Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 23 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 22.1Ü. 1029 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite!45 Einsteins Geburtstag Namens der Z. V. f. D. schickte Kurt Blumenfeld aa Prof. Einstein folgendes Schreiben! Berlin, den 14 Mint 1929. Sehr verehrter und Heber Herr Professor Einstein! In Dankbarkeit und in Freundschaft beglückwünsche ich Sie heute. Ich wünsche Ihnen Gesundheit und Kraft zu neuem Schaffen. Sie kennen gelernt zu haben, war mir ein Glück, und jedes Zusammensein mit ihnen bedeutet für mich eine lebendige und freudige Erinnerung. Heute werden Sie besonders deutlich fühlen wie stark Sie auf Menschen gewirkt haben und wie lieb Sie aUe haben, die mit Ihnen in Berührung gekommen sind. Empfinden Sie auch, daß ein warmer Strom von echter Zu• nelgung aus der Welt zu Ihnen dringt, die dem jüdischen Volke in Palästina sein neues Leben bereiten will. Wir Zionisten haben das Bedürfnis. Ihnen bei Ihrem 5י. Geburtstage zum Bewußtsein zu bringen, daß ihr Eintreten für unser werk zu den echten Leistungen Ihres menschlichen Wirkens gehört. Der Brief Ussischkins drückt aus, was viele Tausende empfinden. Für den Einstein-Wald sind bis jetzt 1000 Bäume von bekannten und namenlosen Verehrern gestiftet worden. Unsere Landesstelle des Keren Kajemeth Lasrael (Jüdischer Nationalfonds) sendet Ihnen als bescheidenes Geschenk einen Korb; die hebräische Inschrift besagt, daß Erez-Israel Ihnen seine Früchte als Gruß zu Ihrem Geburtstag schickt Zur Erinnerung an ihre Palästina• rejse erhalten Sie in einigen Tagen ein Album mit Bildern aus unserem Lande. Mit meinen Wünschen vereinen sich die Glück• wünsche der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. In Treue und Verehrung bin ich Ihr Ihnen herzlich ergebener gez. Kurt Blumenfeld. * Prof. Einsteins Antwort auf Blumeafeids Brief lautet: Berlin W, den 20. März 1929. An die Zionistische Vereinigung für Deutschland. Lieber Herr Blumenfeld! Der künstlerisch geschmückte Korb mit den prächtigen Er- Zeugnissen unseres geliebten Landes hat mich mit Freude und Rührung erfüllt Es ist ein Symbol dafür, daß die heißen Bemühungen und die schwere Arbeit wirklich schon Früchte getragen naben. Hoffen wir. daß Menschen, Tradition und Sachen in Erez-lsraei so vortrefflich und echt sein werden, wie der Inhalt dieses Korbes. Ihnen, Herr Blumenfeld, herzlichen Dank für die warmen Worte. Ich weiß, daß mein bißchen Wirken für die heilige Sache maßlos überschätzt wird. Die Gabe, auf Menschen zu wirken oder gar zu führen, ist mir überhaupt nicht gegeben. *Wenn etwas von mir wirkt, dann sind es einige unpersönliche Einsichten, die mir im Laufe des Lebens zuteil geworden sind. Mit herzlichem Dank und Gruß! Ihr gez. A. Einstein« * Prof. Albert Einstein stellt ans nachfolgenden Briet zur Verfügung, den er von M. M.Us6ischkin erhalten hat: Jerusalem, den 3. März 1929. Hochgeehrter Herr.Professor! . Ich habe In meinem Leben schon viele Oratulationsbriefe sonnehkeMeB wie •וסמי‘ än:Mstituti«»C^51ätibe1L§ie. auvuß mir noch kein Glückwunschschreiben so viel Freude bereitet hat als das heutige, wo ich Sie zu Ihrem 50. Geburtstag begrüße. Ich sage offen, ich begrüße in Ihnen nicht den genialen Gelehrten ~ das mögen andere tun — ich begrüße ln Ihnen den Juden, der einen Wendepunkt in der Geschichte der Juden bedeutet In unserer viertausend jährigen Geschichte aben wir eine große Anzahl genialer Männer gehabt Männer jedoch, die sowohl in der Welt berühmt wie auch mit Ihrem ganzen Leben mit den Juden, dem Judentum und seinen Interessen verknüpft waren, hatten wir nur zu der Zeit, wo wir dn selbständiges Volk ln unserem Lande waren. Die Propbeten Moses, Jesaja, Jeremias, König David sind in der Ge• schichte der Menschheit verewigt; sie sind aber auch verewigt in der Geschichte des jüdischen Volkes, dem sie entstammten. Seit wir unser Land verlassen haben, haben wir ebenfalls eine große Anzahl genialer Männer hervorgebracht Aber diese waren entweder innerhalb ihres Volkes groß und In der all* gemeinen Geschichte der Welt unbekannt oder sie waren berühmt in der Geschichte der Welt ihrem eigenen Volke aber waren sie nichts und sogar oft schädlich. Ich will keine Namen nennen, es ist aber nicht schwer, diese zu erraten. Das Gesagte gilt nicht nur für die Verstorbenen, es trifft auch für viele Lebende zu. Da kamen Sie und haben ein neues Blatt in unsere Geschichte eingefügt ein genialer Mann, der als Wissenschaftler von der ganzen Welt bewundert wird, und sich zur gleichen Zeit stolz zu den Interessen seines jüdischen Stammes, des jüdischen Landes und der jüdischen Zukunft bekennt. Ich persönlich habe das große Glück erlebt Sie in diesem Lichte zu 6ehen, sowohl in den großen Meetings in Amerika, wo Sie unsere nationalen Forderungen für den Aufbau des Landes proklamierten, wie auch in der historischen Versammlung auf dem Berge Hazofim, wo ich den Vorsitz führte, und Sie die erste Vorlesung der zukünftigen hebräischen Universität abhielten. Als Sie Ihre Vorrede in unserer nationalen hebrlisehen Sprache begannen, waren die Augen der anwesenden Juden mit Trinen gefüllt, und die Augen der versammelten Nichtjuden ruhten voller Bewunderung auf dem Lehrer, der mit seiner Vorlesung über die höchsten Probleme der Wissen- Schaft auch die Ewigkeit des jüdischen Volkes und seiner hebräischen Kultur proklamierte. Ich bin sicher, daß im Moment Ihres 50. Geburtstages die Herzen von Millionen unserer jüdischen Brüder höher schlagen in Liebe für Sie und in der Hoffnung, daß ihnen besemeden sei, noch viele, viele Jahre voller geistiger und phvgischer Kräfte zu erleben und der Stolz der ganzen Welt wie des jüdischen Volkes zu sein. Meine Kollegen im Direktorium des Keren Kajemeth senden Ihnen gleichfalls ihre besten Glückwünsche. Wie Sie wissen, wurde beschlossen, zum Andenken an Ihren 50. Geburtstag einen Einstein-Wald in unserem Lande zu pflanzen. Die Jahre werden vergehen, unser Land wird nicht mehr Palästina, sondern Erez-Israel heißen; es wird mit Millionen unserer Brüder besiedelt sein, die sich frei und stolz als Juden entwickeln können. Die Wissenschaft wird in unserem Lande sich zur hohen Blüte entfalten. Im Schatten des Einstein- Waldes werden Schüler mit Ihren Lehrern Erholung suchen. Und die Lehrer werden mit den Schülern die Geschiente trnseres Volkes, der tausendjährigen Galuth erzählen, bis die Juden nach vielen Leiden und Prüfungen ein freies, selbständiges und kulturell hochstehendes Volk geworden sind, das keinem anderen Volke der Erde nächsten!. Sie werden auch der düsteren Zeiten gedenken, wo die großen Männer Israels sich von ihrem Volke abwandten. Als einen Lichtpunkt aber werden sie den Namen des Mannes preisen, dessen Andenken dieser Wakl bewahrt, mit dem eine neue Epoche in der Ge• schichte unseres Volkes begonnen hat, und der in seiner Person den großen Menschen und den großen Jaden vereinigte. Sein Name wird unvergänglich sein. Ihr sehr ergebener gez.: M. Ussiscbkin, Vorsitzender des KKL-Direktoriaaif. * Die Jüdische Oemeinde Berlin richtete an Professor Albert Einstein das folgende Schreiben: ״Hochgeehrter Herr Professor! Zur Vollendung Ihres 50. Lebensjahres sprechen wir Ihnen namens der Jüdischen Gemeinde unsere herzlichsten Glückwünsche aus. Wir empfinden es als höchste Ehre, daß Sie, ein Gelehrter von Weltruf, dessen epochale Forschungen die ganze wissenschaftliche Welt bewegen, nicht nur unserer Gemeinschaft s'ets in Treue angehört haben, sondern auch Ihre Kräfte jüdischen Werken weihen. Möge es Ihnen auch fernerhin vergönnt sein, wie bisher unverdrossen zum Ruhme der Wissenschaft und des Judentums zu wirken. In ausgezeichneter Hochachtung: Vorstand der Jüdischen Gemeinde Berlin, gez.: Kareski; Repräsentantenversammiung der Jüdischen Gemeinde, gez.: Stern.“ * Die Hebräische Universität In Jerusalem richtete an Albert Einstein ein Begrüßungsschreiben, in welchem sie dem Menschen, dem Wissenschaftler und dem Juden Albert Einstein ihre tiefe Verehrung und Würdigung darbringt. Begegne man dem Namen des Forschers in allen Universitäten der Welt, so rühme sich die Jerusalemer Universität mit ganz besonderer Dankbarkeit ihrer nahen Beziehungen zu Albert Einstein, der vom frühesten Beginn der Hebräischen Universität an dieser helfend und lehrend zur Seite stand. Die Universität sei stolz darauf, daß das Mathematische Institut den Namen des großen Forschers trage und gebe der Hoffnung Ausdruck, in Prof. Einsfein auch weiterhin einen Helfer und Förderer verehren zu dürfen. Leo Molzkin an Einstein Paris, 17. März. (J.T.A) Leo Mofzkln hat41״s Präsident des Zionistischen Aktions-Comitds ein Begrüßungstelcframm an Einstein in hebräischer Sprache gesandt Ein zweites elegramm sandte er an Einstein im Namen des Komitees der jüdischen Delegationen, in welchem er von der Verbundenheit Einsteins mit den jüdischen Massen spricht und Einstein als den Stolz des jüdischen Volkes bezeichnet Innerhalb der Zionistischen Organisationen in Europa und Amerika werden Sammlungen für den Einstein-Wald durchgeführt Die Not der rassisch-Jüdischen Emigranten Am 18. März, fand ln Berlin eine Zusammenkunft führen* der jüdischer Persönlichkeiten Deutschlands mit den Führern der russisch-jüdischen Kolonie ln Deutschland statt um über Maßnahmen zu beraten, die der unsagbaren Not der russischjüdischen Flüchtlinge, die hauptsächlich der Intelllgenzschicht und den früher gehobenen Klassen des russischen Judentums angehören, sbzuhelfen wäre. Dr. Max Soloweitschik die «§!1!^ Zurück: gibt Cie Jugend, di« sich In Westeuropa ausblldet wird sich früher oder später Her verwurzeln. Die Alten aber, denen infolge ihres Bildungsgrades, ihrer früheren gesel'schaftlichen Position, ihres psychischen Zusammenbruchs und der in Westeuropa bestehenden Bedingungen eine Verwurzelung nicht mehr möglich Ist werden für längere Zeit ein Objekt der Fürsorge sein. Dr. Oskar Cohn sprach von der schicksalsmäßigen una blutmäßigen Verbundenheit der Juden und regte eine Darstellung des Problems der russischen Juden in den Gemeindeblättern an. Heinrich Stern betrachtet die russischen Juden nicht als Gäste, sondern als Brüder. Stets flutete ein Strom geistigen Lebens hinüber und herüber. Arbeit an Gemeinschaftsaufgaben ist Pflicht jüdischer Brüderlichkeit Dr. Kahn, vom Vorstande des Verbandes russischer Juden, schilderte die Lage des Verbandes und seiner Schützlinge und berichtete über erschütternde Tragödien unter den Flüchtlings* familien. Dr. Alfred Klee führte aus, das Russische Judentum hat seine Pflicht gegenüber dem deutschen Judentum schon einmal in großzügiger Weise erfüllt Als das deutsche Judentum in den Inflationsjahren am Boden lag and nicht die Mög* Uchkeit hatte, seine notwendigsten Erziehung*• und Wohlfahrtseinrichtungen zu halten, da war es das American Joint!Distribution Committee, welches diesen Institutionen zum Durchhalten verhalt Wer aber ist Joint? Doch nur die nach Amerika eingewanderten russischen Juden. Wenn das deutsche Judentum die von Joint erhaltenen U/j Millionen Mark auch nur mit 6 •/« verzinst, so ergibt dies eine jährliche Summe von 90000 Mark. Es ist dies eine Schuld, die an die russischen Juden in Deutschland abgegolten werden müsse. Rabbiner Dr. Emil Cohn schilderte aus eigener Erfahrung die großartige Form der Selbsthilfe, die der russisch-jüdische Verband leistet. Man dürfe es nicht zulassen, daß eine solche hohe menschliche Leistung ins Wanken gerät. Die Berliner Jüdische Gemeinde müsse hier mit einem Beispiel vorangehen. Rabbiner Dr. Fr ei mann gab die Anregung, daß am kommenden ,Schabboth Hagadol“ sämtliche Rabbiner von der Kanzel herab das deutsche Judentum an «He Pflicht gegenüber den russischjüdischen Brüdern gemahnen sollen. Frau Minna Schwarz gelobte im Namen der deutsch-jüdischen Frauen und der Schwesternkreise der Logen tätige Mitarbeit Der Syndikus des Verbandes russischer Juden Dr. Goldenweiser verlas Zustimmungsschreiben von Direktor Oscar Wassermann, Rabbiner Felix Goldmann-Leipzig, Max Warburg- Hamburg, Justizrat Dr. Blau-Frankfurt a. M., Direktor Julius Schindler-Hamburg, James Simon, Rabbiner Dr. Baeck, Prof. Georg Bernhard, Jakob Goldschmidt Justizrat Dr. Brodnitz, Konsul Dr. Tsi Kahn-Jaffa und Direktor Wilhelm Kleemann, und schlug die Bildung eines Reichsausschusses zur Förderung des Hilfswerks des Verbandes vor. Nach einer Rede des früheren jüdischen Ministers für Litauen Dr. Rachmilewitsch und einer Erwiderung von Dr. Klee wurde ein Ausschuß aus folgenden Persönlichkeiten gebildet: Professor Albert Einstein (Ehrenvorsitzender), Rabbiner Baeck, Justizrat Brodnitz, Rabbiner Bergmann, Oscar Cohn, Rabbiner Emil Cohn-Bernhard, Rabbiner Freimann, Rabbiner Hildesheimer, Dr. Isi Kahn, Wilhelm Kleemann, Alfred Klee, Heinrieh Stern, Frau Minna Schwarz, Oscar Wassermann, Rabbiner Weiße, Arnold Zweig, Justizrat Bhu-Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. F. Goldmann-Lapzig, Direktor Julius Schindler-Hamburg. Aus Anlaß des 55. Geburtstages von Dr. Stephan S. Wise, der auf den 17. März gefallen ist haben die Freunde des Jubilars beschlossen, eine seinen Namen tragende monumentale Synagoge mit einem Kostenpreis von zwei Millionen Dollar erbauen zu lassen. Ein Grundstück im Umfange von 33 000 Quadratfuß wurde bereits für eine Million Dollar erworben. Die Juden in Karpaihorugland Tschechoslowakischer Brief. Von Kar! Baum. Prag, 20. März 1929. Man kann nicht sagen, daß das laufende Jahr für das politische Leben der Juden besonders ereignisreich zu werden verspricht Die Erregungen des Wahlkampfes um die Mandate in die Landesvertretungen, von denen jüdische Parteien in der Slowakei und Karnatnorußlaad drei erobert haben, sind heute, nach einem Vierteljahr, abgeklungen. Der Wechsel im Unterrichtsministerium ist bedeutungsvoll nur für Jenen kleinen Kreis der Politiker und Kulturarbciter, denen die Bedeutung des jüdischen Schulwerkes in Wirklichkeft klar ist —, die parlamentarische Krise scheint auf einige Monate hinaus überwunden und die Neuwahlgerüchte, die sieh gegen Ende des Jahres 1928 verdichtet hatten, sind versch wunden. Ereignisreich Ist also das politische Leben des tachechoslowakischen Judentums jetzt nicht Dafür weist es in den letzten Wochen einige besonders originelle Erscheinungen auf. In Karpathorußland Ist ein Gründungsfieber aus׳- der Wirtschaftsgeschichte kennen. Es bezieht sich “gar nicht auf die Wirtschaft, am wenigsten auf die Wirtschaft und die wirtschaftlichen Verhältnisse des karpatharussisebea Judentumes, Es bezieht «ich auf die Gründung von politischen Parteien. Zu den Landtagswahlen am 1. Dezember 1928 hat die Agrarpartei, der die jüdischen Stimmen in Podkarpateka Rus die Koalitionsmehrhat sichern, zwei jüdische Parteien aus dem Boden gestampft, die Partei der ״Jüdischen Agrari er“ und die ״Jüdische Wirtschaftspartei“. Beide Parteien waren programmfos. Was sie ihren Wählern als Programm vorsetzten, lief darauf hinaus, daß man die Regierung wählen müsse, weil dies die Tradition des Judentums und weil man außerdem zur Opposition zu schwach sei Was sie ihren Wählern versprachen, trug von vornherein den Stempel des Wahlversprechens: es wurde später nicht ei־־ füllt. Mit diesen beiden Parteien, die von den einander feindliehen Rabbinergruppcn von Munkacz und Saplonsk unterstützt waren, sicherte sich die Agrarpartei zwei Sitze in der neuen Landesvertretung unter Anwendung von Mitteln, die den Balkancharakter der politischen Verhältnisse in Karpatiiorußland neuerdings bestätigten. — Das karpathorussische Judentum, das bisher nur eine, die jüdische Partei, gekannt hatte, jene Partei, die nur durch Regierungsgeld bei den Parlamentswählen im Jahre 1925 hatte zerbrochen werden können, weil sie einen Willen zum Volk und ein Programm für das Volk, freilich aber keine Führer hatte, und deren kümmerlicher Rest bei den Wahlen des Jahres 1928 nur noch 9003 allerdings ehrlicher Stimmen auf sich vereinigte —, das karpathorussische Judentum war auf einmal im Besitze von drei Parteien, der ״Jüdischen Partei“, der ״Jüdischen Agrarpartei" und der ״Jüdischen Wirtschaftspartei“. Die politischen Rabbiner haben eine feste Form ihres Einflusses auf die jüdische Masse, den politischen Ausdruck dieses Einflusses und ihrer ertragreichen Beziehung zu den Kreisen der Regierung gefunden. — Die Agrarier, die anstreben, das Land immer mehr unter ihren Einfluß und in die Botmäßigkeit ihrer Partei zu bringen, hätten nun zufrieden sein können. Sie brauchten für ihr* Aktion gegen die ruthenische Mehrheit, die vor allem auf die AlkohoHsierung des flachen Landes und die Etablierung eines tschechischen Schulwerkes in nlchttscheehischen Gegenden aufgebaut war, nicht sdbä' *§• *«SW1». -iÄSle ׳ *tiaite den Juden, der kein Hais־ und Hofjude mehr, sondern eh» Parteijude Ist und diese Entwicklung mitmachen mußte, wefl er der wirtschaftlich Schwächere in einem Kampf um die nationale Selbständigkeit war, den er ursprünglich, ln de# Nachkriegsjahren, zu führen gedachte Dieser Jude Ist zum Hauptträger des Schankgewerbes geworden^ dieser jüdische Agrarier ohne Land, ohne Ahnung von den Erfordernissen der Landwirtschaft, dessen Agrariertum in nichts besteht als In einer tragischen Sehnsucht nach Boden und Verwurzlung, diesem jüdischen Menschen, der einer kulturellen Erneue-ung ebenso würdig ist wie jeder andere Mensch, ist die Unglückliehe Rolle zugefallen, sich selbst sein Grab, das Grab seiner national-kulturellen Erneuerung, seiner poTischen Sicherheit, seiner wirtschaftlichen Erhebung aus dem Elend des Lumpen- ־' י' י ׳ ־׳־*־ * ’ * ‘ * ' ' ׳ "ז oder dessen Muttersprache die ungarische Ist, dieser Jude, dessen einziger kultureller Ausweg die Forderung nach einer jüdischen Schule sein kann, weil sie allein ihm die Sicher*• heit gibt, inmitten dieses Wirrwares von Völkerschaften, dieser Jude ist dazu gelangt. Im Namen der Karpathorußland tochecMsierenden Agrarier und ln ihrem Aufträge ein tschechisch« Schulwerk zu fordern und sich damit in Gegensatz zu bringen zu der Mehrheitsbevölkerung, in deren Kreis er lebt: zu den Ukrainern und Rumänen. Die Agrarier haben an dem heutigen Stand des Destruktionsprozesses nicht genug, in den sie das karpathorussische Judentum getrieben haben, das gewiß nicht so lebendig und originell ist wie das rassische Judentum von ehedem es war, nicht so zäh in seinen städtischen Kreisen fortgeschritten wie das Judentum Polens, aber zu Hoffnungen dennoch bereehtlgend, wenn man es aus dem wirtschaftlichen, kulturellen und peistigem Sumpfe befreit hat, in dem es heute lebt Die unzufriedenen Agrarier also haben nun auch noch eine ruthenisch-jüdische Partei gegründet. Sie hat, wie auch die beiden erstgenannten Parteien dies taten, ihre Grtjndungsversammlung in der karpathorussischen Hauptstadt, in Uzhorod, abgehalten, und es kann für keinen Unklarheit sein darüber, daß es sich neuerdings um eine Fißgelpartei der Agrarier handelt, die den Zweck hat, ruthenische Stimmen für die agrarischen Listen irgendwelcher kommender Wahlen einzufangen. Eine ruthenisch-jüdische Partei. Es kann also nur eine Assimilationspartei sein, die das Aufgehen des Judentums in das ruthenische Volk predigt. Freilich: viel Argumente braucht man da nicht. Welch herrliche Aehnlichkeiten zwischen den beiden Völkern da oben im östlichen Winkel derselben tschechoslowakischen Republik, die im Westen ein demokratischer Staat und deren Präsident einer der größten europäischen Staatsmänner, Masaryk, ist Beide entwurzelt und ohne festen Platz im Wirtschaftsleben. Beide kranke Völker mit großer Sterblichkeit und selten gesunder Jugend, mit schlechten Wohnverhältnissen und einem erschreckend tiefen Lebens- Standard, der nur noch von dem der karpathorussischen 23f, . . ־ * ' * ~ * ־’ befrfeien. Aber selbst den AssimFationstheore' ikern müßte es klar sein: Assimilation kann es doch nur geben zwischen einem Gesunden, zwischen dem Element des Normalen, und dem Ungesunden, Anlehnungsbedürftigen, nicht aber zwischen zwei gleich elenden, gleich hilflosen Partnern. Die Agrarier haben sich aber noch nie um Theorien gekümmert Sie gehen ihren politischen Weg. Es ist nicht immer ein gerader weg, und es fallen manchmal ein paar Menschen, «He im Wege standen, fallet! politisch, fallen wirtschaftlich, und man hat sie nicht mit Handschuhen an״cfaßt. In Karpatiioruß and geschieht vieles kontrollos und die öffentliche Meinung ist klein und lacht zu überschreign oder zu überzahlen.