Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 13 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 13, 15.1929 ח IUEDISCHE RUNDSCHAU Se'te 79 Jüdische Menschen Gustav Landauer Martin Buber hat aus dem Nachlaß seines Freundes Gustav Landauer eine Reihe wertvoller Werke der Ocffentlichkeit übergeben, die schönest Shakespeare-Binde, den Essayband ״Der werden׳'*' Mensch'', worin an wechse'n len Gegen-?finden, den groll . und geringeren, die Tiefe seines Verständnisses und die Innigkeit seiner Seele sich bewähren, das Buch ״Beginnen‘', eine Zusammenfassung von Landauers sozialistischer Lc״ c. Wohl trat in all diesen Werken nicht nur Landauers Lehre vor uns, sondern hinter ihr immer auch der Mensch. Nie sprach aus Landauer der kühle Verstand allein, er war immer auch mit dabei, es sprach immer auch das glühende Herz mit, wenn es aue'1 nie allein bestimmen durfte. Immer geht er an alle Probleme .,tim der Lebendigkeit und des innersten Kernes unseres mcnschlieiten Lebens willen" heran. Aber die helle Vernunft gestattet keine Verdunkelung des Tatbestandes, keine Wahrheitsbiegung durch Trieb und Zweckinteresse. Einen sich so Person und Lehre in Landauers Werken, so treten sie aus dar neuen Veröffentlichung, die Buber unter Mitwirkung von Ina Britschgi-Schimrncr im Verlage Rätlcn &: Löning in Frankfurt a. M. herausgegeben hat, in einer plastischen Unmittelbarkeit vor uns hin, wie sie sonst in Biographien und Briefsammhngen kaum je erreicht wird. ״Gustav Lau- (lauer. Sein Lebensgang in Briefen“ ist keine bloße Briefsammlung. Durch die Kunst der Auswahl und der Anordnung, für die den Herausgebern zu danken ist, und durch die große Menschlichkeit, die aus den Briefen zu uns spricht und uns immer wieder überwältigt, liegt hier ein Kunstwerk vor, das Bricfsammlung, Biographie, Lehrgebäude und Zeitgeschichtc in einem ist. ln unauflöslicher Einheit sind die Elemente Landauersehen Wesens miteinander verbunden. Der Mensch, der Revolutionär, das Glied der Volksgemein- Schaft sind nicht voneinander zu trennen. In den Briefen an seine Frau, an seine Kinder, an die Freunde und an Kampfgenossen, an Gegner und an Gleichgiltigc spricht immer der ganze, ungeteilte Landauer. Dennoch sei im folgenden diese Dreiteilung zugrunde gelegt. Der Mensch. Die Briefe umfassen die zwanzig Jahre der Reife des Mannes. Zu Beginn Ist er ein Neunundzwanzigjähriger. Vor ihm öffnet sich ein Leben rastlosen Dienstes. Ein Menschenerwccker, ein Menschensucher größten Ausmaßet, der immer wieder seinen leidenschaftlichen Ruf an die Zeit, wider die Zeit, ergehen läßt Und die Zeit antwortet nicht. Aus einer fürchterlichen Einsamkeit heraus spricht dieser Mann. Er kommt nicht zu seinem Werke. Die Not des Tages läßt es nicht zu. ln doppeltem Sinne. Die Not des Tages der andern, die ihn immer wieder zum Anteilnehmen, zum Mitfühlen, zum Wegeweisen aufruft, und die Not des eigenen Tages, die ihn über mühseligste und kümmerlichste B > ar'rit nicht Mnausgelangen läßt Not bringt ihn aber nie, dazu, sich selbst untreu zu werden. Mit weichem ungeheuerlichen, in dieser Zeit so seltenen Stolz spricht er in seinem Briefe an Mühsam von dem Beruf der Geistigen, von ihrer inneren Nötigung, wollen sie ihrer Aufgabe gerecht werden, gegen die Zeit und ihre Menschen im Namen der Wahrheit zu stehen und so sich selbst zur Ensanikeit zu verurteilen! ,,Sie müssen immer bedenken, aus welcher Einsamkeit heraus ich ins Ganze zu wirken versuche.“ Seine Einsamkeit innerhalb der anarchistischen und sozialistischen Bewegung und später inmitten der Revolution war um nichts geringer: dieser lebensvollste und schöpferischste Denker des Anarchismus und der Revolution blieb auch hier unbeachtet. Die anarchistische Bewegung nahm von seiner Auffassung kaum Notiz. Zwölf Monate vor seinem Tode heißt es: ״Ach, wie man mich brauchte! Und wie ich keine Lust mehr habe, zu raten, was nicht befolgt wird, und zu kritisieren, was nicht getan ist.“ Die Hoffnung tut sich auf. Die Revolution kommt. Wenige Monate vergehen und Landauer steht vor dem völligen Zusatnmenbruch der Hoffnung. ״Schon bin ich wieder fast so einsam wie vor der Revolution... Wo wir nun unser Heim Aufschlägen, ist ganz unsicher; ich habe die Wahl in der ganzen Welt, aber es gefällt mir nirgends... Ich könnte helfen; aber die Welt ist so taub, daß ich verstummen möchte...“ Der einzige feste Ort in dieser grenzenlosen Einsamkeit ist ihm die Familie. Dieser das Grenzenlose umarmende Mann findet in dem kleinsten Kreise seinen Mittelpunkt Lebensfreundschaften lösen sich, wenn sie auf die entscheidende geistige Probe gestellt werden. Erschütternd — immer wieder drängt sich dieses Wort auf — sind Landauers Briefe aus dem Kriege an seinen innigsten Freund und Lehrer Fritz Mauthner. Der Abgrund, der sich zwischen den beiden aufgerissen hat, hat sich wohl auch zwischen ihm und seinem anderen nachsten Freunde Constantin Brunner aufgetan, nur daß Brunner die Briefe aus dem Kriege nicht zur Veröffen l'chung bestimmt hat Buber blieb treu. Er hat auch den Nachlaß zur Verwaltung erhalten. Und treu blieb vor allem Hedwig Lachmann, Landauers Lebensgefährtin in jedem Sinne des Wortes. Beinahe ebenso schön und innig wie das Bildnis Landauers selbst tritt das Hedwig Lachmanns aus den Briefen entgegen. Was sich hier spiegelt, ist das Vorbild einer Ehe, wie sie auf den Höhepunkten der Ehe zu Zeiten, da diese Gemeinschaftsform noch nicht verfiel, nicht leuchfender gelebt werden konnte. Was Landauer die Erfahrung seiner Ehe gewesen ist, wie sehr sie ihm bei der Formung seines sozialistischen Gemeinschaftsideals und seiner Liebe für die Formen einer geisterfüllten Tradition bewogen hat, tritt vielleicht am stärksten aus den letzten im Buche mitgeteilten Briefen an eine Freundin hervor, mit der ihn die aufflammende Leidenschaft des Vierzigjähi!gen verbunden hatte. Der Revolutionär. Träger des Sozialismus und der Revolution ist für Landauer nicht eine Klasse, sondern der Mensch schlechthin, jeder Mensch, der bei sich mit dem wahrhaften Leben ernst macht. Im Mittelpunkt von Landauers Sozialphilocopliie seht die religiöse Botschaft von der Erschütterung und Umkehr des Menschen. Die Zeit einer eine Vielheit erfassenden, sie zur Gemeinschaft gestaltenden Umkehr nannte er eine revolutionäre Epoche. Der Geschichte dieser Epochen, ihrem vergangenen und fortwirlrenden Leben forschte er nach. Aber die Revo luh'on war ihm kein einmaliges Ereignis. Erschütterung und Umkehr waren in jedem einzelnen Augenb'ick, in jedem einzelnen Menschen stets möglich; es hieß hier wie überall: Beginnen, bei sich selbst beginnen. ״Das ist das Grundübel dieser Zeit: Immer warten, immer nach den anderen sehen, immer von einem Acußern Heil und Erlösung erwarten.“ Sozialismus ist für Landauer die in die Verwirklichung im unscheinbaren, echten, alltäglichen Leben geleitete, die in Dauer überführte Revolution. ״Vom Individuum beginnt a'les und am Individuum liegt alles.“ Daher wendet sich Landauer immer wieder an die Wenigen, an das Gewissen der Einzelnen Daher Ist ihm Politik kein Mittel, denn in ihm handelt es sich um einen Kampf um Wortgebäude, nicht um die Wirklichkeit, die nur in uns selbst anzutreffen ist Landauers Sozialismus war Ersetzung der heutigen Zweck- und Gewalt- Organisationen durch geisterfüllte freiwillige Bezizhungsformen. Der Beginn konnte nur klein sein, aber wie Laotse gesagt hat: Riesiger Baum hat Ein feines Haar zur Wurzel, Ncunstöckigcr Turm hat Eine Erdscholle zum Grunde, Tausend Meilen beginnen unter deinem Fuß. Die große Antinomie des Sozialismus: die Abhängigkeit des Menschen von über ihn waltendem Geschlchtsgecetzcn und seine Bemühung aus freiem Willen; die Notwendigkeit der Erneuerung des Geistes, um eine neue Ordnung schaffen zu können, und die Notwendigkeit der Schaffung einer neuen Ordnung, um darin Kinder eines neuen Geistes erziehen zu können —, hat auch Landauer vor ihr Dilemma gestellt. Es ist das Dilemma, vor dem der Marxismus immer wieder steht. Landauer hat vor allem die Erneuerung des menschlichen Geistes und seine Kraftanspannung aus freiem Willen betont, aber in seinem Brief an Hans Cornelius vom 20. März 1919 bricht sich die tragischere Auffassung von der Unlösbarkeit dieser Antinomie im Denken und im Programme durch. Lösbar ist sie nur durch die Tat des verantwortlichen Menschen. Und Landauer, der zu dieser Tat bereit war, der sich ein Leben lang aus erneuertem Geiste zu dieser Tat gesammelt hatte, sah sie an der Kleinheit der Menschen scheitern. Das Glied der Volksgemeinschaft. Landauer war ein jüdischer Mensch. Aber sein Ver aaltnls zum jüdischen Volke war nicht immer ein klar bewußtes, ln seiner Jugend sehen wir ihn ganz und gar in jener naiven Assimilation befangen, die für jenes Zeitalter charakteristisch war. Jüdischen Dingen stand er ahnungslos gegenüber. Allmählich aber ändert sich das. Mit zunehmender Reife erkennt er immer mehr seinen Zusammenhang mit der Vergangenheit, aus deren geistigem Erbe sich sein Wesen gebildet hat. Er sagt darüber Wundervolles in den Briefen an die andersdenkenden Freunde, die seine Entwicklung nicht mitgemacht haben. Manche dieser B iefstel’en waren in der ״Jüd. Rundschau“ vom 4. Dezember 1928 zitiert» trotzdem sei hier angeführt: ״Was der Mensch von Hause aus ist, was sein Innigstes und Verborgenstes, sein unantastbares Eigenlum ist, das ist die große Gemeinschaft der Lebendigen in ihm, das ist sein Geblüt und seine Blutgemeinde. Blut ist dicker als Wasser; die Gemeinschaft, als die das Individuum sich findet, ist mächtiger und edler und uralter als die dünnen Einflüsse von Staat und Gesellschaft her.“ An Julias Bab: ״Grundlage — schreiben Sie jetzt — aller vernünftigen Berechnung bleibt doch Erkenntnis der gegenwärtig existierenden Spannungen. Das ist’s ja gerade, daß ich diese nichteuropäischen, orientalischen, uralten Spannungen in mir, in uns Juden gegenwärtig spüre!! Es fehlt Ihnen in dieser Sache, wie soll ich sagen: Ergriffenheit, Freude, Enthusiasmus im Bekennen zum Judentum. Alles, was Sie da sagen, klingt etwas wie verbissene Pbichterfüllung.“ An Mauthner: ״Und, welchen Wert ich dieser von gemeinsanier Geschichte stammenden Gemeinschaft belege, das entscheidet mir nicht die Logik. Ich für mein Teil finde nicht so viel in die Jahrtausende zurückgehende Gemeinschaften in unserer Zeit, daß ich auf eine verzichten möchte, zumal wenn ich keinen Grund dazu habe. Und eine Gemeinschaft, die man — mit Deinen Worten — an einem .Duktus im Gehirn‘ erkennt, ist eigentlich Wirklichkeit genug.“ Landauer war nicht Zionist, wenigstens nicht im Parteisinne. Aber wie die meisten Menschen der ersten zionistisehen Generation hat er, aus der Assimilation kommend, sich zum jüdischen Volksbewußtsein durchgerungen. Zu voller Klarheit ist er freilich nicht gelangt Seine eben erst begonnene Entwicklung wurde jäh unterbrochen durch seinen Tod, und wir können heute nicht ahnen, wohin dieser stets bis zur letzten Konsequenz wahrhafte Mensch gelangt wäre, wenn seine jüdischen Anschauungen und seine noch mangelhaften Kentnisse der jüdischen Wirklichkeit hätien ausrei'en können; zumal nach den Erlebnissen der mißglückten Revolution. Die Konflikte, die in ihm waren, hat er 1913 in seinem Aufsatz ״Sind das Ketzergedanken?“ ausgesprochen, der seinen Freunden zu zionistisch, den Zionisten zu assimilatorisch schien. Sein Einwand gegen den Zionismus ist vor allem der, daß man nicht ״in suspenso“, ״nur als Brücke für kommende Geschlechter“ leben könne. ״Nation sein heißt ein Amt haben.“ ln diesem Sinne zählte er sich zur deutschen Nation und erfüllte sein ״Amt“, bis sein Auge brach. Er sagte, insbesondere während des Krieges, in welchem er als einer der ganz wenigen seinen freien Geist bewahrt hat, Wesentliches über das Verhältnis von Nation und Staat, über Nationalismus und Patriotismus. Er stand gegen die Nation um ihrer wahren Seele willen. ״Der Staat und seine Grenzen sind elende Zufallsprodukte der erbärmlichsten Erscheinungsformen sogenannter Geschichte. Nationalität, Rasse, Stammesqualitäten sind wundervoll tief gewurzelte und verbindende Individualeigcnschaften.“ Um dieser wahren Bedeutung der Nation willen bekämpft Landauer den Nationa'ismus-Wahn seiner Zeit. Er weiß, daß zur künftigen Organisation der wah en Menschheit die wahren Nationen gehören werden, freie Verbände gleichgearteter Menschen aus innerer Zusammengeliö igkeit. Im Weltkriege hat er gefordert, daß man nicht fremde Regierungen kritisiere, sondern die eigene. In seinem schönen Schreiben an den Fortekreis hat er ausgeführt, wie es die Aufgabe der Geistigen Ist,!« Kriege ttner eigenes Nationen völlig objektiv zu bleiben, denn gerade da ist der Moment gekommen, ״vor allem andern Im eigenen Lande zur Scham, zur Reinheit, zur gänzlichen Wandlung aufzurufen.“ Während der Revolution wendet sich L. gegen jene, die auch jetzt an die Sicherung gegen den ״äußeren“ Feind denken, ״ich bin ein Deutscher, aber ich habe ein Menschheitsgewissen, kein deutsches; und lieber noch will ich mir Unrecht und Weh tun lassen, als daß ich es tue.“ So ist Landauer ganz Nationalist und ganz objektiver, gerechter Mensch zugleich. ״Ich bin glücklich über jedes Imponderabile, Ineffabile, das in der Menschheit exklusive Einheiten, Bindungen und also Differenzierungen hervorruft Will ich also den Patriotismus ״umwerten“, so gehe ich nicht im geringsten gegen die feine Tatsache der Nation an, ln der gemeinsame Scelcngeschichle, immer neu von den Generationen Erworbenes in Verbindung mit Erbtum ist, sondern gegen die Verquickung von Nation und Staat, gegen die Ver« wechslung von Differenzierung und Gegensatz.“ Unerschöpflich ist der Reichtum dieser zwei Bände. Ihre Lektüre ist leicht und hinreißend. Wie ein Roman es *rollt sich vor uns Lebensschicksal und geistiger Kampf eines Menschen. Ihre Lektüre ist schwer und verpflichlend und läßt einen immer wieder innehalten. Wie eine Anklageschrift gegen unser eigenes Leben, wie eine Mahnung an den nie aussetzen dürfenden Kampf gegen Trägheit und Leerlauf. H a n s Koh n. ' Nchemias Anton Nobel Versuch einer Würdigung von Oskar Wolfcberg. Verlag J. Kauffmann, Frankfurt a. Main. Unter der bescheidenen Bezeichnung eines ״Versuchs“ gibt der Jünger Oskar Wo 1 f s be r g eine erschöpfende Schilderung des Lebens und Wirkens seines großen Meislers, des berühmten Frankfurter Rabbiners N. A. Nobel, der kaum fünfzigjährig im Jahre 1922 sein segensreiches Dasein abschloß. Die Wunde beginnt von neuem zu bluten, wenn wir uns vor* steilen, welche Früchte wir von diesem ״isch chajil“ in des Wortes zwiefacher Bedeutung, dem Manne jüdischer Vollkraft und jüdischen Adels, noch hätten erwarten dürfen. Aus Wolfs* bergs Würdigung tritt uns der gewaltige Redner und Sprachbiidner, der tiefgründige Reihionsphilosoph (mehr geistiger Verwandter als Schüler Hermann Cohens), der Autor auf talmudischem und exegetischem Gebiet, und alles überragend in seltener Harmonie vereinend, der religiöse Dichter lebenswahr entgegen. So sehr die Schrift Wolfsbergs von liebender Bewunderung eingegeben ist. so wenig entfernt sie sich doch von Objektivität und Wahrheit. Niemand, dem es vergönnt war im Leben, der Persönlichkeit Nobels nahezukommen, wird in die־er Würdigung ein Uebermaß des Lobes finden. Die Wahrheit ist eben in diesem Falle eine köstliche und für den Wissenden unverlierbar. Wenn etwas mit dem frühen Hinscheiden Nobels versöhnt, so ist es die seltene Tatsache, daß in unserer Zeit ein ausschließlich in Deutschland wirkender jüdischer Meister eine ganz erhebliche Zahl von Schülern!unterlassen hat, unter welchen der Verfasser dieser Schrift als der hervorragendste bezeichnet werden darf. Erwähnt er doch selbst, diß Nobel kurz vor seinem Tode in einem hebräischen Brief ihn als seinen ״einstigen Schüler und jetzigen Gefährten“ angeredet hat. Und diese Ehrenbezeichnung Wolfsbergs durch seinen großen Lehrer ist wahrlich verdient, wie sich jeder aus dieser Würdigung«- schrift überzeugen kann. Wir verweisen auf sein überaus treffendes Urteil, daß Nobel ״völlig jenes zweckhafte, im alltäg* liehen Sinne zieibewußte Planen und Wirken, das die lebens* nahen Realpolitiker und die geistlichen Beamten auszeichnet, gefehlt hat“, auf die Bedeutung, welche Gabirol und Goethe in seinem Lebenswerk verkörperten, auf die poetische Sprache und religiöse Begeisterung erweckende Wirkung, die für Nobel der erhöhte Standpunkt der Kanzel auslöste. Besonders dankbar sind wir dem Verfasser für die Wiedergabe der herrlichsten Stelle aus Nobels Gruß an Hermann Cohen anläßlich dessen 70. Geburtstags (Seite 18), ferner für die ausgezeichnete Würdigung des Sprachkünstlers und -Schöpfers, des großen Ae theten, der aber das Schöne nie als Selbstzweck, sondern nur als dem Wahren und Guten dienend anerkannte. Der Geist des Judentums nach der Auffassung Nobels wird vom Autor erklärt insbesondere aus der Sabbatidee und der Prophetie als Grundläge des jüdischen Lehrinhalts, Unter Bezugnahme auf Nobels harmonische Verbindung zwischen Agadah und Halaehah erklärt Wolfsberg die außerordentlich tiefe Wirkung des Meisters aut die Gemeinde und seine Schüler und es entspricht einer wunderbaren Wahrheit, wenn er hier feststellt: ״Er allein konnte deshalb in unserer Zeit Menschen gewinnen und dem Judentum nicht nur oberflächlich gewinnen, sondern sie zur Umkehr und Heimkehr gewinnen, nicht weil sie Schwärmer waren, sondern weil in ihrer Seele der große aus Liebe geborene und durch Wissen gestaltete Prozeß der Sehnsucht nach der Heimat mach* tig geworden war“. Ueber Nobels Bedeutung als Autor findet sich in der Schrift der außerordentlich treffende Ausspruch; ״Wenn man die Intuition eine Methode nennen darf, so war sie sein geistiges Instrument.“ Er erwähnt weiterhin, daß dieser anerkannte Vertreter der Agadah, dieser größte Dichter unter den jüdischen Kanzlerrednern seiner Zeit, zugleich in der Halaehah mit größter Vorliebe die feinsten, subtilsten zivilrechtlichen Probleme behandelt hat, allerdings indem, er auch hier die ethische Verbindung herstellte und in der Rechtsvergleichung den sublimen Standpunkt der Halaehah hervorhob. Die religiöse Stellung Nobels erklärt Wolfsberg in tiefster Erkenntnis des Unterschiedes zwischen Dogmatik und Dogmatismus. Auf dem Standpunkt der festgefügten Ueberlieferung stehend, war er gleichwohl kein Dogmatiker im Sinne der ״Denkrichtung, die mit Freude eine vorzeitige Erstarrung der Lehrmeinung begrüßt und ihre den immanenten Grenzen folgende Weiterentwicklung unterbindet“. Aus einem derSab* bat id e e gewidmeten Aufsatz Nobels zitiert der Verfasser: ״Ethik und Sozialismus haben in Schöpfungsstunden ein Bündnis geschlossen. Die Religion Israels gab die weihe; diesem Bündnis entstammt der Sabbat.“ Nobels Stellung zur nationalen Frage — er war seit frühester Jugend Zionist und bekannte sich insbesondere zum Misrachi — wird von Wolfsberg dahin erfaßt, daß auch sein Zionismus im wesentlichen religiös fundiert war. Im übrigen wird darauf hingewiesen, daß seine prominente Stellung zu allen jüdischen Tagesfragen und allen Korporationen atts der tiefen Liebe zur Gesamtheit und aus seinem Bekenntnis ״zur Einheit des jüdischen Volkes und de* Judentums“ sich ergab, fn der abschließenden Beurteilung Nobels kommt der Verfasser zum Ergebnis, ״Klerikalismus, rabbinisches Herrscherstreben versanken unter ihm im wesenlosen Scheine, und so blieb ein großer, gütiger, gelehrter Mensch, Kamerad der Weisen, Freund der Bedrückten» Lehrer und Förderer der Strebenden.“