Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 15 (22.2.1929)
- Date
- 1929-02-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15, 22. TI 1920 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 93 Ueber das ,,siebente Dominion“ Von M. Bcilinson, Tcl-Awiw. Vor einigen Tagen wurde in London unter dem Vorsitz von Cohnei Wedgwood dir Liga für llmumrullung Palästina*, in ein englisches Dominion (״Scvcnlh Dominion l^eagnc") begründet. Die Initia'oren dieser neuen Vereinigung begründen in einer Zuschrift an den ״Daily Telegraph", die dort am t'l. d. M. veröffentlicht war, des große britische Interesse am Zionismus und an der Entwicklung des jüdisehrn Nationalhcinu in Palästina. In der Zuschrift wird gezeigt, daß rin Zusammengehen non Engländern und Juden gnmUigc. Vorteile für heide Völker mit sich bringt. Für den 2'i. i. M■ wird rinc Vcrswnnihmg in London einberufen, die dw offizielle Formierung der Liga bezweckt. Der Brief Ul unterschrieben, von folgenden Personliehkeiten des britischen öffentlichen lahmt, die auch *amtlich Mitglieder der ,J’a'cstine Mandate. Society" sind.: Martin Conway, Robert Hamillon, llarlington, J. W. Hills, ’. M. Kenworthy, Drurnmond Shiels, Lcslic Scolt, Josiah C. Wedgwood. Gemäß den, Statuten sind die Zwecke der Liga folgende: 1. Die Liga fördert die Entwicklung Palästinas als NatUmalhcim für das jüdisrhe Volk und. erstrahl die Sicherung der Mitarbeit des englischen Volkes und. der englischen Administration hei der Verwirklichung dieses Zieles. 2. Diese Mi.tarhe.it soll sich darin atudrücken, daß in Palästina diejenigen Bedingungen geschaffen werden, die. den Eintrohnern Palästinas die Möglichkeit gehen, nach Beendigung der Mandatsperiode das System eines autonomen Dominions im Böhmen des British Empire einzuführen. 3. Die Liga erstrebt eine Befes'igung der Frcnndschafl;irischen dem englischen und dem jüdischen Volke; diese Freundschaft soll auf Gerechtigkeit, gemeinsamen Interessen und gcmeinsamen Idealen basieren. Colonel Wedgwood ist ein warmer und aktiver Freund des Zionisraus, dessen wirksame Propaganda-Aktion in Deutschland unvergessen ist. Seine Idee, Palästina jetzt schon ah englisches Dominion in Aussicht zu nehmen, wirft jedoch eine Reihe schwerwiegender politischer Probleme auf, die der eingehenden Diskussion bedürfen. Der hier folgende Aufsatz unseres Mitarbeiters Dr. Bcilimon ist ah wichtiger Beitrag zu dieser Diskussion sicherlich willkommen. Red. Der Freund der zionistischen Sache, CoL Wedgwood, machte vor einigen Monaten, in einem besonderen Buche, den Vorschlag, Palästina zu einem Dominion des britischen Weltreiches zu erklären. Diejenigen, die den Plan von Wedgwood zu unterstützen bereit sind, und vor allen Wedgwood selbst, gehen von einer sehr einfachen Ueberlegting aus: England würde der jüdischen Kolonisation eine viel größere Hilfe angedeihen lassen, wenn es feststünde und von den Juden angenommen wäre, daß Palästina für immer im englischen Reiche zu verbleiben hat. Für die Juden ihrerseits würde es sich lohnen, diese Verpflichtung zu übernehmen, da sie dafür die aktive englische Unterstützung bekamen, die von ihnen angestrebte Selbständigkeit kaum darunter leiden würde. Hält diese Ucberlegung einer nüchternen, wirklichkeitstreuen politischen Prüfung stand? Vorausgesetzt, daß das Verbleiben Palästinas im britischen Reiche den englischen Wünschen entspricht, ist eines von beiden anzunehmen: entweder ist England sich dessen bewußt, daß die jüdische Kolonisation in Palästina, die Schaffung des jüdi sehen Nationalheimes, mit englischer Hilfe, unter englischer Aufsicht, diesem englischen Ziele förderlich ist oder es legt keinen großen Wert auf den jüdischen Faktor und; sucht andere Wege zu seiner Verankerung im Lande, ln beiden Fällen hat cs eine Aenderung der bestehenden internationalen Lage nicht nötig, und die Zustimmung der Juden zu einer Dominion-Erklärung wird ihre tatsächliche Stellung kaum stärken. Wenn England diejenigen Verpflichtungen, die mit Annahme des Mandates verbunden waren und sind, anerkennt und auf die jüdische Siedlung, als seinen Stützpunkt, Wert legt, dann gibt ihm die gegenwärtige Verwaltung die volle Möglichkeit, den Juden zu helfen und ihre Arbeit zu fördern. Andererseits: ist für England die Mandats-Verpflichtung nichts als ein ״Fetzen Papier“ und die jüdische Siedlung für seine Zwecke wertlos, dann wird cs auch in der Dominion-Erklärung keine neuen Antriebe für eine besondere Anstrengung finden. Was gibt ihm diese Erklärung? Hat es jetzt, wo diese jüdische Erklärung fehlt, irgendeinen Grund anzunehmen, daß die Juden an dem Tage, wo sie stark und zahlreich im Lande sein werden, die von ihm bekommene Hilfe und Unterstützung vergessen und ihm ״untreu'“ werden? Und wenn cs diesen Grund hat, wird er aus seinem Herzen verschwinden nur deshalb, «veil es in seinen Staatsarchiven eine jüdische Dominion-Erklärung liegen haben wird? Wer noch wie England weiß es, daß Verträge zwischen Völkern und Ländern nur ein Ausdruck des im gegebenen geschichtlichen Augenblicke bestehenden Kräfteverhältnisses sind und daß mit der Aenderung dieses Verhältnisses auch Verträge sich ändern? Erstrebt England, Palästina in seinem Reiche zu behalten, dann wird es kaum die internationale Stütze dazu in Verträgen mit der Zionistischen Organisation suchen. Andererseits: eine Aenderung in der internationalen Lage würde das englische Spiel nur verderben, immer vorausgesetzt, daß cs ein ״Spiel“ spielt und nicht für die Mandatsperiode und nicht zu den Mandatsziclen nach Palästina gekommen ist Solche Aenderung ist unvermeidlicher weise mit Neueröffmnig der ganzen palästinensischen Frage verbunden, mit Wiederenv,neben der inzwischen dngeschlafcnen Aspirationen, mit Schwierigkeilen dem Völkerbünde gegenüber, mit eventuellen Kämpen- Rationen an andere Großmächte (Frankreich, Italien) für diese Vergrößerung des englischen ״Eigentums“, mit Verschärfung des religiösen Problems (Vatikan) verbunden. Außerdem: die Balfour-Erklämng und ihre Verankerung im Mandate haben England gewisse Schwierigkeiten in seinen Beziehungen zu den arabischen Völkern verursacht. Es ist anzunehmen, daß es sich ihm gelohnt hat Die Dominion-Erklärung aber, im Sinne von Wedgwood, d. h. die Betonung derjenigen Mandate (des englischen und des jüdischen), die schon in der Balfour-Erklärung die tiefe Beunruhigung der arabischen Weit hervorgerufen haben, würde nicht spurlos Vorbeigehen und im Oriente vielleicht noch eine größere Reaktion hervorrufen als in Europa. Wozu braucht England das alles? Besitzt für England die jetzige internationale Lage wirklich große Schwierigkeiten? Ist nicht gerade die Aufsicht des Völkerbundes, der Status sui generis, in welchem Palästina sich befindet, eine Erleichterung für England, für seine Verwaltung, für die ganze Begründung seines Palästina-Anspruches? Noch mehr als für England ist der Dominion-Gedanke vom Standpunkte der zionistischen Bewegung strittig. Viele Argumente, die England von der Annahme dieses Gedankens abhalten sollten, bestehen auch für den Zionismus, und zwar in noch verstärktem Maße. Auch wir haben diese NcucrÖffnung der internationalen Diskussion über Palästina in Frankreich, in Italien, in der katholischen Welt und am wenigsten unter den arabischen Völkern nötig. Der Verzicht auf den Völkerbund bedeutet für England gewisse Schwierigkeiten in der Stunde des Uebergangs von einer internationalen Lage zu einer anderen. Für den Zionismus würden diese Schwierigkeiten auch nach dem Uebergange bestehen, um so mehr, als die Zionistische Organisation, eine — im Vergleich mit der größten Macht der Welt — schwache Vertretung eines schwachen Volkes, sozusagen allein mit dieser größten Macht bleiben würde, ohne die Möglichkeit eines internationalen Appells für Hilfe, Unter- Stützung und Verteidigung. Diese Möglichkeit und ihre praktische Auswirkung sind allerdings auch augenblicklich nicht hesonders groß; denn der Völkerbund ist keine entscheidende Kraft in den internationalen Beziehungen. Dennoch besteht in Irgendeinem Ausmaße eine solche Möglichkeit Eine politische Waffe, und sei sic noch so bescheiden, liegt heute in den Händen der Zionistischen Organisation in ihren Beziehungen zu England. Es ist sogar anzunehmen, daß der Wert dieser Waffe in Zukunft größer wird; Aus welchen Erwägungen heraus sollte der Zionismus sie aus den Händen lassen, auf sie verzichten? Was würde er dafür bekommen? Wenn cs richtig ist, daß die Dominion-Erklärung für England wertlos sei, weil seine Möglichkeiten auch heutzutage genügend groß sind, wenn es richtig -ist, daß diese Erklärung für England keinen tatsächlichen Machtzuwachs bedeutet, dann ist nicht anzunehmen, daß es dem Zionismus etwas ״zugeben“ wird zu dem, was es heute gibt oder geben könnte und sollte. Der bekannte politische Grundsatz ״do ut des“ ist sonst viel-!leicht ganz zweckmäßig, jedoch nur dann, wenn tatsächliche Werte zum Austausch stehen. Die Freunde des ״siebenten Dominions“ weisen auf Kanada, Südafrika usvv. hin, und fragen die Juden: geht es diesen Ländern schlecht? Hat man es nötig, einen ruhigeren und si־he:e:en internationalen Zustand anzustreben? Seht, was cs heißt, ein britisches Dominion zu sein! Mit Argumenten solcher Art wird nur die Abstraktheit dieses politischen Gedankens aufgedeckt. Diesen Ländern geht es gut, nicht weil sie Dominions heißen, sondern umgekehrt: sic sind aus Kolonien zu Dominions geworden, weil es ihnen ״gut ging“, well sie eine Macht sind, die das Mutterland dazu gezwungen hat, mit ihnen zu rechnen und ihnen die völlige innere Autonomie zu lassen. Wird das jüdische Palästina diese Machtstufe nicht erreichen, dann wird es zu liner einfachen englischen Kolonie degradiert, insbesondere wem! cs seine Beziehungen zum Völkerbunde abbrechen und seine eigenartige politische Stellung verlieren wird. Diese einzigartige Lage soll keine wertlose Sache in der zionistischen Auffassung sein, dam bis die Juden im Lande zu־ einer entscheidrtidcn Kraft werden, diese Lage ist es, die uns — jedenfalls im Einpfindcr der Völker, im Empfinden des jüdischen Volkes, im Empfinden der arabischen Welt und in gewissem Maße auch im Empfinden der britischen Regierung — von der Stellung und vom Schicksal einer englischen Kolonie rettet. Wird sich diese einzigartige Lage ändern und inzwischen unsere tatsäehliehe Kraft nicht bedeutend größer, dann bewahrt Palästina keine Bezeichnung ״Dominion“ vor dem Kolonieschicksal. Das Beispiel der anderen Dominions besagt noch nichts über die wirkliche Zukunft von Palästina, die von der inneren Kraft der jüdischen Siedlung und von der allgemeinen weltpolitischen Situation abhängig sein wird. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, daß die zukünftige politische Entwicklung dazu führen wird, daß Palästina in dem Rahmen des britischen Weltreichs in Dominions-Form seinen Platz finden wird. Die Sache hingt aber von Faktoren ab, die heute nicht zu übersehen sind. Heute ist England die stärkste Weltmacht, niemand kann aber mit voller Sicherheit prophezeien, daß es auch in naher oder weiter Zukunft so bleiben wird. Und niemand wird cs übernehmen, die Entwicklung des britischen Weltreiches mit voller Bestimmtheit vorauszusagen. Es ist allerdings anzunehmen, daß England, den politischen Tendenzen der besten englischen Staatsmänner folgend, sich zu einem eigenartigen Völkerbund entwickeln wird. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen, daß es seine Besitzungen außerhalb Europas verlieren wird. Die soziale und politische Entwicklung Asiens könnte es dazu bewegen, ganz andere politische Formen des Völkerzusammenlebens in seinem Reiche zu suchen. Insbesondere ist nichts Bestimmtes und Sicheres über diejenigen Teile des Orients vorauszusagen, mit denen Palästina — nicht nur geographisch —- verbunden ist. Könnte man absolut sicher sein, daß auch Palästinas Nachbarländer — Aegypten, Irak, Mesopotamien — in englische Dominions sich verwandeln werden, dann stände der Gedanke des ״siebenten Dominions“ auf festeren Füßen. Wie wird aber die Lage Palästinas sein, wenn die Sache sich anders entwickeln wird, wenn die Nachbarländer Palästinas zu einer vollkommenen politischen Unabhängigkeit gelangen und Welleicht sogar in eine englandfeindliche politische Konstellation eintreten werden? Wird Palästina «allein, ohne jeglichen Stützpunkt in den arabischen Ländern, die ״lunga manu“ vor England sein ':ännen? Wird England es wollen und vermögen, diese ״Hand“ zu unterstützen und zu verteidigen? Der Gedanke des ״siebenten Dominions" würde, verwirklicht, die zionistische Bewegung und den jüdischen Jischuw in eine verwickelte und nicht gefahrlose Lage hineinziehen. Er würde schon jetzt, am Anfänge der Entwicklung, den intetnationalen Rahmen des Jischuw fcstlegen, seine politische Anpassungsmoglichkeit begrenzen und ihn vielleicht in einen Gegensatz zu denjenigen Kräften stellen, mit denen seine Schicksalsgemeinschaft am stärksten ist. Und dies alles, ohne daß diese ganze entscheidende Aenderung Irgendeinen Nutzen mit sich bringen würde, ohne jegliche ernste und konkrete Kompensation. Gerade well das jüdische Kolonisationswerk erst an seinem Anfänge steht, gerade weil nicht anzunehmen ist, daß es jemals, an sich, zu einer politischen Kraft gelangen wird, die In irgendeinem Verhältnis zur englischen und arabischen Kraft stehen wird, gerade deshalb ist cs unnütz, unzweckmäßig und schädlich, seinen politischen Rahmen fest und genau 7.u bestimmen. Das jüdische Werk hat seine nationale Unabhängigkeit zu erstreben — wirtschaftliche, kulturelle, politische. Aus welcher Situation heraus, mit Hilfe von welchen Kräften, Kombinationen und Verbindungen, in welcher politischen Form sich diese Aspiration verwirklichen wird, ist jetzt nicht zu sagen. Es ist deshalb sinnlos, daß man schon heute eine verwickelte politische Frage aufrollt, die augenblicklich gar keiner Lösung bedürftig ist. Es ist nicht zu bezweifeln, daß Wedgwood seinen Gedanken aus der besten Absi.ht, das Monistische Werk auf ״konkretere“ politische Grundlage zu stellen, propagiert. Uns scheint jedoch, daß sein Gedanke der wirklichen politischen Sachlage und der jüdischen Situation nicht gerecht wird. Kant im Hebräischen Zum 125. Todestag des Philosophen. Von S. M e i s e 1 s. fm neuhebräischen Schrifttum ist die philosophische Literatur am spärlichsten vertreten. Das mag ein wenig befremdlich erscheinen, wenn man erwägt, daß das Judentum selbst aus dem Mittelalter eine sehr reichhaltige philosophische Literatur in hebräischer Sprache besitzt und daß fast in jedem eistigen Juden ein starker Hang zum Philosophieren voranden war. In jüngster Zeit freilich hat es hier und da an Versuchen nicht gefehlt, die Gedankenwelt großer Philosophen, wie die Spinozas, Platons, Nietzsches und anderer durch treffliehe Uebersetzungeri ihrer Werke oder durch zusammenfassende Darstellungen ihrer philosophischen Systeme dem hebräischen Leser zu erschließen. Aber alle diese Versuche waren nicht ausreichend genug, das Interesse für Philosophie beim hebräischen Leser zu wecken, geschweige denn eine philosophische Literatur breiteren Umfanges in hebräischer Sprache zu schaffen. Und so kam es denn, daß selbst ein Kant, dessen Philosophie gerade unter den Juden die bedeutendsten /nhängcr und Verfechter gefunden hat, erst jetzt, 125 Jahre nach seinem Tode, recht eigentlich in den altneuen Tempel des hebräischen Schrifttums eingezogen ist. Vor wenigen Jahren erschien eine hebräische Ausgabe der ״Kritik der reinen Vernunft“, übersetzt von Junowitz (Jerusalem 1924), und später dann auch das wertvolle Buch ״Hapilo- Sophia schcl Immanuel Kant“ (Die Philosophie Immanuel Kants! von Hugo Bergmann, dem Bibliothekar an der Hebräischen National- und Universitätsbibliothek zu Jerusalem. Das Buch Bergmanns ist im Verlag ״Tarbuth“, Tel-Awiw 56S7, erschienen. Indes: Kant im Hebräischen ist nur hinsichtlich seiner großen und schwierigen Werke und des Riesenbaus seines Systems als Neuerscheinung zu betrachten. Kantische Gedanken und Lehren, ja sogar einzelne Abschnitte aus Kants Werken waren schon viel früher im hebräischen Sch ifttum anzutreffen. Der bedeutendste (und vielleicht der einzige) hebräische Philosoph der Neuzeit, Nachman Kroch mal, hat in seinem Hauptwerk ״More ncboche ha-s'man“ (Lemb rg 185!) viele Kantische Grundlehren verarbeitet. Den ersten Versuch, Kant ins Hebräische zu übersetzen, findet man in der ji'erarisch-wissenschaft'lchen Zeitsch ift ״Han» d e Ja’’rg«־g 1 63, worin ein Abschnitt aus der ״Kritik der reinen Vernunft" in hebräischer Uebertragung als eine Art Probestück abgedruckt ist. Einen kurzen Abriß von Kants Lehrgebäude gibt Fabius Mieses in seiner Geschichte der neueren Philosophie ״Koroth hapiiosophia hachadascha“, erster Teil, von Kant bis Hegel (Leipzig 1837). Kants Abhandlung ״Von der Macht des Gemüts“ hat Markus Recheles ins Hebräische übersetzt und unter dem Titel ״Mikoach ha-Nefesch“ (Krakau 1881) herausgegeben; Recheles hat auch Kants ״Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ ins Hebräische übertragen; die Uebersetzung, die den wenig präzisen Titel ״Jessod lecliochma ha-eljona bedarke hamidoth“ führt, ist jedoch nicht im Druck erschienen. Hugo Bergmann darf für sich das Verdienst in Ansprach nehmen, das erste größere Werk über Kant in hebräischer Sprache verfaßt zu haben. Rein in formaler Hinsicht stellt das Buch Bergmanns eine Leistung dar, die uneingeschränktes Lob verdient. Denn es gilt zu bedenken, daß trotz der gewaltigen Entwicklung, die die hebräische Sprache in den letzten Jahrzehnten genommen, es durchaus nicht leicht ist, Kantische Philosophie hebräisch vorzutragen. Allein die Kantische Terminologie verursacht dem hebräischen Schriftsteiler schier unüberwindliche Schwierigkeiten. Ais das bezeichncndste Beispiel für diese Schwierigkeit möchte ich erwähnen, daß die meisten altern hebräischen Schriftsteller, die sich mit Kant beschäftigen, schon bei der Uebersetzung des Buchtitels ״Kritik der reinen Vernunft“ stockten. Wie übersetzt man das einsilbige Wörtchen ״rein“ im Kantischen Sinne? Ein vollkommen entsprechender Ausdruck für den Begriff ״reine Vernunft“ läßt sich im Hebräischen nicht leicht finden. Deshalb ist denn auch dieser Ausdruck von verachiedenen hebräischen Schriftstellern verschieden übersetzt worden. Mir selbst sind nicht weniger als viererlei Ueber- Setzungen des Wortes ״reine Vernunft“ bekannt. 1. ״Bikoreth ba-t’bhuna ha-t’hora“, also eine wörtliche Uebersetzung, obgleich ״fahor“ im Hebräischen nur fm Gegensatz zu ״unrein“ gebraucht wird; 2. ״ha-t’bhuna ha-z’rupha“ die ,.geläuterte Vernunft“, ein Ausdruck, der nicht entfernt den Begnff ״reine Vernunft“ wiedergibt; 3. ״ha-t’bhuna ha-n’kija", eine ganz falsche Uebersetzung, da ״rsaki“ unschuldig, sündenrein, aber keineswegs ״frei von jeglicher Erfahrung?‘ bedeuten kann; 4. ״ha-t’bhuna ha-mophscheteh“, die ״abgezogene Vernunft“, eine eigenartige Uebertragung, die mit der Uebertragung zugleich auch die Erklärung und Begriffsbestimmung enthält. — Bergmann ebenso wie Junowitz, wählte die wörfiche Ueber- Setzung ״tahor“ und er tat gut daran; denn schließlich ist ein Buch über Kant doch nur für philosophisch Geschulte bestimmt, und diese werden ohne weiteres wissen, welcher Sinn hier diesem Worte zukommt. In klarer, übersichtlicher Gliederung und in gemeinver« ständlicher Form gibt uns Bergmann einen Grundriß des Kantischen Lehrgebäudes. Das Kant-Buch Bergmanns enthält weder die Lebensgeschichte des Philosophen noch die Entwicklungsgeschichte seines Gesamtwerkes, sondern einzig und allein die Darstellung der Kantischen Philosophie. Gerade in dieser Beschränkung liegt Wert und Vorzug des Buches, gerade dadurch ist es dem Verfasser möglich, mit sicherer Hand den hebräischen Leser in Kants Gedankenwelt einzuführen. In fünf Abschnitten, die zusammen zu einem einheitlichen Ganzen sich runden, werden Kants Kritik der reinen Vernunft, Kants Ethik, Gesehichtsphilosophic, Kritik der Urteilskraft und Re'igionsphilosophie sachgemäß und erschöpfend behandelt. Bergmann versucht, durch Heran- Ziehung der nahezu unübersehbar großen Kant-Literatur von Saiomon Maimon bis auf Hermann Cohen sowie durch eigene Erklärungen und Bemerkungen den Weg zu ebnen, der zum Verständnis der Kantischen Philosophie führt. Im Schlußkapitel des Buches bespricht Bergmann das Verhältnis Kants zum Judentum und seine Beziehungen zu Juden. Leider wird dieser Gegenstand nur wie Im Vorbeigehen gestreift; eine größere Gründlichkeit und Ausführlich- Weit bei Behandlung dieses Themas wäre in einem hebräisch geschriebenen Buche über Kant wohl am Platze gewesen. Ueber Kants Stellung zum Judentum wird ein längeres Zitat aus dem Werke ״Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ mitgeteilt und im übrigen darauf verwiesen, was Cohen und Outtmann darüber des nähern ausgeführt haben. Auch über Kants Verhältnis zu einzelnen jüdischen Persönlichkeiten und zu seinen jüdischen Schülern sagt uns Bergmann herzlich wenig. Und doch hätte den hebräischen Leser sicherlich interessiert, zu erfahren, daß Kant mit vielen Berliner und Königsberger jüdischen Persönlichkeiten recht freundschaffiich verkehrte, seinen jüdischen Schülern mit Wohlwollen begegnete, und daß er im Grunde, trotz seiner vorurteilhatten Anschauungen über das Judentum, judenfreundlich gesinnt war. Insbesondere wäre ein ausführliches Kapitel über ״Kant und Moses Mendelssohn“ sehr zu wünschen gewesen. Damit hätte Bergmann wirklich eine Lücke ausgefüllt Während über Lessing und Mendelssohn in hebräischer Sprache ziemlich viel geschrieben worden ist, ist über Kant und Mendelssohn so gut wie gar nichts geschrieben worden.