Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 26-27 (5.4.1929)
- Date
- 1929-04-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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VON JÜDISCHER MUSIK itf- BEILAGE DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Religiöse Musik Von der Musik des hebräischen Gebets Vor kurzem kam in meine Hände ein für uns Juden hoch• bedeutsames Buch: ״Das unbekannte Heiligtum“ von Aime Pallifere, das der Welt-Verlag in Berlin in deutscher Sprache herausgebracht hat Es ist aas Bekenntnis eines angehenden katholischen Geistlichen, der sich aber zum Judentum bekannt hat Der Verfasser betont selbst, daß diese entscheidende Wendüng seines Lebens durch den Besuch einer jüdischen Synagoge herbeigeführt wurde; oder vielmehr noch genauer: durch die Musik des hebräischen Gebets. Doch lassen wir ihn selbst sprechen: ״Andere als ich haben schon jenen unaussprechlichen Zauber der Sprache der Bibel kennengelernt Wie ich, haben sie den mystischen Duft*) dieser ehrwürdigen Texte gespürt, der an das zarte Aroma getrockneter Blumen zwischen den Blättern alter Bücher erinnert Aus den hebräischen Silben mit ihrem klangreichen Tonfall drang etwas von Israels Seele zu mir. Eine biblische Stelle, ein Fetzen Gebet aus dem Andachtsbuch sprachen eindringlicher vom Judentum zu mir und für meinen angestammten Glauben viel gefährlicher, als alle wohlgemeinten und gelehrten Auseinander- Setzungen, die ein gebildeter, überzeugter Jude mir hätte vortragen Können. Wenn ich meinen Psalter aufschlug, so hatten die Worte für mich einen Sinn, einen religiösen Gemütswert, den ich weder im Französischen noch im Lateinischen mehr fand.“.... Diese herrlichen und treffenden Worte werden auch gar manchem Juden aus der Seele gesprochen sein. Was mir an ihnen am treffendsten erscheint, ist aber namentlich ihre Betonung des Gemütswerts, des Musikalischen und sofern des irrationalen am hebräischen Gebet Ich will aus meiner Kind- Heit einige Proben dafür geben, wie stark dieses musikalische Element ist, wie organisch Inhalt und Laut im hebräischen Gebet sich verbinden. Ich kann mich genau entsinnen, daß z. B. das Abendgebet in seinem Auftakt auf mich beruhigend und beseligend wirkte, nicht nur durch seinen Inhalt, sondern durch seinen Klang: השכבנו אבינו לשלום והעמידנו מלכנו לחיים ופרוש עלינו סוכת שלומך ותקננו בעצה סויבה מלפניך usw.והגן בעתו וחסר מעלינו Wenn ich fetzt, im vollen Besitze: der psychologischen Ana- Ivse, die mir damals natürlich nicht im entferntesten zur Ver* Fügung stand, da die damaligen religiösen Gefühle durchaus unmittelbar waren, nun dieser klanglichen Wirkung auf den Grund gehen will, so glaube ich eine Erklärung in den durch die Punktierung bezeichneten, in diesem Gebet sich wieder- Holenden milden Tönen: e—u, ä—o zu finden, die jene beruhlgcnde, zuversichtliche Wirkung im Kindergemüt auszulösen eelgnet scheinen. Ich werde in dieser Erklärung bestärkt durch ie ganz andersartige Wirkung einiger Stellen des Morgengebets, des :שהרית ברכי נפשי את ה׳.• . oder נשמת כל חי תברך . Ich entsinne mich nämlich ganz genau der aufmuntern• den Wirkung dieser Laute mit ihren i und a (schon des Wortes שחרית selbst), also dieser offenen Laute im Gegensatz zu jenen halbgeschlossenen e und o des Abendgebets. Die flachen, prosaischen Skeptiker werden hier sicherlich sagen: diese verschiedene Gemütswirkung des Morgen- und des Abendgebets läge eben ganz einfach an der Verschiedenheit der Tageszeiten selbst, zu denen es gesprochen wurde, und es sei ganz klar, daß man sich des Morgens munterer fühlt, als am Abend vor dem Schlafengehen. Aber werden mir diese Alleswisser auch das Gefühl der Harmonie dieser Gebete mit der jeweiligen Tageszeit erklären, ein Gefühl, das ich mir als psychologische Tatsache nicht nehmen lassen kann? Eher mag schon zutreffen, daß durch die Wiederholung eine assoziative Wirkung des Morgengebets mit der Morgenstimmung, dem Lichte usw., des Abendgebets mit abendlichen Gefühlen sich allmählich ausbildet Hierbei möchte ich ausdrücklich betonen, daß die erwähnte klangliche Wirkung keineswegs notwendig an den Inhalt gebunden war: mag diese Verbindung z. B. wohl mit dem Inhalt des Abendgebets (״Gott, bett׳ uns zur Ruhe“ usw.) bestehen, das insofern spezifisch abendlich ist: — die erwähnten Stellen des Morgengebets sind aber doch keineswegs für die Morgenstimmung charakteristisch und könnten ebensogut zu jeder anderen Tageszeit gesagt werden. In dem gleichen Vorwalten des a-Lautes mag auch die aufmunternde Wirkung wurzeln, die von dem Auftakt des bekannten ״Trostkapitels“, Jesaja 40, ausgeht: . . . נחמו נחמו עמי* יאמר אלהיכם פנו דרך וד. ישרו בערבה מסלה לאלהינו.• Umgekehrt: die melancholische Wirkung der Anfangsworte des Klagelieds (wenigstens in der aschkenasischen Aussprache, in der es aber auch hergesagt wurde) geht von den wiederholten o-Lauten aus: איכה ישבה בדד ... » » t? T In der Tat: weichem Komponisten würde es einfallen, Freudengefühlen nicht durch offene, traurigen hingegen durch geschlossene, gedämpfte Töne Ausdruck zu geben? Andere Klangwirkungen beruhten wiederum auf anderen Gründen. So wirkte auf mich wie eine Art Onom^topöe das Stimmengewirr der Betgemeinde, die die Anfangsworte des bekannten Gebets hersagte: היום הרת עולם wobei sicherlich wiederum das a (in Verbindung mit dem Hauchlauf und dem zischenden s) das Sinnbild der erwachenden, entstehenden Welt erzeugte. Das Gefühl einer Harmonie zwischen Form und Inhalt löste in mir auch das herrliche Gebet — פתר der Sabbat-Feier aus, namentlich die Worte: .הוא־אלהיגו. הוא־אבינו. הוא־מלכנו הוא־מושיענו׳ הוא־יושיענו וינאמו שנית בקרוב usw. Die wiederholung des הוא und seiner Verbindung mit dem folgenden Prädikat gab dem innigen Gefühl der Verbindung zwischen dem Volke und Gott gleichsam einen adäquaten tonalen Ausdruck. * Ich könnte wohl die Zahl solcher Beispiele vermehren. Aber vielleicht genügt das Gesagte. Man ist jetzt in der Literatur- Wissenschaft darauf aus, verschiedenen Klangwirkungen nachzuspüren, in denen Form und Inhalt einander korrespondieren und die ihren Schöpfern gleichsam unbewußt gelungen sind. Warum soll das gleiche Verfahren nicht auch in unserer Literatur, deren vornehmste Form Jahrhunderte hindurch die Gebete und פיוטים waren, seine Berechtigung haben? Aber wie dem auch sein mag: was hier berichtet wurde, ist ein tatsächliches Er- 1 e b n i s, das bestehen bleibt, auch wenn es irrational und unbeweisbar scheint. ״Die Kindheit gibt den Grundton für das ganze Leben“, sagt Georg Hirschfeld. In diesem Falle bedeutet der Grundton die Sehnsucht nach dem reinen, naiven und harmonischen religiösen Glauben der Kindheit. Dr. Elias Hurwicz, Berlin. Ueber die Aufgabe des Vorbeiers Wir haben, den außerordentlichen Sänger Adolf H and z cl, der durch die Gewalt seiner Darstellung ostjüdischer religiöser Lieder anfgefallen ist, gebeten, sieh za einem, Thema za äußern, für das er seinem ganzen Wesen nach — uns und vielen seiner Beurteiler — kompetent erscheint. Red, Es ist in den letzten Jahren viel darüber gesprochen und geschrieben worden, woran es liegt, daß gerade die am meisten jüdisch empfindenden Menschen unserer Zeit und die jüdische Werte suchende Jugend nicht in die Synagogen gehen oder — wenn sie einen Versuch gemacht — enttäuscht oder traurig von weiteren abstehen. Mir selbst ist es so gegangen. Ich habe die deutsche Synagogc jedesmal mit der tiefsten Trauer und Klage im Herzen verlassen. Denn ich fand nur eine kalte, mechanische Betriebsamkeit, ein Abwickeln des Formellen, nicht aber einen wirkliehen Dienst, eine Awodah. Und ich trauerte um den מקום קדוש, der mir entstellt und unkenntlich geworden schien. Ich weiß, wie schwer und wie undankbar es ist, hier Wege weisen zu wollen. Denn das Symptom des entheiligten Dienstes, der zur leeren Form geworden «st, wie wir ihn heute haben, Ist nur ein Glied in der Kette des entweihten Und AithelligtCh jüdischen Lebens unserer Tage überhaupt, und alle ״Reformen“, die eingeschlagen werden, sind nur neue Irrwege und führen noch weiter ab vom ursprünglich Jüdischen. Denn nur eine Rückkehr (תשובה) zum Ursprung, zum Sinn des Dienstes, zu dem sich die versammelte Volksgemeinde vor Gott zusammenfand, kann zu neuer Belebung der alten Form führen. Inhalt des jüdischen Gottesdienstes ist das Gebet, die תפלה. Das Gebet ist die unmittelbare Verbindung vom Menschen zu Gott, die Brücke zwischen Volk und Gott. Im Gottesdienst ist cs die Aufgabe des ״Vertreters“, die Stimme der Gemeinde (des Kahal) zu׳ sein, das Gebet auf seine Schultern zu nehmen und es vor den Thron der Herrlichkeit kommen zu lassen. Wäre sich der Chasen dieser Aufgabe in ihrem tiefsten Sinne bewußt, wie müßte dann alle persönliche Eitelkeit, alle Sucht, mit Gesangskunststücken zu gefallen und alle mechanische Routine, von ihm abfallen. Wie müßte er in jedem Augenblicke neu erschauern vor der Schwere der Verantwortung, die er als Träger des Gebetes des Volkes vor Gott hat, und wie müßte er — wenn ihn die Worte des hebräischen Gebetes entzünden — in einer reinen Hingabe über sich und sein irdisches Wesen hinauswachsen und so wirklich zum בעל תפלה werden. Der Begriff בעל תפלה ist kaum in deutscher Sprache ganz wiederzugeben. ״Träger des Gebetes“ erschöpft ihn keineswegs. Es ist dies der Mensch, der Jude, dem durch göttliche Begnadung eine besondere Kraft des Gebetes innewohnt. Ich habe im Osten in meiner Jugend solche Beter vereinzelt gehört. Es waren oft einfache Juden mit gebrechlicher schwaeher Stimme, aber in ihrem Gebet lebte eine solche Inbrunst, eine solche Hingerissenheit und Selbstvergessenheit, daß trotz des Mangels an ״Schönheit“ der Töne eine gewaltige Größe von ihnen ausging. Sie hatten die Fähigkeit, die Gemeinde zu erschüttern und mitzureißen. Aber auch im Osten wird diese Erscheinung immer seltener. Das Volk verstand sie vielfach nicht mehr, spottete über den Mangel an Stimme und sah und spürte nicht in der Einfachheit dieser Beter das Gewaltige. Es wollte lieber den ״berühmten“, schön singenden Chasen hören, der wirklich oft eine herrliche Stimme und eine ursprüngliche Singbegabung hatte, aber doch wieder nicht das, was dem einfachen, nicht berufsmäßig betenden Baal Tefillah innewohnte. Auch diese Chasonim konnten bisweilen, besonders an den hohen Feiertagen (יומים נוראים) über sich und über die übliche Routine hinauswachsen. Doch wurden sie nur allzu oft verführt, ihre schönen Stimmen in den Mittelpunkt zu stellen und in Koloraturen und Bravourstücken glänzen zu lassen. Diese Art des Singens war oft künstlerisch schön, wennzwar auch nicht immer frei vom Kitsch. Der wahre Sinn des Gebetes wurde jedenfalls auf diese Weise entstellt. Wenn es möglich wäre, in dieser Welt der Unzulänglichkeiten die Begriffe: Baal Tefillah und Sänger-Künstler in einer Person zu vereinigen, so wäre damit die höchste Stufe des Vorbeters erreicht. Letzten Endes fällt ja die höchste Aufgabe des Künstlers mit der Aufgabe des Baal Tefillah zusammen. Auch Kunst muß als Dienst aufgefaßt werden, und auch sie stellt eine Verbindüng dar zwischen Erde und Himmel. Wenn der Beruf des Chasen so in seiner wahren Bedeutung erfaßt und verwirklicht werden kann, so wird er auch nicht mehr mit einer Art von Geringschätzung gegenüber dem Beruf des weltlichen Künstlers (Opern- und Konzertsängers) angesehen werden, wie es heute leider geschieht. Dann wird es für den Juden, der mit einer Stimme begnadet ist, eine erhabene Pflicht sein, sich in den Dienst seines Volkes zu stellen und zur möglichsten Vollendung in der Vermittlung des hebräischen Gebetes hinzustreben. Dann wäre die Hoffnung nicht fern, daß der Tempel wieder zum בית המלדש werde. Adolf Handzel. Der Baal - f fillah Joseph J. Sebba Als der bisherige offizielle Baal t’fillah galt Abraham Baer aus Gothenburg, und soll noch heute und für immer dafür gelten. Er war Sammler und Kantor, wahrscheinlich mehr Baal t’fillali als Kantor, —■ das ersehen wir aus dem ganzen Stil seines durch das reiche Material, daß er erstmalig zusammentrug, berühmt gewordenen Werkes. Heute will ich einen Siebzigjährigen so benennen, der zwar keinen Baal t’fillah herausgab, der aber einer ist, nämlich ein wahrer Baal t’fillah, mit all seinen Vorzügen und Schwächen. — Vor mir liegt ein Werk, 224 Rezitative umfassend. Es heißt ״Schirc Jossef“, Rezitativc für den israelitischen Gottesdienst. Tukkum (Kurland) 1027. Sebba ist, wie gesagt, kein Kantor, sondern ein Baal t’fillah. Wieviele Namen kennt man nicht für Kantor! Da ist zunächst der Kantor. Das ist der gebildete Singer und Vorsänger einer gebildeten Synagoge, einer kultivierten Gemeinde. Der Ton liegt auf: Sänger. Etwas anderes ist der Chas’n. Ein Clias’n, das ist schon ein beruflicher Kenner des Nussach, der Tradition. Wenigstens soll er ein solcher sein. Ein Chas’n kann eher ein guter Kantor sein, als umgekehrt. Viel weniger aber braucht er ein Baal t’fillah zu sein. Denn ein Baal t’fillah, das ist rin schlichter, natürlicher Chas’n, ohne Prätention. Der muß schon wahrhaftig den Nussach kennen, denn Stimme und Gesangskirnst verlangt man von ihm nicht, wohl aber ״Soggachts“. (Wie soll man das übersetzen? Soggachts heißt ״Gesagtes“, Gesagtes nnd tief Verstandenes, — es ist ein eigentümliches Wort, dieses ״Soggachts“.) — Noch eine Stufe tiefer kann der Begriff sinken. Das ist: der Balebos (eigentlich Baal-habbajis, wie Chas’n eigentlich Chasan bedeutet). In einem Minjen irgendwo, in einer Wochentagssynagoge, vielleicht sogar an einem Sabbat oder Feiertag stellt sich ein Mann der Gemeinde vor die Lade Gottes und betet vor. Das ist ein schlichter Balebos und nichts weiter. Es gibt wohl berühmte Baal t’fillahs im Osten (all dies gibt es nur im Osten) aber keine berühmten Balebatim. — Ja, noch einen Begriff gibt es, — der sogar alle einschließt: Sch’liach zibbur. Und nun beginnen wir von vorne: ein Kantor ist nicht ohne weiteres identisch mit einem Sch’liach zibbur, — natürlich soll er es immer sein. Eher ist es der Baal t’fillah, sogar der Balebos. — Also: Sebba ist kein Kantor, sondern ein Baal t’fillah und ein Scheliach zibbur. Sechszehn Jahre war er Vorbeter in einer Chewrah, ״Talmud-torah“ benannt, in Tukkum. Sonst war und ist er wohl noch heute Gold- und Silberwarcnhändlcr von Beruf. Aber sein ״Denken und Trachten von Jugend auf‘, — das galt völlig dem Chasonus. Und als Chasan schrieb er alle die Rezitative, die wir nun genießen und kritisieren sollen. Sebba ist kein ordentlicher Musiker. Das muß gleich gesagt werden. Wenn er L’cho dodi’s oder Hallel-Stücke ״komponieren“ will, — und ich wette, daß Sebba darauf am meisten stolz ist — dann kommt nicht viel Schönes heraus. Aber, aber, wenn es ein althergebrachtes, altgehörtes, altverwende־ tes Rezitativ gilt, dann ist Sebba in seinem richtigen Eiement. Das beginnt mit ״Omar Rabbi Elosor“, in welchem so schön ״gelernt“ wird- Man lausche, wie gut hebräisch und nur hebräisch da gebetet und gesungen wird, — wie da etwa ״baunajich“ dem ״bouajich“ entgegengehalten wird, und anderes mehr. Da ist sein ״Hin’ni heoni mimaas“ mit der innigen demütigen Tiefe, — ein Stück, das so gut wie in keinem der bekannten synagogalen Werke sonst vorkommt. Da ist ein gutgestaltetes ״L’el orcch din“, mit all dem großen Geweine, das diesem Stücke eignet. Da ist ein wunderschönes ״K! k’schimcho“, aufgeschrieben in der Sphäre von Rosowski, Pini Minkowsky und all der herrlichen sehr oft unbekannten Chasanim jener jüdischen Gegenden, die heute immer mehr dem Judentum fremd werden. Ja, dieses vortreffliche ״Ki k’schimcho“ mif dem dahinwehenden Traum-Schluß. Da ist ferner das ״Ochiloh loel“, — anders gesungen als bei uns Aschkcnasim, nicht mit unserem traditionellen schönen Anfang, aber dennoch wundervoll dem Ost-Nussach dieser Nummer folgend. Da ist Nr. 185: ein herrliches ״Rachamono“! Ueberhaupt beginnt in den ״Ergänzungen“ so etwas wie rezitativische wahrhaftige Kunst. Ich erinnere nur an die Sabbat- Morgen-Nummern ״Kullom ahuwim“ usw. Synagogale Rezitative überhaupt. Das ist ein völlig neues Gebiet. Unbetreten. Da die Zeit der Zuwendung zur synagogalen und jüdischen Musik jung ist, hat man bisher, verführt vom Zeitgeiste, nur au Chor und Instrumental-Kompositionen gedacht. Auf das viel wesenhaftere und ureigenst dem orientalischen und jüdischen Geist folgende synagogale Rezitativ hat noch niemand bisher sein Augenmerk gerichtet. Das oben besprochene Werk Sebbas wird vielleicht manchen Leser zum erstmaligen Einblick in einen Rezitativ-Band veranlassen. — (Uebrigens sind besonders in Amerika viele wertvolle Rezitative erschienen.) Wir gratulieren Sebba, diesem unermüdlichen demütigen Gottesdiener, zu seinem 70. Geburtstage, am kommenden 7. April, und wünschen ihm noch viele Freude am heiligen Gesänge und viele zarte Schöpfungen, wie die genannten und gelobten! Arno Nadel. Religiöse Musik an! Schallplatte!! Die ״Spaniolischen Svnagogengesänge“, die im Konzert der Jüdischen O r c h e s t e r-V e r e i n i - gung*) am 2t. März in Berlin ersfaufgeführt wurden, kann man nun gründlich auf Homocord-Schailpfattcn studieren. Diese Gesänge, die vermutlich einer unserer wesentlichsten Kulturepochen entstammen, tragen trotz westeuropäischer Notierung den Stempel alten Volksgutes. In den vorliegenden Bearbeitungen ist nicht der radikalste Standpunkt eingenommen, den man dieser Musik gegenüber einnehmen müßte. Der Urkeim der teilweise sicheriicn alten Melodien scheint eher gemildert und verdeckt immerhin mußte hier mit der Schallplattentechnik gerechnet werden, die für eine kompromißlose Fassung derartigen Materials vielleicht noch nicht reif ist. Zudem bestand noch die problematische Aufgabe: eine deutsche Chorgemeinscliaft, die sien nur im üblichen ״Dur“ und ״Moll“ zuhause fühlt, einem echten spaniolischen Solisten zu gesellen, dessen Tonvorstellungcn von unserer Diatonik grundsätzlich verschieden sind. — Die Bearbeitungen scheinen *) Besprechung umseitig. *) Druck hier und weiter von mir betont. E. H.