Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 17 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17.!.TU 1P20 JUEDISCHE RUNDSCHAU Serie 105 Zur nationalen Problematik Die ״neue Gesellschaft" in Palästina als ideale Vision und als werdendes Werk Von Israel Tunis, Die Worte Bubers auf der ,,Konferenz der Freunde des arbeitenden Palästina“, am 29. Dezember 1928 in Berlin, haben mich ergriffen und für immer einen tiefen Eindruck hinterlassen. Um so mehr fühle ich mich gedrungen die folgenden, uta die Klärung unserer Sache sich bemühenden Gedanken, die in mir nach und nach wachgerufen wurden — hier, wenn auch auf eine Weise, die wie ein Selbstgespräch anmutet — wiederzugeben. Fast keine Epoche in der jüdischen Geschichte entbehrt erhabene, prophetische Auffassungen über das Judentum und seine Sendung in der Welt. Diese Auffassungen äußerten sich nicht nur in rein geistigen Schöpfungen, also in den religiösen Schriften, der Literatur und Philosophie, sondern auch in religiösen, messianbehen Aktionen, deren Bedeutung nicht selten auch eine politische — im nützlichen oder unnützlichcn Sinne war. Es mag sein, daß die prophetischen, visionären Elemente auch beim Entstehen des modernen Zionismus — bei den einen bewußt, bei den andern vielleicht unbewußt — mit.gcwirkt haben, und daß in seinem inneren Gehalte ein großer Teil jener mcssianisclien Ideen verborgen liegt. Doch obwohl der heutige Zionismus durch die sogenannten wissenschaftlichen Auffassungen, die ihn aus rein ökonomischen, materiellen Voraussetzungen abieiton wollen, sicherlieh nicht restlos erschöpft wird, muß dennoch zugegeben werden, daß diese Bewegung in unseren Tagen, vor allem auf rationellen, sachlichen, realen Grundlagen basiert Die Grundtendenz dieser Bewegung bt: Die Begründung einer neuen jüdischen Gesellschaft in Palästina. Daß aber zu den realen Kräften, ans denen eine Gesell- Schaft samt ihrer Kultur bestellt, nicht nur ihre technische Und wirtschaftliche Entwicklung allein, sondern auch ihr ethisches Niveau gehört, das muß jeden, der seine Augen über die Erscheinungen der Oberfläche tiefer ins Leben der Ge- Seilschaft hineinblicken läßt, durchaus einleuchtend sein. Ohne Disziplin gibt es keine gesellschaftliche Ent- Wicklung in keiner Hinsicht und auf keinem Gebiete, weder in der Technik, noch in der Wirtschaft und Wissenschaft. Die wahre Disziplin ist aber nicht diese, die von oben und außen kommt, sondern jene allein, die von unten und vorn Innern kommt. Die freiwillige, sclbstgewall'e, innerlich notwendige Disziplin. Das jeweilige Niveau einer solchen Disziplin ist in Wirklichkeit das ethische Niveau einer bestimmten Menschengruppe. Dies bedeutet aber mit anderen Worten, daß auf dem persönlichen Verantwortungsgefühl des Einzelnen die wahre Gesellschaft sich auf baut; je gesteigerter dieses Gefühl, desto fester, realer und vollkommener ist sie. Ohne ein emnfindsames Gewissen bei jedem Einzelnen haben die Verordnungen, Gesetze und Einrichtungen einer Gesellschaft keinen dauernden Wert, und ihr ganzes Dasein müßte in solchem Fa'le als ein Trugdasein erscheinen. Verantwortung und Gewissen ist aber etwas, Wäs'than von einem jeden Menschen verlangen kann. Nicht so etwa die Liebe. Liebe kommt nur vom Herzen. Sie ist eine Gnade. Ein liebender ist ein Begnadeter. Und daher ist eine auf Liebe basierende Gesellschaft also ״die Gemeinschaft“, das .,Reich Gottes“ nur als etwas Erwürschtes, Ersehntes, Erwartetes — nur als eine Vision denkbar. Man kann aber nicht im Zeichen einer Vision Tatsachen und reale Aufgaben beurtei'en, man kann nicht im Zeichen einer erhabenen Sehnsucht Dinge und konkrete Fragen messen. Und Kwuzah, Allah, die Bodenfräse und die Beziehung von Mensch zu Mensch im arbeitenden Palästina sind doch Fragen des Tages! Und diese Fragen müssen gelöst werden, nicht nur durch einzelne, hohe Persön'ichkeiten, sondern vor allem von der Masse, vom Volke. Die Masse aber in ihrer überwiegenden Mehrzahl besteht nicht aus Menschen, die für ihr wirken ihren Ausgangspunkt von Visionen und höheren Erkenntnissen nehmen. Höhere Erkenntnisse sind eine Gottesgabe der Wenigen. Das Volk, also der einfache Mann (er mag noch so gebildet sein) wirkt vor allem in der Not Nur was ihm unmittelbar nottut, erfüllt er mit seinem ganzen Wesen. Auch Liebe kann Not sein. Auch bei den Massen. Aber nur in außerordentlichen Lebensmomenien, nicht als Dauerzustand. Bis heute wenigstens nicht.— Wenn wir uns nun über die Bedeutung dessen, was im schöpferischen Teile des jüdischen Pa’ästina vor sich geht, klar werden wollen, wenn wir ein Rückgrat für die Ab- Schätzung und Beurteilung dieses Werkes haben wollen, können wir nicht die prophetischen Verheißungen und Hoffnungen dafür als Ausgangspunkt wählen, sondern wir müssen notgedrangen von den 33 000 lebenden Arbeitern in Palästina und von ihrem Werke ausgehen. Daß diLse 33 000 Menschen, die ihr Lehen und ihre Arbeit in der Form von Kwuzah, Moschaw usw. organisiert haben, sicherlich eine produktive, tatkräftige, zielbewußte Menschengruppe sind, deren Wirken und Leben in diesem Lande zweifeilos von größter historischer Bedeutung für das jüdische Volk und dadurch auch für die Menschheit ist, das muß jedem, der über die Grenzen des sogenannten ,,praktischen Denkens“ zu denken vermag, klar und einsichtig sein. Daß aber das Werk der jüdischen Arbeiter in Palästina, allein den Keim der Welterlösung in sich trägt und daß dieses Werk allein in unseren Tagen im Zeichen der wahren Weltc r 1 ö s u n g steht, das kann nicht jedem, wenn auch persönlieh und unmittelbar an diesem Werke Beteiligten so ohnehin einleuchtend sein. Und doch war dieser Gedanke (wenn auch nur als Andeutung) der Grundsinn in der Rede Bubers auf der Konferenz der Freunde des arbeitenden Palästina. ״Es ist falsch, wenn man den Aufbau Palästinas einfach dem Leben überläßt ohne ideelle Beschränkung. Aus so einem Zionismus kann nichts werden.“ Ja! doch warum muß das Werk des Zionismus — allein — ein welterlösendes Werk sein? Warum ist das neue, schöpferische Arbeiterpalästina allein der Anfang und die Quelle dieser Erlösung? Dieser Gedanke ist kein neuer bei Buber. Es ist übrigens eine alte Auffassung des Judentums, die Auffassung des ״Atha Bacharlanu“. Diese Auffassung ist aber, wie wir wissen, nicht mehr neu auch bei den andern Völkern — selbstverständlieh in Bezug auf sich selbst. Nicht nur führende Nationen in der europäischen Kultur haben sich diese Auffassung des ״Atha Bachartanu‘* zu eigen gemacht, sondern auch Völker wie das russische und polnische. Nicht nur der chauvinistische Dostojewski, sogar der kosmopolitische und freie Tolstoi war innigst davon überzeugt, daß die Erlösung der Welt einzig und allein durch die christliche Lehre kommen kann, daß diese sich im Siavenfum verkörpern wird und das russische Volk das führende rwisehen den slavischcn Völkern in der Erfüllung der Christliehen Verheißungen — werden muß. Dieselbe Ideologie, die Ideologie des ״Auserwähltselns“ hat auch das polnische Volk beherrscht Die größten nationalen Dichter Polens; Mickiewitsch und Slowaeki waren von dem Glauben durchdrungen, daß die po'nische Nation dazu erkoren sei — das Opferlamm der Menschheit, der verkörperte Christus zu werden. Was ich sagen will ist folgendes: Die Ziele, die der Zionismus erstrebt, sind auch ohne die Idee ״des Weiterlösens“ erhabene und mit jeder edlen, mcnsch'ichen Gesinnung vereinbare Ziele. Wir dürfen aber nicht zu sehr spezielle Er- Wartungen von unserem Werke in Palästina bei der Welt wecken und vor allem diese Erwartungen nicht zu hoch spannen. — Das Werk, welches der jüdische Arbeiter in Palästina begönnen 113t, ist ein menschliches Werk, ausgestattet mit allen Schwächen, Unzulänglichkeiten, Unvollkommenheiten jedes menschlichen — wenn auch noch so gut gedachten — Werkes. Was dieses Werk so besonders auszeichnet, liegt darin, daß es ein Versuch ist, der in diesem Ausmaße und in so einer Not nirgends in unseren Tagen unternommen wurde. Eine Gesellschaft mit so'dien Einrichtungen und Postulaten wie die jüdische Arbei er o'onnalion in Palästina gibt es in diesem Zusammenhänge nirgends noch. Aber Einrichtungen und Postulate sind noch nicht a'les; sie sind nur das Gerüst zu einem neuen Bau, nur das Gefäß eines neuen Lebens,!dieses Gefäß muß erst ausgefüllt werden mit den persönlichen Qua'itäten eines jeden Einzelnen. Und in diesem Punkte beginnen schwerwiegende Ueberiegungen. Ist wirklich der Einzelne im arbeitenden Palästina menschlich etwas mehr, als jeder andere rechtschaffen lebende Mersch in der Welt? Sind die nach Palästina gehenden Chaluzim tatsächlich und in jedem Falle nach rein menschlichem Ermessen wertvollere Individuen, als ihre in der Galuth bleibenden, Handel und Wandel treibenden Väter? Das Kostbarste und Niedrigste im Menschen und in der Gesellschaft äußert sich nicht in diesem menschlichen Wirken, welches in dem Rahmen der Einrichtungen und Vereinbarungen sich entfaltet, sondern in jenem Leben, welches auf den Gebieten um diesen Rahmen liegend — sich ereignet — also: in den unmittelbaren Beziehungen von Mensch zu Mensch, von Gesellschaft zum Einzcln״n, vom Ei!el׳-en zur Gesellschaft. Wird im arbeitenden Palästina in diesem Sinne mehr Recht, Liebe und Gerechtigkeit gelten als irgendwoanders unter Menschen? Hierauf eine entschiedene Antwort zu geben — erfordert reifliche Ueberlegung. Von diesem Gesichtspunkte aus ist schwer zu sagen, daß die Menschen im arbeitenden Palästina a'lein und vor allem berufen sind, die Welterlösung herbeizuführen. Das wird auch ein echter Arbeitsmann in Palästina weder von sich, noch von der ganzen Arbeiterbewegung dort behaupten wollen. ״Es gibt etwas, was von Israel verwirklicht werden will“ .... Ja! aber hier müssen wir deutlicher sein; Seine eigene Befreiung! Durch eine besondere Begegnung von historischen Ereigwissen ist das jüdische Volk in eine Enge getrieben, in einen Sumpf gedrängt worden. Sich aas dieser Enge zu befreien, aus diesem Sumpfe herauszukommen, tut not Diese Not hat den Zionismus geboren. Was die Arbeiterschaft Palästinas verwirk'!'hen will, ist: ein menschenwürdiges Leben dort aufzubauen, also — Israels Bedrängnis überwinden. An dieser Bedrängnis sind die Völker nicht unschuldig gewesen. Darum hat die jüdische Arbeiterschaft ein Recht, nicht nur die Hilfe des ganzen jüdischen Volkes, sondern auch des verantwortlichen Teiles der Welt —■ zu beanspruchen. Aber nur in diesem Zeichen! ״In diesem Zusammenhang müssen wir erkennen, daß die Arbeiterschaft der wahre Träger des Zionismus ist Und die Arbeiterschaft muß erkennen, daß sie an dieser zentralen Stelle die wahre Verantwortung für den Aufbau hat.“ Das Gespenst des Patriotismus Von Marcel Lew. Die bevorstehende Erweiterung der Jewish Agency, über deren Wert oder Unwert heute zu streiten sinnlos ist, stellt uns vor zwei große Probleme: Die Gestaltung der erweiterten Agency — Außenpolitik; die Haltung des Zionismus und seiner Anhänger — Innenpolitik. * Mit der Innenpolitik wollen wir uns befassen und zunächst eine Feststellung treffen, wobei wir keineswegs behaupten wollen, sie als erste gemacht zu haben. Sie lautet: die Stellungnahme zu Fragen des Aufbaus Palästinas hängt zuniederst und zutiefst von der wirtschaftli chen Anschauung des Einzelnen ab. Das Urteil des Sozialisten wird und muß anders sein als dis des überzeugten Nicht- oder Anti- Sozialisten. Ist das Urteil in diesem Sinne abhängig, so sind d.e Folgerungen, die der Einzelne zieht, davon bcsu.a.nt. Und sind die Folgerungen so bestimmt, so sind logischerweise auch die Entschlüsse deren praktische Konsequenzen. Da aber nun auf der anderen Seite die Zionistische Organisation in sich reich gegliedert ist, ihre Mitglieder nur durch eine, nationalpolitische, Forderung miteinander verbunden, in allem anderen aber frei sind und somit Möglichkeit und Recht haben, sich in bezug auf andere Forderungen, nennen wir es Spezialforderungen, separat zu organisieren, und zwar so zu organisieren, wie es Der Einstein-Wald in Erez Israel Ein Ehrenmai für Albert Einstein und das Judentum 10000 Bäume zum 14. März 1929! Jenseits des Zionismus analog erfolgt, z. B. religiös, sozialistisch, konservativ, so entsteht —- schon rein deduktiv — die Mög* üchkeit und Wahrscheinlichkeit, daß die Abstimmungen innerhalb des Gremiums der erweiterten Agency sich nicht als den Grenzrissen von Zionismus und Nichtzionismus folgend erweisen werden. Diese Deduktion hat bereits wiederholt ihre empirische Bestätigung gefunden. Wir haben schon öfters feststellen können, daß die Meinungsbildung nicht nach Zionismus und Niclit/ionismus sich schied, sondern nach Gesichtspunkten, die bestimmten Zionisten und Nichtzionisten gemeinsam waren, anderen wieder nicht. Dies war z. B. auf der letzten A.-C- Sitzung der Fall, um die jüngsten Ereignisse heratiszugreifen, als der Vertreter einer palästinensischen Partei sich grundsätzlieh gegen Kwuzah und sozialistische Siedlung aussprach und sich hierbei mit im Expertenbericht vertretenen Anschauungen begegnete. Es ist auf der anderen Säte auch bekannt, daß die jüdischen Gewerkschaften in Amerika Kwuzah und sozialistische Siedlung unterstützen, ohne dabei jedoch zionistisch organisiert zu sein. Es kann gar nicht genug darauf hingewiesen werden, daß eine solche — vorn Zionismus aus gesehen — andere Grenzmarkicrimg im Wesen der Zionistischen Organisation begründet liegt, und es darf wohl an dieser Stelle hinzugefügt werden, daß eine Aendcrung dieser Organisierung deshalb einen 2erfall der Zionistischen Organisation herbeiführen würde, weil eine bedeutende Zahl Zionisten sich dann von ihr schieden. Die kommende zionistische Innenpolitik wird hierauf Bezug und Bedacht nehmen müssen. Sie wird stets zu überlegen haben, welche Parole als alle Zionisten gemeinsam verbindend ausgegeben werden darf und welche nicht Bereitsheute sind wir leider gezwungen, auf zwei Parolen in diesem Sinne hinzuweisen: ״Patriotismus“ und ״National verra t“. Wenn wir die Genesis des letzten Begriffes recht verstehen, so handelt cs sich um eine Uebertragung aus dem Rechtsbegriff, schätz“ bestehender Staaten. Aus deren ״Hochverrat“ oder ״Landesverrat“ wurde bei uns — in unserer gegenwärtigen Lage — ,,Nationalverrat“. Die revisionisrische Welikonfcrcnz war offen. Sie erklärte ״ganz einfach“: Wer unseren Auffassungen aktiv zuwidcrhandclt, ist ״N a t i 011 a I v e r r ä t e r“. Dali ihn! nicht von vornherein das Schicksal Matteotis und Trotzkis annonciert wurde, bedeutet wohl nur ein Vorbehalten für weitere Entwicklung. Wenn nun im Gegensatz zur revisionistischen Deklaration wirtschaft'hhc in lercsncnkonfli'ricdoch durch Kampf und nicht durch ein Prinzip, nämlich das der nationalen Arbitrag», gelöst werden, wenn also z. B. eine revisionistische Zündholzfabrik bestreikt wird, in der — um das Maß zu füllen — Juden und Araber Streikposten stehen, so wird das wohl auch ein Anwendungsgebiet zur Betätigung der jüdischen Wehrkraft werden. Wir beneiden die Revisionisten nicht um ihre Erfindung des ״Nationalverrats“: wir beneiden nicht, aber wir kämpfen mit offenem Visier, Wir kennen uns und wir wissen, was wir zu erwarten haben. Die Statuierung des National verrats,den es grundsätzlich nicht gibt, bedeutet Aufgabe der Zionistischen Demokratie, die Vertreter aller Separatanschauungen an eine Terrors mit der Folge der Zerschlagung der Zionistischen Organisation. Sie erreicht den ,.blutigen“ Tod des Zionismus, während #1• dessen ״kalten“ Tod durch die erweiterte Jewish Agency verhindern will. * Es war bereits von der zionistischen Demokratie dk Rede. Nicht nur die zionistische, sondern jede überhaupt kennt keinen schlimmeren und gefährli'heren Feind als den Patriotismus. Er war 1911 der Vater des Burgfriedens, jener Instituiion, die ein demokratisch organisiertes Regime v־'hinderte, die das Interesse der Bevölkerung den wenigen Militärs und Politikern gewa’tsam unterordn״te und die der Hauptschuldige an dem Verlauf des Krieges ist Der Patriotismus schickte Familienväter in den Toi bo paradox es klingt: Es kam einmal patriotisch sein, unpitrio isch zu sein. Anerkannt und vorausgesetzt — zu diesem Anerkenntnis und daher Voraussetzung sircf wir bei der Art der Zionistischen Organisation verpflichtet —, daß für den Zionismus — zumindestens innenpolitisch — Demokratie leitender Grundsatz ist, bedeutet jede Art von Patriotismus dessen Durchbrechung. Jeder Pafriotismus. zumindest in seiner aktiven Form, setzt eines voraus: nämlich eine Anschauung, deren Ausführung der be’reffenden Sache zum Wöhle gereidit, deren Nichtausfuhrung, gewaltsam oder gewaltlos, ihr schädlich ist Nach patrio rischer Auffassung war 1511 aktive Teilnahme am Krieg und dessen Unterstützung Deutschland — auch von der anderen Seite aus gesehen den Deutschland feindlichen Ländern — nützlich, Nichtteilnahme am Krieg schädlich. Der Schädling mußte daher ausgemerzt werden, sei es durch Kugel oder Zelle, sei es durch Differenzierung oder Boykott. Für den Patrioten kennte es daher, nachdem er oder seine Gegner ausgeschaltet waren, nur eine Partei geben, nämlich jene, deren einzelne Glieder die durch die Vereinbarung des Burgfriedens verbundenen Parteien waren. Im Gegensatz zum demokratischen Prinzip herrschte naturgemäß die Diktatur, weil mit Hilfe des Patriotismus der demokratische Ausgleich verhindert war, nicht zustande kommen konnte. Da dies aber die Eigenart jedes Patriotismus ist, weil er sich ja darauf gründet, daß er etwas für gut und erforderlich hält, wovon andere anderer Meinung sind, nur weil er deshalb andere als Schädlinge betrachtet und demgemäß behandelt wissen will, so sollte diese Vokabel aus unserem Lexikon ein für alle Mal gestrichen werden. Die Feststellung des für ein Volk Guten und Nützlichen wird durch Demokratie getroffen; der Patriotismus hat ihr nichts dreinzureden. Und jetzt noch eine andere Ueberlegung: Weshalb sind wir Zionisten? Weil wir den Zionismus für die richtigste Lösung der Schwierigkeiten halten, in denen sich das jüdische Volk befindet. Und wesha'b sind wir Mitglieder der Zionistisehen Organisation? Weil diese Lösung nur durch gemeinsame Organisierung erfolgen kann. Aus der ersten Frage und ihrer Antwort folgt, daß ausschließlich maßgebend für uns das jüdisehe Volk und seine Interessen sind. Zionismus ist Mittel, nicht Zweck. Aus der zweiten Fragestellung und deren Beantwortung ergibt sich, daß die Organisation nur für das Organisierte gilt. Das Organisierte ist das Gemeinsame aller zionistischen Richtungen, das Nichtorganisierte ist eben das diese Richtungen Trennende. Abgesehen von aller Beurteilung des Patriotismus überhaupt, gibt es einen spezifischen zionistischen Patriotismus schon gar nicht. Richtschnur unseres Handelns ist einzig und allein das Wohl des jüdischen Volkes. Wir definierten bereits den Patriotismus als jene Ersehe!• nung, die irgendeine Sache heraushebt Sie unterstützen ist * .