Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 24-25 (28.3.1929)
- Date
- 1929-03-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 24/25, 2aHU9» JÜEDISCHE RÜNDSCHÄÜ Seite 157 Literatur-Blatt Purim-Scherze und Purim «Spiele! Von S, M e I s e I s. I Die in hebräischer Sprache vorhandenen Purim-’ Scherze stellen insofern eine eigene merkwürdige Literaturgattung dar, als zu deren Verständnis so mancherlei Kenntnisse erforderlich sind. Man muß schon nicht allein das Hebräische beherrschen, sondern auch in dem talmudischen Schrifttum bewandert, mit seiner Lehr- und Lernmethode, ja sogar mit den dreizehn Deutungsrcgeln des Rabbi istnael genügend vertraut sein und obendrein von der liturgischen Poesie und ähnlichen Gelehrtensachen etwas wissen, um Geist und Witz der hebräisehen Purim-Scherze in Heiterkeit genießen und richtig würdigen zu können. Eine köstliche Purim-Schnurre bildet die aus dem ersten Viertel des 14. Jahrhunderts stammende ״Massecheth Purim“ (Traktat für das Purimfest), eine Parodie, die in dem hebräischaramäischen Idiom und in der Diskussionsweise des babylonisehen Talmud von dem ״Gebot“ handelt, sich am Purimfeste gütlich zu tun und ein wenig über den Durst zu trinken. Dieser Purimtraktat, nach der Form der Talmudtraktate mit einem Doppelkommentar versehen, ist zum ersten Male in Venedig 1552 erschienen. Sein Verfasser ist Kalony mos ben Kalonvmos, auch Maestro Calo genannt (1287—1337), ein bedeutender Geiehrter und Dichter, der mehrere philosophische und medizinische Arbeiten aus dem Arabischen ins Hebräische übersetzte und außerdem das zeitsatirische Buch ״Eben Bochan“ (Prüfstein) schrieb, das zu den besten Werken juvenalischer Gattung in der neuhebräischen Literatur gehört. Den Traktat des Kalonymos hat später der bekannte hebräische Gelehrte und Grammatiker Jehuda Lob Ben-Seeb in einer Sammlung von Parodien ״Meüzah le-Purim“ (Wien 1800) neu herausgegeben. Von Ben-Seeb selbst besitzen ״Selichoth“, travestierte liturgische Lieder und Bußgesänge zur Belustigung am Purimfeste. Sehr interessant ist eine Purim-Hagada, nadn dem Muster der Peßach-Hagada, von Hirsch Somerhausen (erschienen zuerst in Brüssel 1842, seither wiederholt neu aufgelegt). Ferner gibt es eine kleine Sammlung von Scherzgedichteil, Festgesängen und Weinliedern, die der hebräische Schriftsteiler Abraham Mendel Mohr unter dem Titel ״Kol-bo le-Purim“ herausgab (Lemberg 1855). Ueberdies sind noch mehrere derartige Parodien, Travestien, Traktate und sonstige Purim- Scherze aus älterer Zeit erhalten geblieben, und von den hebräisehen Dichtern der Haskalah hat fast jeder irgendein Purimiied heitern Inhalts gedichtet. Doch alle diese Punm-Scherze waren im Grunde nur literarische Spielereien, die ihren Zweck, zur Erheiterung und Belustigung am Purimfeste beizutragen, nie und nirgend erfüllten. Sie wurden trotz ihrer Harmlosigkeit von den Ueberfrommen als gottlose Spöttereien verworfen, und von den ״Aufgeklärten“ wohl an jedem andern Tag im Jahre, nur nicht am Purim, gelesen. Merkwürdigerweise fehlt bis zum Ausgange des 19. Jahrhundert® ein Purim-Festspiel für die Jugend in hebräischer Sprache. Erst die jüngste Zeit hat hierin Wandel geschaffen. Wir besitzen jetzt eine ganze Reihe hebräischer Purim-Spiele, die sich insbesondere für Kindervorstellungen eignen, wie: melech Achaschwerosch“, ״Achaschwerosch Melech .Tipesch ‘ melech Achaschiißripsch"; .,^Ae^ayschw^rdSKJlLllllfch Timpchf׳ mehrere darunter sM im Volks!®* geh'alteh,׳,Modicte Wie die* deutschen Fastnachtsspiele nach der Art Hans Sachsens. Im Gegensatz zu den hebräischen Purim-Sc herz e n, die doch nur Literatur blieben, wurden diej i d d i s c h e n Ptjrim-Spiele wirklich am Purim gespielt. Diese Spiele erschienen anfangs des 18. Jahrhunderts und wurden damals in mehreren Großstädten Deutschlands, namentlich in Frankfurt a. Main und in Hamburg, am Purimfeste aufgeführt. Von den als Purim-Spiele bekannten Stücken sind uns erhalten geblieben: ein ״Ach aschwerosch-Spiel“, ein Scherzspiel ״Hamans Testament“, ein ziemlich rührseliges Stück ״Die Verkaufung Josefs“ und ein ״Goliath-Spiel“, das den Kampf des kleinen David gegen den Riesen Goliath behandelt. Es ist interessant, daß rin ״Achaschwerosch-Spiel“ sogar einer strengen ״Theaterzensur“ zum Opfer fiel. Diese Theaterzensur übte kein geringerer als der Vorstand der Frankfurter jüdischen Gemeinde: er untersagte nämlich — man weiß nicht, ob aus religiösen oder politischen Gründen — die Aufführung des Stückes und ließ die gedruckten Exemplare verbrennen. Das ״Achaschwerosch- Spiel“ ist in mehreren Bearbeitungen vorhanden und wurde auch als Beitrag zur jüdischen Volkskunde oder als literarische Seltenheit in deutscher Schrift gedruckt. Das Stück ״Die Verkaufung Josefs“ ist im Jahre 1710 in Frankfurt a. M. erschienen; es sind indes noch andere Bearbeitungen dieses biblischen Stoffes in der jiddischen Literatur vorhanden. Bei den Juden des Ostens war das Josef-Spiel viel beliebter und volkstümlicher als das Achaschwerosch-Spiel, ungeachfet seiner Aktualität im Purimfeste. Das Josef-Spiel war sozusagen das Kassenstück; das sahen und hörten sie gerne. Der alte Vater Jakob und der keusche Josef, die waffengewaltigen Brüder Simon und Levi und der kleine Benjamin standen offenbar ihrem Herzen näher als der Tölpel auf dem Throne Achaschwerosch und der am Galgen baumelnde Haman, ja selbst als Mardochai und die anmutige Esther. Das Josef-Spiel sagte ihnen vielleicht deshalb mehr zu, weil es im Grunde ein belehrendes Stück war, während das Achaschwerosch-Spiel mit seinen faden Witzen doch eigentlich nichts bot, was aufheitemd und zugleich belehrend hätte wirken können. Das Josef-Spiel enthält in der Tat einige Szenen und Bilder, die recht eindrucksvoll sind. Der unbekannte Verfasser verrät ein gewisses dramatisches Talent, nur kümmert er sich nicht um dramatische Regeln und einen geordneten Szenenbau. In einer Beziehung zeigt er sich kühner als Goethe. Der deutsche Dichterfürst, der Theaterdirekter auch war, hat bekanntlich gegen das Auftreten eines Hundes aut der Bühne in schärfster Welse Stellung genommen. Der ״Dichter“ des Josef-Spiels dagegen läßt einen leibhaftigen Wolf vor dem Erzvater Jakob erscheinen. Die Sache trägt sich folgendermaßen zu: Nachdem man dem alten Jakob das biutgetränkte Aermelkleid Josefs iiberbringt mit den Worten: ״Haker no, hak’thoneth bincha hi im 10“ (״Sieh nach, ob es der Rock deines Sohnes ist oder nicht?“) — dieser Satz wird im Josef-Spiel nicht jiddisch, sondern hebräisch gesprochen — jammert und wehklagt Jakob: ״Ein böses Tier hat ihn gefressen, ein reißend Tier hat Josef zerrissen.“ Er befiehlt daraut seinen Söhnen, dieses reißende Tier zu fangen und vor ihn zu bringen, welcher Auftrag denn auch prompt ausgeführt wird. Der böse Wolf erscheint und Vater Jakob schleudert ihm alle geschriebenen und ungeschriebenen Flüche an den Kopf. Das böse Tier steht voll Ehrfurcht und voll Mitleid vor dem schmerzdurchwühlten VateT; er nimmt sehr demütig die Flüche m Empfang und tritt zerknirscht ab, wie ein reuiger Sünder. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß das Scherzspiel ״Hamans Testament“ und das ״Goliath-Spiel“ nur eme Art Zugabestücke waren. Wenn eines der größeren Spiele aufgeführt worden war und Beifall gefunden hatte, so gaben die Darsteller aus Dankbarkeit für den gespendeten Beifall und Jur Erhöhung der heiteren Stimmung auch noch das Hamanscherzspiel oder den Einakter Goliath zum braten. Aus einem literarischen Notizbuch Von Sch. Gorelik. Es geschieht manchmal, daß eine Metapher, die fm Laufe eines Gespräches oder einer Diskussion über einen Gegenstand angewendet wird, unbewußt ein ganz anderes Gebiet beleuchtet und als geheime Sprache eines Seelenzustandes zu betrachten ist, den zu berühren gar nicht in der Absicht des Sprechers lag. Wir sind auf diese Weise manchmal Zeugen einer Beichte, die sonst wahrscheinlich unterblieben wäre und die sich nun auf Umwegen, unfreiwillig, vollzieht. Eine derartige Beichte ist in dem hochinteressanten Brief- Wechsel zwischen dem bekannten russischen Literaturhistoriker, dem Juden Gerschensohn und dem bedeutenden Dichter Wjatscheslaw Iwanow wahrzunehmen (Briefwechsel aus zwei Ecken eines Zimmers). Die beiden Männer bewohnten im ersten Jahr der bolschewistischen Revolution ein gemeinsames Zimmer in dem ״Hause der Gelehrten“, und cs entspann sich dort ein tiefer, bedeutsamer Briefwechsel zwischen ihnen. Gerschensohn spricht von seiner Kulturmüdigkeit, von seiner Enttäuschung über all die mannigfachen Gebiete der Wissen- Schaft, der Kunst und der Literatur. Er sehnt sich nach dem paradiesischen Zustand der Ahnungslosen. Es ist hier etwas von der Rousseauischen Stimmung. Iwanow verteidigt die europäische Kultur und beide sagen sich bei dieser Gelegenheit eine Menge interessanter Dinge, und sie sagen sie in einer unvergleichlich schönen Sprache. Der Jude Gerschensohn sagt aber in seinem letzten Brief mehr als er selbst ahnt, mehr als er selbst will. Er enthüllt dem Freund seine Zweifel, er will ihm sagen, daß, obwohl er selbst einer der Mitwirkenden in der Welt der Kultur ist, er doch gleichzeitig sich ihr entfremdet fühlt. Die Metapher, der er sich hierfür bedient, enthält aber unbewußt für den Briefschreiber noch einen ganz anderen Sinn. Sie gibt uns nämlich die seelische Biographie des Juden Gerschensohn, der Zeit seines Lebens für die russische Literatur, für die russische Kultur sehr beachtenswerte Leistungen vollbracht hat, und dem es vielleicht vor dem Tode klar wurde, daß das eigene Volk dabei zu kurz gekommen war, daß dieses Volk von ihm vernachlässigt wurde und unbeachtet blieb. ״Ich lebe einem Ausländer ähnlich, der sich in einem fremden Land befindet. Geliebt von den Eingeborenen, die ich selbst liebe, arbeite ich für ihr Wohlgedeihen, leide mit ihren Leiden und freue mich mit ihren Freuden, aber ich weiß mich auch fremd. Insgeheim seltne ich mich nach den Feldern meiner Heimat, nach ihrem anderen Frühling, nach dem Duft ihrer Blumen und der Sprache ihrer Frauen. Wo ist meine Heimat? Ich werde sie nicht erblicken, werde in der Fremde sterben.“ Für eine Diskussion über den Wert der Kultur war dieses Bild, diese Metapher nicht notwendig, aber unbewußt wählte Gerschensohn gerade diese Sprache, durch die eine Beichte vollzogen wurde. Vom Schaffensprozeß unserer jüdischen Klassiker: Menle schiWerte einmal in einem Gespräch in überaus bildde auszustellen 1A1H0M liofiion Fntpl f» ft ft f unendlich leicht gab. ״Ich — sagte Mendele — wenn ich im Sinne habe, etwas zu schreiben, wem gleiche ich dann? Einer schwangeren Jüdin. Ui! Die Leiden der Schwangerschaft, man soll nur davor behütet und beschirmt werden. Vor allem, wie es bei einer Frau, die sich in solchen Umständen befindet, ist, befällt mich Uebelkeit. Wahrscheinlich von dem Gedanken allein, daß ich mich hinsetzen muß, um zu schreiben, wird mir schon schlecht. Dann fängt das Nachdenken, das Horchen, was innen vorgeht, an, dann die Vorsicht, keine überflüssige Wendüng, keine zu scharfe Bewegung zu machen .... m&n ist gezwungen, in der Kammer eingesperrt zu sitzen, besonders in den letzten Monaten. Und die bösen Gedanken darüber, vielleicht wird es eine Fehlgeburt sein oder daß überhaupt eine Mißgeburt zur Welt kommt — weh ist mir'. Nun, und wenn die Geburtswehen kommen, die richtigen Geburtsschmerzen, ist es doch gar nicht auszusprechen, dann ist es: Himmel öffne dich! Bei Scholem Aleicnem geschieht dieser Vorgang ganz anders: ein Huhn dreht sich im Zimmer herum, gackert, pickt, pickt, ein Picken hier, ein Picken dort und bevor ihr euch umgesehen habt, sitzt es schon irgendwo in einem Winkelchen — aha, Masel Tow, gelegt ein Ei . . . .“ * Das Rothschild-Buch von Conte-Corti gelesen. Das wesentliche über den Gründer des Hauses vergaß der Verfasser auszusagen oder richtiger, er konnte es gar nicht. Mayer Amschel Rothschild wohnte in der Judengasse in Frankfurt und machte sehr gute Geschäfte mit dem geizigen Kurfürst von Hessen. Mayer Amschel sah sein Vermögen immer mehr wachsen und doch, hätte ein geheimnisvoller Mann Mayer Amschel, der vielleicht gerade beim Rechnen gewesen wäre, die Nachricht von einem Messias überbracht, eine phantastische, aber dennoch verheißungsvolle Nachricht, Mayer Amschel hätte das Rechnen sofort eingestellt, seine Sachen gepackt, und sich auf den weiten Weg begeben Ich weiß nicht, wie sein Sohn, Amschel Mayer, sich dabei benommen hätte, aber Mayer Amschel .... er hätte seine Sachen gepackt, er wäre gefolgt * Wenn ieft einen Menschen sehe, der vor einer ihm drohenden Gefahr wegläuft, werde ich ihn erst dann Feigling nennen, wenn es sich heraussteilen sollte, daß die Gefahr schwächer ist als er selbst. Ist sie aber stärker, werde ich meinen ganzen Haß gegen diese Gefahr wenden, dem Weglaufenden dagegen nur Sympathie entgegenbringen und mich erst dann beruhigen, wenn ich die Gewißheit erlangt habe, daß er der drohenden Gefahr wirklich entronnen ist. Die Dinge so betrachtet, vermag ich nicht zu begreifen, warum jene jüdischen Schriftsteller die Pogrome oder Pogromschrecken schildern, es als Schmach und Schande des jüdisehen Volkes ansehen, wenn die Juden sich ängstigen. Warum sollen sie sich nicht ängstigen? Sie haben allen Grund dazu. Die Flüche sollten nicht denen, die Angst haben, gelten, sondem denen, die die Ursache der Angst bilden. Von allen Schilderungen des Pogromschreckens (also der Schrecken vor dem Pogrom) ist die Schilderung von B e r k o - witz in einer seiner Erzählungen wohl die stärkste, die erschütterndste. Vom Schreck befallen, sucht eine Gruppe Juden im Krankenhaus Zuflucht. Die Kranken werden durch das Eindringen gesunder Menschen unruhig, die Verwirrung wächst, die Gerächte über Unruhen in der Stadt, über Brandstiftungen mehren sich. Da eilt ein Knabe, der Aerzfin Sohn, der auch erschrocken ist, zu den Kranken und bittet und fleht sie, still zu sein. Nur die Stille ist eil» Gewähr für die Rettung. Still . .. stil! ... als wfret Ihr geworben . » . . wir werden uns hier alle niedersetzen . .. still werden wir sitzen . . . uns nicht rühren ... wir wissen von nichts ... wir sitzen einfach still . . . werden sie hereinkommen . . . werden sie sehen . . . Menschen sitzen still . . . still . . . rühren sich nicht. Was? Sie werden schlagen? Warum sollten sie denn schlagen? Weshalb sollten sie denn schlagen? Sie werden nicht schlagen, wir sitzen doch still. Und nach einer Minute: Oder wir legen uns gar schlafen . . . wir schlafen alle . . . still . , . wir sind gestorben , . . werden sic hereinkommen und werden sehen: wir sind still . . . wir schlafen, alle schlafen, keiner, keiner wird seinen Kopf heben. Meines Rebben Ziege Humoreske von Israel Majofis. Schade, daß ihr niemals in Kliknischok wart und keine Gelegenheit hattet, meines Rebben Ziege kennzulernen. Das war, sage ich Euch, ein Kleinod von einer Ziege! Seitdem sie eine erwachsene Ziegenperson geworden war, konnte ihr keiner naehsagen, daß sie je fremdes Gut angetastet hätte, es fiel ihr nicht rin, von des Nachbars Strohdach eia Stück wegzufressen, den Mülleimer mit den Hörnern umzustoßen, oder ähnliches Aergernis zu erregen, durch das sich Schwestern ihrer Art leider so oft unbeliebt machen. Sie war eine fromme, ehrliche Ziege und bestrebt, mit jedermann in Frieden zu leben. Ueber den Marktplatz schritt sic Respekt heischend, voller Würde, mit dem Bärtchen geheimnisvoll wackelnd, und der schwarze Fleck auf ihrer weißen Philosophenstim dünkte uns wie ein Orden, den die Natur ihr für ihre Tugenden verliehen hatte. Ziehen wir noch ihre Leistungen auf dem Gebiete der Volkswirtschaft in Betracht, nämlich, daß sie täglich 3 Liter Milch produzierte und niemals verfehlte, pünktlich und gewissenhaft die Pflicht hinsichtlich der Nachkommenschaft zu erfüllen, so werden wir leicht begreifen, warum Frau Rywka, unsere Rebezin, die Ziege so liebte und pflegte wie ihren Augapfel. Eine sehr warme Freundschaft für die Ziege bemerkte man bei meinem Schulkameraden Berke ״Ssar Flamaschkim“. Dieser Berke war ein Teufelsjunge, rin Lausbub, der den Glieder auf den Kopf stellte, sobald der Rehbe ihm den Rücken kehrte. Jeden tollen Streich konnte man ohne weiteres Berke zuschrciben: etwa während einer schweren Lektion die andern unterm Tisch mit Stecknadeln stechen, die Chumoschim verstecken, den Docht mit Wasser anfeuchten, damit die Petro- Icumlampe nicht brenne, jemand einen Schneeball in die Tasche schmuggeln — solche und ähnliche Stückchen stammten gewohnlich von Berke ״Ssar Hamaschkim“. Er verstand es aber auch immer, ״trocken aus dem Wasser“ hervorzugehen, setzte das unschuldigste Gesicht auf, die Schläge aber bekamen stets die andern. Es ist auch anzunehmen, daß seine auffallende Annäherung an die Ziege lediglich ein diplomatischer Kniff war: dadurch gewann er nämlich das Herz unserer Rebezin, ■welche es in' jeder Situation mit ihm hielt, *׳as natürlich die straflose AülfÄi«l^g;;>eןlÄrי:Strrfctie;:M||nÄri,י''W«''v־derkR4rt^e’־ ihn einmal ant Ohr, um'ihm seinen ״StandpiMt“ eüigehändig kfarzumachen, so konnte man darauf weiten, daß aus der Küche Protest der Rebezin ertönte: ״Moische, tu ihm nichts, er hat soeben die Ziege getränkt!" Die Anerkennung solcher Argumente wurde in jener Zeit noch nicht als Rechtsbeugung empfunden, und der Rebbe ließ ihn wirklich laufen. Denn Berke pflegte der Ziege den Futtertrog zu servieren, sie gebührend bei der Heimkehr von der Weide zu empfangen, frisches Wasser vom Brunnen zu holen und sie zu tränken, was ihm den Namen ״Ssar Hamaschkim“ *) eintrug. Eines schönen Tages — und hier beginnt erst die richtige Geschichte — hatte Berke einen neuen Streich erdacht. Bei meinem Erscheinen 1m Cheder trat er an mich mit einem ganz dummen Gesicht heran, die Hände hielt er auf dem Rücken versteckt und fragte: ״Was bedeutet ״Schefoch?!“ “ ״Gieße“, sagte ich. ״Und ״Majim“?“ ״Wasser.״ ״Gut“, erwiderte Berke und schüttete mir eine Kanne voll Wasser über den Kopf. Es ist klar, daß ich mir diesen Streich nicht gefallen lassen konnte. Sogleich entstand eine ״Schlacht“, der Rebbe kam dazu und — wer wurde veiurteilt? Ich natürlich! Und zwar zu zwei Stunden ״Arrest", die ich ״nachzusitzen“ hatte. Der Arrest bei uns im Cheder bestand aus einem schmalen dunkeln Winkel, der durch den großen Backofea und die Wand gebildet wurde. Eine Sitzgelegenheit war nicht vorhanden, irgend etwas, womit man sich die Zeit vertreiben konnte, auch nicht — kurz, es war zum Heulen! Ich stehe da im Arrest, meine unverdiente Strafe zu büßen und Berke, der Lump, geht schon nach Hause, die Laterne in der Hand. Vor dem Hinausgehen macht er mir noch eine lange Nase und höhnt mich: ״Hei! Wie hat Dir meine Kanne Zubereitet eine Wanne! Hinterm Ofen mußt Du hocken Ja, da wirst Du auch schön trocken. Bäh! ... — ich mach mich auf die Socken!“ Und fort war er. Der Durst nach Rache brannte in mir und in meinem Herzen quoll schreckliche Erbitterung auf. Wie ist es möglich? Wie ist so was nur möglich?^ Eine solche Ungerechtigkeit! Und ich begann Pläne zu schmieden, wie ich mich an meinem Todfeind rächen könnte. Rachepläne stiegen in mir auf, von denen einer schrecklicher war als der andere. Mir aber war der schrecklichste gerade recht, Und ich entschloß mich zu folgendem: Ich werde die Ziege an die Wand malen und darunter schreiben: ״Ssar Hamaschkim“. Besagte Wand des Backofens bestand aus großen quadratförmigen Ziegelsteinen: und da die Wand auch nicht getüncht war, paßte sie glänzend für meinen Plan. Ich wählte mir also einen geeigneten, großen Ziegel, holte mein Taschenmesserchen hervor und ging mit Lust und Begeisterung an die Arbeit. Das Messerchen ritzte gehorsam den Ziegel, und bald war das Kunstwerk mit allem Schliff vollendet. Wohlgefällig besah ich mein Werk: wahrhaftig eine richtige Ziege! Besonders gelungen waren die Hörner und der Schweif. Auf den ersten Blick wird jeder des Rebben Ziege erkennen wie sie leibt und lebt, geradezu zum Melken einladend. Ich kritzelte noch hastig den Titel ״Berke Ssar Hamaschkim“ dazu und schaute mit Genugtuung aus meinem ,״Arrest“ hervor nach dem Rebben, der, ahnungslos am Tisch sitzend, eingenickt war, die Nase auf der Gemara. ’) Biblische Bezeichnung für ״fürstlicher Mundschenk“.