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Jüdische Rundschau · 1929-02-08 · Heft 11 (8.2.1929) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 11 (8.2.1929)
Date
1929-02-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 60 Nr, 11, 8. IT. 1929 י JUEDISCHE RUNDSCHAU verdankt, deren Nutznießer in erster Reihe naturgemäß die Araber sind und wo die Juden 40 0/0 der Bevölkerung bilden, kostete es vor wenigen Jahren Kämpfe lind Interventionen, um den Besitzstand eines vakant gewordenen jüdischen Sekretär* Postens in der Kommunal Verwaltung zu erhalten. Man nimmt die Vorteile der reichtumschaflenden jüdischen Arbeit mit Selbstverständlichkeit hin (es ist interessant, daß das Haifa benachbarte Akko in lokalem Neid über das schnell reich gewordene Haifa sich bemüht, durch allerlei Freundlichkeiten und Konzessionen etwas vom jüdischen Strom auch an sich heranzuzielien und des jüdischen Segens teilhaftig zu werden) — jeder Oegetirechnung wird jedoch starr die kalte Schulter gezeigt. Wer weitere Belege will, muß schon ins Land gehen und die Verhältnisse auf sich wirken lassen. Diese sind noch überall, wo die Araber Machtpositionen einnehmen, sehr weit vor( dem Zustand entfernt, der unser Zutrauen auf ihre objektiv-loyale Haltung verdienen würde, und ich halte es für eine Kurzsichtigkeit, dem Gebaren der niederen örtlichen Instanzen durch ein arabisches Parlament — denn nur um ein solches wird, es sich handeln —־ eine po'itisehe und moralische Stütze verschaffen zu helfen. Wir werden dann täglich zur Zentral- Regierung nach Jerusalem oder nach London laufen können, um uns über jeden arabischen Schutzmann zu beschweren — fürwahr, eine würdige Rolle für ein ,,Staatsvolk“! Es gehört m einem beträchtlichen Teile zu den übrigen Selbsttäuschungen, im Falle der Schaffung eines Landes- Parlamentes, stell auf die zürn Schutze der Balfour-Deklaration testzusetzenden K a u t e 1 e n zu verlassen. Ein mit arabischer Uebermacht ausgestattetes, von der Resonanz einer überwiegend arabischen Umgebung getragenes Parlament wird %r0tz aller konstitutionellen Beschränkungen ipso fakto seines Bestandes wirken. Und es wird gegen uns wirken. Denn die Signatur seiner politischen Atmosphäre wird der konstante jüdisch-arabische Gegensatz bilden. Hoffentlich gibt es niemand, der daran zweifelt, daß schon der Bestand einer solchen parlamentarischen Körperschaft von ausgesprochen arabischem Charakter einen starken politischen und mora'lschen Faktor in ihren innenwie außenpolitischen Ausstrahlungen bedeutet, daß sie, in wechselnden politischen und wirtschaftlichen Konsfellationen, ein Zentrum für uns gegnerische Einflüsse inneren wie außenpolitischen Ursprungs bilden wird. Sozusagen über Nacht ist die Forderung nach einem Parlament zum zentralen arabischen Postulate geworden, nachdem man ein solches noch vor wenigen Jahren Herbert Samuel brüsk vor die Füße geworfen hatte. Es gibt sich darin die Bach Jahren einer ergebnislosen Politik gereifte Erkenntnis kund, daß man auf dem bisherigen Wege des geraden Frontangriffs zum gesteckten Ziele, der Rückgängigmachung der Balfour-Deklaration, nicht kommen werde. Die Forderung nach einer Volksvertretung bedeutet das Einsch'agen eines anderen Weges, um zu dem gleichen Ziele zu gelangen. Nicht mit Unrecht hofft man damit in jedem Falle ein machfpolitisches Mittel in die Hände zu bekommen. Ging man bisher auf das Ganze und erwartete die Wirkung von außen, so will man sich jetzt auf die eigene Basis zurückziehen und durch Beeinflussung der Dinge im einzelnen, in den Teilen, das Ganze allmählich zu hemmen oder illusorisch zu machen. Deshalb kann es auch ein Parlament mit beschränkten Rechten sein, Wenn nur der Anfang gemacht ist. Nun sind Zionisten der Auffassung, daß es unsere Pflicht ist, den Arabern zur Schaffung eines solchen Parlamentes unsere Hilfe zu leihen. Die Araber hätten, im Gegensätze zu ihrer früheren unversöhnlichen Haltung, in letzter Zeit An- Zeichen einer Verständigungsbereitschaft erkennen lassen und wir sollten, nach der Meinung dieser Optimisten, diese günstige psychologische Situation zur Einleitung von Verhandlungen ergreifen. Die bekannten Aeußerungen Musa Kasims beweisen das Gegenteil. .;;,Robert!.W.eltsch hat sich irr seinem Aufsatz über diese Fi/age it def ,״jädisthen Rundschau“ (Nr. 691925 •־-’־t darüber׳ aüfgehaiten; daß der ״Dawar“ die arabische ״Verständigungsbereitschaft“ aus einer durchaus genauen Kenntnis der Verhältnisse in dem kurzen und treffenden Satz charakterisierte: ״Felestin akzeptierte die Balfour-Deklaration — ohne Ein- Wanderung.“ Tatsächlich bedeutet dies für jeden Zionisten, der mit seinem einfachen Verstände zu denken gewohnt ist, nichts anderes, als daß die Kernpunkte unserer bisherigen Errungenschaftcn jetzt zu Gegenständen von Verhandlungen mit den Arabern gemacht werden sollen. Die arabische Mentalität muß noch einen Prozeß der Reife und der Anpassung an die realen Dinge durchmachen, ehe wir uns mit diesen Menschen an den Verhandlungstisch setzen können. Daß dem so ist, sollte meines Erachtens niemand wundernehmen. Man kann nicht über Nacht das innerlich gutheißen, was man 10 Jahre hindurch mit allen Mitte'n bekämpft hat. Erst muß noch die Entwicklung in der Zeit und Im Raum« harte und unabänderliche Tatsachen zu unsern Gunsten schaffen. Erst muß noch eine gemeinsame materielle Basis im Lande heranwachsen, eine Verflechtung der gegenseitigen Interessen entstehen, in der man unentwirrt mit seiner eigenen Existenz verknüpft ist. Erst muß noch in der Seele, des arabischen Volkes das Gefühl Wurzel fassen, daß das Recht der Jude.fi, im Lande ihrer Väter nach ihrem eigenen Ermessen seßhaft zu werden, un abänderlieh ist und von niem.and mehr rückgängig gemacht werden könne. Dann wird es den Geistern leichter sein, sich mit dem Gegebenen abzufinden und den weiteren Weg der Entwicklung' des Landes aufrichtig und mit innerer Ueberzeugung, die heute noch fehlt, gemeinsam mit uns zu gehen. Es ist sicher, daß wir mit dem arabischen Volke, mit dem wir für alle Zukunft Zusammenleben müssen, auf einer klaren Presse-Schau . 1m Dezembtrheft der von dem Bremer Großindustriellen und Förderer internaiionaler Geistesbcziehungen Ludwig Roselius herausgegebenen interessanten Zeitschrift ״Die Böt'tcherstra de“ berichtet Eint Davis (Jerusalem) über das palästinensische Theater. Von vier Gründungen: Theatron Umanuthi, Theatron le’umi, Theatron erezjisr'egli (von Goressin) und der Arbeiter-Spielertrunpe des OHel haben sich nur die beiden letzten ha'ten können. Die Situation des hebräischen Theaters ist gefährdet, nicht nur aus verständlichen wirtschaftlichen Gründen, sondern auch aus solchen des mangelnden Repertoires uad der noch ungewessen geistigen Richtung. Selbst die Habimah, die neu mach Efez gekommen ist, macht alle diese Krisen durch. Dagegen hat sich einen unbestrittenen Platz das Kabarett, als politisch und esellschat't’.ich satirisches Theater, errungen. Zuerst der ״Kumum“, die ..Teekanne“ des Schriftstellers Hammdri, dann der ״Matafee“, der ״Besen“ und der ״Tukki“, der ״Panagei■‘. Dieses satirische Theater wirkt hier als eine Art mo a'ischer Anstalt, in dem sich die Spannungen des Einzelnen und der Masse entladen und das fast mehr als die Zeitung öffentliche Meinung macht, Dr. W. K.; Die ״Frankfurter Zeitung“ berichtet aus Jerusalem über die Habimah, daß diese ״auf dem natür-, liehen Nährboden ihrer Sprache und ihres Ku'tur-• Werkes, im hebräischen Palästina, den.Ort gefunden, wo sie in monatelanger stiller, zurückgezogener Arbeit die Grundlage zu ihrer neuen Reise durch Europa und Amerika gelegt hat, die ihr und ihrem neuen Repertoire zweifellos die“gleiche Anerkennung der Kritik bringen wird, wie ihre ersten Reisen. Die und umfassenden Grundlage zu einer direkten Verständigung kommen müssen, denn wir werden unser Dasein im Lande nicht für alle Ewigkeit auf die Machtmittel Englands stützen können. Welche realen Faktoren stehen uns' aber zur Seite, um schon heute in direkten Auseinandersetzungen unseren lebensnotwendigen, vom Blickpunkt der Araber jedoch realpoüiisch unbegründeten Ansprüchen Gewicht zu verleihen? welche entscheidenden Argumente, von ihrem Gesichtspunkte gesehen, stehen uns zur Verfügung, außer — der Finger in der Richtung auf England? Das ist ein Argument, daß es uns allenfalls gestattet, ins Land zu kommen und es aufzubauen, es ist aber keines, um die Grundlage für eine freie Verständigung abgeben zu können. Abgesehen von allen verstandesmäßigen Erwägungen Ist für mich in dieser Frage die zweifelose Tatsache wegweisend, daß eine Befragung des J isch uw eine entschiedene Ablehnung aus innerem Gefühle heraus ergeben würde. Symptomatisch für dessen Auffassung des Problems ist für mich gerade die Haltung unserer Arbeiterschaft im Lande, deren allgemeine radikal-demokratische Einstellung wohl nicht verdächtigt werden kann. Sic hielt es für notwendig, und es ist ihr auch gelungen, in Erkenntnis der in dieser Frage gelegenen Gefahrenmomcnte, sogar die englische Arbeiterpartei für ihre ablehnende, scheinbar gegen das demokratische Prinzip verstoßende, Haltung gegen die Schaffung einer Volksvertretung in Palästina zu gewinnen. Tatsächlich ist es schwer zu begreifen, wie ausgerechnet Zionisten, die die Einzigartigkeit und die Schwere unserer ,Aufgabe immer wieder betonen, an diese komplizierte Frage im Namen generell-demokratischer Dogmen herantreten können, bei deren Anwendung sich bald zeigen würde, wie ,״Vernunft — Unsinn“ ist Unser ganzes Kommen nacli Palästina ist ein einziger Durchbruch der dort geschichtlich gewachsenen Verhältnisse. Ich möchte diejenigen, die schlimme Folgen befürchten für den Fall, daß wir uns den arabischen Wünschen nach einer repräsentativen Verfassung widersetzen, auf den klaren Wort'aut der die Schaffung einer jüdischen Heimstätte betreffenden Manda'sbestimmungen verweisen, in denen unsere heutige Haltung voll begründet, ja vorweggenommen ist Kein Mensch kann uns einen Vorwurf daraus machen, wenn wir uns die Grundlage, auf der wir unsere Heimstätte bauen sollen, nicht unter den Füßen wegziehen lasse■. In dem an dieser Stelle (״J. R.“ Nr. 62, 1923) kürzlich besprochenen Buche des ste'lvertretenden Vorsitzenden der ständigen Mandatskommission des Völkerbundes, D. F. W. van Rees (Holland), begründet der Autor mit aller wünschenswerten Klarheit die Folgerichtigkeit dieser Tatsachen. Es ist charakteristisch für das bei uns vielfach anzutreffende sprunghafte und unausgeglichene Denken, wenn sich Zionisten finden, die, anstatt über den Eingriff eines günstigen Schicksals, daß das Herbert Samuelsche Projekt vor sechs fahren zunichte machte, sich glücklich zu fühlen und die engfische. Regierung in ihrer uns in diesem Punkte günstigen, aut- ' schiebenden Politik nachhaltig und mit allen Mitteln zu stützen, mit einer höchst unzeitgemäßen Propaganda in der Oeffentlichkeit dieser Politik in den Arm zu fallen versuchen. Auf einmal sollen wir arabischer sein als England. Es wird uns nicht wundern dürfen, wenn die uns stützenden Freunde in der Welt uns nicht mehr verstehen und uns schließlich sagen werden: wir können nicht jüdischer sein, als ihr selbst... Noch eine Frage, die mir nicht als die unwichtigste in diesem Zusammenhänge erscheint. Durch die Schaffung eines Parlamentes in Jerusalem, das über einen kleineren oder größeren Teil der Lebensfragen des Landes in täglichem Kampfe zu entscheiden haben wird, entsteht für uns eine neue politische Front, die wir besetzen müssen. Mit wem? Etwa, mit der Vielheit der Jerusalemer öemeinden? Oder wird uns Tel-Awiw, das seine eigenen, kleinen, lokalen Angelegenhelfen nicht meistern kann, den starken, disziplinierten, in Sich geschlossenen, allen Finessen eines nicht wählerischen Gegners gewachsener! Verfeidiger gt'elleii?, /.Kähnen ,wir üitserm, iri: einem durchaus natürliche!!, alle seine Energien in Anspruch nehmenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbildungs- und Kristallisierungsprozeß begriffenen Jischuw noch diese neue Aufgabe aufbürden? Welcher Zwang liegt für uns vor, uns neuen Schwierigkeiten und Belastungsproben auszusetzetf, ehe wir das größtmögliche Gegengewicht an materiellen und moralischen Faktoren im Lande geschaffen haben? Warum haben wir nicht die Nerven, diese Arbeit der Zeit abzuwarten? Noch war keine Zeit für die Ablagerung eines festen materiellen und seelischen Zentrums im Lande, das uns in allen möglichen Wechselfällen solcher politischen Bindungen eine natürliche Stütze bieten würde. Es sei zugegeben, daß die heutige, reine Beamtenverwalhing keine ideale ist und daß sie auch für uns Unzuträglichkeiten mit sich bringt. Sie hat für uns aber den in diesem Falle unschätzbaren Vorteil des kleineren Uebels. Dies darf in allen Wechselfällen bei der Bildung eines Gesamturteils nicht vergessen werden. Damit im Zusammenhänge steht noch eines: Es ist ein Irrtum zu meinen, daß wir uns auf den englischen,und den arabischen Stuhl zugleich setzen können. Wir können uns nur für einen Entscheiden. Wir haben unser Schicksal mit England verbunden und ich halte dafür, daß wir während der ganzen nächsten 25 Jahre mit 100 °/0 auf die englische Karte setzen müssen. Die Schaffung eines Parlamentes in Palästina schon im fetzigen Zeitpunkt würde einen neuen Faktor Ins Spiel bringen, der in die Einheitlichkeit und in den folgerichtigen Aufbau der Mandatskonstruktion ein für uns ln jedem Falle bedenkliches Element hineinzubringen geeignet wäre. Dazu sollte meines Erachtens in absehbarer Zeit kein Jude seine Hand bieten. Habimah hat unter dem Einfluß der palästinensischen Eindrücke eine neue Note gefunden. Ihre Kunst ist vo 1 kstümlieh er, erdnaher geworden. An Stelle der Legenden- Stoffe einer längst vergangenen Zeit tritt in dem Volksstück ״Der Schatz“ von Scholetn Aleichem, das von dem hebräischen Dichter Berkowitz, dem Schwiegersohn Scholen! Aleichems, bearbeitet wurde, das reale jüdPche Dorf einer erst vor ku-zem vergangenen ׳Zeit, in Erscheinung, der Zeit, da die moderne Verkehrstechnik in Rußland das ganze Gefüge des jüdischen Lebens auflockerte und veränderte.... Die Aufführungen der Habimah haben in Palästina einen Enthusiasmus erweckt, der vielleicht nicht nur der künst’erischen Leistung gilt, sondern auf, ein viel tieferes Verständnis der dargestellten Typen, als es in Europa erwartet werden kann, zurückgeht, wo Sprache und Lebensweise, die hier geschildert werden, wenig vertraut sind. Die rein künstlerische Darstellung der Habimah ist jedoch so groß, daß sie selbst diese Fremdheit überwinden kann.“ Der Palestine & Egypt Lloyd (früher Palestine Lloyd) in Jerusalem hat einen eigenen Autobusverkehr eingerichtet, der Touristen die Möglichkeitg'bt, aüf angenehme Weise und zu b i 11 i g e n Pr e i s en die Sehenswertesten'.•Plätze Palästinas' zu bereisen. Das Programm ddf Autofahrten schließt Jericho, das Tote Meer und Jordanüfer, Bethlehem, Tiberias, Haifa, Nazareth, Afuleh, einigd neue Sied־ lungen, sowie Kirjat Anawim, Ben Schemen und Rischon le Zion ein. (Ziko.) *ו—"■ ■■■■N——■1 Hugo Salus Vor einigen Tagen starb in Prag im 63. Lebensjahr der Dichter Hugo Salus. Er war jahrelang eine markante Figur der deutschen und jüdischen Gesellschaft Prags (im Vorkriegs- Prag war das so gut wie identisch); aus der alten Judengemeinde Böhmisch-Leipa stammend, gehört er der älteren Schicht jener Gruppe an, die das Pra״er Judentum ״der deutschen Literatur stellte und die in der auf Salus folgenden Generation allgemein bekannt wurde durch eine Reihe von Namen, deren bedeutendste etwa Brod, Werfel, Kafka, Baüra u. a. sind. Salus, von Berat Frauenarzt, war ein Lyriker der älteren Schule, von feinem Empfinden und Formgefiihl. Das liebenswürdigste und bekannteste seiner Bücher ist der Gedichtzyklus ״Ehefrühling“. (Die Bücher von Salus sind bei Albert Langen, München, erschienen, dort auch das Gedichtbuch ״Glockcnklang“.) Salus hatte, obwohl nicht Zionist und in späteren Fahren sogar in Gegensatz zur nationaljüdischcu Politik geratend, doch ein starkes jüdisches Volksgefühl, das auch in mehreren Gedichten Ausdruck fand. Er war bereits unter den Mitarbeitern des ersten Buches der jüdischen Renaissance in Westeuropa, des 1933 von Feiwel und Buber herausgegebenen ״Jüdischen Almanach“. Von seinen jüdischen Gedichten sind vor allem zu nennen: ״Der hohe Rabbi Löw“, ״Ahasver“, dann das ״Ahnenlied“ (״Meinen Großvater, habe ich noch gekannt, er trug sein Päckel über Land..,“), und vor allem aas ״Lied des Blutes“, das zum Andenken an den Verstorbenen hier wiedergegeben sei. Es ist vor genau 20 Jahren entstanden und beim ersten Festabend des Prager' Bar Kochba, Januar 193Q, wo Buber seine erste Rede über das Judentum hielt (s. Leo Herrmanns Erinnerungen im Bubcr-Heft des ״Juden“ vom Februar 1928), von Lia Rosen vorgelesen worden. Lied des Blutes Du Bruder im Dunkel, was dringt mich tu dir Und dringt auch dich, iöh fühl es, zu mir? Du kannst mich nicht und ich kenn dich nicht, Doch etwas in unseren Herren spricht : Der ist dein Bruder 1 Ihn liehol Und das kann nicht von gestern und heute »ein, Ich wQrd' nicht so Sieger und Beute sein! Ist anders J* Freundschaft und Liebe und Treu, Wie von Uranfang her und doch wieder neu: Dein Blut und mein Blut sind Brüder! Vor fünftausend Jahren — besinne dich doch 1 — Trug mein Ahn und deiner e i n Sklavenjoch t Und vor drei lausend Jahren in Qual und Not. Denkst du's nicht mehr? doin Ahne bot Meinem den Labtrunk der Liebe! Bruder, wie dunkel mein Herzblut rauscht 1 Ich fühl’» wie dein Ohr seinem Raunen lauscht, Und wir hören beido das gleiche Lied, Wie damals, da Ahn bei Alm gekniet: Ein Gott drohte beißen vom Himmel. Und der Sturm verweht, es lischt die Glut Uno Leid wird Lust; doch Blut bleibt Blut 1 Und ein Tropfen in mir und ein Tropfen in dir ‘ Wissen: Brüder, Brüder sind wir, Biüder aus ׳einem Dunkel . , , Zar Geschichte Jerusalems Nach der hier bereits angezeigten ״Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“ hat der. Verlag.Wolfgang Jeß in Dresden in der: gleichen vornehmen- und geschmackvollen Ausstattung,' auf Dünndruckpapier die ״Geschiente der Stadt Athen im 'Mittel־'‘ alter“ von Ferdina.ndQT.egorovi.us' herausgegeben. Die von Dr. Fritz Schillmann besorgte, mit 63 Lichtdrucken! nach alten Vorlagen geschmückte Ausgabe führt den Titel ״Athen und Athen als“; sie vereinigt zwei Werke von Gregorovius, nämlich neben der Geschichte der Stadt Athen noch die Schrift ״Athenais“, die Lebensgeschichte der aus dem athenischen Heidentum stammenden, später zum Christentum bekehrten Kaiserin Athenais-Eudokia, der Gattin des byzantinischen Kaisers Theodosius II. Das Buch gehört zu jenen seltenen Werken, die Geschichtsschreibung als Kunst begreifen lassen; in einer innerlich beschwingten und edel gegliederten Sprache erzählend, vermag Gregorovius eine ganze Epoche lebendig zu machen und in die Zusammenhänge der mittelalterlichen Geschichte, ■die auch dem Gebildeten nicht immer gegenwärtig sind, einzüführen. Was an. dieser Stelle wohl am meisten interessiert, ist die Schilderung des frühmittelalterlichen Jerusalem, die gelegentlich der Palästmarcise der Kaiserin Eudoltia gegeben wird. Die Kaiserin machte ihre erste Wallfahrt etwa im Jahre €18. Gregorovius sagt: ״Eine unberechenbare Verkettung der Lebensschicksale hatte sie aus den Olivenhainen ihrer Vaterstadt Athen zu den Palmen der fernen Stadt Davids und Salomos geführt. Beide wunderbaren Städte bezeichneten fuf sie .den Ausgangspunkt und den Endpunkt ihres Lebens, lind beide waren die entgegengesetzten Pole der menschlichen Kultur.“ ln Jerusalem tritt freilich der Kaiserin eine ihr ganz fremde. Landschaft und Welt gegenüber, ״Konnte die Philosophentocliter aus Athen, die prunkvolle Kaiserin von Byzanz, die fremdartige, tiefströmende Poesie des alttestamentlichen Judentums verstehen, die Schwermut der Psalmen, die sibyihnische Erhabenheit der Propheten, den titanischen Schmerz Hiobs, oder den Zauber der morgenländischen Patriarchen- und Hirtenweit?“ Sie lindet dort Keine griechische Kunst und Wissen- Schaft, und auch alle Denkmäler, die den Juden als ehrwürdig galten, waren von Kaiser Hadrian nach Niederwerfung Bar Kochbas vernichtet worden. Hadrian hatte die Juden vertrieben, und in der folgenden Zeit war die Stadt verödet, sie wurde zuschanden, Diebsgesindel und Verbrecher aller Art bevölkerten sie, sie galt als Stätte des Lasters und der unselig.ten Krankheiten. Der christliche Kult und die Wallfahrt zu den Stätten des Lebens Jesu ließen allmählich eine Schwindel- Industrie mit Reliquien u. dgl. entstehen. Kaiser Julian Anos.ata hatte zwar 362 aus Haß gegen das Christentum den Wiederaufhau des Tempels gestattet; ״die beglückten Hebräer be-, gannen wirklich diesen Neubau, aber ... der Tod ihres Gönners Lieb sie aus der Stadt hinweg“. Nur am Tage der Zerstörung Jerusalems durften Juden gegen Bestechung der Wächter die Stadt betreten. Damals bestand zu Tiberias am See Genezareth die große Synagoge, der Mittelpunkt des geistigen Lebens der Judäer undT gleichsam ihre Universität der Kaiser Konstant!!# hatte dort als Oberhaupt der jüdischen Öemeinden ijn Reich einen Patriarchen anerkannt, bis 418 Theodosius das Patriarchat vernichtete. ln diesem Jerusalem spielt das letzte Kapitel der Kaiserin Eudokia, der Athenais, die in Jerusalem stirbt. Wir stehen an einer Weltenwende, die große Völkerwanderung und die geisiige Neuordnung der Welt hat begonnen, ln diese Zeit der inneren Kämpfe des werdenden Christentums und Mittelalters führen uns die wechseivo'.len Schicksale der merkwürdigen Frau, der Gregorqyius diese Schrift widmet. Es ist eine packende Lektüre. Die Werke von Gregorovius rechtfertigen die schöne Form dieser Neuausgabe, die in ihren mit großem Versandnis ausgewählten Bildern auch die Wiedergabe eines Stiches voa Frederic de Witt (16S0), Jerusalem darstellend, enthält n1IIIMIIIHI|lllllllllllllllilllltlllJIIIIII|l||llilllllilllllllllr1lllllllllll|IMIIIIMIIIIIIIIJIII1n1IIIIMIIIIIIIIIIIIIMIIIIIIIIIIIIIM1nn1l|!IIIIIMIIIIIIIIIIIIIIIIIIItlllllllltlll||llllllllltlll1n1llllllllllltlllllllllllllllllllM1IIIIIMIIII1n1IIMIIltllllllllllll1r1lllllllllllllllllllllllllllllllllllll!Hllllll

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