Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 0 1.1L 1929 Seite 55 JUEDISCH1! RUNDSCHAU Die neue Chalaz^Alifah Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AO., Tel-Awiw, den 24 Januar 1929. yor drei Tagen landeten in Jaffa die ersten hundertachtzig Arbeiter, die, wie man in Palästina sagt, den Beginn der ״fünftcn Alijah“ darstellen. Sie, die jahrelang mit SchwierigKeiten zu kämpfen hatten, bis ihnen die Uebcrsiedlung möglich wurde, hatten noch vor den Klippen Jaffas Widerwärtigkeiten zu erleiden. Ein fürchterliches Unwetter machte ihnen das Landen unmöglich und sie lagen über vicrundzwanzig Stunden auf der Jaffaer Reede, bis sie ausgebootet werden konnten. Man hat dann aber im Lande alles getan, um sie gut zu empfangen. Besonders die Arbeiterorganisation hat alle Anstrengungen gemacht, um den Beginn der fünftet^iawanderung zu einem Ereignis zu gestalten. Man begnügte sich nicht mit einem Empfang der Einwanderer am Hafen, sondern veranstaltete eine große Feier des ״Beginns der chaluzischen Alijah“. Es war eine riesige Versammlung, wo man sich darum bemühte, den neuen Genossen gleich zu Beginn zu zeigen, was Palästina zu geben vermöge: Reden, eine Theatervorstellung, Begrüßungen, Musik, Deklamationen und zum Schluß gemeinsamer Gesang und Tanz. Der Saal war überfüllt, auch aus den umliegenden Kolonien waren viele Arbeiter zu der Veranstaltung gekommen. Alle nationalen Institutionen und die Stadt Tel-Awiw sandten Begrüßungen. Heute, wo das Fest vorüber ist, heißt es für die ״Neuen“, Arbeit zu suchen. Die Zeit im Einwandererheim soll möglichst kurz bemessen werden, die Exekutive und die Arbelterorganisation sind gleicherweise daran interessiert, die Chaluzim unterzubringen, und diese selbst warten darauf, an die Arbeitsplätze zu kommen. Die Unterbringung wird aller Voraussicht nach keine besonderen Schwierigkeiten machen. Erstens handelt es sich um eine geringe Zahl von Menschen, zweitens hat man bereits seit längerer Zeit Erhebungen an den einzelnen Orten angestellt, um herauszufinden, wo Leute febraucht werden. Manche Gruppen im Lande haben unter den inwanderem Mitglieder, die direkt zu ihnen gehen. So kann man annehmen, daß diese erste Welk der Einwanderung — wenn man hundertachtzig Menschen so bezeichnen darf — ohne Schwierigkeiten absorbiert werden wird. Ein Outsider, der die Bedingungen des jüdischen Palästina nicht kennt, hätte sich wahrscheinlich vergeblich bemüht, dieses Fest und diese Begeisterung mit einer anderen Erscheinung in Einklang zu bringen, die Tel-Awiw und die nationalen Institutlonen in den letzten Tagen beschäftigten, nämlich der Versuch, sechshundert Arbeitslose aus Tel-Awiw unterzubringen. Die Zionistische Exekutive hat den Vorschlag, 5000 Pfund, die ihr Tel-Awiw schuldig ist, für die Ueberführuag der Leute in die Kolonien herzugeben, abgelehnt Die Regierung Ist dabei, ״den Fall zu untersuchen“. Unterdessen haben sich der Waad Leuml, der Stadtand der Gemeinderat von Tel- Äwiw und die Arbeiterorganisation nach einer gemeinsamen Sitzung telegraphisch an die Londoner Exekutive gewandt, mit dem Verlangen, unter eilen Umständen Geld zur Besserung der Lage aufzubringen. Nachrichten zufolge, die die Arbeiterorgani■ sation erhalten hat, hofft London Mittel zu beschaffen. Ein Telegramm wurde an Dr. Weizmann und eine energische Aufforderung an die Zionistische Exekutive in Jerusalem geschickt, um die Verhandlungen zu beschleunigen. Der unbeeinflußte Beobachter muß sich bei diesen Vortilgen zwei Fragen vorlegen: Warum hat man mit solcher nergie auf den Beginn der Einwanderung gedrängt, wenn es heute noch im Lande Hunderte von Unbeschäftigten gibt, die unterzubringen Tausende von Pfunden erforderlich sind? Und weiter: Warum ist gerade In diesen letzten Tagen und Wochen die Frage von neuem so brennend geworden, wo die Leute bereits seit der Zeit ohne Hilfe sind, wo die Arbeitslosenunter- Stützung aufgehoben wurde? Diese beiden Fragen zu beant- Worten, ist wichtig, weil sie jeder stellen muß, der eine ArbdtsiosenversammTung mit der Begrüßung der Chaluzim zu verbinden sucht und weil auch die Regierung bereits anfängt, Aufklärungen über diesen Punkt zu verlangen. Es ist im Grunde eine natürliche Erscheinung, daß die Einwanderung bereits zu einem Zeitpunkte einsetzen muß, wo das Land noch bemüht ist, die letzten Reste der Arbeitslosigkeit zu liquidieren. Es hätte keinen Sinn, zu warten, bis auch der letzte Arbeitslose untergebracht ist. Man hat damit gerechnet, daß eine geringe Zahl von Unbeschäftigten auch unter normalen Bedingungen da sein wird und daß die sich ausbreitenden Pflanzungsarbeiten nach und nach Leute aufnehmen werden, wie sie cs bereits seit einem Jahre in immer steigender Zahl get3n haben. Es war also nicht unlogisch, das zu tun, was man wirklich getan hat, nämlich zu einer Zeit auf eine Alijah zu dringen, wo die Arbeitslosigkeit zwar im Abschwellen, aber noch nicht völlig überwunden war. Die Tel-Awiwer, um die es sich handelt, sind zum größten Teil Familienväter, die andere Ansprüche an Arbeitsbedingungen und Unterkunlt stellen müssen als Chaluzim, und so wird es verständlich, daß die Neuankömmlinge bald Unterkunft finden werden, während Leute, die jahrelang hier sind, keine Existenz haben. Schwieriger ist die Antwort auf die andere oben gestellte Frage. Die Hunderte, um die es sich in Tel-Awiw handelt, sind in der Tat seit vielen Monaten arbeitslos und seit dem Fortfall der Unterstützungen in einer sehr prekären Lage. Wenn gerade in den letzten Wochen besondere Anstrengungen gemacht worden sind, das öffentliche Interesse auf sie hinzulenken, auf die leitenden Instanzen einen ungewöhnlichen Druck auszuüben, so gibt es dafür keinen objektiven Grund, außer den, daß zu irgendeinem Zeitpunkt begonnen werden muß. Es ist aber zweifelhaft, ob dieser Zeitpunkt jetzt gekommen ist Die Regierung ist heute, wo die neue Einwanderung einsetzt, weniger als je gewillt, besondere Anstrengungen zur Beschäftigung jüdischer Arbeitsloser zu machen. Die Exekutive ist finanziell in großen Schwierigkeiten (es drohte wieder einmal ein Lehrerstreik!) und wird nicht viel Kraft, geschweige denn Oeld für diese Aktion übrig haben. Trotz alledem hat eine systematische Kampagne der Arbeiter in den letzten Wochen eingesetzt Man kann nicht umhin anzunehmen, daß politische Gründe hier mitsprechen. Die Neubesetzung des Stadirats in Tel-Awiw, wo die Bürgerlichen ans Ruder gekommen sind, scheint die Wahl des Zeitpunktes der Aktion entscheidend bestimmt zu haben, vielleicht auch die Rückkehr des bei den Arbeitern unbeliebten Sacher. Und wenn diese Vermutung unrichtig ist — wie gelegentlich von Arbeiterführern betont wird —, so war es ein Taktischer Fehler der Unken, diesen Anschein zu erwecken, indem sie sofort nach der Wahl des neuen Bürgermeisters eine Arbeitsloscndemonstratioa zuließen oder veranlaßten. Die Arbeitslosenfrage in Tel-Awiw und die Ankunft der ersten Chaluzim, die, wie man allgemein hofft, eine neue Pe* riode der Blüte in Palästina einleiten ■— sind gewissermaßen ein Symbol der Gesamtsituation im Lande: Ueberall beginnen neue Versuche und Unternehmungen, während gleichzeitig noch die letzten Hindernisse aus dem Wege geräumt werden, die die Zeit der Krise hinterlassen hat. Der Direktor des Keren Kajemeth, Herr M. Ussischkln, wurde am 17. Januar vom High Commissioner in einer längeren Audienz empfangen. Er brachte in der Hauptsache Fräsen der Bodeabesteueruag und des Bodenrecbtes zur Sprache. (Ziko.) Brief aus Frankfurt a. M. (Von unserem Berichterstatter.) Die Zionistische Woche, die vom 13. bis 21. Januar stattfand, Ist zu Ende. Sie stellte einen ersten Versuch dar. innerhalb einer kurzen Frist von Tagen eine große Anzahl von Menschen zu erfassen und auf alle mögliche Weise für uns zu interessieren. Es sollte erwiesen werden, daß die zionistische Bewegung d i e Bewegung des jüdischen Volkes ist, der keine Not jüdischer Menschen fremd ist. Demgemäß auch mußte ein Thema in den Mittelpunkt gestellt werden, das in irgendeiner Form jeden berührt und geeignet ist, Menschen aus allen Schichten heranzuziehen. Somit wurde zum Leitmotiv das Thema: Juden und ihre Gegner. Soziopsychologisch behandelte es Arnold Zweig unter dem Thema: Antisemitismus. Dieser Vortrag am 14. d. M. fand vor ca. 700 Menschen statt, die sich aus allen Schichten der Bevölkerung, insbesondere der Intellektuellen, zusammensetzte. Zweig erörterte dabei das Problem auf der Grundlage seiner im ״Caliban“ gegebenen Position. Unter mehr politischen Gesichtspunkten und unter Heran- Ziehung der jüdischen Situation innerhalb der politischen und sozialen Umschichtung in Osteuropa, Zentraleuropa und Amerika erörterten dieses Thema: Juden und ihre Gegner die Herren Blu m en f eld und Dr. Ooldmann in meisterhafter Weise in einer Massenkundgebung am 21. d. M. vor ea. 800 Besuchern. Diese Kundgebung bildete den Höhepunkt der ״Woche“ und sie wäre von vielleicht weiteren 400 Personen besucht gewesen, wenn nicht aus sicherheitspolireilichen Gründen der Saal hätte gesperrt werden müssen, ln dieser Versammlung machten ca. 5(60—י anwesende Nationalsozialisten alle Anstrengung, die VeT8ammlung zu snrengen. Diese Störungen verhinderten nicht den ruhigen Verlauf dieser Kund* gebung und erst nach deren Ende wurde von der Schutzpolizei eine Sistierung vorgenommen, während es auf der Straße zu einigen kleineren Zwischenfällen kam. Vorführungen des B a r K o e h b a am 2°. d. M.. die vorzügliehe Leistungen auf dem Gebiete der Gymnastik und des Sports aufwiesen, führten wiederum ein anderes Pub'lkum herbei und brachten es mit Hilfe dieser besonderen Anziehung dahin, sich mit uns und unseren Ideen auseinanderzusetzen. Unser eigentliches Werk, unsere spezifische Lei tung aber wurde durch den neuen Pallstina-Film am 13., 18. und 20. d. M. vorgeführt. Die Wirkung war auf alle Kreise stark— Galuth und Palästina, e'nander ergänzend, wurden so in dieser zionistischen Woche beleuchtet, CTö-tert und in den Mittelpunkt nicht nur zionistischer, sondern Jüdischer und allgemeiner Aufmerksamkeit gestellt. Ueber 3^00 Menschen besuchten diese Veranstaltungen, die durchaus einen Erfolg für die zionistische Arbeit bedeuten. Bei dieser Gelegenheit seien noch kurz die zahlreichen Veranstaltungen der letzten Monate gestreift: Das Problem I n d ividuum und Gemeinschaft behandelten anfangs und Mitte November die Herren Dr. Olsvanger und Blumenf el d . wobei dieser in tiefschürfender Weise die psychologische Situation des Gegenwartsiuden herausstellte. Mitte November fand ein Orupnenverbandstag sta‘t. Anfangs Dezember sprach Herr Dr. M. Mayer an drei Abenden vor überfülltem Saal über: Neuhebräische Literatur. Es ist unmöglich und unnötl״. über diese ganz eigenartige und ״roße Leistung noch etwas Besonderes zu sagen. Dr. S i I b e r g beschäftigte sich mit dem Problem der Fortbildung des jüdischen Rechts in Palästina. Herr Nachum 01 a t z e r spricht diese Woche über: Sinn des Hebräischen und des Deutschen (das Problem der Uebersetzung) Dr. M i 11 n e r erörterte anfangs lanttar in Form eines Pressereferates die Probleme, die durch die letzten Tagütigen des Misrachi. der Revisionisten und der Freunde für das arbeitende Palästina akut pewo־rien sind. Daneben laufen die diveren Veranstaltungen der Zion. Frauengruppe und der Zion. Jugendgruppe, die fast jede Woche eine große Zahl Interessierter zusammenführen. F. M. Der Maler Stanislas Siückgold Der in diesem Jahre 61jährige Führer aus den Anfängen des deutschen Expressionismus, Stanblas Stiickgold, zeigt eben bei Gurütt über 50 Gemälde und einen Saal Graphik. Er ist Jude, aus dem Osten, geboren in Warschau, und stark genährt mit slawischer Farbigkeit. Seine Mvstik scheint der christlichen Religion nahe ist aber, wie er selbst betont, durchaus kabbalagetreu, und der von ihm gemalte Christustyp tränt allgemein menschliche Züge. Für Stückgold ist Christus der jüdische Prophet, der leidende Mensch, zuweilen in einer mystischen Dreieinigkeit mit Mose und Buddha. Ehrlich und stark, naiv, ungehemmt, unkritisch, aber oft intuitiv, genial begabt, so zeigt sich die Ciesamtpersönlichkeit des Künstlers und des Menschen. Trotz der nicht zu bestreitenden Wichtigkeit des visionären Elementes, das ihn im Porträt zu starker Leistung befähigt, ist er vor allem Maler durch die Kraft lind Substanz seiner Farbe, und durch die starke Bewegtheit im Erfassen und. was nicht immer das gleiche ist. in der Wiedergabe. Dieses überaus starke motorische Element schuf 19'8י das entscheidende Bild des deutschen Expressionismus: ״Leben und Stilleben“: diesen Tisch mit dem asiatischen Kind und den umfallenden Spiel- Sachen. Kind, Spielsachen und Tisch sind zusammen״eha!ten durch eine durchgehende Kreisbewegung. Außer im Stilleben, das heute nicht mehr seine Stärke ist wie ehemals 1908, kommen die starken Farben und das motorische Element hauptsächlich in seinen Blumenstücken zur Auswirkung» Ein Gemälde Chrysanthemen strahlt mit den roten Rändern der züngelnden gelben Blätter eine unglaubliche Menge Sonnenwärme lind Lichtflirren aus. Die Blumenstücke mit roten Rosen und eine ״Mutter mit Kind in Sommerblumen“ bringen die slawische Lebenswnrmc und zu gleicher Zeit den christlichen Mythus des Rosenwunders in dichterischem Gewand und auf allgemein menschlicher Basis. All die Blumenstücke, ..die Rosen“, die ״brennenden Pfingstrosen“, ״Rosen und Flieder“ und die orangeroten ״Gladiolen“ drücken immer wieder stärkste Gegenstandsbejahung aus, ein ungeheuer starkes Bekenntnis zum Licht, zur Farbe und zum Leben. Sogar im Gefängnis malte er jenseits der Gitter den Blick auf helle grüne Sommerberge mit gelb und violett und sattgrün, optimistisch, dem Leben zugewandt. (Es war ein Gefängnis aus dem München der Rätezeit. Mühsam nahm ihn in seinem Drama ״Judas“ zum Urbild eines kommunistischen Führers. Das Gemälde hängt nicht bei Gurlitt, ich sah es in seinem Atelier.) Stückgold betont, daß er — 38 Jahre alt — als Ingenieur durch mystisches Erlebnis, leibhaftige Offenbarung, zur Kunst gekommen ist. Auf seiner Flucht 1905 — nach der mißlungenen Revolution — entdeckte eine seherisch begabte Frau seine noch verborgenen künstlerischen Kräfte. Er ging nach München, studierte ein und ein halbes Jahr an der Akademie, ging nach Paris und wieder nach München, hatte dort vor dem Kriege seinen ersten aufsehenerregenden Erfolg, ln der gegenvvärfigen Ausstellung bei Gurlitt sind die mystischen gerade seine schwächsten Bilder. Aber neben ihnen stehen immer noch vortreffliche Leistungen Im Porträt: der sachlich klare Einsjeinköpf, ganz auf Schwarz und Weiß gestellt, das weiche Kinderköpfchen des kleinen Sohnes des eben verstorbenen larislowsky, die ernst gesammelte und gefühlte Gestalt des ״Blinden“ und eine Graphik, die Porträtzeichnung eines jungen Mannes, erfaßt in itirkster innerer Bewegung. Stückgold hat schon vor vielen Jahren eine Reihe jüdischer Persönlichkeiten gemalt, auch Eise Lasker-Schüler. Eine Photographie des Gemäldes aus der Zeit vor 15 Jahren zeigt sie ganz streng, die kristallscharfcn Blicke herausgehoben, das überaus energische Kinn mit scharf gezeichnetem Rand, gar nicht weihlieh, sondern Mittelwegen, ״Dichter". Gegenwärtig arbeitet Stiickgold an einem Portrat von Dr. Oskar Cohn. Er malt ihn, sicherlich richtig im Kern seines Wesens, mit dem kantigen, schlichten Kopf — Proletarierführer sagt man beim Anblick eines solchen Kopfes. Das Porträt, noch nicht ganz vollendet, soll doch noch in der nächsten Woche bei Gurütt zu sehen sein. Das Porträt — aber wohigemerkt nicht immer die ganze Gestalt — ist fast immer außerordentlich gut, denn es ist hin* gehauen aus dem visionären Erfassen, dann aber gibt Stückgoid nur das Wesentliche und gut nur, soweit die Vision reicht. Daher die verzeichneten ״Kleinigkeiten‘^ um die er mich pedantisch nennen mag. Die Ausstellung bei Gurütt gibt nur einen Ausschnitt und vieles, meist das wichtigste, fehlt, aus sehr menschlichen Nöten, es ist v e r p f ä 11 d e t (!) in München und in Paris, darunter ein Moseszyklus (Gemälde!) und die meisten seiner Zeichnungen und Aquarelle zur Genesis. Bis auf Einzelheiten seiner abseitigen Auffassung ein Bibdvvcrk, an das man Hoffnungen knüpfen dürfte. Stückgold ist jedenfalls day kämpfenden Mosegestalt ein großes Stück näher gekomtne® als es etwa Ury gelang In seinen Aquarellen ist ein wildes Bewegungsstück, der in der Wüste fallende Christus von der Bewegung her außerordentlich gut gesehen, besonders in den reitenden Kriegsknechten. Stiickgold hat die für großzügige Bibelgestaltung nötige Naivität. Das zeigen auch andere biblische Aquarelle: ״Adam und Eva“ mit der personifizierten Schlange hinter dem Baum, ״Eva mit Anfel und Schlange“ und eine andere Eva, die in paradiesischer Naturwonne an Ranken und Blumen vorübertanzt, alle diese Blätter in einer neuen Technik fließender Farbe, mit der Stückgold ähnliche Wirkungen erreicht wie Arthur Segal mit einer Variation seiner früheren Prisen enfarben. Und alle diese Aquarelle sind stark durch ihr naturfreudig» Empfangen und die Freude an der Bewegung. Auch die Landschäften mit dem sentimentalen allzu weichen Gelbgrün bestitigen nur die Tatsache, daß gerade die produktiven Künstler Fm naiven Glauben an ihre Offenbarungen höchst unkritisch sind gegen ihr Werk. Das aber ändert nichts an der Tatsache, daß Stückgold gerade neben solch wenig Geglücktem Dinge malt, die andere auch mit Können und Fleiß nicht zuwege bringen. Ruth Moroid. Vorträge ״Herz] ln seinen Tagebüchern**. Im Rahmen der B. Z.V. hielt der Schriftsteller Sch. Gorelik einen Vortrag über Herzls Persönlichkeit, wobei er sich vor allem auf seine Tagebücher stützte. Der Vortragende wollte keineswegs Heid* Politik analysieren, sondern ein Bild seiner Heldengestalt entwerfen, die die Phantasie des Volkes beschäftigt hat und auch heute das größte Erbe ist, das Herzl uns hin'.erlassert hat Aus dem Dunkel der Ahnungslosigkeit war Herzl zu seiner Mission erwacht, durch eine Inspiration, vergleichbar der Berufung eines Propheten, und vom ersten Tage an war er vollständig bescsscn von der Idee, der er sein Leben und Vermögen opferte. Mit feinsinnigem Nacliempfindcn zeigt Gorelik an der Hand von Zitaten, wie Herzl als großer Einsamer durchs Leben ging, ohr.e wirkliches Verständnis und wirkliche Hilfe zu Finden. Welcher Heroismus und welcher feste Glaube gehörte dazu! Trotz Widers and, Spott und sogar Verrat verlor Herzl nichts von seiner Energie, in späteren Jahren erfaßte ihn Pessimismus und Resignation, und doch konnte er von der Sache nicht lassen. Wenn Achad Haatn gesagt hat, die Erlösung Israels ■Werde von Propheten kommen und nicht von Diplomaten, dann lag darin eine Kurzsichtigkeit, denn man muß den Propheten auch im Frack erkennen. Herzl war einer der großen Utopisten, die zwar im realen Leben niemals Erfolg haben, deren Wirkung und Bedeutung aber wichtiger für die Menschheit ist als alle Realisten. An diesen Gestalten hängt das Volk mit Liebe und Verehrung, sie sind die wahren Unsterblichen. In den Häusern der einfachen Juden in der Ukraine hing das Bild Herzls neben dem des Zaddiks Salman Schneur und neben den beiden Philantropen, die durch ihre romantische Persönlichkeit gleichfalls das Herz des Volkes gewonnen haben, Mon'.efiore und Hirsch. Herzl selbst hat aas Richtige gesagt, wenn er schrieb: Wer Großes will, ist ein großer Mensch, nicht wer Großes erreicht. — Der Vortrag Goreliks, der reich war an geistvollen Einfällen und durchglüht von tiefer und reiner Verehrung für die Figur Herzls, entführte das zahlreich erschienene Publikum für einen Abend in das Zauberreich der ersten glückvollen zionistischen Romantik und wirkte dadurch in seiner Unmittelbarkeit als erhebende Stunde in der Hast zionistischer Tagesarbeit. 1. ״Was trennt und eint die Konfessionen?‘‘ Ueber dieses Thema sprach im Rahmen der Montagsvorlesungen der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums der gegenwärtig an dieser Anstalt lehrende evangelische Professor D. Dr. Heinrich F r i c k (Gießen). Der Vortragende gab zunächst eine historische Entwicklung der Toleranzidee seit der Reformation. Die Gleichberechtigung der christlichen Konfessionen mußte in jahrhunderte'angen Kämpfen durch״esetzt werden, wobei wir die eigentümliche Tatsache beobachten, daß eine Konfession, die selbst als Minderheit um ihre Anerkennung gerungen hat, im Moment ihres Sieges rücksichtslos andere Minderheiten unterdrückt. Der grundsätzliche Wandel beginnt erst mit dem 18. Jahrhundert, wo die Konfessionalität von zwei entgegengesetzten Polen angegriffen wird, vom Pietismus und von der Aufklärung her. Es wäre aber ein Irrtum zu glauben, daß sich die Entwicklung dann in der Richtung eines Ausgleiches vollzieht, vielmehr beobachten wir gerade in der Gegenwart ein zunehmendes Eigenbewußtsein der Konfessionen, und zwar vor allem in ge misch e« Gebieten; vielleicht ist das die Folge eines biologischen Gesetzes, daß die bedrohte Eigenart sich zur Verteidigung stärkt. Der Redner, der im Verlauf seiner Ausführungen auch mehrfach die Stellung des Judentums charakterisiert, wirft zum Schluß die Frage auf, welche gemeinsamen Aufgaben sich heute für alle Religionen ergeben, und er findet diese in einer gemeinsamen Bekämpfung der Irreligiosität, in einer gemeinsamen sozial-ethischen Betätigung, sowie schließlich in gewissen theologischen Aufgaben wie der Setzung einer neuen Wertordnung und des Fatalismus. Als praktisches Beispiel der Gefahr des Fatalismus verweist Dr. Frick auf die Gleichgültigkeit gegenüber der Kriegsgefahr und fordert Zusammenschluß der Religionen zu entschiedener Propaganda der Friedensidee. -» Der spezwischen Rolle des Judentums vermochte der Vortragende nicht gerecht zu werden, da er seinen nationalen Charakter unberücksichtigt ließ. r. im bulgarischen Nat onalthcater in Sofia fand am 14. Januar die Erstaufführung von Sch. Anskys ״Dybuk“ in bulgarischer Sprache statt. D3s Theater war voll besetzt. Die Minister für öffentlichen Unterricht, Justiz und Handel, sowie mehrere Persönlichkeiten aus dem königlichen Palais wohnten der Aufführung bei. Die Darsteller wurden stürmisch akklamiert. Die Presse widmet dem Drama Anskys eingehende Würdigungen.