Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 11 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11, 8. II. 1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 65 Polnische Diskussion Zur Frage des Parlaments Von Gerhard Schoiem, Jerusalem״ Die Polemik gegen die Bestrebungen des ״Brith Schalom" richtet sich zur Zeit besonders erbittert gegen dessen Ideen über die Möglichkeit, gemeinsame Organe der parlamentarisehen Vertretung für beide Völker zu schaffen. In der Sprache des Jerusalemer ״Doar Hajom“, der sich mit Erfolg um die Hebraisierung altvertrauter deutscher Parolen bemüht, erscheinen wir als ״Dolchstößler“ und Ucbcrläufcr zum Feind (auf Hebräisch macht sich diese Terminologie besonders großartig), aber auch in maßvollerer Polemik wie etwa in der Zuschrift des Herrn Lacbmana in Nummer 102 der ״Jüd. Rundschau“ wird uns das ״Dogma des ideologischen Parlamentarismus“, von dem wir angeblich beherrscht sein sollen, als Kardinalirrtum angekreidet So sei es denn gestattet, einiges zur Klärung unseres Standpunktes in dieser Frage vorzubringen, um so mehr als in der Tat ja die Haltung weiter Kreise Palästinas in der Parlamentsfrage aus derselben Grundhaltung sich herleitet, die sic in der Sache der Klagemauer versagen ließ. Eines sei hier vorangeschickt: Wenn auch der ״Brith Scha- 10m“ in der Frage der Volksvertretung der zur Zeit verketzerten Ansicht ist, nicht gerade wir Juden dürften liier der Hemmschuh sein — übertriebene Vorstellungen von der Vorzüglichkeit des Parlamentarismus hegt keines seiner Mitglieder. Manche stehen dieser Frage genau so opportunistisch gegenüber wie Herr Lachmann, kommen aber zu ganz anderen Resul• taten, da sie sich davon überzeugt haben, daß, wie immer man den absoluten Wert parlamentarischer Einrichtungen beurteilen mag, sie jedenfalls in diesem Lande und in der gegenwärtigen historischen Situation einen Fortschri.t darstellen. Freilich gibt es, wie schon gesagt wurde, logisch noch einen anderen Weg: den der Revisionisten, die vor einer auf die Legion gestützten Herrschaft — neuerdings gern harmlos als ״kolonisatorrches Regime“ firmiert — nicht zurückschrerken wollen. Wer diesen Weg, der von Einsicht und historischem Mut gleich weit entfernt ist, nicht gehen will, wird sich den folgenden Erwägungen schwer verschließen können. Es ist ein verhängnisvoller Irrtum, der freilich sehr bei uns im Schwange ist, zu meinen, daß es noch sehr lange dauern kann, bis aie arabische Einwohnerschaft Palästinas auf einer Zivilisationsstufe angelangt sein wird, die uns berechtigt, in dem Wunsch nach Selbstverwaltung einer! legi'.imen und verantvvortlichen Ausdruck des Volkswillens zu sehen, den nicht zu berücksichtigen gefährlich wäre. Man vergißt hier, in welehern Tempo das arabische Palästina den Analphabetismus liquidiert, wie groß das Interesse der Fellachen an der Schulbildung ihrer Kinder ist (die Regierung schreibt in einem offiziehen Bericht, daß eine schlimmere Strafe als die Schließung der Regierungsscliule ein Dorf, dessen erwachsene Bewohner fast durchwegs Analphabelen sind, nicht treffen könnte), wie intensiv das .uteresse an politischen Fragen ist und wie unmittelbar man daran geht, die weitere Verbreitung elementarer Bildung zu politischen Zwecken zu nützen. Schon in wenigen Jahren wird der größte Teil der arabischen männlichen Jugend hier lesen und schreiben können. Diese jungen Leute werden ihr Interesse nicht zulelzt den Fragen der Selbstverwaltung zuwenden und eine Gewaltherrschaft oder ein Beamtenregime dürfte hier schlechtere Aussichten haben als in parlamentsmüden Staaten Europas. Die zionistische Bewegung hat im allgemeinen weder für das eine, noch für das andere viele Sympathien gehabt. Die ge- Schichthöhe Situation hat die Juden in die Reihen der Demokraiie gedrängt und allzu oft haben wir den Anwalt des jiidischen Volkes vor der Welt gespielt, um nicht auf die Prinzipien der Freiheit und Gleichberechtigung festgeiegt zu sein. Obwohl nun in der Tat die Juden in der Offensive so ganz andere Züge zeigen als die in der Defensive und an ihrem echten demokratischen Fundus Zweifel entstellen können, so scheint es doch den meisten Zionisten selbst nicht ratsam, ein Prinzip, das Hort und Zuflucht der gesamten Diaspora ist, so ohne weiteres gerade da aufzugeben, wo cs zu bewähren freilich Mut erfordert. Man hat deshalb zwei Figuren erfunden, zwei Popanze, die jedem Gutgesinnten die Demokratie für Palästina gefährlich erscheinen lassen müssen: den oft berufenen arabischen Kameltreiber oder Fellachen und den Effendi. Der Fellach ist Analphabet (das wird er morgen allerdings schon nicht mehr sein), er ist ohne jede politische Einsicht und steht durch ein vielberufenes patriarchalisches Verhältnis völlig im Banne des Effendi, der, egoistisch wie er ist, sich von ihm wählen lassen, niemals aber die Interessen seines Wählers vertreten wird. Nun gibt cs ja auch in den entwickeltsten Ländern sogenanntes ״Stimmvieh“, das zwar nicht immer aus patriarchalischen Gründen, aber aus anderen, sagen wir etwa, gefangen von einer Zcitungspropaganda, für seine Führer stimmt Ja, man darf glaube.% daß der Chaluz, der sicher einen höheren Standard repräsentiert als der Fellach, es häufig ebenfalls an eigenem Urteil fehlen läßt und vielen Suggestionen offen ist. Und d'ese Schicht des Jischuw ist sicher die politisch weitaus entwickeltste. Ich zweifle, ob die Gegner palästinensischer Volksvertretung, wie nur konsequent wäre, so weit gehen würden, aus diesen Gründen auch die innerjüdischen, auf dem Prinzip der Selbstverwaltung aufgebauten Institutionen kassieren zu wollen. Mit demselben zweifelhaften Recht, mit dem wir in der politischen Phraseofogie den Fellachen gegen den Effendi aiisspie'en, könnten die Araber die Legitimität auch unserer Führer bezweifeln. Wem aber die Abhängigkeit des Fellachen vom Effendi so untragbar scheint, der sollte gerade eine Körperschaft erstreben, in der der Effendi gezwungen sein wird, Farbe zu bekennen, in der sein Recht, den Fellachen zu vertreten, sich am konkreten Fall beweisen oder bestreiten lassen wird, und das mit ganz anderen propagandistischen Mög'lchkelten, als unsere verlegenen pathetischen Deklamationen über die Befreiung des Fellachen sie bieten. Sicher existiert vorerst kein besseres Mittel, um den von den Gegnern des Parlament{ zitierten Mißständen ein Ende zu machen, als eben dessen Einsetzung. Es ist auch nie bekanntgeworden, daß die russ!• sehen Zionisten mit dem niedrigen Bildungsstand der russischen Bauern gegen die Errichtung der Duma argumentiert hätten. Was aber dem Fellachen recht ist, ist dem Effendi billig. Auch er unterscheidet sich politisch in nichts von der entsprechenden Intellcktuellcnschiclit anderer Länder. Er ist sicher wirtschaftlich egoistisch, aber dazu ließen si:11 viele Parallelen auch intra muros finden. Jedenfalls vertritt er in der jetzigen Situation sein Volk nicht weniger als irgendein deutscher Reiclistagsabgeordne.er seine Wähler. Auch dieser pflegt viele Fragen im Parlament in einem ganz anderen Sinne zu erledigen als sein Wähler je geträumt hat, und gewiß ist das Problem des imperativen Mandates, das den Verrat des Delegierten an den Wählern zu verhindern sucht, eins der zentralen po'.itischen Probleme echter Demokratie — in Palästina nicht anders als in der ganzen Welt. Und gar jene Argumcn'ation aus ״der gemeinsamen höheren Idee“, die allein ein Parlament rechtfertige, dürfte nur von Männern vorgebr.xh* werden, die dieselben Konsequenzen auch für Deutschland oder Rußland zu ziehen bereit sind. Zwischen Kommunisten und Konservativen gibt es keinerlei gemeinsames Ideal. All das sind Argumente aa hoc, mit denen einer mutigen Entscheidung in einer unbehagFchen Situation ausgewichen werden soll, und man darf bezweifeln, ob sie vorgebracht werden würden, falls wir die Aussicht hätten, in kurzer Zeit die Mehrheit ins Lande zu werden. Am wenigsten aber können solche Argumente die Zionisten treffen, die cs ja auch gibt, welche da meinen, daß wir in der Tat und unmeiaphorisch im Aufbau des Landes fine grro ein same Aufgabe beider Völker vor uns hallen, und daß die aus ihr entspringe:!Jen gemeinsamen konkreten Interessen sich schließlich stärker zeigen werden als das Trennende. Wenn man in der innerzionistischen Diskusrinn ehrlicher spricht, so wendet man ein, daß wir in einem solchen Perlament eine schwache Minderheit wären, daß wir einfach all unsere Positionen verlieren würden, die Einwanderung abgeschnürt, Landkauf unmöglich gemacht werden würde usw. Öder aber wir würden den Arabern ein gänzlich machtloses Parlament anble'en, was s'e mehr verbittern würde als un e e entschlossenste Gegnerschaft zu dem Projekt des Parlaments überhaupt. Nun ist ja eben das die prinzipielle Konzeption des ״Brith schalom“, mit der er sich vorerst in beiden Lagern mißliebig macht, daß er die Frage von Mehrheit imd Minierheit im Verhältnis der beiden Völker durch gecine'.c, in friedliehen Verhandlungen zu erstrebende, konstitutionelle Vereinbarungen grundsätzlich, d. h. also auch für den Fall einer eventuellen jüdischen Mehrheit, auszuschaltcn su 11 ‘. Wohl in allen Ländern sinI gewisse Dinge in der Verfassung auf eine solche Weise testge'.egt, daß sie nur durch revolutionäre Akte beseitigt werden können. Gegen Revolutionen ist nun allerdings kein Kraut gewachsen, weder mit noch ohne Parlament, aber wenn alles seinen normalen Gang ginge, so könnten die öffentlich-rechtlichen Garan ien für die Juden und ihre wichtigsten Konsequenzen sehr wohl der Kompetenz des Parlaments entzogen werden, ohne daß es dadurch für die Araber e'n Scheinparlament würde. Waren doch gerade in der durch die Palestinc Order im Council von 1922 vorgeschlagenen Verfassung so’die konstitutionellen Sicherungen vorgesehen. Gerade die Inkraftsetzung dieser Verfassung aber ist es, was die Araber jetzt verlangen, nachdem sie sie damals ahgelehnt, wir aber angenommen haben, was in den Diskussionen über diese Frage sehr zu Unrecht vergessen wird! Man geht auch völlig irre, wenn man meint, daß die Araber das Parlament wollen, um die Juden zu vertreiben. Sie haben ganz andere Sorgen, die sie mit den Juden teilen. Eine fremde Beamlenregicrnng, die nur englischen Behörden und dem Völkerbund veran wort ich ist, bringt Unzuträgliclikciten mit sich, die beiden Völkern drastisch genug fühlbar geworden sind. Es gibt eine Fülle lei enswichtiger und Juden und Arabern gemeinsamer In׳.e.e־,sen, auf die man Einfluß zu nehmen wünscht. Und wie ungünstig sich auch das palästinensische Parlament entwickeln und wie überholt die ganze Institution dem Europäer erscheinen mag, der die Schäden und den Mißbrauch der Demokratie gesehen hat, unleugbar stellt sie einen Fortschritt dar gegenüber einer Beamtennerrschaft, über die es keinerlei Kontrolle der pa'.ästincnsischcn (!)Öffentlichkeit gibt, nur den recht /welle!1:1 f e 1 Weg der Beschwerde einzelner Korporationen beim Völkerbund. Die palästinensische Volksvertretung wird hier abgekürzt ״Parlament“ genannt, well unter diesem Terminus diskuriert wurde. Ob sie ein Parlament im europäischen Sinne sein wird oder auch nur sein soll, darüber kann man sehr verschiedener Meinung sein. Was not tut, ist ein Organ für die sozialen Bedürfnisse und den politischen Willen der palästinensischen Bevölkerung. Diese Körperschaft soll und kann natürlich nicht so aussehen wie die eines mitteleuropäischen Staates. Hier eben ist ein Feld für gemeinsame Beratung von Juden, Arabern und Palästinaregierung. Mit solcher Beratung aber sollte man von den verantwortlichen Instanzen aus so bald wie möglich beginnen und auch die arabischen Vertreter werden am Verhandlungstisch eine andereSprache sprechen als InLeltartikeln. Diese Ausführungen haben sich etwas realpolitirch verhalten. Es wird darum eine prinzipielle Frage an den Sch'uß gestellt, die vielleicht an den Anfang gehörte: Was eigentlich sollen wir von den palästinensischen Arabern erwarten, die sehen, wie alle benachbarten arabischen Länder, Syrien, Irak, Transjordanien die Vol’ svertrelung erlangen, Pa'äs'ina aber nicht? Die Regierung aber kann ihnen bedeu'en, die Juden eben seien dagegen. Was sollen sie tun? Solen sie sich damit begnügen, daß sich die Araber in den Ländern politisch emanzipieren, wo angeblich der Schwerpunkt des Araber!ums liegt? Sie werden sich nicht damit trösten, sie werden sich in Haß gegen uns wenden. Und damit berühre ich den Umkreis des Vorwurfs, daß der ״Brith Schalom“ Forderungen der Individualethik mit denen der Politik konfundiert. Auch ich bin der Ansicht, daß das auf dem Gebiete der Geschichte ein nicht ganz einwandfreies Verfahren ist, obgleich manche Mitglieder des ״Brith Schalom“ die Ansicht verfechten, daß in der Individual- und Sozialethik dieselben Grundsätze herrschen sollen, und obwohl man bemerken darf, daß gerade der Zionismus nie aufgehört hat, sich auf die höchsten Prinzipien der Sittlichkeit zu berufen, so daß man sich erstaunt fragt, warum diese Prinzirien plötzlich gerade da außer Kraft gesetzt werden sollen, wo sie uns unbequem sind. Wenn wir aber schon historisch denken wollen, dann sollen wir auch unsere historische Situation verstellen. Wo stehen unsere Kerntruppen und wo stehen unsere Hilfstruppen? Wie sieht der Jude aus, der dem zionistisclien Gedanken den großen Sieg in der jüdischen öffentliehen Meinung der ganzen Welt und Sympathien der nichtjüdischen Welt verschafft hat? War das ein militanter Real- Politiker, der ein Kolonialvolk in Schach zu halten verstand? Und welche Physiognomie wird er jetzt zeigen, wenn wir Jahre um Jahre, solange wir Englands Hilfe haben, unsere Energien darauf verwenden, den palästinensischen Araber potitisch nicht aufkomnten zu lassen? Den Juden aber, der der Ideologie des Zionismus zum Siege verhalf, den gibt es vielleicht nicht, aber er sah anders aus. Anläßlich der Landesversammlung des Deutschen Keren Hajessod KUNDGEBUNG dts Keren Haieuwl unter dem Vorsitz von Herrn Dir. Oscar Wassermann in Berlin, Großer Festsaal bei Kroll, am 10. März 1929, vorm. Die Araber und wir Von Jechiel Haller, Karlsruhe. Es ist für den Politiker sicherlich von großer Bedeutung, die Anzeichen der Zeit zu erkennen und sich rechtzeitig darauf ein/ustelten. Es unterliegt aber andererseits keinem Zweitel, daß durch vorzeitigen Eingriff in die Entwicklung der Dinge unter Umständen der Schaden noch größer \ve den kann. Ja, die Natur läßt sich manchmal, in einer gewissen Großmut des Verharreris, von einem Nachzügler viel lieber noch einfangen, als daß sic gestattet, daß vorzeitig in den Gang ihres Prozesses eingegriifen wird. Einen solchen schweren Feh'er der Uebereilung zu begehen sind die aus unseren Reihen plötzlich aufgetretenen Betürvvortcr der Schaffung einer Volksvertretung in Palästina im Begriffe. Dabei ist es nach meinem Dafürhalten ein doppelter Irrtum, dem diese Kreise unterliegen: nicht nur, daß sie den Arabern durch dir Verwirklichung ihres Verlangens ei:1 neu« und entscheidendes Machtmittel in die Hand geben uni in gleichem Maße unsere eigene Position schwächen werden-, sondern, dafür sprechen alle geschieht ichen Erfahrungen, sie werden damit die Freundschaft der Araber nicht erkaufen. Eine Hauptquellc solcher schiefer Urteile und irriger politischer Bestrebungen in unserin Verhält ris zu den Arabern ist die wollt gilt gemeinte aber we't.'remde Illusion, aus diesen Beziehungen allen Widerstand ausschalten zu können. Es \vi־d übersehen, daß die Verwirklichung der Balfour-Deklaration in Gefühle und Bestrebungen der bereits im Lande ansässigen Bevölkerung, verschieden je nach der sozialen Siebung ihrer Klassen, cingrcifen muß und daß die Reaktion auf diesen Eingriff durch Deklarationen unseres guten Willens und durch Frcundschartshefeuerungen nicht be־ei igt werden kann. Damit müssen wir uns abfindeti, wenn w i r das Nationa'heim wollen. Alles Neue muß sich unter Widerständen bilden. Solange dieses Neue sich sein Existenzrecht in den Realitäten noch nicht erworben hat, ist das Vorhandensein eines bestimmten Maßes von Widerstand so natürlich, wie der von einem Fahrzeug noch nicht überwundene Rauin vor seinem Ziele. Der Widerstand ist der natürliche Feind des Neuen. Es liegt in der Natur dieses Verhältnisses, daß das eine sich nur auf Kosten des anderen durchsetzen kann. Es ist überflüssig zu betonen, daß liier nicht die Rede ist von einer materiellen Niederzwingung des Gegners. Nicht nur kommt dies bei uns außer Betracht, sondern der materielle Vorteil unseres Kommens nach Palästina für das arabische Volk unterliegt nirgends einem Zweifel. Daß trotzdem der innere Widerstand gegen uns anhält, ist ein Beweis, daß es sich hier um zwei voneinander unabhängige Belange hande't. Diesen inneren Widerstand können wir nur um den Preis des Werkes selbst beseitigen. Wir können mit einem Schlage eine Lösung dieser natürliehen und unvermeidlichen Spannung zwischen uns und den Arabern lierbciführeti und uns sofort deren Liebe erwerben: wir brauchen bloß auf ein bis zwei Punkte der Manda'sbestim-׳ mungen zu verzichten oder deren Anwendung in das Ermessen der Araber zu stellen. Es ist der Grundgedanke der ganzen Fassung dieser Bestimmungen, dem Uebertreten dieser vor• ausgesehenen Reaktion über die gesetzmäßigen Grenzen solange zu wehren, bis eine genügend lange Zeit eine Mäßigung una einen Wandel der Gefühle herbeigeführt hat, und bis genügend reale Tatsachen auf jüdischer Seite ein natürliches Gegengewicht geschaffen haben werden. Ich bin kein Revisionist und kein Anhänger von jüdischen Legionen. Ich bin gegen die starke Faust und ein Anhänger der auf moralische imponderabi ien sich stützenden Po.itik Weizmanns. Ich halte die Schaffung möglichst weitgehender, selbst mit materiellen Opfern verbundenen freundschaftlichen Beziehungen zu den Arabern, die weitgehende Zusammenarbeit mit ihnen auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete für eine Notwendigkeit. Schon in unserem eigenen Interesse; denn das Lebensniveau meines Nachbars beeinflußt mein eigenes, und weil wir dann leichter eine gemeinsame Sprache finden werden. Aber gegen eines bin ich: den Arabern auch nur den gelängsten politischen Einfluß einzuräumen auf die Entscheidung dessen, was für uns notwendig oder nicht notwendig, was für uns nützlich oder scliäd'ich sein kann. Gerade im Interesse der Schaffung und Erhaltung eines unter den gegebenen Bedingungen möglichen, erträg'ichen gegenseitigen Verhältnisses halte ich es für verfrüht, im jetzigen Zeitpunkt neue Reibungsflächen zu schaffen und die Araber in irgendeinem Maße und in irgendeiner Form zu Mitbesfi־nmern über die Balfour-Deklaration zu machen. Im jetzigen Zustand sind wir beide, Juden wie Araber, Objekte des Mandates. Die Schaffung einer Volksvertretung in Pa'ästina kann nichts anderes bedeuten, als die teilweise Ueberleitung der MachTunktionen des Subjektes auf diese Versammlung, d. h. auf die Araber. Dann ist es gut, daß wir uns keiner Täuschung hingeben. Das gute Einvernehmen, das wir erstreben und dessen Verwirklichung sich unter den bisherigen Umständen, langsam aber doch, anbahnte, wird in dem Augenblick in di״ Brüche gehen, in •dem die Araber die leichteste Mög'ichkeit in die Hand bekommen, an unserem empfindlichsten Lebensnerv zu rühren. Und wer die Verhältnisse kennt, der weiß, daß dies geschehen wird. Und dann wird unsere Gemütlichkeit aufhören. Denn in Palästina haben wir Juden die schwächeren Nerven. Bei uns handelt es sich um das Schicksal einer zwei* tausendjährigen Sehnsucht, um die Lebensfrage unseres Volkes. Ihnen kann aber nichts geschehen. Ihre Existenz wird nicht berührt. Bei ihnen handelt es sich um politische Interessen. Schon damit sind uns die Araber rein psychologisch überleger!, aber sie sind es noch in anderen Beziehungen. Vor allem besteht ihre Ueberlegcnheit in der Zahl. Sollen erst einmal etwa 80 arabischen Abgeordneten 20 jüdische gegenübersitzen, und die Wucht der Zahl wird sich unfehlbar geltend machen, nicht nur innen-, sondern auch außenpolitisch. Je länger, je mehr. Ihrer realen Zahl und ihrer tatsächlichen Macht wird dann — unser geschriebenes Recht gegenüberstehen. Ihrer Schwere und Tradition im Lande werden wir unser leichtes Gewicht jüngsten Datums — und allenfalls unsere sogenannte überlegene aber wertlose, weil an unrichtigem Ort angewandte Intellektualität entgegenzusetzen haben. Wir werden die Wirkung des Zusammenspiels dieser ungleichartigen Kräfte zu unserm Schaden erfahren. Ueberlegen werden uns die Araber sein mit ihrer politischen wie taktischen Voraussetzungslosigkeit. Hemmungen, die für europäische Auffassungen mehr oder weniger als unübersteigbar gelten, werden für' unsere Partner nicht bestehen. Es ist schon darauf hingewtiesen worden, daß für sie ein Ja kein Ja und ein Nein kein Nein ist, wenn es ihnen gegen den augenblicklichen Trieb geht. Aus jüngster Zeit braucht inan nur auf die Naschascliifi-Vereinbarung in Jerusa’em gelegentlich der dortigen Kommunalwahlen mit den Juden hinzuweisen. Nachdem der arabische Partner mit der gesicherten jüdischen Hilfe seinen Zweck erreicht hatte, setzte er sich über iinsern Anteil der Vereinbarung glatt hinweg. Das geschieht m!t einer geradezu naiven Selbstverständ ichkeit und es wi d nicht einmal versucht, das Gesicht zu wahren. Dabei gehört Nasch.1«chi!i keineswegs m unseren extremen Widersachern. In Haifa, das der Balfour-Deklaraiion und der jüdischen Aktivität in den letzten Jahren eine außerordentliche Entwicklung