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Jüdische Rundschau · 1929-02-12 · Heft 12 (12.2.1929) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 12 (12.2.1929)
Date
1929-02-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 12 12.11.1929 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 75 Literatur und Kunst Alexander Siskind Rabinowitscfa (Zum 75 jährigen Geburtslage). Von S i m o n E r n s t, Tel Awlw. Ein ehrwürdiger Greis schreitet abgemessenen Schrittes durch die Straßen Tel-Awlws zu der von ihm pünktlich ejngehaltcnen Stunde: er wurde soeben fünfund icbzigiährig. Kann cs wahr sein? Sein Name erscheint ja so oft in den Zeit- Schriften, er verfehlt nie bei festlichen Gelegenheiten inmitten der Arbeitermassen zu sprechen, er ist so arbeitsfroh, so jung. Eine einzigartige Erscheinung ist Rabinowitsch in der neuen hebräischen Literatur. Er ist ein streng religiöser Jude — und zugleich ein feuriger Genosse (״Chawer") der Sozialistischen Arbeiterpartei ״Achduth Avoda“ eine ungewohnliche seelische Synthese des überall Gerechtigkeit suchendcn und von seinem Volke untrennbaren Geistes. Seine Lebensgsschichte zeichnet sich nicht durch Reich• tum an Ereignissen aus. Still und durchsichtig lebte der Mann. Als Sohn armer Eltern in Liady, einem weltverlorenen Nest in Rußland (Gouv. Mogilev) geboren, folgte er dem hergebraenten Gang nach dem Cheder, wo sich das Kind schon mit neun Jahren im Dickicht der talmudischen Spitzlindigkeiten zu verirren pflegte. Und schon wird er zum ״Schriftsteller“, noch bevor er die Buchstaben richtig kritzeln lernte: das Fasten am Jom Kipur, die Qual der Alten und die Freude der Kinder, regte seine ersten Problemstellungen an.... Nun beginnt die Suche nach Broterwerb, die an die Schicksale eines jüdischen Maxim Gorki erinnert. Vom Lehrer (״Melanied") wurde er zum Bäckergesellen und lernte auch Holz, hacken und Wasser schöpfen. Die Feder lockte ihn immer mehr; er wurde Lehrer in Poltava, und jahrzehnte’ang wirkt er dort und dann seit 25 Jahren in Erez-fsrael im Amte des Volkserziehers. Seine schriftstellerische Tätigkeit, die die stattliche Zahl von 5 Bänden Originalwerke und mehrere Bände Wissenschaftlicher, judafstischer und dichterischer Uebersetzungen umfaßt, ist charakterisiert durch seinen leidenschaft'ichen Wanrhcitsdrang. In seinen beiden bekannten Erzählungen: ״Sünde der Gesellschaft“ und ״Die Tochter eines Reichen“ schafft er die Gattung der sozialen Novelle in der hebräischen Literatur. Hier werden die Hauptfiguren, die Leidenden, sichtbar idealisiert, und es kommt die Erbitterung des sozialen Kämpfers gegen die Zurücksetzung und Benachteiligung der ärmeren Klassen zum Vorschein. Die kapitalistische Öcsellschaftsordnung wird auf die Anklagebank gesetzt. Die Oesta'ten des Dichters werden zwar nicht zu schemenhaften Tendenzfiguren, wohl aber spiegelt sich In ihrer Wahl und in den erzählten Begebenheiten die protestierende Seele, die in der unverschuldeten Armut ein Verbrechen der Gesellschaft erblickt Er gab ferner heraus: Das Sammelwerk ״Jiskor" (zum Andenken der gefallenen Schomrim in Erez Jisrael), die ״Oeschichte der Juden in Palästina“; die Uebersetzungs-Reihe ״Jefet“ zeigt die Bestrebungen Rabinowitsch’*, die junge einheimische Literatur durch die besten Erzeugnisse der Weltliteratur zu bereichern. Der Dichter und Lehrer tritt sodann in die Reihe der strengen Wissenschaft des Judentums. Er vermittelt der hebräischen Literatur das mehrbändige klassische Werk von Bacher ״Die Agada der Tanaiten“ — daneben aber auch das Memoiren-Wcrk der russischen Revolutionärin Vera F i g n e r. Als Mensch vollbringt er in den Reihen der ״Achduth Avoda“ eine ähnliche Aufgabe der zentralen moralischen Persönfichkeit, wie sie A. D. Gordon im ״,Hapoel Hazalr“ zufiel. Er ist das lebendige Gewissen der palästinensischen Arbeiterschaft. Die Jahre haben Ihn nicht gealtet. Die neueste Bewegunp der Arbeiterjugend findet gerade ln ihm, dem 75jährigen, ihren begeisterten Führer. Der, gefeierte Schrift- ־s'feÜcr, Lehrer una Gelehrte ist groß vor allein als zart fühlender Mensch: * Persönliche Erinnerung. Als ich vor genau sechs Jahren, im Februar 1923, an der Konferenz der Allgemeinen Arbeiter- Organisation in Tel-Awiw teilnahm, wurde eine Sitzung dem Andenken von A. D. Gordon gewidmet — es war der erste Jahrestag seines Todes, und Gordon hatte bestimmt, daß ein Jahr lang nicht über ihn gesprochen werden dürfe. Als erster Redner betrat A. S. Rabinowltsch die Tribüne, eine breite, ged^urgene, aufrechte Gestalt mit langem, schneeweißem Bart. Nach einem Jahre, hatte Gordon gesagt, dürft ihr über mich reden, so wie man von vorjährigem Schnee spricht, der längst geschmolzen und versickert ist und so wie dieser Schnee das Erdreich befruchtet, sagte Rabinowltsch, so wird Gordon das Leben des Volkes befruchten, in dessen Erdreich er aufgegangen ist Als er dann noch des anderen Freundes, des ein Jahr vor Gordon durch Mörderhand zerstörten L Ch. Brenner gedachte, da stockte seine Stimme, und dicke Tränen rannen über die Wangen des schönen Kopfes dieses Neunundsechzigjährigen. Und der ganze Saal, angestopft mit etwa 3300 Arbeitern und Arbeiterinnen, lauschte atemlos dieser Stille, dieser heiligen Pause, kein Ton war zu vernehmen, und in diesen wenigen stummen Augenblicken, die diese ergriffene Gemeinde unter Führung des Menschen A. S. Rabinowltsch feierte, in diesem elementaren, von jeder Pose und Oewo'Itheit fernen Gefühls* zusammenklang, war mehr von dem Ödste des neuen Erez- Israel, das wir ersehnen, als in allen politischen Reden und lärmenden Naiionalfesten. Dies ist der Segen, der von Mensehen großer Reinheit und Herz.enskraft ausgeht, ganz ohne Rücksicht auf ihre ״Meinungen" in Alltagsfragen. Sie tun uns not, als Führer des werdenden Volkes im werdenden Lande. Wir haben ihrer nicht viele. Um dieser Arbeit willen neigen wir uns in Verehrung vor A. S. Rabinowltsch, dem noch langes Wirken beschieden sein möge. R. W. Br. Kontorszczyk in Dresden Aus Dresden wird uns berichtet: Im Zusammenhang mit seiner Werbetätigkeit für den Keren Hajessod in Dresden hielt Herr Dr. Kontorszczyk am 2. Februar vor einem größeren Kreise einen Vertrag über ״Degeneration und Regeneration“. Auf die Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels zurückgreifend, behandelte er eingehender die Bedeutung der Makkabäer-Kämpfe, um alsdann die Kette der Leiden im Gah’th in ergreifenden Worten zu schildern, die ihren beredten Ausdruck durch die Progrome, Erniedrigungen und Degeneration fanden. Im Wiederaufbau unseres Landes erblickt der Redner die Regeneration des Judentums. Im neuen Palästina erleben wir Wunder über Wunder; das Aufleben der hebräischen Sprache, die Verwurzelung in der eigenen Scholle. Angesichts der Pionierarbeit, die dort geleistet wird, ist das finanzielle Opfer, das für das Palästina-Werk gefordert wird, als gering an?usehen. Die etwa Unständigen Ausführungen des Redners bjntelijeßen einen nachhaltigen Eindruck. Der Besuch Dr. Kontorszczyk bedeutet für da* jüdische Dresden ein wichtiges Ereignis. Dr. Kontorszczyk stand in seinem russischen Wirkungskreis als treuer Jude, Gelehrter und hilfreicher Mensch i!1 hohem Ansehen. In Leipzig, wo er jahrelang für den Keren Hajcssod stille hingebungsvolle Arbeit leistet, hat er sich viele Freunde geschaffen. Wir hoffen, daß dieser Mann auch in Dresden eine seiner würdige Aufnahme findet. Das Berliner Tageblatt" vom 8. Februar veröffentlicht eine Kartenskizze der geplanten Zeppelinfahrt nach Pa- 1 ä s t i n a, die in der zweiten Märznälfte ohne Zwischenlandung als Passagierfahrt stattfinden soll. Eine Briefsammlung Briefe an Auguste Hauschner. Herausgegeben von Martin Beradt und Lotte Bloch-Zavrel, mit einem Nachwort von Jakob Schaffner. — Ernst Rowohlt-Verlag, Berlin. 253 Seiten. Aus einer nach Koffern zählenden Fülle von Briefen haben die Herausgeber diese schöne Sammlung zusammengestellt Sie haben auf originelle Art erreicht, daß diese liebenswerte Frau Vielen, die sic nicht gekannt haben, nun in ihrer Lebendigkeit, Güte und Klugheit vor Augen steht: nämlich ohne daß ßie selbst zu Worte kommt; nur die Ausstrahlung ihres Wesens lernt der Leser kennen. Auguste Hauschner, eine aus Böhmen stammende Jüdin, fand in Berlin ihre Heimat, wo sie mehr als vierzig Jahre gelebt und gewirkt hat Daß sic als Schriftstellenn und Verfasserin zahlreicher Romane bekannt war, macht kaum den besonderen Wert und den Reiz ihrer Persönlichkeit aus. Viel bedeutender bleibt sie als eine Frau, welche aus wahrhaft weiblicher Güte heraus tatkräftig mit ihrer Hilfe überall da beisprang, wo es sich darum handelte, der Hilfsbedürftigen Not zu lindern, oder wo ein zaghaftes jugendliches Streben gefördert und ermutigt werden sollte, und gar dort, wo sie geistige Kräfte am Werk sah, die um die Verwirklichung menschheitlicher Ideen rangen und litten. So ist dies Buch ein starkes menschliches Dokument, das für die Empfängerin der Briefe Zeugnis ablegt. (Manchmal würde man freilich wßnsehen, daß die Herausgeber in der Bearbeitung etwas rigoroser vorgegangen wären, cs gibt Stellen, deren Veröffentlichung mancher als peinlich emofinden wird.) Das Buch ist aber auch ein zeitgeschichtliches Dokument, in welehern sich viele Ereignisse wicderspiegeln — etwa die grauenvolle Ermordung Gustav Landauers, der in engsten Beziehungen zu dem ganzen Mauthnerschcn Kreise stand. Und das Buch ist auch aufschlußreich als Quelle der Erkenntnis einer ganzen jüdischen Generation. Denn Auguste Hauschners Freunde kamen aus den verschiedensten Lagern. Aber es fällt schnell auf, daß der kleine Kreis der bis zürn Tode währenden Freundschaften fast ausschließlich jene umfaßt, die mit ihr durch das Band des Blutes verbunden waren. Wenn diese Menschen uns in ihrer Losgelöstlieit von allem Jüdischen oft merkwürdig anmuten (so dort etwa, wo sie sich allen Ernstes noch als bejahrte Männer und Frauen zu Weihnachten beglückwünschen und beschenken — sogar von ״rührender Gläubigkeit der Kinder" am Weihnachtsabend Ist ganz naiv die Rede), so fühlen wir durch all das Außen hindurch die gemeinsame Tragik der Entwurzelten. Am schroffsten tritt die gewolPe Abkehr vom Judentum bei ihrem Vetter und Freund Fritz Mauthner hervor, bei dem offenbar die Kindheitserlebnisse in der Prager Judenschule eine lebenslängliehe Feindseligkeit gegen jede Erinnerung an sein Judentum erzeugt haben. Wir haben hier vielleicht den prominentesten Vertreter eines Tvpus, der dem östlichen ״entlaufenen Jeschhve- Bocher“ entspricht, nur mit dem Unterschied, daß Mauthner, von aufgeklärten Eltern stammend, niemals eine jüdische Biidüng genossen hat Sein radikaler Rationalismus führte ihn schon als Jüngling zu fanatischem Atheismus, dem auch später sein Hauptwerk galt. Wiederholt spricht er in diesen Briefen von seiner Feindschaft gegen den ,.Judengott". Und nichts Ist ihm so unsympathisch, njehts macht ihn so nervös, wie eine Erinnerung an sein Judentum. Gustav Landauers Buch ״Der werdende Mensch" bereitet ihm Unbehagen wegen seines ״unklaren Zionismus"; und als Auguste Hauschner ihm offenbar Brods Buch ״Heidentum, Christentum, Judentum“ empfohlen hat (ihre Briefe sind, ja l^jder nicht gedruckt), antwortet er unwirsch: ״Mir sind die Zionisten eigentlich noch unsympatHscher geworden, nicht nur unverständlich; aber wenn Du glaubst, daß ich bei Brod historisch etwas finde über die Stellung der heutigen Juden zu geistigen Problemen, so bitte ich Dich, das Porto daran zu wenden.“ Er scheint sich über die Zumutung der Cousine, sich mit Jüdischem zu beschäftigen, nicht zu freuen. Denn Frau Hauschner, früher ganz und gar in den negativen Anschauungen dieses Kreises über jüdis״he Dinge befangen, war auf dem Wege, etwas vom wahren Wesen der Judenfrage zu ahnen. Zwar zu der Zeit, da sie in Prag ihre Jugend und entscheidende Erziehung durchmachte, betrachteten sich die Prager Juden mit Selbstverständlichkeit als Deutsche, im Gegensatz zu den Tschechen; rassedeutsche Vergleichsobfekte gab es kaum ln diesem Milieu. Diese deutsch-jüdischen Typen hat die Hauschner snäter geschildert, besonders in der ״Familie Lowositz", für die ihr tn einem Briefe L. St. aus Prag dankt, weil sie darin dem Prager ,.Schmock im guten Sinne“ ein Denkmal gesetzt habe, zu dem jeder dieser jungen Deutsdvudcn selbst Modell gestanden zu haben glaube. Ihrem Bewußtsein nach fühlte sich also Frau Hauschner von lugend an durchaus als Deutsche. Erst durch Max Brod erfährt sie anderes. Er emnfiehlt ihr 1916 zionistische l iteratur, den ״Juden“, Bubers Reden, Herzls ״Altneuland", und schreibt dazu: ״Vielleicht fehlt es Ihnen nur an dem richtigen Wissen um das Wesen des Judentums; vielleicht wird Ihnen schon diese Zeitschrift zeigen, daß Ihnen die Ost'uden doch näher stellen als Armenier und Neger..." Später, 1919, schreibt er ihr Über Nationalismus einen Brief, der zitiert zu werden verdient: ״Die ringesandten Artikel habe ich mit Freude gelesen. Die Art, wie Sie die Begriffe Internationalismus und Nn’ionahsnuis fin dem einzig anständigen Sinn der besonderen Geistigkeit) vereinen, ist ganz nach meinem Horten. Nur in dem einen Punkt differieren wir: Sie betonen Ihn! deutsche Komnonento, d. h. das Milieu, Kullur, Erziehung — ich mehr meine jüdische, d. h. Raste, Angeborenes, Intuition. Im Grunde sind wir ja beide als vernönfligo Skeptiker, dio wir sind, klar darüber, daß wir Mischwesen aind aus Deutschem und Jüdischem. Da» llervorhebon des einen oder anderen Faktors ist nicht Sache der Erkenntnis, sondern des Willens. Ich will mich in dieser ßiehtung entwickeln, Sie in jener, — der Ausgangspunkt ist derselbe. NatürFch glaube ich, viele Gründe für mich zu haben. daß eben Anlage, n’cht F.rziehung. das Schöpferische im Menschen hociingt. Doch ich weiß auch, daß es in diesor Frage der Willensenttchcidtmg keine Argumente gibt. Im übrigen aber finde ich, daß Sie dio Art und Weise, in der ich, bei allgemein-menschlicher Orientierung, dorh auch mein Volk besonders liebe, durchaus verstehen müssen, wenn Sie in Ihrem Essay überall dort, wo Sie ,deutsch‘ sagen, ,jüdisch‘ setzen — und an Stelle von ,Landschaft' etwa ,Geschichte, Blut‘." Für Auguste Hauschner waren diese Gedanken offenbar neu. Aber sie war, bei aller Verwitr^eltheit in deutscher Kultur, bei ihrem lebhaften Interesse für die verschiedensten Geistes- Strömungen (siehe ihren Briefwechsel mit den Fahrerinnen der deutschen Frauenbewegung), lebendig genug geblieben, um sich nicht dem Eindruck zu entziehen, den die bis dahin unbekannten Gedanken der modernen jüdischen Bewegung auf sie gemacht haben mögen. Brods leidenschaftliche Bemühungen sind wahrhaft ergreifend. Wie merkwürdig: bis an die Grenze der Siebzig kam diese Frau, ohne daß in einem der vielen Briefe (von Mauthner, Gustav Landauer, Maximilian Harden, Hedwig Lachmann u. a.) die jüdische Frage auch nur ernsthaft gestreift worden wäre. Erst durch Brod wurde ihr diese Welt erschlossen. Und wenn er zu wiederholten Malen mahnt, Frau Hauschner möchte es doch mit der Lektüre einiger jüdischer Werke versuchen; und wenn er schließlich schreibt: ,Judentum‘ halte uatürlieh auch Ich für eine Belastung, aber mir äußerlich• innerlich ist es doch ein Glück, eine ungeheure Erbschaft nebst allem Leid. — Also sind wir Im Grund einig —so kann man an die Möglichkeit glauben, daß auch diese seltene Frau imstande ewesen wäre, zum wahren Ursprung ihrer Geistigkeit, ihrer eele, zu ihrem Judentum zu finden, wäre das Problem nicht erst nahe vor ihrem Tod an sie heran getreten. Ein gutes Stück jüdischer Problematik liegt in diesem Buche. Und man fragt sich, ob es wirklich mir ein Dokument vergangener Zeit ist, oder ob nicht auch heute noch große Kreise gerade geistiger Juden von derselben Blindheit In bezug auf ihr Judentum und auf ihre eigene Stellung in der Welt sind, wie sie uns aus diesem Buche cn* gegentritt. Martha We 11sch. Ludwig Hardt liest die Bibel An seinem 500. Heine-Abend las Ludwig Hardt zum erstenmal Stücke aus der Bubcr-Rosenzwcigschcn Bibel- Übersetzung im Schwechtensaal. ln Hemesche Lj־rik eingebettet, zwischen der Phantastik der Lalladcsken und der Vehemenz der revolutionären Gedichte, zwischen der wehen Intimität und der Stärke des Bekenntnisses der Matratzengruft- Gedichte, die Hardt plastisch und überzeugend dem zahlreich erschienenen Publikum übermittelte, trat uns überraschend die geruhsame Epik des biblischen Werkes entgegen. Der Luthersehen Archaismen entkleidet, die uns durch ihre pastorale Ehr- Würdigkeit der deutschen Bibelübersetzung entfremdet haben, offenbart uns Bubers ״Schrift“ die ganze epische Schönheit des hebräischen Originals. Die Erzählung von Rachels Tod in der unendlichen Zartheit der Buberschen Sprache und der feinst nuancierten Uebermittlung durch Ludwig Hardt gestaltete sich zum Erlebnis. Wir wurden nach Bet-El versetzt, auf den Weg nach Efrat. Die Karawane hält an, Mutter Rachel stirbt, nachdem sie dem langersehnten zweiten Sohn das Leben schenkte. ״Benoni, mein Schmerzenskind“, ist ihr letzter Sehrei. Aber Jakob ruft: ״ßinjamin, Glückskind!" ״So starb Rachel.“ Dann las Hardt Jakobs Tod. Der sterbende Vater und Führer beruft seine Söhne zu sich, segnet sie und sagt ihnen, was ihrer ״in der Späte der Tage“ noch harrt. Seine väterliehe Liebe, aber auch die Unerbittlichkeit des Urteils läßt Ihn das Wesen jedes Sohnes bis ins tiefste charakterisieren. Wie Buber hier die Originalsprache nachschöpfend erstehen läßt, gehört zu den erschütterndsten Eindrücken des Abends. Die Verwegenheit und Bedenkenlosigkeit Rubens, die Gewalttä'igkeit Schimons und Lewis die Tapferkeit Jehudas, die Meerliebe Sbuiuns, die Versklavtheit Jessaehars, die Schlauheit Dans, die Wahrhaftigkeit Oads, Aschers Schwelgerei, Nafta’is Bebendigkeit, Jossefs Auserwählt’ieit und Benjamins Wildheit -- jeder tragt sein Schicksal in sich — welche Möglichkeiten für die Gestaltungskunst Hardts, der aber liier — vielleicht infolge der allzu großen Belastung des Abends — der ungeheuren Aufgabe noch nicht ganz gerecht wurde. Wir hoffen, daß uns Ludwig Hardt bald seinen ersten selbständigen Bibc'abend schenken wird. — Daß seine hier oft gerühmte Heine-Interpreta'ion an diesem Jubiläumsahend auf der Höhe der Meisterschaft war, bedarf kaum der Hervorhebung. Anja Aschkenasy. Konzert der vereinigten Synagogecchöre So viel ist sicher, Chorvercinigungen bringen selten Interessantes. Bequemlichkeit und Apathie führen hier zu bei nders zäher Indolenz. Und man gibt seine Konzerte meist nu weil man Stimme oder ein Publikum zu besitzen glaubt. Um so erfreulicher der Abend, zu dem die vereinigten Synagogen chöre der jüdischen Gemeinde unter Alexander Weinbau ms rühriger Leitung in die Philharmonie riefen. Denn hier wurde ein ernstes Programm absolviert, das wenigstens in seinem ersten Teil volles Interesse beanspruchen konnte. Zum Erlebnis wird das ״Un’ssane tanket“' von Moses Milner für Kantor und Chor a cape'ia. In ihm kann Leo Gollanin seine schöne Innerlichkeit beweisen. Vor ungefähr zwanzig Jahren ents'anden, schlägt da* Werk des bedeutenden Russen in mystischen Ahnungen die Brücke zum Unfaßbaren. Der große Tag des Gerichts findet einen Erschauernden, Erzitternden vor, der seine Ehrfurcht In breitströmendem Tenorsolo kündet. Stark russisch beeinflußt ist die Rhythmik, das Motivische dieser packenden Musik. Audi der Chorsatz mit den hiufigen Unisonoführungeil, mit dem lang aufgebauten Crescendo, erinnert an russische Vorbilder. Aber was besagt das gegenüber der Tatsache, daß hier ein Text herrlich erschöpft und gleichzeitig die Form dem Inhalt vorbildlich angepaßt wurde. Voraus ging das zarte ״Kol nid re“ von Hirsch Weintraub, das mit seinem transzendentalen Pianisslmo l!t die nebelhaften Sphären des Irrationalen führt. Unpersönlicher dann das Wefntraubsche ״!'hi rozatm“ und ״Mr'anrii al koi hoatilom“ von Sa 10 in 0 11 Sulz er. Diese Kompositionen begnügen sich damit, überkommenes Gut im damaligen Zeltgeschmack gediegen zu verwerten. Das Arno Nadelsche ״Mismaur schir Fjauni haschaboß“ (der 92. Psalm) für Kantor. Chor und Orgel, von Weinbaum uraufgeführt, verdient wegen des schönen Anfangs, wegen des differenzierten Chorklanges, der solide Satzkunst verrät, reiche Beachtung, Wen! ger einverstanden mußte man mit dem zweiten Programmteil sein. Was sagt uns heute noch die kalte Pracht des 109. Psalms von Louis Lewandowski, Der Gedanke an spezifischen Ausdruck kam ihm nicht. Als standhafter Nutznießer der Mendelsohnschcn Schreibweise kopierte er dessen angenehme Rundungen. Ata״ er als ,.jüdischer“ Mendefsohn in unsere Musikgeschichte eingehen. Ein Psalm von Friedrieh de la Motte Fouque für Sstimmigen Chor und obligate Orgel Herr, Gott, du bist unsere Zuflucht“ erblickt erstmalig das Liebt des Konzcrt־aa’es. Nach machtvollem Beginn schwimmt er in schönem Fluß weiter, beeinträchtigt nur durch die illustrative Tendenz der Musik, greift dann auf den Anfang wieder zurück und gewinnt Geschlossenheit: also eine Musik, bei der ein künstlerisches Temperament sich in eine konventionelle Form zwängt. f!n Ausdruck nicht sehr per- SÖnlich ist es ״zwar ein Werk wie aüerwärts, doch zugleich ein Werk — mit Herz“. Es Ist nicht unecht genug, um großen Erfolg zu haben. Ein pastora'er Psalm von Arnold Mendelsohn und ein Arioso aus dem Oratorium ״Esther“ von Händel beschießen das Konzert Alles in allem ein sehr lohnender Abend, zu d;*s«n Ge-!Ingen neben dem Chor und seinem Dirigenten, der schwebende Sopran Paula Llachowskys, der angenehme Tenor Dr. Willy Rosenthals, Hilda Lind ,Al f r c d dass, Leo Gollanin und der vielgewandte Organist Arthur Zepke beitrugen. Erich -Walterstern borg. Der bekannte Tenor Hermann Jadlowker, ehemals an der Berliner Oper, ist in Palästina eingetroffen und hat mehrere Konzerte gegeben.

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