Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 21 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653062-2653084--20640-2678645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 21, 15.III. 1920 JUEDISCHE RUNDSCHAU Der Tag von Tel«׳Cha| Zur neunten Wiederkehr des Tages von Tel-Chaj gibt die Jugendabteilung des Nationalfonds-Hauptbüros ein (in Wachsabzug vervielfältigtes) Heft heraus, das dazu bestimmt ist, den Jugendorganisationen Stoff zu Tel-Chaj-Feiern zu liefern. Wäre dieser Tag nur der Todestag Trumpeldors und nicht der Tag des Kampfes in T e i - C h a j, so wäre er weniger bedenklieh. Die Sache liegt aber anders. Die Qestalt Trumpeldors, eine Soldatengestalt, die Gestalt eines wahrhaft tugendhaften Menschen, trägt in der Tat Züge, in denen die jüdische Reaaissance ein Vorbild sehen kann. Die Redlichkeit, der Oerechtigkeitssinn, die Selbstlosigkeit und die Tatkraft dieses Mannes sind wirklich die Gegensätze zu vielen Zügen unserer Entartung. Sein Name, verknüpft mit dem Hcehaluz, trägt seinen Glanz zu recht Sein Name, verknüpft mit der Legion und mit Tel-Chaj, birgt eine Tragödie. Denn dieser Mann, der die Entehrung des jüdischen Volkes so tief und so richtig empfand und dessen Kampf gegen alles Krumme und Unzuverlässige so legitim war. trug neben dem Bild des Chaluz ein phantastisches und bedenkliches Gegenbild dieser Unehre in seinem Herzen: die Ehre des Schwertes. Wohl selten wird sich heute auch unter Nichtjuden ein so überzeugter Anhänger des körperlichen Mannesmutes finden, wie Trumpeldor es war. Seine im Zeitalter des Gaskrieges befremdlichen Vorstellungen von einer nationalen Waffenchre zündeten und verführten, wie sie auch noch heute zünden und verführen. Aber wohl keiner seiner Anhänger vermochte den Weg dieses Mannes so starrsinnig bis ans Ende zu gehen, wie er es tat. Nach neun Monaten Gallipoli war er wohl buchstäblich der einzige Mann seiner Legion, der um der Ehre des jüdischen Volkes willen noch am Kriege teünehmen wollte. Hier wehrten sich seine Legionäre, Menschen, die häufig die Züge der Entartung zeigten, die er ausbrennen wollte, die aber doch mit der einfachen Weisheit begabt waren, daß dieser Krieg in erster Linie Lebensgefahr war, und daß die Erwartungen, die Trumpeldor damit verknüpfte, nicht die Knochen eines jüdischen Menschen aufwogen. Obergaliläa war in den ersten Jahren nach Kriegsende ein unbefriedetes Land. Der Araberaufstand unter König Feis u 1 gegen Frankreich zugunsten der arabischen Selbstherrschaft hatte diese Gegend zum Kriegsgebiet gemacht (die palästinensisch-syrische Grenze war damals noch nicht festgelegt). Der Krieg wurde von regulären Truppen geführt, aber auch von Freischärlern, die sich von ihnen nicht sehr unterschieden, und diese Freischärier wieder unterschieden sich nicht sehr von Räubern. Wenn schon auf einem europäischen Kriegsgebiet solche Grenzen nicht allzuscharf sind, um wieviel weniger in Vorderasien, wo Kriegszug stets ein Raubzug war. Die Angriffe auf die jüdischen Siedlungen in Nordgalilaa richteten sich in erster Linie auf ihren Besitz. Als Räuber faßten auch die Angegriffenen ihre Gegner auf, gegen Räuber erbaten sie wiederholt Unterstützung (50—200 Mann). Nur diese Auffassung er- Wärt das Verhalten der Kwuzoth Tel-Chaj und Kfar-Giladi. die als einzige standhalten wollten, ein Entschluß, der einer regulären Armee gegenüber rin heroischer Selbstmordentschluß gewesen wäre. Die Aufständischen waren allerdings den Juden nicht besonders wohlgesonnen. Sie hatten iie im Verdacht, sich auf seiten der Franzosen an den Kämpfen gegen die Araber beteiligt zu haben. Immerhin kam es nicht zu kriegerischen Urijerfillen auf die Siedlungen da־ Juden, wohl aber zu zahlreichen, räuberischen Uebergriffen, bei denen die Waffe eine Rolle spielte. Cs Ist klar, daß ein solcher Kampf nicht als ein Kampf der Araber gegen die Juden als Nation zu betrachten Ist. So sahen Ihn damals auch die Juden Galiläa» nicht an. Aber die Kwtfzoth Tel-Chaj und Kfar-Giladi beschlossen, ihre Scholle, ihre Häuser und Ihre Habe gegen die Räuber zu verteidigen. Diesen Beschluß billigte die verantwortliche Vertretung der Zionistischen Organisation, der Waad Hazirim, nicht. Man fand die Gefahr zu groß, man sah keine Möglichkeit des Gelingens, und man zweifelte auch wohl an der politischen Bedeutung eines solchen Widerstandes. Auch die Meinung der jüdischen Oeffentlichkeit in Palästina war geteilt. Der Tag von Tel-Chaj war wohl kaum der Tag einer systematischen Kriegshandlung des Gegners, die man Ueberfall nennen könnte, er war der Tag, an dem rin Unglück eintrat, das nach Lage der Dinge vielleicht nicht mehr vermeidbar war. Bei einer Durchsuchung der Wirtschaft nach Franzosen (wie sie schon oft stattgefunden hafte) wurde eine Waffe geraubt (was auch schon einmal geschehen war), Trumpeldor befahl Feuer zu geben und es fand jener furchtbare Nahkampf statt, dem Trumpeldor und fünf seiner Gefährten zum Opfer fielen. Er hat bis zuletzt das Kommando geführt, immer wieder seine Gefährten ermutigend, ״für die Ehre des Volkes“ zu kämpfen. Nach seinem Tode wurden die letzten jüdischen Punkte im Kamnfgebiet geräumt; nach der Beendigung des Aufstandes fielen sie den Juden wieder zu. Politisch blieben Kampf und Niederlage der Juden in Tel-Chaj ohne Wirkung. Wohl aber gehört das Echo des jüdischen Volkes auf dieses Ereignis der Geschichte an. Es ist ein unbedachtes Sichverlieren an die Vorstellung eines Freiheitskampfes, den es hier niemals gegeben hat Und so hat denn der Tag von Tel-Chaj seinen bedenklichen und lockenden Inhalt bekommen, und die Zusammenstellung des Festprogramms durch eine zionistische lnstitution ist eine sehr diffizile Aufgabe. Die Beiträge des Heftes sind nicht alle auf denselben Ton gestimmt. In der Rede Bialiks, gehalten am Tel-Chaj-Tag, kommt weder Tel-Chaj noch die Legion vor; dafür der Chaluz. Ein Ausschnitt aus Jabotinskvs Erinnerungen an die Legion enthält ein gutes und charakteristisches Wort Trumpeldors über den Chaluz, wie er ihn schaffen wollte. Stücke aus Tagebüchern und Briefen Trumpeldors gibt es, Erinnerungen seiner Gefährten. Sentimentale und romantische Aeußerungen ßrenners und Fichmanns zum Tage von Tel-Chaj: ״Noch gibt es Heldentaten der Verzweiflung in Israel“, ״Ihr seid die ersten, die die Todesfurcht abgeschuttclt haben“. In diesen Stücken wird die Frage, gegen wen dieser Freiheitskampf nun ging, nur vorsichtig berührt. Die heldische Tat und das heldische Wollen (deren Aussichtslosigkeit ausdrücklich und vielmals bestätigt werden) wirkt erhebend, ohne daß ihre Umstände, ihre Grunde und ihre Notwendigkeit ausgebreitet werden müssen. Sie genügen auch den Mitkämpfern, deren Erinnerungen wir hier finden. Diese wissen auch vielleicht zu gut, wieviel stärker damals der starre Wille, sich nicht vom Platz vertreiben zu lassen, war, als politische Erwägungen. Sie kannten ihren Feind zu gut, um nicht zu wissen, daß er sieh nicht mit dem Plane eines Krieges gegen die Juden trug und ihre Begeisterung filt dem Heroismus schlechthin. Denn so allein ist doch wohl ie Schilderung der Ueberführung voll Trumpeldors Leiche zu seinem endgültigen Grabe, die vier Jahre nach seinem Tode stattfand, zu verstehen: ״Wir tragen den Staub Josef Trumpeidors und seiner Gefährten zu Grabe. Wir nähern uns dem Hügel, jenem Hügel, den damals die Feinde von hinten her belagerten. Gleich wird Josef Trumpeldor aus dem Sarge ausbrechen und mit dem Revolver in seiner einen Hand vor uns hergehen und unsere Schar mustern.“ Aber der Freiheitskrieg zieht den Erbfeind nach sich und die Redaktion dieses Heftes, der Beauftragte der Jugendabteilung des Keren Kajemeth, findet folgende Worte: ״Wir sind nicht gekommen, um Krieg zu führen, nicht um zu morden,... sondern in friedlicher Absicht. Wir strecken unsern Nachbarn die Bruderhand entgegen und sie antworten uns mit Feuer und Haß.״ Und ln der Abteilung 7 (Gedichte mim Singen and Deklamieren) werden nicht nur Prophetenverse durch Equivokatiönen in militante Zusammenhänge gebracht, sondern es findet sich dort auch folgender Haßgesang: Jakob Kahn: Wir weichen nicht. Wir sind für Frieden und Ihr seid für Krieg, Wir sind wenig und Ihr seid viel, Weh, wisset Uebermütige, noch haben wir Kraft, Unser Leben zu schützen und unsere Pfeile treffen sicher. Unser Recht ist unser Schutz, wir weichen nicht In Ewigkeit! Was wird sich in der Vorstellung der Jugend, für die dieses Heft bestimmt ist, festsetzen, was wird bleiben? Das Einfachste und Wirksamste wohl: ״die Araber“ überfielen hinterlistig ״die Juden“ und diese wichen nicht, obgleich sie in der Minderheit waren, ln diesem Kampfe wurde Trumpeldor erschlagen. Wie viele Gefühle des Jiscfiuw strömen in einen solchen Tel-Chaj-Tag ein. Das ist Geschichtsklitterung! Mögen die Toten von Tel-Chaj ruhen. Sie haben geirrt und sie sind gestorben: es gab keine Möglichkeit, den Ort zu halten; es stand politisch nichts auf dem Spiel; und die Ehre der jüdischen Nation hatte nichts in einem Kampfe zu suchen, wo es der Feind nicht auf sie abgesehen hatte. Vielleicht wäre es besser, des unbekannten Chaluz zu gedenken, der an der Malaria starb. Oder halten wir es lieber mit Bialik, dessen Worte in diesem Heft so wundersam wirken: ״Vielleicht ist auch dies eine der Pflichten des Chaluz, seine Opfer nicht zu viel zu verkünden. Ehren wir unsere Opfer durch Schweigen. Es werden Geschlechter kommen, die über Euch reden werden, Ihr aber sollt stille sein.“ Esc ha S c h 01 e m. Regierung nnd Beduinen Die Regierung hat eine neue Verordnung erlassen, in welcher die Gerichte im Bersliewa-Distrikt Dokumente ohne genügenden Stempel als rechtsgültig anerkennen können. Im ״Dawar“ vom 27. Februar weist 1. Schoch mann auf die Gefahr dieser Verfügung hin. Der Süddisfrikt Palästinas enthalte weite Landstrecken, für die sich die Eigentümer nicht mit Sicherheit feststellen ließen. Die Vergünstigungen, die den Beduinen im Süden durch die genannte Verordnung gewährt werden, werden sie zweifellos dazu anregen, unbegründete Landau- Sprüche zu erheben. Im Hinblick auf die letzten Zwischenfälle auf den Infiat-Böden erwecke die neue Verordnung die größten Bedenken. Die jüdischen Stellen müßten daher die nötigen Schritte ergreifen, um vor der Inkraftsetzung der neuen Ver- Ordnung die von ihr drohenden Gefahren zu beseitigen. Die Ernteaussicbten im Februar 1929 Nach einer Mitteilung des Leiters des Landwirtschaftlichen Departements haben die Saaten in den flacher gelegenen Landstrichen durch die Ueberschwemmungen in diesem Winter sehr gelitten. Besonders betroffen ist das Gebiet des Emek Jesreel und die Ebene von Scharon und von Haifa-Akko, ln den südlicher gelegenen Bezirken sind die Felder von den Regengüssen weniger betroffen, jedoch haben dort zahlreiche Sturme, die von Hagrischlägen begleitet war«!, den Orangen- und Geraüsepflanzungen erheblichen Schaden zugefügt Dagegen befinden sich die Felder und Pflanzungen in den hügeligen Distrikten und überall dart, wo ausreichende Kanalisation vorhanden ist, in ausgezeichnetem Zustande. Besonders erfreulich ist das Verschwinden der Heuschrecken, nachdem zürst -״iesfireliteU w»ien ׳mußte, daß den ersten Schwärmen, die sich bei Jericho niedergelassen hatten, weitere folgen würden. Infolge der energischen Gegenmaßnahmen der Regierung und der anhaltenden Regengüsse sind die Heuschrecken, wie bereits berichtet, vollständig vernichtet worden. Heuselsreckengelahr lür Palästina Jerusalem, 8. März. (J.T.A.) Palästina ist von Heuschreckenschwärmen bedroht, die von Transjordanien heranziehen. Die Heuschrecken-Bekämpfungskolonnen Palästinas sind sofort mobilisiert und zum Teil nach Transjordanien abkommandiert worden. Neun palästinensische Kolonnen mit 100 Flammenwerfern unterstützen die Abwehrarbeit in Trans- Jordanien. Die lossiil-Leitung Während seines Aufenthaltes in Palästina gab Sir Gilbert C1 a y 10 n den Vertretern der Presse ein Interview über Fragen der britischen Politik im Orient. Als Hauptaufgabe der kunftigen Politik im Irak bezeichncte er die Wahrung der britischen Interessen und die Unterstützung der Regierung des Irak in ihrer Arbeit für die Entwicklung des Landes. Auf eine Frage nach dem Stand des Mossul-Projektes (Röhrenleitung für das Petroleum von Mossul nach dem Mittelländischen Meer) erwiderte er, daß die Türkische Petroleumgesellschaft noch mit dem Studium der Pläne für die Leitungnach Haifa vom kommerziellen Standpunkte aus beschäftigt sei. Ein definitiver Beschluß liege noch nicht vor. Ebenso sei noch nicht endgültig über den Beginn des Baues der Bagdad-Haifa-Bahn beschlossen. Die Linie werde aber wahrscheinlich längs der Petroieumleitung geführt werden. Die Klage eines Einwohners von Haifa gegen die Regierung wegen Verweigerung der palästinensischen Staatsangehörigkeit wurde vor einigen Tagen vor dem Obersten Gericht zur Entscheidung gebracht. Die Klage wurde mit der Begründüng zurückgewiesen, daß nach dem Gesetz der ständige Wohnsitz in Palästina Voraussetzung der Erteilung der palästinensisehen Staatsangehörigkeit sei. AoU-Pefiaeh-Kampape der jüdischen Kommunisten Moskau, 11. März. (J.T.A.) Die jüdische Presse Rußlands hat bereits mit dem diesjährigen Antl-Peßach-Feldzug begonnen. Die Zeitung ״Eniess“ fordert die Ausarbeitung eines detaillierten Aktionsplanes, die Organisierung einer Serie von Propaganda-Versammlungen, Anti-Peßach-Spielen und antireligiösen Burlesken. Der Sekretär der Moskauer kommunistisehen Partei, Baunann, sagte in einer Distriktskonferenz der kommunistischen Partei: Wir haben eine Reihe antisemiti־ scher Explosionen auch unter der Arbeiterschaft zu verzeichnen. Wir müssen, indem wir gegen die Religion kämpfen, gleichzeitig dem Antisemitismus einen vernichtenden Schlag versetzen. * Seitens der Berliner russischen Botschaft in Berlin ist dem Berliner Komitee zur Versorgung der russischen Juden mit Mazzoth die offizielle Mitteilung zugegangen, daß die Sowjetregierung die Bewilligung zur Einfuhr von 50 Waggons Mazzoth zur Versorgung der jüdischen Familien in Rußland für die kommenden Pessach-Tage erteilt hat. Das Komitee hofft, daß das bewilligte Einfuhrquantum ausreichen wird, um den Mazzothbedarf von ungefähr 20000 jüdischen Familien zu decken. Die Mazzoth werden in Lettland liergesteilt. Die Regierung hat den Automobilverkehr östlich des Jaffaiors ianerhaib der Stadtmauern Jerusalem» verboten. .(Zikaj Seite!35 '׳ ..—.....—..........•I.....11 .mmm\ Der Böiger 11 Beßarabien Aus Anlaß der Anwesenheit von Dr. Mutsehnik, Be-' vollmächtigten des Kischinewer Zentralkomitees für Hilfe an die Hungernden in Beßarabien, fand in Berlin am 12. März abends eine vom Hilfsverein der deutschen Juden gemeinsam mit der ן Großloge der U. O. B. B. veranstaltete Kundgebung statt. Den Vorsitz führte Rabbiner Dr. B a e c k. , Dr. Mutsehnik führte aus, er sei nach Berlin gekornj men, um zu den Juden des Westens zu sprechen. Der Redner schilderte die augenblickliche Lage. In Beßarabien leben 300 000 Juden. Davon 40 0/0 in den Städten, 12 »/o der Juden betreiben Ackerbau, viele andere haben Beziehungen zur Land- Wirtschaft, 50 #/* leben vom Handel. In einem Lande, in dem es keine Industrie gibt, ist die Ernte das Um und Auf des gesamten Wirtschaftslebens. Aber gegen die Juden wirkt sich nicht allein die Mißernte aus. In der Nachkriegszeit wurde das ökonomische Leben infolge der Agrarreform, der Zerschneidung der Großgüter u. a. m.!ungestaltet. Alles Ist noch im Stadium der Verworrenheit. Die alte jüdische ״Balebatischkeit“ zerbrach, eine Umstellung erfordert Zeit. 1028 herrschte eine katastrophale Dürre, nicht einmal der Wert der Aussaat konnte eingebracht werden. Es mag wahr sein, daß Wohltätigkeit in Form von Gabenverteilung demoralisierend wirkt. Hier liegt aber der Fall anders. Es handelt sich um ehrliebende jüdische Bürger, die, sobald sich nur die leiseste Möglichkeit des Verdienens ergeben wird, auf die Unterstützung sicherlich freiwillig verzichten werden. Bis jetzt wurden 28000 Hungernde beim Zentralkomitee registriert. Das ergibt schätzungsweise 40 000 Hungernde, die man bis zum Beginn der Einbringung der neuen Ernte mit einem Stückchen Brot versorgen muß. Dr. Mark Wischnitzer, Generalsekretär des Hilfsvereins, gab ergänzende Bemerkungen. Als der erste Ruf der Notleidenden aus Beßarabien kam, hatte der Hilfsverein noch mit der Liquidierung der Hilfsaktion für die durch das Erdbeben zugrunde gerichteten jüdischen Gemeinden Südbulgariens zu tun. Es wurden ziemlich große Beträge dahin abgeführt. Dennoch zögerte der Hilfsverein nicht, sein Augenmerk Beßarabien zuzuwenden. Kurz nach dem Erscheinen des ersten Aufrufs an die Gemeinden und Logen konnten 15 000 Mark, bald darauf abermals 5000 Mark geschickt werden. Weitere Beträge werden folgen. Das Recht anl ungestörte Religtonsflbiing Der Rabbiner der Leipziger Jüdischen Gemeinde, Dr. Felix Gofdmann, hafte seinen Sohn an den Sonnabenden (Sabbattagen) nicht in die Schule geschickt Gegenüber der Schul- Behörde begründete er dies damit, daß sein Sohn dem Sabbat- Gottesdienst im jüdischen Tempel beiwohnen müsse und daß das Recht auf freie Religionsübung verfassungsmäßig garantiert sei. Er wurde trotzdem zu einer Geldstrafe verurteilt, und dieses Urteil wurde vom Leipziger Gericht bestätigt' Dr. Goldmann ring bis zum Sächsischen Oberlandesgericht, das aber seine Revision verwarf. Es entschied, daß zwar Artikel 135 der Refchsverfassung die ungestörte Religionsübung gewährleiste, aber nur mit der ausdrücklichen Einschränkung in Absatz 3, daß die allgemeinen Staatsgesetze hiervon unberührt bleiben.■ Eine ähnliche Einschränkung mache auch Artikel 136. Das Recht zur freien Religionsühung findet also nach Ansicht des Oberlandesgerichts seine Grenze in den Bestimmungen der allgemeinen Reichs- und Landesgesetze. Da ln Sachsen ein Rechteanspruch auf Befreiung eines Schülers vom Unterricht an Staat■ lieh nicht anerkannten Feiertagen nicht bestehe, habe das Gericht die Revision verworfen. Keiner Antwort gewürdigt Warschau, 11. März. (J.T.A.) In der letzten Sitzung des polnischen Senats brandmarkte Senator Rabbiner Rubinstein die Politik des Kultusministeriums gegenüber der Jüdischcn Minderheit und sagte, die Beziehung des Budgets zu den Bedürfnissen der jüdischen Religion sei charakteristisch für das Verhältnis der Regierung zu den Juden im allgemeinen. Obwohl die Juden die Hauntsteuerträger sind, ist ln das Budget eine lächerlich geringe Summe für die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung eingestellt Während 11/2 Zloty pro Kopf׳ jedes Katholiken. 70 Groschen pro Kopf jedes Griechisch- Orientalischen, 35 Groschen pro Kopf jedes Evangelischen in den Budgetteil für Religion eingestellt sind, werden für Angehörige der jüdischen Religion nur 4 Groschen pro Konf geleistet Es sei ein großes Unrecht, die jüdischen Gemeinden zu zwingen, die jüdische Bevölkerung, die unter der staatlichen Steuerlast zusammenbricht, auch noch zugunsten der religiösen und Erziehungs-Institutionen zu besteuern. Senator Rubinstein appellierte an das Kultusministerium, endlich die Frage der jüdischen Schule zu berückst 'htigen, damit die Judenschaft Polens in die Lage komme, ein Geschlecht von guten Bürgern Polens und getreuen Söhnen des jüdischen Volkes zu erziehen. Kultusminister Szw itals ki befaßte sich mit den Darlegungen der Deutschen, Ukrainer und Weißrussen und sagte zum Schluß: ״Auf die Darlegungen von Senator Rubinstein zu antworten, finde ich nicht für notwendig; ich habe ja auch auf die Rede von Dr. Wy god s ki im Sejm keine Antwort erteilt.“ ״Manchester Guardian“ teilt in ihrem Leitartikel mit, daß als Empfänger des nächsten Nobelpreises für Frieden der Chikagoer Anwalt Levin so 11 in Betracht kommt. ״Manehester Guardian“ setzt auseinander, daß man keinen würdigeren Kandidaten für den Friedenspreis finden könne, als diesen Mann, der die Formel von der Aechtung des Krieges geprägt, deren Uebernahtne durch den Staatssekretär Kellogg durchgesetzt und nun die Genugtuung erlebt hat, daß die Formel von fast allen Regierungen der Welt unterzeichnet wurde. Zionistischer Grnppenverband Mittel« und Niedersehlesien Am Sonntag, dem 17. März 1929, vorm. 1/011 Uhr, findet in Görlitz in der Viktoria-Loge, Bismarckstr. 16, ein Gruppenverbandstag statt. Tagesordnung: 1. Begrüßung (Ref. R.-A. Sommer, Görlitz). 2. Unsere politischen Aufgaben (Refer. Dr. M. Bileski, Berlin). Aussprache. 3. Die zionistische Arbeit im Bezirk (Refer. Dr. Powitzer, Breslau). Aussprache. Nachmittags 41/2 Uhr: Der Palästina-Gedanke in der jüdischen Gegenwart (Refer. R.-A. Dr. A. Meyer, Görlitz). Abends 8 Uhr, ebenfalls In der Viktoria-Loge, Bismarckstr. 16: Vorführung des neuen Palästina-Films ״Frühling in Palästina“. Herr Dr. Bileski wird zu diesem Film eine An- Sprache halten. Jüdischer Studentenverein &. V״ Berlin. Sonnabend, des 16. März, abends Uhr, Artilleriestr. 6: Vortrag des Herta G. M. G erg et; ״Die wirtschaftliche Lage der Juden 10 Ru8- U*d“,