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Jüdische Rundschau · 1929-03-22 · Heft 23 (22.3.1929) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 23 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 148 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 23, 22.HU929 Fan besonderes Augenmerk widmete er dem Gebiete praktische Kenntnisse, wie Geschichte und Geographie. Der Initiative der ״Gesellschaft rar Verbreitung■ von Wissen unter den Juden Rußlands“ folgend, schrieb er seine neunbändige Weltgeschichte ,,Diwrt: jmcj olam“ nach Prof. Weber' u. a. Da Hebräisch das einzige Mittel zur Vermittlung von Welt- Wissenschaften unter den Juden darstellte, kann man sich leicht den Erfolg dieses Werkes von Schulmann verstellen, ebenso seiner Geographie von Rußland, unter dem Titel ״M’chkrei erez Rusjah“. Die ersten Kenntnisse der Geschichte und Geographie in weite jüdische Kreise getragen zu haben, ist Schulmanns besonderes Verdienst. — Die eigentliche Bedeutung■ seines Schaffens jedoch finden wir in seinen Schriften mit jüdisch-historischem Inhalt. Wenn er auch hier nicht originell ist, vielmehr als Uebersetzer und Sammler fungiert, sind diese literarischen Arbeiten am bemerkenswertesten. Das jüdische nationale Moment, welches der Verfasser intuitiv herausstreicht, spricht in allen Zeiten und Perioden mit. Damit wurde Schulmann vielleicht auch der Schrittmacher für die spätere ״Chibath Zion‘‘-Bewegung, welche den modernen Zionismus in ihrem Schoße barg. — ln diese Kategorie seiner Arbeit gehört auch die liebersetzimg von Flavins’ ״Milchamoth hajhudim“ und ״Kadntoriijoth hajhudim“. (״Die jüdischen Kampfe gegen Rom“ und ,.Jüdische Altertümer“.) Wenn wir jetzt diese Werke von S i m c h o n i in einer vollständigeren und anspruchsvolleren . Uebcrsctzung vor uns haben, so bleibt Schulmann das historische Verdienst der ersten liebersetzung von Werken, welche die letzten Anstrengungen eines Volkes für sein Recht und seine Freiheit anschaulich schildern. Von einem nationalen Gefühl ist auch sein Buch aus der Zeit des Bar-Kochba-Auf- Standes unter dem Titel ״Harisoth Bitar“ getragen, welches besonders der Jugend zur Entwicklung des nationalen Selbstbewußtseins verholten hat — Seine vierbändige Geschichte der jüdischen Geistesheroen seit dem ״goldenen Zeitalter“ (Toldoth chachme Israel) zeigte besonders den orthodoxen Kreisen, daß im Judentum auch andere Persönlichkeiten wirkten, als diejenigen, welche *ihnen von der religiösen Seite allein bekannt waren. Diese einseitig Orientierten sahen plötzliche jüdische Gelehrte als Kulturträger auch nichtreligiöser Wissenschaftsgebiete. — Schulmann machte auch den Versuch, Oratzs Geschichte der Juden ins Hebräische zu übersetzen, kam aber über den Anfang nicht hinaus, da die Ansichten von Orätz und Schulmann nicht harmonierten und Schulmann die Aenderungen von Prof. , Grätz nicht akzeptieren wollte. Dies ist der religiösen Auf- S* fassung von Schulmann zuzuschreiben. — Auch einer kurzen 0״Geographie von Erez-Israel soll Erwähnung getan werden, ,*’“‘vclrfie Schulmann zum Verfasser hat — ®יי*" Alle seine Werke zeichnen sich durch ihre poetische auch,rache, nationales Gefühl, mitunter auch religiösen Eifer de* jk. Er kann mit Recht als geistiger Pionier der ״Chiboth?ז j’i "־Bewegung bezeichnet werden. Schon in den letzten vna aas, sejnes Schaffens (1891—96) schrieb er unter dem Einfy!f*cruntiieser neuen Bewegung einige Aufsätze über Palästina- «lern zu l fjje> obwohl literarisch weniger bedeutungsvoll, doch t3”** ,26"'istige Richtung kennzeichnen. — Aroelterorgs Schaffen brachte dem hebräischen Leser Verständvor menere Forschungen bei, knüpfte Verbindungen zwischen Plan ausgearv,(! Weltkultur an, schuf aber auch die Atmosphäre gemustert uncganges von ״Hashalah“ zu nationalem Streben, Kdanicn e’ei1m "csonders rtigute halten muß. — ׳ di« Stadt entli —-► sfjjrkt — also 1 in der Freien Jüdischen Volkahochsdmle Die ״Frei c j’ö tl 1 s cf! e Volksho c 11 schule“, die sich schon des öfteren yn dankenswerter Weise für jüdische Musik eingesetzt hat, veranstaltete im Brüdervereinshaus einen groß und interessant; angelegten Abend unter dem Titel: ״Das ostjüdische Volkslied“,( der von Leo Gollanin und Dr. Sc ha- 10m Hild eshci'.mer bestritten wurde. Ob die Durdyiührung dieses Abends 'dem.Thema ganz gerecht wurde, m(ag dahingestellt bleiben. Schalom Hildes־ Reimer — der bekanntlich ein ausgezeichneter Redner ist — sprach in seinem _einleitenden Vortrag mehr vom Volkslied als solchem als vom jüdischen Volkslied im besonderen. Leo Golianin, der bekanntlich ein Sänger mit unnachahmlichem Vortrag voll Grazie und Hnraor ist, sang eine Reihe volkstümlichster ostjüdischer Lieder, von denen jedoch nur wenige ein Anrecht auf den Ehrentitel eines echten Volksliedes zu haben scheinen. Von dies«! wenigen sind wohl überdies die wenigsten alt und ursprünglich jüdisch. Völlig rätselhaft ist aber, und man muß immer wieder aufs schärfste dagegen protestieren, daß ein Musiker wie Herr Gallanin diese Lieder immer wieder in den gleichen schaurigen Bearbdtungen*) singt und daß ein Musikverständiger wie Herr Dr. Hil aesheimer'diese Bearbeitungen dem. Publikum noch als besonders gut empfiehlt. Immerhin wies Herr Dr. Hildesheimer In seinem Vortrag darauf hin, daß diese Lieder ״eigentlich“ unbeglätef. gesungen werden müßten. (Das hat ein bekannter ostjüdlschcr Sänger auch längst mit Erfolg in den Konzertsälen der Großstädte getan.) Nun, wir sind darauf nicht unbedingt angewiesen. Fs gibt immerhin heute schon eine Reihe außerordentlicher Bearbeitungen ostjüdischer Volkslieder (z. B. von Ravel, Milhaud und Weprik). Hildesheimers Behauptung, daß ,^moderne Harmonien“ noch weniger zu ostjüdischen Volkshedern paßten a?> ״einfache Dreiklängc“, ist nidit gerade einleuchtend. Was heißt überhaupt: ״moderne Harmonie“? Das ist doch kein einheitlicher Begriff, und sofern man sich schon auf Wm: Bearbeitung der Lieder einläßt, kommt es doch nur darauf an, daß sie aus dem Wesenskern der' Melodie geboren und im übrigen - inspiriert ist Ob Dreiklänge, Quartakkorde oder freie atonale Linien unter den Melodien liegen, wird jedem Menschen mit gesundem musikalischen Instinkt egal sein. Wenns gut ist, merkt mans schon. Aber der Grund, daß gerade diese Bearbeitungen gewählt wurden, liegt wohl weniger darin, daß sie moderneKlänge vermeiden, als darin, daß sie effektvoll sind. Und dies ist auch der Einwand, der gegen diesen Abend erhoben werden muß: er zielte längst nicht so auf sachliche Orientierung, als auf Erfolg hin, den er ja auch in vollstem Maße erreichte. Schalom Hildesheimer betonte in seinem einleitenden Vortrag, der die notwendigsten Aufschlüsse in populärer Form gab, das Fluktuierende der Melodien der Völker, Er wies das sehr amüsant an einer mittelalterlichen Melodie nach, die sich erst in ein deutsches Volkslied, dann in eine Mozart-Arie, dann in ein Operettenmotiv von Offenbach ver• wandelte, um schließlich — in Mol! umgewendet — die Melodie von Haäkwah zu ergeben. Ein netter Scherz (wenn er auch etwas an die ethymologische Methode: alopex, iopex, opex, pex, pux, Fuchs erinnerte). Solche Wanderung einer Melodie hat der große Perez In einer wunderbaren Novelle beschrieben. Alice Jacob-Loewenson. *) Es handelt ach immer wieder um das ״Dudele“ usw., während die zwei Bearbeitungen von Nadel und Engel in ihrer Schlichtheit schon ausgenommen werden können. — ״In Glieder“ von Miiner ist überhaupt kein Volkslied. Es ist auch so bekannt, daß es an dieser Stelle keiner besonderen lobenden Erwähnung bedarf. ״Die Lieblinge Israels״ In der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums sprach Oberkantor Magnus Davidsohn über die jüdisehen Festtagsmelodien. Davidsohn versuchte den Hörem die Gebete, die ״Lieblinge Israels“, auch durch musikwissenschaftliehe Untersuchungen nahe zu bringen. Nur spärlich fließt die Quelle des Forschers. Denn von feordneten Synagogengesangswerken könne man in unserer lusikgeschichte erst seit 100 Jahren sprechen, etwa seit der Entstehung der ״Schire Zion“ von Sulzer um 1838. Mit der Festigung der staatsbürgerlichen Stellung der jüdischen Gemeinden in Deutschland ist das Bedürfnis nach einer künstkrischen Tempetmusik aufgttauchi Allerdings steht in diesen liturgischen Sammlungen Profanes und Heiliges unmittelbar nebeneihander. Man bedient sich, wenn es gilt, Echtes von Uebemommenem zu scheiden, der ״Steigertheorie“. Steiger sind Skalen, die etwa den Tonarten entsprechen, aber Halb- und Ganztöne anders aoordnen. Besonders zwei von ihnen kommen immer wieder vor. Die eine beruht auf drei nebeneinander liegenden Tetrachorden, die andere entspricht der äolischen Kirchentonart, also unserem reinen Moll. Die Zugehörigkelt zu diesen Skalen gälte als Kriterium für die Ehr- Würdigkeit einer Melodie, Mußte doch der Vorbeter sich bei den Modulationen und bei der freien Erfindung im Rezitativ in die Ordnung der Skalen fügen. In der Komposition hat man sich von der Tradition frei gemacht, ohne sie ganz zu verlassen. Das ergibt eigenartige Mischungen. Man braucht nur an das Birnbaumsche ״Haschiwenu“ zu denken, um neben Ueberkommenem, Remlniszenzen an Chopinsche Balladen zu finden. Andererseits hat die Tradition wie 1m ״Oien.u“ von Lewandowskidie große musikalische Form erzeugt, ln anderen Weisen stehe Volksliedmäßiges neben Slawischem. In wieder anderen, wie im ״Kol Nidre“, berühren sich traditionelle Chasones und Löwesehe Ballade. Leider blieb in dem sehr wertvollen und Wissenschaftliehen Vortrag Davidsohns die Frage unberührt, ob die Feiertagsmelodien von ihren Bearbeitern, dem wahren Charakter entsprechend, harmonisiert und gefaßt worden seien. Und ob die Fassung nicht allmählich veraltet sei. Man bedenke: die Werke sind zu einer Zeit geschrieben worden, in der die Mendelssohnsche Schreibart vorherrschte. Seit jener romantischen Epoche hat der musikalische Geschmack zahlreiche Wandlungen durchgemacht. Da liegt der Gedanke an eine Renaissance der jüdischen Liturgie in musikalischer Hinsicht nahe. Zumal man feststellen muß, daß die Gesänge mehr deutsch-romantisch als jüdisch eingekleidet sind. Die Stilfrage, deren Lösung bisher dem Zufall überlassen blieb, sollte als das zentrale Problem aller jüdischen Musik erkannt werden. Sicher hat Davidsohn recht, wenn er die an die Tür klopfende Jugend warnt, die ehrwürdigen homophonen Melodien in Bachscher Manier, also stark kontrapunktisch, zu setzen. Denn ob sie bei ihrer starken Anlehnung an den Orient der europäischen Entwicklung in bezug auf Harmonie und Mehrstimmigkeit überhaupt folgen können, ohne ihren Quell zu verschütten, kann heute hier nicht mehr erörtert werden. Erich-Walter Sternberg. Ausgeschlossen von den Kollekte* Erlebnissen der Völker Ein Wort in eigener Sache. Herr Wendriner, Peter finiter* oder ÜfeeobaM׳ fcül*t- Hcher Spießbürger jüdischen Glaubens, nimmt an den Kollektiv- Erlebnissen der Völker ungefähr denselben Anteil wie Herr Schulze oder Herr Schmidt: er begeistert oder ärgert sich, schreit hoch! oder nieder!, ist Patriot oder nicht, hält es mit der nationalen Zukunft und mit seiner Bequemlichkeit. Im Grunde ist er gar nicht erlebnisfähig, kein ״religiöser“ Mensch, weder Heiliger noch Ketzer, sonst wäre er nicht Herr Wen• driner. D& ihm nichts sehr tief geht, ist er überall mittenmang; in seiner einfachen Welt gibt es keine Problematik. Herr B. W. befaßt sich in der Jüdisch-Liberalen Zeitung mit meiner kleinen Broschüre ״Der Jude in der europäischen Weit“, die ais Heft 2 der Schriftenreihe der Jüdischen Rundschau erschienen ist. Die Broschüre versucht die Problematik des jüdischen Führers, des geistigen, schöpferischen jüdischen Menschen, der in einer nichtjüdischen Welt wirksam wird, zur Darstellung zu bringen und ihre Gründe aufzudecken. Seine Gefährdung, seine Kämpfe, seine Resonanzlosigkeit sind Gegen• stand der Untersuchung, nicht die Gefahren, die sein Auftreten für die Völker zur Folge hat oder zur Folge haben könnte. Nur durch Feststellung solcher Gefahren könnte die Stellung der Völker zu den Juden berührt werden. Es ist möglich, daß solche Gefahren bestehen, aber ist Führertum nicht stets gefährlich? Eine voraussetzungslose Untersuchung würde zu der Feststellung kommen, daß die Völker jüdischen Führern unendlich viel zu verdanken und ihnen manches vorzuwerfen haben. Herr B. W, scheint der Ansicht zu sein, daß schon die Fest- Stellung der problematischen Situation des jüdischen Führers eine Gefahr für die Stellung der Juden unter den Völkern be• deutet. ״Die Jüdische Rundschau," so schreibt er, ״sollte wirk• lieh einmal klarstdlen, weshalb sich ihre Oedankengänge eigentlieh von denen einer deutschvölkischeq Bewegung unterscheid den und weshalb denn aus ihrer Theorie so andere Schlußfolgerungen zu ziehen sein sollten, als aus den Ueberzeugungäi vornehmer Antisemiten.“ Und er schließt an diese Kritik seine stereotype Frage, wie derartige Gedankengänge sich mit der Existenz zionistischer Staatsbeamter vereinbaren ließen. Ich behaupte, daß meine Abhandlung die Sphäre des Staa• tes überhaupt nicht berührt. Ich erkläre, daß ich, als ich vom jüdischen Führer sprach, an noch so tüchtige Staatsbeamte keineswegs gedacht habe. Ich bin übrigens überzeugt, daß die Gewissensbedenken eines zionistischen Staatsbeamten kein«- wegs diejenigen eines monarchistischen Dieners der Republik erreichen dürften. Meine Broschüre beschäftigte sich lediglich mit den Juden, und zwar mit einer besonders gefährdetet! Kategorie von Judqn. Es handelt sich um ein inneres, sehr subtiles seelisches Pro• Wem, dessen Vorhandensein nicht nur von Zionisten behauptet, sondern von den bedeutendsten Juden empfunden und in einer der zionistischen Betrachtungsweise nicht fernen Art erklärt worden ist Mit diesem Problem haben sich Juden als Juden auseinanderzusetzen: es geht die Außenwelt gar nichts an. Vor allen Dingen kann man nicht, wie Herr wendriner es gewohnheitsmäßig tut, dazu vom Standpunkt des Schadens oder Nutzens, der guten oder schlechten Wirkung auf andere Steilung nehmen. Ich würde es begrüßen, wenn bedeutende Juden ihre Wirk״ samkeit mehr als bisher auf jüdische Gebiete verlegen würden. Ich bin überzeugt, daß sie und die Welt dadurch gewännen. Mein Glaube, daß Juden in einer jüdischen Welt die Resonanz finden würden, die ihnen in einer nichtjüdischen Umgebung fehlt, und daß die Folge eine ungeahnte Steigerung ihrer Kräfte und Möglichkeiten wäre, ist nicht Landesverrat, wir geben dem Staate, was des Staates ist. — Daß Herr B. W., der an den Feststellungen meiner Broschüre so überängstlich Anstoß nimmt, übrigens im gleichen Aufsatz den Zionisten vorwirft, sie hätten es nicht gern, daß man ihnen die logischen Konse• quenzen ihrer Anschauungen aufzdgt und bemühten sich, ״durch geschickte Dialektik sich selbst und der Umwelt einzureden, daß ihr Bekenntnis zum jüdischen Volk nicht etwa eine Entwurzelung in der deutschen Heimat bedeute“, ist etwas merkwürdig. Die offene, voraussetzungslose Behandlung jüdischer Fragen hat, nach 80 Jahren liberaler Apologetik, noch stets die Entrüstung aller Gesinnungsgenossen des Herrn Wendriner erregt und blieb jahrelang ein zionistisches Monopol Zum Schluß eine kleine Bemerkung, die, mir nicht übelzunehmen, ich B. W. bitte. Er war eine Zeitlang ais Mitglied des Blau-Weiß sozusagen mein Gefährte, dem ich volle Offenheit schulde. Die Anteilnahme am Geistesleben eines Volkes kann sich nicht auf die Feststellung beschränken, daß man ihm innig verbunden sei. Ein deutscher Schriftsteller sollte seiner Liebe zur deutschen Sprache dadurch Ausdruck geben, daß er ein wenigstens leidliches Deutsch schreibt. Daß Sie als deutscher Schriftsteller die deutsche Sprache mißhandeln, wie in Ihrer Kritik meiner Broschüre, Woyda, das ist nicht recht von Ihnen, Zwei Kort Tncholsky-Abeiide Kurt Tucholsky, der Mann, der mit 5 PS (nicht Pferde• stärken, sondern Pseudonymen) die Selbstgefälligkeit des Philisters, die Bösartigkeit der Justiz, die Qefährlicnkeit der Reaktion zeigt, geißelt, verlacht, las im Bechsteinsaal eine kleine Auswahl seiner Betrachtungen, Satiren, Parodien und lyrisch-polemischen Gedichte aus den Sammelbänden ,Mit 5 PS“ und ״Das Lächeln der Mona Lisa“. Dieser Mann mit der gut modellierten Stirn und den sprechenden Händen ist gleichermaßen Dichter und Gesellschaftskritiker, Nachkomme Heines und auch Scholem Alelchems. Me große Anziehung, die er auf weite Kreise ausübt, ist eine Folge seiner Lebendigkeit, der Reinheit and Unbestech- Iichkeit seiner Gesinnung, der Schärfe seines Verstandes und der Grazie seines Geistes — Eigenschaften, die hierzulande selten bei einem einzigen Menschen in dieser glücklichen Syothese vereinigt sind. Und er ist einer der mutigsten Geister in den Reihen der Intellektuellen, dem man dafür manches — feuilletonistische — Hinweggleiten verzeiht Tucholsky führte uns für 10 Minuten in das Leben des Herrn Wendriner ein. Ein unlyrisches Intermezzo ״Herr Wendriner betrügt seine Frau“, jener Herr Wendriner, der der Typus des Spießbürgers vom Hausvogteiplatz mit seiner kleinbürgerlichen Psychologie ist und der in Tucholskys Satiren immer wiederkehrt Er schildert darin eine kleine außerebeliehe Entgleisung, die Herr Wendriner damit sühnt, daß er der heimkehrenden Gattin einen kostbaren Pelzmantel — zur Beruhlgung seines schlechten Gewissens — schenkt Oder, um noch etwas aus der Fülle des Vorgetragenen herauszugreifen, in ״Wie benehme ich mich als Mörder?“ behandelt er das Problem der Todesstrafe und zeigt ihre Unmenschlich*• keit in parodistischer Form- Formal sind diese Aufsätze kleine stilistische Perlen, und Ihre Sprache ist ein Meisterwerk an Ausdrucksfähigkeit, Feinbörigkeit Elastizität und Verve. Tucholsky kennt wie kein anderer die Psychologie des kleinen Mannes, die politische Rückständigkeit der Provinz und die Unbelehrbarkeit der Professoren. Una er kennt Frankreich, das nicht Paris ist und dessen großes Kräftereservoir in der Provinz steckt An einem zweiten Abend hielt er im Rahmen der ״Liga für Menschenrechte“ einen Vortrag über Deutsch* ]and uro Frankreich, bzw. über den ״Bindestrich zwischen den beiden Ländern: lind der ist sehr dünn“, ln einer bei• militärische, diplomatische und. proletarische rränkriieh — Tucholsky Welt sich in den letzten fünf Jahren in Paris aut und machte gelegentliche Reisch in die französische Provinz — kennen, was er über die deutsch-französische Verständigung sagte, gehört zu dem Beherzigenswertesten, was hierüber bis jetzt gesagt wurde. Er glaubt an dieses ״Salonrapprochement“ überhaupt nicht, sieht auch für diese beiden so verschieden ge• arteten Völker keine Möglichkeit, sich jemals wirklich ml Wesen zu verstehen, aber ״wenn man sich nicht lieben kann, muß man sich deshalb ins Gesicht schießen?“ Ein dauernder Friede kann seiner Meinung nach nur durch die Verständigung und den Zusammenhalt der beiden Proletariat«: gewährleistet werden. Er warnt vor der täuschenden Oberfläche des Pari• tismus, der im gegebenen Augenblick in sich zusammenfaDen muß, da er nur von einer dünnen intellektuellen Oberschicht getragen wird, und auch da nicht mit allen Konsequenzen. Dieser Jude Tucholsky hat Deutschland, hat West• europa noch manches zu sagen. Und es gibt heute nicht viele Tucholskys. Anja Aschkenasy. Franz Oppenheimer verliBt Frankfurt In diesen Tagen scheidet Professor Franz Oppen• heim er, der zehn Jahre lang den soziologischen Lehrstuhl an der Frankfurter Universität innehatte, von seiner bisherigen Wirkungsstätte. Die ״Frankfurter Zeitung“ bemerkt hierzu: Sein Fortgang ist nicht für die Universität allein, sondern für Frankfurts geistiges Leben überhaupt ein schmerzlicher Ver• lust. Der bedeutende Gelehrte hat in Frankfurt nicht nur sein größtes und geschlossenstes Werk, sein ״System der Sozio- Jogie", ausgearbeitet und vollendet, sondern sein Wissenschaftliches und didaktisches Wirken schuf hier einen bedeutsamen Brennpunkt sozia!wissenschaftlich-tl1eoretischer Arbeit. Eingesandt Breslau, den 7. März 19». Sehr geehrte Redaktion! Nach dem Bericht, den Sie in Ihrer Nummer 17 vom 1. März 19» über den Außerordentlichen Delegiertentag des deutschen Misrachi gebracht haben, soll Herr Dr. Rabm auf der Tagung folgendes gesagt haben: ״Es beständen besonders in Breslau große Schwierigkeiten, da bei den zionistischen Vertretern m der Gemeinde kein Verständnis für die religiösen Forderungen vorhanden sei. Er (der Redner) gibt zur Erwägung, ob in solchen Fällen der Misrachi picht verpflichtet sei, selbständig innerhalb der Gemeinde vorzugehen.“ Wir erklären dazu folgendes: Dem Vorstande der Gemeinde gehören ein Misrachist und Herr Dr. Hugo Schachtel an. Der Repräsentanten- Versammlung gehören eine Misrachistin und die drei andereu Unterzeichneten an, Uns ist kein einziger Fall bekämpf, in dem in religiösen Fragen die Misrachisten im Vorstände oder in der Repräsentanten-Versammlung anders gestimmt hätten oder für eine andere Abstimmung eingetreten wären als die übrigen Zionisten. Herr Dr. Rabin wird seine Be• haimtung mit keinem einzigen Fall belegen können. Wir bitten Sie, diese Erklärung in ihrem Blatte zu veröffentlichen. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Hugo Schachtel. Max Jacobsohn, Rechtsanwalt Samuel Nothinann! Rechtsanwalt. Joseph Marcus, Reg.-Rat.

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