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Jüdische Rundschau · 1929-03-08 · Heft 19 (8.3.1929) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 19 (8.3.1929)
Date
1929-03-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 19. a III. 1929 JUEDJSCHE RUNDSCHAU Sehe!19 Aus der Welt der Frau Palästina - unserer Kinder Land? | Von Helene Hanna T11 o n. _ Jedes kulturell fortgeschrittene Volk siclvt auf die Generation seiner Kinder als auf ein nationales Kapital, das aufs sorgfältigste bewahrt und gemehrt werden muß. Jedes Kulturlana besitzt daher ein ganzes System von Gesetzen und Einrichtungen zum Schutze und zur möglichst sorgfältigen Ausbildunjj der Jugend, in den! die verschiedenartigsten Gruppen ond Kategorien von jugendlichen berücksichtigt sind. Man sollte meinen, daß bei unseren Bestrebungen zum Aufbau Palästinas dieser Grundsatz der größten Sorgfalt für unsere Jugend vollkommen cinieuchtcn müßte, und daß wir jede nur erdenkliche Anstrengung machen, um eine zweite Generation im Lande heraiiztiziehen, die imstande ist, dis von der Generation der Eltern und Großeltern begonnene Aufbauwerk mit der gleichen körperlichen, geistigen und seelischen Kraft fortzusetzen. Welche großen Garantien für die Fortdauer unseres Werkes in einer so vorbereiteten zweiten Generation liegen, braucht kaum ausgeführt zu werden; es sei nur auf den Vorsprung hingewiesen, den eine im Lande geborene und aufgewacliscne Jugend in bezug auf Gewöhnung an das Klima und die Landessitten, die Selbstverständlichkeit der hebräischen Sprache, die Erfassung des Gedankens jüdischer Wiedergeburt vor der Jugend des Auslandes hat, die erst durch komplizierte Gedanken- und Willensvorgänge dazu gelangt, ihr Leben auf die Uebersiedlung und Arbeit in Palästina cinzustellen. ln Wirklichkeit aber geschieht für die jüdische Jugend in Palästina so wenig, und es herrschen hier so große Mißstände, daß auf diesem Gebiet das L.a!1d keinesfalls Anspruch auf den Namen eines Kulturlandes hat. Wenn die Rede auf die Jugendfürsorge kommt, so wird auf die Besorgnisse von Sozialnädagogen immer mit zwei Hinweisen geantwortet: die vorzügliehen Einrichtungen zur Pflege und Erziehung der Kinder in den Arbeitersiedlungen, und das Schu 1 we rk der Zionistischen Organisation. Der erste Hinweis ist sicherlich berechtigt: was in den Arbeitersiedlungen für die Kinder getan wird, ist — im Verhältnis zu den Bedingungen des Landes — wirklich imposant; aber hiervon profitieren eben nur die Kinder der ländlichen Kolonien, während Hunderte und Tausende von Kindern im Lande von den Vorteilen dieser Erziehung ausgeschlossen sind. Der zweite Hinweis: auf das Schulwerk der Zionistischen Organisation, ist schon weit weniger wirksam. Wohl genießt in den zionistischen Schulen ein recht erheblicher Teil der Jugend die Vorzüge einer geregelten Erziehung, doch ist leider — infolge der gewaltigen Kürzungen des Schulbudgets — der Prozentsatz der Schüler im Vergleich zur Bevölkerungszunahme in den letzten Jahren zurückgegangen, statt zu wachsen, und gewisse Einrichtungen im Schulwesen, die man als dringend notwendig erkannt hat, konnten nicht durchgeführt werden, so daß das Bestehende durch diese Mängel vielfach unwirksam bleibt Ein ausgesprochener Rückschritt im Schulwesen ist außerdem der Abbau der Kindergärten, die eine ungemein wichtige soziale und pädagogische Aufgabe erfüllten. Aber'selbst weiin ־unser Scltulft}'ndt־dfc־E#Sffttu»g'Mer-111rt׳־'•־ wendigen Zahl von Klassen zuließe, so würde die SchuTerziehung immer noch nur einen Teil der Jugendvorbereiiung bilden und müßte durch das ganze Netz von Einrichtungen zugunsten der Jugend ergänzt werden, das wir in anderen Landern finden. Hier mangelt es in Palästina am Allernotwendigsten. In Kulturländern ist die Grundlage jeglicher Jugendfürsorge eine Gesetzgebung, welche Körper und Geist der Jugend zu schützen sucht Diese fehlt in Palästina ganz oder fast ganz. Noch Immer bleibt cs orientalischen Juden unbenommen, ihre Söhne und Töchter imKindesaltcrzuvcrheiraten, woraus sich für allzu viele Frauen, die mit 13 oder 14 Jahren Mutter werden, lebenslanges Siechtum oder ein früher Tod ergibt. Ein Gesetz, das die Kinderelien verbietet, ist bisher nicht zu erreichen gewesen. Ebenso läßt sich — bei allen privaten Anstrengungen — nichts gegen die Erscheinung ausrichten, daß Hunderte von Kindern, statt die Schulen zu besuchen, als Träger, Boten, Erntearbeiter usw. zum Unterhalt der Familien beitragen (häufig 7um Unterhalt eines arbeitsscheuen Vaters), solange nicht das Gesetz die Kinderarbeit verbietet und den Schulunterrieht obligatorisch macht Ebenso könnte nur ein Gesetz es verbieten, daß Kinder von vier oder fünf Jahren bis in die späten Nachtstunden hinein als Begleiter von alten oder blinden Bettlern in den Straßen herumgehen. Abgesehen von dieser wichtigsten Grundlage des Jugend- Schutzes, für welche die Regierung. sorgen müßte, fehlt es in Palästina auch an allen Einrichtungen, durch die in anderen Ländern Stadtverwaltungen und Gemeinden eine körperlich und geistig tüchtige Jugend zu erzielen suchen. Abgesehen von den erwerbstätigen Kindern gibt cs in Pa• lästiim eine große Anzahl, die deshalb nicht die Schulen besuchen können, weil es ihnen an Kleidern und Schuhen, sowie an Mitteln für Hefte, Bleistifte und anderes Material killt. Ein Fonds, der für dieses Grunderfordernis zum Schulbesuch sorgte, könnte mit geringen Mitteln Wichtiges leisten. Nun zu den am dringendsten geforderten Einrichtungen, die nötig wären, um das Werk der Schulen ׳zu erganzen. In den Schulen aller modernen Länder existiert ein sorgfaltig ausgebildetcs System der Gesundheitspflege, ln Palästina hat die Hadassa b, weiche überhaupt zuerst die soziale Fürsorge als einen wesentlichen Teil des Aufbaues von Palästina erkannt hat, vieles geleistet, doch hat sie leider nicht die Möglichkeit gehabt, eine gleichmäßige Schulhygiene im ganzen Lande auszubaucn. So gibt es z. B. nur in zwei Städten die Einrichtung der Schulschwestern, die sich um den Zustand der Ernährung, Reinlichkeit und den allgemeinen Gcsundheitszustand der Schüler kümmern, während in anderen Orten die Gesundheit der Kinder vollständig vernachlässigt wird. Allerdings nützt es wenig, wenn einem schwachen oder zurückgebliebenen Kinde vom Schularzt der Aufenthalt in frischer Luft oder sogar in einem Erholungsheim verordnet wird, solange noch keinerlei hierzu dienende Einrichtungen bestehen: um die Gesundheit seiner Kinder zu erhalten, braucht Palästina ein Kinder-Sanatorium, Spielplätze in den einzelnen Vierteln der Städte, ähnlich dem, der aus dein Guggenheimer- Fonds vor dem Jerusalemer Zionstor errichtet wurde, und rcgelmäßig zur Ferienzeit Ferienkolonien. Die allernotwendigste Einrichtung zur Erhaltung der Gesundheit unserer Kinder aber sind die S c 11111 in a h I z c i t e 11: denn weitaus die Mehrzahl der Fälle von Erkrankungen und ungenügender Entwicklung bei unserer Schuljugend ist auf Unterernährung und ungeeignete Ernährung zurückzuführen. Die Schulmahlzeiten, weiche die Hadassah in vielen Mädchenschulen, in denen sic gleich mit Kochunterricht für die Schulerinnen verbunden sind, eingerichtet hat, tragen außerordentlich viel zur Hebung der körperlichen Verfassung der Kinder bei. Es wäre im Interesse der Volksgesundheit außerordentlich notwendig, diese Mahlzeiten auf alle Schulen auszudehtien. Ein anderes Gebiet der Jugendfürsorge, auf dem es sich um die Bewahrung sowohl der körperlichen wie der geistigen Gesundheit der Jugend handelt, ist die Fürsorge für defelctivc Kinder. Wohl besitzt Jerusalem ein Blinden- Institut, aber für schwerhörige Kinder oder Kinder mit Sprach- Störungen, nervösen Erscheinungen oder allgemeiner geistiger Minderwertigkeit besteht keinerlei Institut. Sie verkommen entweder auf den Straßen oder sitzen jahrelang in der gleichen Schulklasse, deren Niveau durch sie heruntergedrückt wird. Schulen für defektive Kinder und Zwischenklassen für Unbegabte sind ein dringendes Erfordernis. , Btt großer Ucbelstaitd Ist •:.er auch,: daß ■es .ketterleJ־.A*t'sjMi!׳׳ rfüt nföT-flf#eh* 'g’rfShrde'te' Kinder gib! Ktader,,die man anderwärts durchaus zu dieser Kategorie rechnen und für die man eine besondere Art von Erziehung vorsehen würde, sind hier in der Schule und auf der Straße die Gefährten norraaler, durch sie gefährdeter Kinder. Die Gefälirdung unserer Schulkinder durch die Straße ist deshalb besonders groß, weil sich hier niemand um die Ausfüllung ihrer freien Zeit kümmert Die Jugendklubs, Bibliotheken und Lesehallen, die es anderwärts — neben den Spielplatzen als Mittel gibt, um die Jugend in ihrer freien Zeit zu beschäftigen, fehlen hier. Ein anderer großer Uebelstand liegt darin, daß unsere Schulen den Kindern keinerlei Vorbereitung für einen künftigen Beruf gewähren. Wenn die Schüler mit 14 oder 15 Jahren aus den Volksschulen abgehen, so gibt es keine ausreichenden Möglichkeiten für eine Berufsausbildung und auch keine Berufsberatungsstelien und Jugendarbeitsämter für sie. Mit allen diesen Lücken in der Jugendfürsorge _ ist das Schulwerk der Zionistischen Organisation allein keineswegs imstande, die Jugend körperlich und geistig so auszubilden, daß eine wahrhaft durchgebildete zweite Generation heranwächst. Erst die Ausfüllung dieser Lücken könnte das für Schulzwecke ausgegebene Geld wirklich zu einer rentablen Anlage machen. Dabei ist hier nur auf die Unterlassungen gegenüber dem Schulkinde bingewiesen worden. In Wirklichkeit müßte die Fürsorge für die zweite Generation bereits viel früher beginnen. So ist z. B. die Einrichtung von TageskrippenfürKIeink i n d e r arbeitender Mütter eine unbedingte Notwendigkeit, um Hunderte von kleinen Kindern vor Verwahrlosung zu schützen. Dringend nötig ist es auch, daß die Müchvcrteilung für Säuglinge, die leider von der Hadassah wegen Geldmangels eingestellt wurde, nunmehr von anderer Seite übernommen wird. Ein anderes Gebiet, auf dem sehr traurige Zustände herrsehen und das einmal eingehend behandelt werden muß, ist das der Waisenp flegc. Seitdem der Joint seine Fürsorge für Kriegswaisen plötzlich eingestellt hat, sind Verhältnisse eingetreten, bei denen zahlreiche Kinder einfach zugrunde gehen. Auch der Kampf gegen die Missionen, deren Einfluß auf jüdische Kinder in erschreckendem Maße zunimint, müßte ernstlich in die Hand genommen werden. F11 Palästina selbst werden große Anstrengungen unternommen, um allen diesen Mängeln abzuhelfen. Außer der Hadassah sind es vor allem Fraueuvcreine, die den ganzen Wert einer richtigen Jugendpflege erkannt haben und sich ihr als einer zionistischen Arbeit par cxcellence widmen. So hat z. B. die größte der palästinensischen Frauenorganisationen, die ״H i s t ad r u t h N a s c h i in I b r i o t h“, die schon immer durch ihr Säuglingsheim in Jerusalem und ihre Krippe in Tel-Awiw, ihre Kindergärten in mehreren Orten des Landes und ihre — hauptsächlich auf das Wohl der Kinder gerichtete — Distriktspflege wichtige Aufgaben aut dem Gebiet der Jugendfürsorge erfüllte, auf ihrer letzten Tagung beschlossen, sich fortab nur der Jugendfürsorge zu widmen und hierzu einen besonderen ״K i n de r f o n d s“ im Lande zu gründen. Aber es ist höchste Zeit daß diese Arbeit zu einer Angelegen heit des ganzen Jischuw und der ganzen jüdischen Oeffentlichkeit in anderen Ländern gemacht wird. Die Vereinigung palästinensischer Frauenvereinc — die Moazath ba lrgunim — will deshalb fordern, daß die nächste Assefath 11a Irgunim ein Referat über die ganze Frage anhört, um dann über die Aufnahme der Jugendfürsorge in das Programm des Waad Leumi beraten zu können. Auch auf dem nächsten Zionisten-Kongreß hoffen die Frauen, dieses Thema zur Sprache bringen zu können. Die Oeffentlichkeit wird dann endlich wohl einsehen, daß es sich hier nicht uin etwas handelt, das man mit dem Namen ״Wohltätigkeit“ abtun und in einen Gegensatz zur zionistischen Arbeit stellen kann, sondern daß vielmehr die Erhaltung der zweiten Generation ein Werk von höchstem zionistischen Wert ist Fünf Monate Palästina-Propaganda unter den Frauen Berlins Intensivierung und Vereinheitlichung der Propaganda- und Organisations-Arbeit für den Palästinagedanken unter den jüdischen Frauen Berlins — das waren die Programmpunkte, welche sich die im vergangenen Oktober gegründete Frauen* ״Aebeittgemeinsfiliaftvla 'Palästina, zum. tabalE.lfamATitigkalt. :־gesetzt'.hatte.' Bezirksweise sollten.die bisher schon gewönnenen Frauen zusammengefaßt werden und in regehnißige« Monatsveranstaltungen und 14tägigen Arbeitssitzungen ein, Gruppenleben entwickeln, das imstande wäre, neue Interessentinnen heranzuziehen und mit den geistigen und praktischen Arbeitsproblemen vertraut zu machen. Jede Bezirksgruppe sollte einen Vorstand erwählen und eine Reibe von, Funktionen im eigenen Wirkungskreise übernehmen, die das' Büro zu entlasten geeignet waren, z. B. Kartothek-Arbeiten, Aussendung von Einladungen, Inkasso, u. a. m. Die bis dahin in Berlin organisierten Zionlstinnen und der Kreis von Frauen, der ihnen gedanklich nahestand und auf dessen Interesse man bauen konnte, war — so weit er nicht in den Studiengruppen zusammengefaßt war, und das beschränkte sich auf eine Anzahl von etwa 100 Frauen, — eine ziemlich unübersichtliche und undefinierbare Masse. Es w׳ar gar nicht abzuschätzen, ob sie imstande war, Kräfte zu der geplanten Arbeit zu stellen und ob das ganze Unternehmen nicht an der Passivität und der Indifferenz scheitern würde, die über dieser Masse zu Kegen schienen. Um so überraschender und erfreulicher ist, was heute nach fünf Monaten schon über diesen Versuch berichtet werden kann. In sechs verschiedenen Berliner Bezirken haben sich Bezirksgruppen von Frauen konstituiert: Im Orunewald, Westen, Nord-Westen, Lichterfelde, Tempelhof und Neukölln. Das Zustandekommen einer Bczirksgruppe für den Norden ist in die Wege geleitet worden. Mädchenerziehung und Berufsfrage Von Gustav Landauer. Im Verlag von Hütten «f• Locning (Frankfurt a. M.) erschien in i' Bänden: ״Gustav Landauer. Sein Ijcbensgang in Briefen“. Herausgegeben unter Mitwirkung von Ina BritschgiSchimmer von Martin Huber. In diesem köstlichen Buch, aus dem jedes eines Gefühles fähige Mcnschcnhtrz unabsehbare Bereicherung schöpfen wird, finden wir auch den nachstehenden Brief, der nun genau 20 Jahre all ist, trotzdem aber an Aktualität nicht verloren hat. Wir glauben, daß leine Wiedergabe vielen Leserinnen, die selbst Mütter sind, willkämmen sein wird. Möge er zugleich eine Anregung für viele sein, tu dem ganzen Buck zu greifen. Red. Hermsdorf b. Berlin, 17. März 1909. Verehrte Frau! . . . Nun stellen Sie eine Frage, die sehr schwer ist; gerade da möchte ich Ihnen so gerne etwas sagen, was Wert Für Sie hat; ganz Persönliches will sich einen Augenblick einmischen, Erinnerungen an blutjunge Jahre, und in Verbindüng damit Freude über Ihr Vertrauen. — Aber es ist kaum möglich, etwas zu sagen, da ich das Mädchen nicht kenne; ich muß sogar gestehen, ich habe keine rechte Vorstellung, wie alt es ist, — 11, 12 Jahre höchstens, denke ich. Auf dem Gebiet der Erziehung, und insbesondere, wenn es sich um die Frau handelt, ist jede Spur von Schablone und Durchschnittlichkeit von Uebel. Einstweilen, bis Sie vielleicht einmal eine Stunde benutzen, mir von dem Kind, seiner körperlichen Konstitution, seinem Naturell, seinen geistigen Neigungen und Interessen, soweit sic schon ausgeprägt sind, zu erzählen, schicke ich den Rat voraus: denken Sie nicht daran, mögen die Unterrichts- Verhältnisse in Fürth noch so zurückgeblieben sein, das Kind, bevor es mindestens 16 Jahre ist, von sich wegzugeben. Angenommen, es habe, jetzt oder später, stark ausgeprägte geistige oder wissenschaftliche Begabung, so daß etwa an eine wissenschaftliche Laufbahn zu denken wäre: was dazu nötig ist, läßt sich, wenn erst eine gewisse körperliche und seelische Reife eingetreten ist, schnell nachholen. Unterricht und Wissen ist immer zu erlangen, wenn die Eltern mit dem Kinde gehen; jetzt scheint mir noch für Jahre hinaus das Wesentliche der Einfluß, das gemeinsame Leben, das völlige gegenseitige Vertrauen auf allen Gebieten der Erfahrung, wenn Sie die Lektüre der Tochter lenken, wenn Sie sie auf das Tatsächliche der Natur und des privaten und gescllschaftliehen Lebens hinweisen, alles bloß Theoretische, Hypoihetische möglichst hintanhalten, den B'ick immer auf die Wirklichkeit lenken, den Schulunterricht vielleicht einige Monate im Jahr — etwa wenn Studenten in den Osterferien zu Hause sind — durch Unterricht in Naturbeschreibungen, Physik, Chemie, Anfangsgründe der Technik, Kultur- und Voiksgeschichte ergänzen lassen, wenn Sic jede Gelegenheit benutzen, um Frische, Festigkeit, Lebendigkeit, Klarheit zu schaffen und zu begünstigen, scheint mir das für diese Jahre viel wichtiger als der einseitige Sprachunterricht, auf den immer noch die meiste Zeit unseres Gymnasialunterrichts verwendet wird. Gäbe es in Fürth — oder Nürnberg? — so etwas wie eine Realschule für Mädchen, so würde ich diese empfehlen. Zur Erklärung meiner Bemerkungen möchte ich hinzufügen dürfen: die Steilung der Frau in unserer Zeit ist zu schwer, als daß es die Eltern verantworten könnten, das Kind von sich aus einem bestimmten Beruf und damit einer bestimmten Lebensentwicklung zuzuführen; das Mädchen muß selbst entscheiden, es verliert dadurch ein paar Jahre; aber dieses Verlieren kann leicht sein bester Gewinn werden. Der Beruf der Frau ist nach der Meinung eines so altmodischen Menschen, wie ich es bin, nebst dem, den ihr die Natur gegeben hat, der der Helferin; den kann sie ausüben als Lehrerin, Aerztin und in vielen anderen Berufen oder Tätigkeifen, vor allem auch auf den weiten Gebieten der sozialen Hilfe und Fürsorge. Den kann sie ausüben vor allem in den schönen Jahren der Jugend: vom Eintritt der völligen körperliehen Reife (etwa 25) bis zum Eintritt der völligen geistigen Reife (etwa 30). Da läßt sich nun freilich gewiß nichts sebablonisieren; es kann jeweils alles anders kommen; aber der Wunsch der Eltern sollte es, gerade herausgesprochen, sein, daß keine frühe Ehe ein tritt. Diese zehn Jahre sind die Jahre der Selbständigkeit, der Betätigung, daneben aber auch des Ringens, der Erlebnisse, des Fertigwerdens. Darf man weiter wünschen, so ist zu sagen: dann soll die Frau die Helferin des Mannes, eines Mannes werden. Mit all dem habe ich ihnen gewiß zu wenig und zu viel gesagt; ich wollte ja aber nur motivieren, warum ich nichts anderes sagen kann. Die weitverzweigte moderne Literatur über diese Themen bringt in den Geist derer, die nichts so sehr brauchen wie Festigkeit und Freudigkeit, meist nur Aufgeregtheit und Unruhe. Ich weiß Ihnen da nichts mit gutem Gewissen ganz und gar zu empfehlen. Dagegen •will ich Ihnen Schriften nennen, die gar nicht speziell von diesem Gegenstand handeln und Ihnen doch, wenn sie in Ihren Geist eingehen, treffliche Helfer sein werden: Pestalozzis Schriften, Fichtes Schriften (die, die bei Reclant verzeichnet sind) und Adalbert Stifters ״Nachsommer“. . . Eine literarische Sondernummer der WIZO •Blätter Das geschmackvoll ausgestattete und unter der spürsinnigen Redaktion von Dr. Martha Hof mann (Wien) kundig zusammengcstellfe Januarheft der ״Pioniere und Helfer“ — der zweimonatlich erscheinenden Blätter der Wizo — gibt sich als eine erste literarische Manifestation organisierter zionistischer Frauen in deutscher Spache. Es haftet dieser Veröffentlichung aber durchaus nichts Versuchsmäßiges an, sie stellt sich vielmehr als ein überaus geglücktes Unternehmen dar, den geistigen und praktischen Problemen der mit dem Erneuerungsstreben ihres Volkes verbundenen Jüdin unserer Tage adäquaten Ausdruck zu verleihen. Eingeweihte kennen die Vorgeschichte dieser Publikation, wissen um den seit drei Jahren auf allen Wizo-Tagungen von Dr. Martha Hofmann immer wieder temperamentvoll vorgebrachten Vorschlag eines Kulturblattes der zionistischen Frauen, wissen um die heiße Debatte auf der letzten Council- Sitzung der Wizo, in der schließlich als ein Anfang beschlossen wurde, zwei Nummern der diesjährigen ״Pioniere und Helfer“ als literarische Sondernummer unter ihrer Redaktion herauszugeben, wissen um die Sorgen, einen Inhalt und eine Form zu finden, die den 33 über die ganze Welt und alle ihre Kulturkreise verstreuten Landesseictionen der Wizo gemäß sein können. Um so herzlicher die Freude, daß Dr. Hofmanns Zuversicht, hier etwas Befriedigendes und Anregendes schaffen zu können, recht behalten hat.

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