Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 29 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit«!80 Nr. 29!2. IV.!929 zone nördlich von Jaffa haben einzelne Kapitalisten richtige Latifundien annilcren begonnen. Was wird die Zukunft dieser neuen Kolonien, die heute eine jüdische Hoffnung im Lande verkörpern, sein? Werden sie ein Fundament für Schaffung jüdischer Dörfer bilden, werden sie ein Reservoir zur Aufnahme jüdischer Einwanderer sein, oder werden sie nur jüdische Grundherren, die zun» großen Teil im Auslande sitzen, und höchstens noch jüdische Verwalter schaffen, im übrigen aber die Landesbevölkerung zu billiger Lohnarbeit benutzen? Eine der wichtigsten national bedeutsamen kolonisatorischen Aufgaben der Zionistischen Organisation ist die Gründung von Arbeitersiedlungen Im Pflanzungsgebiet, und zwar sowohl um die alten als auch die neuen Pflanzungskolonien. Nur dadurch, daß der jüdische Arbeiter eine kleine Hilfswirtschaft für «ich hat, kann er konkurrenzfähig werden. Auch der anfangs vorhandene beste Wille der Kolonisten, jüdische Arbeiter zu beschäftigen, wird durch die Macht der Tatsachen später gebrochen, wie erst jüngst das Beispiel Benjaminas lehrte. Die Leitung des jüdischen Nationalfonds, jetzt noch überbürdet mit der Durchführung der großen Haifa Bay-Transaktton, Ist sich wohl bewußt, daß die Sicherung von Boden in der Umgebung der Pflanzungskolonien für Arbeitersled’ungen ein unaufschiebbares Bedürfnis darstellt. Das neue Budget wird dies zu berücksichtigen haben. Heute wird in der Pflanziingszone in großem Stil von der Gesellschaft ״Jachin“ gearbeitet (über die an dieser Stelle bereits berichtet wurde). Diese neue Gesellschaft Ist atu dem ״Mlsrad Kablani“ hervorgegangen, dem ,,Unteraebraer-Amt“ der Arbeiterorganisation, das in Akkordarbeit die Anlage von Pflanzungen übernahm. Sie ist ein neues Produkt der unermüdlichen, erfiadungsreichen Initiative der Arbeiterschaft, die einen der stärksten * moralischen Faktoren des Palästina-Aufbaus darstellt. ,Jachin" Ist eine neue Vokabel, die sfeh der Zionist merken muß. Man tut es gern in diesem Fall Oeftir stößt man auf neue Wörter. Da liest man z. B. ein Schild ״Ge- Seilschaft Tenuwah“ — Verkauf von Milchprodukten n. ä. aus den jüdischen Siedlungen, eine Tochtergesellschaft des ״Maschblr“, der an Bedeutung stark gesunkenen Konstun-Organisation der Arbeiterschaft. ״Tenuwah“ soll gut prosperieren, die Geschifte machen äußerlich einen vorzüglichen Eindruck. Ueberhaupt sieht man viel Neues im Lande — zunächst ist hier nur vom südlichen Teil des Landes (Jaffa-Jerusalem) die Rede. Obwohl es heute nicht mehr — wie noch vor sechs Jahren — möglich ist, jede jüdische Gründung und jede jüdische Arbeit anzusehen, gar noch mit dem Vergrößerungsglas (ebenso wie man heute längst nicht mehr alle Freunde und Bekannten Im Lande besuchen kann), zeigt doch schon das erste Bild, das man ln wenigen Tagen gewinnt, viele auffallende neue Farben. Das Leben ist Intensiver geworden, fester und zuversichtlicher. Noch in der Hausse der Vierten Alijah konnte man oft das Gefühl der Kulissenhaftigkeit und Unwirklichkeit haben, das Phantastische, — dies ist jetzt verschwunden. Die Städte Tel-Awiw und Jerusalem sind — jede in ihrer Art — enorm gewachsen. In Tel-Awiw sind die Lücken verschwunden, die Straßen ausgebaut, tSe Geschäfte haben ein solides und befestigtu Aus- «ehen^dei' .Ist retafhr lebhaft; die, Synagoge, fast y<?1J» ״*» - '־לי**Sw■•׳«■*, ■d»:. Vergn^^ÄWiaW•«*^1 sannt) — das alles ist Heu. Noch erstaunlicher ist Jerusalem. Zwar die Altstadt ist unverändert in ihrer Jahrhunderte alten Gestalt und dem orientalisehen Durcheinander in den engen Gäßchen und Bazaren: aber jenseits der Stadtmauern rapides Wachstum, neue Viertel, neue Häuser, überall wird gebaut, fast so wie vor fünf Jahren in Tel-Awiw. Abgesehen von den neuen jüdischen Vierteln haben auch die Christen viele neue Gebäude errichtet, traditionsgemäß auf erhöhten, weithin sichtbaren Punkten gelegen, und die reichen Araber bauen gehr viel, meist modern« Wohnhäuser mit allem Komfort, in denen dann die Juden wohnen und hohe Mieten zahlen. In Jerusalem zu wohnen war noch vor fünf Jahren für eine europäische Hausfrau (mit nicht unbegrenzten Mitteln) sehr anstrengend und aufreibend. Heute wohnt man fast wie in Berlin; das Wichtigste ist seitdem entstanden, die Wasserleitung, und bald wird man vergessen haben, wie es vordem war. Die meisten Häuser haben heute schon elektrisches Licht, und noch Im Laufe dieses Jahres vielleicht wird es allgemein werden, auch Straßenbeleuchtung. Diese technische Revolution erleichtert das Leben und verändert das Angesicht der Stadt. Der Unterschied gegenüber früher ist verblüffend. Diese kleinen Dinge lassen einen besonders stark empfinden, daß man in einem Land des Aufbaues ist. Immer kommt etwas Neues zu, man darf nicht von vornherein alles erwarten, wie es manche tun, die die Situation verkennen. Die Straßen In Jerusalem sind heute zura Teil schon sehr gut, auch sieht man viel arbeiten, verbessern. Es gibt 21 Autobus-Linien, zum Teil noch primitiv, zum Teil aber mit gut aussehenden Wagen. Man kann telephonisch rin Taxi bestellen, das in wenigen Minuten zur Stelle ist. Das sind Aeußerlichkeiten, die gewiß noch kein Kulffirsplegel sind; aber in dem Lande des werdenden Nationalheimes empfindet man solche kleine Fortschritte eben als Symptom des Werdens. Uebrigens hat es auch den Anschein, als ob Jerusalem jüdischer geworden wäre. Ein Schabbath ist auch hier (nicht nur in Tel-Awiw) der weitaus merkbarste Ruhe- und Feiertag, während z. B. die christlichen Ostern fast uneingeschränkt als Werktage erscheinen, an denen aller Betrieb aufrecht bleibt * Unter dem Neuen ist auch das Kinderdorf BenSchemen zu nennen, das von Dr. Siegfried Lehmann zu einer Muster- Anstalt entwickelt wird. Soweit ein kurzer Besuch und Augen• schein Eindrücke vermitteln kann, muß man sagen, daß hier wirklich Vorbildliches gelungen Ist, und man würde »wünschen, daß Lehmanns weitere Pläne von Erfolg begleitet wären. Das Kinderdorf ist bekanntlich aas dem KJnderhaus in Kowao hervorgegangen und hat heute 150 Zöglinge aller Altersstofen. Ein Interessantes Experiment vom kolonisatorischen Gesichtspimkt!st Dr. Lehmanns Versuch, die angegliederte Landwirtschaft selbsterhaltend zu machen und so das Vorurteil zu widerlegen, daß rin Lehrbetrieb Defizite haben müsse. Die älteren Zöglinge sollen allmählich als Kwuzah angeskdelt werden, womöglich in der Nähe des Dorfes. Wenn diese An- Siedlung gelingt und die Schule von Ben Schemen sich wirklich als geeignete Vorschule für praktische Landwirtschaft erweist, dann ist hier eine große Chance gewonnen, die der jüdischen Fürsorge-Erziehung neue Wege weisen kann. JU EDI SCH E RUNDSCHAU Innerhalb des jüdischen Jtschuw haben sich die ppB* tischen Gegensätze ziemlich scharf zugespitzt. Die Arbeiter- Organisation, kurz ״HlstadrutÖ“, d. L Organisation, genannt, hat eigentlich einen Kampf nach drei Fpnten zu führen! Erstens gegen die sich immer stärker organisierenden bürgerliehen, z. T. ausgesprochen reaktionären Kreise des Jischuw, zweitens gegen die linke, kommunistische Agitation, und schließlich kämpft sie auch noch gegen die Zionistische Exekutive. Am wichtigsten ist wohl der erstgenannte Gegensatz. Hier geht es um wirkliche Lebensfragen, Fragen der Existenz, und es wird wohl lange dauern, bevor ein Ausgleich gefunden sein wird, ihn zu finden wird eine Lebensfrage des jüdischen Werkes sein. Die äußeren Signale dieses Kampfes sind Arbeits* konflikte, für die noch immer kein obligatorisches Beilegung*• verfahren besteht Gerade in diesen Tagen hat ein Streik die Oeffentiichkeit stark beschäftigt, der schon mehrere Wochen andauert und bei dem die Arbeiterschaft keine großen Sytn• pathien findet, obwohl man anerkennen muß, daß sie einen gerechten Ausgangspunkt hat. Bel der Firma Pachter & Hofmann ln Haifa, die für Ruthenberg die elektrischen Leltungspfeiler errichtet, wird gestreikt, weil der Unternehmer den Schieds- Spruch einer Kommission nicht akzeptieren will, mit der Begründung, es sei kein Schiedsspruch, sondern nur eine ״Expertise“. Solche Konflikte kennt man auch in Europa; aber hier in Palästina ist selbst ein großer Teil der Arbeiterschaft gegen den Streik, weil man es als inadäquat empfindet, wegen einer solchen Sache eine so wichtige Arbeit ruhen zu lassen. Solche Zwischenfälle werden besonders vom revisionistischen ״Doar Hajöm“ zu wildester Agitation ausgenutzt. Dieses Blatt betreibt überhaupt eine Arbeiterhetze schlimmster Art, die wohl nur den Effekt haben kann, alle intellektuellen Elemente, die selbst mit vielen Tellen der Arbeiterpolitik nicht einverstanden sind, auf die Seite der Arbeiter za bringen. Die Arbeiterschaft hat jetzt auch wieder ihre eigenes Sorgen. Die Vereinigung der beiden großen Parteien schien vor der Tür za stehen, aber die jetzigen Wahlen zu den städtischen Arbeiterräten werden wohl neue Hindernisse schaffen. Denn wenn man die Parteien zu einem Wahlkampf zwingt, bleibt sicherlich eine Erbitterung zurück, die eine Ein!־ gung eher hindert als fördert Und doch wissen alle Kreise der Linken, daß in diesem entscheidenden Stadium, an diesem Wendepunkt zionistischer Aufbauarbeit, innere Gegensätze und Streitigkeiten za־ückgestellt werden müßten, da man sonst zermalmt werden kann von der Entwicklung. Aber machtiger als solche Ueberlegungen ist die Macht der Trägheit... * Die nächsten Tage sollen Großes bringen. Man erwartet die Ankunft von einer Reihe von Persönlichkeiten, die in der künftigen Jewfsh Agency eine Rolle spielen werden. Palästina ist das Zentrum des Zionismus und der jüdischen Politik ge• worden. Man spürt deutlich, wie der Schwerpunkt aller Ent- Scheidungen hierher gerückt ist Dr. Weizmann soll Mitte April hier eintreffen, zugleich kommen Felix und Max Warbürg, kommt Julius Simon, Joseph C 0 w e n ist schon hier, EJr. Bernhard Kahn, der europäische Joint-Direktor, ist soeben eingetroffen, ebenso Dr. Cym Adler. Mit Werburg, kehrt auch Col. KJ s c h Mich Jerusalem zurück. 1 i?tM* AgetidyiVeriindhifijÄ dfe׳*if seifflsle*des'A,־€/ör' XÄiÄjglffihrt ln Jerusalem zura Abschluß kommen, da Felix )Varburg Prä• sident des nichtzjonistischen Komitees für Organisierung der Agency ist und daher zu Vereinbarungen mit Weizmann wohl, legitimiert. Es wird in verschiedenen Büros fieberhaft gearbeitet, vorbereitet, Pläne werden gemacht; Palästina nimmt auch die Zusammenkünfte als ein gutes Zeichen der neuen Zeit, die eine Zeit der Arbeit sein soll. Das Nationale Heim ist fest gegründet; es lebt bereits, es ht kein Traum mehr, und dieses Stück Leben wird seine magische Gewalt an allen Juden bewähren, auch an denen, die heute noch widerspenstig sind. Polemik ist unerfreulich und hoffnungslos, sie ist aber auch überflüssig. Denn das, was ist, braucht sich nicht mehr zu beweisen; Cs hat sich zu bewähren. Nehmen wir die Ankunft führender nichtzionistischer Juden hier in der großen ewigen Stadt, zu jüdischem Tun, als ein Faktum, das Jenseits aller Polemik steht. Senalspräsldcnt Mapelte in Palästina Jerusalem, 8. April. (J.T.A.) Der Präsident des belgisehen Senats, Charles Mag nette, der aut Ersuchen Emile Vanderveides den Vorsitz des belgischen Pro Palästina-Komitees übernommen hat, weilt gegenwärtig in Palästina, in seinen Unterhaltungen mit Privatpersonen und Vertretern der Presse sagte er: Was ich hier in Palästina sah, übertrifft alle meine Erwartungen. Ich hatte mich anfangs nur schwer entschließen können, den Vorsitz des Pro Palästina-Komitees zu übernehmen. Jetzt aber bin ich stolz darauf, Präsident dieses Komitees zu sein. Sobald ich nach Belgien wieder zurückgekehrt sein werde, werde ich der Oeffentlichkeit über meine in Palästina empfangenen Eindrücke Mitteilung machen und auch dem Außenminlsterium Bericht erstatten. Im Senat werde Ich über Pallstina sprechen; vor allem werde ich die belgischen Finanzleute dahin zu beeinflussen trachten, daß sie Kapitalien in Palästina anlegen. Ich hätte nie gedacht, fuhr Senatspräsident Charles Magnette fort, daß der Fortschritt der jüdischen Arbeit In Palästina in so schnellem Tempo vor sich gehen werde, Tel-Awiw ist die modernste und wohnlichste Stadt. Die Kolonie Rechoboth gleicht einer Bonbonniere; sie könnte französischen und belgischen Dörfern als Muster dienen. Die Wege und Kommunikationen sind in ganz Palästina ausgezeichnet. 01a!״zl1B ans Rußland nach Palästina Moskau, 8. April. (J. T. A.) In diesen Tagen haben weiter« 15 russische Chaluzim mit Erlaubnis der Sowjetrcgiefung Rußland verlassen, um rieh nach Palästina Zu begeben. Eine zweite Gruppe Cha'uzim wird am 16. April, eine dritte Gruppe am 17. April die Reise nach Palästina antreten. Unter den Pa'ästfna-Reisenlen befindet rieh Schalom Raschbo, der Leiter der früheren Chaluz-Kommune ,, M i s c h m a r ", der vor einigen Monaten wegen seiner Cba’uz-Tät'gkeit veru־*e:lt wo־den war. Die Chaluzim entrichteten eine Paßgebühr von 55 Rubel. Es ist dies die nur Arbeitern zukommende ermäßigte Gebühr. Moskau, 8. April. (J.T. A.) Aus der früheren Chatuz- Kommune ״Sangen" in der Nähe von Moskau wurden soeben die letzten dort noch beschäftigt gewesenen Chaluzim ausgewiesen und durch Komm misten ersetzt ״Sang«;«“ ist nun eine rein kommunistische Kolonie geworden. Um nicht die Kolonie ohne Arbeitskräfte zu lassen, wurden die Chaluzim ln kleineren Gruppen allmählich aus ihrem früheren Arbeitegebiet entfernt __ Wiener Brief Von unserem st Korrespoodenten. Wien, Ende März 1929. Augenblicklich steht das zionistische Leben Wiens im Zeichen des Delegiertentages, der a» 20. und 21. April abgehalten werden soll. Seine besondere Bedeutung liegt einerseits darin, daß seit dem letzten Parteitag, der im Deiember 1927 stattgefunden batte, zwei Tätigkeitsperioden verflossen sind und andererseits der wichtige Erfolg der letzten Kultusgemeindewahlen in diese Zeit fällt. Dieses Ereignis hat für die zionistische Arbeit nicht die erhofften Konsequenzen gehabt, so daß sich die Ent• täuschung vornehmlich gegen das amtsführende Landeskomitee richtet. Zunächst ist ihm die Versöhnung oder wenigstens Au»• gleichung der Gegensätze im eigenen Lager nicht völlig gelungen. Zwar haben sich die ״Revisionisten" zur Mitarbeit wiederholt bereit erklärt die ״Radikalen“ aber — ihr Führer Ing. Stricker hat sie jetzt in ״demokratische Zionisten" umbenennen lassen, mit einer deutlichen Spitze gegen die Majorität, die nach seiner Ueberzeugung trotz des verzögerten allgemeinen Wahlrechts aus bloßer Mandatsgier nicht den jetzigen Kultusvorständ sprengt — diese Radikalen nun bleiben weiter in» Schmollwinkel, da man ihnen den einheitlichen Wahlkreis für die Wahlen zum Delegiertentag nicht zugestanden hat; auch ein Kompromiß Vorschlag, der ihnen auf halbem Wege entgegenkam, fand ihre Zustimmung nicht. Sie warten unentwegt weit«׳ auf das Wunder, das ihnen die Leitung der österreichischen Organisation überliefern sofi, da von einem Anwachsen ihrer Gruppe in letzter Zeit nicht die Rede sein kann. Drei eng miteinander verflochtene Probleme werden diesen Delegiertentag zu beschäftigen haben; Organisation, Jugend und die durch die Annahme der Agency geschaffene Situation. Zunächst muß dem »inmöglichen Zustand abgeholfen werden, daß es in Wien nicht nur Tausende von luden gibt, die mit der zionistischen Idee ganz ernsthaft sympathisieren, ohne daß auch nur der leiseste Versuch gemacht wird, sie organisatorisch Zu erfassen, sondern daß sogar eine kaum viel geringere Anzahl von Zionisten vorhanden ist, die nicht in der Partei stehen, ja oft nicht eimftaj Schekel zahlen. Die Arbeit der rein territorial, d h. nach Stadtbezirken Organisierten, leidet an dem Fehlen jeglicher Kontinuität: Die Mängel, die man Wien seit jeher nach• gesagt hat, haben sich in den letzten Jahren so verschärft, daß ein völliger Zerfall durchaus nicht unmöglich ist Daß diese Uebelstände nicht in der moralischen oder numerischen Schwäche der Bewegung, sondern nur in der mangelnden Organisations* fähigkeit ihre Ursache haben, beweist neben glänzend besuchten Veranstaltungen und den Kultuswahlen der erst seit dem Sommer bestehende ״Herzl-K1 ub“, der ernste und Verantwortung*- bewußte Menschen < »ammelt, um zunächst durch systematische, theoretische und praktische Erziehung künftige Arbeiter für die Organisation heranzubilden. Der Delegiertentag wird sich ja vornehmlich mit der Frage befassen, ob die Bezirksgruppen die zweckdienliche Organisationsform sind oder ob Ideen, Interessen, soziale Gesichtspunkte gruppenbildend wirken sollen und die Be* zirksorganisationen bestenfalls als Rahmen beibehalten werde« können. * In der Jagender beit sind zweifellos Fortschritte enie!* worden. Das hemmungslose Hinüberströmen in das Lager der assimilatorischen Sozialdemokratie hat stark nachgelassen, da teils die Poalezionisten Jugendliche gewonnen , haben, teils zahle®־ mäßig beträchtliche, meist im Jugendheim ״Jüdisches Zen* trom“ fixierte Gruppen entstanden sind. Die Mldcbenorgani• sationen ״D e b 01 a h“ und ״MI r j a m“, die ihre Existenz jahre* tenget. :e®tsa«M»pMdl»r Arbe|t\'y«toketV'ri# zu wirte»«», vollen •"Kt^m!is5i<ws’js»mSitri». 'geiirÄin/'-^it^^ftÄmgäi■; d» Jugendlichen an den Delefiertentag' dürfen allerdings nicht led|g• lieh Beschlüsse bleiben. Hoffentlich begreifen nicht nur die zia• nistischen Kultusvorstände, daß dai. was die jüdischen Jugendliehen an ausgiebiger materieller Hilfe für Jugendheime, Kultur• förderung u. a. brauchen, nicht •allein dem Zionismus, sondern der gesamten Wiener Judenschaft zugute kommt. Die durch die Agency geschaffene Situation wird sich ja hier wesentlich von der in anderen Ländern dadurch unterscheiden, daß die Assimilation von sozialdemokratischer Seite ganz planmäßig und durch unbeschränkte Geld- und andere Machtmittel unterstützt, gefördert und beschleunigt wird. Ihre Ablehnung des Palästinagedankens datiert keineswegs erst, aus der Zeit der innerpolitischen Betätigung der Zionisten oder der Wirksamkeit der jüdisch nationalen Gemeinderäte, sondern fließt aus ihrer prinzipiell negativen Einstellung zum Judentum überhaupt. Und was die ideen- und richtungslose bürgerliche Ass!• milatlon in ihrem Haß gegen den Zionismus imstande ist, haben die Vorgänge vor und nach der letztet» Kultusgemeindewahl gezeigt. Allerdings stehen auch die Wiener Zionisten augenblicklieh den Anforderungen einer rein ideellen Auseinandersetzung mit der links- oder rechtsgerichteten Assimilation völlig ungerüstet gegenüber; jahrzehntelang schon hat man die Theorie als unnötig und ghettohaft abgetan, statt an der dem Wiener Bliakpunkt entsprechenden Umformung der allgemeinen zionistischen Ideologie mitzuarbeiten. Ansätze dazu könnten eben jetzt die von der zionistischen Studentenschaft ins Leben gerufenen soziologischen uni politischen Studiengemeinschaften bieten. In der Kultusstub'e haben die zionistischen Vorstände bereits einige Erfolge zu verzeichnen, die immerhin in die Riehtung der geforderten Volksgemeinde weisen. Eine von ihnen angeregte ״Statistische K ommission“ soll vor allem die notwendigen Zahlenunterlagen für die bereits bestehenden jüdischen Institutionen herbeischaffen, aber auch objektive Anhaltspunkte bringen, wo innerhalb der Agenden der Gemeinde ohne Schaden gespart werden kann, um Mittel für die kulturellen Forderungen der Zionisten zu gewinnen. Eine namhafte Erhöhung der Dotationen für Unterrichtszwecke, wie hebräische Kurse, Bibelschulen usw. ist übrigens bereits bewilligt. Auch die U ebernähme der ,Jüdischen Stel lenvermittlung“, die inmitten der furchtbaren wirtschaftlichen Not der jüdischen Arbeitoehnjer bis nun eine recht bescheidene Tätigkeit entfaltet hat, »rad der ״Kreditanstalt für Kleingewerbe und Kleinhandel in Wien" durch die Kultusgemeinde steht bereits im Stadium ernst«׳ Vorbereitung. lanieskonlcreoz der ungarischen Solisten Budapest, 9. April. (J.T.A.) In diesen Tagen fand in Budapest die zweite Landeskonferenz der ungarischen Zionisten statt Im Mittelpunkt der Tagung stand die Rede von Kurt Biuraenfeld, Berlin, dessen Ausführungen auf die Konferenzdelegierten und die zahlreichen Gäs'e tiefsten Eindruck machten. Zum ersten Male hat der Verband ״Pro Palästina" an den Beratungen der zionistischen Landeskonferenz feilgenommen. Dr. Josef Schönfeld setzte sich mit den Theorien der ungarischen Assimilationsjuden auseinander und wies darauf hin, daß auch unter den ungarischen Juden der Palästina-Gedanke Wurzel faßt. Die zweite Knessio Gedauloh (Weltkonferenz) der Agudah ist für den & Elul 5689 (10. September 1929) nach wies ,einberufen.