gut, andernfalls gehen entweder die 30 0/0 an Lüstbar• keitssfeuer (die Türkei ,hat in dieser Beziehung viele* von -Brejtnef int Wie«״ gek’ttff/'VirfereÄTÄ־ tvlÄbtwAJÖÖ ÜPJ& oder wenn der Verein diesen Verlust nicht auf *Rh nehme» wolle, so könne eine türkische Truppe, die eine Operette vor* bereitet habe, die Dreifußaufführung ersetzen. Der Verein wählte den zweiten Weg, und statt Dreifuß bekam der mit Juden vollbesetzte Saal die Operette ״Arschin-Mal-Alan‘1 (Arschin der Warenhändler) zu sehen. Dieses Vorgehen der türkischen Amtsstellen ist unqualiflzierbar, da es in einer Zeit feschieht, wo deutsche, französische und auch griechische heateraufführungen (letztere allerdings nicht in dieser Theatersaison) auf keine Verbote zu stoßen haben. Die Intentionen der Behörden sind so klar, daß sich jeder Kommentar erübrigt. Wie aber die Juden das Verbot aufnahmen und darauf reagierten. das ist noch merkwürdiger als das Vorgehen der Behörden selb t. Der Vorstand ließ öffentlich dem aut ״Dreifuß“ wartenden Publikum mitteilen, drei der Amateurschauspieler seien krank, die Aufführung wird aus diesem Orunde durch die türkische Operette ersetzt. Durch einen Zufall, nach Beginn der Vorstellung, ging ich an dem Theater vorbei und erfuhr das vorstehend öescmlderte. Als ich aber die mir erteilten Infor* mationen vom Vorstand des Vereins bestätigen lassen wollte, und mich als Journalist auswies, bekam ich dieselbe öffentliche Ausrede, die das Publikum überraschte. Mein Ausweis, auch als Vertreter jüdischer Zeitungen, konnte ebenfalls nicht die Herrschaften zu einer öffentlichen Erklärung, die aut Wahrheit beruhte, bewegen. Im Gegenteil, ich wurde dringendst gebeten, ich solle kein Wort über das Geschehene berichten. Selbstverständlich ließ ich am nächsten Tage die Informationen kontrollieren, und sie entsprachen dem Tatbestand. Auf meine Erklärungen an den Vorstand, wie anständig Juden in Europa oder in irgendeinem anderen Lande bei einem solchen Fall reagieren, nämlich die Wahrheit aussagen und das Geld minus der 39 ס/י׳ Lustbarkeitssteuer retournieren würden, die bereits in der Kasse der Regierung waren, bekam ich die Antwort: ״Mein Herr, wir Haben die Eise Niego-Geschichte noch nicht vergessen. Das würde unsere Situation und Zukunft kosten.“ Auf meine weiteren Versuche, ihnen die Gefahrlosigkeit des Aussagens der Wahrheit zu begründen, bekam ich immer nur wieder dieselbe Antwort, und da durchzuckte mein Gehirn der Gedanke: Eine solche furchtsame Judenheit ist wirklich hilflos und man kann ihr schwer von außen Hilfe bringen. Welches sind die Ursachen für die halt- und rücksichtslose Türkifizierung? Von Männern, die die Verhältnisse in der Türkei gut kennen, bekam ich immer die Antwort: man ist noch im Rauschzustand nach den Erfolgen der türkischen Revolution. Wenn dies auch nicht die ganze Erklärung ist, so Hegt dann doch viel Wahrheit. Die Türkei, die mit schnellen Schritten die verlorenen Jahrzehnte des kulturellen Fortschritts nachholen will, glaubt, daß jeder Fortschritt der Minderheiten ein Rückschritt für sie bedeutet. Dies ist aber eine «nbegründete Einbildung, die nur durch den Rauschzustand zu erklären ist. Man glaubt hier, daß der Zustand vorübergehen und die Rückkehr zur Besinnung, damit auch eine Duldung der Minderheiten kommen wird. Inzwischen aber Ist die Lage der Minderheiten unerträglich, und nur durch die Einmischung der Mutterländer der Minderheiten kann, wenn nicht ganz, so doch teilweise geholfen werden. Was die Lage der jüdischen Minderheit betrifft, so ist diese, wie gesagt, durch das Fehlen des Mutterlandes noch unerträglicher. Ich glaube aber, daß dieser Mangel durch das Eingreifen der vom Völkerbund anerkannten i1B11!m1111111t11B»1m11H1n1H1m111nm1nrnffn()n111n1rnnifl11ifiinna11rtmiWfl11i1Bmnfl11nn)nmmBfW11Bm1ffB1BH11»H Oie nächste Nummer der .,Jüdischen Rundschau“ ־wird der Feiertage wegen am 24. April als 1 Dopptlaamuer erscheinen- Zionistischen Organisation wettgemacht werden könnte. Der erste Schritt für eine solche Intervention wären Besuche einiger der repräsentativsten Vertreter des Weltzionismus in der Türkei. Und zwar nicht zu Sammelzwecken, sondern um sich mit der Regierung zu unterhalten. Ob dieser Vorschlag, der für da* türkische Judentum von großer Wichtigkeit wäre, von den zuständigen Stellen gehört wird —• das wird die nächste Zeit zeigen. Ich meinerseits möchte aber daran erinnern, daß Zionismus auch Gegenwartsarbeit bedeutet. Ist dieser zionistische Grundsatz nicht vergessen, so hoffen wir, daß in der nächsten Zeit doch die offiziellen zionistischen Stellen sich an das jammervolle Schick- 8a! der türkischen Judenheit erinnern werden. Religion und Politik Von Religion und Politik handelte das letzte de! Lehrhausgespräche. (Das geplante vierte mit Wilhelm Hauer fiel aus.) wie Politik sich in die Sphäre der Religion erhebt, das erwies eine Rede, die auf Veranlassung des Keren Hajessoa Martin Buber am 8. April in Stuttgart gehalten hat. Auf die Frage: ״Was geht die deutschen Juden Palästina an?" gab er drei Antworten, die keinen der zahlreichen Zuhörer, und wenn er noch so fest mit Vorbehalten gepanzert war, ohne tiefe Einwirkung zurückgelassen haben, ״ich habe gehört, es gäbe Juden, die von Palästina nichts wissen wollen“ so habe ihn, erzählt Buber, ganz ungläubig Tagore einmal gefragt. Er habe sich abgemuht ihm diese Tatsache nebst ihren Gründen zu erklären, aber wie viele Juden diese dem tndisehen Dichter unbegreifliche Haltung annehmen, habe er sich geschämt ihm zu sagen. — In aufrüttelnder Rückschau auf eine beispiellose Geschichte zeigte er die einzigartige Verbundenheit dieses Volkes mit diesem Land. Noch im Untergang wächst es über sich hinaus um seines ihm von Gott zugewiesenen Bodens willen: kein Qegner hat dem römischen Weltreich so zu schaffen gemacht, wie das Zwergvolk der Judäer. Beispiellos bleibt es auch in seiner fast Jahrtausende lang unvermindert glühenden, alles Elend überstrahlenden Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, aber beispiellos auch Ist der Abfall und die Vergessenheit, die ein knappes Jahrhundert der ״Emanzipation“ bewirken konnte. Was ist das aber auch für eine Emanzipation, die aus der Knechtschaft des bewußten Exils in die Freiheit des unaufhaltsamen Untergangs führt? Unaufhaltsam? Ja, leider ist damit zu recShen; denn auch das letzte ״Kraftreservoir“ des Judentums, die Judenheit Rußlands ist in rascher Auflösung begriffen. Nur eine lebendige, auf Gemeinschaft zielende Aufgabe kann uns noch retten. Und diese Aufgabe heißt ״Erez Jisrael“, und darum geht Palästina jeden Juden an, den überhaupt das Judentum heute noch etwas angeht. Jeden, der es erhalten will, und das wollen ja wohl alle; jeden, der weiß, daß Erneuerung, neue Kraftzufuhr nottut, um den Untergang abzuwenden, und das haben wohl alle erkannt. Aber für die eigentliche jüdische Aufgabe, die, auf die es Buber. letztlich allein ankommt — Verwirklichung, ohne Bruch gelebtes jüdisches Leben auf einem im tiefsten Sinn des Wortes erlösten Boden — für die ist der Sinn sehr vielen noch nicht aufgegangen. Nicht Ueberredung, sondern Aufruf zur Selbstbesinnung wollte die wie immer formschöne und inhaltsschwere Rede sein, und sie war es auch. (Me Gegnerschaft, die sich ln wenig überzeugenden und von den Hörern kaum beachteten Aeußerangen zweier Ausspracheredner bekundete, fand keine Angriffspunkte. Das war eigentlich. schade, man hätte Buber spräche — die Worte des Ministerialrats Dr. Hirsch, eines der Mitglieder des C. V.-Hauptvorstandcs, die bei der Agency- Abstimmung in der Minderheit geblieben waren. Sie waren, wenn auch natürlich unter deutlicher Abgrenzung der Standpunkte des Zionisten und des Nichtzionisten nach sorgfältiger und gewissenhafter Prüfungund Zerstreuungaller üblichen Bedenken des letzteren, ein rückhaltloses Bekenntnis zur Aufrichtung von Erez Jisrael. Gerade durch diese für viele überraschende Helferschaff wurde der Vortrag Bubers, den einige sachlich unterrichtenden Ausführungen von Ernst Marcus wirksam unterstützten, vielleicht zu einem Markstein in der Entwicklung der schwäbischen Juden zu der großen Aufgabe hin, die allein es vermag, Judenheit zu erhalten und zu erneuern, Judentum zu verwirklichen. Es bleibt zu erwähnen, daß Sanitätsrat Dr. Ries in Vertretung des erkrankten Komm.-Rat Moos*) den Vorsitz des Abends führte, zu dem außer diesen noch verschieden« andere als Nichtzionisten bekannte Persönlichkeiten miteingeiaden hatten. Außerdem hielt Buber am 6. April, von der schwäb. sehen Lehrergilde schon zum zweiten Male -anläßlich deren Jahrestagung eingeladen, eine bedeutsame Rede über Erziehung und Gemeinschaft, nachdem er im Vorjahre im gleichen Kreis über die Bildungsnot des Volkes und die Volksnot der Gebildeten gesprochen hatte. Wir müssen uns versagen, auch über diese beiden Reden, die sich an die Heidelberger Rede über das Er-, zieherische anschließen, heute zu berichten, nur ein Ausspruch soll hier wiedergegeben werden: ״Nur durch Gemeinschaft läßt sich zur Gemeinschaft erziehen. Wer erziehen will, dem wird es nie glücken. Erzieher ist stets und allein Natur, also auch im Erzieher die Natur. W e r d a i s t, — nur der erzieht“. Hier wie auch in den Religionsgesprächen zeigte es sich, einen wie starken Wiederhall Martin Buber bei dem Religiösen von jeher sehr aufgeschlossenen Schwabentum gefunaen hat, und wie viel tiefer und verbindender der Eindruck lebendigen Judentums ist, als alle politischen Versuche der Aufklärung und Annäherung. M, Gegen die geplante Kalenderreiorm Washington, 10. April. (J.T. A.) Das Mitglied des amerikanischen Kongresses, Porter, hat dem Kongreß der Vereinigten Staaten eine Resolution unterbreitet, in der gefordert wird, daß der Pr" ident der Vereinigten Staaten eine internationale Konferenz für Katenderreform einberufe oder eine von einem anderen Staate an Amerika ergehende Einladung zur Teilnahme an einer solchen Konferenz annehme. Nunmehr veröffentlicht das Maga-in .י iberiy“, das von Charles S. Longacre redigiert wird, und dessen letzte Nummer ganz der Frage der Kalenderreform gewidmet ist, einen Aufruf zur Unterzeichnung einer Petition an Senat und Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten, in der die Regierung und der Präsident ersucht werden, sich einer Kalenderreform zu widersetzen, wenn nicht die Gewähr dafür geboten wird, daß die gegenwärtige Wochenordnung unverändert bleibt. Durch die Aenderung der jetzigen Siebentagwoche, heißt es in dem Aufruf, würde der jüdische Sabbat jedesmal auf einen anderen Tag d er Woche fallen. Darum werden die führenden jüdischen Organisationen der ganzen Welt sich der geplanten Reform konsequent widereetzea. *J PraiidiaJmitglicd des K.H.