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Jüdische Rundschau · 1929-03-22 · Heft 23 (22.3.1929) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 23 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23, 22. HL1929 JUEDISCHE RÜNDSCRAÜ Seite 147 Literatur-Blatt ״Die Juden von Zirndorf1 ״ Nachtrag zu einer zu frflh geschlossenen Diskussion. Von Sch. Qorelik. | I. Der Einfall, über ein Buch zu schreiben, das vor fünfundzwanzig Jahren erschienen ist, kommt nicht von mir, sondern von Max Brod, der unlängst Hamsuns ״Mysterien“, ebenfalls ein Werk, das schon vor einem Vierteljahrhundert bcgeisterte Leser fand, neu besprochen hat. Kein schlechter Einfall in der Tai Warum soll man wirklich alte gute Bücher nicht wieder einmal würdigen, sie dem Leser in Erinnerung bringen. Dennoch ist es nicht die Nachahmung eines an und für sich interessanten Beispiels, weswegen der erste Roman Wasser* manns, vielleicht sein stärkstes Buch, hier wieder zum Anlaß für eine Betrachtung genommen wird, sondern jene berühmt gewordene Judenrede, die Wassermann in Reichenhall in der ״Deutschen Vereinigung für staatswissenschaftliche Fortbildüng“ gehalten hat, und die die Rede hervorgerufene Diskussion. Diese Diskussion wurde etwas zu früh geschlossen. Weil ein Opponent in gerechter Empörung über diese Rede vielleicht zu scharf, zu persönlich angegriffen hat, konnte Wassermann, ohne auf den Kern der Sache nochmal einzugehen, den Beleidigten spielen und sich mit einem Brief begnügen, in welchem er im übrigen auf seine Verdienste als Ocstaltcr jüdischer Menschen in seinen Romanen hinwies. Solche Art von Verteidigung wandten oft russische Schriftsteller an, wenn man ihnen Judenunfreundlichkeit vorwarf. ״Was, Tschechow ein Judengegner?“ antworten seine Freunde, ״aber hat denn nicht Tschechow in seiner Novelle ,Die Steppe‘ einen feinen, traumerischen Juden geschildert, der sein Geld in einen brennenden Ofen wirft Bedenken Sie, was das bedeutet, ein Jude verbrennt Geld im Ofen. Und hat nicht Tschechow die wunderschöne Er- Zahlung ,Rothschilds Geige‘ geschrieben?“ usw. usw. Für Tschechow konnte man solche Einwände gelten lassen, aber daß auch der Jude Wassermann derartige Argumente ins Treffen führt, muß eigentümlich berühren, denn seit wann soll die Tatsache, daß ein 1'n deutscher Sprache schaffender Jude in seinen Romanen auch Juden gestaltet, als besonderes Verdienst gewertet werden? Und mußte man sich nicht vielmehr darüber wundern, daß unter den vielen Romanen Wassermanns es nur einen jüdischen ״Die Juden von Zirndorf“ gibt? Ich habe, durch die Reichenhaller Rede Wassermanns und durch die im Anschluß an sie entstandene Diskussion angeregt, diesen Roman zum zweitenmal gelesen. Vor vielen Jahren las ich ihn zum erstenmal, in russischer Uebersetzung, in der zionistischen russisch-jüdischen Zeitschrift ״Raswjet“. Für eine zionistische Zeitschrift kam hauptsächlich der Teil in Betracht, in welchem die tragische Sabbatai-Zewi-Episode geschildert wird und den Wassermann als Vorspiel zu seinem eigentlichen Roman bezeichnet Nun, auf dieses Vorspiel kam es dem jüdischen Leser von damals und kommt es wahrscheinlich auch dem von heute hauptsächlich an. Denn in diesem Vorspiel, das mehr ist als das ganze übrige Werk, gelang es Wassermann, ein packendes Bild von der ludenbeit T3eutschlands in jener denkwürdigen Sabbatai- Zewi-Zeit zu geben. Nur das Vorspiel fesselte. Der Haupt- Roman! hingegen, ״Die Juden von Zirndorf“, ״י welchem von den Später« Lener Fürthe1:3nKlHNürBbefger• Jüdin d!ff Ä¥<®5־tst| intereslant/ünd eiaafeCtavolr Wpfdeb **wuwii, ־Hafis ‘Wasseri־*• mann den Entschluß gefaßt, die Fäden weiter zu spinnen und in Agathon, dem Hauptneiden des Romans, jene alte Sehnsucht, von der seine Ahnen vor mehr als zweihundert Jahren so erfüllt gewesen waren, ln neuer Form wieder aufleben und wirken lassen. Folgerichtig wäre es gewesen, aus Agathon einen Zionisten zu machen. Der Roman mußte dann allerdings nicht mit dem Jahre achtzehnhundertfünfundachtzig, sondern um nur zehn Jahre später beginnen, und die natürliche Entwicklung wäre dann auch durch chronologische Genauigkeit bestätigt; denn zu dieser Zeit gab es schon Zionisten unter den deutschen Juden. Agathon mußte Zionist sein, und nicht nur jener problematische junge Mann mit glühenden Augen, mit einer unruhigen Seele und unklaren Idealen, der bald ״den Menschen den Himmel nehmen und ihnen die Erde geben“ will, dann aber zum Starnberger See eilt, um den kranken romantischen König Ludwig II. zu retten. Als Ich die wirren Reden Agathons las, der irgend etwas Großes will, vorwärts will, aber selbst nicht richtig weiß, wohin und was er eigentlich erstrebt, dachte ich nur an die natürliche Unruhe der Jugeud und stellte mir Agathon vor als Vierzigjährigen, also den bereits Ernüchterten, Geheilten, und hatte kein Interesse mehr für ihn, denn es besagt nicht besonders viei, in der Jugend Schwärmer zu sein; die Gestalten des Vorspiels aber, all die Obadja, Ansei, Hutzel Davidla, Simon Frankel, ja diese waren Schwärmer auch in den späteren Jahren, /u einer Zeit also, in der es üblich ist, nur Spießer, nur nüchtern zu sein. , . . Wären die Fäden weitergesponnen, so hätte also Agathon Zionist und vielleicht sogar jugendlicher Delegierter des ersten Zionistenkongresses sein müssen. Die Harmonie, die Einheitlichkeit zwischen dem Vorspiel und dem Hauptroman wäre dann nicht gestört, und Wassermann wäre der Verfasser des ersten künstlerischen zionistischen Romans gewesen. Heißt es denn nicht an einer Stelle in ״Die Juden von Zimdorf“: ״Es zeigt sich, daß zweihundert Jahre das Gemüt der Menschen nicht verändern, daß dies nur eine winzige Phase ist im Prozeß der Umwandlungen. Es scheint, als ob Charaktere oder Seelen über Jahrhunderte hinweg in einer neuen Kette von Erscheinungen und Ereignissen zu neuem Dasein erwachen müssen.“ Muten nicht solche Worte wie eine direkte Aufforderung zum Eintritt in die Zionistische Organisation an? Ist nicht hier einer Erwartung Ausdruck gegeben, daß die jetzigen Juden von Zirndorf auch Verständnis für die Ideale ihrer Ahnen zeigen werden. Wozu denn sonst diese überaus treffliche Bemerkung? Aber wir sind bitter enttäuscht. Das erwähnte Zitat schließt mit den Worten: ״Es ist dann gleichgültig, ob dieser wiedergekehrte Thomas Peter Hummel oder Stefan Gudstlkker heißt.“ In dem Sabbataj-Zewi-Vorspiel tritt nämlich ein christlicher Student Peter Hummel auf, der das jüdische Mädchen Rahe! verführt, und Aehnliches passiert nach zweihundert Jahren, mit der Jüdin Monika, die von dem Christliehen Literaten verführt und verlassen wird. Also auf diese immerhin sehr unerfreulichen Begebenheiten sind die ernsten Worte Wassermanns gemünzt, ״aaß Charaktere oder Seelen über Jahrhunderte hinweg in einer neuen Kette von Ersehe!'- uungen und Ereignissen zu neuem Dasein erwachen müssen.“ Und wir waren in dem Glauben, daß hiermit der Hauptheld des Romans, Agathon, ermuntert wird, Mitglied eines zionistisehen Klubs zu werden. Was hinderte Wassermann, die richtige Anwendung jener wahren Worte zu geben? Was zwang ihn, die natürliche Ent- Wicklung, die seinem Roman vorgezeichnet war, zu stören und ihn dadurch weniger interessant und ärmer zu machen? II. In seiner Reichenhaller Rede versicherte Wassermann zwar, daß ihn das jüdische Problem immer stark beschäftigt habe, aber eigentlich hat er dieses Problem für sich lange schon gelöst, ln seinen Auffassungen über Juden und Judentum sind seit der Zeit, in der er ״ßie Juden von Zirndorf“ schrieb, bis zu der . Reichenhaller Rede keine ernsten Wandlungen vorgegangen. Im allgemeinen darf man sagen, daß er sich mit diesen Dingen nicht nur nicht besonders geplagt hat, er gelangte vielmehr zu gewissen Schlüssen nur, weil er es sich zu leicht gemacht hat. I Vieles in Wassermanns Haltung zur Judenfrage, zuin Judentum, wie auch der Gründe, warum er die natürliche Entwicklung des Romans ״Die Juden von Zirndorf“ unterbrochen hat, ist damit zu erklären, daß er zu großen Respekt vor der Geschichte der Juden im letzten Jahrhundert und zu geringen vor der Geschichte all der früheren Jahrhunderte hat. Er überschätzt den Segen der Mendelsonischen Epoche und unterschätzt den gewattigen seelischen und geistigen Gehalt der früheren Epochen. Er spricht oft von den Erinnerungen der Jahrtausende, aber er empfindet sie nur als Last, die tötend, aber nicht belebend wirkt. Der Knabe Senta Helmut muß sterben, weil er schon alt war, als er geboren wurde. ״Seine Seele hat Jahrtausende gelebt, eine echte, müde Judenseele.“ Und auch Jeannctte ruft aus: ״Warum mußten wir beide Juden sein!“ ״Ich fühle das ganze Alter des Judentums auf meinen Schultern.“ Warum sterben, warum nicht leben mit diesen Erinnerungen? Wassermann möchte die jüdische Geschichte kürzen. Hat Heine, wenn er auf das Judentum kam, immer von Moses und Jehuda Halevi gesprochen, so wäre wahrscheinlich Wassermanns Wunsch, frühestens mit Spinoza zu beginnen. Er hängt aber in Wirklichkeit nur an dem letzten Jahrhundert, an aem Zeitabschnitt, in welchem die Juden mit den Wirtsvölkern, unter welchen sie wohnen, viel mehr als früher gemeinsame Geschichte verbindet. Aus dieser kleinen gemeinsamen Strecke werden bei Wassermann hauptsächlich alle Rechte und Pflichten der Juden hergeleitet. Der Hinweis, daß seine Vorfahren noch vor fünfhundert Jahren im fränkischen Lande wohnten, tut nichts zur Sache, denn cs wird damit nur die Zeit der polizeilichen Anmcldung angegeben, den jüdisch-geschichtlichen Gehalt dieser fünf Jahrhunderte möchte er nicht mitschleppen, an die Be- Sonderheiten, die das Wesen des jüdischen Volkes ausmachen, will er nicht gern erinnert werden. Lieber sich an das Aufklärungs-Jahrhundert halten, als mau zusammen mit dem Christliehen Nachbar den Goethe las. An die Leiden, die die Juden während einer Zeit von zwanzig Jahrhunderten unter den Völkern auszustehen hatten, denkt er zwar oft zurück und spricht ab und zu davon, vergißt aber hervorzuheben und zu betonen, daß diese Leiden den Juden das Recht geben, immer als Mahner, als Fordernde aufzutreten, und daß Emanzipation, Gleichberechtigung nicht mit Verzicht auf eigenes Volkstum bezahlt werden dürfen. Die gewöhnliche Gleichberechtigung ist noch kein Entgelt für das Vergangene. Wo sind die Ent- Schädigungen, wo sind die Reparationen, die man uns schuldig geblieben ist? Dadurch, daß Wassermann die jüdische Geschichte, die Erinnerungen der Jahrhunderte als Last empfindet und nicht als belebende Quelle, schmälert er, ohne sich dessen bewußt zu sein, seine Rechte, und aus diesem seinem Verhalten kommt jene Enge des Horizonts, jene Gedankenarmut und unsympathisch wirkende Bangigkeit, denen wir bei Wassermann, sobald er über_jüdische Dinge zu sprechen beginnt, immer begegnen. ~ Und wenn man Erinnerungen einer tausendjährigen Oeschichte in sich freudig trägt,;nicht aber versucht, sie loszuwetdöJ, mit ihnen, tetttg,««»#!* dni»» Kpn». ־ I' vt9׳a^i«;-ii1it*'Jetaem־?.CאÄ«l4 'י>i*,;J«dfinpr0M«|ju|׳ jp»if ders, wie es bei Wassermann der Fall gewesen ist, jener Fall, über den er in seiner Reichenhaller Rede so ausführlieh berichtete. III. In einer Hinsicht hat sich das nochmalige Lesen der ״Juden von Zirndorf‘, besonders gelohnt. Ich habe nämlich in dem süddeutschen Philosophen, von dem Wassermann in seiner Reichenhaller Rede erzählt, den Lehrer Bojesen aus dem Roman ״Die Juden von Zirndorf“ wiedererkannt Genau wie Wassermann von dem sonderbaren und höchst aufdringlichen süddeutschen Philosophen zur Auswanderung nach Palästina und sogar zur Uebernahme einer Führerrolle bei den Juden aufgefordert wird, so setzt auch der Lehrer Bojesen dem Juden Nleberding gar arg zu. Es genügt zum Beispiel, daß Nieberding sagt: Wieviel Poesie und Verklärung hat uns nur die katholische Kirche gegeben, als Bojesen ihm schon unterbricht und vor allem bittet, niemals ״per uns“ zu reden, weil es sehr komisch wirke, und dann weiter sagt: ״Sie sind ein Emigrant, und es gibt kein Bindeglied zwischen Ihnen und uns. Beachten Sie die Zeichen der Zeit. Rekrutieren Sie sich, seien Sic nicht blind“. Es folgt eine leidenschaftliche Erwiderung Nieberdmgs, in fast denselben Worten, mit welchen Wassermann seinen Bedränger abzuwehren versuchte. Welch eine verblüffende Uebereinstimmung der Argumentation hier wie dort! In dieser denkwürdigen Relcheiihaller Rede erzählt Wassermann, was er alles seinem Philosophen erklären mußte; unter anderem sagte er ihm: ״Der Grundirrtum, dem Sie verfallen sind, ist der, daß Sie die Juden als Nation bezeichnen. Das sind sie nicht, das können sie nie wieder sein. Die Juden sind eine Summe von Individuen.“ Dasselbe wendet auch Nieberding gegen den verkappten Antisemiten Bojesen ein. ״Rekrutieren sollen wir uns? Was heißt das? Sollen wir ein Land kaufen und einen Staat gründen? Das hieße uns vernichten. Wir sind stark als Einzelne“ usw. Es folgen dieselben Lamentationen über die Missionsrolle, die den Juden in ihrer Zerstreuung zugetallen ist, es folgt die Erwähnung all der Kräfte und Talente, mit denen wir unsere Gleichberechtigung bezahlt haben. Ich begreife nicht, womit eigentlich konnte der süddeutsche Philosoph Wassermann überraschen, da er ihn doch schon in seinem Roman selbst gestaltet hat und reden ließ. Eins ist allerdings merkwürdig, daß Wassermann wie auch seinem jüdischen Helden Nieberding niemals der Gedanke kommt, daß man mit solchen Herrschaften, die unter der Maske einer geistigen Auseinandersetzung ganz gewöhnliche Judenfeindschaft bergen, überhaupt nicht In eine Diskussion eintreten darf. Und wieder ist es merkwürdig, daß gerade Wassermann auf solche Leute stößt. Den jüdischen Nationalistea, den Zionisten ergeht es in diesem Sinne viel besser. Wenn nämlich vor ihnen ein Christ seine Sympathien für den Zionismus bekundet, so knüpft er daran keine Bedingungen. Als Herzl vor einem englischen Bischof seinen Plan entwickelte, hörte der Bischol gespannt zu und sagte dann, daß er nun in die Kirche gehen wolle, um für diese große Sache zu beten. Aber er fragte nicht: Wann wandern Sie und Ihre Wiener Glaubensgenossen nach Palästina aus?, denn das wäre undelifcat. Die Zeit der Ausreise hat der Jude selbst zu bestimmen. Ein christlicher Freund der zionistischen Sache muß im Gegenteil seine Sympathie etwa folgendermaßen ausdrücken: ״Die Größe Ihrer Idee verstehe und empfinde ich stark; das jüdische Land wieder autrichten, daß muß jede Seele bewegen, aber Ihr bleibt doch hoffentlich weiter bei uns, Ihr denkt doch nicht etwa auszuwandern. Wie, Ihr beraubt uns der Möglichkeit, endlich die Schuld für die Leiden, die wir Euch während vieler Jahrhunderte zugefügt haben, abzutragen, bedenkt doch das große Stück Weges, das wir zusammengingen, vergeßt nicht, daß wir Nachfern sind und vieles gemeinsam erlebt haben. An jüdischen Massen, die auswandern wollen, wird es ohnehin nicht fehlen, aber Ihr müßt bleiben, Ihr müßt, Ihr müßt bleiben. Wir lassen Euch einfach nicht fort“. So rauS ein Christ sprechen, wenn nicht aus innerster Ueberzeugung, so wenigstens aus Anstand, aus Höflichkeit, und so sprechet» sic auch in der Tat oft, wenn sic zionistischen Kundgebungen beiwohnen. Dafür aber brauchen sic uns auch nicht erst klar zu machen, daß alle Juden durch ein gemeinsames Schicksal verbunden sind, dafür kommen wir auch nicht in die Lage, daran erinnert zu werden, daß, wenn ein Jude über die Poesie der katholischen Kirche spricht, er sich etwas genauer fassen muß und nicht, wie Nieberding, sich immer per ״uns“ aus• drücken darf. Dafür werden sie von uns auch nicht Bekennt• nissc Wassermannscher Art, Versicherungen, daß jeder ״deut* sehe Dom tiefer in die Empfindung geht, als das Land der Väter“ erwarten oder gar fordern. Jener sympathische span»• sehe Pater, der dem jüdischen Gelehrten Marcus Ehrenpreis, als er ihn in der Kathedrale von Toledo stehen sah und sagte: ״Sic waren nicht andächtig, aber doch ergriffen“, und dem der jüdische Gelehrte die Art seiner Ergriffenheit näher ausdnandersetzte, jener ,,weltkluge Pater mit gutmütigen Augen“ veistand alles, er bemerkte nur: ״Wir können ruhig raiteinander sprechen, wir haben die Inquisition Gott sei Dank überwunden“. Und sie gingen langsam, der jüdische Gelehrte mit dem alten klugen Pater, durch die Stätten der traurigsten, fürchterlichsten Erinnerungen. Und nicht der Jude war es, der verlegen zu sein brauchte. .... Der Pater erzählte immer mehr und mehr von jener grausamen Zeit Der Pater verstand, daß, wenn man mit einem Juden vor dem Dom von Toledo steht, wenn man mit ihm diese Stadt durchschreitet, daß es dann angebracht ist, von anderem als nur von der düsteren Schönheit dieser Stadt zu sprechen. Nach Wassermann mußte allerdings der jüdische Begleiter seine Versicherungen darüber; abgeben, daß der Dom von Toledo ״tiefer in die Empfindung geht als das Land der Väter“, aber dann hätte auch vielleicht der Pater sich anders benommen, er wäre dann gar nicht mehr verlegen gewesen, sondern er hätte gefragt: ״wann belieben Sie nach Palästina auszuwandern?“, wie es der süddeutsche Philosoph bei Wassermann tat. Sehr ist dieses spanische Reisebuch von Marcus Ehrenm preis (Marcus Ehrenpreis: Das Land zwischen Orient und,nJ Okzident, Welt-Verlag Berlin) dem Herrn Jacob Wassermamjj^g. zu empfehlen. Er würde in diesem Buche von einem portc e r י giesischen Obersten Arthur Carlos de Barros Bast; etwas überaus Merkwürdiges erfahren. Dieser portugiesisc' Offizier und hohe Beamte ruhte nicht, bis ihm die sch.11 mernde Ahnung, daß er ein Maranne sei, zur Gewißheit w׳4־J־"”®׳ und dann zum Judentum zurückkehrte, hebräisch Iertrt Marannen - Bewegung gründete, eine hebräische Ze* ״Halapid“ (die Fackel) herausgibt; und auch ihn fragt ״süd-portugiesischen Philosophen“, wann er nach t »»d Fm» auszuwandern gedenkt. Gerade weil er sich 80 rückh3»te*n-Str. m, jüdischen Volk bekennt, gerade weil er nichfe» d•» Hilf*- Sorte von Juden gehört, die versuchen, mit den "«utocliland *.V. sehen Erinnerungen möglichst schnell fertig zu \\too Nadel, Fri. dem im Gegenteil diese Erinnerungen pflegt, sie ii ruft, sie entfacht, eben gerade deswegen fragt ihn י ra Oatam dja danach. Gefragt und aufgefordert werden m1%t*t wagen W»- mütigen, die wie Wassermann laut verkünden, ״d,1elleavtrmittlu1w. scher Dom tlefer;dh־diriEmpftBd»8g-i®sht «1*. <W und •»»!««ו» :Vi*fet“f ■dalt״« uurehizelne *,toHMdaa(; «ha^ keift' jüdisches Volk gibt. Diese, nur diesem wentea solchen für sie peinlichen Fragen ausgesetzt Und «las soll auch ihre Strafe sein. ׳׳ Kalman Schulmann (Anläßlich des zwanzigsten Todestages.) Von Josef Hatevi-Lancz^ner. Zwanzig Jahre sind eine kurze Spanne £eit, und doch werden sich nur wenige unter uns an den Man in erinnern, welcher zweifellos eine markante Persönlichkeit in der Geschichte der Entwicklung der hebräischen Literatur wa,f. Wenn auch der literarische Geschmack sich geändert, und unsere junge hebräisehe Literatur einen mächtigen Aufschwung genommen hat, wollen wir doch mit diesen Zeilen einem verdienstvollen Schrittmacher dieser erfolgreichen Entwicklung ein Blatt des Gedenkens widmen. — Wie viele unserer Besten, war auch Schulmann ein Kind des östlichen Ghetto, und seine ersten Kenntnisse erwarb er im Glieder und in der Jcschibah. In der Kleinstadt Bichow (Kreis Mohilew) geboren, trieb es ihn fort, aus dem klebten engen Gassen, in die große Welt, um auch allmenschliche Kultur kennen zu lernen. Einem Zufall ist es zazuschrelben,; daß Schulmann weiten jüdischen Kreisen bekannt wurde. Der Sekretär Moses Montefiores, Dr. Löwe, darf dieses Verdienst für sich in Anspruch nehmen. Schulmann war nämlieh Verfasser einer Bittschrift für ausgewiesene jüdische Dorfbewohner, welche an Montefiore, der damals in Rußland weilte^ zwecks Intervention gerichtet wurde. Der außerordentlich schöne Stil erregte die Aufmerksamkeit Dr. Löwes, machte Schulmann in den schöngeistigen Kreisen von Wilna, dem damaligen Zentrum der hebräischen Literatur, bekannt Dieses Ereignis beeinflußte auch seinen Werdegang. Der Stein war ins Rollen gekommen und Schulmann wurde einer der beachtetsten Schriftsteller jener Epoche. Schulmann gelang es im Gegensatz zu den anderen Meistern der Haskalah-Periode, auch in die Kreise der Orthodoxie einzudringen, welche sich jeder Aufklärungsarbeit gegenüber hermetisch verschloß. Während seine Zeitgenossen mit allen erdenklichen Mitteln sich von den Quellen der alten Ueberheferung lossagten, um in ihrem Schaffen die ״europäische“ Nuance zu erreichen, war für ihm Hebräisch Selbstzweck. In allen seinen Schriften ist der Grundsatz vorherrschend, daß ״der geläuterte Glaube nicht feindlich der Aufklärung ist“, ferner ״daß Judentum und Menschheit, auf der Basis einer reinen Heiligkeit vereinbar sind“. Ein nicht deutlich ausgesprochener origineller Nationalismus zeichnete seine Schriften aus, welche von Juden aller Schattierungen gelesen wurden und ach eines großen Einflusses rühmen konnten. — Sein hebräischer Stil war klassisch meisterhaft, angelehnt an den biblischen Sprachschatz, welchen er zu erweitern suchte. In diesem Zusammenhänge sei sein erstes Werk erwähnt, unter dem Titel ״Safa Berura“. Der Titel offenbart den Zweck. Dieses Buch enthält originelle und übersetzte sogenannte ״Melizoth“ (etwa Essays), kurze Naturschilderungen usw., welche im Grunde nur der Sprache als Selbstzweck dienen. — Um der Jugend za beweisen, daß die hebräische Sprache lebendig ist, unternahm Schulmann die Uebersetzung des bekannten französischen Romans ״Die Geheimnisse von Paris“ ins Hebräische, was ihm auch gelang. Dieses Bad» erregte bemerkenswertes Aufsehen und wurde auch von maßen Dichtern wie ״Adam Hakohcn Lebensohn“, sdnem Sohn ״Michl“ (M. J. Lebcnsohn) besungen. — Er wählte gerade Französisch ״die Mutter aUer Weltsprachen“, um der jüdischen Jugend das lebendige Hebräisch vertraut zu machen, welches auch höchste europäische Literatur v/iederzugeben vermag. —

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